Die Weisheit des Rückblicks

English version below

Ich starte meine Blog mal wieder mit einem kleine Comic von der wunderbaren Jean Abernethy
www.jeanabernethy.com deren Bilder immer so viel lustig verpackte Weisheit enthalten. Übrigens werdet Ihr demnächst noch mehr von Jean zu sehen bekommen – Überraschung in Sicht! Nur noch 2 Wochen Geduld….

Für die, die eine Übersetzung des Comics brauchen: „Wisdom of Hindsight“ ist nicht ganz so gut zu übersetzen. Wir würden sagen „hinterher weiß man es besser“. Das Pony Grace sagt „unterschätze niemals, was man hinterher alles besser weiß“ und Fergus fragt „können wir das, was wir hinterher besser wissen, ihm Vorhinein erfahren?“

Im Moment, da Finlays erster Todestag näher rückt (und mir ganz schön zu schaffen macht) vergleiche ich wieder mehr. Aber nicht Finlay mit Duncan sondern mich selbst mit mir selbst. Damals, als ich Finlay bekommen hatte, war ich so sicher, den richtigen Weg zu kennen. Jetzt schaue ich zurück und staune, wie schwer ich uns beiden das Leben gemacht habe. Und es bleibt nicht aus, dass ich mal traurig bin darüber, dass ich das, was ich heute weiß, damals noch nicht wusste. Auch wenn mir natürlich klar ist, dass das immer so sein wird. Auch bei Merlin denke ich oft: wenn ich vor 15 Jahren so hätte reiten können wie ich es heute kann – was hätte aus diesem Pferd werden können! Aber ich konnte es nicht. Ich kann es jetzt nur, weil Merlin mich so viel gelehrt hat. Merlin erntet die Früchte seiner eigenen Arbeit – er hat mich wirklich reiten gelehrt und profitiert jetzt von meinen verbesserten Fähigkeiten, die bedeuten, dass ich ihn auch im fortgeschrittenen Alter von 27 (oder mehr?) Jahren noch gut in Form halten kann und er fit ist wie ein Turnschuh. Finlay konnte leider nur in sehr geringem Maße von dem profitieren, was er mir beigebracht hat. Es ist Duncan, der jetzt von Finlays Arbeit profitiert. Der „kleine Bruder“, der es besser hat, weil der große mir gezeigt hat, was alles so nicht funktioniert.

Ich hätte sehr gern im Vorhinein gewusst, was ich jetzt im Nachhinein alles besser weiß. Aber – im Comic sieht man es an dem Gesichtsausdruck von Pony Grace im letzten Bild – das ist ein unerfüllbarer Wunsch.
Oder?
Eigentlich nicht. Eigentlich erhalten wir jeden Tag Wissen im Vorhinein, das jemand im Nachhinein erworben hat. Das nennt man Unterricht, Ausbildung oder Erziehung. Einer meiner Ausbilder im Pferdebereich sagte manchmal Sätze wie „wenn Du das und das machst, läufst Du Gefahr dass dein Pferd so und so reagiert – rate mal woher ich das weiß…“ und spielte damit darauf an dass er das ausprobiert hat und es schiefgegangen ist.
Ständig bekommen wir solche Dinge gesagt. Wie oft sage ich meinen Schülern Dinge, die ich selbst nur deswegen weiß, weil ich im Nachhinein klüger geworden bin.
Wenn ich Unterricht nehme, bezahle ich Geld dafür, die Fehler, die ein anderer gemacht hat, nicht machen zu müssen.
Problematisch wird es erst, wenn ich dann feststelle (wie ich es schon so oft getan habe), dass die gelehrte Methode nicht zu mir und meinem Pferd passt oder dass der Lehrende selbst mit veralteten Methoden arbeitet oder dass das Ergebnis, was ich glaubte, erreichen zu wollen, doch gar nicht so attraktiv für mich ist wie ich dachte. Das etwas, was dieser Ausbilder als Fehler betrachtet, für mich und mein Pferd genau das richtige ist.
Und schon bin ich wieder im Nachhinein schlauer.
Und wenn ich dann versuche, das, was ich gelernt habe, an meine Schüler weiterzugeben, stehe ich vor dem selben Problem: passt das, was ich weiß und kann und erfahren habe, zu meiner Schülerin und ihrem Pferd? Oder muss ich ganz woanders ansetzen? Viele meiner Schülerinnen schätzen eben das an mir: dass ich ihnen nicht etwas überstülpe was nun mal mein Konzept ist, sondern versuche, mit ihnen und ihrem Pferd gemeinsam einen guten Weg zu finden. Aber trotzdem sind wir im Nachhinein manchmal schlauer und stellen fest: das war nicht der Weg, der uns zum Ziel führt. Wir müssen umdrehen und neu anfangen.

Mit Duncan fange ich auch neu an und baue auf der Jungpferdeerfahrung mit Finlay auf sowie den Erfahrungen die ich in meinem Kundenkreis gesammelt habe. Und manchmal wenn ich überlege, ob das alles so richtig ist was ich da mache, mache ich mir klar, dass ich ganz bestimmt in 10 Jahren Dinge weiß, die ich anders machen würde. Und dass das nicht schlimm ist, weil es immer so sein wird – egal wie viel ich weiß und kann. Sollte es einmal nicht mehr so sein, kann ich mich wohl ebensogut beerdigen lassen, denn wenn der Tag kommt an dem ich nichts mehr lerne ist das sicher nicht der Tag an dem ich alles weiß, sondern der, an dem ich zu arrogant, verstockt und verbohrt bin und mir Fehler einzugestehen. (Möge dieser Tag niemals kommen)

Mit Finlay wollte ich unbedingt alles richtig machen. Mit Duncan lebe ich viel mehr in den Tag hinein und schaue was sich so ergibt. Ziele habe ich schon, das wisst Ihr ja: erst fahren, später Distanzritte. Und ja, auch meine Dressurambitionen bleiben natürlich da. Wie ich Duncan das erkläre, weiß ich noch nicht. Aber da haben wir ja noch Zeit. Erst mal beobachte ihn viel mehr als ich Finlay beobachtet habe. Ich schaue mir an was er mag und was nicht und überlege dann wie ich da hin komme, dass er das mag, was ich gern machen möchte. Und wie ich das, was er gerne möchte, selbst mögen lernen kann.
Finlay sollte das perfekte Leben haben. Er sollte das glücklichste, gesündeste Pony der Welt werden. Stattdessen hatten wir einiges an körperlichen Schwierigkeiten zu überwinden und dann, als die Grundausbildung abgeschlossen war, war er plötzlich tot.
Ich hoffe und glaube, dass er trotzdem ein schönes Leben hatte, aber es war nicht das, was ich mir vorgestellt habe.
Bei Duncan bin ich durch diese Erfahrung ganz anders davor. Ich akzeptiere sehr viel mehr, dass ich nicht alles im Griff habe, dass gesundheitliche Probleme auftauchen können von denen ich vorher gar nicht wusste, dass es sie gibt, dass mein Pony sich in eine Richtung entwickeln kann, die ich nicht erwartet habe und dass ich im Nachhinein feststelle, dass meine Konzepte nicht zu ihm gepasst haben. Das ist die „Wisdom of Hindsight“ die ich aus Finlays Leben mitnehme, das ist das, was ich jetzt – im Nachhinein – besser weiß.

Manchmal, wenn Duncan so im Paddock steht und neben den anderen Ponys so winzig und jung aussieht, kann ich mir gar nicht vorstellen, wie er einmal sein wird, wenn er ausgewachsen ist. Dann wieder sehe ich ein Foto oder erinnere mich wie er vor ein paar Monaten aussah und wundere mich, wie viel größer und erwachsener er schon ist. Ich bemerke, was er alles gelernt hat und was er nun alles schon kann und ich staune über seinen tollen Charakter, der sich jetzt – so meine ich zumindest – schon das eine oder andere Mal zeigt ohne von Babyverhalten und Pubertät überspielt zu werden.
Aber all die Vorstellungen, wie es einmal sein könnte, sind mit großen Fragezeichen versehen und im Wesentlichen bin ich einfach dankbar für jeden weiteren Tag den er hier bei mir ist, lebendig und munter, und das reicht eigentlich auch schon. Denn wie ich am eigenen Leib erfahren musste, ist das nicht selbstverständlich. Und auch das ist so eine „Wisdom of Hindsight“ die einem viele Leute sagen, die es erlebt haben. Sei heute dankbar, morgen kann es vorbei sein. Ich war immer dankbar, und ich bin besonders dankbar für eine letzte Finlay-Erinnerung an den Tag vor seinem Tod, an dem wir gemeinsam auf dem Reitplatz waren und er mir einen besonders wunderbaren Augenblick geschenkt hat. Ich bin dankbar dafür, dass ich gelernt habe, im schönsten Moment aufzuhören, denn so ist das meine letzte schöne Erinnerung an ihn. Ich wusste, dass es morgen vorbei sein kann und doch wusste ich es nicht. Denn Wissen im Kopf und Wissen im Gefühl ist oft so unterschiedlich, dass es wenig miteinander zu tun hat. Da hilft manchmal der beste Lehrer nichts, sondern nur das eigene Erleben, um im Nachhinein schlauer zu sein. Und der Lehrer darf sich dann verkneifen zu sagen „ich hab es Dir gesagt“, sondern er darf akzeptieren, dass man manche Erfahrungen selbst machen muss und dass es nicht immer möglich ist, das, was man hinterher besser weiß, im Vorhinein zu erfahren. Manchmal kommt die Weisheit eben erst im Rückblick.

English version

The wisdom of hindsight

Again I am starting this article with a little comic of the wonderful Jean Abernethy http://www.jeanabernethy.com whos pictures always contain so much funnily packed wisdom. By the way you will see more of Jeans work here soon – a surprise is on its way! Only two weeks of patience…

At the moment, with the first anniversary of Finlays death coming nearer (this giving me some trouble) I am comparing again. But I do not compare Finlay and Duncan, I compare myself with myself. When I first got Finlay 9 years ago I was sure I knew the right way. Now I am looking back and I am astonished how difficult I made things for the two of us. And of course there are times when I feel sad that I did not know then what I know now. Even if I am aware that this will always be the case. With Merlin too I sometimes think „if I had been able to ride the way I am riding now 15 yeas earlier – what would have been possible for this horse!“ But I was not able to. I am only able to ride that way now because Merlin taught me. He is reaping his reward now, having really taught me to ride so that now I am able to keep him fit and healthy at age 27 (or older?). Finlay on the other hand was not able to benefit from what he taught me. Duncan is now reaping the harvest of Finlays teachings. The „little brother“ benefiting from the older ones work.

I would have liked to get the wisdom of hindsight in advance. But – as we can see in Graces face in the comic – that is impossible.
But is it?
Not really. In fact we are getting the wisdom of hindsight in advance every day. It is called education or teaching. One of my horse-teachers sometimes said things like „if you do this, your horse will be likely to do that – guess how I know….“ meaning that he had tried it and found out the hard way that it didn‘t work.
Often we hear things like that. How often do I tell my students things I only know because I got the wisdom of hindsight.
If I am taking lessons I am paying for not having to make the same mistakes that my trainer made. The point where this becomes problematic is when I discover that what this person teaches does not fit me and my horse (which I discoverer pretty often) or that this teacher is working with out-of-date methods or that the goals I was trying to reach are not as attractive as I thought they would be. Sometimes the things that these teachers see as a mistake are actually helpful for me and my horse. And again I am finding wisdom in hindsight.
And then, when I try to convey to my students what I have learned, I have the same problem: does this fit for the student and her horse? Or do I have to start at some different point? Many of my students like this about my lessons: that I am not imposing some concept on them but trying to find individual solutions for everybody. But still we are sometimes wiser in hindsight. Sometimes we need to admit: this was not the way, we need to turn back and start again.

Well, I am starting from scratch again with Duncan, using my experience of Finlay and the young horses of my customers. And sometimes, when I start wondering whether this is the right way to do things, I remind myself that 10 years from today I will surely know more than today and do things differently. And that this is not a bad thing but that it will always be that way. Should it not be like this any more I could just as well jump into my grave because the day I stop learning will not be the day that I know everything but the day that I am to arrogant or to stubborn to admit I was wrong. (May that day never come)

With Finlay I was determined to do everything right. With Duncan I am living for the moment and see what happens. I do have goals, as you know: first driving, than endurance riding. And yes, my ambitions in dressage riding are still there as well. How I am going to explain that to Duncan I do not yet know. But we do have time. First of all I am observing him much more than I was observing Finlay. I find out what he likes and what he doesn‘t like and think about how I could get him to liking the things I would love to do. And how I could like the things he wants to do.
I planned the perfect life for Finlay. He was supposed to be the happiest, healthiest Pony in the world. Instead we had some health-issues to deal with and just when his basic education was completed, he was dead all of a sudden. I hope and trust that he had a good life never the less, but it was not the life I dreamed up for him.
Due to this experience I feel differently for Duncan. I accept, that I do not have everything under my control, that there could be health-problems I never even heard of, that my Pony might develop to something I did not expect and that I will maybe find out in hindsight that my concepts did not work for him. This is the „wisdom of hindsight“ I take away from Finlays live, this is what I know better now.

Sometimes when I see Duncan standing in the paddock between the other horses, looking so tiny and so young I am not able to imagine him grown up. Then I look at a picture of a few months ago and marvel at how much bigger and more grown-up he is already. I realize all the things he has learned and am amazed about his great character which – I think – shows up every now and then without puberty or childhood covering it.
But the ideas about how it could be in future all have big question marks and on the whole I am just grateful for every day he is here, alive and cheerful and that is quite enough. Because as I experienced first hand this is not a given. This too is a „wisdom of hindsight“ that many people who experienced it tell you. Be grateful today, it could be over tomorrow. I have always been grateful and I am especially grateful for my last memory of Finlay the day before he died, when we were in the riding arena and he gave me a particularly wonderful moment. I am grateful for having learned to stop at the best moment so that this is my last, wonderful memory of him. I knew it could be over tomorrow and yet I did not know. Because knowing something inside your head can be very different from knowing something in your heart. And the best teacher will fail in these cases for only the first-hand experience will teach us that. And the teacher may restrain from saying „I told you so“ but accept, that some things need to be experienced to make them truly understandable. So in these cases it is not possible to gain the wisdom of hindsight in advance. Sometimes the wisdom of hindsight comes – well – in hindsight.

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