Eine magische Liste

Nein, es ist nicht immer alles rosarot. Auch bei uns nicht.

Duncan ist ein sehr, sehr einfach auszubildendes Pony. Finde ich. Vielleicht liegt es auch nicht nur am Pony sondern mehr an mir und an den allgemeinen Umständen hier. Klar, ich habe es leicht, denn zu jeder neuen Herausforderung können wir einfach Diego mitnehmen und ich weiß: Diego zeigt seinem Ziehsohn wie das geht und der kleine macht eh alles nach was der große macht. Und Diego macht ja irgendwie einfach immer alles richtig (was für ein Pferd!). Einfacher wird Pferdeausbildung ja nicht. Und so ein Highlandpony hat zwar seine Eigenheiten, ist aber in der Regel ja von Natur aus kooperativ und freundlich. Dann kommt bei Duncan hinzu, dass er in schier atemberaubendem Tempo lernt – zumindest kommt es mir so vor. Vielleicht unterschätzen wir auch alle, wie schnell Pferde lernen können. Ich denke oft, dass es so ist, weil so viele Pferde einen Sack voll Probleme mit sich herum tragen, der sie daran hindert, schnell zu lernen. Viele „unverdorbene“ Jungpferde die ich kenne lernen unglaublich schnell. Also kurz und gut: ich habe es maximal leicht mit Duncan. Und doch spielt mein Kopf mir manchmal Streiche.

Jungpferdeausbildung ist eine interessante Sache. Am Anfang erwartet man wenig von den Kleinen. Sind ja noch Kinder! Dann – je nach Pony und Mensch früher oder später – stellt man aber doch ein paar Ansprüche. Man freut sich über all die tollen Dinge, die das Pony lernt. Da kommt eine neue Sache nach der anderen dazu, bis schließlich in den meisten Fällen das Ganze gekrönt wird vom Anreiten – erstes Mal aufsteigen, erstes Mal allein lenken, erster Trab, erster Galopp ….. und dann ist das Pferd angeritten. So wie der Spaziergehkumpel von Sir Duncan. Und dann – ich erinnere mich noch sehr gut, wie es bei Finlay war. Dann kommt eine Zeit, in der sich augenscheinlich viel weniger tut. Die Highlights werden seltener und gefühlt werden die Fortschritte kleiner. Was nicht stimmt, die Ausbildung hat sich nur verlagert. Denn am Anfang geht es meistens nur ums Verstehen. Aber dann geht es darum, den Körper zu trainieren. Und das ist eben doch nicht ganz so schnell gemacht. Davon dass mir jemand erklärt, wie ich einen Spagat mache, kann ich halt keinen. Da heißt es üben, üben, üben. Das gleiche gilt für den Marathonlauf oder auch „nur“ die eine oder andere Yogaübung.

Nun aber zurück zu Sir Duncan. Da mein kleiner, großer Ritter mental so unglaublich früh dran ist mit allem und sich eigentlich immer 2 Jahre älter „anfühlt“ als er ist, verschiebt sich für mich das alles ganz schön. In meiner Wahrnehmung kann er schon längst „alles“ was man am Boden so können kann (in seinem Alter). Und wenn er was nicht kann, zeige ich es ihm und dann kann er das. So läuft das jetzt seit 2 Jahren. Und ja, ich bin verwöhnt.

Und dann bin ich plötzlich perplex, dass es Dinge gibt, die er NICHT kann. Zum Beispiel seine eigenen Gefühle managen wenn es um fremde Pferde geht. Eigentlich kein Wunder in seinem Alter. Und auch kein Wunder, weil wir es ja noch so wenig geübt haben. Aber wenn es dann schief geht und Herr Ritter mal wieder vergisst, dass ich auch noch da bin, dann macht mein Kopf ein Riesen Drama daraus. Mein Kopf extrapoliert dann das blöde Verhalten von heute und sagt mir, dass es ist ein oder zwei Jahren so schlimm sein wird, dass Duncan zum feuerspeienden Drachen mutiert sobald die Silhouette eines fremden Pferdes am Horizont erscheint.

Es ist für mich hilfreich, das am eigenen Leib (bzw im eigenen Kopf) noch einmal so zu erleben. Denn wie oft sage ich meinen Schülern, wenn sie ein Problem haben: „das geht vorbei, das müssen wir halt üben, das kriegen wir hin“ und wie oft sehe ich ihren ungläubigen, angsterfüllten Blick. Nun weiß ich (wieder), wie es sich hinter diesem Blick anfühlt und warum. Finlays Pubertät ist halt doch schon ein paar Jahre her und die Erinnerungen daran sind verblasst. Aber hey, der hatte schon auch mal ein paar lustige Ideen in dem Alter!

Jetzt liegt es also an mir, mit mir selbst so umzugehen wie mit meinen Schülern. Meinem Kopf zu erklären dass die Sache mit den fremden Pferden das EINZIGE Problem ist, was wir überhaupt haben, Duncan und ich. Und dass das mit viel Üben sicherlich in den Griff zu kriegen ist. Dass es Menschen gibt, die uns dabei unterstützen können. Und ich habe noch einen Trick gefunden: wenn Duncan mal wieder Pubertät hat, dann gehe ich mal pauschal davon aus, dass die Pubertät, die jetzt statt findet, die schlimmste Zeit ist, die wir zusammen haben. Stelle mir vor: Schlimmer als jetzt wird es nicht mehr. Und – zack! – ist Ruhe in meinem Oberstübchen. Denn wenn das alles ist, dann habe ich die entspannteste und einfachste Jungpferdeausbildung aller Zeiten.

Und wenn mein Kopf sich dann immer noch nicht überzeugen lässt, dann hole ich meine magische Liste hervor. Dort habe ich alles aufgeschrieben, was wir schon erreicht und gemacht haben. Und wenn ich diese Liste anschaue, dann wird mir klar: ich hab echt keinen Grund mich zu beschweren. Und das mit den fremden Pferden, das schaffen wir auch noch, Sir Duncan und ich.

Diese Liste ist etwas, das ich jedem Pferdebesitzer ans Herz lege. Wenn eine Schülerin sich beschwert, dass der Rechtsgalopp noch so blöde ist, dann erinnere ich sie daran, wie wir angefangen haben, mit einem einzigen Galoppsprung und es ging nur mit Hilfe von unten. Wenn eine Schülerin jammert, dass ihr Pferd immer noch Angst vor Treckern hat, erinnere ich sie daran, dass es vor ein paar Wochen sogar eine Plastiktüte für tödlich hielt. Und auch wenn meine Schülerin sich selbst klein redet und meint, dass sie das alles nicht kann, erinnere ich sie daran, dass der erste Trab schon eine Herausforderung war und sie das jetzt ganz selbstverständlich kann.

Ich finde, jeder sollte eine magische Liste haben. Die hilft uns auf die Sprünge, wenn wir uns festgedacht haben im Labyrinth angeblich riesiger Probleme. Und sie erinnert uns vielleicht auch daran, dass Pferdeausbildung (und auch Menschenausbildung) sowieso nie fertig und abgeschlossen ist.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 159

Ich hatte gestern Geburtstag! Und wisst Ihr was? Jetzt bin ich der Sache mit dem erwachsen-werden einen großen Schritt näher, denn jetzt bin ich schon 3 Jahre alt! Mein Mädchen meint, 3 Jahre wäre ein komisches Alter. Nicht mehr richtig klein aber auch noch nicht richtig groß. Ach was, ich bin doch schon voll groß! Hab ich ihr dann auch prompt gezeigt. Erstens habe ich ihr meinen Po gezeigt, der ist nämlich gewachsen, jawoll! Voll breit ist der geworden.

Und dann habe ich mich auf unserem Geburtstagsausflug einfach mal wieder total erwachsen benommen. Wir haben wieder so getan als würden wir Kutsche fahren. Weil ich ja Geburtstag hatte, haben die Mädchen gesungen. Oje, das hätte wirklich nicht sein müssen…. aber sie haben nicht so lang gesungen zum Glück.

Ganz schön schräg was die Mädchen da singen! Lieber ohne Ton anschauen, das ist schöner….

Den Rest der Zeit sind wir so durch die Landschaft gebummelt und haben das schöne Wetter genossen. Und mein Spaziergehkumpel und ich haben sogar ganz mutig überlebt als eine ganze Rinderherde „Stampede“ gespielt hat und im Galopp angerannt kam! Wir haben uns tüchtig erschreckt, ehrlich gesagt, weil die so hinter der Hecke versteckt waren, dass wir sie kaum sehen konnten! Aber mein Spaziergehkumpel und ich, wir wissen, dass man nicht einfach loszischen darf, auch wenn man sich erschreckt! Sind also nur ein bisschen flotter geworden und haben dann brav angehalten (und dafür Kekse kassiert). Weil wir soooooooo große und erwachsene Ponys sind!

Weil ich ja nun schon so erwachsen bin, wollte ich dann gern auch den Stuten auf der einen Weide gern ein bisschen imponieren. Aber das fand mein Mädchen voll blöde. Hm. Dabei kann ich so einen imposanten Hals machen und ich krieg dann auch echt eine tiefe Stimme! Aber mein Mädchen kriegt dann auch so eine verdächtig tiefe Stimme und dann weiß ich dass ich gleich Ärger kriege wenn ich mich nicht zusammenreiße…..

Aber ansonsten war es der reinste Genuss! Und das beste kommt ja noch: wir sind zum ersten Mal gemeinsam getrabt! Das Mädchen vom Spaziergehkumpel hat sich tragen lassen und mein Mädchen ist (weil ja noch keine echte Kutsche im Spiel ist) hinter mir her getrabt. Wer mein Tagebuch aufmerksam liest, weiß ja: ich kann jetzt genauso langsam traben wie sie! Und das hat den Vorteil, dass sie ein paar Meter mehr schafft bevor sie nicht mehr kann. Außerdem fand sie es ganz und gar wunderschön wie mein Schweif so vor ihr hin und her pendelte – da war sie abgelenkt davon, dass es anstrengend ist, zu traben.

Wenn ich alles richtig toll und gut gemacht habe, gab es natürlich Kekse. Und zwar per „Luftbetankung“! Dann hat das Mädchen vom Spaziergehkumpel mir die Kekse gereicht während wir weiter gelaufen sind. Ach, ich mag die, die ist echt nett!

Bitte einmal Luftbetankung!

Also es war rundherum herrlich!

Zu hause gab es noch Geburtstagsküsschen vom Spaziergehkumpel und vom Mädchen vom Spaziergehkumpel. Einmal mit Zunge und einmal ohne….

Wir küssen uns halt gern! Mein Spaziergehkumpel am liebsten mit Zunge!
Geburtstagsküsschen vom Mädchen vom Spaziergehkumpel

Aber jetzt, liebe Menschen, wiederhole ich meinen Geburtstagswunsch vom letzten Jahr. Wie Ihr wisst, geht es leider nicht allen Pferden so gut wie mir! Aber es gibt nette Menschen, die den Pferden helfen, denen es schlecht geht. Und diese netten Menschen brauchen Spenden, damit sie helfen können. Mein Mädchen hat mir deswegen nix teures zum Geburtstag geschenkt, sondern das Geld lieber für die armen Pferde gespendet. Und ich würde mich freuen, wenn Ihr auch was spendet. Schaut mal hier equiwent.org und lasst ein paar Euros da! Danke!

Euer drei Jahre alter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 158

Liebe Menschen, bitte entschuldigt, dass ich so lange nichts geschrieben habe. Ich war sehr beschäftigt. Nämlich mit wachsen und Zähne wechseln. Ich bin ja ein tapferer Ritter, aber es gibt Dinge, die selbst ich anstrengend finde und erwachsen werden gehört definitiv dazu! Wann bin ich wohl endlich fertig damit?

Na jedenfalls hat mein Mädchen ziemlich lange nichts mit mir unternommen. Zwischendurch war sie auch noch weg – auf Fortbildung. Und wisst Ihr, was sie da gelernt hat? Das Rumstehen! Ich lach mich schlapp. Ihr Menschen seid wirklich zu lustig! Das lustigste ist: obwohl sie 4 Tage lang rumstehen gelernt hat, kann sie es immer noch nicht richtig….. Aber ich werde es ihr schon noch erklären.

Heute jedenfalls hat sie dann gesagt, es wird doch Zeit, dass wir wieder was unternehmen. Ok. Während sie mich geputzt hat war ich ganz ruhig und artig und mein Mädchen hat zum Mann gesagt, dass sie sich ein bisschen Sorgen um mich macht. Ob es mir wohl gut geht? Weil ich so ruhig und artig bin. Da hat der Mann herzhaft gelacht. Und ich hab gedacht: Sorgen machen sollst du dir ja nun nicht, mein Mädchen! Und dann ging es los, wir sind endlich mal wieder spazieren gegangen! Oooooooh das hat mir so gefehlt! Bin gleich vom Hof runter um die Ecke gezischt und da musste mein Mädchen schon grinsen. Dann hab ich mal bisschen aufgedreht, versucht, den Mann zu beißen oder Diego den Großen zu beißen oder Gras zu haschen. Hat so ungefähr 5 Minuten gedauert bis mein Mädchen überzeugt war, dass es mir gut geht. Und dann noch weitere 5 Minuten bis sie beschlossen hat, dass es mir wohl fast ZU gut geht und ich dringend mehr Beschäftigung brauche. Recht hat sie – dieses nebeneinander her latschen hat sich ehrlich gesagt etwas abgenutzt. Also haben wir traben geübt. Ich kann jetzt genauso langsam traben wie mein Mädchen! Ich bin zwar immer noch nicht sicher ob das wirklich erstrebenswert ist, aber es gibt Kekse dafür. Na gut. Und dann musste ich immer gut aufpassen, wann wir wieder Schritt gehen, wann wir plötzlich unvermittelt anhalten, wann ich rückwärts gehen soll und so. Das war lustig! Ich hab das natürlich schnell kapiert.

Wir sind heute nach langer Zeit mal wieder durchs Dorf gelaufen, das war interessant! Da gab es viel zu sehen. Und weil mein Mädchen sich einen Äppelhaufen von mir gewünscht hatte um zu sehen ob ich nicht schon wieder Verstopfung habe, habe ich ihr einen schönen Haufen auf dem Bürgersteig platziert. Da hat sie sich gefreut! (So halb. Man kann es ihr ja nie ganz recht machen).

So, lange Rede, kurzer Sinn: mein Mädchen hat geschnallt, dass sie es einen Hauch übertrieben hat mit dem Pause machen. Und sie hat auch endlich verstanden was ich ihr nun bald 2 Jahre lang erzähle: Abenteuer finden jenseits des heimischen Hofes statt. Und alles was wir hier zu Hause machen ist nun mal kein Ersatz für einen vernünftigen Ausflug. Ich will was sehen von der Welt!

So und jetzt kümmere ich mich wieder um den blöden Zahnwechsel. Verdammt nervig, das sage ich Euch!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Knigge

Vor vielen Jahren, kurz bevor ich meinen Mann Arnulf kennen gelernt habe, hatte ich mal einen „Verehrer“. Ein sehr netter Mann mit ausgezeichnetem Benehmen, mit Tür aufhalten und so. Ach, das war schon schön, ein bisschen behandelt zu werden wie eine Prinzessin. Manchmal war es aber auch nervig. Zum Beispiel wenn er mich jedes mal, wenn er mich anrief, als erstes fragte „stör ich dich?“. Es war ihm nicht abzugewöhnen. Ich habe ungefähr 100mal versucht ihm zu erklären, dass ich nicht ans Telefon gehe wenn ich keine Lust habe zu telefonieren und dass er deswegen nicht fragen muss. Aber er meinte eben, das sei höflich und müsse so sein.

Letztendlich habe ich dann Arnulf kennen gelernt und durfte erleben, wie Höflichkeit auch sein kann. Arnulf hat nämlich ziemlich schnell herausgefunden, was ICH als höflich empfinde und verhält sich auf eine Art und Weise, die mir das Zusammensein mit ihm angenehm macht. Von Arnulf habe ich gelernt, dass schon beim Jacke hin halten Dinge zu beachten sind, die die meisten Menschen nicht verstehen. Andererseits hat Arnulf auch verstanden wann ich nicht möchte, dass er mir Sachen abnimmt. Wann ich emanzipiert und groß sein möchte und das selber machen und können will.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Männern ist, dass der eine die Höflichkeit irgendwie nur auswendig gelernt hat, während der andere diese natürliche Höflichkeit an den Tag legt, weil ihm die Menschen um ihn herum wichtig sind und er sie wahrnimmt mit ihren Bedürfnissen. Der eine verhält sich jeder Frau gegenüber gleich, egal wie die Frau das empfindet. Der andere nimmt jeden Mensch individuell wahr und erkennt, was diesem anderen Menschen hilft und Freude macht. Aber jetzt höre ich mal auf von meinem Mann zu schwärmen und erkläre Euch, was das mit Pferden zu tun hat.

Zum dritten Mal in meinem Leben hatte ich jetzt das Vergnügen, 4 Tage beim Kurs bei Elsa Sinclair (taming wild) zu zu schauen. Und diesmal sind all die kleinen Teilchen an ihren Platz gefallen und ich kann das ganze Bild erkennen.

Und ein großer Teil dieses Bildes ist die Höflichkeit untereinander, mit der Mensch und Pferd sich begegnen. Der Mensch soll nicht zu lang an einem Platz stehen bleiben, das ist unhöflich. „Do not overstay your welcome“ sagt Elsa dazu (bleib nicht länger als du willkommen bist) und ich muss unwillkürlich an Gäste denken, die man im Haus hat und die nicht merken, wann es Zeit ist zu gehen. Wenn jemand immer zu lang bleibt, wird man ihn schließlich nicht mehr einladen. Und genauso unangenehm kann es für ein Pferd sein, wenn man als Mensch zu lang an einem Ort verharrt und wenn wir das zu oft tun, wird unser Pferd uns nicht mehr dort haben wollen.

Andererseits soll und kann auch das Pferd lernen, was der Mensch als höflich und freundlich empfindet und was nicht. Dazu müssen wir es nicht aktiv beeinflussen, wir sind nur einfach nicht in Harmonie mit dem, was uns nicht gefällt. Wir sind auf eine Art „nicht da“ oder „nicht ansprechbar“ und weil Pferde gerne in Harmonie sein möchten, wird das Pferd sich bemühen, sich auf eine Art zu benehmen in der wir dann eben in Kontakt gehen und Dinge gemeinsam tun. Ich musste spontan an meine kleine Reitschülerin denken, die ganz schnell raus hatte, dass ich ihr gern beim Nachgurten helfe, wenn sie „bitte“ sagt.

Auf dem Kurs mit Elsa habe ich erlebt, wie hoch der Standard ist, den sie von den Pferden erwartet. Sie erwartet ja eigentlich genau genommen gar nichts von den Pferden. Da kann man schon mal auf den ersten Blick denken, dass es ihr eigentlich recht egal ist. Aber dann erwartet sie eben doch ganz ganz viel, eigentlich viel mehr als alle anderen Trainer. Das ist ein bisschen schwer zu erklären aber ich versuche mal meine Glück:

Weil sie mit so wenig Druck arbeitet – keine Hilfsmittel, kein Futterlob, kein irgendwie dominantes Auftreten – kann sie das Pferd nicht dazu bringen, etwas zu tun, was es nicht möchte. Sie beobachtet lediglich, was das Pferd jetzt gerade von selbst tut und dann kommentiert sie das, indem sie in Harmonie geht oder eben nicht. Und es ist unglaublich zu sehen, wie schnell die Pferde bereit sind, ihr Verhalten so anzupassen, dass Elsa mit ihnen in Harmonie geht. Die Schüler, die am Anfang oft noch nicht so recht wissen, was sie da tun, haben in den ersten zwei Tagen oft wenig Ergebnis, aber dann, wenn der Groschen fällt, kann man sehen, wie unglaublich schnell die Fortschritte sind. Und das, womit Elsa dann tatsächlich in Harmonie geht und also das Pferd belohnt, ist das freundlichste und höflichste Verhalten das ich je bei Pferden gesehen habe. Wie schnell die Pferde lernen, was dieser einzelne individuelle Mensch als freundlich und höflich empfindet und was nicht ist beeindruckend.

Und so habe ich jetzt viele, viele neue Ideen wie ich meinem Ritter die Tugend der Höflichkeit noch viel besser und nachhaltiger vermitteln kann und auch wie hoch ich die Messlatte tatsächlich hängen kann. Gleichzeitig wird das nur gelingen, wenn ich selbst noch viel besser herausfinde, was mein Ritter als höflich empfindet und was nicht. Übrigens beinhaltet das, dass ich nicht dauernd frage „stör ich?“ sondern vorher schon weiß oder wahrnehme ob ich stören würde an dem Platz den ich mir ausgesucht habe. So dass ich Duncan nicht in die Lage bringe, mir sagen zu müssen „ja du störst, schleich dich mal“. (was mir leider schon passiert ist. Aber jetzt weiß ich es hoffentlich besser!). Wenn es gut läuft, verhalte ich mich so klug, dass Duncan immer nur sagt „ach, schön dass Du da bist!“. Und dann bereit ist, sich so freundlich und höflich zu verhalten, dass ich auch gern bei ihm bin.

Pause

Still ist es hier bei uns. Sir Duncan hat lange kein Tagebuch geschrieben. Das liegt nicht nur daran dass ich – als seine Tippse – einfach anderes im Kopf hatte, sondern auch daran, dass wir tatsächlich wenig gemacht und nichts erzählenswertes erlebt haben. Kolik und Klinikaufenthalt und die anschließende ausgiebige Nachsorge mit neu anweiden, Spezialfutter, Osteopathie und Massage waren Arbeit genug. Dazu das ewige „drauf rum gucken“. Geht es ihm gut? Ist er wirklich in Ordnung? Oft bin ich nachts in den Stall geschlichen um mich davon zu überzeugen.

Jetzt, in den letzten Tagen, ist die Sicherheit bei mir wieder eingekehrt: ja, es geht ihm gut. Er ist in Ordnung. Am Dienstag waren wir zum ersten Mal wieder mit seinem Spaziergehkumpel unterwegs. Eine nicht allzu große Tour, ich bin vom Boden gefahren. Duncan war wundervoll konzentriert und hat alles großartig gemeistert. Und dann war er kopfmüde. Und das ist er ja nun wirklich selten.

Wir machen jetzt also Pause. Das heißt nicht, dass wir nichts machen – das würde Duncan wohl auch nicht gut heißen. Aber wir machen etwas weniger und nichts neues. Wir lassen jetzt einfach mal all das, was wir schon können, ein bisschen sacken.

Manchmal habe ich den leisen Vorwurf gehört, ich würde mit meinem jungen Pferd schon so viel – zu viel – machen und so einen hohen Standard verlangen. Dass mein kleiner Junghengst bei der Hufpflege artiger steht als 90% meiner Kundenpferde, hört mancher eben nicht so gern. Das hat ja nichts damit zu tun dass ich wahnsinnig viel Druck auf ihn ausgeübt hätte. Wir haben nur eben die Dinge gleich korrekt gemacht anstatt uns raus zu reden mit „er ist ja noch so klein“. Dass er klein ist, heißt nur, dass die Einheiten KURZ sind, nicht, dass man ungenau vor sich hin pfuscht und Verhaltensweisen etabliert die in Wirklichkeit niemand will.

Wir beide, Sir Duncan und ich, haben tatsächlich sehr viel gemacht. Oft. Und viele verschiedene Dinge, mehr als ich es mit Finlay in diesem Alter gemacht habe und mehr als die meisten Menschen mit ihren Pferden in dem Alter tun. Ich hatte immer den Eindruck, dass das alles völlig richtig so ist, dass Duncan es so will und viel Spaß hat. Ich bin mir da auch immer noch sicher. Genauso sicher bin ich mir jetzt, dass er eine Pause braucht. Wir verschieben also Dinge wie Fremdpferde-Training, Aufsteig-Vorübungen, Seitengang-Anfänge etc die eigentlich anstanden. Wir bummeln jetzt mal. Ich glaube, er hat zum ersten Mal Wachstumsprobleme und vielleicht ist er auch im Kopf sehr mit sich selbst beschäftigt – wie das bei Teenagern eben mal so ist.

Dank unserer wunderbaren Basis habe ich keine Not, irgendetwas zu üben. Wir können unsere gemeinsame Zeit einfach anspruchslos genießen. Ich kann derweil schauen, ob ich die Fütterung vielleicht nochmal anpassen muss und was von dem was wir schon können ihm jetzt gut tut und was mal ruht (z.B. der Galopp). Und warten, wann er wieder da steht und dringend nach Abenteuer und Action verlangt. Der Tag wird kommen, da bin ich sicher. Bis dahin schieben wir eine ruhige Kugel, Sir Duncan und ich. In einem Alter, in dem für viele Pferde das Training beginnt (kurz vor dem dritten Geburtstag), ein Alter, in dem viele Menschen ihren Pferden unglaublich viel neue Information in unglaublich kurzer Zeit servieren, machen wir ein Päuschen. Und ich bin sehr zufrieden, dass ich so früh so viel gemacht und seine Lernwilligkeit und Abenteuerlust genutzt habe. So kann ich jetzt Zeit verstreichen lassen, die er für sich braucht. Mehr noch: ich kenne ihn gut genug um zu sehen, dass er diese Zeit braucht. Dass jetzt nicht die Zeit für neuen Input ist. Sondern die Zeit der leisen Reifung.

Wie lang diese Phase dauert – na da lassen wir uns mal überraschen. Wir ruhen uns jetzt auf unseren Lorbeeren aus. Ich finde nämlich, dass da überhaupt nichts dagegen spricht. Und ich freue mich, dass wir uns da schon so schön weich betten können.

Rechnung

Gestern lag die Rechnung für Duncans Kolik im Briefkasten und trieb mir die Tränen in die Augen. Nicht weil sie so hoch wäre – tatsächlich ist sie etwas niedriger als befürchtet – sondern weil ich an Finlays letzte Rechnung denken musste.

Ich weiß noch, dass ich einige Wochen nach Finlays Tod zu Arnulf gesagt habe „da ist noch keine Rechnung gekommen, ich muss da mal nachfragen“. Und er sagte nur, dass er die Rechnung bereits bezahlt und anschließend zerrissen hatte. Finlays letzte Rechnung war nicht so hoch wie Duncans jetzt. Aber ich hätte damals mit Freuden das 10fache gezahlt und dafür mein Pony lebendig mit nach hause genommen. Diese letzte Rechnung kennen die meisten Tierbesitzer. Die Rechnung, die man bezahlt, um seinem Tier Todesqualen so gut wie möglich zu ersparen. Es ist der letzte Liebesdienst, den wir ihnen erweisen können. Und ich fürchtete schon, ich müsste das wieder tun, wieder bei meinem jungen Pferd.

Aber mein Duncan ist wieder hier. Und es geht ihm gut – zumindest seiner Verdauung. Schlecht drauf war er trotzdem noch tagelang. Zum ersten Mal überhaupt hat er sich weg gedreht, als ich ihm das Halfter aufziehen wollte. Zum ersten Mal überhaupt ist er im Roundpen immer wieder zum Ausgang gelaufen. Nicht, dass er nichts mit mir zu tun haben wollte, aber er mochte keine Aufgaben haben. Sogar wippen mochte er nicht wirklich. Und das kenne ich nun so gar nicht von meinem aktiven Ritter, der sich sonst über jede Aufgabe freut. Nun ist natürlich klar, dass das alles kein Spaß war, weder psychisch noch körperlich. Natürlich ist er mir doch ein bisschen böse oder zumindest nicht ganz so überschwänglich erfreut mich zu sehen wie sonst. Wer weiß, was ich wieder für komische Sachen mit ihm vorhabe? Aber trotzdem – irgend etwas stimmte da nicht.

Am Sonntag bat ich Arnulf, ihn sich osteopathisch anzuschauen. Und tatsächlich war das Becken derart schief, dass sogar ich es zweifelsfrei sehen konnte (das will was heißen). Jetzt sind wir also wieder mit dehnen und massieren beschäftigt und Arnulf behandelt Duncan alle paar Tage. Das dauert, bis das schiefe Pony wieder gerade ist. Aber je weiter wir kommen, desto mehr steigt die Laune. Und bei mir ist der Druck raus, das Gefühl, nicht zu wissen, was jetzt das Problem ist und was ich tun muss. Ich kann jetzt den Körper behandeln und das tut der Seele auch gut. Vorgestern ist Duncan zum ersten Mal wieder ausgelassen los gesprungen, als es auf die Weide ging. Langsam glaube ich daran, dass es wieder besser werden wird.

Ich erinnere mich an Finlay – an jene 2 Wochen des Schreckens als sein eines Hinterbein schneller gewachsen war als das andere. Der arme Kerl lief quasi seitwärts! Wachsen ist anstrengend, das weiß ich seit meiner Kindheit mit den ollen Knieschmerzen. Bisher ist der Ritter immer schön ruhig vor sich hin gewachsen. Ob das schiefe Becken jetzt ein Wachstumsproblem, ein Kolikproblem oder ein Unfallproblem ist (weil er sich ja auch beim Spielen regelmäßig übernimmt und hinfällt) weiß ich nicht. Ob das schiefe Becken von der Kolik oder die Kolik vom schiefen Becken kam, werde ich nie erfahren.

Ich vermute, dass das jetzt der erste echte Wachstumsschub in die Breite ist. Da kann schon mal was durcheinander geraten. Und die Erinnerung an Finlay hält mich aufrecht: das wird schon wieder. Meine Aufgabe ist jetzt die der liebevollen Begleitung. Und ich muss auf jenem schmalen Grat balancieren: was kann ich trotzdem verlangen, was kann er auf jeden Fall ordentlich machen und was verlange ich nicht? Was frage ich mal an und wenn er es verweigert, nehme ich das so hin und gehe davon aus, dass er es im Moment nicht kann?

Man kann in so ein Pony nun mal nicht rein gucken. Neulich sagte mir jemand „gut drauf gucken reicht ja schon“. Aber ich finde das nicht. Ich habe mir die Augen aus gestarrt als er Kolik hatte. Habe nach dem Schmerzgesicht gesucht und es nicht entdeckt, obwohl er sonst so eine ausgeprägte Mimik hat. Und dann immer nur dieses vage Gefühl: es stimmt was nicht. Mit diesen Angaben kann kein Tierarzt etwas anfangen – verständlicher Weise.

Neulich sprach ich mit einer Hengst-erfahrenen Pferdefrau, die mir den entscheidenden Hinweis gab. Ich meinte, dass alle mir sagen, ich muss das mit den fremden Pferden halt üben, aber dass ich noch nicht so recht weiß, wie (im Sinne von: wie reagiere ich, wenn mein Pony dann wieder auf zwei Beinen neben mir steht?) Und sie sagte: „Du übst jetzt erst mal, ihn mehr wahrzunehmen. Vorher zu sehen, was gleich passiert.“

Oh. Wie recht sie doch hat. Ich übe meine Wahrnehmung. Und damit ist ja auch oft schon mindestens das halbe Problem gelöst. Das gilt für gesundheitliche Probleme ganz genau so wie für Verhaltensweisen.

Und hier stelle ich wieder fest: ich kenne mein Pony noch nicht gut genug. Ist das nicht absurd? Fast 2 Jahre ist er nun bei mir. Aber ich kenne ihn nicht gut genug. Nicht nur, weil 2 Jahre zu kurz sind, um ein Pony richtig kennen zu lernen, sondern auch, weil ein junges Pferd sich so stark verändert. Das Pony, das jetzt hier steht, ist nun mal gereifter, erwachsener und lebenserfahrener als das, das vor knapp 2 Jahren bei mir eingezogen ist. Aus dem Jährling ist ein Teenager geworden, der nun langsam zum Hengst wird.

Über seine Krankheitsanzeichen habe ich in den letzten Wochen auf jeden Fall einiges gelernt, genau wie über sein Fressverhalten. Sobald er wieder fit ist, geht es dann auf die nächste Lernstufe: Hengstverhalten. Und wieder habe ich mehr zu lernen als mein Pony.

Ich freue mich, dass ich das alles lernen kann, auch wenn es mir manchmal Angst macht. Ich kann all diese Dinge mit ihm entdecken, denn mein Pony ist noch da. Ich bezahle die beiden fetten Rechnungen – eine vom Tierarzt und eine von meinem Pony ausgestellt – mit einem kleinen Lächeln und freue mich, denn mein Pony ist hier und es sieht wirklich so aus, als sei er im Grunde ganz gesund. Und ich weiß: wenn ich meine Rechnung bei ihm beglichen habe, sind wir wieder ein Stück näher zusammen gerückt.

Guthaben

Viele Pferdetrainer verwenden den Begriff des „Beziehungskontos“. Ein einfaches Bild, um zu erklären, warum unsere Pferde manchmal viel für uns machen und aushalten und manchmal nicht. Die Idee ist, dass wir ein Beziehungskonto haben, auf das wir einzahlen, wann immer das Pferd sich mit uns wohl fühlt und wir ihm gut tun. So bildet sich nach und nach ein Guthaben. Wenn wir etwas tun, was dem Pferd nicht gefällt, verbrauchen wir etwa Guthaben, wir heben etwas von unserem Konto ab.

Manchmal lässt sich das nicht vermeiden und ich habe wahrscheinlich in der Nacht von Sonntag auf Montag mein gesamtes Guthaben aufgebraucht. Wenn ich Pech habe bin ich jetzt in den roten Zahlen – da bin ich mir sogar ziemlich sicher. Andererseits habe ich gesehen, wie hoch mein Kontostand vorher war……

Es ist Sonntag. Duncan schläft lang und sieht danach sehr zerzaust aus. Die komplette Mähne liegt auf der falschen Seite – ein Zustand den er normalerweise unhaltbar findet und sofort durch energisches Schütteln behebt. Aber diesmal nicht. Ich finde es lustig und mache Fotos, denke über einen Tagebucheintrag nach. Aber ich wundere mich auch. Naja, nach einer Nacht auf der Weide und bei dem warmen Wetter ist das ja auch irgendwie normal dass die Ponys schlapp sind.

Später legt Duncan sich wieder hin. Aber nur kurz. Noch etwas später liegt er schon wieder. Ich frage mich ob er einen Infekt hat und messe Fieber, aber da ist nix los. Er hat Appetit und wirkt gut gelaunt. Na dann.

Um 17 Uhr legt er sich wieder hin. Steht wieder auf, legt sich wieder hin. Wälzt sich. Mein ungutes Bauchgefühl, das sich über den Tag immer mehr aufgebaut hat, wird bestätigt: er hat Kolik.

Wir geben ihm Colosan und fangen an mit ihm zu laufen. Er wirkt nicht sonderlich schmerzhaft, ich vermute eine Verstopfung. Er zahnt so doll im Moment, wahrscheinlich hat er das harte Gras nicht gut genug gekaut und bewegt haben sich die Ponys die letzten Tage so gut wie gar nicht, wegen des Wetters. Sie haben sich im Stall verkrochen auf der Flucht vor den Insekten.

Nach einer Stunde – für mich immer das Maß der Dinge bei milden Koliken – halftern wir ihn ab. Er legt sich prompt wieder hin. Also rufe ich den Tierarzt. Koliken sind gefährlich und schwer einzuschätzen – Panik steigt in mir auf. Während wir auf die Tierärztin warten, äppelt Duncan. Pferdeäppel sind ja sowas nerviges. Überall liegen sie herum, machen wahnsinnig viel Arbeit und Dreck. Aber wenn sie nicht kommen wollen, ist plötzlich Holland in Not. Und wenn sie dann doch kommen, kann man sich wie ein Irrer darüber freuen.

Die Tierärztin kennen wir nicht – Notdienst. Aber sie ist wunderbar sympathisch und ruhig, fragt genau nach, hört genau zu. Sie hört Duncan ab, dann möchte sie rektal untersuchen. Auf der langen Liste an Dingen, die Duncan noch nie erlebt hat, stehen (zum Glück) auch unangenehme Tierarztbesuche. Das schlimmste was bisher passiert ist, waren ein paar Impfungen, die er mit Fassung getragen hat. Wird er die Tierärztin ran lassen? Ich frage ob ich mit etwas Futter belohnen darf und sie stimmt zu. Duncan lässt sich die Untersuchung gut gefallen und ich bin schon mal sehr stolz. Das Ergebnis ist eindeutig: Verstopfung. Keine Darmverdrehung oder Verlagerung. Das sind erst mal gute Nachrichten. Duncan bekommt Schmerzmittel und entkrampfendes Buscopan gespritzt. Beim spritzen wird klar, dass das Wort „warte“ ihn wirklich gut dazu bringt, still zu halten. Ich darf noch einmal mit Futter belohnen. Die schlechte Nachricht folgt auf dem Fuße: der Kot ist schon angeschoppt, Duncan muss Paraffinöl über eine Nasenschlundsonde bekommen. Das ist natürlich noch deutlich schlimmer als rektale Untersuchung und ich kann es nicht mit Futter belohnen…. Die Tierärztin sagt, wir versuchen es ohne Sedierung. Sie erklärt uns genau was zu tun ist. Wir stellen Duncan in die Ecke, Arnulf und ich halten ihn rechts und links am Halfter. Die Tierärztin rückt mit dem Schlauch an. Duncan ist natürlich nicht begeistert, aber ich sage „warte“ und er reißt sich sehr zusammen, hält so gut still wie er kann so dass die Sonde gut eingeführt werden kann. Danach ist er ruhig und lässt sich das Öl eingeben. Er steht stockstill, den Hintern schräg in die Stallecke gepresst und rührt sich nicht vom Fleck. Ich rede mit ihm, kraule ihn am Widerrist und frage mich – wie immer in solchen Mometen, ob das meinem Pony eigentlich wirklich hilft.

Schließlich ist es geschafft und die Sonde muss wieder gezogen werden, ein kurzer unangenehmer Moment, wieder hält Duncan so gut still, wie er kann. Die Tierärztin ist begeistert und ich bin unglaublich stolz auf meinen tapferen Ritter. Sie fährt vom Hof mit einem Haufen Informationen, was wir tun sollen und ich verabschiede sie mit meinem „Tierarzt-Gruß“: „Ich hoffe wir sehen uns nicht wieder.“ Tierärzte verstehen das. Ich bin erst mal unglaublich erleichtert und unfassbar stolz. Dann beginnt die lange Nacht.

Der beste Freund ist jetzt mein Timer im Smartphone. Alle 2-3 Stunden soll Duncan „Heucobs-Suppe“ bekommen, ganz wenige Cobs, ganz viel Wasser. Außerdem muss er bewegt werden. Ich versuche, das Maß der Dinge zu treffen. Bewegen kann ich ihn jetzt nur in unserer kleinen Halle, immer im Kreis. Schritt, Trab, Schritt. Auch hier kommt der Timer zum Einsatz, damit ich nicht zu kurze Trab-Reprisen mache. Dazwischen Belohnungs-Pausen in denen ich ihn kraule, Futter darf er ja nicht haben. Er wird zunehmend missmutig und genervt, macht aber mit. Die Schmerzen kommen nicht wieder, alles scheint überstanden.

Am nächsten Tag füttern wir weiter vorsichtig Heucobs. Mittags legt Duncan sich schlafen. So ganz ruhig wie ich ihn gern hätte liegt er dabei nicht. Wir gehen mit ihm spazieren. Dann hole ich nochmal eine Tierärztin zur Kontrolle. Sie sagt, es ist alles gut. Ob das wirklich stimmt? Wir besprechen, dass er zwei Stunden auf die Weide darf – ein fataler Fehler…..

Abends nimmt das Unheil seinen Lauf. Duncan mag nur noch liegen. Wir fahren in die Klinik. Im Dunkeln kommen wir dort an. Ich muss mein Pferd abgeben – Corona-Verordnung. Ich sehe, wie die Tierärztin meinen geliebten Ritter durch die Tür führt, durch die mein Finlay als letztes gegangen ist. In dem Raum, der dahinter liegt, ist mein Finlay gestorben. Dort musste ich ihn liegen lassen und mit leerem Anhänger nach hause fahren.

Aber manchmal hat man eben auch Glück.Seit gestern ist Duncan wieder zu hause – putzmunter und gesund. Er hatte sich nur an dem Gras überfressen. Normalerweise ist er ein besonnener Fresser und kaut sein Futter gut. Aber nach der Kolik war er wohl so ausgehungert, dass er sich ganz anders verhalten hat. Ich habe wieder etwas gelernt. Ich lerne aber auch, wieder noch mehr auf mein Bauchgefühl zu hören: wenn ich denke, der hat was, dann hat der was. Völlig egal, ob das diagnostizierbar ist oder nicht. Und wenn ich denke er hat Bauchweh, dann wird er kontrolliert gefüttert, auch wenn ein Tierarzt mir das ok für mehr gibt.

Jetzt werden wir sehen, welche seelischen Spuren das alles hinterlässt. Bisher wirkt Duncan genauso wie immer. Auf meine bange Nachfrage in der Klinik, wie er sich benommen hat, bekam ich von allen Beteiligten zu hören, für einen 3jährigen Hengst wäre das total super. Das beruhigt mich, denn man kann so viel üben wie man will – wenn man das Pony aus der Hand geben muss, kann man eben keinen Einfluss mehr nehmen.

Jetzt werde ich ihn natürlich noch eine Weile mit Argusaugen beobachten. Aber gestern Abend, als ich ihn zu hause gesehen habe, war mein Bauch wieder ruhig und ich konnte fühlen, dass Duncan ok ist. Möge es wahr sein…. Wenn dann wieder alles seinen Gang geht, werde ich den „Kontostand“ checken, dann wird sich ja herausstellen, wie es um unsere Beziehung bestellt ist und was ich tun kann um mein Guthaben wieder aufzubauen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 157

Liebe Menschen,

ich habe ganz schön viel erlebt seit Sonntag. Leider nicht so viel angenehmes! Ich musste sogar ins Pferde-Krankehaus, wegen Bauchweh. Schön geht anders, wirklich. Aber natürlich bin ich ein tapferer Ritter und schaffe auch so was. Und jetzt bin ich wieder zu hause! Diego hat mich abgeholt. Und ich bin hoch erhobenen Hauptes da raus marschiert. Nur nicht unterkriegen lassen!

Mein Mädchen ist übrigens nicht ganz so tapfer wie ich, sie ist ziemlich fertig mit den Nerven. Aber auch sehr stolz auf mich, weil die Tierärzte gesagt haben, dass ich sehr sehr artig und sehr nett bin! Klar doch, bin ja ein Gentleman. Ritter und nicht Räuber. Trotzdem bin ich echt froh, wieder zu hause zu sein. Vor allem weil ich da nicht im Käfig wohnen muss!

Hallo? Ich will hier raus!
Oh da ist ja Diego der Große!

Euer tapferer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 156

Seht Ihr das? Seht Ihr das? Wisst Ihr was das heißt? Nein? Dann erkläre ich es Euch mal.

Sie redet immer lustig wenn ich es gut mache. Man gewöhnt sich dran…. Hauptsache die Keksrate stimmt!

So ein Metalldings im Maul das braucht man zum Kutsche fahren. Das hab ich genau beobachtet. Mein Spaziergehkumpel hat das immer drin wenn es auf Kutschfahrt geht. Er sagt, das ist ganz angenehm. Man kann da drauf rum lutschen und damit spielen wenn man möchte und die Menschen geben einem Signale damit. Und die Signale sind ganz leise und ganz eindeutig. Bisher hab ich ja immer einen Riemen auf der Nase für die Signale. Aber der Riemen rutscht hin und her und ist manchmal ganz undeutlich. Und er muss so eng sein, dass er nicht so doll rutscht und also kann ich mein Maul nicht so weit aufmachen wie ich möchte, wenn ich mal gähnen muss. Das nervt. Jetzt üben wir also mit dem Metallding. Seht Ihr? Mein Mädchen hält es mir hin und ich schnappe es mir. Aber das ist gar nicht mal so leicht wie es klingt, denn ich muss die Mitte treffen. Und da direkt vor meiner Nase, da seh ich ja nix. Also muss ich mich ran tasten. Wenn ich es richtig mache sagt sie „Keks“ und ich kriege was feines. Wenn ich zu doll an ihrer Hand rum lutsche nimmt sie das Ding weg und ich muss erst zur Besinnung kommen bevor es weiter geht. Manchmal bin ich halt so aufgeregt wegen der Kekse, dann vergesse ich mich! Geht Euch das auch manchmal so? (Wenn nicht, sind Eure Kekse echt nicht lecker genug! Bei guten Keksen muss man einfach völlig ausflippen!)

Mein Mädchen sagt, nächste Woche kommt der Tierarzt und macht mir meinen Wolfszahn raus. Ein Wolfszahn? Ich bin doch ein Pony!? Jedenfalls können wir dann wenn der Wolfszahn raus ist, wirklich richtig anfangen mit dem Metallding zu üben. Und das kann ja nur eins bedeuten: ich bin schon ganz bald ein echtes Kutschpony!!! Juhuuuuuuuu!

Euer Kutschpony Sir Duncan Dhu of Nakel

Die Methode der Wahl

Neulich war es wieder so weit. Passiert ja selten, aber da war diese neue Reitschülerin und ich frage sie was ich für sie tun kann und sie fragt zurück was ich denn so unterrichte. Ähhhh…. also…. und dann stammel ich mir was zurecht und weiß nicht was ich sagen soll. Nach der Reitstunde wusste ich, was ich ihr beigebracht habe: wir haben ein gigantisches Missverständnis zwischen ihr und ihrem Pferd entdeckt und aufgelöst. Und das war tatsächlich völlig Methoden-unabhängig. Ach nein, vielleicht auch doch nicht, denn auch da hätte es natürlich wieder viele Wege nach „Rom“ gegeben. Aber immerhin möchte ich behaupten dass in diesem Fall wohl alle Reiter nach Rom gewollt hätten. Denn allzu oft ist man sich ja noch nicht mal einig ob das Ziel, das der andere verfolgt, wohl überhaupt erstrebenswert ist.

Ich bin ein paar mal in meinem Leben in die Falle getappt. Es ist so wunderbar, wenn man glaubt, jemanden gefunden zu haben, der weiß, wie es geht. Der einem das alles erklären kann. Wo man einfach nur hingehen und nachahmen kann. Schön. Bis dann ein Pferd oder eine Situation oder ein Mensch kommt, der einen bummsbatz auf den Boden der Tatsachen zurück holt.

Soooooo viele tolle Methoden. Das gilt für die Hufpflege genauso wie fürs Reiten und die Bodenarbeit. Alle werben damit, wie viele „unheilbare“, „unreitbare“ und sonst wie verdorbene Pferde sie wieder hinbekommen haben. Und flugs folgt die logische, biomechanische, verhaltenstherapeutische oder sonst wie wissenschaftlich total fundierte Erklärung, wieso, weshalb und warum es so – und nicht anders – funktioniert. Und wenn man sich nur diese eine Erklärung anhört, ist die in sich so wunderbar schlüssig, dass man sie nur glauben kann. Ist doch alles logisch!

Und dann trifft man einen anderen Experten, der genauso viele Erfolge mit verkorksten Pferden vorzuweisen hat und eine genauso logische Begründung für seine unfehlbare Methode liefert – allerdings alles genau andersherum macht wie der andere. Oder man trifft einen Experten, der Erfolg ganz anders definiert (und auch das natürlich wieder trefflich begründen kann).

Was habe ich nun gelernt? Eine „logische“ Begründung ist etwas, was ich getrost in der Pfeife rauchen könnte wenn mir meine Lunge nicht zu schade wäre. Zum Glück geben die Pferde uns meist direkte Rückmeldung. Zum Beispiel eben jenes Pferd, das so ein gigantisches Missverständnis mit seiner Reiterin hatte. Nach 10 Minuten fing die Stute an, nicht mehr gegen das Gebiss zu gehen, sondern sich zu entspannen und sich selbst zu tragen. Sie wurde sichtlich zufriedener und die Muskulatur fing an besser zu arbeiten. Das war unübersehbar besser als vorher.

Natürlich ist es nicht immer so eindeutig. Verschiedene Menschen interpretieren Pferdeverhalten auch ganz gern mal gegenteilig und die tatsächliche wissenschaftliche Basis scheint mir an den meisten Stellen dünn – hauchdünn. Wir können uns da ganz bös vertun bei der Frage ob das Pferd gerade entspannt oder unterwürfig, aufmüpfig oder schmerzgeplagt, unverständig oder körperlich verhindert ist. Und das macht alles noch komplizierter. Aber wenn ich mich dann frage, ob ich gerade etwas total falsch mache, dann schaue ich auf meinen alten Merlin. 28 Jahren hat er jetzt auf dem Buckel. Auf unserem letzten Kurs vor 2 Jahren piaffierte er halbwegs anständig und sprang fliegende Wechsel. Und das nicht nur in seinem fortgeschrittenen Alter sondern auch mit einem absolut ungeeigneten Körperbau. Seit 20 Jahren ist er nun bei mir und die Liste an Fehlern die ich gemacht habe, ist lang. Unendlich lang. Merlin hat sie mir anscheinend alle verziehen. Und auch jetzt, wo er wirklich alt wird, nicht mehr gut galoppieren kann und deutlich Muskulatur verliert, arbeitet er dennoch gerne mit und möchte keineswegs aufs Abstellgleis oder Altenteil. Im Gegenteil: Seine Piaffe wird durchaus noch besser. Merlin zu sehen macht mir Mut, dass wir auch Fehlerspielraum haben. Wenn es den nicht gäbe, könnten wir ja auch niemals Kinder erziehen oder Hunde ausbilden. Fehler machen wir immer und sicherlich wählen wir manchmal die „falsche“ Methode für unser Pferd. Aber so lange wir liebevoll bleiben und hinschauen, ob unser Pferd Freude hat am gemeinsamen Tun, können wir wohl ganz entspannt ausprobieren, was zu uns und unserem Pferd passt. Und lernen, lernen, lernen.

Die Auswahl ist groß. Viele Wege führen nach Rom und wer da nicht hin will kann auch Wege finden, die woanders hin führen. Nur die „biomechanische“ und streng logische Begründung, die darf meines Erachtens mit Skepsis betrachtet werden. Denn wie auch immer sie lautet: ihr werdet jemanden finden, der gegenteilig argumentiert und auch tolle Erfolge vorweisen kann. Ich bin sicher, dass es für jeden Menschen und jedes Pferd da draußen irgendwo die richtige Herangehensweise gibt. Und ich bin auch sicher, dass es Sinn macht, sich erst mal an einer Methode zu orientieren und nicht ständig hin und her zu springen. Aber die Akzeptanz der Tatsache, dass es nicht nur den einen Weg zum Erfolg gibt und dass es noch nicht mal nur die eine Definition von der Erfolg gibt – diese Akzeptanz gilt es jeden Tag zu üben. Und wenn wir dann Lust haben, mal einen anderen Weg zu probieren, dann mache ich immer wieder die Erfahrung, dass die Pferde damit weniger Probleme haben als die Menschen. Und oft bedeutet ein Wechsel der Methode ja auch, dass man vorher nicht ganz zufrieden war (sonst wäre man ja dabei geblieben) und dass die neue Methode besser passt als die alte, also verbessert sich meistens was fürs Pferd.

Die Menschen, die ich unterrichten und begleiten darf, wollen in der Regel einfach Freude haben mit ihrem Pferd. Dass dabei die Gesunderhaltung des Partners Pferd wichtig ist, stellt in meinem Kundenkreis niemand in Frage. Und so habe ich den Luxus, mit jedem ein bisschen anders arbeiten zu können. Dabei breche ich ganz sicher immer mal mit der bisher gelernten Methode, aber man muss nicht alles gleich auf den Kopf stellen. Das habe ich selbst oft genug getan um zu wissen, dass es unnötig Kraft kostet. Man kann sich auch Schritt für Schritt heranarbeiten an eine Methode die für dieses Pferd-Mensch-Paar gut passt.

Richtig reiten lernen ist übrigens in keiner Reitweise leicht – geschenkt gibt es da nix. Und es scheitert sehr viel öfter an körperlicher Fitness und Beweglichkeit der Reiter als am Unverständnis oder der „falschen“ Methode.

Mein Merlin kann ein Lied singen davon wie es ist, 20 Jahre mit einem Menschen zu verbringen, der gern mal alles in Frage stellt und immer neue Ideen mitbringt. Aber ich glaube ich kann auch mit Fug und Recht behaupten, dass ich mich in diesen 20 Jahren verbessert habe und damit Merlins Leben erleichtert und bereichert habe. Und ich glaube, dass ist der Grund, warum er immer noch so gern mitmacht und immer bereit ist, etwas neues zu probieren, auch noch im fortgeschrittenen Alter. Ich bin sicher, dass Merlin weiß, dass ich mich immer bemühe, die Dinge zu verbessern und ich glaube, darauf kommt es an – Methode hin oder her.