Irgendwann

Irgendwann – das ist ein unbestimmter Zeitpunkt. Oder?

Irgendwann werde ich Ordnung haben auf meinem Schreibtisch. Irgendwann habe ich vielleicht mal Zeit, den Garten auf Vordermann zu bringen. Irgendwann möchte ich mal …

Irgendwann kann heißen „nie“. Irgendwann kann heißen „wenn ich nichts Besseres vorhabe“. Irgendwann kann heißen „ich habe keine Lust“.

Aber ich habe noch eine andere Bedeutung gefunden, die das kleine Wörtchen „irgendwann“ erstaunlich oft hat: jetzt gleich sofort!

Da wundert Ihr Euch? Ich mich auch. Aber es ist wirklich so. Achtet mal darauf. Ich begegne diesem Wort (natürlich) vor allem in der Pferdeausbildung. Zum Beispiel beim Verladetraining. Wenn das Pferd gerade halb auf dem Anhänger ist und ich dem Besitzer sage, er soll es wieder zurück schicken. „Aber irgendwann muss er da doch rauf“. Stimmt. Irgendwann. Aber nicht jetzt.

In diesem Fall drückt die Verwendung des Wörtchens „irgendwann“ aus, dass es nicht schnell genug geht. Man sieht das Ziel zum Greifen nah vor seinen Augen. Jetzt! Nein, nicht jetzt. Irgendwann. Und zwar irgendwann später.

„Aber irgendwann muss er das doch können/aushalten/machen“. Genau. Irgendwann.

Das interessante ist: wenn ich Menschen dann davon überzeugen konnte dass „irgendwann“ nicht heute ist, dann passieren all die Dinge, die sie so gern mit viel Druck jetzt gleich sofort erzeugen wollten, im Lauf der Zeit mehr oder weniger von allein. Bei fast jedem Verladetraining kann ich zum Beispiel beobachten, wie die Pferde weiter und weiter in den Anhänger einsteigen ohne dass man sie darum bittet oder Druck macht. Ich habe bis heute nur eine wage Ahnung warum das passiert. Aber es passiert. Immer wieder, bei sehr vielen Pferden.

Wenn ich heute wieder im Freedom Based Training neben Duncan stehe und denke „irgendwann muss er das doch mal ok finden wenn ich von der Seite komme und meinen Arm über seinen Rücken lege“ dann werde ich mich daran erinnern. Irgendwann wird es so weit sein. Aber wahrscheinlich nicht heute. Denn irgendwann ist ein unbestimmter Zeitpunkt.

Mein Mann sagt seit 2 Jahren, dass er das alte Gewächshaus abbauen will. Irgendwann. Ich habe mich nicht weiter darum gekümmert, es war mir nicht so wichtig. Eines Tages war das Gewächshaus abgebaut. „Irgendwann“ war an diesem Tag. Warum? Keiner weiß das so genau, auch mein Mann nicht. Es gab schon viele Tage mit der richtigen Kombination aus Wetter und Zeit. Aber das waren eben nicht die Tage. Woher plötzlich so ein Entschluss kommt, kann ich ja noch nicht einmal bei mir selbst sagen. Plötzlich packe ich es an. Dinge, die ich wochenlang vor mir her geschoben habe. Und inzwischen habe ich mir angewöhnt, zu akzeptieren, dass ich so funktioniere. Ich zwinge mich nur noch, es JETZT zu tun, wenn äußere Umstände es nötig machen. Ansonsten tue ich das nicht mehr. Weil es mir nicht gut tut. Wenn ich stattdessen akzeptiere, dass manches erst reifen möchte, bevor ich es anpacke, dann ist da Spaß und Freude drin. In der Zwischenzeit kann ich ja andere Sachen machen, die auch sinnvoll sind. Nie ist die Wohnung so ordentlich wie zu der Zeit zu der die Steuerklärung fällig ist. Kommt Euch bekannt vor?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Aufschieben verpönt ist, aber jeder es macht.

Nur beim Pferd nicht, da haben wir keine Zeit, etwas aufzuschieben. Das Pferd muss heute können, machen und aushalten. Nachdem der Mensch sich monatelang vorm Verladetraining gedrückt hat, hat er sich ja jetzt endlich aufgerafft. Und jetzt soll es dann bitte auch klappen. „Irgendwann muss ich das Problem ja mal lösen“ heißt dann fürs Pferd „heute lösen wir ein Problem, das seit Jahren besteht. In einem Rutsch in 45 Minuten“.

Und wenn ich heute neben Duncan stehe, darf ich mich daran erinnern. Klar, manchmal denke ich, ich nehme Halfter, Strick und Kekse und bringe ihm das kurz bei. Dauert nicht lang. Ey, ich bin Pferdetrainerin ich löse das Thema kurz. Ja? Wirklich? Ich kann ihm wohl beibringen, das auszuhalten. Aber dann hält er es eben nur aus. Und man kann sich nicht sicher sein, ob das Thema dann nicht plötzlich „zurückkommt“ und einem um die Ohren fliegt, wenn es ans Anreiten geht. Denn ein Pony dass den Arm über seinem Rücken nur „aushält“ wird den Reiter vielleicht nicht aushalten wollen. Bringe ich ihm heute bei, den Arm auszuhalten, und vergesse dann, dass es nur ein Aushalten ist, lande ich in 2-3 Jahren vielleicht plötzlich im Sand und frage mich, wieso das jetzt passiert ist.

Bringe ich dem Kundenpferd heute bei, das Hängerfahren „auszuhalten“ steigt es unter Streß auf dem Turnierplatz vielleicht nicht mehr ein.

Nein, für mich ist Schluss mit Aushalten. Ich möchte die Themen so angehen, dass es wirklich gut wird. Irgendwann. Wann auch immer das ist – nicht heute. Aber es wird wirklich gut, nicht nur ausgehalten.

Vielleicht habe ich das noch einmal eindrücklich gelernt durch den Verlust meines Ponys. Fast ein Jahr ist das nun her. Und damals habe ich sehr oft gesagt „irgendwann“.

Irgendwann werde ich wieder einen Schotten haben (in diesem Fall war „irgendwann“ schon sehr bald)

Irgendwann werde ich mir die Kilos wieder drauffuttern, die ich verloren habe (in diesem Fall ist „irgendwann“ erst jetzt, 11 Monate später)

Irgendwann werde ich an Finlay denke können ohne zu weinen (Ja, denken geht schon)

Irgendwann werde ich mir Erinnerungen anschauen können (noch nicht).

Nach Finlays Tod waren all diese „irgendwanns“ da. Und sie haben mir Hoffnung gegeben und tun es noch. „Irgendwann“ ist ein allgemein eher unbeliebtes Wort, so scheint mir. Aber für mich bedeutet es Hoffnung. Und ein Ziel, dass ich erreichen möchte – irgendwann.

Ich habe gelernt, dass man Ziele konkret setzen soll. Da gibt es ja so tolle Merksätze, wann ein Ziel gut formuliert ist – messbar, selbst erreichbar und was nicht noch alles. Das Wort „irgendwann“ kommt in diesen Merksätzen nicht vor, ganz im Gegenteil. Aber gerade nach Finlays Tod ist es für mich ein machtvolles Wort geworden. Denn so konnte ich ohne Druck sein. Ich konnte zu mir selbst sagen „irgendwann geht es mir wieder gut. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber irgendwann“. Und dadurch konnte ich weitermachen.

Und genau so könnten wir doch das Wort „irgendwann“ im Pferdetraining benutzen. Irgendwann wird Duncan es großartig finden, wenn mein Arm über seinem Rücken liegt. Irgendwann, wenn das, was ich da tue, gereift und gewachsen ist. Und ja, dafür muss ich etwas tun. Aber nicht unter Druck und mit einem Zeitplan. Plan ja – Zeitplan nein.

Und wenn das nächste Mal ein Schüler zu mir sagt „aber irgendwann muss er doch“ werde ich wieder meine übliche Antwort geben: „stimmt. Irgendwann. Aber nicht heute“. Und mein Schüler wird mich vielleicht wieder böse anschauen, weil ich so viel Geduld verlange. Aber das Pferd wird atmen und mir leise ein „Danke“ zuflüstern. Und vielleicht wird es hinterher schieben „irgendwann schaffe ich das bestimmt“ und es wird ein „irgendwann“ voller Hoffnung sein, so wie bei mir nach Finlays Tod.

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2 Kommentare

  1. Liebe Lioba, Danke für diesen Artikel. Ich habe gerade die Augen voller Tränen. Auch ich und Amadeus werden es „irgendwann“ schaffen, die Wackelkiste einsetzen zu können – ohne Druck!! Fühl Dich lieb gedrückt, Angelika ❤️

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