Die Leichtigkeit des Seins

Ich sitze am Fenster und starre gebannt nach draußen, wo Sturmtief „Sabine“ sich noch etwas auslässt. Das schlimmste ist vorbei, aber es ist noch recht windig und gelegentlich prasselt der Regen waagrecht ans Fenster. In den trockenen Zeiten jedoch findet vor meinen Augen ein nie dagewesenes Schauspiel statt und ich bin völlig fasziniert: Diego spielt.

Diego ist nun seit über 7 Jahren bei uns.

Arnulf hatte beschlossen, dass er ein eigenes Pferd haben möchte und auf einem Kurs sahen wir Diego. Es hat sofort gefunkt und tatsächlich stand Diego zum Verkauf!

Arnulf und ich fuhren also hin um ihn anzuschauen und Arnulf hatte sich vorgenommen, etwas mit Diego zu üben was der (wahrscheinlich) noch nicht kennt, weil er wissen wollte, wie Diego auf unbekannte Anforderungen reagiert. Ich unterhielt mich mit der Besitzerin am Rande des Reitplatzes und schaute nur gelegentlich wie Mann und Pferd vor einer Stange standen und Arnulf versuchte, Diego dazu zu bringen, einzelne Füße über die Stange zu nehmen und dann jeweils stehenzubleiben. Plötzlich hörte ich lautes Lachen – in diesem Moment war mir klar, dass Diego bei uns einziehen würde. Ich selbst musste auch herzhaft lachen als ich hochschaute und sah, dass Diego sich meisterlich mit beiden Vorderhufen AUF die Stange gestellt hatte, dort angestrengt balancierte und Arnulf mit einem Blick anschaute der eindeutig sagte „jetzt hab ich es! DAS wolltest Du!“

Diego wurde also Arnulfs Pferd und zog hier ein. Bei der Vorbesitzerin kam er in der Herde überhaupt nicht klar, wurde gemobbt und ließ sich mobben. Mit Merlin verstand er sich aber sofort gut und dann waren hier noch die zwei Shettys die ja eh kaum ernstgenommen werden. Merlin war damals hier der Chef (und was für ein schlechter! Er ist dafür wirklich total ungeeignet. Er möchte viel lieber hinter jemandem herlaufen können und die Verantwortung abgeben.)

Nach einem halben Jahr, in einer Winternacht, hat sich das gedreht. Ich kam in den Stall und plötzlich war Diego der Chef! Und Merlin hatte tüchtig Respekt vor ihm. Ich hatte die beiden vorher nie streiten sehen und weiß bis heute nicht, was da wohl vor sich ging. Seitdem jedenfalls ist Diego hier Herdenchef und er macht das wirklich gut. Er ist souverän, großzügig und freundlich und kann vor allem in gefährlichen Situationen sehr gut Sicherheit vermitteln. (Wenn er es einmal nicht kann, holt er Arnulf zu Hilfe, aber das ist eine andere Geschichte).

Nur eine Sache hat Diego noch nie getan: spielen. Als Finlay mit 2 Jahren hier einzog war ich eigentlich der Meinung, das wäre der perfekte Spielpartner für Diego. Aber Finlay hat mit Merlin und Caruso gespielt, später vor allem mit Gatsby (Schotten unter sich). Bei Diego hat er mal klitzekleine Ansätze gemacht, aber es hat nicht geklappt. Diego hat so einen Gesichtsausdruck mit angelegten Ohren, der jeden in die Flucht schlägt, obwohl Diego es in diesen Situationen wohl gar nicht so meint.

Sagte ich, er schlägt jeden in die Flucht? Nein, nicht jeden. Ein kleiner, mutiger, unbeugsamer Ritter lässt sich davon nicht beeindrucken. Weil Diego vorne zu fies guckt um sich ran zu wagen, kommt Duncan eben erst mal von hinten. Da wird herzhaft gekniffen bis Diego sich umdreht und spielerisch antwortet. Dann saust der Ritter erstmal eine Runde um den Großen herum und kommt wieder von hinten.

Bei den ersten Versuchen wirkt Diego unsicher und angestrengt. Als wenn er gar nicht so recht wüsste wie das geht: Spielen. Aber Duncan gibt nicht auf. Er kommt wieder und wieder, wann immer sich die Gelegenheit ergibt.

Und die beste Gelegenheit ist eben jetzt: wegen des Sturms haben wir den Rundlauf um die Weide gesperrt, falls Äste auf den Zaun fallen. Der Paddock ist also deutlich kleiner als sonst. Und wegen des Regens, den die Ponys dann so ab 60 Grad Seitneigung auch nicht mehr lustig finden, stehen sie viel drin. Aber wenn es dann mal nicht regnet, dann merkt Duncan, dass er viel Energie übrig hat und die muss jetzt irgendwo hin.

Und so sitze ich am Fenster und staune, wie Diegos Bewegungen sich nach und nach verändern. Sein Gesicht wird weicher, seine Bewegungen werden runder, er fängt an, Gefallen an der Sache zu finden. Er probiert aus, was man da so alles machen kann: einfach mal in die Luft springen, mit dem Vorderhuf nach vorne schlagen, hinten hochhüpfen und natürlich hauptsächlich mit weit aufgerissenem Maul nach dem kleinen Zwerg haschen. Der Zwerg läuft immer um Diego herum, zwickt ihn hier und da und steigt ihn schließlich immer wieder an. Zu meinem Erstaunen lässt Diego sich sogar gefallen, dass Duncan die Vorderhufe auf ihm ablegt!

Duncan zeigt Diego die Leichtigkeit des Seins und der spielerischen Kommunikation. Und Diego zeigt mir etwas, womit ich in letzter Zeit sehr zu kämpfen habe: den Mut, eine neue, andere und vielleicht in Teilen sogar bessere Beziehung einzugehen.

Ich tue mich so schwer damit, ich kann es kaum aufschreiben. Aber ich glaube, Duncan ist vielleicht ein besserer Freund für Diego als Finlay es je war. So jetzt ist es raus.

Finlay war Diegos Baby. Wenn Diego sich hingelegt hat, hat Finlay sich auf Tuchfühlung daneben gelegt. Manchmal war Diego sehr genervt, weil Finlay so nah lag, dass er seine Beine nicht ausstrecken konnte. Diego war Finlays Papa, sein Beschützer und sein Held. Finlay konnte auch immer mal ganz gut die anderen ärgern und sich dann hinter Diego verstecken.

Ich konnte mir keine bessere Freundschaft vorstellen und manchmal packte mich das Grauen, bei der Vorstellung dass der 8 Jahre ältere Diego selbstverständlich der erste von beiden ist der stirbt. Und Finlay würde dann fast sein ganzes Leben mit Diego verbracht haben und plötzlich ohne ihn sein müssen.

Im Leben hätte ich natürlich nicht geglaubt, dass Finlay zuerst geht! Aber als er tot war, dachte ich, es zerreißt mich, als ich Diego gesehen habe. Sein Ziehsohn, sein Baby, einfach weg. Diego war lange Zeit still. Nichts auffälliges, weltbewegendes. Aber er war stiller als sonst. Er war nicht ganz gesund und er wirkte sehr einsam auf mich.

Und jetzt ist da Klein-Duncan. Und so klein und jung er auch ist: er begegnet Diego anders. Er hat keine Angst vor ihm. Er bewundert ihn, aber er braucht ihn nicht als Beschützer. Sie begegnen sich – so mein Eindruck – sehr viel mehr auf Augenhöhe. Schon oft habe ich beobachten können, wie Duncan neben Diego steht und aufpasst, während Diego schläft. Und während Duncan fast den ganzen Tag damit beschäftigt ist, Diego zu folgen wie ein kleiner Schatten und ihm alles nachzumachen, wirkt er doch (wie es eben bei ihm immer so ist) nicht wie ein Baby. Im Gegensatz zu Finlay, der auch mit 8 Jahren noch Diegos Baby war – inklusive Fohlenkauen. Duncan sieht in Diego vielleicht eher einen Lehrmeister. Und eben etwas was noch keiner in Diego gesehen hat: einen Spielkameraden.

Und Diego scheint nicht zu vergleichen. Es macht ihm nichts, dass die Beziehung zu Duncan anders ist als die zu Finlay. Vielleicht hat er ja (wie ich) aus der Beziehung zu Finlay auch gelernt, vielleicht hat er die Zeit mit Finlay gebraucht um seine Mobbing-Erfahrungen abzulegen und sich sicher zu sein, dass niemand hier ihm etwas böses will. Vielleicht hätte es vor 7 Jahren mit Duncan auch nicht geklappt. Für Diego spielt das keine Rolle. Er lässt sich hier und jetzt auf Duncan ein. Er vergleicht auch sich selbst nicht mit dem selbst von damals. Er lernt und entwickelt sich und ist heute so, wie er heute ist, egal was früher war.

Nur ich, ich kämpfe damit. Ob Dinge mit Duncan leichter und besser klappen dürfen als mit Finlay. Ob ich mir erlauben kann, zu sagen „er kann das besser als Finlay“. Ob ich lernen kann, dass das meinen geliebten Finlay nicht abwertet, dass der nur einfach andere Qualitäten hatte. Natürlich werden auch noch Momente kommen, wo ich sage „das konnte Finlay besser“ oder „das war mit Finlay einfacher“. Und ob ich mir erlauben kann, dass es mir leichter fällt, Duncan auszubilden als es mir bei Finlay fiel – weil ich mehr Erfahrung habe, weil ich selbst gelernt habe und gewachsen bin. Darf es einfacher sein?

Arnulf schrieb mir einmal „Duncan ist das beste Highlandpony der Welt“. Das war so einer dieser Momente…. Was? Das beste Highlandpony der Welt, das war doch immer Finlay. Aber Finlay ist jetzt wohl das beste Highlandpony im Himmel…..

und natürlich müssen wir Pferdebesitzer wohl immer auch akzeptieren dass die Lebensspanne unserer Pferde kürzer ist als die unsere und dass es wahrscheinlich ist, dass nach dem jetzigen Pferd noch eines kommt. Wenn Merlin eines Tages (hoffentlich in ferner Zukunft) zu Finlay geht, dann wird es sicher noch einmal ein Nachwuchspferd für mich geben. Und sicher wird dieses Pferd „besser“ sein als Merlin, weil ich weniger Fehler machen werde. Aber Finlay hat mich eben so früh verlassen, so ungeplant. Ich war noch gar nicht fertig damit, ihn auszubilden. Eigentlich ist man das nie, aber wenn mein Merlin sich doch irgendwann dem Alter beugen muss, dann ist eben Schluss mit Ausbildung. Dann genießen wir den Rest unserer Zeit mit sinkendem Leistungsanspruch. Und so ist er dann eben doch „fertig“ ausgebildet. Finlay war das nie. Finlay sollte noch 20 Jahre lang mit mir zusammen besser werden. Und das macht es für mich so schwer, zu akzeptieren, dass Duncan „besser“ wird, wahrscheinlich „besser“ als Finlay es je war, je werden konnte.

Viele meiner Schüler haben „gebrauchte“ Pferde. Pferde, die schon einiges erlebt haben. Auch Diego, Merlin und Caruso sind mit „Gepäck“ bei uns eingezogen.

Duncan hingegen ist unverbraucht. Ich bin hier diejenige, die mit „Gepäck“ in die Beziehung startet. Es ist ein bißchen verkehrte Welt, dass mein kleiner Jährling mit all meinen seelischen Problemen umgehen muss. Denn machen wir uns nichts vor: natürlich nimmt er das wahr. Er ist ja auch nicht blöd und wenn ich heulend neben ihm herlaufe weil mich etwas an Finlays letzte Stunde erinnert hat, dann merkt er ja, dass ich nicht „Frau der Lage“ bin.

Das erstaunliche ist: er kommt damit zurecht.

Als ich ihn hier her geholt habe, hatte ich mir das ja alles ganz anders vorgestellt. Ich dachte, er steht hier das erste halbe Jahr nur in der Herde, wir machen Freedom Based Training und ich gehe einfach weg wenn es mir zu schlecht geht um mit ihm zu arbeiten. Aber er will mehr und er ist bereit, dabei hinzunehmen dass es diese Momente bei mir gibt. Diese Augenblicke, in denen ich in der Hölle bin und er mehr auf mich aufpasst und mich auffängt als ich auf ihn.

Und er ist stark genug das auszuhalten. Er ruht gut genug in sich – klein wie er nunmal ist – um mich aufzufangen in diesen Momenten. Ich wollte das nicht, wollte den Zwerg nicht mit meiner Vergangenheit belasten. Aber da er so ist wie er ist, passiert es nun doch. Und vielleicht ist es eine Illusion dass es anders gegangen wäre. Vielleicht hätte er es sowieso mit getragen auch wenn ich nicht so viel mit ihm machen würde. Einfach weil er da ist.

Und weil er nur da ist, weil Finlay nicht mehr da ist. Er hat nunmal einen „gebrauchten“ Menschen erwischt…

Duncan tut das für mich, was wir für unsere Pferde getan haben und wobei wir unzähligen Schülern und ihren Pferden geholfen haben: Er hilft mir, zurückzufinden in die Leichtigkeit des Seins. Und ich hoffe, dass er in ein paar Jahren sagt: „Mein Mädchen hat am Anfang ganz schön Probleme gehabt, aber wir haben es hinbekommen und jetzt ist sie eine tolle Partnerin in allen Lebenslagen“

Und in der Zwischenzeit bringt er ganz nebenbei Diego auch noch das Spielen bei.

Was für ein feiner Kerl!

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: