An die Reitschülerin

Ich habe diesen Artikel komplett in der weiblichen Form geschrieben. Ich arbeite fast ausschließlich mit Frauen, die Männer (Schüler wie Reitlehrer) mögen sich bitte mit angesprochen fühlen.

Liebe Reitschülerinnen,

ich wende mich heute mit einer Bitte an Euch. Dabei ist es egal, ob Ihr bei mir Unterricht nehmt, oder bei jemand anders.

Ich selbst habe neulich Unterricht genommen, der mich sehr frustriert zurück ließ, was mich veranlasst hat, noch einmal genauer darüber nachzudenken.

Viele Reitlehrerinnen beschäftigen sich den ganzen Tag mit Pferden und nur wenig mit der Kommunikation von Mensch zu Mensch. Viele Reitlehrerinnen haben selbst nie guten Unterricht genossen – wobei ich mit „gut“ nicht meine, welche Methode unterrichtet wird und wie qualifiziert die Lehrperson im Umgang mit Pferden ist, sondern wie gut das Wissen an den Menschen vermittelt wird. Viele, die Reitunterricht geben, sind selbst sehr talentiert im Umgang mit Pferden und im Reiten. Das bedeutet leider, dass sie erst lernen müssen, weniger talentierten und geübten Reiterinnen etwas zu vermitteln. Nicht jede Reitlehrerin kann das und nicht jede findet es wichtig – deswegen hier meine erste Bitte: sucht Euch eine Reitlehrerin, die nicht nur mit Pferden arbeiten möchte, sondern auch wirklich Spaß am Unterrichten hat. Ich spreche da aus eigener Erfahrung, denn am Anfang meiner Hufpflegekarriere habe ich den Menschen eher als notwendiges Übel empfunden. Am liebsten hätte ich mich nur mit den Pferden beschäftigt. Unterrichten wollte ich nie, denn es erschien mir wie der frustrierendste Job der Welt: man sagt der Reitschülerin was sie machen soll, sie kann es aber nicht umsetzen und also sagt man es immer wieder. Völlig hirnlos.

Erst als ich 2009 zum ersten Mal Amanda Barton beim Unterrichten zusehen durfte, fiel bei mir der Groschen. Ab diesem Moment fing ich an, mich für die andere Hälfte der Pferd-Mensch-Beziehung zu interessieren. Ich fing an, mich im Bereich Kommunikation fortzubilden und ich begann, zu unterrichten. Ganz sicher haben einige Schülerinnen unter mir gelitten, wofür ich mich in aller Form entschuldigen möchte. Noch heute sage ich von mir selbst „es gibt zwei Arten von Schülerinnen, die einen halten mich aus, die anderen habe ich nicht lang“. Ich habe ein loses Mundwerk, das manchmal mit mir durchgeht und ich lache gern laut und viel. Und ich habe – so wird mir zumindest gesagt – eine recht direkte Art zu kommunizieren. Bei der Arbeit mit Ponys ist das übrigens ein großer Vorteil!

Ich bemühe mich, Dinge immer so positiv wie möglich zu formulieren. Wenn ich etwas kritisiere, zeige ich (hoffentlich!) immer einen Lösungsweg auf. Natürlich habe ich aber auch mal schlechte Tage und sicher bin ich nicht immer sensibel genug um die Sorgen meiner Schülerinnen wahr- und ernst zu nehmen. Daher meine dringende Bitte an Euch alle:

Helft mir und meinen Kolleginnen, Euch gut zu unterrichten! Wenn Ihr etwas nicht versteht, fragt nach. Wenn Ihr es dann immer noch nicht versteht, fragt wieder nach. Fragt so lange nach, bis Ihr eine verständliche Erklärung bekommen habt. Wenn jemand die Frage immer auf die gleiche Art (oder womöglich gar nicht) beantwortet, habe ich schlechte Nachrichten für Euch: diejenige ist nicht in der Lage, die Antwort anders zu formulieren oder versteht eure Frage nicht. Dann würde ich Euch raten, die Antwort woanders zu suchen. Aber gebt der Gefragten mehrfach die Chance, es umzuformulieren. Menschen kommunizieren und denken unterschiedlich und manchmal muss man sich darauf erst einstellen. Wird aber eine Frage auch nach mehrmaligem Stellen nur ausweichend beantwortet, dürft Ihr schon mal skeptisch werden.

Viele Reitlehrerinnen sind selbst in Systemen groß geworden in denen Menschen unterbewusst ständig suggeriert wird, dass sie zu dumm sind, ihr Pferd zu schlecht und/oder dass das sowieso nie was wird. Früher war es üblich, (Reit)schülerinnen klein zu halten. Heute sollten wir es besser können. Wenn Ihr Euch im Reitunterricht dumm und unfähig fühlt, dann stimmt etwas nicht. Sprecht mit Eurer Reitlehrerin darüber. Es ist ihr Job, Euch und Eurem Pferd zu helfen. Du und Dein Pferd, Ihr sollt beide stolz und zufrieden aus dem Unterricht gehen – zumindest meistens, schlechte Tage gehören natürlich auch mal dazu. Es darf keine Monate des Frusts dauern, bis Ihr erste, zarte Fortschritte merkt. Eine gute Reitlehrerin kann Euch spätestens in der zweiten oder dritten Reitstunde da abholen wo Ihr steht und das heißt, dass Ihr merkt, dass es besser wird (völlig egal, was das Thema ist). Besser werden heißt nicht, dass Probleme weg sind, aber dass Ihr versteht, worum es geht und Übungen an der Hand habt, die Ihr selbständig nacharbeiten könnt.

Reitlehrerinnen muss man ausprobieren. Traut Euch, das zu tun und bleibt dann nicht dabei, nur weil Ihr nicht absagen mögt. Die Chemie muss stimmen, sonst hilft es alles nix.

Wenn Ihr in manchen Situationen Angst habt oder Euch Sorgen macht um Euer Pferd, dann sprecht mit Eurer Reitlehrerin darüber. Wenn sie darüber hinweg geht und Euch oder Euer Pferd in angsterfüllte Situationen „hinein schubst“ ohne das entsprechend zu begleiten: sucht Euch bitte jemand anders.

Wenn Schritte zu groß sind und nicht bewältigbar erscheinen, bittet darum, dass sie in kleinere Häppchen zerlegt werden. Wer Pferde ausbildet, sollte das können. Natürlich ist nicht immer alles leicht zu lernen. Viele Dinge erfordern einfach Übung. Lernfrust gehört dazu. Fragt Euch dann: „Fühle ich mich von meiner Reitlehrerin unterstützt oder ist sie eigentlich diejenige die den Frust erzeugt?“

Habt keine Angst davor, solche Dinge anzusprechen. Manchmal merken wir Reitlehrerinnen etwas nicht und sind dann nur allzu dankbar, wenn wir einen Hinweis bekommen. Wir sind schließlich auch nur Menschen. Und wir wollen ja auch gern lernen und besser werden.

Macht Euch klar, was Ihr mit Eurem Pferd erleben, erreichen und tun wollt. Wie soll Eure Beziehung sein, was ist wichtig für Euch und wo geht es vielleicht um die Gesundheit Eures Pferdes oder um Sicherheit für alle Beteiligten? Formuliert Euer Anliegen möglichst klar. Sucht Euch die passende Lehrerin für Euer Thema. Viele meiner Schülerinnen nehmen parallel noch anderen Unterricht, auch das ist völlig ok, denn eine Reitlehrerin kann nie alles wissen und können.

Und das aller wichtigste: habt Spaß am gemeinsamen Lernen mit Eurem Pferd. Auch dabei sollte Euch Eure Lehrerin unterstützen.

Ich danke all meinen Reitschülerinnen für die vielen schönen Stunden, die wir gemeinsam mit Euren Pferden schon verbracht haben. Ich danke Euch für Euer Vertrauen, Eure Ehrlichkeit, Eure Hingabe an Euer Pferd. Danke, dass Ihr so oft mit mir lacht und Euch freut. Danke, dass Ihr mit mir zusammen stolz feiert, wenn Euer Pferd etwas gut gemacht hat. Danke, dass Ihr stets und ständig das Wohlbefinden Eures Pferdes mit im Blick habt. Danke an alle, die mich ausbremsen, wenn ich zu schnell voran gehen will. Danke für alles wo Ihr mich missversteht, Ihr helft mir, zu lernen, es besser zu erklären. Danke für jede einzelne Eurer Fragen. Danke auch für Eure vielen Antworten, die ich weiter trage zu anderen Schülerinnen. Es ist toll, mit Euch und Euren Pferden arbeiten zu dürfen!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 328

Mein Mädchen baut ja gern mal was auf, wenn wir auf dem Reitplatz üben. Meistens ergibt sich dann der Laufweg auch direkt von allein. Aber was soll das für ein Aufbau sein? Gestern nachmittag hat sie sich da lange mit beschäftigt. Ist hin und her gelaufen, hat die blauen und gelben Dinger durch die Gegend geschubst, kritisch geguckt, wieder zurück geschubst. Schließlich war sie wohl zufrieden. Ich habe sie die ganze Zeit genau beboachtet. Wir waren aber vorher schon auf dem Reitplatz gewesen und hatten was gemacht und leider, leider war ich dann doch nicht nochmal dran.

Heute hat sie dann ihr Handy auf den Hocker gestellt und sich einen Knopf ins Ohr gesteckt. Dann hat sie mich geholt und gesagt, wir hätten jetzt Unterricht. Ja? Wo ist denn die Reitlehrerin? „Da im Handy“, sagt mein Mädchen „und in meinem Ohr“. Na jetzt geht es aber los! Was soll das denn sein? Ich meine, als Hugo bei uns war, den konnte ich wenigstens sehen! Aber ein Reitlehrerin, die ich nicht sehe?

Reiten war auch gar nicht dran, sondern Handarbeit. Bzw so eine spezielle Art des Führens. Immer geradeaus und dann um die Ecke. Gaaaaaaaanz langsam. Und wir durften nur den Teil des Reitplatzes benutzen bis zu den Gassen, weil das Handy nicht so weit gucken kann.

Oha. Das ist ja nicht so ganz meins, muss ich gestehen. Und irgendwie auch viel komplizierter und anstrengender als es aussieht. Mein Mädchen hat so ziemlich durchgehend vor sich hin geflucht, weil sie nicht gefühlt hat, was sie hätte fühlen sollen. Ich hab mich einfach bemüht, alles richtig zu machen. Aber ich sag mal so: wenn mein Mädchen nicht weiß, was richtig ist, woher soll ich es dann wissen?

Also kurz und gut: das war eher chaotisch als irgendwas anderes. Mein Mädchen war nachher ein bisschen fertig mit den Nerven. Ich nicht, weil die Keksrate trotz allem ok war und weil ich ja grundsätzlich ein entspannterer Typ bin als sie.

Jetzt sehen wir mal, wie das wohl so weiter gehen soll. Mein Mädchen meint, eigentlich bräuchte sie jetzt jeden Tag Unterricht, bis sie das fühlt was sie da fühlen soll. Das geht aber aus mehreren Gründen nicht, hauptsächlich Zeit und Geld (weil Merlin und ich in letzter Zeit so viel gekostet haben und dann soll ich ja noch einen Sattel bekommen!). Wie ich mein Mädchen kenne, hat sie aber schon einen Plan geschmiedet, wie wir üben können obwohl sie es nicht fühlt. Manchmal muss sie sich erst aufregen und wieder abregen und dann ganz lang nachdenken aber am Ende kommt doch immer was brauchbares raus. Es bleibt also spannend – stay tuned!

Euer Sir Duncan dhu of Nakel mit der unsichtbaren Reitlehrerin

Grummeln und Grinsen

Ich bin mit Duncan auf dem Reitplatz, wir machen Handarbeit. Ich nehme die Zügel auf, Duncan geht los. Nein! Du sollst doch warten bis ICH los gehe! Diskussion. Auf ein neues! Ich nehme die Zügel auf, Duncan geht los. Verflixt und zugenäht! Mein sonst so schnell lernendes Pony ist nicht bereit, sein Verhalten zu verändern. Ich grummle. Es dauert, bis ich die Zusammenhänge erkenne: Er hat gelernt, dass etwas passiert, wenn ich die Zügel aufnehme. Irgendwas, manchmal was im Stand aber meistens was in Bewegung. Er hat Lust zu arbeiten, ist hoch motiviert. Und er ist ein vorhandlastiger Typ, der noch nicht viel anderes gelernt hat als einfach los zu marschieren (weil wir ja vor allem im Gelände Meter machen). Was passiert also? Wenn ich die Zügel aufnehme und er erwartet, dass es los geht, dann schiebt er aufgrund der Erwartung sein Gewicht nach vorn. So weit, dass er schließlich los gehen MUSS um nicht umzufallen. Er hat also irgendwann gelernt (und ich weiß auch genau von wem…..) dass Bewegungserwartung bedeutet, dass er sein Gewicht nach vorn verlagern soll. Ja holla, das ist ja mal gründlich schief gegangen! Klar, ich hab ihm das wohl beigebracht. Ich weiß nicht wann und wie, aber ich habe, denn niemand anders arbeitet mit ihm. Jetzt muss ich ihm also das Gegenteil verklickern. Zügel aufnehmen = Erwartungshaltung dass wir gleich was machen = Gewicht nach HINTEN, etwas aufrichten, groß machen, positive Spannung aufbauen. DANN los gehen.

(Kleiner Einschub an dieser Stelle. Ganz oft begegnet mir so ein Thema bei Reitschülerinnen: das Pferd hat Blödsinn gelernt. Und dann geht die Selbstkasteiung los. Frauen glauben dann gern, sie seien zu blöd, sie haben alles falsch gemacht und ihr armes Pferd leidetunter ihrer Unfähigkeit. Liebe Damen, hört damit auf, das hilft niemandem. Auch die beste Ausbilderin macht Fehler und entwickelt sich (hoffentlich!) weiter. Wenn wir ganz gelassen erkennen können: Ups, ich hab dem Pferd Blödsinn beigebracht, dann können wir genauso gelassen unserem Pferd etwas neues, besseres beibringen. Das Pferd ist immer bereit, etwas neues zu lernen, so lange wir es ihm freundlich und kleinschrittig erklären und das erwünschte Verhalten gut belohnen.)

Nun fangen wir also neu an. Zügel aufnehmen, Pony soll sich aufrichten und hübsch machen. Keks! Sobald ich die Übung von diesem Gesichtspunkt sehe und entsprechend übe und belohne, klappt alles ganz schnell (so wie ich es von Duncan gewöhnt bin). Gleichzeitig entdecke ich während der Übung, dass auch mein eigener Körper eine ungünstige Erwartungshaltung einnimmt. Ich selbst denke nämlich auch heimlich schon an die Übung, während ich die Zügel aufnehme und lehne mich ein bisschen vor. Aha! SO hab ich ihm das beigebracht! Jetzt ziehe ich also in Gedanken mein Ballett-Tutu an (nicht dass ich jemals wirklich eins getragen hätte, aber die Vorstellung erheitert mich und das verhindert, dass ich mich über meinen Fehler ärgere). Immer wenn ich die Zügel aufnehme, denke ich an den wunderschönen Film „Billy Elliot – I will dance“ und rufe mir selbst „1. Position!“ zu. Die rauchende Ballettlehrerin steht am Rand und guckt streng. Nein, ich drehe dabei nicht die Füße nach außen. Wäre ganz übel, denn beim los laufen würde ich dann garantiert sofort auf die Nase fallen. Aber ich richte mich auf und demonstriere meinem Pony, was ich von ihm erwarte. Und Duncan ahmt mich nach. Erst dann gehen wir los.

Nach ein paar Mal üben kann ich den Unterschied erleben: wenn Duncan jetzt doch noch mal unaufgefordert los geht, kann er sofort, nach dem ersten Huf, stoppen. Vorher konnte er das nicht, weil sein Schwerpunkt so weit vorn war.

Und ich denke grinsend an die Geschichte, die ich Reitschülerinnen immer erzähle, wenn es um den Schwerpunkt und die Bremse geht. Ich erzähle dann von meinem Vater. Als ich Fahrrad fahren lernte, besaß er die Unverschämheit, mir zu erzählen, man müsste erst mit dem Fahrrad stehen können, bevor man fahren kann. Er konnte das: auf dem stehenden Rad sitzen. Mit winzigen Ausgleichsbewegungen. Der Durchschnitts-Radfahrer (zu beobachten in freier Wildbahn in Anfahrt auf eine rote Ampel) kann das keineswegs, sondern springt noch halb im Fahren vom Sattel um einen Fuß an den Boden zu bekommen. Weil der Fahrradfahrer das Sinnbild von „dem Schwerpunkt hinterherfallen“ ist. Je langsamer er fahren will, desto besser muss er sein Gleichgewicht halten. Und obwohl so ein Pferd 4 Beine hat, geht es ihm oft gar nicht anders. In natürlicher Grasebeschäftigung ist der Schwerpunkt vorne und die Beine laufen quasi dem Kopf hinterher. Nur wenn der Schwerpunkt zurück kommt, kann mein Pony erhobenen Hauptes elegant über den Reitplatz schreiten. Und nur dann kann es auch bremsen. Hängt es erst mal vorn, dann verlängert sich der Bremsweg dramatisch mit steigendem Tempo.

Ich denke daran, wie vielen Pferden ich das Anhalten und Losgehen beigebracht habe. Und wie viele davon ich allein gelassen habe mit der Suche nach der besten Methode, das zu schaffen. Und ich bin froh, dass ich jetzt mehr weiß als früher und meinem Pony gleich zeigen kann, wie es am besten geht. Er muss das nicht mehr selbst raus finden. Ich verstehe, dass erfolgreiche Pferde- Ausbilder deswegen so viel schneller sind mit ihrer Arbeit, weil sie dem Pferd eine präzise, kleinteile Anweisung geben können. Nicht nur dazu, was es tun soll, sondern eben auch dazu, wie es das am schnellsten und einfachsten hin kriegt. Und ganz nebenbei erweise ich mich damit in den Augen meines Ponys als kompetent. Anstatt Aufgaben zu stellen, die unlösbar scheinen, kann ich Aufgaben so erklären, dass sie lösbar sind. Ich verstehe aber auch, dass selbst die kleinste, offensichtlich einfachste Aufgabe, die jedes Pferd draußen auf der Weide von selbst erledigt, im Zusammensein mit dem Menschen eine Herausforderung werden kann, weil wir die Aufgabe aus ihrem natürlichen Zusammenhang reißen. So habe ich doch anhand meiner selbst erzeugten Panne wieder eine Menge gelernt und mein anfängliches Grummeln verwandelt sich in ein breites Grinsen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 327

Liebe Menschen,

jetzt habe ich aber lange nichts für euch geschrieben! Tut mir leid. Hier war aber auch was los! Hat mein Mädchen ja schon erzählt. Jetzt bin ich also Wallach. Und man hat mir ja erzählt, dass das Leben als Wallach viel entspannter ist. Aber ich muss sagen, davon hab ich noch nix gemerkt! Erst wurde ich in die Klinik gefahren und operiert, kaum war ich wieder zu hause musste ich alleine stehen, durfte nicht spielen, nicht traben und überhaupt eigentlich nix außer Schritt gehen und am nächsten Tag ging es mir schon ganz schön übel. Tags drauf war mir hundeelend – so schlecht ging es mir überhaupt noch nie! – und ich musste wieder in die Klinik. Ich sage euch, was die Tierärzte da mit mir gemacht haben, das wollt ihr im Detail wirklich nicht wissen! Das tägliche Blut abzapfen gehörte da noch zu den harmlosen Maßnahmen. Naja, zum Glück bin ich ja ein stabiler Kerl und habe mich schnell berappelt. Wieder zu hause ging es dann aber weiter mit dem Knast! Habe dann beim Spazierengehen schon mal angemerkt, dass ich wirklich keine Lust mehr habe auf den Mist! Bin bisschen in die Luft gesprungen. Fanden mein Mädchen und der Mann jetzt nicht sooooo lustig aber da sind sie selbst schuld, wenn sie so blödes Zeug mit mir machen!

Naja, zum Glück ist das alles jetzt wieder vorbei. Seit gestern ist wieder ganz normales Leben hier. Wir Ponys sind alle wieder zusammen wie es sich gehört. ich darf wieder spielen (und habe das natürlich auch gleich getan), kann wieder rumlaufen und Fellkraulen machen und die eingeschränkte Freiheit hier genießen (der Rundlauf ist ja immer noch abgesperrt, wegen der Stuten. Erst wenn ich mich wirklich fühle wie ein Wallach wird da wieder aufgemacht. Wie fühlt man sich wohl so als Wallach? Na ich werde es ja erleben.).

Und weil heute Sonntag ist, haben wir auch endlich mal wieder einen Ausflug in den Wald gemacht! Dort haben wir unseren ganzen Stress der letzten Wochen weg geatmet. Ich hab ganz oft abgeschnaubt um mein Mädchen daran zu erinnern, dass sie auch mal schön atmen soll. Und alles fiel nur so von uns ab. Es ist eben ein Zauberwald, der kann so was!

Endlich mal wieder durch den Wald bummeln! Das hat gut getan.

Wir haben nur eine kleine Runde gemacht und mein Mädchen ist ein gutes Stück zu Fuß gegangen, weil sie mich noch nicht so doll belasten will. Wenn sie meint…. Ich bin fit, hab ich ihr auch gesagt. Wäre gern mal ein Stück getrabt! Wobei, wenn ich so ganz, ganz ehrlich bin, bin ich etwas weniger fit als vor dem ganzen fiesen Zeug, aber wer will mir das verübeln? Mein Mädchen sagt, das kommt jetzt ganz schnell wieder. Und dann kommt der Frühling und die langen Touren die sie mir seit 3,5 Jahren verspricht. Nur einen Sattel brauchen wir dafür noch. Na gut! Bis dahin trainiere ich weiter mit Gatsby im Nahkampf – mir scheint, der Gute hat auch etwas Fitness eingebüßt und wenn mich nicht alles täuscht hat er sich sogar ein Bäuchlein angefressen! Na da weiß ich aber was dagegen hilft.

Euer endlich wieder fitter Sir Duncan Dhu of Nakel

Hölle

Vor gut zwei Wochen haben wir Duncan kastrieren lassen. Ich wollte so gern einen glücklichen Hengst haben, wollte erleben, wie es ist, mit einem „ganzen Kerl“ zu arbeiten und war gespannt, was es zu lernen gibt. Ich habe viel gelernt, vor allem über Frust und die Äußerung desselben.

Unser Nachbar hat Stuten und die stehen nah an unserem Zaun. Duncan ist jeden Tag dort hin gegangen und hat 2-3 Stunden bei den Damen verbracht. Er stand dort ganz ruhig, kein Ausschachten, kein Herumlaufen, kein Gewieher, kein Imponieren. Ich habe das immer beobachtet, war aber zunächst noch guter Dinge. Zeitgleich wurde Duncans Spiel mit Diego und Gatsby immer rauer. Diego hat schließlich aufgegeben und jeden Spielversuch von Duncan abgeblockt. Gatsby hat gegen gehalten, aber es war nicht mehr das schöne harmonische Spiel von früher. Niemand wurde ernsthaft verletzt, Gatsby hatte ein paar kleine, aber immerhin blutige Macken am Hintern, sonst war nichts zu sehen. Ich machte mir Gedanken, vereinbarte ein Beratungsgespräch mit Maren Schulze (www.klassisch-barock-reiten.com), die ich als Hengst-Expertin und sympathische, bodenständige Pferdefrau kennengelernt hatte. Wenige Stunden vor dem geplanten Telefontermin sah ich Gatsby und Duncan aufeinander prallen – im wahrsten Sinne des Wortes. Es war keine Harmonie mehr da, es war zwar noch kein echter Kampf, aber sicher auch kein echtes Spiel mehr. Gatsby wirkte gestresst, Duncan aggressiv. In dem Moment wusste ich: es geht nicht.

Im Telefonat mit Maren kam zunächst viel Beruhigung: die klären die Rangordnung neu, ich hab erst mal alles richtig gemacht, das kann immer noch gut klappen. Sie erklärte mir genau, auf welche Anzeichen ich achten muss um zu erkennen, wann es zu gefährlich wird. Dann kam die Sprache auf Nachbars Stuten und Marens Zuversicht schwand. Jeder Meter Abstand zu den Mädels zählt. Wir könnten den Rundlauf umbauen, einen Sichtschutz versuchen. Ich denke nach. Aber im Herzen weiß ich schon: das ist nicht das, was ich für die Ponys will. Unsere Ponys sind so wunderbar sozial miteinander und das bisschen Platz was sie hier haben will ich nicht noch verkleinern, nur weil ich einen Hengst haben will. Mein Hengst soll nicht gefrustet sein, weil er nicht zu den Stuten kann, meine Wallache sollen keine Angst und keinen Stress haben und auch die Stuten sind sicher nicht glücklich mit der Situation, den Hengst vor der Nase aber doch unerreichbar zu haben.

So steht der Entschluss schnell fest: das Projekt „Hengst“ endet hier. Wir sperren als Sofortmaßnahme den Rundlauf ab. Duncan entspannt sich binnen 24 Stunden merklich. Jetzt, im Nachhinein, kann ich den Frust und Stress sehen. Vorher war die Veränderung so schleichend, dass ich den Zusammenhang nicht erkannt habe. Das heftige Gerangel war ein verzweifeltes Dampf-Ablassen – nicht wegen Energieüberschuss, sondern aufgrund von hormonellem Frust. Kein Pony in meiner Obhut soll solchem unnötigen Stress ausgesetzt sein. Nach einer Woche, die der Rundlauf zu ist, sehe ich, wie die Beziehung unter den Ponys sich wieder verbessert. Auch Diego wagt wieder kleine, zarte Spielversuche mit Duncan. Das Spiel mit Gatsby ist wieder schön und harmonisch. Duncans Körpersprache ist weicher und freundlicher. Wenn Diego das Spiel durch weglaufen beendet, läuft Duncan nicht mehr hinterher. All diese Beobachtungen geben mir die Sicherheit, das richtige zu tun. Denn offensichtlich handelt es sich eben NICHT um Rangstreitigkeiten, sondern nur um hormonellen Frust wegen der Stuten. Auch jetzt, wo ca 80m Abstand zu den Stuten besteht, wiehert Duncan noch manchmal rüber und steht auch ganz allein unterm Holunderbusch und schaut rüber, als alle anderen sich vorm Sturm im Stall verkriechen. Aber durch den Abstand ist er nicht mehr ganz so gefrustet davon, dass er da nicht hin kann.

Die 2 Wochen bis zum Kastrationstermin sind die Hölle (oder im Nachgang betrachtet wohl eher die Vorhölle). Ich habe Angst. Ich kann unmöglich noch ein Pony verlieren. Aber ich habe keine Wahl. Wenn ich es jetzt nicht tue, habe ich die Hölle jeden Tag, wenn ich Angst haben muss, dass meine Ponys sich verletzen und sehen muss, wie unzufrieden sie sind.

Die Kastration klappt vorbildlich: Montag abend in die Klinik, Dienstag die OP, Mittwoch morgen wieder nach hause. Kein Problem. Erst am Donnerstag fängt das Übel an: Duncan mag nicht mehr fressen. Der Tierarzt am Telefon tippt auf Magenprobleme durch den Stress. Aber mein Gefühl ist zu diesem Zeitpunkt schon anders, denn Duncan äppelt weicher und die Äppel stinken bestialisch.

Mit der Angst ist es ja so eine Sache. Als ich den ersten dieser Haufen sehe, denke ich „Colitis“. Aber ich schiebe den Gedanken weg – das ist doch soooooo selten. Leider sollte ich recht behalten. Freitag abend bringen wir Duncan wieder in die Klinik. Colitis ist eine Darmentzündung die nur 30-50% der betroffenen Pferde überleben und der Verlauf ist schwer vorhersagbar. Als wir am Sonntag hören, dass es sehr gut aussieht und er es wohl schaffen wird, sagt jemand zu mir „das war sicher die Hölle für euch“ aber die Hölle erscheint mir dagegen wie ein eher lauschiges Plätzchen.

Ich denke in solchen Situationen oft an Eltern mit schwer kranken Kindern. Diesmal habe ich auch an die Menschen in und aus der Ukraine gedacht. Menschen, deren Horror nicht nach ein paar Tagen vorbei ist. Menschen, bei denen dieser Zustand Wochen, Monate oder Jahre anhält, die immerzu um das Leben ihrer Liebsten bangen. Wie hält man so etwas aus? Ich weiß es nicht. Ich bin wohl verwöhnt.

Dienstags holen wir Duncan wieder nach hause. Als wir uns gerade anfangen zu entspannen, kommt der nächste Horror: Am Donnerstag hat mein alter Merlin eine Kolik. Das Chaos der letzten Tage war wohl zu viel für ihn. Es sieht nicht gut aus, der Tierarzt macht uns wenig Hoffnung. Wir könnten in die Klinik fahren, aber die dort möglichen Behandlungen kommen für ein 30jähriges Pferd in meinen Augen nicht in Frage. Wir verbringen den ganzen Tag mit Merlin, laufen viel mit ihm, so lange das Schmerzmittel wirkt. Der arme Kerl muss an der Longe ordentlich traben, das kennt er ja alles gar nicht und seine Fitness ist natürlich auch altersentsprechend, aber er macht mit. Trotzdem hören wir bis nachmittags keine Darmgeräusche und wir nehmen schon Abschied. Aber Merlin möchte grasen, was er natürlich auch darf – wir haben nichts zu verlieren. Als der Tierarzt dann kommt, die große Erleichterung: der Darm ist wieder in Gang gekommen. Merlin erholt sich unfassbar schnell für sein Alter. Kolik? Welche Kolik? Gib mir einen Eimer, ich hab Hunger! Wir brauchen länger, um uns zu erholen.

Jetzt endlich scheint alles wieder ins Lot zu kommen. Duncan ist fit, keine Schwellung, kein Fieber. Seine Nähte sehen sie perfekt verheilt aus und wir können dieses Thema abhaken. Er läuft jetzt schon mit Merlin und Caruso in einem kleinen Paddock herum, am Wochenende wollen wir die ganze Herde zusammen führen. Da werde ich nochmal stabile Nerven brauchen, denn das wird sicher nicht ohne Geschrei und Gehabe ablaufen. Noch immer fühlt Duncan sich ja als Hengst und bis sich das ändert, gehen auch noch ein paar Wochen ins Land. Ich hoffe einfach, dass unsere Jungs ihre Freundschaft in den Vordergrund rücken und sich nicht weh tun. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig.

Alle Ponys sind genervt, der Alltag ist gestört, die Abläufe stimmen nicht mehr, ihre Freiheit ist beschnitten. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich auch den Rundlauf wieder auf mache, aber damit warte ich, bis ich merke, dass Duncans Hormonspiegel sich reguliert hat und er wirklich – auch gefühlt – Wallach ist.

Möge der Frühling uns Entspannung bringen.

Verantwortung

Still ist es hier auf der Seite im Moment, das habt Ihr sicher schon gemerkt. Bei uns zu hause laufen die Dinge nicht so rund wie wir es gern hätten. Was genau los ist, werdet Ihr erfahren, wenn es ausgestanden ist. Ich habe keine Kraft und Lust die Dinge hier auszubreiten. Aber ich teile gern meine Gedanken mit Euch und im Moment denke ich über Verantwortung nach.

Als Kind hatte ich das Buch „Sie bauten eine Kathedrale“ und ich schaute es gern mit meinem Vater zusammen an. Wir sprachen dann darüber, wie das Leben wohl früher gewesen sein mag. Ich fand z.B. die Vorstellung, dass man sein Leben lang bei einem „Herrn“ als Magd arbeitet – ohne eigene Freiheit, ohne irgendwelche Möglichkeiten, sich zu entfalten – gruselig. Mein Vater hatte eine etwas andere Sichtweise. Ich weiß noch, wie er mir sagte: „Ich kann mir vorstellen, dass es – wenn man einen guten Herrn hatte – gar nicht so schlecht war. Ein sicherer Job, nicht so viel Eigenverantwortung, das kann etwas gutes sein“. Und vielleicht hatte er recht, dass es zur damaligen Zeit wesentlich schlimmere Möglichkeiten gab. Die kleinen Bauern, die nach einer einzigen Missernte mit Hunger zu kämpfen hatten, waren vielleicht etwas freier – aber ob sie immer besser dran waren?

Als Kind wusste ich noch nicht, wie schwer Verantwortung wiegen kann. Aber heute – und gerade in den letzten Tagen – kann ich ihre Last fühlen. Denn mein Pferd „gehört“ mir, nach deutschem Recht. Wir können sicher diskutieren, ob das ethisch überhaupt vertretbar ist, aber es ist nun mal so. Und damals, als ich entschieden habe, Duncan zu kaufen, habe ich die Verantwortung übernommen für sein Leben und sein Wohlergehen. Im Alltag fällt es mir leicht, wir haben hier unseren Weg gefunden, den wir für gut halten (auch wenn wir natürlich immer versuchen, alles weiter zu verbessern). Aber dann, wenn etwas nicht so läuft oder wenn es größere Entscheidungen zu treffen gibt und wir angewiesen sind auf externe Experten, dann wird es schwer. Denn Experten gibt es so viele – und wer weiß schon, welcher von all diesen Leuten recht haben mag?

Das hier ist ein kleiner Service-Post für alle Pferdebesitzer, die das kennen. Ja, auch ich bin mal an so einem Punkt. Wenn alles eigene Wissen und Können nicht weiter hilft, wenn ich Entscheidungen treffen muss, die ich eigentlich gar nicht treffen kann, weil mir die nötige Information fehlt – dann bin ich an diesem Punkt. Viele meiner Reitschülerinnen klagen mir ihr Leid: Wem soll man glauben? Wer hat recht? Jeder Experte (manchmal auch „Experte“) kann seine Meinung schlüssig begründen. Klingt alles wunderbar logisch und überzeugend – bis der nächste um die Ecke kommt und genauso schlüssig das Gegenteil darlegt.

Am Ende sind lebende Organismen eben unendlich komplex und wer wie auf was reagiert, kann man vorher nie wissen. Egal, wie viel Erfahrung wir gesammelt haben und wie gut unsere Intuition ist: manchmal geht was schief.

Wenn das dann keine bleibenden Schäden verursacht, können wir uns glücklich schätzen.

Aber obwohl es verwirrend und anstrengend sein kann, sich zwischen so vielen Meinungen und Methoden entscheiden zu müssen, können wir dankbar sein für die Möglichkeiten. Denn die Mägde, die in meinem Kinderbuch vorkamen, hatten wohl in der Regel keine Wahl und keine Information. Und auch wenn es sicher entspannt sein kann, weniger Verantwortung zu tragen, mag ich doch meine Freiheit lieber und die Möglichkeit, mich selbst immer weiter zu infomieren und zu lernen. Meine Meinung zu hinterfragen, zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern (das tue ich sehr gerne mal). Daran erinnere ich mich, wenn es mir alles zu viel wird: Freiheit bedeutet eben auch Verantwortung.

Verständnis

Ich hatte große Pläne für meinen heutigen Artikel: ich wollte ein „Buchbesprechung“ schreiben. Ich lese nämlich gerade – nach langer Zeit – mal wieder ein Buch. Über Pferde, versteht sich. Und über Menschen. Ich lese „Horse brain, human brain“ von Janet L. Jones. Ich hab aber erst die Hälfte geschafft, also hat es sich was mit Buchbesprechung. Trotzdem schreibe ich für Euch schon mal ein paar Gedanken dazu auf.

Zum einen ist das nach langer Zeit das erste Buch, dessen Lektüre mir nicht das Gefühl gibt, nachher noch etwas dümmer zu sein als vorher. Viele, viele Sachbücher und Zeitschriften haben mir so oft dieses Gefühl gegeben, dass ich schließlich das Lesen solcher Dinge weitgehend aufgegeben habe.

Das Buch „horse brain, human brain“ hat mich diesbezüglich bisher überrascht, denn ich fühle mich wirklich gut informiert – obwohl ich natürlich wieder mal viele neue Fragen habe.

Die Autorin wirbt vor allem immer wieder für Verständnis für unsere Pferde. Und ich merke, wie schnell wir doch vergessen, wie andere die Welt wahrnehmen. Das geht bei uns zu hause eigentlich schon ganz ohne Pferde los: Regelmäßig sagt Arnulf etwas zu mir oder ich zu ihm obwohl wir nach kurzer Überlegung wissen könnten, dass man den anderen nicht verstehen kann, wenn man selbst direkt neben dem laufenden Wasserkocher steht und der andere 3 Meter entfernt ist. Es endet immer in „was hast Du gesagt?“ oder „ich kann Dich nicht verstehen“. Man möchte doch meinen, wir würden das jetzt langsam beide mal kapieren, aber bisher ist Fehlanzeige. Und wenn es schon bei diesen Dingen nicht klappt, wie soll ich dann immerzu im Kopf haben, wie mein Pferd Farben sieht, wie lange es braucht, um von hell nach dunkel zu adaptieren und wie viele Details es bemerkt, die mir entgehen? Immer und immer wieder muss ich kurz innehalten, bis es mir gelingt, den Blickwinkel des Pferdes einzunehmen (haha, kleiner Scherz. Natürlich gelingt mir das nie. Ich kann nur versuchen, dem ein bisschen näher zu kommen).

Am Reitplatzrand hatte Duncan heute wieder ein Monster im Gebüsch wahr genommen. Ich hatte vorher schon, als ich mit Diego dort war, etwas gehört und gesehen – vielleicht ein Kaninchen, die sind zur Zeit sehr aktiv. Diego interessiert sich ja für solche Ungeheuer nicht, Duncan schon. Und er hat prompt verkündet, dass er diese Ecke nicht so ganz geheuer findet. Ich hatte heute keine Lust, Zeit in ein Ungeheuer zu investieren. Wir sind dann einfach immer schon etwas früher abgebogen und haben den in Duncans Augen angemessenen Abstand zu der Ecke eingehalten. Manchmal kann es ja so einfach sein – und das darf es auch. In der Pferdewelt – ich meine die Welt voller Menschen die mit Pferden irgendwas zu tun haben – ist immer noch so oft der Anspruch, dass man das jetzt „klären“ muss. Ich bin total für klären. Nur nicht immer jetzt gleich sofort. Sondern dann, wenn der Mensch genug Zeit und Nerv und ein gutes, durchdachtes Konzept hat. Sollte die Ecke ungeheuerlich bleiben, kann ich mir gern mal wieder Zeit nehmen, sie mit Duncan aus allen möglichen Perspektiven zu inspizieren und eine Menge Kekse dort springen zu lassen. Heute nicht, der Wind war kalt und ich war müde. Also sind wir dem Problem aus dem Weg gegangen. Und zum Glück bin ich heute so weit und kenne Duncan so gut, dass ich weiß: das ist kein Problem. Im Gegenteil, wenn ich heute seinen Wunsch einfach akzeptiere, 5-8m Abstand zu den Monstern zu halten, habe ich mich in seinen Augen gut und vertrauenswürdig verhalten. Meine Chancen, das Ganze bei Bedarf schnell in meinem Sinne klären zu können, sind gestiegen, nicht gesunken.

Eins ist mir allerdings bei der Lektüre von „Horse brain, human brain“ ganz deutlich klar geworden: jederzeit kann die Monsterecke wieder gruselig werden und zwar ohne dass ich weiß, warum. Weil mein Pony die Beobachtungsgabe eines Beutetieres hat und ich nicht. Er hat Gene in sich, die seiner Spezies über ichweißnichtwieviele Generationen das Leben gerettet haben. Die Fähigkeit, eine klitzekleine Veränderung an Aussehen, Gerüchen oder Geräuschen aus dieser Ecke wahrzunehmen, die mir einfach entgehen, kann bedeuten, dass ich noch öfter etwas weiter vorn abbiege. Ich kann das akzeptieren, oder versuchen, es zu trainieren. Aber sicher werde ich mein Pony deswegen nicht unter Druck setzen, wie ich es früher gelernt habe.

Und so können Erkenntnisse aus der Hirnforschung uns letztlich zu besseren Pferdemenschen machen, weil sie uns mehr Verständnis ermöglichen für Verhaltensweisen, die uns irrsinnig vorkommen. Also möchte ich Euch das Buch wärmstens empfehlen, auch wenn ich erst die Hälfte gelesen habe. „Horse brain, human brain“ von Janet L. Jones.

Schau mal!

Ganz am Anfang, bei unserem allerersten Spaziergang, ist es zum ersten Mal passiert.

Unser erster Spaziergang.

Duncan, damals erst wenige Wochen bei mir und ein gutes Jahr alt, wies mich auf etwas hin, was ich nicht bemerkt hatte: eine Wildschweinspur. Von Elsa Sinclair habe ich gelernt, was eigentlich völlig offensichtlich sein sollte, aber in der Pferdewelt noch nicht üblich ist: Interesse zeigen an dem, was mein Pferd mir zeigen möchte. Nicht zu sagen „da ist nichts“ – das ist nämlich nicht wahr. Da ist immer was, davon bin ich überzeugt, auch wenn wir Menschen es manchmal aus rein biologischen Gründen nicht sehen, hören oder riechen können.

Seit diesem ersten „schau mal!“ von Duncan ist viel Zeit vergangen. Jetzt, in den letzten Monaten fällt mir vermehrt auf, wie er Dinge anzeigt. Ich kann ihn jetzt auch besser lesen und weiß oft bereits anhand seiner Reaktion, worum es sich handeln könnte. Als wir am Sonntag ausreiten waren, hat er mich auf ALLES hingewiesen, ich war immer zu langsam, er hat alles vor mir bemerkt. Jedes Auto von vorn oder hinten, jeder Spaziergänger, jeder Hund: Duncan hat es vor mir entdeckt. Es ist beschämend, mit so einem Pony unterwegs zu sein. Ich meine: wie blind und taub bin ich? Aber es ist auch schön, zu sehen, wie er mich mit einbezieht, wie er mir vermittelt, WAS da ist. So funktioniert Leben in der Herde: wer etwas entdeckt, sagt bescheid. Dann wird entschieden, wie damit umzugehen ist. Natürlich haben wir mit Autos und Spaziergängern kein Problem, Duncan hat keine Angst. Aber er weiß wohl schon, dass wir dann an eine Seite gehen und Platz machen. Er weiß, dass es etwas zu tun gibt. Manchmal zeigt er mir aber auch Dinge, die uns nicht direkt betreffen: ein Rind in der Ferne, einen großen Vogel im Feld oder Pferde auf einer Koppel.

Bei Hunden, so habe ich am Sonntag klar gesehen, macht er inzwischen Unterschiede zwischen solchen, die er für unbedenklich hält und solche, die er nicht ok findet – ich bin nicht sicher (und er wohl auch nicht) ob er sich im Zweifel für Kampf oder Flucht entscheiden würde. Er beobachtet diese Hunde sehr genau, an den anderen geht er ziemlich ungerührt vorbei. Dabei teilt er in der Regel meine Einschätzung über den Hund. Im Gegensatz zu ihm beziehe ich allerdings das Verhalten der Menschen mehr mit ein. Ist der Hund an der Leine, mache ich mir keine Sorgen. Duncan scheint nicht zu wissen, was die Leine bewirkt – woher auch? Dafür müsste er mehrere Begegnungen mit Hunden mit oder ohne Leine haben, die entsprechend ablaufen (Gott bewahre!). Als neulich einem Hund sogar schnell ein Maulkorb aufgesetzt wurde als wir in Sichtweite kamen, wusste ich, dass diese Menschen sich darum kümmern, dass nichts passiert. Duncan hingegen beurteilte das Verhalten von Mensch und Hund als gruselig und ich konnte das gut verstehen, denn es war offensichtlich, dass die Menschen sehr darauf bedacht waren, den Hund von den Pferden fern zu halten und der Hund sehr angespannt war.

Auch außerhalb unserer Ausritte zeigt Duncan mir so manches an. Wenn Caruso seine Schüssel auf dem Hof bekommt und die dann irgendwann leer ist und er abwandert, sehe ich das – während ich den Stall fege – an Duncan, der auf eine bestimmte Art den Kopf hebt und zu Caruso schaut.

Ob das alles daran liegt, dass ich von Anfang an auf dieses Anzeigen reagiert habe? Ich meine, wenn es immer ignoriert wird – wie die meisten Menschen es tun und wie es oft gelehrt wird – warum sollte mein Pferd mir dann noch etwas sagen? Sind Pferde wie unser Diego einfach nur so gelassen, dass sie das alles nicht interessiert, oder sind sie in Wirklichkeit verstummt angesichts des menschlichen Desinteresses? Und wie unglaubwürdig werden wir als angebliches „Leitpferd“, wenn wir all die Hinweise ignorieren, die uns gegeben werden?

Natürlich ist Duncan auch ein grundsätzlich extrovertierter Typ, dem man seine Gefühle und Gedanken viel mehr ansieht als zum Beispiel einem Diego. Aber auch Diego zeigt uns gelegentlich Dinge. Neulich saß eine Reitschülerin auf ihm und wir besprachen gerade etwas, als Diego plötzlich aufmerksam Richtung Feld schaute. Ich fragte „was ist denn da?“. Die Reitschülerin sagte reflexmäßig „nichts“. Ich wusste aber, sie hatte nicht lang genug gesucht. Sie ist es gewohnt „da ist nichts“ zu sagen. Wahrscheinlich hat sie es übernommen von Leuten, die sie unterrichtet haben. Ich hab das früher auch gemacht. Heute bin ich schlauer und ich schaute genauer hin. Da war nicht nichts, da stand ein Reh und zwar ziemlich nah an unserer Koppel. Es war halt gut getarnt, so dass vermutlich auch Diego es erst bemerkt hat, als es sich bewegte (und das in der Zeit, als er keinen Auftrag hatte, er konnte also hinschauen).

Mein absolutes Highlight was Diego angeht, sind immer noch die Steinhaufen. Diego hat eigentlich vor nichts Angst. Aber um große Steinhaufen macht er einen Bogen. Besonders im Moor, wo wir am Sonntag wieder Ausreiten waren, macht er da so manchen Schlenker und wir haben immer über ihn gelacht. Genau so lange, bis uns jemand er klärt hat, wozu diese Steinhaufen da in der Landschaft liegen: damit die Kreuzottern sich dort wärmen können.

Pferde nehmen die Welt ganz anders wahr als wir. Ihre Sinne funktionieren zwar im Grunde gleich, aber eben doch verschieden. Drehbare Ohren, ein 340 Grad-Sichtfeld, Augen, die mehr auf Bewegung reagieren und im Dunkeln viel besser sehen können, ein Geruchssinn so fein wie der eines Hundes. Wir Menschen haben da schlechte Karten. Und deswegen erscheint es mir nur natürlich, dass unsere Pferde uns auf Dinge hinweisen. Unsere Welt kann dadurch interessanter und spannender werden. Anstatt tagträumend auf meinem Pony herum zu gammeln kann ich selbst die Umwelt mehr beobachten und immer versuchen, herauszufinden, was mein Duncan gerade entdeckt hat. Wenn ich aufmerksam bin, kann ich auch mal die erste sein, die etwas sieht oder hört. In jedem Falle kann ich meinem Pony zeigen, dass mir wichtig ist, was er wahr nimmt und dass ich seine Meinung dazu ernst nehme, auch wenn ich gelegentlich anderer Meinung bin. Das wird hoffentlich wiederum dazu führen, dass mein Pony nicht so schnell allein entscheidet, sondern Rücksprache hält, falls er eine Flucht für angebracht hält.

Und letztlich ist es doch ein entscheidendes Merkmal von Freundschaft, dass ich versuche, die Welt durch die Augen meines Freunde zu sehen und seine Wahrnehmung zu verstehen, oder?

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 326

Sonntaaaaaaaag! Und das heißt: Ausflugstag! Die letzten Male sind wir ja immer von hier zu hause aus aufgebrochen. Jetzt war es aber mal wieder Zeit, mit der Wackelkiste los zu ziehen. Ab ging es ins wilde Moor, da sind wir soooo gern! Aber andere Leute sind da auch gern, deswegen fahren wir da Sonntags eher nicht hin. Heute war aber ungemütliches Wetter und wir haben gehofft, dass sich dem nicht so viele Leute aussetzen wollen. Der Plan ging auch auf, es war nicht viel los. Direkt am Anfang, noch bevor es los ging, war ein bisschen Aufregung. Da, wo wir immer parken, ist nämlich direkt eine Weide mit Rindern. Nicht irgendwelche Rinder, sondern Schotten, so wie ich, nur als Kuh. Bzw in diesem Fall auch als Bulle. Die haben seeeeeehr beeindruckende Hörner. Und sie haben gerade Futter bekommen. Da kam ein Trecker mit einem Heulageballen auf der Gabel, das fanden wir schon spannend. Dann wurde das Tor auf gemacht – einfach so! Mein Mädchen hatte Sorge, dass so ein Rind sich überlegt, dass wir interessanter sein könnten als das Futter, aber zum Glück haben die Rinder gewartet, bis der Trecker durchs Tor war, der Mensch vom Trecker wieder runter geklettert und das Tor zu gemacht. Dann haben wir alle aufgeatmet und konnten endlich in Ruhe los reiten. Also: was ich halt so Ruhe nenne. Ich hatte Lust! Auf geht´s!

Die Runde im Moor kenne ich ja schon gut auswendig. Aber heute haben wir einen extra Schlenker mit eingebaut, den ich noch nicht kannte. Wir waren im fernen Kamerun! Erstaunlich, nicht wahr? Dieses Kamerun liegt aber nicht ganz so weit weg wie das in Afrika und es ist auch lange nicht so groß. Eigentlich besteht es nur aus 5 oder 6 Höfen und – zack – ist man schon wieder durch.

Kamerun!

Dann wurde es wieder ganz toll: wir sind galoppiert! Mein Mädchen und ich, während Diego und der Mann im Trab geblieben sind. Diesmal hab ich es wirklich raus gehabt und mich gut im Galopp eingefunden. Ich wollte auch gern etwas schneller, durfte ich auch. Und dann noch etwas schneller. Und dann… hat mein Mädchen gebremst. Schade.

Danach wollte ich eigentlich nur noch galoppieren. Ich meine: wer will traben, wenn er galoppieren kann? Ui, da gab es aber Mecker von oben. Dieser Weg wäre doch zu rutschig und ich sollte bitte traben! Aber ich könnte doch auch langsam galoppieren, mein Mädchen. Nein, war nicht erlaubt. Schade. Wo ich es doch gerade so schön geschnallt habe wie das geht.

Wir finden das Moor wunderschön, auch wenn das Wetter grau und verregnet ist

Nach 10 km in genau 100 Minuten waren wir dann wieder zurück an der Wackelkiste. Nass vom schwitzen und vom Regnen, schön durch gepustet und ganz zufrieden. Mein Mädchen sagt, die Rechnung ist heute einfach, wir sind „Tempo 10“ geritten, haben also 10 Minuten pro Kilometer gebraucht. Das ist ganz gut, für einen Distanzritt – selbst einen langsamen Anfängerritt – aber noch zu langsam. Siehst Du, sag ich doch: mehr Galopp! Aber mein Mädchen meint, für einen normalen Ausritt war das fein und wir können später noch mehr und auch schneller traben, wenn wir einen Sattel haben. Aber wir könnten eben auch mehr galoppieren! Finde ich.

Schön war das wieder, danke mein Mädchen!

Euer galoppierender Sir Duncan Dhu of Nakel

Unbeschwert

Duncan hat Euch ja in seinem Tagebuch (unter der noch gar nicht fälligen Nummer 333) das Video von unserem Hallenspiel gezeigt. Was für ein Riesenspaß! Und gleichzeitig für mich ein großes Erlebnis, weil alles sich so vertraut angefühlt hat. Da war keine Skepsis mehr bei mir, ob ich mir Erziehungserfolge kaputt mache, ob ich Duncan überdrehe oder überfordere ohne es zu merken, ob wir eine gemeinsame Idee haben, was wir da so tun könnten: wir beide kennen uns jetzt wirklich gut genug, um einfach völlig ungehemmt Spaß zu haben. Ein fröhliches Spiel, in dem manchmal er eine Idee hat, manchmal ich. Und ich konnte ihn so gut lesen, das ich wusste, wann es zu viel wurde, wusste, wann ich ihn etwas runterdrehen muss. Immer noch einen Hauch zu spät mit meinen Erkenntnissen, aber nur noch einen Hauch. Und er konnte deutlich kommunzieren, was er jetzt gut finden würde und wie er sich das vorstellt. Wenn alles zu viel war, ist er von mir weg gehopst, nicht auf mich zu oder gar in mich rein. Kurz und gut: einfach nur gemeinsamer Spaß.

„Unbeschwert“ nenne ich diesen Artikel, denn als ich darüber nachdachte, fiel mir zum ersten Mal auf, dass „unbeschwert“ so etwas wie eine doppelte Verneinung ist. Man könnte ja auch sagen „leicht“ und würde technisch gesehen das selbe meinen, dennoch tut man das im Sprachgebrauch nicht: da bedeutet „leicht“ etwas anderes als „unbeschwert“ oder? Ich war unbeschwert im Gegensatz zu den 3,5 Jahren die vergangen sind und die immer durch etwas „beschwert“ waren. Ich erinnere mich noch an diesen Tagebucheintrag in dem Duncan so schön schreibt, dass mein schweres Herz ganz leicht wird, sobald er mich trägt. Der Inbegriff von „unbeschwert“, oder? Vorher schwer, nachher leicht.

Unser Hallenspiel war unbeschwert – kein Gedanke an Erziehung oder Ausbildung, kein Ziel, kein Thema, kein zu lösendes Problem, keine Angst. Schockierend für mich selbst zu sehen, wie lange ich so etwas nicht erlebt habe. Das ist natürlich nicht Duncans Schuld! Er macht ja sowieso eigentlich immer alles richtig, jemand mit gelassenerem Gemüt und ohne traumatischen Verlust im Hinterkopf hätte von Anfang an fast jeden Tag unbeschwert sein können mit ihm. Ich nicht. Und wenn ich mich so umsehe in meinem Schülerinnenkreis, dann sehe ich dort ebenfalls wenig Unbeschwertheit. Sorgen um die Gesundheit des Pferdes, Ansprüche an die eigenen Künste, Ängste, auch all die Dinge, die aus dem Alltag mit zum Pferd kommen liegen vielen von uns als Ballast auf der Seele rum. Wenn ich dann zum Unterricht komme, ist natürlich auch der Anspruch da, dass es voran gehen soll. Meine „Beschwerung“ der letzten 3,5 Jahre war oft der Gedanke an Duncans Hengst-sein. Der Gedanke, dass ich viel genauer aufpassen muss, was ich ihm beibringe als ich das bei einem Wallach tun würde. Der Gedanke, dass ich keine Erfahrung mit diesen Dingen habe. Dass ich nicht weiß, wohin die Entwicklung geht. Grundätzlich aber auch das Wissen darum, dass das, was er jetzt lernt, so viel Einfluss auf unsere Zukunft hat, weil es eben die ersten Dinge sind, die Grundlage für alles. Viel mehr als alles was später kommt, wird ihn das prägen, was in den ersten Jahren passiert. Jetzt ist der 4,5 Jahre alt, ich habe bereits 3,5 Jahre investiert und ich sehe an allen Ecken und Enden wie mein Plan schön aufgeht. Und je öfter ich sehe, wie Duncan sich benimmt, desto unbeschwerter werde ich. Desto mehr fällt eine Last von meinen Schultern und es fällt auch Altlast von meinem Herzen. Je öfter er mich trägt und je mehr ich ihm dabei vertraue, desto leichter wird die Trauer um meinen Finlay. Jetzt, nachdem er über 3 Jahre tot ist, kann ich mir Erinnerungen anschauen und lächeln. Dann vergleiche ich manchmal: schau mal, da war Finlay so alt wie Duncan jetzt ist. Und der Vergleich tut nicht mehr weh. Das ist neu – und unbeschwert.

Duncan ist – genau wie mein Finlay es war – selbst ein unbeschwertes Pferd. Er hat in seinem Leben nichts schlimmes erfahren, hat eine solide Vertrauensbasis. Er hat ein gutes Seelenfundament, das stabil genug ist um auszuhalten, was das Leben uns vielleicht noch so zumutet. Im Gegensatz zu mir macht Duncan sich keine Gedanken um die ferne Zukunft, sondern nur um die nähere (wer weiß schon, wie und wie weit Pferde voraus denken – einen Tag, eine Woche? Ich behaupte: nicht länger als das, denn das würde ihnen wohl nichts nützen.). Ich hingegen denke an Jahre, die noch kommen und manchmal „beschwert“ mich das, weil ich weiß, dass da noch Pubertät und Entwicklung zu durchleben ist und und weil ich nicht weiß, was uns diese Zeit noch bringt. Umso wichtiger ist es, dass ich mir die unbeschwerten Momente hole und sie bewusst wahrnehme und das mache ich mir jetzt zur Aufgabe. Ich allein bin dafür verantwortlich, mir solche Momente zu suchen, zu finden und sie auszukosten. Duncan steht parat und ist sicher jederzeit dafür zu haben.