Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 214

Schon wieder Sturm! Na wenigstens hatten wir bis heute mittag Ruhe und so konnten wir Ponys uns etwas die Beine vertreten. Diego und ich haben ausgiebig gespielt, das war toll!

Schnell ein bisschen Energie los werden!

Aber dann ging es auch schon wieder los. Wind, viel Wind und soooooo viel Regen! Also ich bin ja Schotte, aber irgendwann ist mal genug Wetter! Wir sind dann alle in die Halle gegangen. Dort sitzen wir es jetzt aus. Mein Mädchen hat uns sogar dort eingesperrt. Wir machen „lange Heunacht“ und die Menschen machen „lange Filmnacht“ hat sie gesagt. Sie kommen dann immer mal vorbei und schauen nach uns. Ist nicht nötig, in der Halle ist es wunderbar ruhig, da können wir ganz entspannt abwarten bis der Spuk vorbei ist. Aber Ihr kennt ja mein Mädchen, sie will ganz sicher gehen!

Igitt!
Das Wetter hatte aber auch schöne Momente im Angebot!
Heute Nacht bleiben wir ausnahmsweise in der Halle eingesperrt. Macht nix, draußen verpassen wir nichts.

Also liebe Menschen, Ihr wisst ja wie es geht: Flügel einklappen, Schwerpunkt tief und abwarten bis es vorbei ist.

Kommt gut durch diese wilde Nacht!

Euer stürmischer Sir Duncan Dhu of Nakel

Maßstäbe

Ich habe mir einen kleinen Spaß gegönnt. Na gut, ich wollte auch wirklich Informationen und Antworten, aber es war schon auch ein kleiner Spaß. Hab mal auf Facebook in einer Gruppe von Distanzreitern nachgefragt, wie die ihre jungen Pferde anreiten und wann sie sie zum ersten Mal starten lassen. Und dann hab ich mal wieder gestaunt über Maßstäbe.

Damals, als ich zum ersten Mal die Idee hatte, dass Finlay und ich vielleicht Lust hätten, auf Distanzritt zu gehen – im Januar 2018 – da waren 6km „die große Runde“. Und wenn wir mal ein bisschen getrabt sind, kamen wir uns schon ganz sportlich vor. Als uns dann klar wurde, dass wir im September 28km in unter 4 Stunden schaffen müssen, stieg in mir leichte Panik hoch. Denn Finlay hatte einen wahnsinnig langsamen Schritt und sein Trab war jetzt auch nicht wirklich schnell. Und nachdem ich mit der App ungefähr herausgefunden hatte, wie schnell er in welcher Gangart ist, wurde mir klar: da müssen wir nicht nur eine Schippe drauf legen.

Schließlich haben wir es ja geschafft und sind unsere 28km in 3 Stunden und 12 Minuten geritten. Ach was war ich stolz auf mein Pony (und mich)!

Aber „echte“ Distanzreiter bezeichnen so was lächelnd als „Wanderritt“, wenn sie etwas netter sind, sagen sie „Trainingsritt“ dazu. Für echte Distanzreiter ist alles unter 80km eigentlich nur Aufwärmprogramm. Zum eingewöhnen für Anfänger wie mich. Oder halt auch mal um ein junges Pferd zu trainieren wobei sich da nun bei den Antworten auf Facebook gleich mal herausstellte: auch das eher nicht. Denn den Profis ist es zu wuselig wenn all die Anfänger da herum rennen. Die gehen lieber gleich eine 80km- Strecke wo das Starterfeld kleiner und alle viel routinierter sind. Wo gleichmäßiger geritten wird und man nicht ständig überholt wird oder überholen muss. Ach ja….

80km an einem Tag zu reiten ist für mich ja eher so ein Lebensziel. Vielleicht schaffe ich das ja mal mit Sir Duncan duracell dhu. Aber sicherlich nicht so bald – wenn überhaupt. Mir ging es ja tatsächlich um den ersten kleinen Ritt, 25km oder vielleicht 30km. Für mich etwas, worauf ich schon hin trainiere. Der Distanzreiter schmunzelt schon wieder. In deren Augen kann ein „normal gerittenes Pferd“ so eine Strecke völlig ohne vorheriges Training in der Zeit absolvieren. Fragt sich halt, was ein „normal gerittenes Pferd“ ist.

Für manche meiner Schüler ist eine Reitstunde in der wir nicht galoppiert sind, irgendwie verschwendet. Für andere ist der Galopp das große Ziel auf das sie ein Jahr lang hinarbeiten. Für manche ist es schrecklich und furchteinflößend, wenn das Pferd mal etwas angespannt ist, andere haben auch dann noch keine Sorgen, wenn ich längst das Weite gesucht hätte. Wenn mein Pony auf dem Anhänger mal ein paar Sekunden ramentert, ist das für mich ein Alarmsignal – andere finden es total normal dass es die ganze Fahrt über poltert und scheppert im Anhänger.

Ständig vergleichen wir Dinge die wir sehen, erleben oder tun. Wir legen unser eigenes inneres Maßband an und lesen etwas darauf ab. Das halten wir dann für wahr. Es tut uns gut, wenn wir gelegentlich jemand anders bitten, mal mit seinem Maßband nachzumessen und uns zu sagen, was er oder sie da sieht. Da können erstaunliche Dinge raus kommen. Wir müssen das Maß des anderen nicht glauben, gut finden oder akzeptieren. Aber es uns mal anschauen, das wäre schon gut. Denn ab und zu muss unser inneres Maßband neu geeicht werden. Und da es keinen Eichmeter gibt für diesen Zweck, müssen wir das selbst tun – mit einem Blick über unseren Tellerrand.

Bin ich trotzdem „Distanzreiter“ auch wenn ich „nur“ einen kleinen Einführungsritt reite, dafür ewig trainiere und es als große Leistung empfinde? In den Augen mancher vielleicht nicht. In meinen eigenen Augen schon. Und so schreibe ich an dieser Stelle zwei Kennzeichnungen an mein Maßband: „großartig aus meiner Sicht“ steht auf der einen Seite und „viel Luft nach oben“ steht auf der anderen Seite. Das ist ok. Und irgendwann werde ich vielleicht etwas anderes an diese Stelle schreiben, wer weiß. Dann steht da vielleicht „erledigt“ oder „leicht“.

Jetzt dauert es erst mal noch mindestens 1,5 Jahre bis es überhaupt so weit ist – aber wir brauchen schließlich auch Ziele, der Ritter und ich. Und dieses eine ist schon lange markiert, auch wenn mein Zielpunkt für andere vielleicht eher der Startpunkt ist.

Mit Finlay hatte ich 2018 dieses wunderbaren Trainingsjahr, in dem wir von Ausritt zu Ausritt längere Strecken geschafft haben und in dem sich Maßstäbe verschoben haben in der Zeit von Januar bis September. Das – nicht nur der eigentliche Distanzritt – macht für mich den Spaß am Distanzreiten aus. Zuschauen, wie man besser wird. Grenzen ausloten, überlegen, wie man noch besser werden kann. Beim Distanzreiten ist das so wunderbar objektiv messbar: Strecke und Zeit sind unbestechliche Richter. Aber auch für alle anderen Projekte die wir so haben, suche ich immer nach Kriterien, woran ich Verbesserung erkennen kann. Und auch die markiere ich auf meinem inneren Maßstab. Und den krabbeln wir dann kontinuierlich nach oben, Sir Duncan und ich. Und weil wir immer besser werden, kann es mir egal sein, wo wir uns auf dem Maßstab anderer Leute befinden – auch wenn ich aus Neugierde mal kurz nachgeschaut habe.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 213

Liebe Menschen, da kommt schon wieder ein Sturm auf uns zu! Oder wie wir hier in Norddeutschland sagen „büschen Wind“. Wir Ponys regeln das, indem wir unseren Schwerpunkt schön tief halten (das macht man, indem man viel Heu futtert). So werden wir nicht weg geweht. Ihr Menschen verkriecht Euch ja dann lieber in Euren Ställen – ich meine Häusern. Ich verstehe das, selbst wir Ponys stehen dann doch auch lieber drin, wenn wir die Wahl haben. (Und zum Glück haben wir hier ja immer die Wahl). Wenn Ihr dann gemütlich auf Eurem Sofa sitzt, könnt Ihr ja was schönes lesen. Wisst Ihr was vor zwei Jahren war? Da war auch Sturm! Und ich war noch winzig klein und noch gar nicht so lange hier. Da habe ich auch noch kein Tagebuch geschrieben, sondern mein Mädchen hat geschrieben. Aber Ihr könnt das ja nochmal lesen. Es ist immer noch wahr: ich bin hier dafür zuständig, dass Diego spielt. Und er kann das inzwischen richtig gut! Und ich bin auch für die Leichtigkeit es Seins zuständig bei meinem Mädchen. Gestern zum Beispiel hatte sie Februar-Blues. Keine Lust auf nix. Aber wir waren ja zum Spazieren gehen mit dem Spaziergehkumpel verabredet! Und so eine Verabredung lässt man nicht einfach ausfallen weil man keine Lust hat. Also sind wir los gefahren. Und ich habe einfach so ein, zwei kleine, besondere Momente eingebaut damit mein Mädchen merkt, dass sie den besten Schotten der Welt hat. Hat sie auch gemerkt. Und war nachher ganz doll gut gelaunt. Kann ich!

So also haltet Euch gut fest, klappt die Flügel ein, Schwerpunkt tief und ab aufs Sofa (wenn Ihr könnt).

Euer stürmischer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 212

Ach, das war ein schöner Sonntagsausflug! Das Wetter war sehr fein und wir sind endlich mal wieder mit der Wackelkiste los gezogen. Haben sogar ein paar neue Wege erkundet! Ich hatte wieder das Gebiss im Maul – nein damit meine ich nicht meine Zähne, die hab ich ja immer mit! Sondern das Metalldings. Einfach zum eingewöhnen nehmen wir das manchmal mit auf einen Spaziergang. Und wisst Ihr was? Ich hab jetzt sogar raus gefunden, dass ich damit Gras essen kann! Gewusst wie!

Und weil mein Mädchen gute Laune hatte, ist sie manchmal ein Stück mit mir getrabt. Ich weiß ja jetzt, dass ich nicht zu doll beschleunigen darf. Und ich hab auch noch was anderes verstanden: wenn sie sich an meinem Reitpad festhält und ihren Arm ein bisschen auf mir abstützt, kann sie länger durchhalten! Sie lässt sich dann nämlich von mir vorwärts ziehen. Früher fand ich das blöde. Aber jetzt hab ich das geschnallt! Und dann dachte ich: wenn sie sich doch eh an mir festhält, kann ich ja so schnell laufen wie ich mag oder? Verlieren kann ich sie ja dann nicht. Aber mein Mädchen sieht das anders. Ich durfte wieder nicht so schnell traben wie ich wollte und galoppieren war komplett verboten. Nun bin ich ja aber ein schlauer Ritter! Ich habe gemerkt, dass sie mich bremst, wenn ich zu doll beschleunige. Aber wenn ich nur so ganz nach und nach beschleunige, so Stück für Stück, dann merkt sie es erst gar nicht. Gaaaaaaaanz sachte am Gas…. naja irgendwann kriegt sie es doch mit, aber bis dahin bin ich schon ein gutes Stück schneller unterwegs als sie das geplant hat. Ausgefuchst, oder? Muss ja schließlich sehen, wie ich zu meinem Spaß komme! Sie trabt nämlich echt langsam, müsst Ihr wissen. Und leider auch immer nur sehr kurz.

Einen kleinen Film hat der Mann auch gemacht. Da war er vorne weg geritten und deswegen wollte ich erst recht schnell los, kann doch wohl nicht angehen, dass Diego uns abhängt! Mein Mädchen hat sich ganz doll bei mir abgestützt, deswegen hat sie so Schräglage. Sie hatte auf dem unebenen Boden nämlich Angst dass sie stolpert und hat sich bei mir abgesichert. Passt schon, mein Mädchen aber jetzt GAAAAAAAAS!

Lauf, mein Mädchen, lauf!

Euer schneller Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 211

Wisst Ihr was echt nervt? Dass mein Mädchen nie zufrieden ist! Immer sagt sie, ich soll wachsen. Wachsen, wachsen, wachsen. Voll öde, spielen und Abenteuer erleben macht doch viel mehr Spaß! Aber immer wenn ich an die Wand schaue, denke ich an mein Mädchen und dann weiß ich ja: sie freut sich, wenn ich wachse. Und ich mag, wenn sie sich freut. Bin schließlich Gentleman! Also was mache ich: ich wachse. Ihr zuliebe! So richtig mit fiesen Wachstumsschmerzen und müde sein und schlechter Laune und allem was dazu gehört.

Mein Mädchen hat mich auch angemessen bedauert und mir gelegentlich essen ans Bett gebracht.

Essen ans Bett. Danke mein Mädchen!

Jetzt bin ich vorerst fertig mit Wachsen. Aber was soll ich Euch sagen: Sie ist unzufrieden! Angeblich bin ich am falschen Ende gewachsen! Jetzt bin ich „überbaut“ sagt sie. Was? Die ganze Mühe war umsonst? Menno. Nein so hat sie es nun auch wieder nicht gemeint. Aber ich hätte vorne und hinten gleichmäßig wachsen sollen. Stattdessen bin ich aus Versehen nur hinten gewachsen. Ja, so was kann schon mal passieren! Ist doch kein Problem, Mädchen, ich hole das vorne locker wieder auf! Du weißt doch: mit viel gutem Futter geht alles. Also nicht maulen.

Ich hol das vorne wieder auf. Ist doch kein Problem!

Euer hinten schon ganz großer Sir Duncan Dhu of Nakel

Lücken

Vielleicht ist mein Ausbildungsstil etwas anders als der anderer Leute. Ich merke das dann, wenn ich ohne Plan und Konzept zu einer Schülerin komme und wir uns dann ratlos ansehen, weil die Schülerin auch keine Idee hat, was wir heute machen. Dann werfe ich einen Vorschlag in den Raum, der mir so spontan einfällt und mit erstaunlicher Häufigkeit treffe ich zielsicher ein Wespennest oder wie ich es lieber formuliere, ich mache ein Fass auf. Denn plötzlich zeigt sich eine Lücke – in der Ausbildung des Pferdes oder der Reiterin – und wir verbringen die Stunde (manchmal auch mehrere) mit dem Schließen dieser Lücke.

Im Gegensatz zu Ausbildern, die ein klares Ziel haben, die ein System unterrichten, das Schritt für Schritt aufeinander aufbaut bis das Ziel erreicht ist, sehe ich meine Aufgabe darin, Menschen und Pferde auf ihrem eigenen Weg zu begleiten, wohin er auch führen mag. Mir ist es ziemlich egal, was die beiden gern zusammen unternehmen. Ich habe für die beiden kein festgelegtes Ziel, außer dass sie gesund und glücklich eine schöne Zeit miteinander haben. Ich helfe, wo ich helfen kann und wenn ich es nicht kann, sage ich das. So einfach ist das. Und so schwer, denn darum kann ich nie so recht antworten wenn ich gefragt werde, was ich unterrichte. Vielleicht antworte ich nächstes Mal „ich schließe Lücken“.

Manchmal denke ich an Analphabeten. Es gibt ja tatsächlich in Deutschland eine beträchtliche Zahl an Menschen, die nicht (richtig) lesen und schreiben können. In Anbetracht von 9 Jahren Schulpflicht ist das unfassbar, aber es ist wahr. Und diese Menschen sind oft Meister darin, nicht aufzufliegen. Sie haben Tricks und Kniffe entwickelt, um die Lücke in ihrer Ausbildung zu kaschieren. Das ist sehr anstrengend und auch nicht unbegrenzt möglich, funktioniert aber bis zu einem gewissen Grad – zu einem enormen Preis in Form von psychischer Belastung einerseits und andererseits natürlich der Tatsache, dass solche Menschen weit unter ihrem eigentlichen Potential bleiben.

Und so geht es auch vielen Pferden – und Reitern! – denen an der Basis Wissen fehlt. Wie eine Schülerin, die seit Jahren reitet und mir nach der Stunde sagt, ich sei die erste gewesen, die ihr erklärt hat, wie man korrekt treibt. Wie all jene Schülerinnen, die zwar von korrekter Biegung träumen aber gar nicht wissen, was ihr Pferd dafür tun muss und woran sie merken, ob es sich wirklich biegt – weil es ihnen nie jemand gesagt hat. Und genau so geht es vielen, vielen Pferden. Pferden die nie gelernt haben, wie man mit Reiter elegant um eine Ecke kommt. Pferden, die ein Hinterbein nicht richtig wahrnehmen und nicht richtig in ihr Körpergefühl integriert haben. Pferden, die nicht verstanden haben, was die Hilfen, die man ihnen gibt, eigentlich bedeuten.

Lücken füllen ist etwas, was mir großen Spaß macht. Wenn Reiter und Pferd plötzlich strahlen, weil der Groschen, der vielleicht seit vielen Jahren fest hing, gefallen ist (wie neulich, als meine Schülerin sagte „da quäle ich mich 20 Jahre damit und dann kommst du und schon klappt es“). Oft ist die Lösung ganz einfach. Es muss einem nur mal jemand wirklich erklären. Aber wie die Analphabeten verstecken sowohl meine Schülerinnen als auch die Pferde oft die Lücken lieber, als nachzufragen. Schade! Denn das ist doch keine Schande – im Gegenteil. Eine Schande ist es dann, wenn ein Lehrer nicht antworten kann oder den Schüler als dumm abstempelt. Getreu dem Motto „dumme Fragen gibt es nicht, nur dumme Antworten“. Wenn ich als Lehrerin etwas nicht beantworten kann ist es wiederum meine Neugierde, die geweckt wird und ich kann mich selbst auf die Suche nach Antworten machen.

Lücken schließen ist etwas, was ich jetzt gerade mit Duncan mache. Denn ich finde einige Lücken. Und ich finde, dass einige Probleme die wir haben, in solchen Lücken begründet sind. Da ich beim longieren nicht 100% klar war, wo die Longe „zu Ende“ ist, also wo ich die Grenze setze, wie weit Duncan raus gehen kann, ist beim spazieren gehen eben auch nicht ganz klar wo der Strick zu Ende ist. Da ich beim Wippen immer nur „Kopf tief“ belohnt habe, gibt es keine Option den Kopf höher zu nehmen. Da ich beim Rückwärts immer nach ein, zwei Schritten zufrieden war, hat er nicht die Idee, länger oder energischer rückwärts zu gehen. Und weil ich immer das Stimmkommando dazu gegeben habe, ist eben doch nicht ganz klar, wie die Zügelhilfe dazu ist und wie er darauf reagieren soll. Was wiederum mit da rein spielt, dass er beim spazieren gehen nicht klar hat, wo der Strick zu Ende ist.

Lücken sind nichts schlimmes, sondern Lernchancen. Verbesserungsmöglichkeiten. Und oft bringt das Schließen einer Lücke uns so viel weiter als das üben einer neuen Lektion. Wenn ich jetzt die Zeit nutze, in der ich Duncan noch nicht reiten kann, um möglichst viele Lücken zu schließen, habe ich ein ganz sauberes, stabiles Fundament. Ein Pony, was sich wirklich gut auskennt und weiß, wie die Dinge im Zusammensein mit dem Menschen laufen. Und dann hat mein kleiner Ritter vielen älteren Pferden, bei denen sich niemand um die Schließung der Informationslücken gekümmert hat, einiges voraus.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 210

Draußen ist fieses Wetter, also machen wir Indoor-Sport. Wir üben jetzt was neues! Anstatt dass ich immer vorwärts und rückwärts den Steg rauf und runter steige, soll ich jetzt im Kreis um mein Mädchen herum laufen und dabei immer über den Steg gehen. Das ist nicht so leicht, wie es aussieht! Ich muss den richtigen Abstand halten, immer in die richtige Richtung laufen und Kekse gibt es an unvorhersehbaren Stellen – so ist das, wenn man auf der Kreisbahn unterwegs ist, da weiß man nie, wo die Übung nun eigentlich zu Ende ist. Aber mein Mädchen sagt, ich hab das heute schon ganz gut gemacht. Immer munter rauf und runter…

Nachher durfte ich noch ein bisschen wippen. Macht ja auch alles Spaß aber ich hoffe doch sehr, dass bald wieder Spaziergeh-Wetter ist! Habt Ihr auch so doll Winterblues? Ich bin voll genervt, weil wir so wenig draußen unterwegs sein können. Und das Wetter ist so blöd dass sogar wir wetterfesten Ponys die meiste Zeit lieber im Stall stehen als draußen rum zu laufen. Wann kommt denn der Frühling?

Euer kreiselnder Sir Duncan Dhu of Nakel

Arbeitsspeicher

Letzte Woche Dienstag: Schon als ich Duncan verlade denke ich „ui, der Kopf ist aber müde“. Es waren doch sehr viele Erlebnisse zu verarbeiten in den letzten paar Tagen. Handpferdereiten am Freitag, ein strammer Ausflug mit Geräuschübungen am Sonntag, ein erster Ausflug in die nahe gelegene Halle am Montag. Und heute der obligatorische Dienstags-Spaziergang. Aber in der neuen Version, denn Duncans Spaziergehkumpel ist umgezogen und steht nun nicht mehr bei uns auf dem Hof, sondern ein paar Hänger-fahr-Minuten entfernt. Duncan fährt also alleine in der „Wackelkiste“ bis dort hin, dann steigt der Spaziergehkumpel zu und wir fahren gemeinsam in schönes Gelände. Ich bin etwas besorgt, dass Duncans Kopf so überlastet sein könnte, dass nur noch Quatsch heraus kommt. Aber zu meiner freudigen Überraschung ist das Gegenteil der Fall: Duncans Kopf ist zwar voll und seine Konzentration in der Tat nur noch sehr mittelmäßig, aber anscheinend haben wir so viele gute Routinen, dass er trotzdem alles richtig macht. Kein Gezerre am Strick, relativ wenig Geschnappe, der bleibt stehen wann er soll und auch sonst gibt es nichts zu beanstanden. Ich nehme zwar wahr, dass er „kopfmüde“ ist, aber er kommt gut zurecht. Eigentlich wie ein erwachsenes Pferd, das durch seine Erfahrung nicht mehr als 10% seines Arbeitsspeichers braucht, um in normalen Situationen zurecht zu kommen. Übung macht eben doch immer noch den Meister!

Diese Woche Montag: Duncan berichtete davon. Diesmal habe ich seine Leistungsfähigkeit überschätzt. Die Zeit nicht im Blick gehabt. Eine halbe Stunde volle Konzentration darauf, das fremde Pferd zu ignorieren, hat das kleine, gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren dann doch mal heiß laufen lassen. Kommt ja selten vor.

Als er dann auf dem Anhänger herum poltert, flippe ich ziemlich aus. Ich hab es verbockt, hab zu viel verlangt. Erst später, im Gespräch mit Freunden und anderen Pferdeleuten, wird mir klar, was für ein gigantisches Kompliment mein Pony mir eigentlich gemacht hat. Denn so lange ich in Sichtweite war, hat er sich benommen. Die ganze Zeit. Er hat aufgepasst, er hat alles richtig gemacht. Erst als er mit sich und seinen Gefühlen alleine war, hat er sie raus gelassen. Vielleicht konnte er sie auch allein einfach nicht managen. Vielleicht hat meine Anwesenheit ihm geholfen, sich zu benehmen. Beides sind gute Varianten. Es bleibt fest zu halten: mein Pony war großartig. Ich habe ihn etwas überschätzt, so etwas passiert wohl mal. Einmal ist das ja auch nicht schlimm. Jetzt muss ich eben zu sehen, dass es nicht so bald wieder passiert, sondern dass wir die Situation entschärfen. Und den Arbeitsspeicher meines Ponys weiter trainieren. Ein bisschen größer wird der von alleine werden, während Duncan erwachsen wird. Aber ein bisschen trainieren kann man diesen Arbeitsspeicher ja durchaus auch. Routine in möglichst viele Situationen bringen, so dass die vielen Eindrücke besser sortiert werden und nicht mehr so überwältigend sind.

Letztendlich bin ich beeindruckt, was für eine Leistung mein kleiner Hengst erbracht hat – und zwar für mich. Weil er weiß, dass ich das so möchte. Was für ein Geschenk!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 209

Am Montag waren wir wieder in der Spielhalle. Aber dieses mal war es anders! Ich bin nämlich allein hin gewackelt worden, Diego war nicht mit. Dort angekommen, haben wir uns die Spielhalle nochmal angeschaut. Ich fand alles spannend, aber aufgeregt war ich eigentlich nicht. Bis die Tür aufging. Denn dann kam ein anderes Pferd rein! Ooooooh Mädchen da muss ich – nein ich sollte mich auf sie konzentrieren. Und zwar die ganze Zeit. Nicht gucken. Nicht gucken. Nicht gucken. Der einzige, der das fremde Pferd beachtet hat, war der Mann. Der hat mit dem Mädchen von dem fremden Pferd Unterricht gemacht. Aber ich und mein Mädchen, wir haben nicht hin geschaut. Ich musste voll aufpassen, was mein Mädchen will. Den Rüssel wieder einziehen, das mag sie nicht, wenn der aus Versehen raus hängt, dann gibt es keine Kekse. Und nicht gucken. Wenn sie Keks sagt, gibt es den ganz unten am Boden, weil Kopf tief nehmen die Nerven beruhigt. Immer zwischendurch auch so versuchen, den Kopf runter zu nehmen das mag sie. Und nicht gucken. Das andere Pferd total ignorieren. Oooooooh das war anstrengend! Aber mein Mädchen war zufrieden. Sehr sogar! Dann hat sie gesagt, ich war toll und wir machen Schluss. Schnell noch ein Foto geschossen (ich sehe darauf etwas komisch aus, das liegt aber nur am Weitwinkel. In Wirklichkeit bin ich perfekt proportioniert, das wisst Ihr ja.). Wenn Ihr ranzoomt, seht Ihr im Hintergrund das andere Pferd. Mein Mädchen sagt, den wollen wir öfter treffen.

Ich hab immer zu meinem Mädchen geschaut. Im Hintergrund seht ihr das andere Pferd.

Raus aus der Halle. Draußen haben ein paar Pferde gewiehert. Ich hab dann mal mein tiefes Hengst-Gebrummel gemacht. Da wusste mein Mädchen gleich, dass es jetzt vorbei ist mit meiner Contenance (das Wort sagt mein Mädchen immer wenn ich mich beherrschen und benehmen soll, obwohl ich aufgeregt bin. Manchmal sagt sie auch „Würde und Anstand“). Ich bin trotzdem brav eingestiegen. Klappe zu. Und in dem Moment wo ich mein Mädchen nicht mehr gesehen habe, musste es einfach aus mir raus, dieses ganze Konzentrieren und Beherrschen war doch bisschen viel. Tschuldigung mein Mädchen….. sie hat sich bös erschreckt, weil ich so rum gepoltert habe, das mache ich sonst nicht. Aber ich mache ja nichts schlimmes. Es geht nichts kaputt und ich tu mir auch nicht weh. Ich musste jetzt nur wirklich ganz dringend kurz mal hüpfen, sonst wäre ich einfach explodiert! Sie hat ein bisschen geschimpft. Aber als wir ein paar Meter gefahren waren, ging es wieder und ich konnte Heu essen. Zu hause ausgestiegen musste ich sofort zu meinen Kumpels und denen erzählen was ich erlebt habe.

Aber danach hab ich nach meinem Mädchen geschaut. Immer wenn ich sie gesehen habe, bin ich entweder hin gegangen oder ich hab sie von weitem angeschaut. Sie weiß, was das heißt. Nämlich dass ich wissen will ob zwischen uns alles gut ist, obwohl ich mich nicht perfekt benehmen konnte. Und sie hat gesagt, ich wäre perfekt gewesen und es ist ihre Schuld, weil sie mich überfordert hat. Dass ich nichts dafür kann und sie nur geschimpft hat, damit ich aufhöre und mich nicht verletze bei meinem Gehopse. Dass sie mich lieb hat und das aller wichtigste ist, dass es mir gut geht. Ja, das tut es, Mädchen. Ich muss jetzt nur neue Contenance produzieren, die ist nämlich erst mal alle. Mein Mädchen sagt, nächstes Mal nehmen wir wieder Diego den Großen mit, der kann mir von seiner Contenance was abgeben, der hat nämlich beliebig viel davon (ich sag es ja: der hat von Natur aus mehr innere Ruhe!). Gut dass wir ihn haben, sagt mein Mädchen. Ich glaube, er gibt ihr auch immer was von diesem Ding ab, weil sie selbst nämlich auch nicht so viel davon hat.

Mein Mädchen hat auch gesagt, wenn wir das üben und ich noch etwas älter geworden bin, dann kann ich das. Bestimmt.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel voller Würde und Anstand

P.S. ich hoffe, mein Mädchen versteht, dass die Produktion von Contenance reichlich gutes Futter voraussetzt! Aber ich glaube sie hat das kapiert, sie hat mich nämlich so kritisch angeschaut und gemeint, ich könnte mal was extra haben, weil ich gerade wieder so fleißig wachse (diesmal in die Breite statt in die Höhe).

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 208

Na, liebe Menschen, habt Ihr Euch gut fest gehalten? Das war ja ganz schön windig am Wochenende!

Meine Wallehaar ist ordentlich geflogen bei dem Sturm!

Wir Ponys haben uns zurück gezogen in den Stall und gewartet bis der Sturm vorbei geht. Der Wind hat mehrfach gedreht und zwischendurch kam die Sonne raus, dann haben wir jeweils unseren Standort verlagert. Ansonsten haben wir nicht viel gemacht. Unser Paddock war verkleinert, die Menschen hatten unseren Rundlauf abgesperrt, weil da Äste auf den Zaun fallen könnten (ist auch prompt passiert) und wir dann da nicht rum laufen sollen. Normalerweise finden wir es blöde, wenn der Rundlauf zu ist, aber diesmal war es uns egal. Extremes Wetter muss man einfach abwarten. Mein Mädchen war ein bisschen neidisch wie wir das so können. Wir stehen dann herum und halten „Innenschau“ bis es vorbei ist.

Als es dann vorbei war, sind mein Mädchen und ich in die Halle gegangen und wir haben ein bisschen Unterricht vom Mann bekommen. Der Mann hat auch kurz was mit mir gemacht, weil er was ausprobieren wollte. Der macht Sachen ja anders als mein Mädchen und anfangs war ich da immer etwas verwirrt. Aber jetzt weiß ich ungefähr was er meint und gut geraten ist halb gewonnen.

Der Mann macht Sachen anders als mein Mädchen. Kann ich aber auch!

Jedenfalls hat der Mann nachher gesagt, ich hätte mein Mädchen ganz schön gut im Griff. Juhuuuu! Dann hat er gesagt, dass es Zeit wird, dass ich in die 2. Klasse versetzt werde. Das waren nicht so gute Nachrichten für mich, denn in der 2. Klasse steigen die Ansprüche und das heißt ich muss mich mehr anstrengen für meine Kekse bzw. vor allem noch viel besser zuhören! Normalerweise mache ich eine Übung nämlich immer erst mal so wie wir sie letztes Mal gemacht haben und hoffe, dass das klappt. Jetzt wird von mir erwartet, dass ich ganz genau hinschaue was mein Mädchen will und nicht selbst beschließe, was zu einem Keks führen könnte. Und wenn ich einen Keks will muss ich Sachen manchmal auch zwei- oder dreimal richtig machen dafür und mich zwischendurch mit Stimmlob begnügen! Oha. Mein Mädchen hatte Angst dass mich das frustrieren könnte. Hat es aber nicht – ich mag doch neue Herausforderungen, weißt Du doch, mein Mädchen! Und ich hab mich ganz erwachsen gefühlt, so in der 2. Klasse.

Ihr Menschen geht ja maximal 13 Jahre zur Schule habe ich gehört. Aber Merlin hat mir erzählt, dass wir Ponys unser Leben lang zur Schule gehen und sogar er noch neue Sachen lernt. Ich finde das cool, neue Sachen lernen ist so spannend! Bin gespannt was als nächstes auf dem Lehrplan steht und werde Euch natürlich berichten.

Euer Zweitklässler Sir Duncan Dhu of Nakel