Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 257

Gestern haben wir so eine Art „Doppel-Ausritt“ gemacht! Das war lustig! Wir sind ins Nachbardorf geritten, das sind (über den schönen Weg) so gute 6km. Dort ist ein Hof, da war ich schon mal zum Wiegen. Diego und ich durften in den Roundpen gehen und dort Gras essen. Falls ich mich aufrege über die fremden Pferde hatte der Mann meinen Strick in der Hand, aber er hat mich nicht damit gestört, ich durfte machen was ich wollte. Fressen wollte ich! Die anderen Pferde fand ich nicht so interessant. Mein Mädchen hat derweil auf dem benachbarten Reitplatz mit einem Araber geübt – den kenne ich auch schon, den haben wir mal in der Spielhalle getroffen. Der Araber fand das voll interessant dass wir beide da stehen.

Wir dürfen essen, während mein Mädchen nebenan mit dem Araber arbeitet. (Der ist nicht im Bild)

Nach einer Weile hat mein Mädchen dann den Araber wieder weg gebracht (der wohnt da auf dem Hof), die Menschen haben uns wieder gesattelt und dann sind wir wieder nach hause geritten. Unterwegs natürlich wie üblich: mal ein kleines Stück Trab (ich kann jetzt im Trab auch mit Diego mit halten wenn ich mich anstrenge!) und zwischendurch ist mein Mädchen immer wieder zu Fuß gegangen. Am Ende war ich doch tatsächlich etwas kopfmüde, aber Ihr wisst ja: ich mag das. Das war ein toller Ausflug und mein Mädchen war auch hoch zufrieden mit mir! Sie sagt allerdings, wenn es mit mir so weiter geht wird es wohl immer schwieriger werden, mich zufrieden zu stellen, weil ich ja so schnell an Fitness gewinne. Na trotzdem ist sie glücklich, dass wir so schöne Ausritte zusammen machen können. Heute habe ich frei, damit ich mich erholen kann. Morgen ist dann Ausflug mit dem Ausreitkumpel (ehemals Spaziergehkumpel) und den Rest der Woche ist wieder verschiedene Bodenarbeit auf dem Reitplatz angesagt – hoffentlich denkt mein Mädchen sich da was interessantes aus.

Übrigens hat mein Mädchen gesagt, es wäre schon viel besser geworden mit meinen Marotten. Ich hasche jetzt nicht mehr so oft nach dem Gras und meistens kneife ich auch Diego nicht mehr (Ausnahmen bestätigen die Regel. Entschuldigung, Diego, ich war halt so übermütig und gut gelaunt!).

Aber eine „Rennsemmel“ bin ich immer noch, sagt sie. Dabei geh ich doch auch nur genauso schnell wie Diego! Aber bei dem sieht das nicht so schnell aus, weil der viel längere Beine hat als ich und also nicht so viele Schritte machen muss. Unfairer Vorteil! Aber ich gleiche das durch höhere Taktzahl wieder aus.

Euer flinker Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 256

Dieses Jahr ist das Gras mal wieder mächtig gewachsen! Wir dürfen ja nie die ganze Weide auf einmal betreten, sondern bekommen immer ein Stück zugesteckt. Und das, was wir dann neu bekommen, ist jetzt so hoch, dass wir unseren kleinen Caruso darin gar nicht mehr finden! Wenn er seine Decke gegen die fiesen Mücke auf hat, aus der oben nur die Ohren raus schauen, dann sagt mein Mädchen immer, er sieht aus wie ein kleines Gespenst. Dann nennt sie ihn „Hui-Buh“ und irgendwie ist es ja auch ein bisschen gruselig, wenn so ein Pony einfach verschwindet, da kann man sich schon erschrecken wenn er plötzlich vor einem steht! Nein, tun wir natürlich nicht. Wir hören ihn ja, weil er genauso genüsslich Gras mampft wie wir. Oder wir hören ihn nicht, weil wir selbst so genüsslich laut Gras mampfen!

Wo ist Caruso bloß?
Da ist er ja, unser kleiner Hui-Buh!

Es ist paradiesisch, so im hohen Gras zu stehen und mein Mädchen sagt, sie fühlt sich dann immer ganz reich. Weil sie weiß, dass genug zu essen für uns da ist und wir bis weit in den Herbst hinein Gras essen können. Jetzt wartet sie, dass Heu geliefert wird, damit dann auch das Winterfutter gesichert ist. Das ist immer ein bisschen aufregend, wenn Heu kommt, ob das mit dem Wetter auch alles klappt! Dann darf es nämlich ausnahmsweise nicht regnen. Sonst darf es fast immer regnen, findet mein Mädchen, damit die Weide genug zu trinken hat.

Paradiesisch!

Der Mann läuft um diese Jahreszeit auch ganz viel auf der Wiese rum. Er sticht die Pflanzen aus, die hier nicht wachsen dürfen. Mit seinem Stecher, seinem Hut und seinem großen Sack über den Rücken sieht er immer sehr lustig aus, wenn er sich durchs hohe Gras kämpft. Dann verschwindet er darin, weil er sich nach fiesem Kreuzkraut bückt und wenn er wieder hoch kommt hält er das Kraut in der Hand und zwingt es in den Sack hinein. Sieg! Jedes Jahr sind es ein paar weniger Kreuzkräuter, sagt mein Mädchen, und das ist gut so. Sie hat auch eine Anleitung für Anfänger geschrieben, wie mit dem Kreuzkraut zu verfahren ist:

Weit übers Land schallt das Halali – das Jakobskreuzkraut ist wieder zur Jagd freigegeben!

Und überall schultern die Pferdebesitzer ihre Stecher und Gabeln und Spaten und ziehen los. Waidmannsheil! Dabei ist das JKK nicht leicht zu erlegen. Im Laufe seiner Evolution hat es einige Tricks entwickelt um den Jägern zu entgehen.

Anfänger merken sich einige einfache Regeln

1. Jedes JKK hat einen eigenen Verteidigungsstein bereitliegen. Sobald die Zinken des Stechers in den Boden eindringen, schiebt es diesen zwischen die Zinken. Geübte JKK können den Stein so platzieren, dass er nur mit schwerem Gerät wieder zu entfernen ist und danach die Zinken des Stechers bis zur Unbrauchbarkeit verbogen sind.

2. Sobald Du das erste JKK erlegt hast, lässt es einen markerschütternden Schrei fahren (zum Glück in Schallfrequenzen außerhalb der Wahrnehmungsfähigkeit des menschlichen Ohres). Dieser Schrei dient allen JKK im Umkreis als Warnung, sich sofort zu ducken um den Augen des Jägers zu entgehen.

3. Einige JKK gehen eine innige Beziehung mit Löwenzahn oder Spitzwegerich ein. Sie verhaken ihre Blätter ineinander und auch ihre Wurzeln, so dass es unmöglich ist, nur das JKK auszustechen. Zwangsläufig muss der Jäger auch die andere Pflanze entfernen – nur damit im entstandenen Loch wiederum neue JKK wachsen können.

4. Besonders gern siedelt JKK in gerade aufgelaufener Grassaat. So wird der Jäger bei der Entfernung des JKK die jungen Gräser, die ja noch kaum Wurzeln haben, mit ausreißen müssen und die Konkurrenz wird effektiv ausgeschaltet.

5. Gehe niemals an einem JKK vorbei in dem Gedanken „hier komme ich gleich wieder hin mit dem leeren Eimer dann bist du dran!!“ Vergiss es – auf dem Rückweg wirst du es nicht mehr finden auch wenn du einen Hektar Wiese umgräbst!

6. Freue dich nie zu früh! Wenn du das erlegte JKK an den Zinken deiner Forke in die Höhe reckst mit einem Urschrei des Sieges, wirst du die kleinen ein- bis zweiblättrigen Nachwuchs-JKK unter den Nachbarpflanzen nicht entdecken! Ein ausgiebiger Freudentanz würde Dich zu weit vom Ort des Geschehens wegbewegen! Finde nach deinem Urschrei sofort zurück in deine mentale Mitte, wirf dich demutsvoll auf die Knie, such mit einem Vergrößerungsglas die Jungbrut und bringe sie ebenfalls zur Strecke.

Nach Stunden des Stechens wird der Jäger schließlich erschöpft aufgeben. Kaum verlässt er die Wiese, kommen alle JKK, die sich geduckt hatten, wieder hoch und fangen binnen Stunden an zu blühen und auszusamen, so lange der Jäger noch in der Erholungsphase ist.

Na dann – Waidmannsdank!

So ist das auf unserer Weide. Ein bisschen helfen wir Ponys auch dabei, das Kreuzkraut zu finden: wenn wir eines sehen, fressen wir akribisch drum herum so dass die Menschen es finden und erlegen können. Wenn wir alle gut zusammenarbeiten, wird vielleicht eines Tages gar kein Kreuzkraut mehr auf unserer Wiese wachsen. Mein Mädchen glaubt das aber nicht, sie glaubt, dass immer eines seinen Weg finden wird. Aber eines oder zwei, das ist ja nicht schlimm.

So, jetzt muss ich aber Gras essen gehen, liebe Menschen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 255

Huiiiiiiiii das war ein schöner Dienstag! Mein Mädchen hatte ja versprochen, das Pensum zu erhöhen. Und ich weiß: wenn mein Mädchen was verspricht, dann hält sie das auch.

Also Dienstag wie immer den Spaziergehkumpel abgeholt und los ging es. Mein Mädchen hat gekichert, weil mein Spaziergehkumpel mich jetzt im Schritt nur noch von hinten sieht! Also eigentlich ist er ja jetzt gar nicht mehr mein Spaziergehkumpel, sondern mein Ausreitkumpel! Jedenfalls ist er nicht so fix im Schritt wie ich. Alsbald sind wir dann ein Stückchen getrabt. Mein Mädchen war begeistert, wie gut ich das schon kann! Ich durfte traben bis ich nicht mehr mochte. Dann wieder Schritt. Dann hab ich angemerkt, dass ich mich bereits erholt habe, also sind wir nochmal getrabt. Diesmal war mein Mädchen ganz entzückt, weil wir in einen schönen Rhythmus gekommen sind und ich ganz fluffig getrabt bin wie ein großer. Und noch bevor ich keine Lust mehr hatte, hat sie mich durchpariert und ist abgestiegen. Damit ich nachher noch Lust habe sie weiter zu tragen. Naja, ihr wisst ja jetzt schon: wenn sie neben mir geht, ist sie einfach zu langsam! Seufz. Aber dafür haben wir zwei schöne Graspausen gemacht. Das ist nämlich der einzige Nachteil wenn sie auf meinem Rücken sitzt: grasen ist dann nicht erlaubt. Naja, nach einer Weile sind beide Mädchen wieder aufgestiegen (das Mädchen vom Ausreitkumpel geht dann auch immer ein Stück zu Fuß, wenn mein Mädchen zu Fuß geht) und dann sind wir nochmal getrabt. Und dann nochmal. Als wir dann wieder im Schritt unterwegs waren, meinte mein Mädchen, ich sei wohl doch müde. Nix, ich bin nur kurz im Erholungsmodus! Dauert nur 2 Minuten. Dann gehen die Ohren vor und ich hab dezent nachgefragt ob wir nicht nochmal traben wollen? Mein Mädchen war etwas unsicher, sie hatte nämlich den Eindruck, dass ich vielleicht einfach nur möglichst schnell zur Wackelkiste zurück möchte. Ich durfte dann aber doch traben. Hab ordentlich Gas gegeben! Aber sie hatte Angst und hat ein bisschen gebremst. Na gut, dann zeige ich dir kurz, dass ich mich zur Not bremsen lasse. Darf ich dann jetzt? Ja durfte ich.

Ohren nach vorne und auf geht’s in die weite Welt!

Ich wollte gar nicht schnell zur Wackelkiste zurück. Hab ich meinem Mädchen auch gesagt. Habe an den beiden verbliebenen Kreuzungen vorgeschlagen, dass wir noch eine extra Runde drehen könnten. Da hat sie gelacht und gestaunt. Jaaaaaa mein Mädchen, im Gegensatz zu deiner Fitness ist meine steigerungsfähig! Bei dir hab ich das ja aufgegeben, du bist ja immer gleich langsam und wirst irgendwie nie schneller und fitter. Zum Glück kann ich das jetzt ausgleichen, wenn ich dich trage!

So wurde mir also wieder versprochen, dass der nächste Ausflug länger wird. Auf den muss ich jetzt aber wieder bis mindestens Samstag warten, dazwischen ist anderes Training zu hause angesagt. Ist auch wichtig, sagt mein Mädchen. Doppellonge und Handarbeit und so. Na gut, wenn es dann auch mit den Kilometern draußen stimmt, dann kann ich auch so was mit machen.

Euer fitter Sir Duncan Dhu of Nakel

Besser

Da kommt er wieder auf mich zu gerollt: Finlays Todestag. Aber dieses Jahr ist es anders. Zwar kommt der Horror wieder ein Stück zu mir zurück, aber mit mehr Abstand. Ich höre wieder den einen oder anderen Trauerpodcast und habe hier eine neue Lieblingsfolge von „endlich“ gefunden. Das Gefühl, an das ich mich am meisten und schlimmsten erinnere, ist das ausgeliefert-sein. Fast immer, wenn einem blödes passiert – eine Krankheit, ein Unfall oder Ärger mit den Mitmenschen – kann man zumindest versuchen, selbst etwas daran zu ändern. Das kann schwierig sein, lange dauern und man kann Fehlversuche haben, aber man kann etwas tun. Und selbst wenn man damit keinen Erfolg hat, konnte man doch wenigstens etwas versuchen. Aber der Tod ist endgültig und ich glaube es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so extrem das Gefühl hatte, nichts tun zu können. Ich kann nichts ändern daran, dass mein Finlay nicht mehr da ist. Und ich glaube das war das, womit ich persönlich am meisten gekämpft habe. Darum geht es ein Stück weit in der Podcastfolge – wie Menschen versuchen, im Angesicht des Verlustes die Kontrolle über ihr eigenes Leben wieder zu erlangen. Diese gefühlte, teilweise Kontrolle, die wir haben. Denn wer wann stirbt kontrollieren wir nun mal nicht.

Dieses Jahr, das wunderbare Jahr der ersten kleinen Ausritte mit Duncan, die mir so viel Kraft geben, ist es leichter, mit Finlays Todestag umzugehen. Ich werde dieses Jahr nicht wieder an die Stelle gehen an der Finlay starb. Dieses Jahr werden wir uns frei nehmen und einen Ausflug machen – ohne Ponys. Mein Mann und ich werden den Tag gemeinsam verbringen und uns um niemand anders kümmern. Ich habe das Gefühl, dass ich das dieses Jahr zum ersten Mal so entscheiden kann: nicht wieder in den Horror einzutauchen, sondern den Tag anders zu verbringen.

Als ich neulich einmal für den Dienstagsausflug mit meiner Freundin mit Diego ausreiten war anstatt mit Duncan, habe ich gemerkt, wie erholsam das ist. Ein erwachsenes Pferd, auf das ich mich einfach verlassen kann. Eins, das in der Lage ist, sich anzupassen an die Situation. Ein Pferd, das sich auskennt im Leben. Ein Pferd, das jetzt seit 10 Jahren bei uns ist – wir kennen uns gut, Diego und ich. Es war wie Urlaub. Und ich habe bewusst wahr genommen wie anstrengend die Ausflüge mit Duncan immer noch sind. Ich muss immer alles mitdenken, habe immer noch viele kleine Diskussionen mit ihm (vor allem übers Tempo und über essbares am Wegesrand) und darf immer im Blick haben was ich wann wie belohne oder abmahne. Es ist viel Aufmerksamkeits- und Denkarbeit gefordert und jede unbekannte Situation kann eine Herausforderung werden. Mit Diego konnte ich die Zeit einfach entspannt genießen und nebenbei noch meine Freundin unterstützen, die mit ihrem Pony erste Galoppversuche wagte.

Das wahr zu nehmen hat mir noch einmal klar gemacht, dass ich noch mehr auf mich achten darf. Dass ich schauen muss, dass es eben solche Ausflüge ohne Pony-Verantwortung für mich gibt um mal raus zu kommen aus dieser Dauer-Denke. So ein Tag wird Finlays Todestag jetzt sein und ich möchte die Stille genießen.

In letzter Zeit kann ich mehr und mehr an die guten Dinge denken, die wir erlebt haben und dafür bin ich sehr dankbar. Der erlebte Horror wird sicher für immer bei mir bleiben, aber er darf vielleicht in einer Schublade verschwinden, die nach und nach immer seltener auf geht.

Was mir im Moment am meisten zu schaffen macht, ist Duncans Alter. Finlay war 8 Jahre alt als er starb und das ist genau das Alter in dem die Pferde dann eigentlich wirklich erwachsen sind. Das Alter in dem man dann weiß: das ist der Charakter dieses Pferdes, das sind seine Stärken, das sind seine Schwächen. Hier kann ich mich auf mein Pferd verlassen, dort gibt es noch etwas zu üben. Auch in der Herde hat sich dann eine stabile Struktur gebildet. Wenn Duncan 8 Jahre alt ist und es bis dahin als Hengst vernünftig geschafft hat, dann kann er wohl Hengst bleiben, schätze ich. Aber bis er 8 Jahre alt ist, vergeht noch viel Zeit – mehr Zeit als wir bisher miteinander verbracht haben. Ich stelle mich also auf weitere 4 Jahre ein in denen ich immerzu aufmerksam bin und mit allen möglichen Entwicklungen und Verhaltensweisen rechne. Es ist eine Gemeinheit des Lebens, dass es mir meinen Finlay gerade dann genommen hat, als die turbulente Zeit vorbei war. Aber ok, es wäre zu jedem anderen Zeitpunkt wohl genauso gemein gewesen. Es macht es nur umso härter, dass ich von vorne anfangen musste um mir wieder so ein tolles Pony auszubilden.

Andererseits war da am Dienstag dieser Moment beim Ausritt, dieser kleine Augenblick während unserem ersten wirklich flüssigen Trab in dem wir einfach zusammen unterwegs waren. Dieser etwas meditative Moment in dem ich mich ausschließlich darauf konzentriere, mein Pony möglichst wenig zu stören, die beste Balance zu finden, den Rhythmus mit zu gehen den er vorgibt und ansonsten einfach genießen kann. Es ist dieses Gefühl an das ich mich erinnere mit Finlay, vor allem auf unserem ersten kleinen Distanzritt, wo er so fein gelaufen ist und so schön dabei war. Es ist dieses Gefühl, was mir wohl am aller meisten gefehlt hat, obwohl mir das gar nicht so ganz bewusst war. Es entspannt meinen Geist wie nichts anderes auf dieser Welt, wenn ich so reiten kann.

Ich hätte mir auch ein gerittenes Pferd kaufen können. Ich hätte schon im Jahr 2019 wieder ausreiten können. Aber ich wollte wieder ein Jungpferd, weil ich die Verbundenheit spüren wollte, die daraus entsteht, ein Pony beim Aufwachsen zu begleiten und zu beobachten. Diese Verbundenheit gibt mir ein großes Sicherheitsgefühl auf Duncans Rücken. Und mein wunderbares Pony nutzt seine schier unbändige Energie um mich langsames und körperlich oft müdes Mädchen zu tragen – herrlich. Aus dem kleinen Rotzlöffel wird mehr und mehr ein Gentleman, der Rücksicht nimmt auf mich, der seinen Teil der Verantwortung übernimmt in unserem Zusammensein und der mit mir gemeinsam Zeit verbringen möchte auf Arten, die uns beiden Spaß machen.

So schaue ich mit viel weniger Schrecken auf diesen dritten Todestag als ich auf die zwei vergangenen geschaut habe. Und allen, die gerade mitten in der tiefsten Trauer stecken möchte ich sagen: gebt dem Leben die Chance auch wieder besser zu werden. Die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass es eines Tages wieder besser wird war am Anfang meine einzige Überlebensformel. Nicht „alles wird gut“ – das wird es nicht, denn tot ist tot. Aber das Leben kann wieder besser werden, auch wenn es lange dauern mag. Schritt für Schritt (mit Rückschritten zwischendurch) bin ich weiter gegangen. Vielleicht auch symbolisch neben meinem kleinen Duncan her – oft war ich erschöpft, verzweifelt, traurig, genervt und überfordert. Aber das, was ich jetzt als Zwischenergebnis sehe war jeden Schritt wert. Jetzt gehe ich also noch 4 Jahre weiter, bis mein Pony wieder 8 Jahre alt ist, in der Hoffnung, dass ich diesmal danach noch viele Jahre lang den Lohn für diese Mühen ernten darf. Wissen kann man das nie, aber wenn ich es nicht hoffen kann, macht alles keinen Sinn, also hoffe ich. So einfach ist das – und manchmal auch so schwer.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 254

Sonntagsausflug!

Beim Putzen hab ich ganz entspannt still gestanden und mein Mädchen meinte schon, heute sei ein guter Tag und sie könnte sich einfach tragen lassen. Aber ich hab nur meine Kräfte gesammelt in einer kleinen „Vorausflugs-Meditation“. Kaum ging es los, ging es dann auch los. Wobei, erst muss ich ja immer noch was erledigen

Km 0,18: ich muss mal pieseln. Das mache ich immer gleich am Anfang, was weg ist, ist weg. Findet mein Mädchen grundsätzlich auch gut, aber sie findet meinen Reinlichkeitsstandard übertrieben. Ich gehe nämlich dazu gaaaaaaanz an den Rand wo wir schon fast im Gebüsch stehen. Und dann nehme ich ja auch nicht gleich die erste Stelle sondern wandere noch etwas am Busch entlang bevor ich mich entscheiden kann. Findet sie zu aufwändig. Mir aber egal. Ich rede ihr bei dem Thema ja auch nicht rein!

Km 0,2: nachdem das geschafft ist, kann ich ja Gas geben. Turboschritt ist angesagt! Mein Mädchen findet das nur so halb entspannt weil es sich anfühlt als würde ich jeden Moment den zweiten Gang einlegen. Quatsch, ich kenne doch die Regeln! Und sie hat gesagt wenn sie drauf sitzt darf ich so schnell Schritt gehen wie ich will. Also Ruhe da oben!

Km 0,4: ich will hier links abbiegen! Ich will ich will ich will! Aber mein Mädchen will nicht und also lasse ich mich doch überreden geradeaus zu gehen. Warum ich da immer links will, verrate ich nicht.

Km 1,8: mein Mädchen steigt ab. Wir sind im Dorf angekommen und da reitet sie noch nicht. Wir kommen am Dorfkrug vorbei, der ist mir seit dem 1. Mai suspekt. Da war so laute Musik! Ich überlege ob es da wieder gefährlich ist und finde ein bedrohliches Schild. Aber ich bin mutig und schau mir das an und bekomme einen Keks. Trotzdem bin ich froh als wir da vorbei sind.

Km 2,2: Diego und ich reißen uns zusammen und äppeln NICHT vor den schönsten Vorgarten. Wir haben gestern gar nicht im Dorf geäppelt! Der Mann hat Hoffnung dass wir das noch kapieren.

Km 3,1: fremde Pferde auf der Weide! Da muss ich bisschen gucken. Wir stellen uns so hin dass wir sie sehen und ich darf grasen. Ok, dann ist grasen jetzt doch insgesamt wichtiger. Das freut mein Mädchen.

Km 3,6: mein Mädchen steigt wieder auf, gleich geht es den Berg rauf. Ich weiß jetzt: auch das soll ich im Schritt machen, ohne Trab. Mitten auf dem Weg nach oben kommt uns ein Pferd entgegen. Da steigt mein Mädchen schnell wieder ab und bugsiert mich da so halb elegant vorbei. Dass man aber auch nie gucken darf! Diego ist dann ja auch immer zwischen mir und den Fremden. Blöd. Dann noch ein bisschen grasen bis das fremde Pferd ganz weg ist, dann wieder aufsteigen. Den Berg hoch kraxeln.

Km 4,8: das hab ich heute besonders gut gemacht! Am Gipfel ein Keks. Mein Mädchen will nachgurten aber das ist von oben kompliziert mit der Fliegendecke und den Handschuhen. Nach zwei misslungenen Versuchen steigt sie ab. Ich denke es gibt eine Graspause aber Pustekuchen, nach dem Nachgurten steigt sie direkt wieder auf. Schade! Auf dem Weg den Berg runter hab ich noch zwei mal gefragt ob ich grasen darf aber nein.

Km 5,6: wir sind an der Straße angekommen also steigt mein Mädchen wieder ab. Hier wächst das Gras am Rand so hoch dass es genau auf meiner Maulhöhe ist! Ich bekomme also die Erlaubnis, während dem Gehen zu Naschen wenn ich dabei nicht am Strick ziehe. Ok das kriege ich hin!

Km 6,6: noch an den Pferden auf der Weide vorbei, dann steigt sie wieder auf für die letzten Meter. Ok, ich bin noch fidel! Sie sagt „früher hat man dich mit dieser Runde müde gekriegt“. Jaaaaaa früher! Die Zeiten sind vorbei!

Km 7,1: lautes, schnelles Motorrad von vorne. Mir egal. Aber mein Mädchen steigt trotzdem lieber ab. Nachher sagt sie „da hätte ich sitzen bleiben können“. Ja, hab ich dir ja gleich gesagt.

Km 7,4: wir sind wieder zu Hause. Mein Mädchen schaut auf die App, wir haben wieder eine spektakuläre Durchschnittsgeschwindigkeit von 4,3km/h hingelegt – das liegt an den vielen Graspausen, sagt mein Mädchen. Ich glaube, es liegt eher daran, dass sie so langsam ist, wenn sie zu Fuß geht. Die Graspausen können das nicht sein, die sind doch viel zu selten und viel zu kurz! Müde bin ich heute nicht. Prompt wird mir wieder versprochen, dass wir das Pensum erhöhen. Na dann mal los! Getrabt sind wir heute gar nicht, schade eigentlich. Nächstes Mal wieder, ja?

War ein schöner Ausflug. Nur bisschen kurz. Ich hoffe Ihr hattet auch ein schönes Wochenende, liebe Menschen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 253

Jetzt wo ich langsam zu einem richtigen Reitpony werde, ist mein Mädchen wieder im „Equipment-Wahn“. Sie freut sich doll dass Finlays alter Sattel mir passt – der ist zwar schon sehr alt aber sie sagt er hält noch so lange bis ich ausgewachsen bin, dann bekomme ich was eigenes. Dafür wird sie aber auch noch ein bisschen Geld sparen müssen, sagt mein Mädchen. Naja, also Sattel ist erst mal der alte. Aber so ein paar kleinere Sachen hat sie für unsere Ausritte besorgt. Zum Beispiel habe ich jetzt doch meine eigene Fliegendecke bekommen. Weil Finlays Decke so groß ist dass sie mir immer über den Po nach hinten rutscht und dann vorne an den Schultern zu doll zieht. Und wenn mein Mädchen absteigen möchte, bleibt sie mit dem Fuß hängen weil da soooooo viel Decke ist. Finlay war ja 10cm höher als ich! Aber mein Mädchen sagt, obwohl ich so klein geraten bin, schleppe ich sie trotzdem weg wie ein Großer. Na jedenfalls habe ich jetzt auch so eine schneidige Zebra-Decke wie Diego und mein Spaziergehkumpel. Außerdem hat mein Mädchen beschlossen, dass die Trinkflasche nicht mehr hinten in den Packtaschen sein soll, sondern lieber vorn am Sattel. Also hat sie sich einen schönen Flaschenhalter gekauft. Und dann hat sie fest gestellt, dass sie gar nicht mehr gewöhnt ist, mit Sattel zu reiten und dass ich im Turboschritt unterwegs bin und das irgendwie nicht so bequem ist. Also hat sie sich noch ein Fell für ihren Po gekauft. Weil Ihr Menschen ja immer kein eigenes Fell habt, müsst Ihr es entweder anziehen und es Euch – in diesem Fall – unter den Hintern klemmen. Bemitleidenswert ist das, könnt Ihr Euch nicht was eigenes wachsen lassen? Na ist ja nicht mein Problem.

Wer kein Fell am Hintern hat, muss sich eben eins unterlegen!

Dann hat sie sich auch noch neue Steigbügel gekauft. Mit Tapaderos. Eigentlich liebt sie ihre alten Steigbügel sehr aber weil sie noch so viel zu Fuß geht und dafür ihre Wanderschuhe tragen will, die logischerweise keinen Absatz haben, hat sie Angst, dass sie durch die Steigbügel rutschen und hängen bleiben könnte, falls ich doch mal etwas unvorhergesehenes tun sollte. Als ich ob nicht gut auf sie aufpassen würde! Ein gutes Pferd bleibt immer unter seinem Reiter, weiß ich doch! Aber sie ist sich da nicht so sicher. Also mussten Steigbügel her, in denen sie nicht hängen bleiben kann und so hat sie nun so eine Art „Reitpantoffeln“ am Sattel. Das Fell an den Steigbügelriemen hatte sie mit Finlay schon, das hat der Mann ihr nur eingekürzt.

Tapaderos sind nur zu erahnen aber der Flaschenhalter ist farblich abgestimmt.

Jetzt sind wir schon ganz gut ausgerüstet für unsere Ausflüge, sagt mein Mädchen. Ich persönlich finde das ja alles nicht so wichtig. Entscheidend ist doch eher, dass die Kekstasche gut gefüllt ist und wir ausgiebig und oft unterwegs sind!

Euer gut ausgestatteter Sir Duncan Dhu of Nakel

Ziele

„Ich möchte die Beziehung zu meinem Pferd verbessern“ sagt meine neue Schülerin. Ui, denke ich, da ist er wieder, der Nebel in Tüten. „Nebel in Tüten“ sagte ein Ausbilder immer wenn Ziele so schwammig formuliert waren, dass sie alles und nichts heißen können. „Ich möchte, dass mein Pferd mir vertraut“ ist auch so ein beliebter Satz und dieser ist fast noch blöder (Entschuldigung). Denn das hört sich an als müsste das PFERD etwas tun (uns vertrauen). Dabei wird das Pferd uns automatisch vertrauen, wenn wir vertrauenswürdig sind. Dazu muss das Pferd gar nichts tun. Nur wir müssen uns vertrauenswürdig verhalten. „Nur“ sollte wohl besser in Anführungsstrichen stehen. Aber ich schweife ab, denn heute wollte ich ja über Ziele schreiben.

Wer kein Ziel hat, wird auch keins erreichen, so viel steht fest. Da Ziele in der Arbeit mit dem Pferd aber nicht ausschließlich von uns Menschen erreichbar sind, sondern wir das Pferd dazu brauchen, ist es etwas komplizierter als „ich möchte einen Marathon mitlaufen“.

Was passiert wenn Ziele nicht klar formuliert sind, habe ich dann mal wieder auf die harte Tour gelernt. Und was passiert, wenn zu den unklaren Zielen noch die Ablenkung durch unwichtige Ziele kommt. Wir waren mit Duncan auf dem Trailplatz. Ziel: er sollte üben, sich in Anwesenheit fremder Pferde zu benehmen. Oje, da ist er ja schon wieder, der Nebel in Tüten! Denn natürlich weiß ich, dass er das nicht nach einer Übungseinheit können wird. Und überhaupt: was genau soll er denn da können? Was heißt „benehmen“, woran würde ich gutes Benehmen erkennen, wie lange soll er das können und in welchen Situationen darf er genau wie reagieren und wie kann ich ihm helfen falls er überfordert ist?

Stellte sich heraus: er kann eine ganze Menge. Allein im Anhänger da hin fahren. Dort ein paar von den Trail-Hindernissen vorbildlich bewältigen. Was er nicht kann: sich beliebig lang zusammen reißen in der angespannten Situation mit den drei Pferden die über den Zaun schauen. Was dann passiert: sehr unschönes Verhalten seinerseits (ja, steigen kann er super). Was er dann wieder konnte: sich nochmal zusammennehmen und weitermachen bis zur nächsten Explosion. Danach – zu meinem Erstaunen – konnte er gelassen in den Anhänger steigen und in aller Seelenruhe nach hause fahren.

Nur ich, ich konnte an dem Tag irgendwie nix. Konnte keine Ruhe ins Pony bringen, konnte nicht die Zeit im Auge behalten und konnte die Prioritäten nicht richtig setzen. Und deswegen musste mein Pony so viel können was er halt eigentlich noch gar nicht können kann. Nur weil meine Zielformulierung so schlecht war. Ok, Lektion gelernt.

Ich habe hier schon einmal über Zeitpläne in der Pferdeausbildung gesprochen. Aber noch bevor der Zeitplan da ist, braucht man einen Weg.

Früher, bevor es Smartphones, Navis und all diese Dinge gab, hat mein Vater vor längeren Autofahrten immer ein „Kochbuch“ erstellt. Ich habe diese Pläne geliebt. Dort stand genau, wie viele km es von einem Autobahnkreuz zum nächsten sind, wann wir wohin abbiegen und zu welcher Zeit wir optimaler Weise dort sein sollten. Dank dieses „Kochbuchs“ konnte ich immer abschätzen, wie lang die blöde Fahrerei noch dauert und ich war ein bisschen besser beschäftigt weil ich was abhaken und kontrollieren konnte. Das Kochbuch wurde vor der Reise anhand vieler Karten erstellt und gab mir das Gefühl, mich gut aus zu kennen.

Eine solche Karte wünscht man sich fürs Pferdetraining ja auch gern mal. Die wenigsten von uns sind es noch gewöhnt, einfach mal so los zu laufen ohne Karte, ohne Smartphone, ohne Navi und sich anderweitig zu orientieren. Ich persönlich habe keine Ahnung mehr, wie das mit der Armbanduhr und dem Kompass war und ich habe auch gar keine analoge Armbanduhr mehr. Wenn ich mich frage wo ich bin, kommt das Handy aus der Tasche, da ist nicht nur die Karte drauf, sondern es zeigt mir auch meinen Standort an.

Beim Pony ist das eigentlich nicht viel anders: ich kenne jetzt meinen Standort – den Standort auf dem wir uns auf der Ausbildungskarte befinden – sehr viel genauer. Das heraus zu finden war zwar nicht angenehm aber immerhin informativ und lehrreich. Von hier aus kann ich jetzt die weitere Route planen. Wie beim Smartphone kann ich raus zoomen und langfristige Ziele sehen, aber gerade jetzt muss ich dringend mal mehr rein zoomen damit ich genauer sehen kann, welche Wege wir da gehen könnten. Dann kann ich ein „Kochbuch“ schreiben und obwohl es naturgemäß nie so akkurat und exakt sein wird wie die meines Vaters werde ich besser orientiert sein als zuvor und genauer wissen, wo es lang geht und welche Zwischenziele es zu erreichen gilt. Und an jedem erreichten Wegpunkt kann ich ein kleines Häkchen setzen und mich freuen über das, was wir schon geschafft haben. Manchmal werde ich die Route neu berechnen müssen, wenn ich feststelle, dass dieser Weg doch nicht zielführend ist. Aber irgendwo wird sich dann doch wieder ein Weg finden und ein Zwischenziel, das wir erreicht haben. Die Zeit, die es braucht um jedes dieser Zwischenziele zu erreichen, kann ich allerdings nicht bestimmen, denn die Zeit bestimmt eben immer das Pferd.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 252

Diesen Dienstag war wieder Ausflug mit dem Spaziergehkumpel angesagt. Ich hatte da noch ein Missverständnis mit meinem Mädchen auszuräumen, die nämlich Sorge hatte, dass mir das am Sonntag zu viel gewesen wäre. Aber nicht doch! Das hat mich nur angespornt, ich liebe es mich auszupowern!

Am Dienstag waren wir endlich mal wieder im Moor. Mein Mädchen liebt es da, es ist wunderschön. Allerdings auch manchmal etwas gruselig, weil es direkt neben dem Weg einfach sehr schnell sehr sumpfig wird. Als Schotte habe ich eine angeborene Angst vor Moorleichen und ich hatte das Moor lange nicht gesehen – es sah sehr anders aus und überall gluckste es sehr laut! Mein Mädchen saß auf meinem Rücken und ich bin vorne weg marschiert weil mein Spaziergehkumpel anfangs nur so mittel motiviert war, schnellen Schritt zu gehen. Ich glaube sogar, er kann mit meinem neu entdeckten Turboschritt gar nicht wirklich mithalten. Also war ich vorne und wer vorne geht, trägt die Verantwortung. Auch für Moorleichen! Das war mir dann doch etwas viel. Mein Mädchen ist dann nach einer Viertelstunde abgestiegen, weil meine Ohren immer spitzer und mein Schritt immer schneller wurden. Am Boden kann sie mehr Verantwortung übernehmen. Allerdings ist sie ja dann auch wieder so langsam wie eine Schnecke! Mach hinne, Mädchen!

Naja als ich mich etwas beruhigt hatte, ist sie wieder aufgestiegen. Dann kamen wir an einer Rinderkoppel vorbei. Mein Mädchen sagt zu mir „schau die liegen alle und schlafen, das schaffst du“. Aber was soll ich sagen: just als ich an der einen Kuh vorbei gehen will, steht die auf und grunzt dabei so komisch – direkt neben dem Zaun! Da habe ich doch mal einen schnellen Schritt zur Seite gemacht und mein Mädchen ist fix abgesprungen um mir von unten zu helfen, diese gruselige Situation zu überleben. Könnte ja eben doch eine Moorleiche sein oder? Das Mädchen vom Spaziergehkumpel hat sich amüsiert, wir Schotten wären doch etwas abergläubisch und ich sollte nicht so viele Krimis lesen meint sie. Aber ich geh lieber auf Nummer sicher! Mein Mädchen hat mich verstanden. Die meinte, es könnte da auch Hinkepanks geben und man kann gar nicht vorsichtig genug sein.

Naja als wir dann an den Gruselkühen vorbei waren, ist sie wieder aufgestiegen und ich bin munter und entspannt weiter voran gestiefelt. Mein Spaziergehkumpel musste immer mal ein Stückchen nachtraben, weil ich so flott geworden bin.

An den nächsten Rinderkoppeln sind unsere beiden Mädchen abgestiegen und zu Fuß gegangen und als da so eine freundliche Kuh mit einem ganz krummen Horn nah am Zaun stand durften wir dort grasen. Weil essen ja immer gegen gruseln hilft.

Hallo Kuh! Du bist ja gar nicht gefährlich!

Nachher ist mein Mädchen wieder rauf gehüpft und weiter geritten. Wir waren so lange nicht im Moor dass sie vergessen hatte wo wir abbiegen wollten und sie musste kurz das Handy fragen. Das kann ich jetzt schon, mein Job ist so lange still stehen und mich langweilen. Sie schaut auf die Karte und sagt „ja, wir müssen hier abbiegen“. Da wollte ich los – wo sie es jetzt doch weiß! Aber nein, das war nicht erlaubt. Stehen bleiben bis das Handy wieder eingepackt ist war angesagt. Dann Keks kassieren, dann wieder los. Ehrlich, Mädchen, du verschwendest zu viel Zeit! So gewinnt man keinen Distanzritt! Nein, hat sie ja auch nicht vor. Na sie nicht, aber ich vielleicht!

Bist du endlich fertig? Ich will los!

Später sind wir auch noch ein paar Meter getrabt. Diesmal hat mein Mädchen ganz still gesessen und mich einfach machen lassen, wie ich meine. Nur als ich im Trab ein paar Zweige wegförstern wollte fand sie es blöd – irgendwas hat sie ja immer zu meckern!

Und dann waren wir auch schon wieder an der Wackelkiste. Mein Mädchen hat die Zügel lang gelassen und gesagt „mal sehen was passiert“. Dann hat sie laut gelacht, weil ich sie fast haargenau da hin gebracht habe, wo sie aufgestiegen war. „Diese Zugfahrt endet hier“ hat sie gesagt (was immer das heißen mag).

Es war jedenfalls ein großartiger Ausflug! Wir waren alle 4 sehr glücklich und zufrieden.

Euer zufriedener Sir Duncan Dhu of Nakel

Stopp!

Als Caruso bei uns einzog, hatte er vor allem eins: Angst. Vor Menschen, besonders vor Männern, vor Gerten, vor unbekannten Situationen. Und immer wenn er Angst hatte, suchte er sein Heil in der Flucht. Caruso kann sehr schnell rennen, wie ein kleiner Kugelblitz sieht er dann aus. Und wenn er erst mal rannte, dauerte es ein bisschen, bis er wieder zu Sinnen kam und stoppte. Wir brauchten also einen Plan, um ihm zu helfen. Wir gingen mit ihm in die Halle und übten: wenn die Gerte und der Mensch sich bewegen: schau hin. Dann hört das auf. Und so lernte er, mit uns „Ochs am Berg“ zu spielen: Wann immer etwas gruselig war und er los rannte, dauerte es einen Moment und dann warf er sich heroisch herum und starrte uns mit wildem Blick an, woraufhin wir sofort erstarrten und uns nicht mehr vom Fleck rührten. Leider war ich nicht dabei, aber Arnulf lacht bis heute über das Gesicht des Dachdeckers der zur Besichtigung der Baustelle da war, denn als Caruso Angst bekam vor dem Dackdecker, der durch den Paddock lief, musste auch der das Spiel mit spielen und stehen bleiben sobald Caruso in anschaute. Wahrscheinlich hat der arme Mann uns für komplett verrückt gehalten, zum Glück hat er unser Dach trotzdem gedeckt.

Die Möglichkeit, uns zu stoppen, machte aus Caruso in kurzer Zeit ein mutiges kleines Pony. Wir mussten nicht alles kleinschrittig üben. Er wurde mutig genug um hier gut zurecht zu kommen und ohne dass wir groß etwas mit ihm machen oder üben hat er eine klare Kommunikation entwickelt, die wir gut verstehen können. Wenn er uns anstarrt, wissen wir: was immer wir gerade tun ist ihm zu viel. So können wir ihm helfen, in solchen Situationen den Druck raus nehmen, uns mehr Zeit lassen oder einen Keks zum Einsatz bringen.

Von Caruso habe ich gelernt, wie viel einfacher das Leben ist, wenn unsere Pferde ein klares Stopp-Signal haben. Er ist das Pony, bei dem ich das bisher am deutlichsten gesehen habe. Aber seitdem halte ich vermehrt Ausschau danach. Jedes Pferd wird sich auf andere Art und Weise äußern. Wenn wir aufmerksam sind und die frühen Zeichen erkennen, können wir so nicht nur dem Pferd helfen, sondern auch unter Umständen Unfälle verhindern oder Verletzungen, die ein Pferd uns vielleicht zufügen würde in Notwehr.

Finlay hatte ein solches Stopp-Signal in Bezug auf Pausen. Er hatte sehr unterschiedlichen Pausenbedarf wenn wir Bodenarbeit gemacht haben, so dass ich oft nicht wusste, wie lang die Pause sein soll. Wenn er genug Pause gehabt hatte, kam er zu mir und es ging weiter. Wollte er noch pausieren, blieb er genau auf einem Fleck stehen. So habe ich es seither bei einigen Pferden etabliert und fahre gut damit.

Wenn ich Duncan nun reite, dann bin ich natürlich sehr auf der Hut: wann ist es zu viel für ihn? Wann ist er überfordert? Und ich habe ihm immer gesagt: finde bitte ein eindeutiges, aber freundliches Signal. Nun glaube ich ja nicht, dass er meine Worte in dem Sinne verstanden hat. Aber ich glaube fest daran, dass er die dahinter liegende Stimmung meinerseits wahrnimmt, nämlich dass ich aufmerksam darauf achte, wie es ihm geht. Und ich glaube, er hat ein Signal gefunden. Sagen wir: mehrere Stufen von Signal und eins davon deutlich genug, dass ich es auch verstehe wenn ich nicht ganz aufmerksam bin. Und das kam so:

Am Sonntag, als wir unseren ausgiebigen Ausflug gemacht haben, sind wir ja auch wieder ein kleines Stück getrabt. Beim ersten Trab ging das wunderbar. Danach merkte ich, dass die erste Energie raus war und ging zu Fuß bis ich dachte, Duncan hätte sich erholt. Ich stieg wieder auf und wollte noch einmal traben. Duncan trabte, aber ziemlich langsam. Ich dachte, es fehlt ihm vielleicht an Mut und feuerte ihn etwas mit der Stimme an. Duncan mühte sich, fing dann aber an mit dem Kopf zu schütteln als wäre da ein Insekt was ihn stört. Ich habe den Zusammenhang in dem Moment noch nicht gesehen – auch wenn er beim Aufschreiben so offensichtlich rüber kommt. Ich parierte durch, weil ich dachte, Duncan wollte ein Insekt los werden. Da fing er an, den Kopf so herum zu schwingen als würde er ein Insekt auf seinem Rücken vertreiben. Er hat mich nicht berührt und auch nicht böse geguckt, es war nur wie diese typische „Fliege auf dem Rücken“ Bewegung. Und da war es: mein Stopp-Signal. Ich stieg ab und ging zu Fuß weiter. Später bin ich nochmal aufgestiegen und habe es auch nochmal mit Trab versucht, weil ich wissen wollte was passiert. Diesmal war ich gewappnet und habe das Vorsignal gesehen: im Trab nahm Duncan immer wieder den Kopf so runter wie ich es von Pferden kenne wenn sie müde sind. Es ist eine sehr typische Bewegung. Ich parierte ihn wieder durch und er machte im Schritt noch einmal seine „Fliegen-Verscheuch-Bewegung“. Ich ritt einige Meter weiter und stieg dann ab. Jetzt weiß ich: er hat es so gemeint wie ich es verstanden habe. Nach einer längeren Laufpause hat er mich übrigens im Schritt dann noch ein Stück getragen ohne Probleme. Und natürlich könnte ich sagen „oje ich hab mein armes Pferd überfordert“. Ich möchte Duncan fordern, daran hat er offensichtlich Spaß – ich möchte ihn aber natürlich nicht überfordern. Der Grat ist schmal und schwer zu finden. Nun haben wir eine Grenze gefunden und er hat ein Signal etabliert das so eindeutig ist dass ich es nicht übersehen kann und dabei ist es trotzdem total ungefährlich. Wunderbar! So hat er einen „Notaus-Knopf“ und ich fühle mich dadurch sehr viel sicherer – er wahrscheinlich auch.

Ein schlechtes Gewissen hatte ich dann natürlich schon: war es ihm viel zu viel? Aber schon am Dienstag, als dann der Ausflug mit dem Spaziergehkumpel anstand, wurde dieses schlechte Gewissen ausgeräumt. Duncan marschierte munter voran und war kaum zu bremsen. Getrabt bin ich nur einmal kurz und das nur in seinem eigenen Tempo ohne anfeuern. Anfeuern, das habe ich jetzt endgültig verstanden, darf ich Duncan nicht. Denn wenn ich das Gefühl habe, ihn anfeuern zu müssen, heißt das, dass er schon alles gibt und einfach nicht mehr geben kann. Fertig. So einfach, so klar und für mich so ungewohnt. Und so hoffe ich eigentlich, dass Duncan sein Stopp-Signal nie mehr braucht. Aber wer weiß, im Eifer des Distanzreitens kommt vielleicht doch irgendwann ein Punkt an dem er nicht mehr kann und nun wissen wir beide wie er es kommunizieren kann.

Ich hatte noch nie ein Pferd wie Duncan. Meine bisherigen, gemütlichen Modelle waren immer versucht, Energie zu sparen. Duncan hingegen hat Spaß daran, sich auszupowern. Und während ich das Buch lese, das eine Schülerin mir geliehen hat „So macht man Pferde fit“ bemerke ich das selbe Verhalten bei Menschen wie der Autorin Ursula Bruhns. Ihr Genuss daran, ihre eigenen körperlichen Grenzen zu sprengen beim Distanzreiten (160km innerhalb 24 Stunden, zwischendurch kaum mal auf Klo, nicht wirklich was essen, in den Pausen nicht etwa ausruhen sondern ums Pferd kümmern…..). Im Leben würde es mir nicht einfallen, mich freiwillig solchen Strapazen auszusetzen und bisher hatte ich immer Pferde die ähnlich gemütlich gestrickt waren wie ich. Duncan hingegen ist genau der Typ, der diese Grenzsuche liebt, das kann ich im Paddock deutlich beobachten wenn er spielt. Er scheut keine Anstrengung und kein Risiko. Wie oft fällt er auf die Nase weil der Boden eben doch zu rutschig ist. Dann steht er eben auf und macht weiter – wen kümmert’s? Und langsam fange ich an, mich daran zu gewöhnen, dass er so ist. Er will raus, die Welt sehen und das bitte ausgiebig. Und jetzt, wo er mich immer mal ein Stückchen trägt und endlich, endlich sein eigenes Schritttempo gehen kann, machen ihm die Ausflüge doppelt Spaß, scheint mir. Auch wenn er müde ist, hat er noch Spaß. Meine Aufgabe ist, ihm etwas zu bieten ohne ihn zu überfordern. Ganz schön kompliziert, denn die Grenze zur Überforderung wird sich ja auch dauernd verschieben. Und so bin ich heilfroh, dass er diese klare Möglichkeit gefunden hat, Stopp zu sagen, damit der Spaß erhalten bleibt, auch wenn ich mich vielleicht mal verschätzt habe. Kluges Pony!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 251

Ich schulde Euch ja noch eine Geschichte! An dem Feiertag mit den zwei Namen haben wir ja keinen Ausflug gemacht, sondern was anderes geübt. Was neues! Ach, ich liebe es wenn wir was neues üben! Also es war so: mein Mädchen kam mit dem Fahrgeschirr und dem Mann. Wir sind auf den Reitplatz gegangen und sie haben mir alles angezogen. Ich fand das schon super, wusste doch dass bestimmt was spannendes passiert! Dann sollte ich los gehen, mein Mädchen und der Mann hinter mir her. Erst war alles ganz normal, dann hat der Mann sich plötzlich an mich ran gehängt und ich hab ihn gezogen! Mein Mädchen sagt, so kann ich lernen wie das geht mit dem Ziehen. Dabei kann ich das doch längst. Das liegt in meinen Genen! Und der Mann ist zwar ein großer, starker Mensch aber mit seinen paar Kilos kann er gegen mich nicht anstinken. Den habe ich ganz locker weg gezogen. Immer wenn ich mich schön ins Zeug gelegt habe, hat er etwas nachgelassen, angeblich damit ich ein Erfolgserlebnis habe. In Wirklichkeit fand er es sehr anstrengend, die ganze Zeit in den Seilen zu hängen! Ich fand das alles ganz einfach und die Menschen waren mal wieder entzückt. Nach 10 Minuten hat der Mann kapituliert und zugegeben, dass ich gewonnen habe. Ha! So bin ich jetzt der Sache mit dem Kutsche fahren wieder ein kleines Stück näher gekommen. Hier noch ein kleines Video von unserem Tauziehen:

Der Mann hat keine Chance gegen meine PS!

Euer Zugpony Sir Duncan Dhu of Nakel