Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 47

Neulich waren wir alle zusammen los – Diego der Große und ich, der Mann und das Mädchen und der Drahtesel. Wir Ponys sind in der Wackelkiste gereist, der Drahtesel durfte vorn im Auto mitfahren bei den Menschen.

Auf der Reise gibt es immer Heu. Auch für den Esel!

Dann sind wir alle ausgestiegen, der Mann ist auf Diego den Großen geklettert, das Mädchen auf den Drahtesel und dann hat der Mann meinen Strick genommen und es ging los. Oje, das war ein großes Chaos am Anfang! Es hat so gar nicht gepasst mit dem Tempo und ich hab mich dann doch ein bisschen aufgeregt darüber dass es nicht geklappt hat. Und dann hat der Mann sich aufgeregt weil ich mich aufgeregt habe und das Mädchen hat sich aufgeregt weil der Mann sich aufgeregt hat. Diego war auch ein bisschen aufgeregt wegen all der Aufregung.

Naja, nachdem wir uns alle aufgeregt hatten haben wir uns dann nach und nach wieder abgeregt. Und dann ging es ganz prima! Nachher haben die Menschen noch die Reittiere getauscht (der Mann ist auf den Drahtesel gestiegen und das Mädchen auf Diego) und wir sind noch ganz viel getrabt. Das war toll! Und etwas anstrengend. Es war auch so schwüles Wetter, da haben Diego und ich sogar ein bisschen geschwitzt und geschnauft.

Nach all der Aufregung haben die Menschen überlegt, wie es nächstes Mal besser laufen kann. Wir werden sehen, ob das klappt!

Oh und ganz bald zeige ich Euch was ich noch erwachsenes gelernt habe – da werdet Ihr Augen machen! Vielleicht, vielleicht schon morgen oder übermorgen….

Euer geheimnisvoller Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. Ich bin leider kein Stück weiter was die Frage nach der Rangordnung zwischen dem Mann und dem Mädchen angeht – ich wollte das ja anhand dessen erforschen, wer den Drahtesel öfter reiten muss (der ist lange nicht so schön zu reiten wie Diego der Große! Und er sieht auch nicht so hübsch aus). Aber bisher haben sie immer nach der Hälfte der Strecke getauscht. Hmmmmmmm.

Die Weisheit des Rückblicks

English version below

Ich starte meine Blog mal wieder mit einem kleine Comic von der wunderbaren Jean Abernethy
www.jeanabernethy.com deren Bilder immer so viel lustig verpackte Weisheit enthalten. Übrigens werdet Ihr demnächst noch mehr von Jean zu sehen bekommen – Überraschung in Sicht! Nur noch 2 Wochen Geduld….

Für die, die eine Übersetzung des Comics brauchen: „Wisdom of Hindsight“ ist nicht ganz so gut zu übersetzen. Wir würden sagen „hinterher weiß man es besser“. Das Pony Grace sagt „unterschätze niemals, was man hinterher alles besser weiß“ und Fergus fragt „können wir das, was wir hinterher besser wissen, ihm Vorhinein erfahren?“

Im Moment, da Finlays erster Todestag näher rückt (und mir ganz schön zu schaffen macht) vergleiche ich wieder mehr. Aber nicht Finlay mit Duncan sondern mich selbst mit mir selbst. Damals, als ich Finlay bekommen hatte, war ich so sicher, den richtigen Weg zu kennen. Jetzt schaue ich zurück und staune, wie schwer ich uns beiden das Leben gemacht habe. Und es bleibt nicht aus, dass ich mal traurig bin darüber, dass ich das, was ich heute weiß, damals noch nicht wusste. Auch wenn mir natürlich klar ist, dass das immer so sein wird. Auch bei Merlin denke ich oft: wenn ich vor 15 Jahren so hätte reiten können wie ich es heute kann – was hätte aus diesem Pferd werden können! Aber ich konnte es nicht. Ich kann es jetzt nur, weil Merlin mich so viel gelehrt hat. Merlin erntet die Früchte seiner eigenen Arbeit – er hat mich wirklich reiten gelehrt und profitiert jetzt von meinen verbesserten Fähigkeiten, die bedeuten, dass ich ihn auch im fortgeschrittenen Alter von 27 (oder mehr?) Jahren noch gut in Form halten kann und er fit ist wie ein Turnschuh. Finlay konnte leider nur in sehr geringem Maße von dem profitieren, was er mir beigebracht hat. Es ist Duncan, der jetzt von Finlays Arbeit profitiert. Der „kleine Bruder“, der es besser hat, weil der große mir gezeigt hat, was alles so nicht funktioniert.

Ich hätte sehr gern im Vorhinein gewusst, was ich jetzt im Nachhinein alles besser weiß. Aber – im Comic sieht man es an dem Gesichtsausdruck von Pony Grace im letzten Bild – das ist ein unerfüllbarer Wunsch.
Oder?
Eigentlich nicht. Eigentlich erhalten wir jeden Tag Wissen im Vorhinein, das jemand im Nachhinein erworben hat. Das nennt man Unterricht, Ausbildung oder Erziehung. Einer meiner Ausbilder im Pferdebereich sagte manchmal Sätze wie „wenn Du das und das machst, läufst Du Gefahr dass dein Pferd so und so reagiert – rate mal woher ich das weiß…“ und spielte damit darauf an dass er das ausprobiert hat und es schiefgegangen ist.
Ständig bekommen wir solche Dinge gesagt. Wie oft sage ich meinen Schülern Dinge, die ich selbst nur deswegen weiß, weil ich im Nachhinein klüger geworden bin.
Wenn ich Unterricht nehme, bezahle ich Geld dafür, die Fehler, die ein anderer gemacht hat, nicht machen zu müssen.
Problematisch wird es erst, wenn ich dann feststelle (wie ich es schon so oft getan habe), dass die gelehrte Methode nicht zu mir und meinem Pferd passt oder dass der Lehrende selbst mit veralteten Methoden arbeitet oder dass das Ergebnis, was ich glaubte, erreichen zu wollen, doch gar nicht so attraktiv für mich ist wie ich dachte. Das etwas, was dieser Ausbilder als Fehler betrachtet, für mich und mein Pferd genau das richtige ist.
Und schon bin ich wieder im Nachhinein schlauer.
Und wenn ich dann versuche, das, was ich gelernt habe, an meine Schüler weiterzugeben, stehe ich vor dem selben Problem: passt das, was ich weiß und kann und erfahren habe, zu meiner Schülerin und ihrem Pferd? Oder muss ich ganz woanders ansetzen? Viele meiner Schülerinnen schätzen eben das an mir: dass ich ihnen nicht etwas überstülpe was nun mal mein Konzept ist, sondern versuche, mit ihnen und ihrem Pferd gemeinsam einen guten Weg zu finden. Aber trotzdem sind wir im Nachhinein manchmal schlauer und stellen fest: das war nicht der Weg, der uns zum Ziel führt. Wir müssen umdrehen und neu anfangen.

Mit Duncan fange ich auch neu an und baue auf der Jungpferdeerfahrung mit Finlay auf sowie den Erfahrungen die ich in meinem Kundenkreis gesammelt habe. Und manchmal wenn ich überlege, ob das alles so richtig ist was ich da mache, mache ich mir klar, dass ich ganz bestimmt in 10 Jahren Dinge weiß, die ich anders machen würde. Und dass das nicht schlimm ist, weil es immer so sein wird – egal wie viel ich weiß und kann. Sollte es einmal nicht mehr so sein, kann ich mich wohl ebensogut beerdigen lassen, denn wenn der Tag kommt an dem ich nichts mehr lerne ist das sicher nicht der Tag an dem ich alles weiß, sondern der, an dem ich zu arrogant, verstockt und verbohrt bin und mir Fehler einzugestehen. (Möge dieser Tag niemals kommen)

Mit Finlay wollte ich unbedingt alles richtig machen. Mit Duncan lebe ich viel mehr in den Tag hinein und schaue was sich so ergibt. Ziele habe ich schon, das wisst Ihr ja: erst fahren, später Distanzritte. Und ja, auch meine Dressurambitionen bleiben natürlich da. Wie ich Duncan das erkläre, weiß ich noch nicht. Aber da haben wir ja noch Zeit. Erst mal beobachte ihn viel mehr als ich Finlay beobachtet habe. Ich schaue mir an was er mag und was nicht und überlege dann wie ich da hin komme, dass er das mag, was ich gern machen möchte. Und wie ich das, was er gerne möchte, selbst mögen lernen kann.
Finlay sollte das perfekte Leben haben. Er sollte das glücklichste, gesündeste Pony der Welt werden. Stattdessen hatten wir einiges an körperlichen Schwierigkeiten zu überwinden und dann, als die Grundausbildung abgeschlossen war, war er plötzlich tot.
Ich hoffe und glaube, dass er trotzdem ein schönes Leben hatte, aber es war nicht das, was ich mir vorgestellt habe.
Bei Duncan bin ich durch diese Erfahrung ganz anders davor. Ich akzeptiere sehr viel mehr, dass ich nicht alles im Griff habe, dass gesundheitliche Probleme auftauchen können von denen ich vorher gar nicht wusste, dass es sie gibt, dass mein Pony sich in eine Richtung entwickeln kann, die ich nicht erwartet habe und dass ich im Nachhinein feststelle, dass meine Konzepte nicht zu ihm gepasst haben. Das ist die „Wisdom of Hindsight“ die ich aus Finlays Leben mitnehme, das ist das, was ich jetzt – im Nachhinein – besser weiß.

Manchmal, wenn Duncan so im Paddock steht und neben den anderen Ponys so winzig und jung aussieht, kann ich mir gar nicht vorstellen, wie er einmal sein wird, wenn er ausgewachsen ist. Dann wieder sehe ich ein Foto oder erinnere mich wie er vor ein paar Monaten aussah und wundere mich, wie viel größer und erwachsener er schon ist. Ich bemerke, was er alles gelernt hat und was er nun alles schon kann und ich staune über seinen tollen Charakter, der sich jetzt – so meine ich zumindest – schon das eine oder andere Mal zeigt ohne von Babyverhalten und Pubertät überspielt zu werden.
Aber all die Vorstellungen, wie es einmal sein könnte, sind mit großen Fragezeichen versehen und im Wesentlichen bin ich einfach dankbar für jeden weiteren Tag den er hier bei mir ist, lebendig und munter, und das reicht eigentlich auch schon. Denn wie ich am eigenen Leib erfahren musste, ist das nicht selbstverständlich. Und auch das ist so eine „Wisdom of Hindsight“ die einem viele Leute sagen, die es erlebt haben. Sei heute dankbar, morgen kann es vorbei sein. Ich war immer dankbar, und ich bin besonders dankbar für eine letzte Finlay-Erinnerung an den Tag vor seinem Tod, an dem wir gemeinsam auf dem Reitplatz waren und er mir einen besonders wunderbaren Augenblick geschenkt hat. Ich bin dankbar dafür, dass ich gelernt habe, im schönsten Moment aufzuhören, denn so ist das meine letzte schöne Erinnerung an ihn. Ich wusste, dass es morgen vorbei sein kann und doch wusste ich es nicht. Denn Wissen im Kopf und Wissen im Gefühl ist oft so unterschiedlich, dass es wenig miteinander zu tun hat. Da hilft manchmal der beste Lehrer nichts, sondern nur das eigene Erleben, um im Nachhinein schlauer zu sein. Und der Lehrer darf sich dann verkneifen zu sagen „ich hab es Dir gesagt“, sondern er darf akzeptieren, dass man manche Erfahrungen selbst machen muss und dass es nicht immer möglich ist, das, was man hinterher besser weiß, im Vorhinein zu erfahren. Manchmal kommt die Weisheit eben erst im Rückblick.

English version

The wisdom of hindsight

Again I am starting this article with a little comic of the wonderful Jean Abernethy http://www.jeanabernethy.com whos pictures always contain so much funnily packed wisdom. By the way you will see more of Jeans work here soon – a surprise is on its way! Only two weeks of patience…

At the moment, with the first anniversary of Finlays death coming nearer (this giving me some trouble) I am comparing again. But I do not compare Finlay and Duncan, I compare myself with myself. When I first got Finlay 9 years ago I was sure I knew the right way. Now I am looking back and I am astonished how difficult I made things for the two of us. And of course there are times when I feel sad that I did not know then what I know now. Even if I am aware that this will always be the case. With Merlin too I sometimes think „if I had been able to ride the way I am riding now 15 yeas earlier – what would have been possible for this horse!“ But I was not able to. I am only able to ride that way now because Merlin taught me. He is reaping his reward now, having really taught me to ride so that now I am able to keep him fit and healthy at age 27 (or older?). Finlay on the other hand was not able to benefit from what he taught me. Duncan is now reaping the harvest of Finlays teachings. The „little brother“ benefiting from the older ones work.

I would have liked to get the wisdom of hindsight in advance. But – as we can see in Graces face in the comic – that is impossible.
But is it?
Not really. In fact we are getting the wisdom of hindsight in advance every day. It is called education or teaching. One of my horse-teachers sometimes said things like „if you do this, your horse will be likely to do that – guess how I know….“ meaning that he had tried it and found out the hard way that it didn‘t work.
Often we hear things like that. How often do I tell my students things I only know because I got the wisdom of hindsight.
If I am taking lessons I am paying for not having to make the same mistakes that my trainer made. The point where this becomes problematic is when I discover that what this person teaches does not fit me and my horse (which I discoverer pretty often) or that this teacher is working with out-of-date methods or that the goals I was trying to reach are not as attractive as I thought they would be. Sometimes the things that these teachers see as a mistake are actually helpful for me and my horse. And again I am finding wisdom in hindsight.
And then, when I try to convey to my students what I have learned, I have the same problem: does this fit for the student and her horse? Or do I have to start at some different point? Many of my students like this about my lessons: that I am not imposing some concept on them but trying to find individual solutions for everybody. But still we are sometimes wiser in hindsight. Sometimes we need to admit: this was not the way, we need to turn back and start again.

Well, I am starting from scratch again with Duncan, using my experience of Finlay and the young horses of my customers. And sometimes, when I start wondering whether this is the right way to do things, I remind myself that 10 years from today I will surely know more than today and do things differently. And that this is not a bad thing but that it will always be that way. Should it not be like this any more I could just as well jump into my grave because the day I stop learning will not be the day that I know everything but the day that I am to arrogant or to stubborn to admit I was wrong. (May that day never come)

With Finlay I was determined to do everything right. With Duncan I am living for the moment and see what happens. I do have goals, as you know: first driving, than endurance riding. And yes, my ambitions in dressage riding are still there as well. How I am going to explain that to Duncan I do not yet know. But we do have time. First of all I am observing him much more than I was observing Finlay. I find out what he likes and what he doesn‘t like and think about how I could get him to liking the things I would love to do. And how I could like the things he wants to do.
I planned the perfect life for Finlay. He was supposed to be the happiest, healthiest Pony in the world. Instead we had some health-issues to deal with and just when his basic education was completed, he was dead all of a sudden. I hope and trust that he had a good life never the less, but it was not the life I dreamed up for him.
Due to this experience I feel differently for Duncan. I accept, that I do not have everything under my control, that there could be health-problems I never even heard of, that my Pony might develop to something I did not expect and that I will maybe find out in hindsight that my concepts did not work for him. This is the „wisdom of hindsight“ I take away from Finlays live, this is what I know better now.

Sometimes when I see Duncan standing in the paddock between the other horses, looking so tiny and so young I am not able to imagine him grown up. Then I look at a picture of a few months ago and marvel at how much bigger and more grown-up he is already. I realize all the things he has learned and am amazed about his great character which – I think – shows up every now and then without puberty or childhood covering it.
But the ideas about how it could be in future all have big question marks and on the whole I am just grateful for every day he is here, alive and cheerful and that is quite enough. Because as I experienced first hand this is not a given. This too is a „wisdom of hindsight“ that many people who experienced it tell you. Be grateful today, it could be over tomorrow. I have always been grateful and I am especially grateful for my last memory of Finlay the day before he died, when we were in the riding arena and he gave me a particularly wonderful moment. I am grateful for having learned to stop at the best moment so that this is my last, wonderful memory of him. I knew it could be over tomorrow and yet I did not know. Because knowing something inside your head can be very different from knowing something in your heart. And the best teacher will fail in these cases for only the first-hand experience will teach us that. And the teacher may restrain from saying „I told you so“ but accept, that some things need to be experienced to make them truly understandable. So in these cases it is not possible to gain the wisdom of hindsight in advance. Sometimes the wisdom of hindsight comes – well – in hindsight.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 46

Gestern waren wir wieder mit meinem Spaziergehkumpel los. Ich hatte wieder den Mann am Strick und mein Mädchen den Spaziergehkumpel, damit sein Mädchen auf seinem Rücken sitzen kann.

Der Mann achtet mehr auf Details, der geht nicht einfach so mit mir los. Da muss alles seine Ordnung haben. Meinem Mädchen ist es ja egal wenn ich zottelig aussehe – sie sieht selbst auch immer zottelig aus – aber der Mann hat mich erst mal schön gebürstet. Nicht nur mein Fell von der Schlammmaske befreit die ich mir gemacht hatte (gegen die Fliegen), sondern auch mein wunderschönes Langhaar auf Vordermann gebracht. Oooooooh ich sah nachher so schön aus!! Ich werde ihn zu meinem persönlichen Coiffeur ernennen.

Schau, mein Mädchen, so musst du es machen!
Der Ritter in glänzender Rüstung – das bin ich!

Und dann hat der Mann meinem Mädchen den ganzen Spaziergang vorgeschwärmt dass ich nicht nur schön, sondern auch artig bin. Ganz erwachsen und vernünftig und so.

Läuft bei mir!

Und artig war ich auch, sagt der Mann. (Und der muss es wissen)

Bei meinem Spaziergehkumpel lief es auch gut. Er hat jetzt kapiert dass er einfach nur geradeaus gehen soll – wie sonst auch wenn keiner draufsitzt. Tsss, ich hätte ihm das ja gleich sagen können aber auf mich hört ja keiner.

Euer wunderschöner Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 45

So, liebe Menschen, jetzt bin ich es leid. Ich warte nicht länger. Ich werde JETZT erwachsen. Das ist mir sonst echt zu blöd. Mein Spaziergehkumpel hat neulich sein Mädchen zum ersten Mal durchs Gelände getragen. Mein Mädchen hat ihn geführt und ich bin mit dem Mann am Strick hinterher gedackelt. So und nun ratet mal wer einen Keks nach dem anderen bekommen hat! Na ich war das nicht!! Menno.

So viele Kekse hat er bekommen! Von MEINEM Mädchen! Und ich?

Und deswegen habe ich beschlossen, das Erwachsenwerden etwas vorzuziehen. Zwecks Verbesserung der Keksrate.
Also bin ich gestern allein mit meinem Mädchen und dem Mann spazieren gegangen – eine ganze Runde (sonst haben wir immer irgendwo umgedreht) und habe mir einfach nicht anmerken lassen, dass ich doch ein bisschen aufgeregt war. Ich hab immer ganz erwachsen geguckt und war meeeeeeeega artig. Das mit dem Äppeln konnte ich halt nicht verhindern. Aber die Keksrate war gut und grasen durfte ich auch.
Und heute hat mein Mädchen meine Hufe hübsch gemacht. Dafür hat sie mich angebunden – das haben wir lange nicht geübt und sie sagt das muss auch mal wieder sein. Und dann ist sie in Verzücken ausgebrochen weil ich alles sooooooo gut gemacht habe. Ihr wisst schon – weil ich ja jetzt erwachsen bin. Gab auch ordentlich Kekse. Sie hat gesagt, ich habe das besser gemacht als viele ihrer großen Kundenpferde. So! Jetzt ist Schluss mit Babykram. Fertig.
Ich hab auch noch was anderes erwachsenes gelernt, aber das erzähle ich Euch nächstes Mal.

Euer erwachsener Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 44

Neulich war ich wieder auf der Waage.

Letztes Mal ist die Waage ja zu uns gekommen. Diesmal sind wir hingerüttelt worden. Diego und ich sind in die Wackelkiste geklettert und kurz geschüttelt worden. Und dann kamen wir an einem Ort raus wo gaaaaanz viele Pferde waren! Oh da war ich aber aufgeregt! Mein Mädchen auch, weil sie Angst hatte was ich wohl mache. Sie hat dann dem Mann meinen Strick gegeben und lieber Diego den Großen genommen – der war wie immer tiefenentspannt. Wir sind erst ein Stück spazieren gegangen und dabei hat der Mann mir immer wieder gesagt dass ich artig sein soll. Dann haben wir noch ganz lange herumgestanden und gewartet. Der Mann hat mich geschaukelt und da war ich dann auch ganz entspannt. Dann schnell einmal auf die Waage und wieder runter und schon ging es wieder nach hause. Ich weiß wirklich nicht warum so viele Menschen Angst haben vorm Wiegen – tut wirklich nicht weh. Nachher hat mein Mädchen gesagt ich hätte das gut gemacht und es wäre nicht meine Schuld dass sie mich abgegeben hat. Passt schon mein Mädchen, ich mag den Mann auch gern leiden.

Ein bisschen gewundert haben sich die beiden, dass ich gar nicht so viel schwerer geworden bin. Ich wiege jetzt 336kg. Aber ich hab vorher auch dreimal geäppelt, wegen der Aufregung. Also wiege ich in Wirklichkeit bestimmt schon 340kg. Und Mädchen, wenn dir das zu wenig ist, du kennst ja die Lösung….. (Ritter, du sollst nicht fett werden, du sollst wachsen.)

Diego der Große war übrigens auch auf der Waage. Er wiegt 612kg und das ist sehr gut, weil das bedeutet, dass er gut abgenommen hat. Der arme muss ja immer Diät machen. Aber mein Mädchen war ganz zufrieden mit seinem Gewicht. Sie sagt, er muss jetzt noch ein paar Muskeln bekommen und dann passt das. Aber Muskeln bekommen ist nicht so einfach wie es klingt, sagt Diego der Große. Dafür muss man sich nämlich ganz schön anstrengen….

Macht‘s gut!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Die Entdeckung der Langsamkeit

Es ist ungefähr 20 Jahre her, dass ich das Buch mit dem Titel „Die Entdeckung der Langsamkeit“ gelesen habe. Ich erinnere mich nicht mehr an viele Details der Geschichte. Aber ich weiß noch, dass ich damals angefangen habe, meine eigene Langsamkeit bewusst zu leben – zu erleben – und sie als Stärke zu sehen. Damit war ich ziemlich allein. Die Menschen um mich herum habe ich wahnsinnig gemacht mit dieser Langsamkeit und manchmal tue ich das wohl heute noch. Trotzdem erinnere ich mich immer wieder daran, dass meine Langsamkeit eine Stärke ist, die ich hegen und pflegen möchte. Denn im Pferdetraining kommt sie mir zu Gute. Viele meiner Schüler fluchen wohl heimlich mal, wenn ich da stehe – besonders gerne am Anhänger – mit dem Strick in der Hand und warte. Ich glaube fest daran, dass das Pferd die Lösung finden wird, wenn es genug Zeit zum denken bekommt. Meine klitzekleine Anfrage, die ich ihm durch den Strick vermittle, halte ich derweil aufrecht. Ein bisschen wie ein klingelndes Telefon. Es klingelt immer gleich, nicht lauter, nicht leiser. Und wenn wir dem Menschen am anderen Ende genug Zeit geben vielleicht noch die Treppe herunterzusteigen, oder den passenden Knopf am Smartphone zu finden, dann kann er noch rangehen. Wenn wir nach dreimal klingeln auflegen vielleicht nicht – dann sind beide frustriert.

Kann natürlich auch mal nerven, so ein klingelndes Telefon. Nicht nur im Kino, sondern auch wenn wir gerade einfach nicht mit der Person reden wollen die da dran ist. Vielleicht geht es den Pferden auch öfter mal so (besonders am Anhänger). Sie wollen die Anfrage nicht beantworten. Aber ich warte einfach so lange, bis sie mir eine Antwort geben. Und dann sage ich „danke das war es schon.“ Und oft merken die Pferde dann, dass es gar nicht so schwer ist wie gedacht. Wenn sie das immer wieder merken, ist die Angst und die Überforderung schließlich weg und das Pferd wird mutig und neugierig. Es wird sich angewöhnen, auf Anfragen sofort zu antworten und dabei entspannt zu bleiben.

Manchmal ist es aber auch nicht Angst, Überforderung oder Unwille, die das Pferd daran hindern, zu antworten, sondern Reizüberflutung. Weil das Gehirn gerade so überladen ist mit Eindrücken, dass es keine weitere Information mehr verarbeiten kann. Naja, es kann schon, nur halt nicht mehr in normalem Tempo. Man kann dann den Druck erhöhen und eine Reaktion erzwingen. Das Pferd wird gestresst reagieren (nur reagieren, nicht denken) und dieser Stress bleibt hängen und vergiftet – wenn es öfter passiert – ganz leise die Beziehung. Wenn das Pferd merkt, dass wir dann, wenn es nicht mehr denken kann, unwirsch werden, wird es immer früher in Stress kommen und immer weniger denken können. Es hat im Zustand der Reizüberflutung keine Möglichkeit mehr, Informationen sinnvoll zu verarbeiten, es kann also nichts lernen und so wird es nur eine gefühlsmäßige Verknüpfung erstellen zwischen der Situation und dem Stress.

Wenn wir stattdessen warten und dem Pferd Zeit geben, die Informationen zu verarbeiten und unserer freundlichen Anfrage Folge zu leisten wenn es so weit ist, wird es auch in der Reizüberflutung entspannt bleiben können und nach und nach lernen, auch in brenzligen Situationen erst zu denken und dann zu handeln.

Auch Sir Duncan – einige von Euch haben es vielleicht in seinem Tagebuch gelesen – war neulich mal an dem Punkt der Systemüberlastung. Es war das erste Mal dass ich das so deutlich bei ihm gesehen habe. Er ist jetzt seit Ende September hier und noch nie waren wir an dieser Grenze, was bei einem so jungen Pferd eigentlich ganz und gar unglaublich ist, vor allem im Hinblick darauf was wir schon alles gemeinsam unternommen haben. Dauernd habe ich vermutet, dass wir kurz davor sind, aber sein Kopf war immer noch funktionstüchtig. Manchmal wurde er etwas überdreht und fing an, viel zu schnappen, aber denken war trotzdem noch drin. Diesmal nicht. Und es ist gut zu wissen, was dann mit ihm passiert. Denn manche Pferde werden dann unruhig und machen dadurch (ungewollt und unbewusst) viel Blödsinn. Duncan wird einfach nur langsam. Interessant für mich zu wissen ist auch, wie sich diese Überlastung aufbaut und ankündigt. Sein Verhalten schwankte stark zwischen langsam sein, müde wirken und dann wieder etwas überdrehtem Verhalten, immer so im Wechsel von ein paar Minuten. Und als das überforderte Pony dann in den Stall kam, ist er nicht etwa schlafen gegangen, sondern schnurstracks zu Caruso um den erst mal herzhaft zu beißen: Stressabbau durch Kabbelei. Auch gut zu wissen und das deckt sich ja mit dem was er bei mir auch schon gezeigt hat (und bestätigt damit meine Interpretation).

Am nächsten Tag hingegen stand er wieder parat. Ich habe nichts mit ihm gemacht aber es war weder so dass er mich gemieden hätte noch so dass er bei unserem nächsten Ausflug einige Tage später irgendwelche Bedenken gezeigt hätte. Im Gegenteil, er ist am nächsten Wochenende wieder drei Tage hintereinander abenteuerlustig gewesen und war sehr zufrieden mit dem Input. Was bedeutet, er war zwar mal etwas überfordert aber er fand es nicht schlimm. Finlay fand sogar diese Tage immer am besten, er hat es geliebt immer mal so richtig am Limit zu sein und war hochmotiviert, die Erfahrung zu wiederholen. Ich vermute, Duncan sieht das genauso. Viele Menschen sehen das ja ähnlich. Ich hatte hier https://schotten-pony.com/2020/01/16/herausforderung/ schon mal etwas dazu geschrieben.

Andere Pferde sind da anders und deswegen ist es so wichtig, das eigene Pferd zu kennen. In diesem Video seht ihr einen Haflinger mit panischer Angst vor Dualgassen. Wir haben extrem viel Arbeit in das Thema investiert. Inzwischen ist das Problem nachhaltig gelöst und auch seine grundsätzliche Angst vor allem was so am Boden herumliegt ist verschwunden. Aber zu der Zeit als das Video entstanden ist, konnte er nur unter Aufbringung seines ganzen Mutes einen Möhre von dem bösen Ding herunterfressen. Von drübergehen war da noch lange keine Rede!

Spoiler: es passiert nichts spannendes in diesem Video. Augenscheinlich steht der Haflinger da so herum. Spätestens an dem Punkt an dem er die Futterschüssel weitgehend ignoriert dürfte deutlich werden, wie gestresst er in der Situation ist. Das Video ist 4 Minuten lang. Wer Lust hat, schaut es sich an und findet etwas interessantes über sich selbst heraus. Wenn ich es ansehe, bewundere ich meine Schülerin, denn die hat mich schließlich bezahlt für diese Zeit. Aber es war eine gute Investition. Andererseits sind 4 Minuten genau genommen keine lange Zeit. 4 Minuten sind ganz schnell vergangen wenn man mit jemandem redet oder ein paar Whatsapp schreibt. Warum haben wir diese paar Minuten so selten für unsere Pferde übrig? Ach ja, weil wir sie auch sonst irgendwie nie übrig haben, wenn es nicht um uns geht. Perfekt zu beobachten an der Supermarktkasse. Jetzt, da wir dank Corona alle brav Abstand halten, fällt es ja mal nicht so auf, aber normalerweise holen Menschen ja an der Supermarktkasse gefühlt die Viertelstunde Zeit wieder rein, die sie vorher mit der Nachbarin verschnackt haben. Und natürlich kann man Zeit auch super wieder aufholen auf der Landstraße und der Autobahn. Hui da haben es alle eilig. Die zwei Minuten, die es länger dauern würde, wenn man sich einigermaßen an die Verkehrsregeln hält, die hat man nicht. Weil man die braucht um den Facebook-Account zu checken.

Die Entdeckung der Langsamkeit hat für mich immer auch mit Prioritäten zu tun. Ich bin weiß Gott keinen Deut besser was das verplempern von Zeit angeht, die ganze Internet-ständig-erreichbar-whatsapp-facebook-Nummer stiehlt mir viel zu viel Zeit. Nur: ich möchte mir immer klar machen, dass ich sie weder an der Supermarktkasse noch auf der Straße wieder einholen kann, diese Zeit. Und schon gar nicht beim Pferd. Denn beim Pferd ist es ja noch schlimmer: wer heute versucht, Zeit zu sparen, hat morgen die doppelte Arbeit. Wenn ich aber heute ein paar Minuten investiere, löse ich Themen nachhaltig und habe dann für immer meine Ruhe damit. Und ich zeige meinem Pferd, dass es Zeit bekommt zum Denken. Wenn es gut läuft, entwickeln wir eine Kommunikation, die auch in höchst stressigen Situationen noch funktioniert, weil mein Pferd nicht in Panik gerät, sondern sich die Zeit nimmt, zu denken, bevor es handelt. Und ich lerne zu erkennen, wann mein Pferd diese Denkzeit braucht.

Und deswegen werde ich mich mit dem größten Vergnügen auch weiterhin bei meinen Schülern unbeliebt machen indem ich herumstehe und warte, wenn es nötig ist.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 43

Neulich ist mir etwas sehr merkwürdiges passiert.

Das kam so: mein Spaziergehkumpel und ich sind in die Wackelkiste/Zeitmaschine gestiegen und haben uns ein bisschen schütteln lassen. Immer wieder spannend, wo man danach so ist! Diesmal wieder an einem Ort an dem wir beide noch nie waren. Ich bin dann immer ein kleines bisschen aufgeregt aber pssssssst mein Mädchen weiß das nicht, ich lasse mir das nicht anmerken. Wir sind losgegangen und nach einer kleinen Weile kamen von vorne ganz viele Menschen, einige große und ziemlich viele kleine, die ganz kleine Räder hatten und ganz laut geschrien haben. Die kamen auf uns zu und gleichzeitig hab ich gesehen, dass auf der anderen Seite vom Knick auch noch andere Pferde waren, die da rauf und runter getrabt sind und ganz laut geschnaubt haben. Da wollte ich so gerne hin, aber mein Mädchen hat nein gesagt. Sie war etwas gestresst, weil da ja auch die vielen kleinen Menschen waren. Naja, wir sind da also mehr schlecht als recht vorbeigegangen. Dann war wieder eine Weile Ruhe. Und dann kamen wir an einen Weg, den mein Mädchen rausgesucht hatte, weil sie den schon kennt. Allerdings kennt sie ihn nicht zu dieser Jahreszeit und wir mussten feststellen, dass dort hüfthoch Gras steht. Da waren wir Ponys natürlich erst sehr gut gelaunt weil wir dachten es geht auf die Weide – aber unsere Mädchen haben gesagt, dass das nicht unsere Weide ist und dass wir da durch gehen sollen ohne zu essen! Echt jetzt? Boah das war schwer. Zum Glück hatten unsere Mädchen ein Einsehen mit uns und haben uns zwischendurch dann doch mal was naschen lassen.

Eine halbe Ewigkeit ging dieser Weg, der nahm gar kein Ende. Und es war so anstrengend, durch das Gras zu gehen ohne zu essen. Mein Mädchen war aber recht nachsichtig mit mir – wenn ich dann doch mal im Gehen ein maulvoll genommen habe, hat sie immer gesagt, sie versteht das und das ist ok, ich soll nur nicht stehenbleiben oder den Kopf runter nehmen.

Als wir dann endlich da durch waren, kamen wieder normale Wege. Und ich war schon ein bisschen müde. Und dann kamen schon wieder kleine Menschen mit Rädern! Und sausten wieder schreiend an uns vorbei! Zum Glück waren wir dann auch schon wieder an der Wackelkiste. Bevor wir einsteigen können muss ja aber immer noch so viel gemacht werden da habe ich mich hingestellt und gewartet. Plötzlich höre ich mein Mädchen rufen „Duncan dhuuuuuu!“ – hm? Was? Ich bin zu ihr gegangen und sie hat gelacht und gesagt, ich hätte wohl gar nichts mehr mitbekommen. Mitbekommen? Was? Wie? Hatte sie vorher schon was gesagt? Hä? Und während ich noch darüber nachgedacht habe hat sie schon wieder gelacht und gesagt es wäre Zeit einzusteigen. Ach so ja.

Dann sind wir nach hause gewackelt. Zu hause sind wir ausgestiegen. Und dann war ich plötzlich irgendwie in den Strick vertüddelt. Und dann ist es passiert. Alles war gaaaaaaaaaaaaaaaaaanz laaaaaaaaaaaaaaaaangsaaaaaaaaaaaaaaaaaam in meinem Kopf. Mein Mädchen hat gekichert und ich wusste nur dass der Strick irgendwie nicht so ist wie er soll. Und dann ist mir eingefallen dass ich mich dann andersrum drehen muss. Aber irgendwie habe ich es wieder vergessen. Und es war immer noch tüddelig. Aber nach einer Weile habe ich es dann hingekriegt, mich richtig zu drehen. Und mein Mädchen hat mich in den Stall gebracht und gesagt „na dich haben wir heute geschafft, was?“

Was? Was hat sie gesagt? Hm? Wie?

Ich bin dann erst mal zu Caruso gegangen und hab den ein bisschen geärgert. Das hab ich gebraucht. Und mein Mädchen meinte, das wäre das allererste Mal dass meine Denkmaschine ausgefallen ist. Wegen Datenüberlastung. Aber sie hat auch gesagt, ich hätte das gut gemacht. Weil ich trotzdem keinen Blödsinn gemacht habe sondern nur langsamer gedacht habe. Viel langsamer. Sie sagt, wenn meine Füße stillstehen während ich nachdenke, passt das. Ach so.

Euer verwirrter Sir Duncan Dhu of Nakel

Talente

Warnung: dieser Text kann Spuren von Ironie erhalten.

Duncan zieht am Strick. Zum dreimillionsten Mal. Er möchte schneller, zumindest denke ich das. Ich bin genervt, überlege, welche Taktik ich noch nicht ausprobiert habe. Eine dreiviertel Stunde lang geht das so, während wir durch den Wald marschieren. In lichten Momenten geht er artig neben mir und bekommt einen Keks. Dann vergisst er sich wieder und zieht nach vorn. Was immer ich probiert habe, das Verhalten bleibt mehr oder weniger gleich. Dann ist er plötzlich etwas entspannter und ich lasse ihn vorgehen. Ich weiß dass er das mag, und ich hoffe er ist jetzt entspannt genug sich da vorn zu benehmen. Und siehe da: er marschiert vor mir her in gleichmäßigem Tempo dem ich gut folgen kann und ohne Zug am Strick. Und plötzlich macht es „klick“ in meinem Gehirn.

Beim nächsten Spaziergang zieht er wieder los. Aber diesmal bin ich schlauer. Ich lasse ihn vorgehen. Ich gehe auf Höhe seiner Kruppe, manchmal noch weiter hinten. Gelegentlich schere ich direkt hinte ihm ein. Wohl dem, der 5 Meter Strick hat…. Er marschiert schnurgerade (nachdem wir geklärt haben dass das Gras am Wegesrand nur in Pausen verspeist werden darf). Er ist zufrieden, ich bin zufrieden. Wenn er es eilige hat, trabt er manchmal ganz leicht an, reagiert aber zu 90% auf Stimmkommando „Scheeeeeeeritt“ und pariert wieder durch. Dauerhaftes Geziehe am Strick fällt flach.

Ich denke ans Freedom Based Training im Paddock: ja, da mag er mich auch nicht gern neben seiner Schulter haben. Vorne darf ich gerne sein und hinten auch. Aber Schulterhöhe findet er blöd.

Na, dann gehe ich eben nicht neben ihm, sondern hinter ihm. Wenn es denn unserem gemeinsamen Frieden dient. Und er hat ja sowieso so einen schönen Po, da habe ich auch noch was zu gucken. Ich höre schon die Vertreter der „Dominanztheorie“: bestimmt ist das ein sicheres Zeichen dass mein Pony versucht, die Weltherrschaft zu erlangen. Ganz sicher ist es falsch, dass ich mich seinen Wünschen unterordne und da gehe, wo er das möchte. Garantiert wird er mich demnächst anfallen wie ein wildes Tier, weil ich ihn das bestimmen lasse. Oder er glaubt jetzt, er sei der Leithengst und ich seine Stute. Hm.

Ich denke derweil über Talente nach. Jeder von uns hat ja so seine Stärken und Schwächen, seine Vorlieben und Abneigungen. Als Finlay 1,5 Jahre alt war und noch auf der Hengstkoppel stand, haben wir immer viel mit ihm gekuschelt. Einmal hat Arnulf mich am Bein hochgestützt und ich habe meinen Oberkörper über Finlays Rücken gelegt. Auf der anderen Seite habe ich Finlay mit meiner Hand gekratzt. Eine Sekunde lang. Finlay fand es toll. Er stand frei, ohne Halfter, hätte also nicht mitmachen müssen. Mit Duncan würde das auf keinen Fall gehen. Duncan wird noch eine Menge Zeit brauchen bis er einen Menschen in einer „reitnahen“ Position gut findet. Gut, dass wir so viel Zeit haben. Nicht, dass wir keine Fortschritte machen würden. Immer öfter darf ich jetzt mal einfach so zu ihm hingehen und kurz um ihn herumgreifen und er bleibt freundlich.

Wenn ich ihm beim Spaziergang den Arm über den Rücken lege, ist er aber noch etwas unglücklich damit. Meistens wird er dann schneller. Neulich habe ich ihn dann so lange am Halfter ausgebremst, bis er es einigermaßen akzeptiert hat. Dann lange Pause, schließlich habe ich es nochmal probiert. Zu meiner Belustigung hatte er sich eine neue Taktik überlegt: als ich meinen Arm gerade auf seinen Rücken legen wollte, wurde er langsamer und tauchte mit dem Kopf unter meinem Arm heraus. Ich habe das akzeptiert und es nicht nochmal versucht. Ach ja – das hieß ja bestimmt wieder dass er dominant ist! Und jetzt hat er sich durchgesetzt. Und mein Leben wird schwer werden – wegen der Weltherrschaft, Ihr wisst schon.

Oder auch nicht. Das mag ja Ansichtssache sein. Vielleicht hatte er sich auch nur überlegt, ob ich ihn mit einer anderen Taktik schneller in Ruhe lasse. Und ich habe mich gefreut, dass die Taktik diesmal nicht Beschleunigung war. Denn Beschleunigung brauchen wir nicht üben, das kann er nun wirklich von alleine gut genug, hier hat er ein Talent dass Finlay so gar nicht hatte.

Auch beim „Umarmen“ im Paddock hat er verschiedene Taktiken probiert. Und da war ich froh, als er von Beißen auf Weggehen umgestiegen ist. Es war der erste Versuch, etwas anders zu machen. Und inzwischen wurde aus Weggehen nach und nach Stehenbleiben und freundlich gucken. Weil er gemerkt hat, dass man mich mit freundlich gucken viel schneller dazu bringt, das zu tun was er will.

Und ich denke an den Ausbilder, bei dem ich die meisten Kurse gemacht habe und der mich lange Jahre am meisten beeinflusst hat. Den ich sehr geschätzt habe – bis er eines Tages sein Flipchart aufstellte und 1., 2., 3., … drauf schrieb. Plötzlich gab es eine Reihenfolge an Übungen, die man zu absolvieren hatte. Plötzlich war es nicht mehr individuell sondern kam daher wie ein Backrezept. Pferdeausbildung am Fließband. Ich werde den Moment nicht vergessen, als eine Welle der Enttäuschung durch mich rollte und ich wusste: das war wohl der letzte Kurs bei ihm.

Das war vor ca 5 Jahren. Seitdem habe ich noch viele andere Dinge gelernt und entdeckt. Und je mehr ich lerne und entdecke, desto mehr finde ich es erstaunlich, wie viele „Ausbildungssysteme“ es gibt. Und immer kommen sie mir wie Rezepte daher. Ich verstehe schon: wenn man etwas verkaufen will, besonders bei Büchern oder festen Kursmodulen, dann ist es leichter, das so zu machen. Aber ich finde, es wird weder den Menschen noch den Pferden gerecht. Dem Menschen mag es noch als Hilfsmittel dienen, als Richtschnur an der man sich entlanghangeln kann. Wobei ich selbst das eher gefährlich finde. Ich finde, der Mensch soll lernen, hinzuschauen. Zu sehen, was jetzt nötig wäre. Zu fragen, wofür eigentlich diese oder jene Übung gut ist (um dann festzustellen, dass man das vielleicht gar nicht braucht bei diesem Pferd oder in dieser Situation).

Aber für die Pferde finde ich diese Rezepte ziemlich gruselig. Ich bilde jetzt mein zweites eigenes Jungpferd aus. Die gleiche Rasse, das gleiche Geschlecht. Da möchte man Ähnlichkeiten erwarten. Aber ich habe noch nicht sehr viele gefunden. Duncan ist so anders als Finlay und die Art und Weise in der ich Finlay ausgebildet habe (die schon bei Finlay nicht so funktioniert hat, weil es zu sehr nach Rezept war) würde Duncan wahrscheinlich ziemlich schnell ziemlich aggressiv machen. Da wäre Potential für ein gefährliches Pferd…. Auf jeden Fall würde ich eine Menge Druck brauchen um ihn dazu zu bringen es so zu machen.

Aber auch die übliche „Jährlingsbespaßung“ bestehend aus Aufenthalt auf der Hengstkoppel mit nur gelegentlichem Menschenkontakt wäre für Duncans Entwicklung sicher nicht förderlich. Ich kann ihn mir gut als den Typ Pferd vorstellen der von der Hengstkoppel kommt und dem Menschen mitteilt, dass er alles selbst entscheidet. Für eine gute Kommunikation mit dem Menschen wären sporadische gemeinsame Unternehmungen (meist dann schlecht vorbereitet mit viel Stress) nicht förderlich (noch weniger als sie es für andere Jungpferde sind, die sich vieles klaglos gefallen lassen). Und noch ungünstiger wäre es für sein Herdenverhalten, denn er wäre dann wohl derjenige, der den anderen tendenziell überlegen ist an Kraft, Schnelligkeit und Wendigkeit und sein Selbstbewusstsein würde vielleicht in Überheblichkeit umschlagen. Es ist für ihn noch wichtiger als für andere Jungspunde, ein vernünftiges Sozialverhalten zu lernen – meiner Herde sei Dank, die machen das.

Auch da war Finlay anders. Er war immer einfach dabei und hatte seinen Spaß, wem er in der Herde was zu sagen hat und wer ihm was zu sagen hat war ihm egal und blieb auch oft ungeklärt. Das ging so hin und her und hat keinen gestört. Dem Menschen gegenüber war Finlay sowieso immer freundlich gesonnen und hatte weiter keine großen Ansprüche, außer möglichst viel gekratzt und gekrault zu werden.

Nun habe ich es ja bei Finlay trotzdem mit einem System versucht und bin damit mehr oder weniger gescheitert, musste vieles nachher neu erarbeiten. Bei Duncan arbeite ich komplett ohne System. Ich schaue mir an, was passiert und denke meist nicht viel weiter als bis zum nächsten Schritt. Das erfordert natürlich mehr Erfahrung und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Und ich verstehe, dass es für meine Schüler manchmal schwierig ist, wenn ich Taktiken sehr schnell wechsle, weil ich sehe, dass etwas nicht funktioniert was ich ausprobiert habe. Aber ich finde, das Herausgeben von „Ausbildungsrezepten“ sollte mit mehr Vorsicht gehandhabt werden. Mit dem Hinweis, dass das alles individuell angepasst werden muss, dass ein Pferd vielleicht besser bei Aufgabe 5 anfängt und die ersten 4 später nachholt und für ein anderes jede Aufgabe modifiziert werden muss damit es klappt und noch ein anderes vielleicht für die erste Aufgabe schon ein halbes Jahr braucht, dafür aber dann alle anderen auf Anhieb beherrscht.

Immer noch zu oft höre ich, ein Pferd sei „dominant“ (in meinem Kopf übersetzt sich das jetzt immer schon automatisch mit „versucht, die Weltherrschaft zu erlangen“) und man müsse sich „durchsetzen“, weil wenn das Pferd das oder dies oder jenes tut oder nicht tut dann ist quasi die ganze Beziehung im Eimer. Vielleicht sind das die Leute die sich wegen einer offenen Zahnpastatube scheiden lassen – weil ihr Mann zu dominant ist. Ich weiß es nicht.

Wenn ich meinem Pferd den ganzen Tag erzähle, dass ich der Boss bin und dass es nichts zu melden hat, wird es wahrscheinlich ganz gut „funktionieren“. Wer das möchte – bittesehr. Ich möchte das nicht. Ich möchte den Ausdruck meines Pferdes erhalten und fördern und ich möchte, dass es Freude hat an dem was wir tun. Und wenn mein Mann die Zahnpastatube auflässt, dann werte ich das als nervige Marotte, die nicht bedeutet, dass er mich „dominieren“ will. Und ich erkenne an, dass ich auch eine ganze Reihe nerviger Marotten habe, sowohl mein Mann als auch Sir Duncan werden Euch das sofort bestätigen.

Meine nächste Aufgabe wird sein, Duncan da hin zu „trainieren“ dass er mich auch gerne neben sich gehen hat und dabei entspannt sein kann. Ich habe schon eine vage Vorstellung wie ich das vielleicht anstellen kann. In jedem Fall wird Freedom Based Training mir dabei helfen, aber auch das Wissen darüber, wie Pferde lernen, was wann wie miteinander verknüpft wird. Und das ist das Wissen das wir alle brauchen. Statt Rezepte zu befolgen müssen wir Lernstrukturen verstehen und erkennen, denn auch die sind teilweise sehr individuell.

Und während ich mit Duncan übe, dass er gelassen neben mir geht, freue ich mich gleichzeitig tierisch darüber, dass er für das, was er als erstes „arbeiten“ soll, anscheinend prädestiniert ist, denn ich möchte ihn ja sowieso fahren bevor ich ihn reite. Und da er gerne vorneweg geht und super auf Stimmkommandos reagiert, wird er ein traumhaftes Kutschpony. So passt doch alles prima zusammen. Und bis es so weit ist, habe ich noch 1,5 Jahre Zeit um alle anderen Führpositionen mit ihm zu üben. Und er kann derweil die Weltherrschaft an sich reißen, wenn er möchte. Wenn ich ehrlich bin: er hat ja schon mein Herz gestohlen, schlimmer kann es kaum werden.

Duncan geht gerne vorneweg. „Fresst meinen (Sternen) Staub ihr Langweiler!“
Ich gewöhne mich schon mal an diese Position. Schöne Aussicht!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 42

Ich bin jetzt Kutschpony!

Ritter, wenn Du das so sagst denken die Menschen, du hättest die Kutsche gezogen.

Wollte ich auch! Du hast mich ja nicht gelassen!

Nein dafür bist Du noch…

…zu klein. Wie immer. Menno.

Aber der Kompromiss den wir dann gefunden haben war ok oder?

Naja Du hattest mir versprochen dass wir ganz viel traben und das ist nicht passiert.

Nein wir müssen doch erst üben. Damit es kein Durcheinander gibt.

Aber vorne an der Kutsche war die Stute! Da wollte ich doch gerne mal gucken

Du wolltest nicht nur gucken, mein Freund.

Erstmal gucken. Dann anfassen.

Ich hab dir gesagt wie es läuft: Stuten und Hunde werden ignoriert.

Ach komm, die meiste Zeit hab ich das getan.

Stimmt, du warst sehr konzentriert auf Deine Aufgabe. Und hast es wirklich die meiste Zeit gut gemacht. Bis auf den Moment…

… wo ich dich gekniffen hab. Tschuldigung. Ich war doch so aufgeregt und Du hast gesagt ich darf meinen Spaziergehkumpel nicht beißen und sein Mädchen auch nicht. Da bist halt nur noch du übrig geblieben.

Na toll, danke. Nächstes Mal beiß doch einfach in den Strick.

Ich versuche es. War aber nicht doll oder?

Für Deine Verhältnisse nicht, aber für meine schon, ich hab jetzt einen blauen Fleck.

Oje. Schlimm?

Nein ich weiß ja dass du so aufgeregt warst. Ist auch nur ein ganz kleiner blauer Fleck Alles gut. Du warst halt schon ein bisschen drüber.

War ganz schön Denksport! Aber du weißt ja, mein Mädchen, ich mag Denksport. Und allen anderen Sport auch.

Weiß ich, mein Ritter.

Können wir nicht noch viel mehr Sport machen?

Immer langsam mit den jungen Pferden.

Blöder Spruch. Da bin ich so viel gewachsen und trotzdem noch zu klein.

Gewöhn dich dran, mein Ritter, du wirst noch lange für viele Dinge zu klein sein. Aber ich gebe mein Bestes, dich bei Laune zu halten, versprochen.

Versprochen?

Versprochen.

Ok, hab dich lieb

Ich dich auch mein Ritter.

(oh, sie hat es geschafft diesen Moment mal nicht zu versauen durch einen blöden Spruch? Das muss gefeiert werden!)

Wenn ich es richtig mache gibt es einen Keks. Ist aber voll kompliziert den zu nehmen weil ich nicht langsamer werden darf dabei.
Mein Mädchen darf sitzen und ich muss laufen. Aber ich lauf auch lieber…

Der Tod meines Hundes

Diesmal geht es fast gar nicht um Ponys. Aber ich möchte diesen Text für Euch schreiben. Er handelt von unserer alten Hündin Sali. Denn ich habe durch Finlays Tod etwas gelernt: wir reden zu wenig über den Tod.

Über Finlays Tod erzähle ich bewusst nichts. Er hatte einen so absurden Unfall und ich möchte niemandem Angst vor ganz alltäglichen Situationen machen. Salidas Tod hingegen war ganz anders, bis auf das letzte Ende wohl ziemlich natürlich. Und vielleicht hilft meine Geschichte dem einen oder anderen, darüber nachzudenken, eine Entscheidung zu treffen, sich vorzubereiten oder sich mit der Verantwortung auseinanderzusetzen, die die Tierhaltung mit sich bringt. Aber Vorsicht: dieser Text kann Dich sehr traurig machen. Ließ ihn bitte nur wenn Du bereit bist Dich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

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Freitag morgen. Sali stürzt auf ihrem Weg durch die Wohnung. Sie fällt, kommt nicht mehr hoch. Dann krampft ihre Rückenmuskulatur, vielleicht ist sie kurz „weg“, sie verliert Urin. Ich denke „jetzt stirbt sie“.

Über eine Woche schon hat sich ihr Zustand verschlechtert, sie stellt nach und nach das Fressen ein, mag sich immer weniger bewegen, liegt fast nur noch unter meinem Schreibtisch.

Nun liegt sie da und krampft und ich denke, das war‘s. Aber nach wenigen Sekunden ist sie wieder da. Arnulf trägt sie die Treppe runter und sie pinkelt unten ganz normal, läuft herum. Nur die Treppe wieder rauf möchte sie nicht mehr gehen, sie möchte getragen werden.

Ich fahre zu meinen Kunden, Arnulf ist im Homeoffice. Die Sedierungspaste, die schon seit Monaten bereitliegt, stellen wir schon mal auf die korrekte Menge ein, falls es plötzlich schnell gehen muss. Mein Handy ist ausnahmsweise laut gestellt und immer bei mir. Aber es passiert nichts. Als ich mittags nach hause komme geht es ihr sichtlich mies. Sie liegt mehr oder weniger apathisch auf der Matratze unter meinem Tisch. Ich schreibe mit der Tierärztin. Heute oder Montag, am Wochenende ist sie nicht da. Wenn es dann sein muss, müssten wir jemand anders bitten. Ich schwanke. Dann denke ich: heute.

Sali steht auf, möchte runter. Und plötzlich ist sie wieder da. Sie steht auf dem Hof, schaut nach der Katze, wedelt ein kleines bisschen mit dem Schwanz als wollte sie sagen „Katzen jagen war immer sooooo lustig!“. Dann geht sie zum Heuschober. Gefressen hat sie noch kaum etwas heute, aber als sie in den Heuschober geht, kommt mir die zündende Idee. Ich biete ihr Katzenfutter an und sie verspeist es mit Hingabe, würde sogar mehr nehmen als ich ihr geben mag – ich habe Angst dass der Magen keine große Menge mehr verträgt. Ich nehme Futter mit und biete ihr immer wieder kleine Happen an, die sie auch nimmt. Sie ist munter, ich denke: heute nicht. Und schreibe das der Tierärztin.

Über Nacht wird mir aber klar: spätestens Montag muss es dann so weit sein. Sonst ziehen wir das nur unnötig in die Länge – für sie und für uns. In der Nacht lassen wir die Schlafzimmertür auf damit wir sie hören können. Irgendwann höre ich sie rumoren, gehe mit ihr runter zum pinkeln. Mit Tragehilfe am Geschirr geht sie die Treppe runter wie es schon lange so geht. Rauf möchte sie getragen werden. Dabei mag sie eigentlich nicht gern getragen werden.

Samstag vormittag telefoniere ich mit einem Freund, er ist Tierarzt und bestätigt mich sehr in meinem Vorhaben, dem bald ein Ende zu setzen. Er plädiert für „lieber heute als morgen“. Ich habe Sorge dass wir doch noch zu einem fremden Tierarzt müssen, was ich absolut nicht will.

Den Samstag verleben wir in einer Art Schockzustand. Sali möchte immer mal raus zum pinkeln, läuft etwas über den Hof, steht dann aber verloren in der Gegend herum und scheint nicht zu wissen was sie tun soll.

Sonntag vormittag befürchte ich, zu lange gewartet zu haben. Das Fressen hat sie eingestellt. Den Wassernapf bringe ich ihr zu ihrem Platz unter meinem Schreibtisch, sie scheint nicht mehr den Weg ins Wohnzimmer gehen zu wollen. Trinken mag sie noch und zwar recht viel.

Ich rede mit Arnulf ob wir wirklich bis morgen warten. Er sagt, wir können warten. Es erspart uns so viel Stress, die vertraute Tierärztin mit der alles abgesprochen ist. Sali muss nicht mehr aus dem Auto steigen, keine Untersuchung über sich ergehen lassen, es wird schnell und leicht gehen.

Wir warten. Es ist still. Ich räume ein bisschen auf, um mich zu beschäftigen. Die Zeit tickt langsam dahin. Wir heben ihr Grab aus, obwohl sie noch lebt. Das kommt mir falsch vor und gleichzeitig richtig.

Dann, am Sonntag nachmittag, blüht sie plötzlich nochmal auf. Sie möchte runter – ich hatte mir gerade ein Honigbrot geschmiert und nehme meine Stulle mit. Plötzlich schaut sie mein Brot an, wedelt leicht mit dem Schwanz. Ich biete ihr ein Stück an, sie nimmt es. Dann noch ein Stück und noch ein Stück und noch ein Stück. Bald schmiere ich ein zweites Brot, das wir uns auch noch teilen. Sie nimmt mich mit auf einen letzten Spaziergang: runter vom Hof, einmal um die Ecke. Dort schenkt sie mir einen letzten braunen Stinkehaufen. An der Ecke, an der ich abends immer versucht habe, sie dazu zu animieren, das zu tun, als sie anfing, nachts Kot zu verlieren. Als würde sie sich erinnern, was und wie zu tun ist. Seit Tagen haben wir Kot aus der Wohnung gesammelt, aber dieser letzte Haufen geht da hin wo er hin soll. Sie sieht zufrieden aus mit sich.

Als sie wieder unterm Tisch liegt, gehen wir mit den Ponys auf den Reitplatz. Aber von dort aus sehen wir, dass sie ihren Fensterplatz aufgesucht hat und uns von dort zuschaut, wie sie es so oft getan hat in den letzten Monaten. Ihre Ohren stehen charakteristisch zur Seite, sie schaut aufmerksam zu uns runter. Plötzlich ist Friede in meinem Herzen. Alles ist gut.

Abends kommt meine Freundin um sich zu verabschieden. Sie hat Katzenleckerlies mitgebracht, die Sali mit Begeisterung und erhobenen Ohren verspeist.

Ich zweifle. Soll ich sie wirklich morgen töten lassen? Wäre das die Erlösung oder doch eher Mord? Ich fühle mich wie der Henker. Aber wir haben entschieden und ich möchte mich nicht abbringen lassen, kein Hin und Her. Es ist richtig so.

In der Nacht dann wieder ein Sturz, wieder verliert sie Urin. Ich bringe sie runter, sie ist desorientiert und unruhig. Wieder rauf, sie steht in der Wohnung, weiß nicht wohin mit sich. Ich kratze die letzten Leberwurstreste aus der Dose um ihr noch einmal Schmerzmittel zu geben. Etwas später verschwindet sie wieder unterm Tisch und döst weg. Ich weiß: es ist richtig. Es ist Zeit sie gehen zu lassen und es ist gut für sie, wir ersparen ihr die letzten Todesqualen. Es ist ein Geschenk, ihr beim Sterben zu helfen.

Morgens verweigert sie sogar ihren sonst so geliebten Käse. Käseverweigerung war immer das Zeichen, zum Tierarzt zu fahren. So lange sie noch Käse genommen hat, konnte ich Dinge noch beobachten, wenn nicht musste es losgehen.

Wir rufen bei der Tierärztin an. 13 Uhr sollen wir da sein. Wir warten.

Sali nimmt noch ein Tütchen Katzenleckerlies, trinkt ein Schlückchen. Einmal will sie runter, steht dort aber nur herum.

Es ist still. Ich möchte bei ihr sein, mich zu ihr setzen, aber sie mag das nicht. Mein letzter Liebesdienst an sie ist, sie jetzt in Ruhe zu lassen. Da sein, ja, aber nicht zu nah. So war das schon immer seit sie erwachsen ist. Sie war nie ein Kuschelhund.

Ich tue die einzigen Dinge die ich noch tun kann im Moment: Ponys füttern, Äppel sammeln. In meinem Kopf entsteht dieser Text. Schließlich nimmt sie doch noch wieder etwas Käse, aber Honigbrot wie gestern möchte sie nicht mehr und auch keinen Hähnchenhals.

Wir warten.

Viele Menschen wissen schon über Facebook dass es bald so weit ist. Sie wünschen mir Kraft. Ist es Kraft, die ich jetzt brauche? Mut? Entschlossenheit? Sicherheit? Friede? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich dumpf, losgelöst von der Wirklichkeit und doch in Planung. Ich mache Termine, plane den Rest meiner Woche. Der Anfang einer neuen Zeitrechnung. Während ich Termine mache überlege ich immer, ob sie dann zu hause sein kann oder mitkommt. Dann fällt mir wieder ein, dass sie dann schon unterm Holunderbusch liegt und nie wieder mitkommt. Vorstellen kann ich mir das nicht.

Die Zeit tröpfelt dahin. Mir ist schlecht, ich bin übermüdet. Ich wünschte es wäre schon vorbei und gleichzeitig will ich dass es nie passiert. Ich möchte so gern so viele Dinge noch ein letztes Mal mit ihr tun. Aber nach dem letzten Mal hätte ich gern ein allerletztes Mal. Und dann ein allerallerletztes Mal. Ich weiß, dass es keinen Sinn mehr hat. Und die meisten Dinge kann und will sie sowieso nicht mehr tun.

Wir warten.

Sali liegt unterm Tisch. Sie ist in so einer Art Dämmerzustand, scheint nicht in dem Sinne zu leiden aber natürlich geht es ihr trotzdem schlecht. Sie ist des Lebens einfach müde – sehr verständlich nach 16 Jahren. Sicherlich ist sie auch krank, was sie hat, werden wir nie erfahren, denn es ist letztlich egal. Vieles an ihrem Körper funktioniert schon lange nur noch halb.

Ich denke viel an Finlays Tod in diesen Tagen. Aber es ist anders als zuvor. Jetzt erlebe ich in Zeitlupe und unter komplett anderen Bedingungen den Tod erneut. Salis Leben war lang und erfüllt, der Tod kommt überhaupt nicht überraschend. Finlay war nur knapp erwachsen und wurde mir brutal entrissen. Bei Sali schwelge ich in Erinnerungen, denn diese Erinnerungen sind schon lange genau das: Erinnerungen. Aus der Zeit als sie klein war, als sie jung war, als sie (noch lange aber jetzt schon lange nicht mehr) fit war. Klar, sie war immer fit. Aber in den letzten Jahren immer nur mit dem Zusatz „für ihr Alter“. Sie hat mich ganz langsam entwöhnt. Ist immer mal nicht mehr mitgekommen in den Stall. Konnte schon lange nicht mehr mit zum Ausreiten. Wollte schon öfter zu hause bleiben als mit mir zur Arbeit zu fahren. Dass Arnulf dank Corona viel im Homeoffice war, hat sie sehr genossen.

Um 12 Uhr geben wir Sali die Sedierungspaste. Wir fahren ganz gemütlich über Land nach Eckernförde zu unserer weltbesten Tierärztin. Wir warten im Auto auf sie, sie kommt zu uns. Sali muss die Praxis nicht betreten. Ein klitzekleines bisschen Angst hat sie dann doch beim rasieren, desinfizieren und setzen der Braunüle, aber wirklich nur wenig. Schnell schläft sie ein, den Kopf in meine Hand gestützt. Dann ist sie tot.

Als wir zu hause aus dem Auto steigen, ist mein erster Impuls, nach oben zu gehen und Sali raus zu lassen. Mein Kopf will nicht wahrhaben, dass Sali tot im Auto liegt.

Dann kommt für mich der schwerste Part: das Beerdigen. Wir legen sie in ihr Grab, sie bekommt unsere Beigaben mit: etwas Käse, ein Hähnchenhals, Katzenfutter, der Stinkesocken den ich die letzten Tage für sie getragen habe und ein T-Shirt von Arnulf. Sie liegt auf ihrem Auto-Flo(h)kati. Sie sieht aus als würde sie schlafen. Für mich ist das schwer zu verstehen, dass sie sich nun nicht mehr daran stört, wenn wir Erde auf sie werfen. Daher warten wir noch. Wir bedecken das offene Grab mit einer Plane, gehen erstmal in die Wohnung, ich räume ihre Kissen weg, überlege, wer ihre Mäntel bekommt. Später werden wir die Beerdigung vollenden. Ich zünde eine Kerze für sie an und versuche immer wieder, mir klar zu werden, dass sie nicht mehr hier ist. Dass das da unten in dem Grab eine leere Hülle ist.

Und während sie dort unten kalt und steif wird, geschieht ein kleines Wunder: Ich kann mir ein Video ansehen das Facebook mir als Erinnerung zeigt vom letzten Jahr – ein Finlay-Kutsch-Video von kurz vor seinem Tod. Und ich muss nicht weinen, sondern kann mich ein bisschen darüber freuen. Heilung geht manchmal merkwürdige Wege.