Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 185

Schaut mal, liebe Menschen, jetzt wird es langsam ernst! Nachdem wir ja geübt haben wie ich das „Gebiss“ nehmen soll (ihr erinnert euch?) darf ich es jetzt schon mal zur Gewöhnung bei der Arbeit im Maul haben. Signale gibt mein Mädchen mir noch normal am Halfter, ich soll erst mal lernen, wie es sich anfühlt und wie ich das Dings am bequemsten in meiner Schnute sortiere. Manchmal drehe ich es komisch, sagt mein Mädchen. Aber vielleicht gibt sich das, wenn ich es noch ein bisschen geübt habe.

Das mit dem Gebiss birgt allerdings ungeahnte Tücken – nämlich beim Kekse essen! Man da hab ich anfangs ganz schön tüfteln müssen wie das funktionieren soll! Aber jetzt kann ich das.

Mit Gebiff Kekfe effen ift ganf fön komplifiert!

Das Gebiss mit dem wir jetzt üben hat mein Mädchen sich geliehen – das macht sie dauernd, sich Sachen leihen. Ob wir das nachher beim Reiten weiter benutzen weiß sie noch nicht. Auf jeden Fall hat sie mir jetzt sogar schon mein erstes eigenes Gebiss zum Fahren gekauft aber das wurde noch nicht geliefert. Da hat sie ein Schnäppchen ergattert sagt sie, was günstiges gebrauchtes. Hoffentlich ist es gut! Ich werde Euch berichten. Fürs Fahren nimmt man ja meistens andere Gebisse als fürs reiten weil da alles ein bisschen anders ist – aber mit den Feinheiten kenne ich mich da noch nicht aus.

Jetzt übe ich also erst mal, das Gebiss spazieren zu tragen. Ihr wisst ja wie mein Mädchen ist: sie meint immer wir müssen alles ganz oft wiederholen, damit ich es wirklich verstehe. Ich denke da anders, aber sie ist einfach nicht vom Gegenteil zu überzeugen. Na so lange die Keksrate stimmt….

Euer gebissiger Sir Duncan Dhu of Nakel

Kritik

Ich bin mit Duncan an der Doppellonge auf dem Reitplatz. Wir üben korrektes Lenken und er macht es absolut fantastisch. Wahnsinnig gut. Und dann, als ich noch ein letztes Mal traben will und er in der Kurve am Ausgang etwas Schwung verliert (was mir jetzt im Nachhinein schon verdächtig vorkommt), feuere ich ihn mit der Stimme an und schwenke noch einmal die Peitsche. Und Duncan dreht ab zum Ausgang, bleibt stehen, schaut mich an, dreht sich zu mir um, so dass er sich (meines Erachtens mutwillig) in die Longe eindreht und wirft mir einen Blick zu, der deutlich missmutig ist. Ich gehe zum ihm hin und entwirre ihn. „Entschuldigung“ sage ich „da habe ich wohl übertrieben. Können wir das noch einmal in schön machen?“. Er funkelt mich böse an. Ich schicke ihn wieder los. Das Spiel am Ausgang wiederholt sich. „Tut mir leid“ sage ich, „aber ich möchte die Situation nicht so blöd stehen lassen, gibst du mir die Chance, es besser zu machen?“ Ich schicke ihn nochmal los, diesmal im Schritt. Halte ihn vor der Kurve an, gebe ihm einen Keks. Danach schaffen wir noch eine gute Trabrunde und machen Schluss.

Ich bin überzeugt, dass alle Tiere, die in Gruppen leben, eine Form von Entschuldigung kennen müssen. Jeder macht doch mal Mist. Und ich beobachte meine Ponys auch gelegentlich dabei, wie sie sich (so interpretiere ich es zumindest) entschuldigen. Meistens wenn einer sich blöd irgendwo durch gequetscht hat und es doch enger war als geplant.

Nun kann Sir Duncan lernen, wie ich mich entschuldige. Und auch, dass wir die Situation nicht so stehen lassen, sondern dass ich es besser kann und mache. Ich bügle meinen Fehler aus und er macht dafür nochmal kurz mit. Dann passt das.

Und obwohl ich mich unfassbar über mich selbst ärgere, weil ich eine so großartige Einheit versaut habe durch meinen zu hohen Anspruch, bin ich doch auch ein bisschen froh, denn ich habe dabei etwas wichtiges gelernt und ich habe gesehen, dass auch Duncan gelernt hat.

Damals, letzten Sommer, ist er mir ja einmal vom Reitplatz abgehauen. Und auch da hatten wir die perfekte Einheit vorher. Damals ist er – ohne für mich sichtbare Vorwarnung – im gestreckten Galopp vom Platz gesaust und ich hatte keine Chance ihn fest zu halten. Und ich gestehe, dieses Erlebnis hat mir noch sehr lange nachgehangen.

Diesmal hat er das selbe Verhalten so langsam gezeigt, dass ich ihn verstehen konnte. Er hat sich so viel Zeit gelassen, dass nichts dramatisches passiert ist, aber dennoch war er so deutlich, dass ich wusste: ich hab’s verbockt. Und das ist für mich großartig! Denn es heißt: er hat herausgefunden wie er mir die Fehler, die ich zwangsläufig mal machen werde, auf eine Art zeigt, die ich verstehen kann und die nicht ins Desaster führt. Schlaues Pony!

Und ich habe noch mehr über ihn gelernt: er mag nicht angefeuert werden. Anfeuern ist etwas, was bei so vielen Pferden total gut funktioniert. Sie legen sich dann nochmal richtig ins Zeug und geben ihr Allerbestes. Aber Duncan – so nehme ich es zumindest wahr – gibt immer schon sein allerbestes. Er strengt sich unglaublich an, konzentriert sich wahnsinnig um alles richtig zu machen und wenn ich dann sage „ein bisschen mehr noch!“ dann wird er (zu Recht) wütend. Denn mehr als das Beste geht ja gar nicht. Ich darf also mal wieder umlernen für mein neues Pony. Und jetzt, wo wir anspruchsvollere Bodenarbeit machen, wird das mein größter Job: raus finden, wie viel ich verlangen kann, wie lang seine Motivation hält und wie ich mich verhalten soll um ihn möglichst zu unterstützen in seinen Anstrengungen.

Er wird mir noch viele Fehler verzeihen müssen – ich hoffe, dass Merlin und Diego ihm das schon erzählt haben. Und ich hoffe, dass ich genug „Bonuspunkte“ bei ihm habe.

Als wir einige Tage später wieder mit der Doppellonge auf den Platz gehen, habe ich einen besseren Plan. Es gibt mehr Kekse und mehr Pause, dafür weniger Wiederholungen. Aber vor allem beobachte ich mein Pony genauer. Ich sehe seine Motivation, es richtig zu machen – auch wenn „richtig machen“ in seinen Augen nicht immer das selbe ist wie in meinen. In den Pausen sehe ich, wie konzentriert er ist, wie lange er braucht, um runter zu kommen. Und ich verstehe: es mag einfach aussehen (das ist wohl seine besondere Gabe, es ganz leicht aussehen zu lassen), aber er strengt sich wahnsinnig an um so aufmerksam bei mir zu sein. Kein Wunder also, dass er grantig wurde, als er das Gefühl hatte es sei „immer noch nicht genug“.

Wir hatten eine schöne gemeinsame Einheit und ich habe wieder viel zu denken.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 184

Mit dem Füttern ist das so: Wir bekommen 6 Heumahlzeiten am Tag. Bei vier davon bekommt Merlin eine riesige Schüssel während wir anderen nur Heu bekommen. Der Zahnarzt hat gesagt, dass Merlin 3 lose Backenzähne hat, die ihm weh tun wenn er hartes Zeug kauen muss. Deswegen bekommt er diese riesigen Schüsseln mit leckerstem Heu-Mix-Brei. Hoffentlich werde ich auch bald alt, damit ich auch so viele Schüsseln bekomme! Aber ich schweife ab. Was ich eigentlich erzählen wollte: wir anderen bekommen einmal am Tag eine winzige Schüssel Schmatzofatz. Das bekommen wir zu einer Heumahlzeit, meistens zu der um 10 Uhr, aber wenn mein Mädchen da keine Zeit hat, kann es auch mal 14 Uhr oder 18 Uhr sein (übrigens sind diese Zeiten reine Theorie, sie hält sich da nie so richtig dran.) Die Kunst ist also, raus zu finden, wann es die Schüssel gibt. Ich kann das, weil ich so schlau bin. Woher ich weiß, wann es Schüssel gibt, verrate ich nicht. Mein Mädchen vermutet, ich sehe es ihr an der Nasenspitze an, weil ich so gut beobachten kann.

Gestern hat mein Mädchen uns gerufen für Heu. Es war 14 Uhr und es hatte um 10 Uhr noch keine Schüssel gegeben. Mein Mädchen hat also gerufen und meine Kumpels sind alle runter gegangen in den Paddock wo sie mit dem Heu gewartet hat. Ich nicht. Ich wusste doch, dass es noch Schüssel gibt! Mein Mädchen ist in den Stall gekommen und hat laut gelacht. Ich hab mich dann so umgedreht – ich beherrsche diesen Blick mittlerweile schon ganz gut! Dann weiß sie, dass sie sich beeilen soll mit der Schüssel, ich will nämlich nicht ewig warten!

Kommst du endlich?

Diego und Caruso haben inzwischen begriffen, dass ich meistens richtig liege, wenn ich nicht zum Heu gehe, sondern lieber auf die Schüssel warte. Als sie mitbekommen haben, dass ich oben im Stall geblieben bin, sind sie schnell vom Heu weg wieder zu mir gekommen und wir haben gemeinsam auf die Schüsseln gewartet. Das ist immer spannend, dann hören wir mein Mädchen nebenan in der Futterkammer klappern – welch verheißungsvolles Geräusch! Aber es dauert immer sooooo lange bis sie endlich fertig ist!

Dann kam sie endlich und es gab Schmatzofatz. Einziges Problem: es ist immer zu wenig. Naja, dafür ist es lecker. Danke Mädchen! Und jetzt kann ich Heu essen gehen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 183

Eigentlich kann ich ja schon alles. Und ich mache auch immer alles richtig. Weil ich so schlau bin (und weiß wofür es Kekse gibt).

Nur diese eine Sache, die ist echt schwierig: fremde Pferde. Wenn ich fremde Pferde sehe, dann kann ich mich gar nicht mehr auf mein Mädchen konzentrieren. Und dann meckert sie mit mir, weil ich dummes Zeug mache, aber ich merke gar nicht, dass ich dummes Zeug mache – ich muss doch nach den fremden Pferden schauen, die möchte ich doch gern kennenlernen!

Also hat mein Mädchen gesagt, wir müssen das mehr üben. Damit ich mich auch konzentrieren kann, wenn fremde Pferde da sind. Und deswegen will sie jetzt öfter mal Besuch einladen. Und wir wollen auch mal fremde Pferde besuchen fahren. Neulich war es dann zum ersten Mal so weit: da kam ein schöner Spanier auf den Hof gefahren! Und wir sind dann zusammen auf den Reitplatz gegangen. Er auf dem einen Zirkel mit seinem Mädchen, ich mit meinem Mädchen auf dem anderen Zirkel. Beim ersten Mal war ich noch ziemlich abgelenkt. Mein Mädchen hat mich herumgeführt und dabei geklungen wie eine Schallplatte die einen Sprung hat: „pass auf, ich bin hier, achte auf mich. Pass auf, ich bin hier, achte auf mich. Pass auf…..“

Da steht er der Ablenker vom Dienst! Im Hintergrund seht ihr mich bei Konzentrationsübungen. Nur nicht hingucken…..
Beim zweiten Anlauf konnte ich es schon richtig gut!

Dann haben wir alle Pause gemacht und was geschmaust. Danach sind wir nochmal zusammen auf den Reitplatz gegangen. Diesmal haben die beiden Mädchen uns longiert – der Spanier wieder auf seinem Zirkel und ich auf meinem. Und ich hab mich sooooooooooo doll auf mein Mädchen konzentriert und versucht, gar nicht nach dem fremden Pferd zu gucken. Mein Mädchen war wahnsinnig entzückt und nach 5 Minuten war schon Schluss weil ich alles perfekt gemacht hatte. Kekse gab es auch! Die musste ich mir aber immer ganz weit unten abholen, so kurz über dem Boden. Mein Mädchen sagt, Kopf runter nehmen beruhigt die Nerven und dann kann ich mich leichter konzentrieren. Ich sage, je mehr Kekse, desto mehr Konzentration.

Na Hauptsache mein Mädchen platzt mal wieder vor Stolz weil ich der beste Schotte diesseits der Regenbogenbrücke bin.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 182

Hallo, Spaziergehkumpel, du stehst ja bei uns in der Halle! Wollen wir spielen? Was guckst du denn so komisch? Müde? Wie, müde?

Oh, hallo Tierarzt, du bist ja auch hier! Ich kriege eine Spritze? Wieso? Oh…. jetzt bin ich auch… ganz …..müde….. ……..

….. lange Zeit später bin ich wieder aufgewacht. Puh, ich war ganz schön weggedusselt! Warum fühlt mein Maul sich eigentlich so komisch an? Da hat mein Mädchen es mir gezeigt: die haben mir meinen Wolfszahn raus genommen!

Ist das nicht komisch, dass man als Pony einen Wolfszahn haben kann? Sind auch keine ganz richtigen Zähne, nur so kleine Überreste von der Evolution. Die echten Zähne dürfen wir alle behalten, versteht sich. Die brauchen wir ja auch! So einen Wolfszahn braucht niemand, der hängt nur nutzlos in der Gegend herum. Mein Spaziergehkumpel hatte sogar zwei Wolfszähne! Aber seine waren viel kleiner als meiner, obwohl er so viel älter ist als ich.

Diego hat mir erzählt er hatte auch früher Wolfszähne. Bevor der Mann ihn gekauft hat. Und einmal hat ihm das dann doll weh getan mit dem Metallding im Maul was die Menschen zum reiten und zum Kutsche fahren nehmen. Da hat sich wohl das Zahnfleisch eingeklemmt und es hat ihm so weh getan, dass er durchgedreht ist und aus Versehen seine Reiterin verloren hat. Und das Diego! Dem passiert so etwas nie! Seitdem hat mein Mädchen beschlossen, dass Wolfszähne raus müssen, bevor man was mit „Gebiss“ macht (lustig, so nennen Menschen das Metalldings). Denn weh tun soll uns ja nichts! Eigentlich sollte mein Wolfszahn schon im Sommer raus, da haben wir schon angefangen mit dem Gebiss zu üben. Aber dann habe ich vorher Bauchweh bekommen und musste ins Krankenhaus. Deswegen haben wir den Zahntermin verschoben.

So jetzt habe ich das hinter mir, schlimm war das auch nicht. Sobald mein Maul ganz verheilt ist, können wir endlich wirklich anfangen. Bin schon aufgeregt!

Euer entzahnter (oder entwolfter?) Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 181

Ich lerne ja immer durch Zugucken. Weiß mein Mädchen auch schon. Besonders wenn Diego der Große was macht, schau ich immer gaaaaaaanz genau hin. Damit ich nachher weiß, wie das funktioniert. Mein Mädchen lacht schon über mich, weil ich viele Sachen ganz genau so mache wie er. Aber was gibt es da zu lachen? Er kann halt alles so gut und die Menschen sind (fast) immer zufrieden mit ihm und sagen er ist ein ganz tolles Pony, also was sollte dagegen sprechen, alles genauso zu machen wie er?

Deswegen hab ich heute auch über den Wall auf den Reitplatz geluschert als mein Mädchen da eine Reitschülerin auf Diego hatte. Die Reitschülerin hat irgendwann gesagt, sie würde sich sehr beobachtet fühlen, weil ich da immer hingestarrt habe.

Mit den Augen klauen!

Ist aber auch blöde, dass man den Reitplatz von da unten nicht so gut einsehen kann – können wir das mal ändern? Ich verpasse ja die Hälfte! Trotzdem war es sehr interessant. Habe heute was übers geradeaus gehen gelernt – das scheint schwieriger zu sein als ich dachte! Und übers rückwärts, dann übers galoppieren. Jetzt bin ich wieder ein gutes Stück schlauer. Sollte mein Mädchen sich in diesem Leben nochmal aufraffen und einfach mal aufsteigen, könnte ich ihr das zeigen! Aber nein, angeblich bin ich ja IMMER NOCH zu klein! Ist das zu fassen?

Euer schlau-geguckter Sir Duncan Dhu of Nakel

Beständigkeit

„Du bist aber auch immer konsequent!“

Obwohl es bald 20 Jahre her ist, dass eine Miteinstellerin diesen Satz zu mir gesagt hat, werde ich ihn wohl nie vergessen. Diese Mischung aus Bewunderung und Vorwurf war wohl einmalig. Sie hatte das am schlechtesten erzogene Pferd am ganzen Stall und sie hatte soeben beobachtet wie ich meinem Warmblüter untersagt hatte, sein Kraftfutter zu fressen so lange er noch das Gebiss im Maul hatte. Nase raus aus dem Eimer, erst die Trense runter machen und das Halfter drauf. Ist doch klar. Und ja auch wichtig, denn fressen mit Gebiss im Maul kann halt auch schief gehen wenn nicht richtig gekaut wird.

Ich bin heute noch ein bisschen ratlos über diesen Satz an dieser Stelle. Was hätte sie wohl getan? Ihr Pferd einfach fressen lassen? Leider habe ich sie nicht gefragt.

Ich glaube, für die Pferde ist es schrecklich, wenn keine Beständigkeit herrscht im Regelwerk. Heute hüh, morgen hott. In einer Welt, in der sie sowieso immer „Fremdsprache“ sprechen, ist das sicher noch verunsichernder. Und so ist es schon allein meinen Pferden zuliebe, dass ich mich um Beständigkeit bemühe. Perfekt bin ich da natürlich auch nicht, wer ist das schon. Ich sehe aber eben auch, dass ein paar Grundregeln das Zusammenleben doch sehr erleichtern.

In dem selben Stall wurde ich angesprochen, meine Pferde seien ja „so artig“, weil ich zwei Pferde allein auf den Anhänger schicken konnte. Dass ich zuvor dafür kritisiert worden war, als ich das geübt habe („das arme Pferd muss ganz allein auf den Anhänger gehen“) hatte man wohl vergessen.

Ich bin nicht die einzige, der es so geht. Viele meiner Schüler investieren viel Arbeit in (scheinbar) kleine Dinge. Und dann bekommen sie erst zu hören, was sie denn da tun und was das soll, warum sie noch nicht reiten oder nicht einfach dies oder jenes tun, nur damit man später voller Neid meint, das Pferd sei ja so artig. Das das eine mit dem anderen zusammenhängt fällt vielen einfach nicht auf.

Egal wo man startet – mit jedem Pferd an einem anderen Punkt – und egal wie schnell oder langsam man voran kommt: Pferdeausbildung ist Arbeit. Neulich las ich einen Satz der ging ungefähr so „Durchhalten heißt, viel harte Arbeit in etwas zu stecken nachdem man schon viel harte Arbeit rein gesteckt hat und eigentlich keine Lust mehr hat“

Das klingt ja wieder so unromantisch. Wäre es nicht schöner, wir könnten einfach jeden Tag Spaß haben mit unseren Pferden? Die gute Nachricht ist: wir können. Wenn wir unsere Ausbildungsziele so stecken, dass wir immer Erfolg haben. Dann sind wir selbst glücklich und unser Pferd auch. Nur: wenn wir kein klares Ziel haben, werden wir auch keins erreichen. Wir werden uns dann treiben lassen und da irgendjemand ja ein Ziel haben muss im gemeinsamen tun wird es dann das Pferd sein, dass sich Ziele setzt – je nach Charakter. Und weil Pferde so kluge Tiere sind und jedes Pferd seinen Menschen hervorragend kennt und lesen kann wie ein offenes Buch, kommen sie ganz elegant und ohne Streit zum Ziel, jeder mit seiner eigenen Strategie.

Manche Pferde sind Meister der Überredung. Ich kenne zum Beispiel zwei Araber, die ihren Menschen erfolgreich einflüstern können, dass Schritt stinklangweilig ist. Dass sie im Trab schöner aussehen und mehr Spaß haben. Und dann traben sie – wenn auch ungefragt – wunderschön (viel schöner als auf Kommando). Und die Menschen freuen sich so über den schönen Trab, dass sie vergessen, dass das gar nicht angesagt war. Später, wenn es ihnen wieder einfällt und sie ihr Pferd durchparieren, gibt es kurz Schritt und dann wiederholt sich das Spiel. Diese Pferde sind so charmant wie der Taschendieb, der einem Komplimente für die schöne Brosche macht, während er einem die Ohrringe entwendet.

Manche Pferde machen auch „türkischen Basar“. Sie verhandeln stets und ständig darum, ob die etwas energiesparendere Variante nicht auch reichen würde. So werden aus 6 Galoppsprüngen schnell 5 und von der halben Runde Trab ziehen sie großzügig 4m ab. Bemerkt man das nicht, so werden im nächsten Anlauf aus den verbliebenen 5 Galoppsprüngen 4, dann 3, dann 2…… Diese Pferde handeln so langsam herunter, dass der Mensch es erst merkt, wenn plötzlich die Hälfte der Übung weg-verhandelt wurde. Der verwunderte Mensch fragt sich dann, was wohl passiert ist, das Pferd freut sich, dass es so viel Energie gespart hat.

Andere wiederum sind Meister der Ablenkung. Wie Kinder, die während den Hausaufgaben von ganz anderen Dingen zu sprechen beginnen, hoffen diese Pferde, dass man vergisst, dass sie eigentlich einen schönen Übergang vom Schritt zum Trab machen sollten, wenn sie lang genug um andere Dinge diskutieren – plötzlich nicht mehr auf der Linie bleiben, angaloppieren wollen, stehen bleiben oder seitwärts gehen, da gibt es eine Menge an Auswahl. Das ziehen sie 15 Minuten durch und hoffen auf die Vergesslichkeit der Menschen, was auch allzu oft funktioniert. Mehr noch: es gibt dann oft Kekse zwischendurch für Dinge, die an sich nie auf dem Stundenplan standen.

Wie kleine Kinder lernen Pferde solche Taktiken aus Erfahrung und es fordert Konzentration und Willensstärke von uns, uns weder ablenken und durcheinanderbringen zu lassen noch wütend und ungerecht zu werden. Beständig und beharrlich am Plan festhalten (wenn es denn in dieser Situation Sinn macht, am Plan fest zu halten, natürlich gibt es dann auch noch die anderen Situationen. Und das zu unterscheiden ist gleich die nächste Kunst).

Oft wende ich dann das an, was ich die „Pizza-Taktik“ nenne. Duncan hat auch damit schon Bekanntschaft gemacht. Im Schritt einmal um den Roundpen herum OHNE antraben: an manchen Tagen eine Herausforderung. Kann mal länger dauern! Dann stelle ich mir vor, dass ich mir einfach eine Pizza bestelle. Der Pizzabote liefert sie mir direkt in den Roundpen und ich werde sie vor Duncans Augen verspeisen, während er weiterhin die Aufgabe hat, eine Runde im Schritt zu gehen. Eine machbare Aufgabe, er kann das. Wenn er will. Und sobald er an meiner Körpersprache sieht, dass es mir WIRKLICH egal ist, wie lange es dauert, macht er es auch. Dabei hilft die Pizza-Vorstellung mir ganz ungemein.

Es ist ja eigentlich nicht schlimm, wenn das Pferd selbst entscheidet. Bis es dann eben doch mal schlimm ist. Und da liegt das Problem, denn wenn unser Pferd im Alltag ständig selbst entscheidet ohne dass wir Menschen das merken, dann etabliert sich das in unserer Beziehung. Und was wird das Pferd dann tun wenn es glaubt, eine Situation sei gefährlich? Wird es auf unsere Entscheidung warten? Wohl kaum. Und wenn eine Situation dann wirklich gefährlich ist, dann steigt leider die Wahrscheinlichkeit, dass das Pferd eine ungute Entscheidung trifft, weil es sich in der Menschenwelt nicht gut genug auskennt.

Und wer jetzt glaubt, dieser Artikel stünde im Widerspruch zum dem über Verlasspferde, der fängt an zu verstehen, wie komplex Pferdeausbildung ist. Denn die Wahrheit liegt da, wo sie fast immer liegt: in der Mitte. Und die wiederum liegt für jedes Pferd-Mensch-Paar woanders.

Aufgaben

„Gib der mal eine Aufgabe!“ sagt die Reitlehrerin. Und ich sitze in den Zuschauerreihen und fühle mich ertappt. Denn das Pferd-Mensch-Team dem ich da auf dem Kurs gerade zuschaue, kenne ich. Und ich weiß: die Reiterin neigt dazu, sehr wenig von ihrem Pferd zu fordern. Das hat gute Gründe, aber jetzt ist es an der Zeit, das zu ändern und ich gebe der Reitlehrerin total recht. Den Punkt finden, an dem ein Pferd bereit ist, an dem man nicht mehr schonen muss, vorsichtig sein, in Minischritten arbeiten – diesen Punkt finden ist eine große Kunst. Bei dem Pferd im Kurs waren es Krankheiten, die der Leistungsfähigkeit im Weg standen, bei Duncan einfach nur das (fehlende) Alter aber das Ergebnis ist das gleich: man gewöhnt sich an, übervorsichtig zu sein und dann verpasst man plötzlich den Punkt an dem das nicht nur nicht mehr nötig sondern im Gegenteil kontraproduktiv ist. „Totschonen“ ist das schöne Wort an der Stelle und etwas, was meiner Meinung nach mit unglaublich vielen Freizeitpferden passiert, während die Sportpferde andersherum verheizt werden. Wo ist dieses magische goldene Mittelmaß dass es zu finden gilt? Ich muss mich wohl neu auf die Suche machen.

Jetzt ist Duncan 3 Jahre alt und während ich ihm die letzten 2 Jahre immer nur Dinge erklärt und gezeigt habe und nie an dem Punkt war, ihn körperlich zu fordern, kann es jetzt los gehen und mehr noch: es muss los gehen. Denn da steht er nun und kann und weiß alle wesentlichen Dinge die er wissen und können muss. So ganz viel großes neues kommt da erst mal nicht mehr, so lange ich ihn noch nicht reite. Aber um ihn reiten zu können, braucht er jetzt Muskeln und Gleichgewicht. Und das heißt, es reicht nicht mehr, ihn ein bisschen um mich herum laufen zu lassen. Es reicht nicht mehr, die ersten drei Schritte im Schulterherein zu feiern und die Einheit zu beenden. Es müssen Trainingsreize her und Herausforderungen körperlicher Art. Und dazu darf er jetzt vor allem eins lernen: weitermachen. Nicht mehr: gut gemacht, Keks, nächste Übung. Sondern wiederholen und länger arbeiten bis der Keks kommt. Und er kann das. Er hat Spaß am machen, er braucht nicht ständig Bestätigung. Einfach mal machen lassen. Denn ganz ehrlich: wenn er (vielleicht schon nächstes Jahr) vor der Kutsche läuft dann ist da vorne niemand bei ihm, der ihm dauernd Kekse gibt. Dann muss er einfach mal eine gewisse Strecke laufen ohne gefüttert zu werden. Und sich einfach daran erfreuen, draußen zu laufen. Und ja, auch Pferde sind stolz, wenn sie Aufgaben gelöst haben. Und draußen unterwegs sein ist für den Ritter sowieso selbstbelohnend.

Am Sonntag haben wir den Anspruch gleich ein bisschen erhöht (der Ritter berichtete darüber). Und er war stolz dass er das konnte. Er hat es gern gemacht und fand sich offensichtlich großartig. Ich war leicht beschämt, denn ich bin sicher, dass ich ihn oft unterfordere. Er macht immer alles so gut, er hat keine Schwierigkeiten mit nix (ok außer Fremdpferdbegegnungen) und ich bewerfe ihn mit den symbolischen Wattebäuschen, das macht ihn nicht glücklich.

Es ist in meinen Augen immer wieder das schwierigste an der Ausbildung junger Pferde, dass die Pferde sich so stark verändern. Wo Duncan vor einem Jahr noch unsicher und schnell auch mal hektisch wurde, wenn eine neue Übung nicht gleich geklappt hat und insgesamt super sensibel war, ist er heute viel selbstbewusster, kann Pannen besser aushalten, weiß, dass er einfach ausprobieren soll, bis er die richtige Lösung gefunden hat. Dass Fehler machen dabei dazu gehört und keine schlimmen Konsequenzen hat, weiß er jetzt und er versteht meine Hinweise besser, die ihn auf dem Weg zum Ziel leiten. Auch im Umgang mit den anderen Ponys steht er sehr viel mehr seinen Mann. Er ist nicht mehr so schnell eingeschüchtert, er weiß, wo sein Platz ist und hält auch eine kleine Auseinandersetzung aus. Vorgestern wurde mir Angst und Bange, als sein Spaziergehkumpel Duncans Ohr festhielt und einfach nicht mehr los lassen wollte. Aber obwohl das Ohr nachher warm war und einen (klitzekleinen) Kratzer hatte, wollte Duncan weiter spielen und boxen. Der rauhe Ton macht ihm einfach nicht mehr so viel aus, dem Schotten. (Mir schon….)

Natürlich ist er trotzdem genauso freundlich wie vorher, es ist nur eine andere Art von Freundlichkeit. Und ich genieße dieses Gefühl, aber es ist eben noch neu und ich muss mich jetzt wieder anpassen in meinem Umgang mit ihm. Auch Finlay war mit 3 Jahren den geistigen Kinderschuhen entwachsen. Und von ihm habe ich damals gelernt, dass der Mensch aufpassen darf auf diese Veränderungen. Immer und immer wieder, nicht verpassen, dass der Kleine plötzlich ein ganz Großer ist. Oft empfinden wir ein Pferd, das noch nicht geritten wird, noch als „Jungpferd“ aber ich glaube diese Empfindung täuscht. Denn mag mein Pony auch noch weit entfernt von ausgewachsen sein, so ist der Kopf doch quasi fertig. Wie es ja auch Menschen gibt, die mit 15 Jahren im Kopf erwachsen sind – und andere bei denen das erst später der Fall ist.

Und so suche ich nun nach Aufgaben, überlege mir, wie ich das Training aufbaue und probiere vieles aus. Mal sehen, wie es jetzt los geht mit uns. Und ich lache über mich selbst: zwei Jahre habe ich gewartet bis ich „richtig“ mit ihm arbeiten kann und jetzt wo er da steht und bereit ist, hab ich mich irgendwie so an den „Babymodus“ gewöhnt, dass es mir schwer fällt, da heraus zu finden und ans arbeiten zu kommen. Da brauche ich dann den einen oder anderen Schubs von außen, um mich zu trauen. Zum Glück habe ich hier auch den einen oder anderen der mir sagt „gib dem mal ne Aufgabe“ und mir hilft, mich an mein neues Pony anzupassen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 180

Statt Ausflug habe ich gestern mit meinem Spaziergehkumpel gerangelt. Wir waren gut drauf und haben ordentlich Gas gegeben! Einmal hat mein Spaziergehkumpel es geschafft, sich mein Ohr zu schnappen. Und er wollte und wollte einfach nicht los lassen! Obwohl ich ihn in einer Tour ins Bein gezwickt hab. Mein Mädchen ist fast ohnmächtig geworden, sie dachte schon ich werde zum Schlitzohr verunstaltet! Ach was, Mädchen, wir wissen doch was wir tun. Irgendwann hat er dann doch los gelassen. Ich hab ihm übrigens als Revanche zwei Kratzer an der Brust gemacht, also sind wir quitt und unter besten Freunden ist das doch gar kein Thema.

Nachher als wir fertig waren hat mein Mädchen sich mein Ohr angeschaut. „Das ist ja ganz heiß“ hat sie gesagt. Na klar, wenn jemand an Deinem Ohr gezogen hätte wäre das auch heiß! Also kam sie prompt mit dieser Paste angesaust die sie immer überall drauf schmiert. Iiiiiih das klebt ja voll! Aber dann hab ich gemerkt dass das auch schön kühlt. Na dann mach mal. Und Kekse gab es ja auch fürs Einschmieren. Jetzt bin ich ein Weiß-Ohr-Ritter sagt sie. Ganz seltene Spezies. Ein klitzekleiner Ratscher ist da doch in meinem Ohr aber ganz ehrlich, im Winterpelz sieht man den doch gar nicht. Soll sich nicht so anstellen, mein Mädchen.

Heute ist das meiste von der Paste schon wieder abgekrümelt

Euer rangelnder Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncn Dhu 179

Am Wochenende haben wir eine schöne Sonntags-„Ausfahrt“ gemacht. Mein Mädchen hat so getan als würde sie Kutsche fahren. Diego der Große und der Mann sind einfach so spazieren gegangen. Und diesmal hat mein Mädchen sich mal was getraut: wir sind nämlich die Dorfstraße entlang marschiert. Und zwar nicht mehr auf dem Bürgersteig (das machen wir sonst so, obwohl man das eigentlich nicht macht. Aber mein Mädchen sagt dass ist sicherer für junge Pferde und wir sind bisher nur auf die Straße gegangen wenn uns jemand auf dem Bürgersteig entgegen kam). Diesmal sind wir auf der Straße gegangen, so wie es halt auch wäre, wenn ich schon die Kutsche ziehen würde. Und sie ist die ganze Zeit hinter mir gegangen (sonst ist sie immer noch nach vorn gekommen wenn da Autos waren). Erst war mein Mädchen etwas nervös. Als ein Transporter mit einem Anhänger von hinten kam, war sie unsicher, das habe ich genau gespürt. Und weil sie so unsicher war, war ich auch ein bisschen unsicher. Aber ich weiß ja was ich tun soll wenn ich unsicher bin und hab einfach angehalten. Ach da hat sie sich süß gefreut! Gab auch einen Keks. Als wir dann weiter gegangen sind, hat sie immer ganz viel geatmet und ihre Füße gefühlt und sich entspannt und mir gesagt, dass ich einfach weiter gehen kann. Ok, wenn Du so entspannt bist, kann ich das auch, mein Mädchen.

Dann ein bisschen hinten rum durch die Felder marschiert und dann auf dem Rückweg wieder auf die Dorfstraße. Und da war in Groß Vollstedt Rushhour. Da kam ein Auto nach dem anderen! Wo die alle hin wollten wusste mein Mädchen auch nicht. Und Motorräder und was nicht noch alles. Zwischendurch dachte ich, dass ist doch ganz schön viel und hab das auch meinem Mädchen nach hinten gefunkt. Aber sie hat gesagt, dass alles gut ist und ich das schaffe. Also hab ich mich einfach weiter brav benommen und gehofft dass es bald aufhört. Dann mussten wir noch warten weil wir auf die andere Straßenseite mussten und als wir dann dort drüben angekommen waren, ist mein Mädchen komplett ausgeflippt. Hat mir ganz viele Kekse gegeben und gesagt, dass ich ihr Held bin und das beste Pony der Welt und schon so groß und erwachsen und überhaupt! Ich war etwas überrascht über diesen enormen Gefühlsausbruch aber ist ja auch immer schön wenn sie sich so freut (vor allem wenn sich diese Freude in Keksen ausdrückt).

Dann ging es nach hause. Und zu hause hat sie mir dann noch den ganzen Tag erzählt wie toll ich das alles gemacht habe. Ach Mädchen, das ist ja immer so fein wenn ich dich so einfach glücklich machen kann. Jetzt hat sie also noch mehr Herzchen in den Augen wenn sie mich anschaut und ist noch doller in mich verliebt. So lässt sich das leben und dafür kann ich gern auch in der Rushhour die Dorfstraße lang marschieren, kein Problem.

Euer stolzer Sir Duncan Dhu of Nakel