Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 241

Diego war im Pferdekrankenhaus! Ich war da ja letzten Sommer, wegen Bauchweh. Diego nicht, der hat kein Bauchweh. Zumindest sagt er nix davon. Aber er sabbert immer so und kaut obwohl er gar kein Futter im Maul hat. Und das kam meinem Mädchen verdächtig vor, deswegen wurde er untersucht. Damit die Menschen seinen Magen anschauen können, muss der aber leer sein und das heißt, der arme Kerl musste Montag abend ins Krankenhaus und durfte die ganze Nacht nix essen! Also so richtig gar nix, nixnix, nicht den kleinsten Heuhalm oder Keks oder irgendwas! Schlimm.

Am Dienstag haben sie ihn dann untersucht. Zum Glück ist sein Magen nur ein ganz klein bisschen gereizt, mein Mädchen sagt das kriegen wir schnell wieder hin. Dienstag nachmittag war er dann auch schon wieder zu hause. Und ganz erleichtert, dass er es hinter sich hatte.

Während Diego weg war, hab ich hier die Stellung gehalten. Es ist nämlich nicht so, dass wir hier nur Däumchen drehen würden. Wir besuchen zum Beispiel jeden Tag die Nachbarn und halten einen Schnack über den Zaun. Das mache ich normalerweise mit Diego zusammen aber jetzt hab ich es halt allein übernommen. Gatsby, Merlin und Caruso wollten nicht mit.

Da hinter den Büschen stehen die Nachbarn, sehr ihr sie?

Außerdem schneiden wir immer sorgfältig den Zaun frei, das ist ja wichtig. Hab ich dann auch allein gemacht. Und ich habe die Zeit genutzt, um mit Gatsby zu spielen und mit ihm abzuhängen.

Zaun frei schneiden
Mit Gatsby rumhängen

Trotzdem war ich froh, als Diego wieder da war, gemeinsam macht das alles doch mehr Spaß!

Zum Glück ist Diego wieder zu Hause!

Euer Stellvertreter Sir Duncan Dhu of Nakel

Schichten

„Oger sind wie Zwiebeln“ – es tut mir leid ich kann mir diesen einleitenden Satz nicht verkneifen, auch wenn nicht alle die Anspielung auf Shrek verstehen werden. „Zwiebeln haben Schichten, Oger haben Schichten!“

Als Arnulf und ich geheiratet haben, hat meine Mutter uns eine Zwiebel geschenkt. Weil eine Ehe auch Schichten hat. Und einen manchmal zum weinen bringt.

Auch die Beziehung zu unserem Pferd hat Schichten und vor allem das Verhalten unseres Pferdes. Ich stelle es mir manchmal wie einen Eisberg vor: das meiste davon liegt im Verborgenen. Zumindest so lang bis wir mal unter die Wasseroberfläche tauchen und nachsehen was da so los ist. Oder bis wir – manchmal mit einem Tränchen im Auge – die Zwiebel so weit Schicht für Schicht auseinander nehmen bis wir auf „der Zwiebel Kern“ treffen.

Viel zu oft – finde ich – wird nur an Verhaltensweisen herumgedoktert. Wenn ich zu einer neuen Schülerin komme, frage ich ja immer was ich wohl so tun könnte für dieses Pferd und diesen Menschen. Ganz oft werden dann bestimmte Verhaltensweisen des Pferdes genannt, die der Menschen gern nicht mehr oder im Gegenteil öfter sehen möchte. Dann fangen wir an, das Verhalten zu trainieren oder durch ein anderes zu ersetzen – je nachdem. Oft funktioniert das ja auch ganz gut. Aber es gibt eben Ausnahmen. Inzwischen fange ich an, diese Ausnahmen schon früher zu erkennen. Nicht so sehr am Pferd und seinem Verhalten, sondern daran, wie der Mensch mir das Problem beschreibt. Dann ahne ich: wir haben Schichten abzutragen um die Ursache zu finden.

Manche Pferde zeigen einem das eigentliche Problem ganz schnell. Wenn ich dann die Besitzerin darauf hin weise, ist das Thema schnell erledigt. Aber manche Pferde verstecken Themen gut. Manche reagieren sehr stark auf Dinge, die für mich schlecht zu sehen sind. Mein Lieblingsbeispiel ist hier immer ein bestimmter Tinker. Es hat mich viel Zeit gekostet, dahinter zu kommen, warum er manchmal so „aufgibt“ und erst gar nicht mehr versucht, es richtig zu machen, obwohl er eigentlich ein engagierter Kerl ist. Die Ursache war, dass seine Reiterin sich selbst kritisierte. In ihrem Kopf war diese Stimme die ihr nach dem ersten misslungenen Versuch böse Worte sagte wie „ich kann das nicht, ich bin zu blöd“. Und der Tinker „hörte“ diese Worte und bezog sie anscheinend auf sich. Es war Kritik im Raum und er dachte, er ist schuld. Oder er hatte das Gefühl, dass der Mensch aufgibt und hat da einfach mitgemacht beim Aufgeben – wer weiß. Sobald die Reiterin aufhörte, sich selbst zu kritisieren, war jedenfalls auch ihr Pony mit vollem Einsatz dabei.

Seit diesem Erlebnis frage ich noch öfter bei meinen Schülerinnen nach: was denkst Du? Wo ist Deine Aufmerksamkeit? Das kann schon mal recht privat werden, gleichzeitig ist es sich oft sehr ähnlich und ich denke, wir können uns sicher sein, dass fast alle mal solche Dinge denken. „Es reicht nicht“ sagt eine gern. Ihr Pony erträgt diese Gedanken mit Fassung, er hat genug Selbstbewusstsein, aber als sie einmal Diego geritten ist, blockierte der ziemlich stark. Ging nicht vorwärts, wirkte verunsichert. Denn auch Diego kann Kritik gar nicht gut verknusen. „Es reicht nicht“ kam bei ihm an und schon war er wie gelähmt.

Bei manchen Pferden wurde auch einfach eine bestimmte Eigenschaft so lange gefördert, bis sie zum Problem wurde. Zum Beispiel bei jenem Wallach, der sich so gern präsentiert, der so gern steigt oder spanischen Schritt anbietet oder lustige Gesichter schneidet und der jetzt nicht mehr normal traben kann, weil er gar nicht weiß, wie man so etwas „langweiliges“ tut und warum. Ein überdrehter kleiner Adrenalinjunkie, der nur noch die spektakulärsten Lektionen im Angebot hat und dadurch gar nicht mehr normal sein kann. Als hätte man einen Clown so oft auf die Bühne geschickt bis er nicht mehr ins Leben außerhalb seines Kostüms zurück findet und kein normales Gespräch mehr führen kann. Und alles Training, das bisher stattgefunden hat, war zum Scheitern verurteilt, weil es sich nur um einzelne Verhaltensweisen drehte und die Ursache nicht zu packen kriegte.

Schichten frei zu legen kann mühsam sein. Ich persönlich finde es wahnsinnig interessant, aber wenn es das eigene Pferd ist, kann es einen sehr verunsichern und anstrengen, das ist klar. Wer sich das traut und aushält, dass wir in jeder Unterrichtsstunde noch etwas weiter „wühlen“ bis wir schließlich an einen Punkt kommen an dem wir merkliche Fortschritte machen, wird reichlich belohnt. Zum Glück treffe ich immer öfter auf Menschen, die sich das trauen.

Das ganze ist übrigens gar nicht esoterisch, auch wenn es manchmal so rüber kommt. Ich möchte das betonen, weil ich selbst mittlerweile oft angenervt reagiere auf „das Pferd ist Dein Spiegel“ und „jeder bekommt das Pferd das er braucht“. Kann ja jeder glauben was er will, aber ich bin da pragmatisch: ein Mensch und ein Pferd sind zusammen – warum auch immer. Und wenn ich nicht das Gefühl habe, dass das auf keinen Fall was werden kann, werde ich alles daran setzen, den beiden zu helfen, gut klar zu kommen. Dass Pferde so sensibel auf unsere Gedanken reagieren, liegt an ihrer unbeschreiblich guten Fähigkeit, unsere Körpersprache zu lesen – selbst dann wenn sie uns nicht direkt anschauen können, weil wir auf ihrem Rücken sitzen oder hinter ihnen her laufen. Und wie jeder Mensch so ist auch jedes Pferd zunächst eine Art „Blackbox“. Wir tun etwas vorne rein und dann müssen wir abwarten, was das Pferd daraus macht. Wenn wir die Augen auf machen und bereit sind, wirklich das anzuschauen, was das Pferd aus der Information, die wir ihm geben, macht (und nicht das zu sehen was wir sehen wollen) können wir viele Stolperfallen vermeiden und uns das schälen zwiebeliger Schichten später sparen. Wenn die Schichten schon da sind können wir ewig unzufrieden bleiben oder wir können das Thema angehen und wagen, etwas zu ändern. Die Pferde – so ist jedenfalls meine Erfahrung – sind immer zur Veränderung bereit.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 240

So, die Waage war da! Mein Mädchen war wieder erstaunt, ich bin kaum schwerer geworden. Sie sagt, das liegt daran, weil ich den ganzen Tag spiele und dabei jeden Heuhalm verbrenne den ich vorher gegessen habe. 377 kg habe ich auf die Waage gebracht! Dann haben die mich noch gemessen. Die machen das anders als der Mann, nix mit an der Wand stehen und so. Die haben ein richtiges Stockmaß. Nur muss es wohl kaputt sein, denn es hat nur 139cm angezeigt! Oder mein Mädchen hat meine Hufe zu kurz geraspelt. Wo der Mann doch neulich 141cm gemessen hatte! Wir haben uns jetzt einfach auf die Mitte geeinigt, also bin ich 140cm groß. Aber im Herzen ja viel größer, ist doch klar. Mein Mädchen meinte, ich soll doch jetzt wirklich mal wachsen und Breite und so. Die Waagefrau meinte, es sei sehr gut, dass ich so langsam wachse und eben nicht so schnell schwerer werde. Und da musste mein Mädchen zugeben, dass das wohl stimmt, weil es gesünder ist, sich beim wachsen mehr Zeit zu lassen. Ich soll ja lange halten! Siehst Du, mein Mädchen!

Waage kann ich. Das ist leicht.

Alle anderen hier waren auch auf der Waage. Sogar Gatsby hat sich getraut! Merlin konnte das natürlich auch ohne Halfter, der Streber. Diego hat immer ein bisschen Angst vorm Wiegen, weil da so blöde Zahlen raus kommen und mein Mädchen dann immer streng guckt und böse Worte sagt („Diät“, „Abnehmen“ und „Sport“).

Nach dem Wiegetermin haben wir zum Glück noch einen schönen Ausflug gemacht. Ich hatte nämlich schon wieder dezenten Energieüberschuss! Leider ist mir ein Missgeschick passiert und ich hab mein Mädchen in den Arm gekniffen. Ach herrje das gab vielleicht Ärger! Mein Mädchen war stinksauer. Dann hat sie gesagt ich muss so lange Abbitte leisten wie ihr Arm weh tut. Und das war lang, sage ich Euch! Ich bin dann lieber mal ganz artig neben ihr her gegangen und habe keinen Mucks mehr gemacht. Und mein Mädchen hat sich beim Mann beschwert, ich hätte schon wieder Pubertät und mein großer Bruder wäre schon so schön erwachsen gewesen – mit dem hat sie das ja auch alles durch und jetzt nochmal mit mir, das findet sie nicht fair. Kann ich aber auch nix für! Zur Entschuldigung hab ich sie dann den Berg hoch geschleppt. Ui das war da doch ganz schön steil für hiesige Verhältnisse! Ich hatte dann den Vorschlag gemacht, dass wir das besser mal im Trab machen könnten. Weil mit Schwung kommt man so einen Berg besser hoch! Aber mein Mädchen meinte, ich sollte das mal schön im Schritt machen. Da musste ich die Pobacken aber zusammen kneifen! Im Video kann man leider gar nicht so gut sehen wie steil das da ist. Aber ich hab sie da den ganzen Weg hoch geschleppt!

Den ganzen Berg hoch hab ich sie getragen!

Danach war sie wieder lieb mit mir, ist abgestiegen und wir haben eine Graspause gemacht. Als wir dann später fast zu hause waren ist sie wieder aufgestiegen und ich habe sie auch noch den Berg vor unserer Haustür hoch getragen. Der ist ziemlich klein aber ich fand trotzdem, dass traben das Mittel der Wahl wäre. Nein, wollte sie nicht. Gekichert hat sie und gesagt, ich wäre ja schon wieder schneller als sie – weil sie ja schon die perfekte Trabstrecke gefunden hat für in ein paar Wochen. Tsss in ein paar Wochen sind wir alt und grau mein Mädchen, was du heute kannst besorgen…. nein, Schritt sollte ich gehen. Na gut, wenn es sein muss.

Euer 377kg – Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 239

Gestern hat mein Mädchen mich geholt und mir die Schuhe angezogen. Oh fein! Das gibt bestimmt ein Abenteuer! Aber Pustekuchen – sie hatte was ganz anderes vor! Sie hat mir Wasser in die Puschen gegossen! Igitt, das ist doch nass! Danach hat sie mich mitsamt den nassen Puschen zum Heu fressen geschickt. Hm. Während wir Heu gefressen haben, kam sie noch mit der Gießkanne und hat mir mehr Wasser an die Hufe gekippt. Ist sie verrückt geworden? Diego und Merlin hatten auch Schuhe an und haben auch was abgekriegt aus der Gießkanne. Mein Mädchen wollte uns nämlich die Hufe schön machen und weil es so trocken ist, sind die hart wie Stein. Deswegen hat sie sie ein bisschen eingeweicht. Also als das Heu weg gemampft war, hat sie dann die Raspelmaschine geschwungen und mich hübsch gemacht. War ganz schön nötig!

Anschließend sind wir noch auf den „Sommerreitplatz“ gegangen. In Wirklichkeit ist das ja nur ein abgezäuntes Stück Weide. Wir Ponys waren ganz aufgeregt, weil wir gedacht haben, es ginge endlich los mit anweiden! Aber schon wieder Fehlanzeige. Nur ich durfte mit raus und wir haben „Bauch, Beine, Po“ gemacht. Weil der Sommerreitplatz nämlich ganz schräg ist und es da also immer bergauf und bergab geht. Das war schwer, sage ich Euch! Nicht wegen bergauf und bergab sondern weil ich kein Gras essen sollte! Erst habe ich eine Diskussion gestartet. Aber mein Mädchen war unerbittlich und hat gesagt, ich darf nur auf Ansage grasen. Jetzt sollte ich mal schön um sie rum laufen. Ich habe mir dann beholfen, indem ich angetrabt bin. Ich kann zwar auch im Trab nach Gras haschen und habe das auch diverse Male versucht, aber im Schritt ist es noch viel schwieriger, der Versuchung zu widerstehen. Zum Glück musste ich immer nur so 2-3 Minuten laufen und durfte dann kurz grasen. Später bin ich besser geworden und konnte auch im Schritt gehen ohne zu naschen. Und nach 20 Minuten waren wir auch schon fertig und ich durfte noch 5 Minuten grasen. Leckerleckerlecker!

Leckerste Belohnung der Welt! Hab ich mir hart erarbeitet

Heute kommt die Waage. Was meint Ihr, wie schwer bin ich wohl geworden? Letzten Sommer waren es 360kg.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 238

Nach all dem Üben am Osterwochenende meinte mein Mädchen, sie braucht dringend etwas Romantik. Traf sich gut, dass sowieso Dienstag war – Ausflug mit dem Spaziergehkumpel! Ich weiß das ja immer schon vorher, weil die Wackelkiste parat steht. Dann warte ich geduldig, bis mein Mädchen mich holt. Schuhe anziehen, bürsten, rauf auf die Wackelkiste und rein ins Abenteuer! Juhuuu!

Wann holst du mich denn?

Wir haben meinen Spaziergehkumpel abgeholt und sind wieder gemeinsam in den Wald gefahren. Wie gesagt, mein Mädchen wollte Romantik. Ich nicht so, ich wollte lieber Kilometer machen. Los, sei doch nicht so langsam, mein Mädchen! Aber jetzt hat sie ja eine Lösung für das Problem. Sie klettert dann einfach auf meinen Rücken und sagt, wenn sie oben sitzt darf ich mein Schritttempo gehen. Und diesmal hat es klick gemacht bei mir! Die letzten Male hatte ich noch so viel zu tun mit der Balance. Ich musste gut auf meine Füße aufpassen und die im Griff behalten. Gerade so im Wald wo der Boden nicht ganz eben ist, fand ich das doch eine überraschend komplizierte Aufgabe und ich bin nicht ganz so schnell gegangen wie normalerweise. Aber jetzt haben meine Füße kapiert, wie das geht wenn ich mein Mädchen trage. Und sie machen ihren Job wieder ganz allein. Und was heißt das? Dass ich zügiger Schritt gehen kann! Genau so wie ich mir das immer vorgestellt habe. Nicht so im Schneckentempo neben meinem Mädchen her sondern mit Siebenmeilenstiefeln voran. Es gib nur zwei Probleme dabei. Erstens steigt sie ja immer alsbald wieder ab und läuft ein Stück, weil ich sie noch nicht so lange tragen soll. Und kaum berühren ihre Füße den Boden heißt es wieder: Geschwindigkeitsbegrenzung! Menno. Und zweitens – das war mir irgendwie nicht klar – ist der Ausflug schneller vorbei wenn man schneller voran kommt! Was, wir sind schon wieder an der Wackelkiste? Wieso das denn? Aber mein Mädchen hat versprochen, dass wir die Strecke einfach verlängern und dann passt es wieder. Ok! Bin bereit!

Los geht’s! Mein Spaziergehkumpel sieht mich nur noch von hinten!

Euer flotter Sir Duncan Dhu of Nakel

Menschen und Pferde

Es ist immer wieder interessant, wie ähnlich Menschen und Pferde sich sind. Weil alle Säugetiere sich ähnlich sind. Bei den schlechten Gewohnheiten zum Beispiel. So gut wie alle Menschen die ich kenne, wissen, dass sie schlechte Gewohnheiten haben. Sie wissen, dass man nicht durch das reine Wissen darum so eine schlechte Gewohnheit los wird. Gleichzeitig schauen sie verständnislos auf die schlechten Gewohnheiten ihres Pferdes: „warum macht er das?“ und ich darf sie dann daran erinnern, dass schlechte Gewohnheiten nichts sind, was man eben schnell mal so abschüttelt – sonst wären es keine Gewohnheiten. Oder bei der Angst: warum fürchtet das Pferd sich vor so komischen Dingen? Tja, warum fürchten Menschen sich vor Spinnen, vorm Fliegen, vor Spritzen oder im Aufzug? Die Auswahl an rational kaum oder gar nicht begründeten Ängsten ist bei Menschen wohl genauso groß wie bei Pferden.

Und warum möchte das Pferd lieber faul herum stehen als Sport machen, den es dringend bräuchte? Ui, da frag mal ein paar Menschen. Warum hat mein Pferd so eine schlechte Haltung, ein schlechtes Körpergefühl, schlechte Muskulatur? Da kenne ich auch ein paar Menschen bei denen das so ist. Warum ist mein Pferd so ungeduldig, möchte nicht gern im Gesicht angefasst werden, dafür aber ständig etwas naschen?

Es ist überraschend, wie oft ich Menschen darauf hinweisen kann, dass Menschen – inklusive ihnen selbst und meiner Wenigkeit – genau so sind. Jeder hat seine Marotten. Der eine ist faul und bewegt sich keinen Meter mehr als er muss. Der andere ist ständig am hampeln und reden und kommt nie zur Ruhe. Einer möchte ständig nah sein, der andere kann gar nicht genug Abstand haben. Und alle, alle haben schlechte Angewohnheiten. Ein Mensch knibbelt an seinen Fingernägeln, ein Pferd kaut am Strick. Und dann hat noch jeder seine Taktiken, um die anderen dazu zu bringen, das zu tun was man möchte. Mancher Mensch brüllt dazu rum und schüchtert andere ein, mancher stellt sich absichtlich ein bisschen dumm an. Wir Frauen wissen alle, dass wir oft mit einem netten Lächeln bekommen was wir wollen und sogar die Männer wissen oft, dass sie das jetzt nur tun weil eine Frau nett gelächelt hat und dass die Frau nur deswegen nett gelächelt hat, weil sie damit bekommt was sie will. Es funktioniert trotzdem. Im Straßenverkehr und an der Supermarktkasse versucht man oft, den Vordermann zu beschleunigen, indem man ihm auf die Pelle rückt – obwohl eigentlich klar sein dürfte, dass das nicht wirklich funktioniert.

Das schönste Beispiel habe ich mal in einem Podcast gehört: Wenn wir den bellenden Hund anbrüllen, dass er die Klappe halten soll. Bringt nix, weiß bei kurzem Nachdenken eigentlich jeder aus eigener Erfahrung. Aber für einen kurzen Moment bringt es eben doch etwas. Ganz kurz ist der Hund still. Und dieser kurze Moment ist für unser Gehirn die Belohnung für unser Verhalten. Also brüllen wir wieder – weil unser Gehirn das als lohnendes Verhalten abgespeichert hat obwohl es gar nicht wirklich zum Ziel geführt hat.

Für mich war das ein Aha-Moment. Es leuchtet mir total ein. Es ist der selbe Effekt warum wir Schokolade essen, die uns dick macht, Zigaretten rauchen, die uns krank machen oder eben keinen Sport machen. Unser Gehirn findet die kurzfristige Belohnung einfach zu attraktiv. Darum sind Facebook und Co so erfolgreich aber kaum einer läuft Marathon.

Und genauso geht es auch dem Pferd. Wenn mein Ritter neben mir her flitzt und durch nichts davon abzuhalten zu sein scheint, dann verstehe ich: was immer ich an Strafe oder Belohnung anbiete wird wenig Einfluss haben. Die kurzfristige Belohnung, schneller zu gehen, ist heute wichtiger als alles was ich dagegen zu bieten habe.

Nur ganz langsam lernt mein Teenager, gelegentlich die kurzfristige Belohnung, die ein Verhalten ihm bietet, lieber gegen eine langfristige einzutauschen. Das nennt sich wohl erwachsen werden. Bedürfnisaufschub, Frustrationstoleranz, Dinge die auf den ersten Blick einfach nur fies erscheinen, aber langfristig glücklicher machen. Dinge, die jedes Säugetier im laufe seines Lebens mehr oder weniger gut lernt. Je besser, desto angenehmer für alle Beteiligten. Und wenn ich meinen Teenie so anschaue und genervt bin von seinen Marotten, dann denke ich an meine Marotten. Daran, dass ich Duncan damit auch sicher oft gehörig auf die Nerven gehe. Und ich denke an den bellenden Hund und weiß: wenn ich etwas ändern will, brauche ich eine langfristig wirksame Strategie. Und vor allem bin ich zuständig, meinem Pony zu helfen beim erwachsen werden. Wenn ich dann mal diejenige bin, die ihn frustriert, um seine Frustrationstoleranz zu stärken, dann muss ich das aushalten können. Als Jungpferdebesitzerin ist es mein Job, den besten Weg dafür zu finden. Da darf ich Gehirnschmalz investieren und Zeit, Geduld und den Willen, auch nochmal die Taktik zu ändern, Unterricht zu nehmen oder mir selbst eine nützliche neue Gewohnheit zu schaffen. Je erwachsener ich bin, je mehr ich mein eigenes Gehirn mit seinen schlechten Angewohnheiten im Griff habe, je mehr Frust ich aushalten kann, je mehr ich meine Bedürfnisse auch mal hintenan stellen kann, desto besser wird mein Pony das nachher auch können. Deswegen sagt man wohl, der Umgang mit Pferden ist gut für die Charakterbildung. Von Zuckerschlecken war die irgendwie nie die Rede. Und nach diesen schlechten Nachrichten brauche ich ein Stück Schokolade, Ihr wisst schon.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 237

Neulich war wieder der schöne Spanier zu Besuch! Den kenne ich ja schon. Erst war er mit seinem Mädchen auf unserem Reitplatz und mein Mädchen hat den beiden ein paar Tipps gegeben. Aber nur wenige, weil die das schon echt gut können! Fanden wir Ponys auch – wir haben zugeschaut, wie die zwei das machen.

Wir haben genau zugeschaut was die da treiben.

Danach hat mein Mädchen mich dann dazu geholt. Während der Spanier kreuz und quer über den Reitplatz gelaufen ist, sollte ich mit meinem Mädchen anders kreuz und quer über den Reitplatz laufen. Und mich dabei total auf sie konzentrieren. Nicht den Rüssel raus hängen lassen (ok meistens hing er dann doch raus) und keinen Quatsch machen (das hab ich gut geschafft!). Dann haben wir Pause gemacht. Der Spanier stand gegenüber im Paddock und ich habe ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen. Wir haben alle etwas Heu geknabbert und ich hab mich immer bewegt, wenn der Spanier sich bewegt hat. So spannend war das! Die Menschen haben derweil zwischen uns in der Sonne gesessen Kuchen gegessen.

Links der schöne Spanier, das rechts bin ich

Dann sind wir nochmal gemeinsam auf den Reitplatz gegangen und haben die Übung wiederholt. Ooooooh es ist so schwer sich zu konzentrieren! Ich will den doch so gern näher kennen lernen, der sieht so nett aus! Wollen wir nicht Freunde sein? Mein Mädchen sagt, nur Brieffreundschaft. Also ohne anfassen! Sie meinte, wir könnten doch auch so über Körpersprache kommunizieren. Ja wie denn, wenn du mir ständig dazwischen quasselst! Also kurz und gut: ich musste mich wieder auf mein Mädchen konzentrieren. Hab ich gemacht. Auch wenn es verdammt schwer war! Und danach war sie zufrieden mit mir und hat eine Menge Kekse raus gerückt. Uff. Dann nochmal zusammen rum stehen – er auf der einen Seite des Weges und ich auf der anderen. Und dann ist er plötzlich weg gegangen! Ist wieder nach hause gewackelt worden in seiner Wackelkiste. Da war ich voll traurig! Habe ihm hinterher gewiehert und bin auf und ab getrabt, ich dachte, er bleibt bei uns und zieht hier ein! Und dann geht er einfach wieder! Menno. Das fand ich blöd. Da half auch kein Heu zum trösten. Naja, nun sind wir eben doch immer noch nur zu fünft hier. Aber ich hab ja die besten Kumpels der Welt hier, das ist auch ok. Und mein Mädchen hat gesagt, der schöne Spanier kommt uns auch mal wieder besuchen und dann versuchen wir zusammen spazieren zu gehen, wenn ich mich benehmen kann.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 236

Am Sonntag war mal wieder Mess-Tag. Ab ging’s an die Wand und dann gibt es für mich immer Kekse, ohne dass ich mich groß anstrengen muss. Der Mann holt die Wasserwaage raus und drückt damit auf meinem Hintern herum und dann guckt er wieder schief, schüttelt den Kopf, dann muss ich weg gehen, nochmal hingehen und so. Diesmal musste ich sogar ordentlich stehen wie wir es geübt haben. Wenn meine Beine parallel stehen, bin ich nämlich größer!

Also ich bin jetzt 141cm groß – und zwar vorne und hinten! Obwohl es auf dem Foto so aussieht, als ob ich hinten noch ein Stück höher wäre, aber das täuscht wohl nur. Oder der Mann hat sich vermessen. Wer weiß? Mein Mädchen sagt, es ist egal, 141cm ist schon echt gut.

Das war vor zwei Jahren, da brauchte ich dafür noch ein Halfter. Und ich war viel kleiner!
Inzwischen kann ich das ohne Halfter. Bin schließlich Profi!

Nächsten Sonntag kommt die Waage und da werde ich nicht nur gewogen, sondern auch von denen nochmal gemessen. Mal sehen was die sagen! Jeder misst ja ein bisschen anders. Ich glaube mit der Körpergröße ist es wie mit dem Tempo. Da findet mein Mädchen ja auch, dass etwas „schnell“ ist, obwohl mein Tacho „gemütlich“ anzeigt…..

Sie kann es aber nach wie vor nicht lassen, mir beim Wachsen rein zu reden. Jetzt soll ich bitte breiter werden, sagt sie. Du meine Güte, Mädchen, kannst Du das mal lassen? Ich mach das schon! Sorg Du mal lieber dafür, dass die nötigen Baumaterialien da sind. Gutes Futter muss her! Wie wäre es mal mit Weidegang, hm? Nein, da müssen wir noch warten. Das Gras ist noch zu kurz und wenn es so kurz ist, ist es nicht gesund für uns. Außerdem ist dann nachher nicht genug da, wenn wir jetzt schon was davon weg futtern. Ach menno. Es riecht schon so nach Frühling und ich höre es ganz laut wachsen! Sage ich beim Spaziergang jetzt auch immer laut und deutlich. Zum Glück darf ich dann manchmal auch was knabbern. Aber nie genug! Und dann soll ich wachsen? Wie denn? Wovon denn? Mein Mädchen meint, ich könnte ja weniger spielen und die Energie fürs Wachsen verwenden. Aber spielen ist voll wichtig! Da kann ich nun wirklich nix einsparen.

Nur meine Patin, die hat es kapiert. Die hat meinem Mädchen Ostergeld zugesteckt und dann gesagt, da wäre ja sicher auch noch eine Möhre für mich drin (mit „eine Möhre“ meinte sie natürlich einen Möhrenacker!). Und deswegen schicke ich mein Mädchen jetzt einkaufen. Sie hat nämlich genug Osternaschi geschenkt bekommen, sie braucht nix mehr! Soll sie mal schön in mich investieren, da ist es doch bestens angelegt. Ich schreib ihr schon mal einen Einkaufszettel.

Euer gewachsener Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. 141cm! Toll oder?

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 235

Meistens kann ich ja alles und mache alles richtig. Manchmal mit ein bisschen zu viel Energie, aber trotzdem richtig. Und dann gibt es diese Kleinigkeiten die ich gelegentlich vielleicht bisher noch nicht so ganz drauf hatte. Und deswegen hatte mein Mädchen ja schon letzten Herbst verkündet, jetzt sei Schluss mit Romantik und wir würden das alles voll viel üben. Zum Glück hat sie aber gar nicht so oft Lust, so was zu üben und entscheidet sich dann doch eher für die romantischen Strecken. Aber heute wollte sie es wirklich wissen und wir haben auf einer einzigen 9km- Tour alles geübt was es noch so zu üben gibt: Autobahnbrücke – allerdings die Anfängerversion, weil da gerade nur 2 Spuren befahren werden. Dafür sind wir 4 mal über die Autobahn gedackelt! Beim letzten Mal ganz ohne anhalten, Keks essen oder sonstwas. Einfach so als wäre es ein schnöder Feldweg. Kann ich jetzt!

Außerdem ging es noch durch ein fremdes Dorf und an fremden Pferden vorbei, die auch noch ganz schön spannend waren! Zwischendurch ungefähr 100 Autos – nette, die gebremst haben aber auch viele die einfach so getan haben als wären wir gar nicht da – und ein paar Trecker (da gab es auch nette und weniger nette). Das stört mich aber alles nicht.

Mein Mädchen ist jetzt völlig kaputt. Das war wohl zu viel für sie! Für mich nicht, ich hab alles gut gemacht. Sogar bei den fremden Pferden, obwohl das eine echte Herausforderung war. Die sind da rum gerannt und haben mich angewiehert! Da wollte ich doch mal einen Schnack halten und zeigen was für ein hübscher Kerl ich bin! Aber im Gegensatz zu früher, wo ich dann manchmal aus Versehen vergessen habe, dass mein Mädchen noch am Strick hängt, habe ich heute beides gleichzeitig geschafft: den fremden Pferden freundlich antworten und dann schnell zu meinem Mädchen gucken und den Kopf runter nehmen um einen Keks zu kassieren. Und meinen „Rüssel“ hab ich auch drin gelassen, da war mein Mädchen sehr zufrieden mit mir!

Weil sie schon bisschen am Ende war, hab ich sie dann auf dem einzigen Stück Strecke wo weder Autos noch Trecker noch fremde Pferde noch Autobahnbrücke war noch ein gutes Stück getragen. Kann ich ja jetzt! Und da hab ich natürlich auch wieder alles richtig gemacht.

Jetzt braucht mein Mädchen einen schönen Tee und ein Stück Kuchen. Ich hatte Heu in der Wackelkiste und zu Hause einen großen Schluck Wasser, jetzt könnten wir von mir aus wieder los! Aber mein Mädchen ist ja nicht so fit wie ich, wisst Ihr ja. Gut, dass ich sie jetzt immer mehr tragen kann! Das nennt sie „Energieausgleich“ – ich hab zu viel Power und sie zu wenig und wenn ich sie trage können wir das gerechter verteilen.

Euer fitter Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. Fotos gibt es keine – wir waren echt zu beschäftigt! Da müsst Ihr mal Eure Fantasie bemühen.

Gelernt

Ich bin gebeten worden etwas zu schreiben über Pferde, die Menschen bedrängen. Solche Pferde gibt es haufenweise. Es ist fast schon Standard, dass Pferde ihre Menschen in irgendeiner Form bedrängen. Bei der Hufpflege könnte ich schier ausflippen, wenn es Menschen nicht möglich ist, das Pferd daran zu hindern, „durch sie durch“ zu laufen. Es ist enorm nervig und anstrengend, einem Pferd die Hufe zu bearbeiten, das ständig in Diskussion mit dem Menschen ist und keine Grenze akzeptiert, das ständig den Arbeitsplatz verlassen möchte und dadurch alle in Gefahr bringt. Warum ist das so? Einfache Antwort: weil das Pferd das gelernt hat.

In meinen Augen geht das lange vor dem Zusammensein mit dem Menschen los. Ich sehen so viele Herden in denen ständiger Wechsel ist. Pferdebesitzer wechseln den Stall wie die Unterhose und die Pferde ziehen von A nach B. So kann sich keine vernünftige Herdenstruktur entwickeln und es gilt das Recht des Dreisteren. Wer selbstbewusst genug einfach da hin geht wo er hin will und Drohgebärden der anderen Pferde ignoriert, kommt am besten durchs Leben. Denn in der Regel sind Pferde sozial genug um es beim Drohen zu lassen – da wird vielleicht mal gebissen, aber nicht so schlimm, dass der Gewinn nicht höher wäre.

Eindrucksvoll beobachten konnten wir das, als Gatsby, das Pony unserer Mieterin, hier eingezogen ist. Der kam aus einem großen Bewegungsstall und hatte hier bei uns ein ganz komisches Verhalten (fanden wir und unsere Pferde). Er kommunizierte ganz wenig mit unseren Ponys – er wollte zwar dabei sein, ging aber irgendwie doch seiner Wege ohne Rücksprache zu halten.

Von unseren Ponys kenne ich das ganz anders. Auch Duncan musste das erst lernen. Wenn man irgendwo hin gehen möchte wo schon ein anderes Pony ist, findet ein „Gespräch“ darüber statt. Man deutet an, wo man hin möchte, bekommt eine zustimmende oder ablehnende Antwort, wenn man trotz Ablehnung weiterhin dort hin möchte, kann man warten und etwas später wieder nachfragen (das sind je nachdem ein paar Sekunden oder mal ein, zwei Minuten), man kann in der Wartezeit freundliche Beschwichtigungssignale senden (am Boden schnüffeln ist bei unseren Ponys dafür gern genommen, aber auch wegschauen) und hat dann eine gute Chance, doch noch dort hin zu dürfen wo man hin möchte. Wenn nicht kann es schon mal sein, dass es zu einem kleine Disput kommt, das hängt dann von der Situation und den beteiligten Ponys ab. Allerdings sehe ich häufig, dass in solchen Diskussionen sich dann eben der durchsetzt, der stoischer ist – nicht unbedingt der ranghöhere und schon gar nicht der, der in der Situation aggressiver agiert.

Wenn aber so ein Verhalten nicht in der Herde tagtäglich ganz selbstverständlich angewendet wird, weil in den ständig neu zusammengewürfelten Gruppen niemand höflich kommuniziert, dann kann ich von meinem Pferd wohl kaum erwarten, dass es sich mir gegenüber von selbst höflich verhält.

Andererseits: wenn mein Pferd sich mir gegenüber höflich verhält, ich aber die Anfragen und Signale nicht erkenne, findet das Pferd mich wahrscheinlich so unhöflich, dass es beschließt, die Kommunikation zu „vergröbern“ oder einzustellen und einfach seiner Wege zu gehen. Und leider bekommen wir Menschen ja so vieles nicht mit. Und dann ist da auch noch der umgekehrte Weg: wenn ich selbst ständig zu schnell, zu unhöflich und ungefragt in den Raum des Pferdes eindringe, wird mein Pferd wenig Anlass sehen, mir gegenüber höflich zu sein. Und auch das ist etwas, was viel zu oft passiert und wo wir Menschen noch viel zu lernen haben.

Die Bitte für den Blogartikel bezog sich darauf, wie man ein solches Verhalten korrigiert – abseits von reiner Bestrafung. Ich möchte mal so sagen: wenn ein Pferd meint, es könnte mich anrempeln, dann „rempel“ ich zurück (mangels Körpermasse nehme ich dann Gerte, Strick, Stimme oder was eben gerade da ist zur Hilfe). Das sehe ich nicht unbedingt als Strafe an, denn ich verteidige nur meinen Raum, aber lerntheoretisch gesehen ist es eine Strafe.

Viel wichtiger ist aber, das unerwünschte Verhalten des Pferdes nicht mehr zu belohnen. In der Regel tun Menschen das nämlich jeden Tag. Das drängelnde Pferd kommt hin wo es hin will, wird gekratzt wo es gekratzt werden will, bekommt Aufmerksamkeit aller Art. Hält das Pferd aber Abstand, wird es meist ignoriert, denn meistens bemerken wir es nicht, wenn ein Tier sich unauffällig verhält. Oder sollte ich sagen: wir bemerken das Tier nicht, wenn es sich unauffällig verhält? Nicht bemerkt zu werden, nicht integriert zu sein in eine Situation ist für ein soziales Lebewesen gar nicht schön und deswegen werden viele Pferde alles tun, um das zu ändern und sogar Strafen in Kauf nehmen, nur um nicht ignoriert zu werden. Und genau das können wir uns umgekehrt zu Nutze machen.

Leicht zu verändern ist das Verhalten zum Beispiel in Futtersituationen. Ob ich mit Heu, den Futterschüsseln oder Keksen in der Tasche komme: ich achte darauf, immer das Pferd zuerst zu füttern, das sich am höflichsten zurückhält. Dadurch belohne ich nicht nur das höfliche Pferd, sondern bestrafe auch das drängelnde (negative Strafe, es gibt in dem Moment kein Futter). Da Pferde sich Verhalten voneinander abschauen (mindestens vom ranghöheren Kumpel) können sie so schnell lernen, wie es besser geht.

Wenn ich bei der Stallarbeit bin und ein Pferd möchte einen kleinen Schnack mit mir halten, habe ich es noch einfacher: so lange das Pony höflich und freundlich ist, schnacken wir. Wenn es mich bedrängt, gehe ich kommentarlos weg. Manche Ponys – Finlay war da so ein Kandidat – sind so eine Art „Kampfkuschler“. Sie wollen unbedingt nah sein, sie wollen auch wirklich angefasst werden, kleine Maulspiele machen oder man soll ihnen die Ohren durchkneten. Auch bei diesen Modellen gibt es elegante Wege um Regeln klar zu stellen und gleichzeitig das Bedürfnis nach Nähe zu befriedigen. Von meinen Ponys habe ich gelernt, dass ich zum Beispiel die Oberlippe des Pferdes festhalten kann. Die entsetzten Blicke neuer Schüler sind sehr amüsant, noch amüsanter ist der Blick danach, wenn sich zeigt, dass das Pferd das toll findet und immer wieder kommt um mehr davon zu bekommen. Bei solchen Pferden fühle ich mich nicht so stark bedrängt, weil ich weiß, dass sie aus einem echten Nähebedürfnis heraus so handeln. Sollte es mir doch zu viel werden, kann ich aber jedes Kuscheln so steigern, dass das Pferd es irgendwann doch etwas zu viel findet und von selbst Abstand hält. So zeige ich dem Pferd mit meinem Verhalten, wie es sich anfühlt, wenn jemand einen Hauch zu aufdringlich ist.

Wenn ich mit dem Pferd arbeite, darf ich noch genauer hinschauen: warum bedrängt das Pferd mich? Häufig ist es ein Gleichgewichtsproblem. Schlecht ausbalancierte Pferde suchen „Anlehnung“ beim Menschen. Schickt man sie weg, fallen sie oft ins andere Extrem, driften nach außen und ziehen schlimmstenfalls am Strick. Hier hilft keine Erziehung, sondern nur Gymnastizierung.

Oder es ist ein Aufmerksamkeitsproblem. Duncan schiebt in genau einer Situation mit der Schulter gegen mich: wenn er nach fremden Pferden schaut. Dagegen hilft das üben der Gegenbewegung (Schulter von mir weg) in ruhigen Situationen, so dass es auch unter Aufregung besser abrufbar wird. Es ist aber auch meine Aufgabe, mein Pony nach Möglichkeit nicht in eine Situation zu bringen in der ich sehr deutlich werden muss um seine Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen. Das gelingt nicht immer, aber mit etwas Umsicht jedenfalls sehr oft.

Manchmal ist es auch Angst, die unsere Pferde drängeln lässt. Darum gehe ich immer auf der (potentiell) gefährlichen Seite, so lange mein Pferd unsicher ist. Ich bin auf der Seite, auf der die gruselige Plane liegt, das Motorrad längs donnert oder der Hund hinter dem Zaun bellt. So springt das Pferd im Zweifel von mir weg und – noch wichtiger – ich übernehme die Verantwortung im Angesicht der (vermeintlichen) Gefahr.

An Duncan, der ja schon mit 1 Jahr hier eingezogen ist, kann ich gut beobachten, wie höflich ein kleiner Hengst wird, wenn er es von klein auf lernt. Wenn er sich mal nicht im Griff hat und doch mal drängelt, muss ich nur kurz erstarren, dann besinnt er sich und nimmt sich zurück. Ich war aber auch deswegen mit Duncan von Anfang an so konsequent und umsichtig, weil ich eben wusste, dass er Hengst bleiben soll. Der Gedanke flößt mir genug Respekt ein, um noch mehr darauf zu achten, wie ich mit ihm umgehe. Strafen, damit er nicht drängelt, musste ich ihn nur selten, das meiste hat sich durch entsprechende Aufmerksamkeit im Alltag ergeben. Mein Merlin, der ja nun auch noch den Altersbonus hat, benimmt sich hingegen wirklich schlecht. Wie kann ich ihm das übel nehmen, wenn ich es ihm dauernd durchgehen lasse, ihn zauberhaft finde und er ja auch nie etwas gefährliches tut? Sein extra Futter fordert er vehement ein und ich habe nur die rudimentärsten Regeln eingeführt, an die er sich knapp hält. Und wenn sein Verhalten mich ärgert, schaue ich in den Spiegel und weiß: das hat er so von mir gelernt und es liegt an mir, Wege zu finden um besseres Verhalten zu bekommen anstatt das, was ich ihm beigebracht habe, jetzt unter Strafe zu stellen.