Der Tod meines Hundes

Diesmal geht es fast gar nicht um Ponys. Aber ich möchte diesen Text für Euch schreiben. Er handelt von unserer alten Hündin Sali. Denn ich habe durch Finlays Tod etwas gelernt: wir reden zu wenig über den Tod.

Über Finlays Tod erzähle ich bewusst nichts. Er hatte einen so absurden Unfall und ich möchte niemandem Angst vor ganz alltäglichen Situationen machen. Salidas Tod hingegen war ganz anders, bis auf das letzte Ende wohl ziemlich natürlich. Und vielleicht hilft meine Geschichte dem einen oder anderen, darüber nachzudenken, eine Entscheidung zu treffen, sich vorzubereiten oder sich mit der Verantwortung auseinanderzusetzen, die die Tierhaltung mit sich bringt. Aber Vorsicht: dieser Text kann Dich sehr traurig machen. Ließ ihn bitte nur wenn Du bereit bist Dich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

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Freitag morgen. Sali stürzt auf ihrem Weg durch die Wohnung. Sie fällt, kommt nicht mehr hoch. Dann krampft ihre Rückenmuskulatur, vielleicht ist sie kurz „weg“, sie verliert Urin. Ich denke „jetzt stirbt sie“.

Über eine Woche schon hat sich ihr Zustand verschlechtert, sie stellt nach und nach das Fressen ein, mag sich immer weniger bewegen, liegt fast nur noch unter meinem Schreibtisch.

Nun liegt sie da und krampft und ich denke, das war‘s. Aber nach wenigen Sekunden ist sie wieder da. Arnulf trägt sie die Treppe runter und sie pinkelt unten ganz normal, läuft herum. Nur die Treppe wieder rauf möchte sie nicht mehr gehen, sie möchte getragen werden.

Ich fahre zu meinen Kunden, Arnulf ist im Homeoffice. Die Sedierungspaste, die schon seit Monaten bereitliegt, stellen wir schon mal auf die korrekte Menge ein, falls es plötzlich schnell gehen muss. Mein Handy ist ausnahmsweise laut gestellt und immer bei mir. Aber es passiert nichts. Als ich mittags nach hause komme geht es ihr sichtlich mies. Sie liegt mehr oder weniger apathisch auf der Matratze unter meinem Tisch. Ich schreibe mit der Tierärztin. Heute oder Montag, am Wochenende ist sie nicht da. Wenn es dann sein muss, müssten wir jemand anders bitten. Ich schwanke. Dann denke ich: heute.

Sali steht auf, möchte runter. Und plötzlich ist sie wieder da. Sie steht auf dem Hof, schaut nach der Katze, wedelt ein kleines bisschen mit dem Schwanz als wollte sie sagen „Katzen jagen war immer sooooo lustig!“. Dann geht sie zum Heuschober. Gefressen hat sie noch kaum etwas heute, aber als sie in den Heuschober geht, kommt mir die zündende Idee. Ich biete ihr Katzenfutter an und sie verspeist es mit Hingabe, würde sogar mehr nehmen als ich ihr geben mag – ich habe Angst dass der Magen keine große Menge mehr verträgt. Ich nehme Futter mit und biete ihr immer wieder kleine Happen an, die sie auch nimmt. Sie ist munter, ich denke: heute nicht. Und schreibe das der Tierärztin.

Über Nacht wird mir aber klar: spätestens Montag muss es dann so weit sein. Sonst ziehen wir das nur unnötig in die Länge – für sie und für uns. In der Nacht lassen wir die Schlafzimmertür auf damit wir sie hören können. Irgendwann höre ich sie rumoren, gehe mit ihr runter zum pinkeln. Mit Tragehilfe am Geschirr geht sie die Treppe runter wie es schon lange so geht. Rauf möchte sie getragen werden. Dabei mag sie eigentlich nicht gern getragen werden.

Samstag vormittag telefoniere ich mit einem Freund, er ist Tierarzt und bestätigt mich sehr in meinem Vorhaben, dem bald ein Ende zu setzen. Er plädiert für „lieber heute als morgen“. Ich habe Sorge dass wir doch noch zu einem fremden Tierarzt müssen, was ich absolut nicht will.

Den Samstag verleben wir in einer Art Schockzustand. Sali möchte immer mal raus zum pinkeln, läuft etwas über den Hof, steht dann aber verloren in der Gegend herum und scheint nicht zu wissen was sie tun soll.

Sonntag vormittag befürchte ich, zu lange gewartet zu haben. Das Fressen hat sie eingestellt. Den Wassernapf bringe ich ihr zu ihrem Platz unter meinem Schreibtisch, sie scheint nicht mehr den Weg ins Wohnzimmer gehen zu wollen. Trinken mag sie noch und zwar recht viel.

Ich rede mit Arnulf ob wir wirklich bis morgen warten. Er sagt, wir können warten. Es erspart uns so viel Stress, die vertraute Tierärztin mit der alles abgesprochen ist. Sali muss nicht mehr aus dem Auto steigen, keine Untersuchung über sich ergehen lassen, es wird schnell und leicht gehen.

Wir warten. Es ist still. Ich räume ein bisschen auf, um mich zu beschäftigen. Die Zeit tickt langsam dahin. Wir heben ihr Grab aus, obwohl sie noch lebt. Das kommt mir falsch vor und gleichzeitig richtig.

Dann, am Sonntag nachmittag, blüht sie plötzlich nochmal auf. Sie möchte runter – ich hatte mir gerade ein Honigbrot geschmiert und nehme meine Stulle mit. Plötzlich schaut sie mein Brot an, wedelt leicht mit dem Schwanz. Ich biete ihr ein Stück an, sie nimmt es. Dann noch ein Stück und noch ein Stück und noch ein Stück. Bald schmiere ich ein zweites Brot, das wir uns auch noch teilen. Sie nimmt mich mit auf einen letzten Spaziergang: runter vom Hof, einmal um die Ecke. Dort schenkt sie mir einen letzten braunen Stinkehaufen. An der Ecke, an der ich abends immer versucht habe, sie dazu zu animieren, das zu tun, als sie anfing, nachts Kot zu verlieren. Als würde sie sich erinnern, was und wie zu tun ist. Seit Tagen haben wir Kot aus der Wohnung gesammelt, aber dieser letzte Haufen geht da hin wo er hin soll. Sie sieht zufrieden aus mit sich.

Als sie wieder unterm Tisch liegt, gehen wir mit den Ponys auf den Reitplatz. Aber von dort aus sehen wir, dass sie ihren Fensterplatz aufgesucht hat und uns von dort zuschaut, wie sie es so oft getan hat in den letzten Monaten. Ihre Ohren stehen charakteristisch zur Seite, sie schaut aufmerksam zu uns runter. Plötzlich ist Friede in meinem Herzen. Alles ist gut.

Abends kommt meine Freundin um sich zu verabschieden. Sie hat Katzenleckerlies mitgebracht, die Sali mit Begeisterung und erhobenen Ohren verspeist.

Ich zweifle. Soll ich sie wirklich morgen töten lassen? Wäre das die Erlösung oder doch eher Mord? Ich fühle mich wie der Henker. Aber wir haben entschieden und ich möchte mich nicht abbringen lassen, kein Hin und Her. Es ist richtig so.

In der Nacht dann wieder ein Sturz, wieder verliert sie Urin. Ich bringe sie runter, sie ist desorientiert und unruhig. Wieder rauf, sie steht in der Wohnung, weiß nicht wohin mit sich. Ich kratze die letzten Leberwurstreste aus der Dose um ihr noch einmal Schmerzmittel zu geben. Etwas später verschwindet sie wieder unterm Tisch und döst weg. Ich weiß: es ist richtig. Es ist Zeit sie gehen zu lassen und es ist gut für sie, wir ersparen ihr die letzten Todesqualen. Es ist ein Geschenk, ihr beim Sterben zu helfen.

Morgens verweigert sie sogar ihren sonst so geliebten Käse. Käseverweigerung war immer das Zeichen, zum Tierarzt zu fahren. So lange sie noch Käse genommen hat, konnte ich Dinge noch beobachten, wenn nicht musste es losgehen.

Wir rufen bei der Tierärztin an. 13 Uhr sollen wir da sein. Wir warten.

Sali nimmt noch ein Tütchen Katzenleckerlies, trinkt ein Schlückchen. Einmal will sie runter, steht dort aber nur herum.

Es ist still. Ich möchte bei ihr sein, mich zu ihr setzen, aber sie mag das nicht. Mein letzter Liebesdienst an sie ist, sie jetzt in Ruhe zu lassen. Da sein, ja, aber nicht zu nah. So war das schon immer seit sie erwachsen ist. Sie war nie ein Kuschelhund.

Ich tue die einzigen Dinge die ich noch tun kann im Moment: Ponys füttern, Äppel sammeln. In meinem Kopf entsteht dieser Text. Schließlich nimmt sie doch noch wieder etwas Käse, aber Honigbrot wie gestern möchte sie nicht mehr und auch keinen Hähnchenhals.

Wir warten.

Viele Menschen wissen schon über Facebook dass es bald so weit ist. Sie wünschen mir Kraft. Ist es Kraft, die ich jetzt brauche? Mut? Entschlossenheit? Sicherheit? Friede? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich dumpf, losgelöst von der Wirklichkeit und doch in Planung. Ich mache Termine, plane den Rest meiner Woche. Der Anfang einer neuen Zeitrechnung. Während ich Termine mache überlege ich immer, ob sie dann zu hause sein kann oder mitkommt. Dann fällt mir wieder ein, dass sie dann schon unterm Holunderbusch liegt und nie wieder mitkommt. Vorstellen kann ich mir das nicht.

Die Zeit tröpfelt dahin. Mir ist schlecht, ich bin übermüdet. Ich wünschte es wäre schon vorbei und gleichzeitig will ich dass es nie passiert. Ich möchte so gern so viele Dinge noch ein letztes Mal mit ihr tun. Aber nach dem letzten Mal hätte ich gern ein allerletztes Mal. Und dann ein allerallerletztes Mal. Ich weiß, dass es keinen Sinn mehr hat. Und die meisten Dinge kann und will sie sowieso nicht mehr tun.

Wir warten.

Sali liegt unterm Tisch. Sie ist in so einer Art Dämmerzustand, scheint nicht in dem Sinne zu leiden aber natürlich geht es ihr trotzdem schlecht. Sie ist des Lebens einfach müde – sehr verständlich nach 16 Jahren. Sicherlich ist sie auch krank, was sie hat, werden wir nie erfahren, denn es ist letztlich egal. Vieles an ihrem Körper funktioniert schon lange nur noch halb.

Ich denke viel an Finlays Tod in diesen Tagen. Aber es ist anders als zuvor. Jetzt erlebe ich in Zeitlupe und unter komplett anderen Bedingungen den Tod erneut. Salis Leben war lang und erfüllt, der Tod kommt überhaupt nicht überraschend. Finlay war nur knapp erwachsen und wurde mir brutal entrissen. Bei Sali schwelge ich in Erinnerungen, denn diese Erinnerungen sind schon lange genau das: Erinnerungen. Aus der Zeit als sie klein war, als sie jung war, als sie (noch lange aber jetzt schon lange nicht mehr) fit war. Klar, sie war immer fit. Aber in den letzten Jahren immer nur mit dem Zusatz „für ihr Alter“. Sie hat mich ganz langsam entwöhnt. Ist immer mal nicht mehr mitgekommen in den Stall. Konnte schon lange nicht mehr mit zum Ausreiten. Wollte schon öfter zu hause bleiben als mit mir zur Arbeit zu fahren. Dass Arnulf dank Corona viel im Homeoffice war, hat sie sehr genossen.

Um 12 Uhr geben wir Sali die Sedierungspaste. Wir fahren ganz gemütlich über Land nach Eckernförde zu unserer weltbesten Tierärztin. Wir warten im Auto auf sie, sie kommt zu uns. Sali muss die Praxis nicht betreten. Ein klitzekleines bisschen Angst hat sie dann doch beim rasieren, desinfizieren und setzen der Braunüle, aber wirklich nur wenig. Schnell schläft sie ein, den Kopf in meine Hand gestützt. Dann ist sie tot.

Als wir zu hause aus dem Auto steigen, ist mein erster Impuls, nach oben zu gehen und Sali raus zu lassen. Mein Kopf will nicht wahrhaben, dass Sali tot im Auto liegt.

Dann kommt für mich der schwerste Part: das Beerdigen. Wir legen sie in ihr Grab, sie bekommt unsere Beigaben mit: etwas Käse, ein Hähnchenhals, Katzenfutter, der Stinkesocken den ich die letzten Tage für sie getragen habe und ein T-Shirt von Arnulf. Sie liegt auf ihrem Auto-Flo(h)kati. Sie sieht aus als würde sie schlafen. Für mich ist das schwer zu verstehen, dass sie sich nun nicht mehr daran stört, wenn wir Erde auf sie werfen. Daher warten wir noch. Wir bedecken das offene Grab mit einer Plane, gehen erstmal in die Wohnung, ich räume ihre Kissen weg, überlege, wer ihre Mäntel bekommt. Später werden wir die Beerdigung vollenden. Ich zünde eine Kerze für sie an und versuche immer wieder, mir klar zu werden, dass sie nicht mehr hier ist. Dass das da unten in dem Grab eine leere Hülle ist.

Und während sie dort unten kalt und steif wird, geschieht ein kleines Wunder: Ich kann mir ein Video ansehen das Facebook mir als Erinnerung zeigt vom letzten Jahr – ein Finlay-Kutsch-Video von kurz vor seinem Tod. Und ich muss nicht weinen, sondern kann mich ein bisschen darüber freuen. Heilung geht manchmal merkwürdige Wege.

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2 Kommentare

  1. Ich denke an Dich und danke Dir für diesen Artikel. Ähnliches habe ich vor nunmehr 12 Jahren mit unserem Agie erlebt, und obwohl ich immer wieder weinen werde, war es auch eine gute Erfahrung. ❤️

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  2. Danke für deine festgehaltenen Erlebnisse und Gedanken. Ich erinnere mich an meinen geliebten Hu deschatten, es war ein so ähnliches Erlebnis. Alles Liebe, Ina

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