Menschen und Pferde

Es ist immer wieder interessant, wie ähnlich Menschen und Pferde sich sind. Weil alle Säugetiere sich ähnlich sind. Bei den schlechten Gewohnheiten zum Beispiel. So gut wie alle Menschen die ich kenne, wissen, dass sie schlechte Gewohnheiten haben. Sie wissen, dass man nicht durch das reine Wissen darum so eine schlechte Gewohnheit los wird. Gleichzeitig schauen sie verständnislos auf die schlechten Gewohnheiten ihres Pferdes: „warum macht er das?“ und ich darf sie dann daran erinnern, dass schlechte Gewohnheiten nichts sind, was man eben schnell mal so abschüttelt – sonst wären es keine Gewohnheiten. Oder bei der Angst: warum fürchtet das Pferd sich vor so komischen Dingen? Tja, warum fürchten Menschen sich vor Spinnen, vorm Fliegen, vor Spritzen oder im Aufzug? Die Auswahl an rational kaum oder gar nicht begründeten Ängsten ist bei Menschen wohl genauso groß wie bei Pferden.

Und warum möchte das Pferd lieber faul herum stehen als Sport machen, den es dringend bräuchte? Ui, da frag mal ein paar Menschen. Warum hat mein Pferd so eine schlechte Haltung, ein schlechtes Körpergefühl, schlechte Muskulatur? Da kenne ich auch ein paar Menschen bei denen das so ist. Warum ist mein Pferd so ungeduldig, möchte nicht gern im Gesicht angefasst werden, dafür aber ständig etwas naschen?

Es ist überraschend, wie oft ich Menschen darauf hinweisen kann, dass Menschen – inklusive ihnen selbst und meiner Wenigkeit – genau so sind. Jeder hat seine Marotten. Der eine ist faul und bewegt sich keinen Meter mehr als er muss. Der andere ist ständig am hampeln und reden und kommt nie zur Ruhe. Einer möchte ständig nah sein, der andere kann gar nicht genug Abstand haben. Und alle, alle haben schlechte Angewohnheiten. Ein Mensch knibbelt an seinen Fingernägeln, ein Pferd kaut am Strick. Und dann hat noch jeder seine Taktiken, um die anderen dazu zu bringen, das zu tun was man möchte. Mancher Mensch brüllt dazu rum und schüchtert andere ein, mancher stellt sich absichtlich ein bisschen dumm an. Wir Frauen wissen alle, dass wir oft mit einem netten Lächeln bekommen was wir wollen und sogar die Männer wissen oft, dass sie das jetzt nur tun weil eine Frau nett gelächelt hat und dass die Frau nur deswegen nett gelächelt hat, weil sie damit bekommt was sie will. Es funktioniert trotzdem. Im Straßenverkehr und an der Supermarktkasse versucht man oft, den Vordermann zu beschleunigen, indem man ihm auf die Pelle rückt – obwohl eigentlich klar sein dürfte, dass das nicht wirklich funktioniert.

Das schönste Beispiel habe ich mal in einem Podcast gehört: Wenn wir den bellenden Hund anbrüllen, dass er die Klappe halten soll. Bringt nix, weiß bei kurzem Nachdenken eigentlich jeder aus eigener Erfahrung. Aber für einen kurzen Moment bringt es eben doch etwas. Ganz kurz ist der Hund still. Und dieser kurze Moment ist für unser Gehirn die Belohnung für unser Verhalten. Also brüllen wir wieder – weil unser Gehirn das als lohnendes Verhalten abgespeichert hat obwohl es gar nicht wirklich zum Ziel geführt hat.

Für mich war das ein Aha-Moment. Es leuchtet mir total ein. Es ist der selbe Effekt warum wir Schokolade essen, die uns dick macht, Zigaretten rauchen, die uns krank machen oder eben keinen Sport machen. Unser Gehirn findet die kurzfristige Belohnung einfach zu attraktiv. Darum sind Facebook und Co so erfolgreich aber kaum einer läuft Marathon.

Und genauso geht es auch dem Pferd. Wenn mein Ritter neben mir her flitzt und durch nichts davon abzuhalten zu sein scheint, dann verstehe ich: was immer ich an Strafe oder Belohnung anbiete wird wenig Einfluss haben. Die kurzfristige Belohnung, schneller zu gehen, ist heute wichtiger als alles was ich dagegen zu bieten habe.

Nur ganz langsam lernt mein Teenager, gelegentlich die kurzfristige Belohnung, die ein Verhalten ihm bietet, lieber gegen eine langfristige einzutauschen. Das nennt sich wohl erwachsen werden. Bedürfnisaufschub, Frustrationstoleranz, Dinge die auf den ersten Blick einfach nur fies erscheinen, aber langfristig glücklicher machen. Dinge, die jedes Säugetier im laufe seines Lebens mehr oder weniger gut lernt. Je besser, desto angenehmer für alle Beteiligten. Und wenn ich meinen Teenie so anschaue und genervt bin von seinen Marotten, dann denke ich an meine Marotten. Daran, dass ich Duncan damit auch sicher oft gehörig auf die Nerven gehe. Und ich denke an den bellenden Hund und weiß: wenn ich etwas ändern will, brauche ich eine langfristig wirksame Strategie. Und vor allem bin ich zuständig, meinem Pony zu helfen beim erwachsen werden. Wenn ich dann mal diejenige bin, die ihn frustriert, um seine Frustrationstoleranz zu stärken, dann muss ich das aushalten können. Als Jungpferdebesitzerin ist es mein Job, den besten Weg dafür zu finden. Da darf ich Gehirnschmalz investieren und Zeit, Geduld und den Willen, auch nochmal die Taktik zu ändern, Unterricht zu nehmen oder mir selbst eine nützliche neue Gewohnheit zu schaffen. Je erwachsener ich bin, je mehr ich mein eigenes Gehirn mit seinen schlechten Angewohnheiten im Griff habe, je mehr Frust ich aushalten kann, je mehr ich meine Bedürfnisse auch mal hintenan stellen kann, desto besser wird mein Pony das nachher auch können. Deswegen sagt man wohl, der Umgang mit Pferden ist gut für die Charakterbildung. Von Zuckerschlecken war die irgendwie nie die Rede. Und nach diesen schlechten Nachrichten brauche ich ein Stück Schokolade, Ihr wisst schon.

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