Frühjahrsputz

Die Shut-down-Zeit war für viele von uns Aufräumzeit. Auch für mich. Amüsiert habe ich die kleinen Bildchen im Internet gesehen „vor dem shut-down“ und „nach dem shut-down“ wo sich Brennesselfelder in englische Gärten verwandelt haben. Sehr weit von der Realität war das allerdings mancherorts gar nicht weg. Ich selbst habe zwar lange nicht so viel geschafft wie erhofft (Duncans Tagebuch zu füllen hat einfach so viel mehr Spaß gemacht), aber wenigstens ein paar Ecken sind jetzt wieder ordentlich.

Jetzt kehrt in mein Leben wieder Normalität ein und das Chaos bahnt sich wieder seinen Weg. Ich bin einfach zum Ordnung halten nicht geboren. Obwohl ich inzwischen gerne aufräume und putze, mache ich es doch nur, wenn es sich wirklich lohnt. Ich will einen Unterschied sehen zwischen vorher und nachher und zwar einen großen, der den Aufwand rechtfertigt. In keinem der vielen Tipps die ich über Ordnung gelesen habe, wurde dieser Effekt jemals gewürdigt. Ich selbst habe lange gebraucht um ihn zu entdecken und benennen zu können. Der Ordnungsratgeber, der auf diesem Effekt aufbaut, wird wohl der erste sein, der für mich funktioniert (bitte Buchempfehlungen in den Kommentaren falls ihr einen kennt). Aber der klassische „Frühjahrsputz“ ist unter den Ordnungschoaches verpönt. Jeden Tag ein Eckchen, dann ist doch alles gut und man braucht keine Großaktion. Oje, wie sehr geht dieser Tip an meinem persönlichen Motivations-Empfinden vorbei. Und so wird es wohl nichts werden mit der dauerhaften Ordnung.

In der Pferdeausbildung ist das bei mir gar nicht so viel anders. Und ich bin damit nicht allein. „Ich möchte ganz von vorne anfangen“ ist ein sehr beliebter Satz in meinem Kundenkreis. Tja, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, nicht wahr? Der Wunsch, die Pferdeerziehung „auszumisten“ findet sich bei vielen von uns. Denn im Alltag schleicht sich so einiges ein. Das ist natürlich niemals die Schuld der Pferde – den meisten von uns ist das klar. Es ist immer die Schuld des Menschen. Der dann doch mal einfach so ein Leckerlie gibt, nur weil das Pferd existiert. Der Mensch, der dann doch mal nicht auf dem Stillstehen besteht. Der Mensch, der dann doch mal nicht aufmerksam genug war um sein hungriges Pony daran zu hindern den grünen Halm am Wegesrand mitzunehmen. Der Mensch, der verpasst hat, ruhiges, unspektakuläres Verhalten gebührend zu belohnen. Der Mensch, der nicht nur zulässt, dass das Pferd unerwünschte Verhaltensweisen entwickelt, sondern diese Verhaltensweisen aktiv fördert durch unbewusstes und unbemerktes Belohnen. Und dann sind sie da – die Nervigkeiten. Und plötzlich nerven sie. Und man weiß gar nicht so recht, wo sie wohl herkommen. Und dann ist Frühjahrsputz angesagt, von vorne anfangen. Alles nochmal neu aufrollen. Alles auf den Prüfstand stellen.

Ich bin selbst in einer sehr interessanten Situation des Vergleiches. Auf der einen Seite Sir Duncan, mit dem ich hochkonzentriert und sehr beständig arbeite, weil ich genau weiß, dass so ein kleines Hengstchen schnell unbequem werden kann wenn man ihm erst mal Quatsch beigebracht hat. Auf der anderen Seite mein guter alter Merlin, den ich seit 19 Jahren kenne und der natürlich niemals blöde Sachen wie beißen, treten, Menschen umrennen oder ähnliches tun würde. Mein Merlin, der immer so viele Dinge möglich macht, die für ihn eigentlich unmöglich sind (wie Piaffe und fliegende Wechsel im zarten Alter von 27 Jahren). Der Reitschüler (er)trägt und auf sie aufpasst. Der immer da ist, immer mitmacht, selbst wenn es für ihn anstrengend und viel ist. Und der mich gut im Griff hat. Kratz mir den Bauch, gib mir einen Keks, die Pause mit Gras hab ich mir verdient. Und ich sage ja dazu und habe jetzt ein saglos „verwöhntes“ Pony dass sich allerhand Freiheiten herausnimmt. Manchmal nerven seine Marotten mich, aber ich kann ihm das alles nie übel nehmen. Und mir ist bei ihm nicht nach Frühjahrsputz, er ist so wunderbar dass ich es nicht über mich bringe, ihm irgendetwas zu verwehren. Ich gebe mir schon Mühe, ein paar Regeln einzuhalten und öfter mal sinnvolles Verhalten zu belohnen. Aber wenn das alte Pony mit dem gesunden Phlegma dann mal von selbst etwas spektakuläres anbietet und anfängt in die Luft zu hüpfen, mag ich halt nicht sagen „lass das und steh still“. Noch nicht mal wenn er dann für das stillstehen viele viele Kekse bekommt. Ich bringe es nicht über mich, mich nicht zu erfreuen an seiner Kreativität und ihn dafür zu feiern. Was zur Folge hat, dass die in unerwarteten Momenten ausbricht.

Duncan hingegen bringt von haus aus so viel Energie mit und weiß noch so wenig darüber was man als Pferd im Umgang mit Menschen tut oder nicht tut, dass ich sehr viel mehr vor Augen habe, was auf dem Spiel steht. Neulich beim Rufen üben auf der Weide hatte er plötzlich die brilliante Idee mich als Spielpartner ansehen zu wollen und stieg mich an, mit freundlichem, erwartungsvollem Gesicht. Das fand ich nun wenig erheiternd und habe meine Meinung darüber sehr deutlich gemacht. Ich weiß, dass er es nicht böse meint, aber natürlich muss er lernen dass ich KEIN Spielpartner bin – zumindest nicht in dem Sinne wie seine Pferdekumpels es sind. Und also achte ich viel mehr auf die „Grundordnung“ wenn ich mit Duncan zusammen bin. Er bekommt endlos Kekse fürs Stillstehen, fürs artig neben mir her dackeln (im Schneckentempo würde er jetzt sagen), fürs Abstandhalten, fürs Wegschauen.

Das Problem bleibt: ich möchte einen Effekt sehen. Noch sind diese Dinge mit Duncan alle recht neu und für mein Gehirn spektakulär genug. Aber wenn sich gefühlt nichts verändert (weil ich nur noch Verhalten erhalte anstatt neues zu erschaffen) wofür mache ich mir dann die Arbeit? Und das beobachte ich auch bei meinen Schülern: mit viel Enthusiasmus wird etwas neues ausprobiert, ein neuer Trick, eine neue Übung, ein neues Trainingsziel. Aber das alte erhalten – das ist ja anstrengend. Und so wartet man, bis das alte verstaubt und nicht mehr schön ist, und dann kommt man zum Frühjahrsputz. Dann holt man sich den Trainer und sagt „ich möchte von vorne anfangen“. Das ist natürlich besser, als alles vergammeln zu lassen. Noch besser wäre, immer dranzubleiben, an all den alltäglichen Dingen. Das gute ist: wenn man lange genug dran bleibt, wird es immer leichter. Wie in der Wohnung auch. Die Grundordnung erhalten ist eigentlich einfach. (Theoretisch)

In der Pferdewelt haben wir unter anderem dafür unsere Ausbilder. Die – in den meisten Fällen – mit endloser Geduld wiederholen, was sie schon 100mal gesagt haben. Uns neue, gute Gewohnheiten einbläuen, bis sie uns so sehr zur zweiten Natur geworden sind, dass wir gar nicht mehr merken, was wir da tun.

Neulich sagte eine Schülerin „wenn du da bist macht er das“. Auf Nachfrage, was denn anders sei wenn ich da bin sagt sie „ich bin dann fokussierter“. Ja, das kenne ich. Man ist eben doch mehr bei der Sache wenn ein Lehrer daneben steht.

Meine Lehrer stehen oft imaginär auf dem Reitplatz. Da ich meine beiden Lieblingsreitlehrer nur selten sehe, muss ich eben kreativ werden. Ich stelle mir vor, dass einer von beiden dort steht und mich unterrichtet. Und ich hatte genug Unterricht bei beiden um viele Dinge einfach wieder abzurufen und festzustellen: da habe ich was schleifen lassen. Da war ich nicht konzentriert, habe Kleinigkeiten einfach übersehen, bin so drüber weg gegangen. Das hilft mir.

Und was mir sonst noch hilft: ein kleiner Hengst, der all meine Konzentration und Aufmerksamkeit fordert, weil er sonst so viele eigene kreative Vorschläge hat, wie wir unsere gemeinsame Zeit verbringen könnten.

Meine Wohnung wird davon nicht ordentlicher, aber mein Umgang mit den Pferden ein Stück besser. Und das ist mir ehrlich gesagt sowieso viel wichtiger.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 41

Dieses Rumstehtraining ist wirklich gut für mein Mädchen. Sie wird schon viel besser darin mich zu verstehen!
Neulich stehe ich so im Paddock und denke mir, wie schön es doch wäre, mal wieder rauszugehen. Plötzlich höre ich sie rufen (Duncan Dhuuuuuuuu). Gesehen habe ich sie nicht aber meistens ist sie ja dann vorne am Stalltor und es hörte sich auch so an als käme ihre Stimme von da. Bin ich mal losgegangen. Und als ich ankam, war sie schon ganz glückselig. Weil ich gekommen bin ohne sie zu sehen. Ich weiß doch was das heißt wenn sie ruft: Kekse! Und meistens auch Abenteuer! Oder Extra-Essen. Ich bin ja nicht blöd.
Jedenfalls hat sie gesagt, sie hätte plötzlich so Lust mit mir raus zu gehen und der Mann will auch mit – aber ohne Pony. Fein! Also schnell in das grüne Halfter schlüpfen, das mag ich, weil ich weiß, dass dann lustige Sachen passieren. (wenn ich das schwarze Halfter anziehen soll wird es meistens langweilig). Und schon ging es los. Ich bin gleich zügig gestartet und mein Mädchen war am Staunen. Sonst war ich manchmal nicht ganz sicher ob ich ohne Pferdekumpel vom Hof gehen kann. Aber jetzt bin ich mir sicher. Und ich wollte los. Und zwar nicht zu langsam! Mein Mädchen hat gemerkt (Rumstehtraining macht’s möglich) dass ich schneller will. Und hat „Teeeerab“ gesagt. Oh, super, das weiß ich was das heißt! Ich bin dann auch gleich angetrabt und sie ist neben mir her gekeucht. Bis sie nicht mehr konnte, dann hat sie „Scheeeeeritt“ gehechelt und ich habe mich kurz gefragt ob ich das wohl ernst nehmen soll. Na gut, bevor sie mir zusammenbricht… Als sie wieder reden konnte hat sie den Mann gefragt ob er das gesehen hat. Dass ich auf Stimmkommando angetrabt bin ohne weitere Hilfe. Hatte er nicht gesehen. Also haben wir es nochmal gemacht. Und nochmal. Und nochmal. Und ich habe es jedes Mal richtig gemacht. Und mein Mädchen war baff. Was hat sie immer? Sie fragt sich dann, woher ich sowas weiß. Hallo? Du hast doch schon mal „Teeerab“ gesagt. Neulich erst, als ich als Handpferd neben Diego dem Großen unterwegs war. Schon vergessen? Sie denkt ja immer, sie müsste das so oft wiederholen bis ich mir das gemerkt habe. Äh – nee. Ich weiß das. Manchmal mache ich nicht alles was ich weiß, weil ich keine Lust habe. Beim Stillstehen kommt das schon mal vor. Heißt aber nicht dass ich es nicht weiß. Nur dass es mir keinen Spaß macht. Wissen tu ich alles was Du mir gezeigt hast, mein Mädchen. Man man man, wann lernt sie das? Also SIE ist diejenige die hundert Wiederholungen braucht. Gut dass ich so geduldig bin. Und wenn ich ungeduldig werde, beiße ich sie einfach. Fertig.
Übrigens hat sie mir ein neues Wort beigebracht. „Laaaaangsam“. Das heißt: Ritter, ich kann einfach nicht so schnell traben wie Du, nimm bitte Rücksicht auf Dein Mädchen und trabe im Schneckentempo! Naja, mal sehen ob ich das mache. Vielleicht wird sie ja noch schneller, wenn sie mehr trainiert hat.
Machts gut, Ihr Menschen!

Euer schlauer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 40

Liebe Freunde und Bewunderer,

heute schreibe ich meinen 40. Tagebucheintrag!

Nur schreibe ich ihn leider nicht selbst, denn das kann ich immer noch nicht. Mein Mädchen muss immer alles tippen was ich ihr diktiere. Meistens schreibt sie es auch so wie ich es sage – manchmal lässt sie aber Sachen weg, die sie unanständig findet.

Jetzt darf mein Mädchen schon fast wieder normal arbeiten und viele von Euch dürfen auch wieder einigermaßen normal leben hat sie gesagt. Ihre Zeit wird etwas knapper sein und sie kann nicht mehr jeden Tag was tippen. Das tippen geht schnell, aber alles online stellen, sagt sie, ist manchmal eine Qual. Ihr Computer und die Leitungen zu Euren Computern sind nämlich sehr langsam. Wie ein Kaltblut. Nicht so schnell wie ich! Deswegen wird sie jetzt nicht mehr so oft für mich tippen können. Ich bitte um Entschuldigung! Trotzdem werde ich Euch gelegentlich schreiben, was ich so erlebe. Und weiterhin wird sie natürlich Donnerstags irgendwelche großen Erkenntnisse zum Besten geben, die für uns Ponys selbstverständliche Alltäglichkeiten sind. Naja, Ihr Menschen braucht das wohl so.

Heute ist übrigens was für ein Tag? Richtig: der zweite Sonntag im Monat! Messtag! Also musste ich wieder ab an die Wand. Danach hat mein Mädchen mir noch die Hufe schön geraspelt. Danach! Das finde ich sehr auffällig. Ich glaube es war Absicht. Weil ich doch nach dem Hufe raspeln kleiner bin. Mein Mädchen sagt aber das stimmt nicht, sie hätte in der Höhe gar nichts weggenommen, nur die Form verbessert (als ob es an mir etwas zu verbessern gäbe…) Aber ich glaube es war trotzdem Absicht, dass sie mich vorher gemessen haben.

Na jedenfalls habe ich vorne jetzt 133,5cm geschafft und hinten schon 137cm. Gut oder? Mein Mädchen hat mir den Zollstock gezeigt und wie groß 144cm sind. Bis da hin soll ich vorne noch kommen. Und hinten nicht höher als 144cm. So sagt sie. Kein Problem, mein Mädchen. Ich brauche nur etwas Zeit. Und – du weißt schon – gutes Futter.

Außerdem haben sie wieder meine Beine fotografiert. Weil ich ein x-Bein habe. Sagt mein Mädchen. Tssss als ob das meiner Schönheit irgendeinen Abbruch täte. Aber sie ist ganz zufrieden und sagt, es ist schon sehr viel besser geworden. So wie es jetzt ist kann ich damit 35 Jahre alt werden sagt sie. Mindestens. Und so viel und schnell laufen wie ich will. Wirklich? Ach so, nur in meiner Freizeit. Wenn wir zusammen unterwegs ist will sie trotzdem das Tempo bestimmen… Menno.

Ok sie waren wirklich bisschen geknickt, meine Beine (Dezember)
So schön sind meine Beine jetzt

Euer wachsender Sir Duncan Dhu of Nakel mit den schönen Beinen

Irgendwann

Irgendwann – das ist ein unbestimmter Zeitpunkt. Oder?

Irgendwann werde ich Ordnung haben auf meinem Schreibtisch. Irgendwann habe ich vielleicht mal Zeit, den Garten auf Vordermann zu bringen. Irgendwann möchte ich mal …

Irgendwann kann heißen „nie“. Irgendwann kann heißen „wenn ich nichts Besseres vorhabe“. Irgendwann kann heißen „ich habe keine Lust“.

Aber ich habe noch eine andere Bedeutung gefunden, die das kleine Wörtchen „irgendwann“ erstaunlich oft hat: jetzt gleich sofort!

Da wundert Ihr Euch? Ich mich auch. Aber es ist wirklich so. Achtet mal darauf. Ich begegne diesem Wort (natürlich) vor allem in der Pferdeausbildung. Zum Beispiel beim Verladetraining. Wenn das Pferd gerade halb auf dem Anhänger ist und ich dem Besitzer sage, er soll es wieder zurück schicken. „Aber irgendwann muss er da doch rauf“. Stimmt. Irgendwann. Aber nicht jetzt.

In diesem Fall drückt die Verwendung des Wörtchens „irgendwann“ aus, dass es nicht schnell genug geht. Man sieht das Ziel zum Greifen nah vor seinen Augen. Jetzt! Nein, nicht jetzt. Irgendwann. Und zwar irgendwann später.

„Aber irgendwann muss er das doch können/aushalten/machen“. Genau. Irgendwann.

Das interessante ist: wenn ich Menschen dann davon überzeugen konnte dass „irgendwann“ nicht heute ist, dann passieren all die Dinge, die sie so gern mit viel Druck jetzt gleich sofort erzeugen wollten, im Lauf der Zeit mehr oder weniger von allein. Bei fast jedem Verladetraining kann ich zum Beispiel beobachten, wie die Pferde weiter und weiter in den Anhänger einsteigen ohne dass man sie darum bittet oder Druck macht. Ich habe bis heute nur eine wage Ahnung warum das passiert. Aber es passiert. Immer wieder, bei sehr vielen Pferden.

Wenn ich heute wieder im Freedom Based Training neben Duncan stehe und denke „irgendwann muss er das doch mal ok finden wenn ich von der Seite komme und meinen Arm über seinen Rücken lege“ dann werde ich mich daran erinnern. Irgendwann wird es so weit sein. Aber wahrscheinlich nicht heute. Denn irgendwann ist ein unbestimmter Zeitpunkt.

Mein Mann sagt seit 2 Jahren, dass er das alte Gewächshaus abbauen will. Irgendwann. Ich habe mich nicht weiter darum gekümmert, es war mir nicht so wichtig. Eines Tages war das Gewächshaus abgebaut. „Irgendwann“ war an diesem Tag. Warum? Keiner weiß das so genau, auch mein Mann nicht. Es gab schon viele Tage mit der richtigen Kombination aus Wetter und Zeit. Aber das waren eben nicht die Tage. Woher plötzlich so ein Entschluss kommt, kann ich ja noch nicht einmal bei mir selbst sagen. Plötzlich packe ich es an. Dinge, die ich wochenlang vor mir her geschoben habe. Und inzwischen habe ich mir angewöhnt, zu akzeptieren, dass ich so funktioniere. Ich zwinge mich nur noch, es JETZT zu tun, wenn äußere Umstände es nötig machen. Ansonsten tue ich das nicht mehr. Weil es mir nicht gut tut. Wenn ich stattdessen akzeptiere, dass manches erst reifen möchte, bevor ich es anpacke, dann ist da Spaß und Freude drin. In der Zwischenzeit kann ich ja andere Sachen machen, die auch sinnvoll sind. Nie ist die Wohnung so ordentlich wie zu der Zeit zu der die Steuerklärung fällig ist. Kommt Euch bekannt vor?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Aufschieben verpönt ist, aber jeder es macht.

Nur beim Pferd nicht, da haben wir keine Zeit, etwas aufzuschieben. Das Pferd muss heute können, machen und aushalten. Nachdem der Mensch sich monatelang vorm Verladetraining gedrückt hat, hat er sich ja jetzt endlich aufgerafft. Und jetzt soll es dann bitte auch klappen. „Irgendwann muss ich das Problem ja mal lösen“ heißt dann fürs Pferd „heute lösen wir ein Problem, das seit Jahren besteht. In einem Rutsch in 45 Minuten“.

Und wenn ich heute neben Duncan stehe, darf ich mich daran erinnern. Klar, manchmal denke ich, ich nehme Halfter, Strick und Kekse und bringe ihm das kurz bei. Dauert nicht lang. Ey, ich bin Pferdetrainerin ich löse das Thema kurz. Ja? Wirklich? Ich kann ihm wohl beibringen, das auszuhalten. Aber dann hält er es eben nur aus. Und man kann sich nicht sicher sein, ob das Thema dann nicht plötzlich „zurückkommt“ und einem um die Ohren fliegt, wenn es ans Anreiten geht. Denn ein Pony dass den Arm über seinem Rücken nur „aushält“ wird den Reiter vielleicht nicht aushalten wollen. Bringe ich ihm heute bei, den Arm auszuhalten, und vergesse dann, dass es nur ein Aushalten ist, lande ich in 2-3 Jahren vielleicht plötzlich im Sand und frage mich, wieso das jetzt passiert ist.

Bringe ich dem Kundenpferd heute bei, das Hängerfahren „auszuhalten“ steigt es unter Streß auf dem Turnierplatz vielleicht nicht mehr ein.

Nein, für mich ist Schluss mit Aushalten. Ich möchte die Themen so angehen, dass es wirklich gut wird. Irgendwann. Wann auch immer das ist – nicht heute. Aber es wird wirklich gut, nicht nur ausgehalten.

Vielleicht habe ich das noch einmal eindrücklich gelernt durch den Verlust meines Ponys. Fast ein Jahr ist das nun her. Und damals habe ich sehr oft gesagt „irgendwann“.

Irgendwann werde ich wieder einen Schotten haben (in diesem Fall war „irgendwann“ schon sehr bald)

Irgendwann werde ich mir die Kilos wieder drauffuttern, die ich verloren habe (in diesem Fall ist „irgendwann“ erst jetzt, 11 Monate später)

Irgendwann werde ich an Finlay denke können ohne zu weinen (Ja, denken geht schon)

Irgendwann werde ich mir Erinnerungen anschauen können (noch nicht).

Nach Finlays Tod waren all diese „irgendwanns“ da. Und sie haben mir Hoffnung gegeben und tun es noch. „Irgendwann“ ist ein allgemein eher unbeliebtes Wort, so scheint mir. Aber für mich bedeutet es Hoffnung. Und ein Ziel, dass ich erreichen möchte – irgendwann.

Ich habe gelernt, dass man Ziele konkret setzen soll. Da gibt es ja so tolle Merksätze, wann ein Ziel gut formuliert ist – messbar, selbst erreichbar und was nicht noch alles. Das Wort „irgendwann“ kommt in diesen Merksätzen nicht vor, ganz im Gegenteil. Aber gerade nach Finlays Tod ist es für mich ein machtvolles Wort geworden. Denn so konnte ich ohne Druck sein. Ich konnte zu mir selbst sagen „irgendwann geht es mir wieder gut. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber irgendwann“. Und dadurch konnte ich weitermachen.

Und genau so könnten wir doch das Wort „irgendwann“ im Pferdetraining benutzen. Irgendwann wird Duncan es großartig finden, wenn mein Arm über seinem Rücken liegt. Irgendwann, wenn das, was ich da tue, gereift und gewachsen ist. Und ja, dafür muss ich etwas tun. Aber nicht unter Druck und mit einem Zeitplan. Plan ja – Zeitplan nein.

Und wenn das nächste Mal ein Schüler zu mir sagt „aber irgendwann muss er doch“ werde ich wieder meine übliche Antwort geben: „stimmt. Irgendwann. Aber nicht heute“. Und mein Schüler wird mich vielleicht wieder böse anschauen, weil ich so viel Geduld verlange. Aber das Pferd wird atmen und mir leise ein „Danke“ zuflüstern. Und vielleicht wird es hinterher schieben „irgendwann schaffe ich das bestimmt“ und es wird ein „irgendwann“ voller Hoffnung sein, so wie bei mir nach Finlays Tod.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 39

Heute ging es endlich los – wir sind gestartet!
(Ihr habt verpasst worum es geht? Schaut mal hier:
https://schotten-pony.com/2020/05/01/aus-dem-tagebuch-des-sir-duncan-dhu-35/ )

Das war aber ganz schön umständlich! Erst hat mein Mädchen mich nicht nur geputzt, sondern mich auch angemalt. Das hat bisschen gekitzelt, war komisch. Dann mussten mein Spaziergehkumpel und ich hinter eine Linie gehen. Das Mädchen vom Spaziergehkumpel hat uns festgehalten und mein Mädchen hat an einem kleinen schwarzen Kasten auf einem Gestell herumgefummelt. Dann fing es an zu piepen, mein Mädchen ist ganz schnell zu uns gerannt (man, hab ich mich erschreckt!) und dann plötzlich ganz still gestanden. Dann ist sie zurück gelaufen zu dem schwarzen Kästchen, hat daran herum gefummelt und das Ganze ging von vorne los. Vier mal! Ich fand das so blöd, dass ich schließlich das Mädchen von meinem Spaziergehkumpel gekniffen habe. Gab ein bisschen Ärger…. Ich hoffe, Distanzritte sind nicht immer so nervig! Dann hat mein Mädchen noch an meinem Kopf herum gefummelt und mit dem kleinen Kästchen herumgespielt. Weiß der Himmel was das sollte!
Die einzig gute Nachricht am Start war, dass die beiden Mädchen sehr gut gelaunt waren.

Lioba und Duncan – das Herz hat uns das Mädchen von meinem Spaziergehkumpel geschenkt
Mut zur Strecke 160km Herausforderung 2020
Können wir nicht einfach loslaufen? So ein Distanzwettbewerb scheint doch umständlich zu sein.

Dann ging es endlich los! War ein toller Spazierengang. Mein Mädchen war wieder sehr zufrieden mit mir. Ich mit ihr aber nicht ganz so. Wegen dem Gras. Wir dürfen zwar ab und zu was essen, aber sie hat jetzt eine Methode gefunden, wie sie ganz leicht verhindern kann, dass ich im Gehen was nasche. Sie hat sich einen längeren Stock mitgenommen und anstatt zu fluchen dass ich sie ins Gras ziehe kann sie jetzt mit einem milden Lächeln ihren verlängerten Arm vor meine Nase ins Gras tun. Der Stock frisst das Gras weg und ich kann nicht ran. Menno! So ein blöder Kram. Warum ist sie nur so knauserig mit dem Gras? Verstehe ich nicht.

Ich bin heute wieder viel vorneweg gegangen. Am Anfang habe ich dann immer versucht, meinem Mädchen schnell den Weg abzuschneiden um zum Gras zu kommen. Aber sie hat das immer verhindert. Hat gesagt, ich darf nur vorneweg gehen wenn ich ihr nicht in den Weg gehe und nicht heimlich esse. Dafür hat sie ab und zu das magische Wort gesagt („Keks“) wenn ich es gut gemacht habe. Und wenn sie das Wort gesagt hat, gibt es einen Keks. Also habe ich es öfter richtig gemacht.

Wir sind auch fremden Pferden begegnet. Das ist auf Distanzritten so! Und ich finde das immer so spannend! Aber mein Mädchen gar nicht. Die geht einfach stur geradeaus, schaut nicht hin, wiehert nicht und zeigt auch nicht was sie hat (na gut, das was ich dann zeige hat sie auch nicht). Sie meint, ich soll mir das gleich wieder abgewöhnen, so hengstig zu tun. Hör mal Mädchen, ich tu nicht so, ich BIN ein Hengst! Aber das beeindruckt sie auch irgendwie nicht.

Tja, nun sind wir also gestartet auf diesen Langzeit-Distanz-Spaziergang. Heute haben wir 5,7km geschafft. Also sind es jetzt nur noch 154,3km bis zum Ziel! Schaffen wir mit links. Ich zumindest. Ich geh schon mal vorneweg!

Ich geh gerne vorneweg

Euer zielstrebiger Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 38

Heute hat mein Mädchen wieder Rumstehen geübt. Kann sie jetzt schon etwas besser. Sie kann besser verstehen was ich sage, auch wenn ich leise rede.

Ich hab derweil Gras gefressen. Und über das Erwachsen-werden nachgedacht. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Ihr Erwachsenen, Ihr habt das wohl vergessen. Aber ich bin mittendrin. Einen Tag geht es mir gut, dann kann ich mich gut konzentrieren und bin ganz entspannt, auch wenn mein Mädchen komische Sachen macht. An manchen Tagen bin ich ganz kribbelig, dann habe ich so viel Energie dass ich dauernd jemanden ärgern muss und immer in Bewegung bin. Und dann gibt es die blöden Tage, an denen ich mich einfach mies fühle. Dann bin ich ganz gereizt und alles nervt mich.

Als mein Mädchen so neben mir stand, habe ich sie gefragt, wie sie sich denn ans Erwachsen-werden erinnert. Und sie hat gesagt, sie war zwar gerne Kind, aber in der Pubertät war alles blöd. Sie kann das gut verstehen, dass ich Tage habe an denen ich einfach schlecht drauf bin. Sie hatte auch manchmal Wachstumsschmerzen und vor allem so fiese Stimmungsschwankungen, sagt sie.

Dann hat sie plötzlich gekichert und ich habe sie gefragt warum. Sie sagte „weißt Du, mein Ritter, manchmal glaube ich ja zu erahnen welche von Deinen Verhaltensweisen zu Deinem Charakter gehören und bleiben werden, wenn Du erwachsen bis und welche verschwinden werden. Aber gerade musste ich an etwas denken, was meine Eltern über mich gedacht haben“

„Was denn?“ hab ich sie gefragt

„Dass ich in der Pubertät aufhöre, mich für Pferde zu interessieren.“

Da mussten wir beide laut lachen! Und jetzt warten wir ganz entspannt ein paar Jahre. Dann werden wir ja sehen, welche meiner Verhaltensweisen noch genauso sind wenn ich erwachsen bin und welche nicht. Mein Mädchen sagt, das ist alles ok und ich bleibe sowieso der Ritter ihres Herzens. Na dann!

Euer erwachsen-werdender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 37

Ich habe einen neuen Spaziergehkumpel. Es ist ein Esel, sagt mein Mädchen. Aber einer ohne Ohren und ohne Hufe! Erst ist der Mann Diego geritten und mein Mädchen den Esel. Später ist dann der Mann den Esel geritten und das Mädchen auf Diego.

Mein neuer Spaziergehkumpel.


Ich durfte wieder als Handpferd mit. Diego ist wirklich soooo schnell im Schritt, da musste ich mich ordentlich ins Zeug legen um mitzukommen.

Aber dann ist was ganz tolles passiert: wir sind zusammen getrabt! Und da passt das Tempo prima. Mein Mädchen war so stolz auf mich! Ich habe das aber auch wirklich gut gemacht. Ich weiß doch jetzt wie man sich als Handpferd benimmt.
Am Ende sind wir sogar durchs Dorf geritten. Da war allerhand los: ein lautes Zweirad von vorne, rechts hat jemand sein Auto gesaugt (das fand Diego etwas merkwürdig, so was machen unsere Menschen nie!) dann waren links Kinder mit Spielzeugtreckern aber mich hat das alles nicht gestört. Ich habe ja von Diego dem Großen gelernt wie man durchs Dorf geht: hoch erhobenen Hauptes voran und alles ignorieren was rechts und links stattfindet! Ihr erinnert Euch? https://schotten-pony.com/2020/02/20/richtigstellung/
So habe ich das heute gemacht.
Mein Mädchen ist fast geplatzt vor Stolz! Sie sagt, heute wäre ich wieder richtig erwachsen gewesen. Da bin ich dann fast geplatzt vor Stolz! Dann hat sie gefragt, ob das bedeutet, dass ich bald wieder nervig und pubertär sein werde. Och menno, warum musst Du die besten Momente immer so versauen, mein Mädchen?

Zu meinem Distanritt zählen die knapp 6 Kilometer heute übrigens nicht, weil mein bunter Spaziergehkumpel nicht dabei war. Also war das nur Aufwärmtraining heute. Hat Spaß gemacht! War aber auch ein bisschen anstrengend. War zwar nicht länger als sonst aber ich musste mich so konzentrieren alles richtig zu machen. Da war ich dann doch ein klitzekleines bisschen müde nachher. Aber ich mag das, mich so richtig auszupowern. Danach bin ich so schön entspannt. Hoffentlich machen wir das bald nochmal!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 36

Während mein Mädchen heute arbeiten geht, werde ich für unseren Distanzwettbewerb trainieren.

leichtes Galopptraining. Ich kann auch noch deutlich schneller!

Ritter Du weißt schon dass wir die 160km ZUSAMMEN laufen sollen und dass ich bei dem Tempo nicht mitkomme.

Ooooch Du bist so langsam!

Wir können immer mal ein Stück traben, schau:

DAS ist das schnellste was Du kannst? Wir werden verlieren, Mädchen!

Es geht doch gar nicht um Geschwindigkeit. Beim Distanzreiten geht es sowieso viel mehr um das Zusammensein und darum, sich seine Kräfte einzuteilen und auch am Ende der Strecke noch fit zu sein.

Also ICH bin fit, mein Mädchen! Und Du am Ende der 160km auch, versprochen.

Oje.

Tja liebe Meschen, Ihr seht, ich habe viel Arbeit vor mir!

Trainieren, trainieren, trainieren!

Macht‘s gut und bleibt fit!

Euer sportlicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 35

Heute geht es los! Meine Karriere als Distanzpferd startet!

Da staunt Ihr, was? Ich fange gleich richtig an: gerade 1,5 Jahre alt und schon starte ich meinen ersten Hundertmeiler!

Aber jetzt muss ich erst mal erklären worum es geht. Für die, die sich nicht so auskennen: Distanzwettbewerbe werden normalerweise geritten oder gefahren. Ein Mensch und ein Pferd bewältigen eine vorgegebene Strecke in einer vorgegebenen Höchstzeit. Mein großer Bruder ist 28km in 3 Stunden und 10 Minuten gelaufen mit meinem Mädchen auf seinem Rücken. Für ihn war das schon echt gut. Ich könnte das natürlich schneller. Aber ich kann mein Mädchen noch nicht tragen (sagt sie) und überhaupt bin ich noch zu klein (sagt sie).

Die richtig guten Distanzpferde schaffen das alles viel weiter und viel schneller. Und die allerbesten laufen Hundertmeiler. 160Km an einem Tag! Das finde sogar ich beeindruckend.

Tja und jetzt werde ich auch einen Hundertmeiler laufen! Allerdings nicht an einem Tag. Das würde mein Mädchen nicht schaffen. (Du auch nicht, mein Ritter. Nein vielleicht bräuchte ich zwei Tage. Aber Du, mein Mädchen, Du brauchst dafür 7 Monate, richtig?)

Also wir haben gaaaaaaanz viel Zeit dafür. Nämlich bis zum 1.12. Bis dahin sammeln wir jetzt Kilometer. Es zählen aber nur die Kilometer die mein Spaziergehkumpel und ich zusammen gehen. Er und sein Mädchen sind unsere „Rittpartner“.

Diego der Große war mit meinem großen Bruder damals auf Distanzritt. Er hat mir erzählt wie das normalerweise geht: man steigt in die Wackelkiste und lässt sich so lange schütteln bis man am Veranstaltungsort ist. Dort baut das Mädchen einen Zaun auf (mal wieder darf man als Pony nicht frei herum laufen) und von hinter dem Zaun beäugt man die Konkurrenz/findet die schönsten Stuten. Die Menschen rennen hektisch rum und sind aufgeregt. Dann wird man geputzt (dabei muss man stillstehen, obwohl es so viel zu sehen gibt), dann geht man zur Anmeldung. Dort müssen die Menschen einmal neben uns her traben damit die Veranstalter sehen, dass die Menschen zur Not auch selbst laufen können falls wir Pferde keine Lust mehr haben. Dann bekommt man eine Nummer auf den Po gemalt. Und dann geht man ausreiten. Aber nicht so ganz normal, sondern viel schneller. Die Menschen suchen mehr oder weniger verzweifelt nach Wegmarkierungen, schauen dauernd auf die Uhr und ab und zu stehen andere Menschen am Wegesrand die einen aufhalten wollen. Die messen dann unseren Puls. Diego hat aber immer keinen Puls, sagt er. Das ist witzig, dann sind die Menschen immer verwirrt. Diego der Große hat nämlich zwar ein großes Herz aber er kann das voll gut verstecken.

Wenn sie dann einen Puls gefunden haben, darf man endlich weiter laufen. Zwischendurch stehen für uns Wasserbottiche zum Trinken am Weg und manchmal hält man an zum grasen, aber nicht so oft wie sonst. Und man begegnet viel mehr Pferden als sonst. Manchmal wird man auch überholt oder man überholt andere. (Letzteres würde mir viel besser gefallen!)

Wenn man dann wieder angekommen ist, sind die Menschen ganz stolz, weil sie es geschafft haben. Sie bekommen dann eine Schleife oder eine Plakette und Geschenke weil sie so tapfer waren. Und wir bekommen extra leckeres Essen (macht auch viel mehr Sinn als eine Plakette, die kann man nämlich nicht essen) und werden gefeiert. Dann geht es wieder in die Wackelkiste und nach hause. Am nächsten Tag bekommt man mit Glück noch eine schöne Massage. Falls man Muskelkater hat. Keine Ahnung was das ist. Wir haben hier am Stall auch einen Kater aber ich bin noch nie deswegen massiert worden.

Diese Plakette hat mein großer Bruder gewonnen. Aber essen kann man die nicht.

An solchen Veranstaltungen darf man als Pferd erst teilnehmen wenn man groß ist. Mindestens 5 Jahre. Das heißt ich darf erst frühestens in 3,5 Jahren starten! Menno. Aber dieses Jahr macht Ihr Menschen ja alles anders. Ihr dürft so Veranstaltungen ja gar nicht machen. Also haben sich ein paar Verrückte etwas Neues überlegt. Jeder macht einfach bei sich zu Hause die Strecke und ihr Menschen redet dann darüber. Und damit auch die Kleinen mal mitmachen können und die denen das sonst zu anstrengend wäre, kann man sich die Strecke einteilen wie man will. 160Km in 7 Monaten, das ist doch einfach. Das kann sogar mein Mädchen schaffen (wenn sie sich anstrengt).

Tja und so bin ich nun ganz offiziell ein Distanz-Schotte! Ich werde Euch natürlich über die Fortschritte auf dem Laufenden halten!

Offiziell ist heute Start. Aber mein Spaziergehkumpel hat keine Zeit, also starten wir erst am Dienstag. Dienstag ist nämlich immer unser gemeinsamer Spaziergehtag.

Euer startbereiter Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. Euer Daumen drücken hat geholfen, es hat schon 15mm geregnet! Die Weide sieht schon ganz glücklich aus. Aber mein Mädchen sagt, mehr wäre noch besser. Also weiter drücken bitte!

Von der Kunst, nichts zu tun

Duncan rupft Gras. Ich stehe neben ihm und versuche, mit ihm zusammenzusein. Also: mit ihm zusammen zu sein. Und das ist komplizierter als es sich anhört – zumindest für mich.
Ich bin nie der Typ Mensch gewesen der stundenlang bei seinem Pferd auf der Wiese sitzt und ihm beim Fressen zuschaut. Wenn ich beim Pferd bin, will ich was tun.

Nun versuche ich, nichts zu tun. Und doch nicht nichts. Ich versuche, heraus zu finden, wo Duncan mich gerne stehen hat und wo nicht so. Wie lange ich an einem Platz stehen soll. Warum er manchmal freundlich ist und manchmal wütend. Wie ich erreichen kann, dass er sich wohl fühlt in meiner Gegenwart. Grundsätzlich tut er das ja schon. Aber gerade wenn er frisst, ist er dann doch manchmal unentspannt und findet schnell, ich würde an der falschen Stelle stehen. Und so wandere ich um ihn herum, mit mehr Abstand, mit weniger Abstand, parallel oder gegenläufig und denke nach.
Über all die Dinge die ich von Elsa Sinclair lerne. Über die Unterschiede zwischen Finlay und Duncan und darüber wie schwer es mir fällt, kein Ergebnis zu erwarten. Darüber, wie wenig ich noch über Elsas „Freedom Based Training“ weiß. Kurz auch mal darüber dass ich nicht glaube, dass sie diesen Oktober nach Deutschland kommen und einen Kurs geben darf. Aber zum Glück ermutigt sie uns alle, Dinge auszuprobieren und also tue ich das jetzt. Und ich finde einen der vielleicht größten Unterschiede zwischen Finlay und Duncen, der mir bisher gar nicht so bewusst war.

Ein Pferd hat (so wie jedes andere Tier auch) drei Möglichkeiten auf Stress zu reagieren. Flucht, Kampf oder Erstarren. Und während man uns dauernd weismachen will, das Pferd sei ein Fluchttier, sehe ich doch gerade in meinem Kundenkreis auch viele, die eher erstarren. Der Durchschnitts-Tinker zum Beispiel neigt dazu. Und Finlay – der war Meister darin.
Nun ist das erst mal leicht zu händeln. Denn ein erstarrtes Pferd bewegt sich nicht – schon gar nicht schnell. Und wenn wir die Erstarrung erkennen und dem Pferd helfen, seinen Stress abzubauen, kommt es zum Denken und wir bekommen ein gutes Ergebnis. Erstarren hat auch seine Tücken, so ist es nicht. Aber ich kenne diese Tücken, weil ich so viele Pferde kenne die zum Erstarren neigen.
Duncan hingegen sehe ich fast nie erstarren. Duncan ist entweder auf der „positiven“ Seite des Erstarrens – nämlich Denken – oder die Stimmung kippt und er geht über zu Kampf oder Flucht.
Im Gegensatz zu vielen anderen Pferden, die dann doch eher die Flucht wählen, hat er durchaus „Kampf“-Potential. Das hört sich heftig an, heißt aber nur, dass er, wenn ich etwas tue was ihm nicht passt, eher nach mir schnappt als wegzulaufen. Das Problem ist nur, dass ich noch nicht so recht weiß, wann ihm was nicht passt. Wenn ich mit Halfter und Strick arbeite, kann ich ihn daran hindern mich zu beißen. Ich kann meinen Willen durchsetzen und wenn Duncan gut mitmacht, gibt es Kekse. So kommen wir gut klar. Aber im Freedom Based Training läuft das anders. Denn hier geht es darum, dass ICH es richtig mache. ICH will mich so verhalten dass er gut findet was ich tue. Und das ist bei Duncan unendlich viel schwieriger als es bei Finlay war.
Finlay war ein großer Kuschler, vor allem als er klein war. Er wollte immer gekratzt werden und kam einem fast auf den Schoß gekrochen dafür. Wenn er keine Lust mehr hatte, ging er weg. Ich habe immer dafür gesorgt, dass ich weggehe bevor er keine Lust mehr hat und schon war ich seine beste Freundin.
Duncan hingegen ist anderer Meinung. Kratzen ist schon ok. Aber er möchte dass ich mich anders verhalte. Und ich weiß noch nicht wie. Ein bisschen peinlich ist mir das schon, dass mein Pony so viel schneller weiß, was ich von ihm will als umgekehrt. Ich glaube, die Pferde haben da einen Vorteil: sie beobachten uns neutraler. Sie haben keine Bücher gelesen und keine Kurse besucht. Sie denken nicht über theoretische Konstrukte nach, sie probieren einfach aus, was passiert. Und dann machen sie eben das, was ihnen einen Vorteil bringt – so einfach ist das. Aber ich habe es da schwerer. Ich habe zu kämpfen mit meinen eigenen Vorurteilen, meinen guten und schlechten Erfahrungen, meiner Sorge, etwas falsch zu machen, meinen Erwartungen, was passieren soll.

Und so stehe ich nun neben Duncan auf der Weide und habe Fragezeichen im Kopf. Warum kippt die Stimmung bei ihm so unglaublich schnell? Ohne Vorwarnung (so scheint es mir) wechselt er von freundlich zu verärgert.
Dann erinnere ich mich aber an Finlay: der konnte das schon auch, nur in anderen Situationen. Aus der Pause heraus, während wir auf dem Reitplatz zusammen standen ohne dass ich Ansprüche hatte ist er manchmal buckelnd, furzend und quietschend abgezischt. Für mich ohne ersichtlichen Grund. Bei Finlay ist dieses Verhalten verschwunden, als er erwachsen wurde. Ob das bei Duncan auch so sein wird? Ich nehme es an. Ich nehme an, dass die Übergänge zwischen den Launen sanfter werden, dass ich mehr Zeit haben werde, zu reagieren. Aber ich möchte ihn ja verstehen und besser kennenlernen – jetzt, nicht erst wenn er erwachsen ist. Und so probiere ich weiter. Und ich beobachte mich selbst und mache eine erstaunliche Entdeckung. Während der Plan in meinem Kopf ist, dass wir nur in Ruhe Zeit miteinander verbringen, ist da ein kleines Teufelchen auf meiner Schulter dass mir einflüstert, dass das gar nichts bringt, weil gar nichts passiert. Und dieses Teufelchen will mich verführen, mich an eine Stelle zu begeben von der ich weiß, dass Duncan sie nicht mag. Ist das nicht verrückt? Elsa hat darüber einen Blogpost geschrieben in dem sie über den „Red Button“ spricht.
https://equineclarity.org/2018/01/14/the-big-red-button/?fbclid=IwAR2AhRGasmwEJi4tjcFvPt1x6NNKvnuFPnWijjXOu7LbUsZnm49RuN1dgig

Deutsche Version https://www.facebook.com/notes/taming-wild-deutschland/der-gro%C3%9Fe-rote-knopf/1917625358551812/?hc_location=ufi

Sie schreibt dort symbolisch über einen großen roten Knopf. Dieser große rote Knopf ist verführerisch. Den wollen wir drücken wenn wir zu sehr gestresst sind. Und dass ich neben meinem Pony stehe und (scheinbar) nichts passiert, das stresst mich. Etwas soll passieren! Irgendwas! Ich will, das etwas passiert und ich bin sehr in Versuchung, den roten Knopf zu drücken, indem ich mich direkt neben Duncan stelle. Obwohl ich weiß, dass dann etwas passiert von dem ich nicht will, dass es passiert: Duncan wird ärgerlich werden.
Es kostet mich einiges an Konzentration, genau hin zu schauen und mir klar zu machen, dass hier sehr wohl gerade etwas passiert. Etwas gutes. Dass er schon ein bisschen entspannter ist, als ich mich dem Platz nähere an dem er mich nicht haben will. Dass er schon ruhiger ist im Bescheidsagen – ein kleiner Blick in meine Richtung und ich weiß, ich bin an der Grenze. Dass ich schon besser geworden bin darin, ihn zu lesen – letzte Woche hätte ich den Blick noch nicht gesehen.

Aber die Versuchung, auf den roten Knopf zu drücken ist da. Und ich glaube es ist dieser rote Knopf, der auch für Duncan die Versuchung darstellt. Auch er sieht ihn vor sich und wenn ihn die Langeweile quält oder er gestresst ist vom Wachsen, dann drückt er drauf. Auch wenn das negative Konsequenzen hat – von mir, von anderen Pferden, vielleicht sogar vom Stromzaun. Wie bei unserem letzten Spazierengang. Da musste er unbedingt beißen – mich, meine Freundin oder seinen Spaziergehkumpel, völlig egal wen, nur beißen wollte er! Es war offensichtlich, dass er einfach nur irgendwo hin musste mit seiner Energie. Das sind keine „Angriffe“ auf uns, das ist das kleine Kind, das überall gegentritt, weil es nicht anders kann.
Negative Aufmerksamkeit ist auch Aufmerksamkeit, so sagt man in der Kindererziehung. Und das sage ich meinen Schülern auch oft. Und wir alle wollen viel Aufmerksamkeit. Zur Not sorgen wir dafür, dass wir sie bekommen.

So stehe ich vor einer neuen Herausforderung. Denn während ich in meinem „normalen“ Umgang mit den Pferden schon recht geduldig geworden bin und viel positive Aufmerksamkeit verteile, mich über kleinste Kleinigkeiten freuen kann und alles meistens ganz gut läuft, bin ich im Freedom Based Training noch totaler Anfänger. Ich weiß gar nicht, was ich da tue. Ich weiß nicht, warum ich tue was ich tue. Ich weiß nur, wo ich mal hin will. Und die Versuchung, da schnell hinzukommen, ist manchmal überwältigend. Und nur die Gewissheit, dass es nur länger dauert, wenn ich zu schnell mache, kann mich davon abhalten – und es kostet mich Konzentration.

Als ich Elsa kennen gelernt habe, dachte ich „das ist eine tolle Methode, das will ich mit meinen Pferden so machen“. Aber recht schnell war klar, dass ich mit Elsas Ausbildungsmethode (laut ihr selbst der langsamste Weg den es gibt) lange nicht dort hin komme wo ich hin will, nämlich mit meinen Ponys den Hof verlassen zu können. Also beschloss ich, nur Teile ihrer Methode in mein jetziges Tun zu integrieren. Das gelang mir mal besser und mal schlechter. Erst neulich wurde mir so richtig klar, wofür ich das Freedom Based Training in der Ausbildung meiner Pferde nutzen will: Hauptsächlich zur Bestandsaufnahme. Wir gehen so schnell über Dinge hinweg. Die Pferde sind bereit, unglaublich viel zu akzeptieren und viele viele Verhaltensweisen von uns zu akzeptieren, die sie eigentlich blöd finden. Aber wenn wir es einmal ganz frei probieren – ohne Werkzeuge und ohne Futterbelohung – dann bekommen wir eine ehrliche Rückmeldung vom Pferd, was es schwierig oder blöd findet und was leicht. Duncan hat spielerisch leicht gelernt, Hufe zu geben. Das ging so flott, dass ich schon dachte, ich hätte Elsas Methode verstanden. Aber nun scheitere ich kläglich daran, neben meinem Pony zu stehen, weil Duncan das blöd findet. Na großartig.

Ich werde nicht darauf verzichten, neben ihm zu stehen. Aber ich werde es nur tun, wenn er ein Halfter trägt. Dann ist er auch meistens ganz entspannt damit. Er weiß, da ist eine Grenze und er hält sich daran. Wenn nicht, kann ich eine setzen. Und wenn er es gut macht bekommt er einen Keks. Ich kann ihn überall anfassen, darf mich überall hinstellen, kann neben ihm her gehen. Alles ist gut. Aber so richtig gut ist es eben nicht, denn sonst wäre das ja auch frei ok. Und so nähere ich mich dem Thema wieder von zwei Seiten. https://schotten-pony.com/2020/01/09/zwei-seiten/

Aber ich habe auch verstanden: vom nächsten Schritt, den ich mir ausgedacht hatte, nämlich dass Duncan lernt, einen Gurt zu tragen, sind wir noch recht weit entfernt. Denn offensichtlich ist die Gefahr, dass ihn das doch stresst, groß. Er mag nicht, wenn mein Arm über seinem Rücken liegt und er mag nicht, wenn ich um ihn herum greife. Und so lange er das nicht mag oder zumindest halbwegs akzeptiert, ist es zu früh für einen Gurt, denke ich. Und für diese Informationen möchte ich das Freedom Based Training nutzen. Und für die Vorarbeit, die ich damit leisten kann, auch wenn ich nicht den ganzen Weg bis zum gurten in Freiheit gehe (vielleicht). Also probiere ich herum. Komme mir vor wie ein Anfänger (bin ich in dieser Trainingsart ja auch) und tue mich schwer. Aber ich lerne über mein Pony und über mich selbst. Und über diesen großen roten Knopf. Über meinen Stress, der entsteht wenn „nichts passiert“ (und den ich so oft bei meinen Schülern schon beobachtet habe). Zu meinen Schülern sage ich oft „Du bist die Erwachsene in dieser Beziehung. Du musst mit gutem Beispiel vorangehen“. Und das ist jetzt meine Aufgabe. Wenn ich meinen eigenen Stress nicht managen kann, meinen eigenen Frust nicht aushalten, wie kann ich es dann von meinem Pony erwarten?