Maßstäbe

Ich habe mir einen kleinen Spaß gegönnt. Na gut, ich wollte auch wirklich Informationen und Antworten, aber es war schon auch ein kleiner Spaß. Hab mal auf Facebook in einer Gruppe von Distanzreitern nachgefragt, wie die ihre jungen Pferde anreiten und wann sie sie zum ersten Mal starten lassen. Und dann hab ich mal wieder gestaunt über Maßstäbe.

Damals, als ich zum ersten Mal die Idee hatte, dass Finlay und ich vielleicht Lust hätten, auf Distanzritt zu gehen – im Januar 2018 – da waren 6km „die große Runde“. Und wenn wir mal ein bisschen getrabt sind, kamen wir uns schon ganz sportlich vor. Als uns dann klar wurde, dass wir im September 28km in unter 4 Stunden schaffen müssen, stieg in mir leichte Panik hoch. Denn Finlay hatte einen wahnsinnig langsamen Schritt und sein Trab war jetzt auch nicht wirklich schnell. Und nachdem ich mit der App ungefähr herausgefunden hatte, wie schnell er in welcher Gangart ist, wurde mir klar: da müssen wir nicht nur eine Schippe drauf legen.

Schließlich haben wir es ja geschafft und sind unsere 28km in 3 Stunden und 12 Minuten geritten. Ach was war ich stolz auf mein Pony (und mich)!

Aber „echte“ Distanzreiter bezeichnen so was lächelnd als „Wanderritt“, wenn sie etwas netter sind, sagen sie „Trainingsritt“ dazu. Für echte Distanzreiter ist alles unter 80km eigentlich nur Aufwärmprogramm. Zum eingewöhnen für Anfänger wie mich. Oder halt auch mal um ein junges Pferd zu trainieren wobei sich da nun bei den Antworten auf Facebook gleich mal herausstellte: auch das eher nicht. Denn den Profis ist es zu wuselig wenn all die Anfänger da herum rennen. Die gehen lieber gleich eine 80km- Strecke wo das Starterfeld kleiner und alle viel routinierter sind. Wo gleichmäßiger geritten wird und man nicht ständig überholt wird oder überholen muss. Ach ja….

80km an einem Tag zu reiten ist für mich ja eher so ein Lebensziel. Vielleicht schaffe ich das ja mal mit Sir Duncan duracell dhu. Aber sicherlich nicht so bald – wenn überhaupt. Mir ging es ja tatsächlich um den ersten kleinen Ritt, 25km oder vielleicht 30km. Für mich etwas, worauf ich schon hin trainiere. Der Distanzreiter schmunzelt schon wieder. In deren Augen kann ein „normal gerittenes Pferd“ so eine Strecke völlig ohne vorheriges Training in der Zeit absolvieren. Fragt sich halt, was ein „normal gerittenes Pferd“ ist.

Für manche meiner Schüler ist eine Reitstunde in der wir nicht galoppiert sind, irgendwie verschwendet. Für andere ist der Galopp das große Ziel auf das sie ein Jahr lang hinarbeiten. Für manche ist es schrecklich und furchteinflößend, wenn das Pferd mal etwas angespannt ist, andere haben auch dann noch keine Sorgen, wenn ich längst das Weite gesucht hätte. Wenn mein Pony auf dem Anhänger mal ein paar Sekunden ramentert, ist das für mich ein Alarmsignal – andere finden es total normal dass es die ganze Fahrt über poltert und scheppert im Anhänger.

Ständig vergleichen wir Dinge die wir sehen, erleben oder tun. Wir legen unser eigenes inneres Maßband an und lesen etwas darauf ab. Das halten wir dann für wahr. Es tut uns gut, wenn wir gelegentlich jemand anders bitten, mal mit seinem Maßband nachzumessen und uns zu sagen, was er oder sie da sieht. Da können erstaunliche Dinge raus kommen. Wir müssen das Maß des anderen nicht glauben, gut finden oder akzeptieren. Aber es uns mal anschauen, das wäre schon gut. Denn ab und zu muss unser inneres Maßband neu geeicht werden. Und da es keinen Eichmeter gibt für diesen Zweck, müssen wir das selbst tun – mit einem Blick über unseren Tellerrand.

Bin ich trotzdem „Distanzreiter“ auch wenn ich „nur“ einen kleinen Einführungsritt reite, dafür ewig trainiere und es als große Leistung empfinde? In den Augen mancher vielleicht nicht. In meinen eigenen Augen schon. Und so schreibe ich an dieser Stelle zwei Kennzeichnungen an mein Maßband: „großartig aus meiner Sicht“ steht auf der einen Seite und „viel Luft nach oben“ steht auf der anderen Seite. Das ist ok. Und irgendwann werde ich vielleicht etwas anderes an diese Stelle schreiben, wer weiß. Dann steht da vielleicht „erledigt“ oder „leicht“.

Jetzt dauert es erst mal noch mindestens 1,5 Jahre bis es überhaupt so weit ist – aber wir brauchen schließlich auch Ziele, der Ritter und ich. Und dieses eine ist schon lange markiert, auch wenn mein Zielpunkt für andere vielleicht eher der Startpunkt ist.

Mit Finlay hatte ich 2018 dieses wunderbaren Trainingsjahr, in dem wir von Ausritt zu Ausritt längere Strecken geschafft haben und in dem sich Maßstäbe verschoben haben in der Zeit von Januar bis September. Das – nicht nur der eigentliche Distanzritt – macht für mich den Spaß am Distanzreiten aus. Zuschauen, wie man besser wird. Grenzen ausloten, überlegen, wie man noch besser werden kann. Beim Distanzreiten ist das so wunderbar objektiv messbar: Strecke und Zeit sind unbestechliche Richter. Aber auch für alle anderen Projekte die wir so haben, suche ich immer nach Kriterien, woran ich Verbesserung erkennen kann. Und auch die markiere ich auf meinem inneren Maßstab. Und den krabbeln wir dann kontinuierlich nach oben, Sir Duncan und ich. Und weil wir immer besser werden, kann es mir egal sein, wo wir uns auf dem Maßstab anderer Leute befinden – auch wenn ich aus Neugierde mal kurz nachgeschaut habe.

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