Üben

„Ich konnte Finlay nun also von beiden Seiten im Schritt führen,
anhalten und rückwärts schicken. Der nächste logische Schritt war
der Trab. Aber noch bevor ich an dem Punkt war, das mit ihm üben
zu wollen, kam ein Tag an dem wir ihm die Hufe geraspelt hatten
und ich gerne sein Gangbild überprüfen wollten weil ich nicht
sicher war ob er lahmte.


1 Jahr alt (auf der Hengstkoppel)

Dazu will ich ihn am Halfter und Strick im Trab über die Koppel
führen. Da er es im Schritt in Dur und Moll kennt, habe ich keine
Bedenken, dass es auch im Trab klappen wird. Allerdings wird die
Trabaktion doch deutlich stressiger und aufgeregter als ich es
gedacht hatte. Ich versuche, Finn mit dem Stick von hinten
anzutreiben, erst geht er nicht, dann schießt er an mir vorbei,
rennt in den Strick, dreht sich um, glaubt, ich würde ihn
wegschicken und hat sehr viele Fragezeichen im Gesicht.
Ich hake es ab als „müssen wir noch üben“. Gelahmt hatte er nicht,
also keine Eile. Die Lösung kam Monate später von selbst zu mir…“

(Aus meinem immer noch unveröffentlichten Buch)

Damals, als mein Finlay noch lebte und ich das Buch gerade fertig schrieb, gab ich einigen Menschen Ausschnitte davon zu lesen. Eine Schülerin, die das Kapitel gelesen hatte, aus dem der obige Auszug stammt, gab mir eine erstaunliche Rückmeldung: „müssen wir noch üben“ war für sie ein Schlüsselsatz. Weil er so undramatisch ist. Kein „oh das hat nicht geklappt“ oder „das müsste er doch können“ oder „warum funktioniert das nicht“. Nur ein lapidares: „müssen wir noch üben“.

Eben jener Satz begegnete mir neulich wieder, im Podcast von Gut Hartenstein, beim Thema Verladetraining. Obwohl Anna zunächst erzählt, dass sie mit ihren eigenen Pferden das Verladen kaum übt, erklärt sie später einige Situationen die sie mit Berittpferden erlebt hat. Und an einer Stelle sagt sie, genau so lapidar wie es in meinem Buch steht, „muss noch geübt werden“. Kein Drama, nix schlimmes.

Warum wird so oft ein Drama daraus gemacht? Ich glaube, es hat etwas mit der eigenen Erwartung zu tun. Profis wie Anna wissen, wie und was zu üben ist und dass das funktionieren wird. Dass man vorher nicht unbedingt sagen kann, wie lange das dauert, aber dass früher oder später das Problem gelöst sein wird. Das macht zuversichtlich. Und da das Pferd auf diese Zuversicht reagiert, ist das Problem damit auch schon halb gelöst.

Und weil ich weiß, dass das so ist, gestehe ich nicht nur meinem Pferd zu, dass es Dinge üben muss, sondern auch mir selbst. Wenn ich im Freedom Based Training mal wieder zu langsam oder falsch reagiert habe und im Nachhinein bemerke, was ich eigentlich hätte tun wollen, dann tröste ich mich damit, dass ich so etwas eben noch üben muss, bis ich es richtig gut kann. Ich weiß, dass die Tatsache, dass ich verstanden habe, wann was zu tun ist, nicht bedeutet, dass mein Unterbewusstsein mir schon helfen kann, schneller zu reagieren. Ich weiß, dass es Wiederholungen braucht, bis es schneller geht. Und dass ich bis dahin damit leben muss, dass ich aus Sicht meines Ponys vieles falsch mache. Zum Glück bin ich in anderen Bereichen geübt genug um vieles richtig zu machen. Wäre ich das nicht, wäre ein junger Hengst sicher das falsche Modell für mich. Deswegen bin ich so dankbar, dass ich 20 Jahre von Merlin lernen durfte (und es noch tue), der aufgrund seines entspannten Naturells sehr viel mehr Fehler verzeiht als der energetische, manchmal sehr impulsive Ritter meines Herzens.

Vielleicht üben wir ja auch beide: ich übe, besser zu werden im Freedom Based Training, er übt, mit meinen Fehlern und Schwächen besser klar zu kommen. Vielleicht wird auch er eines Tages nur noch mit den Augen rollen, wenn ich es wieder mal verbockt habe, und genau wie Merlin oder Diego sagen „ach, Mädchen, ich weiß ja dass Du es gut meinst. Auch wenn Du Mist machst.“.

Üben hilft. Allerdings natürlich auch nur dann, wenn man das richtige übt. Deswegen zählt für mich zum üben auch die Erfolgskontrolle – durch mich selbst und durch jemanden der von außen drauf schaut. Jeder Reiter hat wohl schon einmal erlebt, wie falsch sich der richtige Sitz anfühlen kann. „Üben“ kann dann bedeuten, etwas, was sich falsch anfühlt so lange zu wiederholen bis der Körper es als richtig empfindet. Leider geht das eben auch in die andere Richtung und ruckzuck haben wir Blödsinn eingeübt. Deswegen kann üben immer nur ein Baustein sein, aber es ist ein wichtiger Baustein. Bei manchen Sachen reicht Verstehen, aber gerade wenn es etwas komplizierter wird, braucht es eben auch Übung. Und üben bedeutet nicht stumpfes Wiederholen. Üben kann in verschiedenen Versionen stattfinden und etwas sehr kreatives sein. Je mehr wir uns einfallen lassen, desto besser wird das geübte nachher klappen.

Duncan ist jetzt in einem Alter, in dem wir wirklich ans Üben kommen. Bisher ging es ja immer nur ums Verstehen. Jetzt wird es mal komplizierter – so ein Seitengang ist halt nix was man mal so eben versteht und dann perfekt kann. Da darf wiederholt und daran gefeilt werden. Und er ist bereit, das zu tun – im Gegensatz zu letztem Jahr, wo er Wiederholung voll blöde fand. Anscheinend ist die geistige Reife dafür jetzt da.

In der Reiterwelt scheint üben manchmal verpönt zu sein. Immer mal wieder meinen Menschen, wenn sie nur richtig sitzen und reiten oder die richtige Körpersprache haben, muss das alles von allein klappen. Aber wenn man den Profis genau zuhört, wird man lernen, dass die alle üben. Nicht nur mit ihren Pferden, sondern auch ständig für sich selbst. Eigentlich besteht fast alles, was wir mit den Pferden tun, aus üben. Und wenn wir es so betrachten, gibt es gar keinen Grund, sich zu ärgern, wenn etwas nicht klappt. Wir wissen dann nur, was wir mehr üben müssen – oder vielleicht anders. So wie bei Finlay damals, der mich lehrte, dass weniger mehr ist. Denn als wir dann das Antraben nur über ein inneres Bild probierten, klappte es auf Anhieb. Es war also in diesem Fall nicht ER der etwas üben musste, sondern ICH – nämlich meine inneren Bilder klar zu haben. Und daran übe ich bis heute.

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