Frühjahrsputz

Die Shut-down-Zeit war für viele von uns Aufräumzeit. Auch für mich. Amüsiert habe ich die kleinen Bildchen im Internet gesehen „vor dem shut-down“ und „nach dem shut-down“ wo sich Brennesselfelder in englische Gärten verwandelt haben. Sehr weit von der Realität war das allerdings mancherorts gar nicht weg. Ich selbst habe zwar lange nicht so viel geschafft wie erhofft (Duncans Tagebuch zu füllen hat einfach so viel mehr Spaß gemacht), aber wenigstens ein paar Ecken sind jetzt wieder ordentlich.

Jetzt kehrt in mein Leben wieder Normalität ein und das Chaos bahnt sich wieder seinen Weg. Ich bin einfach zum Ordnung halten nicht geboren. Obwohl ich inzwischen gerne aufräume und putze, mache ich es doch nur, wenn es sich wirklich lohnt. Ich will einen Unterschied sehen zwischen vorher und nachher und zwar einen großen, der den Aufwand rechtfertigt. In keinem der vielen Tipps die ich über Ordnung gelesen habe, wurde dieser Effekt jemals gewürdigt. Ich selbst habe lange gebraucht um ihn zu entdecken und benennen zu können. Der Ordnungsratgeber, der auf diesem Effekt aufbaut, wird wohl der erste sein, der für mich funktioniert (bitte Buchempfehlungen in den Kommentaren falls ihr einen kennt). Aber der klassische „Frühjahrsputz“ ist unter den Ordnungschoaches verpönt. Jeden Tag ein Eckchen, dann ist doch alles gut und man braucht keine Großaktion. Oje, wie sehr geht dieser Tip an meinem persönlichen Motivations-Empfinden vorbei. Und so wird es wohl nichts werden mit der dauerhaften Ordnung.

In der Pferdeausbildung ist das bei mir gar nicht so viel anders. Und ich bin damit nicht allein. „Ich möchte ganz von vorne anfangen“ ist ein sehr beliebter Satz in meinem Kundenkreis. Tja, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, nicht wahr? Der Wunsch, die Pferdeerziehung „auszumisten“ findet sich bei vielen von uns. Denn im Alltag schleicht sich so einiges ein. Das ist natürlich niemals die Schuld der Pferde – den meisten von uns ist das klar. Es ist immer die Schuld des Menschen. Der dann doch mal einfach so ein Leckerlie gibt, nur weil das Pferd existiert. Der Mensch, der dann doch mal nicht auf dem Stillstehen besteht. Der Mensch, der dann doch mal nicht aufmerksam genug war um sein hungriges Pony daran zu hindern den grünen Halm am Wegesrand mitzunehmen. Der Mensch, der verpasst hat, ruhiges, unspektakuläres Verhalten gebührend zu belohnen. Der Mensch, der nicht nur zulässt, dass das Pferd unerwünschte Verhaltensweisen entwickelt, sondern diese Verhaltensweisen aktiv fördert durch unbewusstes und unbemerktes Belohnen. Und dann sind sie da – die Nervigkeiten. Und plötzlich nerven sie. Und man weiß gar nicht so recht, wo sie wohl herkommen. Und dann ist Frühjahrsputz angesagt, von vorne anfangen. Alles nochmal neu aufrollen. Alles auf den Prüfstand stellen.

Ich bin selbst in einer sehr interessanten Situation des Vergleiches. Auf der einen Seite Sir Duncan, mit dem ich hochkonzentriert und sehr beständig arbeite, weil ich genau weiß, dass so ein kleines Hengstchen schnell unbequem werden kann wenn man ihm erst mal Quatsch beigebracht hat. Auf der anderen Seite mein guter alter Merlin, den ich seit 19 Jahren kenne und der natürlich niemals blöde Sachen wie beißen, treten, Menschen umrennen oder ähnliches tun würde. Mein Merlin, der immer so viele Dinge möglich macht, die für ihn eigentlich unmöglich sind (wie Piaffe und fliegende Wechsel im zarten Alter von 27 Jahren). Der Reitschüler (er)trägt und auf sie aufpasst. Der immer da ist, immer mitmacht, selbst wenn es für ihn anstrengend und viel ist. Und der mich gut im Griff hat. Kratz mir den Bauch, gib mir einen Keks, die Pause mit Gras hab ich mir verdient. Und ich sage ja dazu und habe jetzt ein saglos „verwöhntes“ Pony dass sich allerhand Freiheiten herausnimmt. Manchmal nerven seine Marotten mich, aber ich kann ihm das alles nie übel nehmen. Und mir ist bei ihm nicht nach Frühjahrsputz, er ist so wunderbar dass ich es nicht über mich bringe, ihm irgendetwas zu verwehren. Ich gebe mir schon Mühe, ein paar Regeln einzuhalten und öfter mal sinnvolles Verhalten zu belohnen. Aber wenn das alte Pony mit dem gesunden Phlegma dann mal von selbst etwas spektakuläres anbietet und anfängt in die Luft zu hüpfen, mag ich halt nicht sagen „lass das und steh still“. Noch nicht mal wenn er dann für das stillstehen viele viele Kekse bekommt. Ich bringe es nicht über mich, mich nicht zu erfreuen an seiner Kreativität und ihn dafür zu feiern. Was zur Folge hat, dass die in unerwarteten Momenten ausbricht.

Duncan hingegen bringt von haus aus so viel Energie mit und weiß noch so wenig darüber was man als Pferd im Umgang mit Menschen tut oder nicht tut, dass ich sehr viel mehr vor Augen habe, was auf dem Spiel steht. Neulich beim Rufen üben auf der Weide hatte er plötzlich die brilliante Idee mich als Spielpartner ansehen zu wollen und stieg mich an, mit freundlichem, erwartungsvollem Gesicht. Das fand ich nun wenig erheiternd und habe meine Meinung darüber sehr deutlich gemacht. Ich weiß, dass er es nicht böse meint, aber natürlich muss er lernen dass ich KEIN Spielpartner bin – zumindest nicht in dem Sinne wie seine Pferdekumpels es sind. Und also achte ich viel mehr auf die „Grundordnung“ wenn ich mit Duncan zusammen bin. Er bekommt endlos Kekse fürs Stillstehen, fürs artig neben mir her dackeln (im Schneckentempo würde er jetzt sagen), fürs Abstandhalten, fürs Wegschauen.

Das Problem bleibt: ich möchte einen Effekt sehen. Noch sind diese Dinge mit Duncan alle recht neu und für mein Gehirn spektakulär genug. Aber wenn sich gefühlt nichts verändert (weil ich nur noch Verhalten erhalte anstatt neues zu erschaffen) wofür mache ich mir dann die Arbeit? Und das beobachte ich auch bei meinen Schülern: mit viel Enthusiasmus wird etwas neues ausprobiert, ein neuer Trick, eine neue Übung, ein neues Trainingsziel. Aber das alte erhalten – das ist ja anstrengend. Und so wartet man, bis das alte verstaubt und nicht mehr schön ist, und dann kommt man zum Frühjahrsputz. Dann holt man sich den Trainer und sagt „ich möchte von vorne anfangen“. Das ist natürlich besser, als alles vergammeln zu lassen. Noch besser wäre, immer dranzubleiben, an all den alltäglichen Dingen. Das gute ist: wenn man lange genug dran bleibt, wird es immer leichter. Wie in der Wohnung auch. Die Grundordnung erhalten ist eigentlich einfach. (Theoretisch)

In der Pferdewelt haben wir unter anderem dafür unsere Ausbilder. Die – in den meisten Fällen – mit endloser Geduld wiederholen, was sie schon 100mal gesagt haben. Uns neue, gute Gewohnheiten einbläuen, bis sie uns so sehr zur zweiten Natur geworden sind, dass wir gar nicht mehr merken, was wir da tun.

Neulich sagte eine Schülerin „wenn du da bist macht er das“. Auf Nachfrage, was denn anders sei wenn ich da bin sagt sie „ich bin dann fokussierter“. Ja, das kenne ich. Man ist eben doch mehr bei der Sache wenn ein Lehrer daneben steht.

Meine Lehrer stehen oft imaginär auf dem Reitplatz. Da ich meine beiden Lieblingsreitlehrer nur selten sehe, muss ich eben kreativ werden. Ich stelle mir vor, dass einer von beiden dort steht und mich unterrichtet. Und ich hatte genug Unterricht bei beiden um viele Dinge einfach wieder abzurufen und festzustellen: da habe ich was schleifen lassen. Da war ich nicht konzentriert, habe Kleinigkeiten einfach übersehen, bin so drüber weg gegangen. Das hilft mir.

Und was mir sonst noch hilft: ein kleiner Hengst, der all meine Konzentration und Aufmerksamkeit fordert, weil er sonst so viele eigene kreative Vorschläge hat, wie wir unsere gemeinsame Zeit verbringen könnten.

Meine Wohnung wird davon nicht ordentlicher, aber mein Umgang mit den Pferden ein Stück besser. Und das ist mir ehrlich gesagt sowieso viel wichtiger.

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