Talente

Warnung: dieser Text kann Spuren von Ironie erhalten.

Duncan zieht am Strick. Zum dreimillionsten Mal. Er möchte schneller, zumindest denke ich das. Ich bin genervt, überlege, welche Taktik ich noch nicht ausprobiert habe. Eine dreiviertel Stunde lang geht das so, während wir durch den Wald marschieren. In lichten Momenten geht er artig neben mir und bekommt einen Keks. Dann vergisst er sich wieder und zieht nach vorn. Was immer ich probiert habe, das Verhalten bleibt mehr oder weniger gleich. Dann ist er plötzlich etwas entspannter und ich lasse ihn vorgehen. Ich weiß dass er das mag, und ich hoffe er ist jetzt entspannt genug sich da vorn zu benehmen. Und siehe da: er marschiert vor mir her in gleichmäßigem Tempo dem ich gut folgen kann und ohne Zug am Strick. Und plötzlich macht es „klick“ in meinem Gehirn.

Beim nächsten Spaziergang zieht er wieder los. Aber diesmal bin ich schlauer. Ich lasse ihn vorgehen. Ich gehe auf Höhe seiner Kruppe, manchmal noch weiter hinten. Gelegentlich schere ich direkt hinte ihm ein. Wohl dem, der 5 Meter Strick hat…. Er marschiert schnurgerade (nachdem wir geklärt haben dass das Gras am Wegesrand nur in Pausen verspeist werden darf). Er ist zufrieden, ich bin zufrieden. Wenn er es eilige hat, trabt er manchmal ganz leicht an, reagiert aber zu 90% auf Stimmkommando „Scheeeeeeeritt“ und pariert wieder durch. Dauerhaftes Geziehe am Strick fällt flach.

Ich denke ans Freedom Based Training im Paddock: ja, da mag er mich auch nicht gern neben seiner Schulter haben. Vorne darf ich gerne sein und hinten auch. Aber Schulterhöhe findet er blöd.

Na, dann gehe ich eben nicht neben ihm, sondern hinter ihm. Wenn es denn unserem gemeinsamen Frieden dient. Und er hat ja sowieso so einen schönen Po, da habe ich auch noch was zu gucken. Ich höre schon die Vertreter der „Dominanztheorie“: bestimmt ist das ein sicheres Zeichen dass mein Pony versucht, die Weltherrschaft zu erlangen. Ganz sicher ist es falsch, dass ich mich seinen Wünschen unterordne und da gehe, wo er das möchte. Garantiert wird er mich demnächst anfallen wie ein wildes Tier, weil ich ihn das bestimmen lasse. Oder er glaubt jetzt, er sei der Leithengst und ich seine Stute. Hm.

Ich denke derweil über Talente nach. Jeder von uns hat ja so seine Stärken und Schwächen, seine Vorlieben und Abneigungen. Als Finlay 1,5 Jahre alt war und noch auf der Hengstkoppel stand, haben wir immer viel mit ihm gekuschelt. Einmal hat Arnulf mich am Bein hochgestützt und ich habe meinen Oberkörper über Finlays Rücken gelegt. Auf der anderen Seite habe ich Finlay mit meiner Hand gekratzt. Eine Sekunde lang. Finlay fand es toll. Er stand frei, ohne Halfter, hätte also nicht mitmachen müssen. Mit Duncan würde das auf keinen Fall gehen. Duncan wird noch eine Menge Zeit brauchen bis er einen Menschen in einer „reitnahen“ Position gut findet. Gut, dass wir so viel Zeit haben. Nicht, dass wir keine Fortschritte machen würden. Immer öfter darf ich jetzt mal einfach so zu ihm hingehen und kurz um ihn herumgreifen und er bleibt freundlich.

Wenn ich ihm beim Spaziergang den Arm über den Rücken lege, ist er aber noch etwas unglücklich damit. Meistens wird er dann schneller. Neulich habe ich ihn dann so lange am Halfter ausgebremst, bis er es einigermaßen akzeptiert hat. Dann lange Pause, schließlich habe ich es nochmal probiert. Zu meiner Belustigung hatte er sich eine neue Taktik überlegt: als ich meinen Arm gerade auf seinen Rücken legen wollte, wurde er langsamer und tauchte mit dem Kopf unter meinem Arm heraus. Ich habe das akzeptiert und es nicht nochmal versucht. Ach ja – das hieß ja bestimmt wieder dass er dominant ist! Und jetzt hat er sich durchgesetzt. Und mein Leben wird schwer werden – wegen der Weltherrschaft, Ihr wisst schon.

Oder auch nicht. Das mag ja Ansichtssache sein. Vielleicht hatte er sich auch nur überlegt, ob ich ihn mit einer anderen Taktik schneller in Ruhe lasse. Und ich habe mich gefreut, dass die Taktik diesmal nicht Beschleunigung war. Denn Beschleunigung brauchen wir nicht üben, das kann er nun wirklich von alleine gut genug, hier hat er ein Talent dass Finlay so gar nicht hatte.

Auch beim „Umarmen“ im Paddock hat er verschiedene Taktiken probiert. Und da war ich froh, als er von Beißen auf Weggehen umgestiegen ist. Es war der erste Versuch, etwas anders zu machen. Und inzwischen wurde aus Weggehen nach und nach Stehenbleiben und freundlich gucken. Weil er gemerkt hat, dass man mich mit freundlich gucken viel schneller dazu bringt, das zu tun was er will.

Und ich denke an den Ausbilder, bei dem ich die meisten Kurse gemacht habe und der mich lange Jahre am meisten beeinflusst hat. Den ich sehr geschätzt habe – bis er eines Tages sein Flipchart aufstellte und 1., 2., 3., … drauf schrieb. Plötzlich gab es eine Reihenfolge an Übungen, die man zu absolvieren hatte. Plötzlich war es nicht mehr individuell sondern kam daher wie ein Backrezept. Pferdeausbildung am Fließband. Ich werde den Moment nicht vergessen, als eine Welle der Enttäuschung durch mich rollte und ich wusste: das war wohl der letzte Kurs bei ihm.

Das war vor ca 5 Jahren. Seitdem habe ich noch viele andere Dinge gelernt und entdeckt. Und je mehr ich lerne und entdecke, desto mehr finde ich es erstaunlich, wie viele „Ausbildungssysteme“ es gibt. Und immer kommen sie mir wie Rezepte daher. Ich verstehe schon: wenn man etwas verkaufen will, besonders bei Büchern oder festen Kursmodulen, dann ist es leichter, das so zu machen. Aber ich finde, es wird weder den Menschen noch den Pferden gerecht. Dem Menschen mag es noch als Hilfsmittel dienen, als Richtschnur an der man sich entlanghangeln kann. Wobei ich selbst das eher gefährlich finde. Ich finde, der Mensch soll lernen, hinzuschauen. Zu sehen, was jetzt nötig wäre. Zu fragen, wofür eigentlich diese oder jene Übung gut ist (um dann festzustellen, dass man das vielleicht gar nicht braucht bei diesem Pferd oder in dieser Situation).

Aber für die Pferde finde ich diese Rezepte ziemlich gruselig. Ich bilde jetzt mein zweites eigenes Jungpferd aus. Die gleiche Rasse, das gleiche Geschlecht. Da möchte man Ähnlichkeiten erwarten. Aber ich habe noch nicht sehr viele gefunden. Duncan ist so anders als Finlay und die Art und Weise in der ich Finlay ausgebildet habe (die schon bei Finlay nicht so funktioniert hat, weil es zu sehr nach Rezept war) würde Duncan wahrscheinlich ziemlich schnell ziemlich aggressiv machen. Da wäre Potential für ein gefährliches Pferd…. Auf jeden Fall würde ich eine Menge Druck brauchen um ihn dazu zu bringen es so zu machen.

Aber auch die übliche „Jährlingsbespaßung“ bestehend aus Aufenthalt auf der Hengstkoppel mit nur gelegentlichem Menschenkontakt wäre für Duncans Entwicklung sicher nicht förderlich. Ich kann ihn mir gut als den Typ Pferd vorstellen der von der Hengstkoppel kommt und dem Menschen mitteilt, dass er alles selbst entscheidet. Für eine gute Kommunikation mit dem Menschen wären sporadische gemeinsame Unternehmungen (meist dann schlecht vorbereitet mit viel Stress) nicht förderlich (noch weniger als sie es für andere Jungpferde sind, die sich vieles klaglos gefallen lassen). Und noch ungünstiger wäre es für sein Herdenverhalten, denn er wäre dann wohl derjenige, der den anderen tendenziell überlegen ist an Kraft, Schnelligkeit und Wendigkeit und sein Selbstbewusstsein würde vielleicht in Überheblichkeit umschlagen. Es ist für ihn noch wichtiger als für andere Jungspunde, ein vernünftiges Sozialverhalten zu lernen – meiner Herde sei Dank, die machen das.

Auch da war Finlay anders. Er war immer einfach dabei und hatte seinen Spaß, wem er in der Herde was zu sagen hat und wer ihm was zu sagen hat war ihm egal und blieb auch oft ungeklärt. Das ging so hin und her und hat keinen gestört. Dem Menschen gegenüber war Finlay sowieso immer freundlich gesonnen und hatte weiter keine großen Ansprüche, außer möglichst viel gekratzt und gekrault zu werden.

Nun habe ich es ja bei Finlay trotzdem mit einem System versucht und bin damit mehr oder weniger gescheitert, musste vieles nachher neu erarbeiten. Bei Duncan arbeite ich komplett ohne System. Ich schaue mir an, was passiert und denke meist nicht viel weiter als bis zum nächsten Schritt. Das erfordert natürlich mehr Erfahrung und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Und ich verstehe, dass es für meine Schüler manchmal schwierig ist, wenn ich Taktiken sehr schnell wechsle, weil ich sehe, dass etwas nicht funktioniert was ich ausprobiert habe. Aber ich finde, das Herausgeben von „Ausbildungsrezepten“ sollte mit mehr Vorsicht gehandhabt werden. Mit dem Hinweis, dass das alles individuell angepasst werden muss, dass ein Pferd vielleicht besser bei Aufgabe 5 anfängt und die ersten 4 später nachholt und für ein anderes jede Aufgabe modifiziert werden muss damit es klappt und noch ein anderes vielleicht für die erste Aufgabe schon ein halbes Jahr braucht, dafür aber dann alle anderen auf Anhieb beherrscht.

Immer noch zu oft höre ich, ein Pferd sei „dominant“ (in meinem Kopf übersetzt sich das jetzt immer schon automatisch mit „versucht, die Weltherrschaft zu erlangen“) und man müsse sich „durchsetzen“, weil wenn das Pferd das oder dies oder jenes tut oder nicht tut dann ist quasi die ganze Beziehung im Eimer. Vielleicht sind das die Leute die sich wegen einer offenen Zahnpastatube scheiden lassen – weil ihr Mann zu dominant ist. Ich weiß es nicht.

Wenn ich meinem Pferd den ganzen Tag erzähle, dass ich der Boss bin und dass es nichts zu melden hat, wird es wahrscheinlich ganz gut „funktionieren“. Wer das möchte – bittesehr. Ich möchte das nicht. Ich möchte den Ausdruck meines Pferdes erhalten und fördern und ich möchte, dass es Freude hat an dem was wir tun. Und wenn mein Mann die Zahnpastatube auflässt, dann werte ich das als nervige Marotte, die nicht bedeutet, dass er mich „dominieren“ will. Und ich erkenne an, dass ich auch eine ganze Reihe nerviger Marotten habe, sowohl mein Mann als auch Sir Duncan werden Euch das sofort bestätigen.

Meine nächste Aufgabe wird sein, Duncan da hin zu „trainieren“ dass er mich auch gerne neben sich gehen hat und dabei entspannt sein kann. Ich habe schon eine vage Vorstellung wie ich das vielleicht anstellen kann. In jedem Fall wird Freedom Based Training mir dabei helfen, aber auch das Wissen darüber, wie Pferde lernen, was wann wie miteinander verknüpft wird. Und das ist das Wissen das wir alle brauchen. Statt Rezepte zu befolgen müssen wir Lernstrukturen verstehen und erkennen, denn auch die sind teilweise sehr individuell.

Und während ich mit Duncan übe, dass er gelassen neben mir geht, freue ich mich gleichzeitig tierisch darüber, dass er für das, was er als erstes „arbeiten“ soll, anscheinend prädestiniert ist, denn ich möchte ihn ja sowieso fahren bevor ich ihn reite. Und da er gerne vorneweg geht und super auf Stimmkommandos reagiert, wird er ein traumhaftes Kutschpony. So passt doch alles prima zusammen. Und bis es so weit ist, habe ich noch 1,5 Jahre Zeit um alle anderen Führpositionen mit ihm zu üben. Und er kann derweil die Weltherrschaft an sich reißen, wenn er möchte. Wenn ich ehrlich bin: er hat ja schon mein Herz gestohlen, schlimmer kann es kaum werden.

Duncan geht gerne vorneweg. „Fresst meinen (Sternen) Staub ihr Langweiler!“
Ich gewöhne mich schon mal an diese Position. Schöne Aussicht!

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2 Kommentare

  1. Ich trau mich fast nicht zu sagen, was ich denke, tu es nun doch: Ich arbeitete beruflich auch mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Ich meine, dass diese Grundhaltung im Kontakt finden und halten und gemeinsam arbeiten und leben ähnlich oder vielleicht gleich ist? Der Respekt zum Anderen und vor sich selbst. Liebe Grüße.

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  2. Es gibt ganz viele Parallelen zwischen der Arbeit mit Menschen und der mit Pferden, deswegen eignen sich Pferde ja u.a. so gut als Coaching- Partner für Menschen.

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