Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 331

Gestern hat mein Mädchen meinen Schweif angeschaut und gesagt „Deine Glückssträhne ist da ja immer noch drin, das ist schön“. Und dann haben wir vereinbart, dass wir euch von meinen Glückssträhnen erzählen.

Das kam so: heute vor 4 Wochen bin ich zum zweiten Mal ins Pferdekrankenhaus gekommen. Es ging mir soooo mies, ich mochte nicht essen und ich wollte am liebsten gar nicht angefasst werden. Ich wurde schon sauer, wenn jemand mit dem Halfter kam! Mein Mädchen wusste aber, dass das nur bedeuten kann, dass es mir schlecht geht. Wir sind also ins Krankenhaus gefahren und da bin ich von oben bis unten untersucht worden. Weil die Tierärzte nicht ganz sicher waren, ob ich ansteckend bin, musste ich dann auf die Isolierstation. Da ist man ganz allein! Und mein Mädchen hat sich große Sorgen gemacht. Um meine Gesundheit, aber auch um meine Seele. Darum hat sie sich was überlegt. Sie hat zu hause meine 4 Kumpel mit Handtüchern abgerieben, damit die gut riechen. Dann hat sie mir die Handtücher mit in die Klinik gebracht und an meiner Box drapiert. So hat es ein bisschen nach zu hause gerochen, das war toll!

Schade dass ihr es nicht riechen könnt!

Der Mann hat Diego zwei Haarsträhnen geklaut und dann haben sie mir eine davon in die Mähne geflochten und eine in den Schweif. Weil man manchmal nicht mit einer Glückssträhne auskommt, hat mein Mädchen gesagt, sondern zwei braucht. Anscheinend hat es ja geholfen, denn ich bin ja dann ganz schnell wieder gesund geworden.

Eine Glückssträhne (bzw zwei) war genau das was ich dringend brauchte!

Jetzt trage ich meine Glückssträhnen mit Stolz so lange sie noch halten. Und die Klinik will ich am liebsten nie wieder von innen sehen, ehrlich gesagt. Da ist mein Mädchen ganz bei mir. Wir vergessen das alles jetzt am besten ganz schnell und genießen unser Leben.

Alles vergessen und das Leben genießen. Ich bin jeden Tag etwas besser drauf!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit den zwei Glückssträhnen

Häppchen

Wie isst man einen Elefanten? Nun, die ethisch korrekte Antwort lautet: gar nicht. Dennoch ist der arme Elefant immer das Beispiel an dieser Stelle und die Antwort lautet immer ähnlich: indem man ihn in mundgerechte Happen zerlegt.

Nach meinem frustrierenden Unterrichtserlebnis tat ich, was ich immer tue: ich habe andere mit meinem Frust genervt. Erst Arnulf, dann meine Freundin, dann noch ein paar andere. Habe wieder und wieder gefragt „bin ich zu blöd mich klar auszudrücken? Warum kriege ich keine Antwort auf meine Fragen? Warum fühle ich mich so unfähig?“ Meine Freundin hatte die passende Antwort: wenn Du es nicht kapierst, hat die Reitlehrerin es nicht kleinschrittig genug aufgebaut. Und da hatte sie exakt einen der Punkte getroffen, warum ich so frustriert war. Denn entgegen der Aussage, die meine Lehrerin in der Stunde getätigt hat („die Methode ist extrem kleinschrittig“) waren da ganz schön viele Schritte auf einmal, die Duncan und ich bewältigen sollten:

  • die Zügelführung war für uns beide neu
  • Duncan war damit überfordert, das langsame Tempo so lang zu halten
  • ich sollte, wenn er zu schnell wurde und zu weit nach vorn kam, anhalten und dann selbst wieder in die korrekte Position gehen. Das kennt mein Pony aber nicht, dass er steht und ich direkt neben ihm zwei Schritte vor gehe. Er geht dann mit los. Und auch mein Warte-Kommando hat in dieser Situation nicht gut funktioniert, weil wir es in der Form noch nie verwendet haben. Allein das hätte ich erst mal kurz üben müssen, damit es klappt
  • für mich war die Körpersprache die ich verwenden sollte, neu
  • für mich war auch allein die Tatsache, online Unterricht zu haben, neu. Nur den Knopf ihm Ohr, niemand zu sehen, das war schon ungewohnt genug.
  • die Orientierung auf dem Reitplatz war für mich kompliziert (bis ICH das Problem über Hütchen gelöst habe. In meinen Augen wäre es der Job der Reitlehrerin gewesen, das vorzuschlagen, zumal sie sagte, ich sei nicht die erste mit diesem Problem.)

Und während wir mit all diesen Dingen beschäftigt waren, sprudelte über den Knopf in meinem Ohr ein Fluss von Informationen auf mich ein. Derweil hat Online-Unterricht einen großen Nachteil: das Pferd weiß nicht, wann die Reitlehrerin lobt. Ich muss als Schülerin immer gut aufpassen, dass ich das Lob entsprechend weiter gebe, obwohl ich so sehr mit mir selbst beschäftigt bin.

Alles in allem war ich komplett überfordert. Vor mir stand ein Elefant und ich sah mich nicht in der Lage, ihn zu essen. So richtig klar wurde mir das aber erst nach dem Hinweis meiner Freundin. Für mich als Unterrichtende ist das eine durchaus heilsame Erfahrung gewesen. Oft stehe ich in der Mitte und denke „klappt doch, lass mal weiter gehen“ und übersehe, dass Pferd und Mensch bereits am Limit sind. Oder dass das Pferd zwar bereit wäre für die nächste Stufe, der Mensch aber nicht so weit ist. Wenn man daneben steht und all die Schritte schon so oft gegangen ist, kommt die Aufgabe einem nicht mehr so schwer vor. Oder wie Amanda Barton einmal so schön sagte: es ist sehr leicht, ein Pferd zu reiten, so lange man auf einem Stuhl sitzt.

Einen Tag nach diesem Erlebnis war ich selbst dann wieder die Reitlehrerin und habe die bisher ungewöhnlichste Reitstunde meines Lebens gegeben. Eine Schülerin bat mich, ihr Pony im Gelände zu reiten, während sie neben uns her läuft. Nicht, weil das Pony ein Problem hätte – er ist wunderbar artig und absolut geländesicher – sondern weil die Besitzerin eine Erinnerung mit sich herum trägt. Die beiden sind vor Jahren mal gemeinsam gestürzt und diese Erfahrung hat sich nicht beim Pony, wohl aber beim Menschen im Gehirn eingenistet und ihr Unwesen getrieben. So etwas passiert. Nun gehen die beiden zwar ausreiten, aber nur im Schritt und wenn eine Bodenunebenheit zu sehen ist, hört die Reiterin auf zu atmen. Sie hatte sich überlegt, dass es ihr helfen würde, einmal von außen sehen zu können, wie ihr Pony im Gelände aussieht und wie es sich bewegt. Wir hatten eine Menge Spaß zusammen, während das Pony und ich jede Bodenunebenheit aufsuchten, die wir finden konnten. Es zeigte sich, dass er inzwischen trittsicher und geschmeidig überall durch kommt und sich dabei auch noch pudelwohl fühlt. Die Aktion war extrem erfolgreich: nur wenige Tage später bekam ich eine Nachricht, dass sie auch ausreiten war und sich nun, meiner Empfehlung folgend, Schritt für Schritt an das Thema heran pirscht. Voller Erstaunen sagte sie mir „ich fühle gar nicht, dass der Boden uneben ist“. Neee, hatte ich auch nicht gefühlt. Bester Beweis dafür, dass das Pony damit klar kommt.

Ihre Art, den Elefanten zu zerteilen, mag ungewöhnlich sein, aber so lange sie erfolgreich ist, kann uns das doch egal sein oder? Und ich habe gelernt, welche Optionen es noch so gibt, Häppchen kleiner zu machen. Manchmal denke ich, wenn man Pferde ausbildet, ist das eigentlich die Hauptarbeit: Häppchen noch kleiner machen. Bis sie schließlich mundgerecht sind. Im Gegensatz zu einem echten Elefanten ist es übrigens bei der Pferdeausbildung meist so, dass es schneller geht, wenn man kleinere Häppchen nimmt. Der Elefant schrumpft dann quasi in sich zusammen, manchmal wird fast schon eine Mücke daraus. Wie ich jetzt gelernt habe, merke ich selbst manchmal zu spät, dass Happen zu groß serviert wurden. Darum erneut meine Bitte an alle, die bei mir Unterricht nehmen: tretet auf die Bremse, wenn ich Euch zu schnell bin. Haltet mir das symbolische Messer hin und sagt „bitte kleinere Happen draus machen“.

In meinem Fall habe ich mich übrigens aus verschiedenen Gründen entschieden, diesen speziellen Elefanten nicht zu verspeisen. Nicht jeder Elefant ist für uns gedacht. Hoch erhobenen Hauptes wenden Duncan und ich uns ab und sagen „nein, danke“. Und ich bin verdammt stolz auf mein Pony, der das gigantische Chaos wunderbar erwachsen ausgehalten hat, nicht wütend und verzweifelt wurde, sondern sein Bestes gegeben hat, während ich wirr und abgelenkt war. Und ich beneide ihn darum, dass er nicht tagelang brütet, was er wohl falsch gemacht hat, warum er nicht verstanden wurde und warum er keine Antworten auf seine Fragen bekommen hat. Er geht zu seinen Kumpels, kneift irgendwen, lädt so seinen Frust ab und danach ist alles wieder gut. Und mir verzeiht er spätestens beim nächsten längeren Ausritt.

Ein paar solcher Pannen haben wir sicherlich immer gut bei unseren Pferden. Wenn es ab und zu mal nicht klappt, ist das nicht schlimm, so lange wir in 90% der Fälle darauf achten, Elefanten in mundgerechten Häppchen zu servieren.

Mahlzeit!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan dhu 330

Nach dem ganzen kastrieren und krank sein und rum stehen bin ich nicht mehr so recht in Form. Es gab dann auch noch ein kleines Missgeschick, bei dem ich mir meine Rückenmuskeln ordentlich gezerrt habe und so bin ich jetzt ein wenig steif und unfit. Ich kann zwar so normal rum laufen und auch mein Mädchen mal ein Stück im Schritt geradeaus durchs Gelände tragen, aber wenn ich mit Gatsby spiele, dann mag ich noch nicht wieder so richtig Gas geben und auf dem Reitplatz im Trab an der Hand bin ich auch noch nicht wieder ich selbst. Deswegen hat mein Mädchen mir neben der üblichen Gymnastik ein Spezialprogramm verschrieben. Dazu hat sie den Mann geholt, der ist ja unser Haus- und Hof-Osteopath und kennt sich aus. „Der Osteopath im Haus ersetzt die Axt“ sagt mein Mädchen dann immer und kichert. Der Mann hat meine Muskeln angegrabbelt und meinem Mädchen gezeigt wo und wie sie mich massieren kann. Mein Job war, Rückmeldung zu gehen: Aaaaaaaah da ist es gut! Autsch! Da nicht so fest!

Außerdem soll ich auch noch ein paar Dehnübungen machen. Dann hält mein Mädchen mein Bein hoch und ich kann mich da so rein-entspannen. Hat einen Moment gedauert bis ich das kapiert hab, aber dann war es toll. Mein Mädchen meinte, sie bricht gleich zusammen, weil ich mich so entspannt hab und so schwer wurde. Mir egal, sie ist schließlich schuld an der Misere. Ich hab nicht darum gebeten, kastriert zu werden! Soll sie mal machen.

Außerdem zieht sie mir jetzt nach der Arbeit manchmal für eine Weile Merlins Spezial-Decke drauf. Die ist zwar bisschen groß für mich, aber sie wärmt die Muskeln so schön durch.

Gemütlich. Bisschen wie der Schlafanzug von großen Bruder.

Und mit dem guten Programm und ein bisschen Geduld bin ich bald wieder ganz fit, sagt der Mann. Und der muss es wissen, oder?

Euer Sir Duncan dhu of Nakel mit Verwöhnprogramm

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan dhu 329

In meinem Intimbereich, da wo sie kürzlich an mir herum geschnippelt haben, ist noch eine kleine Schwellung. Der Tierarzt hat meinen Mädchen gesagt, sie soll das „aggressiv beobachten“. Und wenn mein Mädchen irgendwas kann, dann das! Ihr glaubt gar nicht, wie oft sie da jetzt hin schaut. Und rum fühlt. Und Fieber misst. Und ständig macht sie Fotos! Dabei ist doch da jetzt gar nichts mehr zu sehen, das ist doch weg!

Aber es hat auch gute Seiten. Es gibt nämlich dauernd Kekse, ohne dass ich was dafür tun muss. So oft, dass mein Mädchen jetzt meint, ich wäre voll verwöhnt und würde das betteln anfangen. Aber ich kann halt auch so süß betteln, dass sie gar nicht nein sagen kann – weil sie so froh ist, dass ich hier bin und es mir gut geht. Weil mich die kleine Schwellung nämlich gar nicht stört, mir ist die egal.

Außerdem hat sie beschlossen, dass ausgiebig Schritt gehen das Mittel der Wahl ist und deswegen waren wir gestern 2 Stunden draußen unterwegs und haben 10km geschafft. Immer abwechselnd laufen und reiten, aber nur Schritt. Weil mein Mädchen findet, ich soll sie noch nicht wieder im Trab tragen aber im Trab neben mir her laufen kann sie ja auch nicht, weil sie sooooooo langsam ist. Naja, so sind wir also mit Diego und dem Mann los gezogen. Direkt an der ersten Ecke, kurz vorm Dorf, hat Diego plötzlich eine Vollbremsung hingelegt. Er fürchtet sich ja wirklich selten, aber diese riesigen Dinger, die da so in Lauerposition standen, fand er doch bemerkenswert. Der Mann hat ihm dann gesagt, dass er doch ruhig gucken gehen kann und das hat er gemacht. Ich hab dann beschlossen, dass Diego das schon regelt und bin einfach entspannt an den Maschinen vorbei gegangen.

Diego schaut sich das erst mal genau an.

Dann hab ich erst kapiert was die da machen: die erneuern unsere Galoppstrecke! Mein Mädchen meint, das ist der Radweg und nur weil wir da unsere ersten Galoppversuche illegaler weise getätigt haben (natürlich nur als weit und breit niemand zu sehen war), ist das noch lange nicht „unsere Galoppstrecke“. Das sehe ich aber anders! Und habe gleich mal angemerkt, dass ich das mit dem Schritt gehen voll blöde finde. Naja, keine Chance.

Schau nur, mein Mädchen, die machen unsere Galoppstrecke neu!

Dann kamen wir ins Dorf zum Landgasthof. Mit dem stehen wir irgendwie auf Kriegsfuß, da sind ständig komische Sachen. Diesmal waren da Kinder, die in so einem Wagen von ihren Eltern geschoben wurden und sehr laut geschrieen haben. Ich hatte mich gerade entschlossen, dass das ok ist, und war mutig vorbei gegangen, als die Kinder plötzlich aus dem Wagen raus gefallen sind und RICHTIG laut am Kreischen waren! Da hab ich doch mal einen gehörigen Satz gemacht vor lauter Schreck. Danach konnte ich zwar artig Schritt gehen, aber ich war doch etwas aufgeregt und fand plötzlich alles gruselig. Hat eine Weile gedauert, bis ich wieder wirklich entspannt war.

Dann durch den Wald nach Kleinvollstedt. Dort hat Diego mitten auf der Straße geäppelt. Mein Mädchen hat es eingetütet und bei einem Briefkasten abgelegt. Seit wann macht sie denn so was? Sie sagte, da wohnt eine Schülerin von ihr, die nimmt das bestimmt für uns mit zu ihrem Misthaufen. Weil mein Mädchen zu faul war, es mit zu schleppen. Tsssssss, ich sag es ja, sie ist faul!

Ich war mittlerweile schon deutlich entspannter und mein Mädchen ganz fröhlich. Noch fröhlicher wurde sie zu hause, als sie gesehen hat, dass die Schwellung deutlich kleiner geworden ist von dem ganzen Schritt gehen. Sie sagt, wenn die Schwellung weg ist, erklärt sie mich für endgültig geheilt, dann darf ich auch wieder mit ihr oben drauf traben. Das ist doch mal ein Anreiz! Außerdem droht sie mir immer, dass sie mit dem Gartenschlauch kommt und das kühlt, wenn ich es nicht allein hinkriege. Bei dem Wetter willst du mir mit kaltem Wasser ans Gemächt? Spinnst du? Das lassen wir mal schön. Gut, es liegt an mir, sagt sie. Ich werde mich also bemühen. Bald bekommen wir nämlich einen Testsattel und da muss ich doch fit sein für die Anprobe!

Euer fast vollständig geheilter Sir Duncan Dhu of Nakel

An die Reitschülerin

Ich habe diesen Artikel komplett in der weiblichen Form geschrieben. Ich arbeite fast ausschließlich mit Frauen, die Männer (Schüler wie Reitlehrer) mögen sich bitte mit angesprochen fühlen.

Liebe Reitschülerinnen,

ich wende mich heute mit einer Bitte an Euch. Dabei ist es egal, ob Ihr bei mir Unterricht nehmt, oder bei jemand anders.

Ich selbst habe neulich Unterricht genommen, der mich sehr frustriert zurück ließ, was mich veranlasst hat, noch einmal genauer darüber nachzudenken.

Viele Reitlehrerinnen beschäftigen sich den ganzen Tag mit Pferden und nur wenig mit der Kommunikation von Mensch zu Mensch. Viele Reitlehrerinnen haben selbst nie guten Unterricht genossen – wobei ich mit „gut“ nicht meine, welche Methode unterrichtet wird und wie qualifiziert die Lehrperson im Umgang mit Pferden ist, sondern wie gut das Wissen an den Menschen vermittelt wird. Viele, die Reitunterricht geben, sind selbst sehr talentiert im Umgang mit Pferden und im Reiten. Das bedeutet leider, dass sie erst lernen müssen, weniger talentierten und geübten Reiterinnen etwas zu vermitteln. Nicht jede Reitlehrerin kann das und nicht jede findet es wichtig – deswegen hier meine erste Bitte: sucht Euch eine Reitlehrerin, die nicht nur mit Pferden arbeiten möchte, sondern auch wirklich Spaß am Unterrichten hat. Ich spreche da aus eigener Erfahrung, denn am Anfang meiner Hufpflegekarriere habe ich den Menschen eher als notwendiges Übel empfunden. Am liebsten hätte ich mich nur mit den Pferden beschäftigt. Unterrichten wollte ich nie, denn es erschien mir wie der frustrierendste Job der Welt: man sagt der Reitschülerin was sie machen soll, sie kann es aber nicht umsetzen und also sagt man es immer wieder. Völlig hirnlos.

Erst als ich 2009 zum ersten Mal Amanda Barton beim Unterrichten zusehen durfte, fiel bei mir der Groschen. Ab diesem Moment fing ich an, mich für die andere Hälfte der Pferd-Mensch-Beziehung zu interessieren. Ich fing an, mich im Bereich Kommunikation fortzubilden und ich begann, zu unterrichten. Ganz sicher haben einige Schülerinnen unter mir gelitten, wofür ich mich in aller Form entschuldigen möchte. Noch heute sage ich von mir selbst „es gibt zwei Arten von Schülerinnen, die einen halten mich aus, die anderen habe ich nicht lang“. Ich habe ein loses Mundwerk, das manchmal mit mir durchgeht und ich lache gern laut und viel. Und ich habe – so wird mir zumindest gesagt – eine recht direkte Art zu kommunizieren. Bei der Arbeit mit Ponys ist das übrigens ein großer Vorteil!

Ich bemühe mich, Dinge immer so positiv wie möglich zu formulieren. Wenn ich etwas kritisiere, zeige ich (hoffentlich!) immer einen Lösungsweg auf. Natürlich habe ich aber auch mal schlechte Tage und sicher bin ich nicht immer sensibel genug um die Sorgen meiner Schülerinnen wahr- und ernst zu nehmen. Daher meine dringende Bitte an Euch alle:

Helft mir und meinen Kolleginnen, Euch gut zu unterrichten! Wenn Ihr etwas nicht versteht, fragt nach. Wenn Ihr es dann immer noch nicht versteht, fragt wieder nach. Fragt so lange nach, bis Ihr eine verständliche Erklärung bekommen habt. Wenn jemand die Frage immer auf die gleiche Art (oder womöglich gar nicht) beantwortet, habe ich schlechte Nachrichten für Euch: diejenige ist nicht in der Lage, die Antwort anders zu formulieren oder versteht eure Frage nicht. Dann würde ich Euch raten, die Antwort woanders zu suchen. Aber gebt der Gefragten mehrfach die Chance, es umzuformulieren. Menschen kommunizieren und denken unterschiedlich und manchmal muss man sich darauf erst einstellen. Wird aber eine Frage auch nach mehrmaligem Stellen nur ausweichend beantwortet, dürft Ihr schon mal skeptisch werden.

Viele Reitlehrerinnen sind selbst in Systemen groß geworden in denen Menschen unterbewusst ständig suggeriert wird, dass sie zu dumm sind, ihr Pferd zu schlecht und/oder dass das sowieso nie was wird. Früher war es üblich, (Reit)schülerinnen klein zu halten. Heute sollten wir es besser können. Wenn Ihr Euch im Reitunterricht dumm und unfähig fühlt, dann stimmt etwas nicht. Sprecht mit Eurer Reitlehrerin darüber. Es ist ihr Job, Euch und Eurem Pferd zu helfen. Du und Dein Pferd, Ihr sollt beide stolz und zufrieden aus dem Unterricht gehen – zumindest meistens, schlechte Tage gehören natürlich auch mal dazu. Es darf keine Monate des Frusts dauern, bis Ihr erste, zarte Fortschritte merkt. Eine gute Reitlehrerin kann Euch spätestens in der zweiten oder dritten Reitstunde da abholen wo Ihr steht und das heißt, dass Ihr merkt, dass es besser wird (völlig egal, was das Thema ist). Besser werden heißt nicht, dass Probleme weg sind, aber dass Ihr versteht, worum es geht und Übungen an der Hand habt, die Ihr selbständig nacharbeiten könnt.

Reitlehrerinnen muss man ausprobieren. Traut Euch, das zu tun und bleibt dann nicht dabei, nur weil Ihr nicht absagen mögt. Die Chemie muss stimmen, sonst hilft es alles nix.

Wenn Ihr in manchen Situationen Angst habt oder Euch Sorgen macht um Euer Pferd, dann sprecht mit Eurer Reitlehrerin darüber. Wenn sie darüber hinweg geht und Euch oder Euer Pferd in angsterfüllte Situationen „hinein schubst“ ohne das entsprechend zu begleiten: sucht Euch bitte jemand anders.

Wenn Schritte zu groß sind und nicht bewältigbar erscheinen, bittet darum, dass sie in kleinere Häppchen zerlegt werden. Wer Pferde ausbildet, sollte das können. Natürlich ist nicht immer alles leicht zu lernen. Viele Dinge erfordern einfach Übung. Lernfrust gehört dazu. Fragt Euch dann: „Fühle ich mich von meiner Reitlehrerin unterstützt oder ist sie eigentlich diejenige die den Frust erzeugt?“

Habt keine Angst davor, solche Dinge anzusprechen. Manchmal merken wir Reitlehrerinnen etwas nicht und sind dann nur allzu dankbar, wenn wir einen Hinweis bekommen. Wir sind schließlich auch nur Menschen. Und wir wollen ja auch gern lernen und besser werden.

Macht Euch klar, was Ihr mit Eurem Pferd erleben, erreichen und tun wollt. Wie soll Eure Beziehung sein, was ist wichtig für Euch und wo geht es vielleicht um die Gesundheit Eures Pferdes oder um Sicherheit für alle Beteiligten? Formuliert Euer Anliegen möglichst klar. Sucht Euch die passende Lehrerin für Euer Thema. Viele meiner Schülerinnen nehmen parallel noch anderen Unterricht, auch das ist völlig ok, denn eine Reitlehrerin kann nie alles wissen und können.

Und das aller wichtigste: habt Spaß am gemeinsamen Lernen mit Eurem Pferd. Auch dabei sollte Euch Eure Lehrerin unterstützen.

Ich danke all meinen Reitschülerinnen für die vielen schönen Stunden, die wir gemeinsam mit Euren Pferden schon verbracht haben. Ich danke Euch für Euer Vertrauen, Eure Ehrlichkeit, Eure Hingabe an Euer Pferd. Danke, dass Ihr so oft mit mir lacht und Euch freut. Danke, dass Ihr mit mir zusammen stolz feiert, wenn Euer Pferd etwas gut gemacht hat. Danke, dass Ihr stets und ständig das Wohlbefinden Eures Pferdes mit im Blick habt. Danke an alle, die mich ausbremsen, wenn ich zu schnell voran gehen will. Danke für alles wo Ihr mich missversteht, Ihr helft mir, zu lernen, es besser zu erklären. Danke für jede einzelne Eurer Fragen. Danke auch für Eure vielen Antworten, die ich weiter trage zu anderen Schülerinnen. Es ist toll, mit Euch und Euren Pferden arbeiten zu dürfen!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 328

Mein Mädchen baut ja gern mal was auf, wenn wir auf dem Reitplatz üben. Meistens ergibt sich dann der Laufweg auch direkt von allein. Aber was soll das für ein Aufbau sein? Gestern nachmittag hat sie sich da lange mit beschäftigt. Ist hin und her gelaufen, hat die blauen und gelben Dinger durch die Gegend geschubst, kritisch geguckt, wieder zurück geschubst. Schließlich war sie wohl zufrieden. Ich habe sie die ganze Zeit genau beboachtet. Wir waren aber vorher schon auf dem Reitplatz gewesen und hatten was gemacht und leider, leider war ich dann doch nicht nochmal dran.

Heute hat sie dann ihr Handy auf den Hocker gestellt und sich einen Knopf ins Ohr gesteckt. Dann hat sie mich geholt und gesagt, wir hätten jetzt Unterricht. Ja? Wo ist denn die Reitlehrerin? „Da im Handy“, sagt mein Mädchen „und in meinem Ohr“. Na jetzt geht es aber los! Was soll das denn sein? Ich meine, als Hugo bei uns war, den konnte ich wenigstens sehen! Aber ein Reitlehrerin, die ich nicht sehe?

Reiten war auch gar nicht dran, sondern Handarbeit. Bzw so eine spezielle Art des Führens. Immer geradeaus und dann um die Ecke. Gaaaaaaaanz langsam. Und wir durften nur den Teil des Reitplatzes benutzen bis zu den Gassen, weil das Handy nicht so weit gucken kann.

Oha. Das ist ja nicht so ganz meins, muss ich gestehen. Und irgendwie auch viel komplizierter und anstrengender als es aussieht. Mein Mädchen hat so ziemlich durchgehend vor sich hin geflucht, weil sie nicht gefühlt hat, was sie hätte fühlen sollen. Ich hab mich einfach bemüht, alles richtig zu machen. Aber ich sag mal so: wenn mein Mädchen nicht weiß, was richtig ist, woher soll ich es dann wissen?

Also kurz und gut: das war eher chaotisch als irgendwas anderes. Mein Mädchen war nachher ein bisschen fertig mit den Nerven. Ich nicht, weil die Keksrate trotz allem ok war und weil ich ja grundsätzlich ein entspannterer Typ bin als sie.

Jetzt sehen wir mal, wie das wohl so weiter gehen soll. Mein Mädchen meint, eigentlich bräuchte sie jetzt jeden Tag Unterricht, bis sie das fühlt was sie da fühlen soll. Das geht aber aus mehreren Gründen nicht, hauptsächlich Zeit und Geld (weil Merlin und ich in letzter Zeit so viel gekostet haben und dann soll ich ja noch einen Sattel bekommen!). Wie ich mein Mädchen kenne, hat sie aber schon einen Plan geschmiedet, wie wir üben können obwohl sie es nicht fühlt. Manchmal muss sie sich erst aufregen und wieder abregen und dann ganz lang nachdenken aber am Ende kommt doch immer was brauchbares raus. Es bleibt also spannend – stay tuned!

Euer Sir Duncan dhu of Nakel mit der unsichtbaren Reitlehrerin

Grummeln und Grinsen

Ich bin mit Duncan auf dem Reitplatz, wir machen Handarbeit. Ich nehme die Zügel auf, Duncan geht los. Nein! Du sollst doch warten bis ICH los gehe! Diskussion. Auf ein neues! Ich nehme die Zügel auf, Duncan geht los. Verflixt und zugenäht! Mein sonst so schnell lernendes Pony ist nicht bereit, sein Verhalten zu verändern. Ich grummle. Es dauert, bis ich die Zusammenhänge erkenne: Er hat gelernt, dass etwas passiert, wenn ich die Zügel aufnehme. Irgendwas, manchmal was im Stand aber meistens was in Bewegung. Er hat Lust zu arbeiten, ist hoch motiviert. Und er ist ein vorhandlastiger Typ, der noch nicht viel anderes gelernt hat als einfach los zu marschieren (weil wir ja vor allem im Gelände Meter machen). Was passiert also? Wenn ich die Zügel aufnehme und er erwartet, dass es los geht, dann schiebt er aufgrund der Erwartung sein Gewicht nach vorn. So weit, dass er schließlich los gehen MUSS um nicht umzufallen. Er hat also irgendwann gelernt (und ich weiß auch genau von wem…..) dass Bewegungserwartung bedeutet, dass er sein Gewicht nach vorn verlagern soll. Ja holla, das ist ja mal gründlich schief gegangen! Klar, ich hab ihm das wohl beigebracht. Ich weiß nicht wann und wie, aber ich habe, denn niemand anders arbeitet mit ihm. Jetzt muss ich ihm also das Gegenteil verklickern. Zügel aufnehmen = Erwartungshaltung dass wir gleich was machen = Gewicht nach HINTEN, etwas aufrichten, groß machen, positive Spannung aufbauen. DANN los gehen.

(Kleiner Einschub an dieser Stelle. Ganz oft begegnet mir so ein Thema bei Reitschülerinnen: das Pferd hat Blödsinn gelernt. Und dann geht die Selbstkasteiung los. Frauen glauben dann gern, sie seien zu blöd, sie haben alles falsch gemacht und ihr armes Pferd leidetunter ihrer Unfähigkeit. Liebe Damen, hört damit auf, das hilft niemandem. Auch die beste Ausbilderin macht Fehler und entwickelt sich (hoffentlich!) weiter. Wenn wir ganz gelassen erkennen können: Ups, ich hab dem Pferd Blödsinn beigebracht, dann können wir genauso gelassen unserem Pferd etwas neues, besseres beibringen. Das Pferd ist immer bereit, etwas neues zu lernen, so lange wir es ihm freundlich und kleinschrittig erklären und das erwünschte Verhalten gut belohnen.)

Nun fangen wir also neu an. Zügel aufnehmen, Pony soll sich aufrichten und hübsch machen. Keks! Sobald ich die Übung von diesem Gesichtspunkt sehe und entsprechend übe und belohne, klappt alles ganz schnell (so wie ich es von Duncan gewöhnt bin). Gleichzeitig entdecke ich während der Übung, dass auch mein eigener Körper eine ungünstige Erwartungshaltung einnimmt. Ich selbst denke nämlich auch heimlich schon an die Übung, während ich die Zügel aufnehme und lehne mich ein bisschen vor. Aha! SO hab ich ihm das beigebracht! Jetzt ziehe ich also in Gedanken mein Ballett-Tutu an (nicht dass ich jemals wirklich eins getragen hätte, aber die Vorstellung erheitert mich und das verhindert, dass ich mich über meinen Fehler ärgere). Immer wenn ich die Zügel aufnehme, denke ich an den wunderschönen Film „Billy Elliot – I will dance“ und rufe mir selbst „1. Position!“ zu. Die rauchende Ballettlehrerin steht am Rand und guckt streng. Nein, ich drehe dabei nicht die Füße nach außen. Wäre ganz übel, denn beim los laufen würde ich dann garantiert sofort auf die Nase fallen. Aber ich richte mich auf und demonstriere meinem Pony, was ich von ihm erwarte. Und Duncan ahmt mich nach. Erst dann gehen wir los.

Nach ein paar Mal üben kann ich den Unterschied erleben: wenn Duncan jetzt doch noch mal unaufgefordert los geht, kann er sofort, nach dem ersten Huf, stoppen. Vorher konnte er das nicht, weil sein Schwerpunkt so weit vorn war.

Und ich denke grinsend an die Geschichte, die ich Reitschülerinnen immer erzähle, wenn es um den Schwerpunkt und die Bremse geht. Ich erzähle dann von meinem Vater. Als ich Fahrrad fahren lernte, besaß er die Unverschämheit, mir zu erzählen, man müsste erst mit dem Fahrrad stehen können, bevor man fahren kann. Er konnte das: auf dem stehenden Rad sitzen. Mit winzigen Ausgleichsbewegungen. Der Durchschnitts-Radfahrer (zu beobachten in freier Wildbahn in Anfahrt auf eine rote Ampel) kann das keineswegs, sondern springt noch halb im Fahren vom Sattel um einen Fuß an den Boden zu bekommen. Weil der Fahrradfahrer das Sinnbild von „dem Schwerpunkt hinterherfallen“ ist. Je langsamer er fahren will, desto besser muss er sein Gleichgewicht halten. Und obwohl so ein Pferd 4 Beine hat, geht es ihm oft gar nicht anders. In natürlicher Grasebeschäftigung ist der Schwerpunkt vorne und die Beine laufen quasi dem Kopf hinterher. Nur wenn der Schwerpunkt zurück kommt, kann mein Pony erhobenen Hauptes elegant über den Reitplatz schreiten. Und nur dann kann es auch bremsen. Hängt es erst mal vorn, dann verlängert sich der Bremsweg dramatisch mit steigendem Tempo.

Ich denke daran, wie vielen Pferden ich das Anhalten und Losgehen beigebracht habe. Und wie viele davon ich allein gelassen habe mit der Suche nach der besten Methode, das zu schaffen. Und ich bin froh, dass ich jetzt mehr weiß als früher und meinem Pony gleich zeigen kann, wie es am besten geht. Er muss das nicht mehr selbst raus finden. Ich verstehe, dass erfolgreiche Pferde- Ausbilder deswegen so viel schneller sind mit ihrer Arbeit, weil sie dem Pferd eine präzise, kleinteile Anweisung geben können. Nicht nur dazu, was es tun soll, sondern eben auch dazu, wie es das am schnellsten und einfachsten hin kriegt. Und ganz nebenbei erweise ich mich damit in den Augen meines Ponys als kompetent. Anstatt Aufgaben zu stellen, die unlösbar scheinen, kann ich Aufgaben so erklären, dass sie lösbar sind. Ich verstehe aber auch, dass selbst die kleinste, offensichtlich einfachste Aufgabe, die jedes Pferd draußen auf der Weide von selbst erledigt, im Zusammensein mit dem Menschen eine Herausforderung werden kann, weil wir die Aufgabe aus ihrem natürlichen Zusammenhang reißen. So habe ich doch anhand meiner selbst erzeugten Panne wieder eine Menge gelernt und mein anfängliches Grummeln verwandelt sich in ein breites Grinsen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 327

Liebe Menschen,

jetzt habe ich aber lange nichts für euch geschrieben! Tut mir leid. Hier war aber auch was los! Hat mein Mädchen ja schon erzählt. Jetzt bin ich also Wallach. Und man hat mir ja erzählt, dass das Leben als Wallach viel entspannter ist. Aber ich muss sagen, davon hab ich noch nix gemerkt! Erst wurde ich in die Klinik gefahren und operiert, kaum war ich wieder zu hause musste ich alleine stehen, durfte nicht spielen, nicht traben und überhaupt eigentlich nix außer Schritt gehen und am nächsten Tag ging es mir schon ganz schön übel. Tags drauf war mir hundeelend – so schlecht ging es mir überhaupt noch nie! – und ich musste wieder in die Klinik. Ich sage euch, was die Tierärzte da mit mir gemacht haben, das wollt ihr im Detail wirklich nicht wissen! Das tägliche Blut abzapfen gehörte da noch zu den harmlosen Maßnahmen. Naja, zum Glück bin ich ja ein stabiler Kerl und habe mich schnell berappelt. Wieder zu hause ging es dann aber weiter mit dem Knast! Habe dann beim Spazierengehen schon mal angemerkt, dass ich wirklich keine Lust mehr habe auf den Mist! Bin bisschen in die Luft gesprungen. Fanden mein Mädchen und der Mann jetzt nicht sooooo lustig aber da sind sie selbst schuld, wenn sie so blödes Zeug mit mir machen!

Naja, zum Glück ist das alles jetzt wieder vorbei. Seit gestern ist wieder ganz normales Leben hier. Wir Ponys sind alle wieder zusammen wie es sich gehört. ich darf wieder spielen (und habe das natürlich auch gleich getan), kann wieder rumlaufen und Fellkraulen machen und die eingeschränkte Freiheit hier genießen (der Rundlauf ist ja immer noch abgesperrt, wegen der Stuten. Erst wenn ich mich wirklich fühle wie ein Wallach wird da wieder aufgemacht. Wie fühlt man sich wohl so als Wallach? Na ich werde es ja erleben.).

Und weil heute Sonntag ist, haben wir auch endlich mal wieder einen Ausflug in den Wald gemacht! Dort haben wir unseren ganzen Stress der letzten Wochen weg geatmet. Ich hab ganz oft abgeschnaubt um mein Mädchen daran zu erinnern, dass sie auch mal schön atmen soll. Und alles fiel nur so von uns ab. Es ist eben ein Zauberwald, der kann so was!

Endlich mal wieder durch den Wald bummeln! Das hat gut getan.

Wir haben nur eine kleine Runde gemacht und mein Mädchen ist ein gutes Stück zu Fuß gegangen, weil sie mich noch nicht so doll belasten will. Wenn sie meint…. Ich bin fit, hab ich ihr auch gesagt. Wäre gern mal ein Stück getrabt! Wobei, wenn ich so ganz, ganz ehrlich bin, bin ich etwas weniger fit als vor dem ganzen fiesen Zeug, aber wer will mir das verübeln? Mein Mädchen sagt, das kommt jetzt ganz schnell wieder. Und dann kommt der Frühling und die langen Touren die sie mir seit 3,5 Jahren verspricht. Nur einen Sattel brauchen wir dafür noch. Na gut! Bis dahin trainiere ich weiter mit Gatsby im Nahkampf – mir scheint, der Gute hat auch etwas Fitness eingebüßt und wenn mich nicht alles täuscht hat er sich sogar ein Bäuchlein angefressen! Na da weiß ich aber was dagegen hilft.

Euer endlich wieder fitter Sir Duncan Dhu of Nakel

Hölle

Vor gut zwei Wochen haben wir Duncan kastrieren lassen. Ich wollte so gern einen glücklichen Hengst haben, wollte erleben, wie es ist, mit einem „ganzen Kerl“ zu arbeiten und war gespannt, was es zu lernen gibt. Ich habe viel gelernt, vor allem über Frust und die Äußerung desselben.

Unser Nachbar hat Stuten und die stehen nah an unserem Zaun. Duncan ist jeden Tag dort hin gegangen und hat 2-3 Stunden bei den Damen verbracht. Er stand dort ganz ruhig, kein Ausschachten, kein Herumlaufen, kein Gewieher, kein Imponieren. Ich habe das immer beobachtet, war aber zunächst noch guter Dinge. Zeitgleich wurde Duncans Spiel mit Diego und Gatsby immer rauer. Diego hat schließlich aufgegeben und jeden Spielversuch von Duncan abgeblockt. Gatsby hat gegen gehalten, aber es war nicht mehr das schöne harmonische Spiel von früher. Niemand wurde ernsthaft verletzt, Gatsby hatte ein paar kleine, aber immerhin blutige Macken am Hintern, sonst war nichts zu sehen. Ich machte mir Gedanken, vereinbarte ein Beratungsgespräch mit Maren Schulze (www.klassisch-barock-reiten.com), die ich als Hengst-Expertin und sympathische, bodenständige Pferdefrau kennengelernt hatte. Wenige Stunden vor dem geplanten Telefontermin sah ich Gatsby und Duncan aufeinander prallen – im wahrsten Sinne des Wortes. Es war keine Harmonie mehr da, es war zwar noch kein echter Kampf, aber sicher auch kein echtes Spiel mehr. Gatsby wirkte gestresst, Duncan aggressiv. In dem Moment wusste ich: es geht nicht.

Im Telefonat mit Maren kam zunächst viel Beruhigung: die klären die Rangordnung neu, ich hab erst mal alles richtig gemacht, das kann immer noch gut klappen. Sie erklärte mir genau, auf welche Anzeichen ich achten muss um zu erkennen, wann es zu gefährlich wird. Dann kam die Sprache auf Nachbars Stuten und Marens Zuversicht schwand. Jeder Meter Abstand zu den Mädels zählt. Wir könnten den Rundlauf umbauen, einen Sichtschutz versuchen. Ich denke nach. Aber im Herzen weiß ich schon: das ist nicht das, was ich für die Ponys will. Unsere Ponys sind so wunderbar sozial miteinander und das bisschen Platz was sie hier haben will ich nicht noch verkleinern, nur weil ich einen Hengst haben will. Mein Hengst soll nicht gefrustet sein, weil er nicht zu den Stuten kann, meine Wallache sollen keine Angst und keinen Stress haben und auch die Stuten sind sicher nicht glücklich mit der Situation, den Hengst vor der Nase aber doch unerreichbar zu haben.

So steht der Entschluss schnell fest: das Projekt „Hengst“ endet hier. Wir sperren als Sofortmaßnahme den Rundlauf ab. Duncan entspannt sich binnen 24 Stunden merklich. Jetzt, im Nachhinein, kann ich den Frust und Stress sehen. Vorher war die Veränderung so schleichend, dass ich den Zusammenhang nicht erkannt habe. Das heftige Gerangel war ein verzweifeltes Dampf-Ablassen – nicht wegen Energieüberschuss, sondern aufgrund von hormonellem Frust. Kein Pony in meiner Obhut soll solchem unnötigen Stress ausgesetzt sein. Nach einer Woche, die der Rundlauf zu ist, sehe ich, wie die Beziehung unter den Ponys sich wieder verbessert. Auch Diego wagt wieder kleine, zarte Spielversuche mit Duncan. Das Spiel mit Gatsby ist wieder schön und harmonisch. Duncans Körpersprache ist weicher und freundlicher. Wenn Diego das Spiel durch weglaufen beendet, läuft Duncan nicht mehr hinterher. All diese Beobachtungen geben mir die Sicherheit, das richtige zu tun. Denn offensichtlich handelt es sich eben NICHT um Rangstreitigkeiten, sondern nur um hormonellen Frust wegen der Stuten. Auch jetzt, wo ca 80m Abstand zu den Stuten besteht, wiehert Duncan noch manchmal rüber und steht auch ganz allein unterm Holunderbusch und schaut rüber, als alle anderen sich vorm Sturm im Stall verkriechen. Aber durch den Abstand ist er nicht mehr ganz so gefrustet davon, dass er da nicht hin kann.

Die 2 Wochen bis zum Kastrationstermin sind die Hölle (oder im Nachgang betrachtet wohl eher die Vorhölle). Ich habe Angst. Ich kann unmöglich noch ein Pony verlieren. Aber ich habe keine Wahl. Wenn ich es jetzt nicht tue, habe ich die Hölle jeden Tag, wenn ich Angst haben muss, dass meine Ponys sich verletzen und sehen muss, wie unzufrieden sie sind.

Die Kastration klappt vorbildlich: Montag abend in die Klinik, Dienstag die OP, Mittwoch morgen wieder nach hause. Kein Problem. Erst am Donnerstag fängt das Übel an: Duncan mag nicht mehr fressen. Der Tierarzt am Telefon tippt auf Magenprobleme durch den Stress. Aber mein Gefühl ist zu diesem Zeitpunkt schon anders, denn Duncan äppelt weicher und die Äppel stinken bestialisch.

Mit der Angst ist es ja so eine Sache. Als ich den ersten dieser Haufen sehe, denke ich „Colitis“. Aber ich schiebe den Gedanken weg – das ist doch soooooo selten. Leider sollte ich recht behalten. Freitag abend bringen wir Duncan wieder in die Klinik. Colitis ist eine Darmentzündung die nur 30-50% der betroffenen Pferde überleben und der Verlauf ist schwer vorhersagbar. Als wir am Sonntag hören, dass es sehr gut aussieht und er es wohl schaffen wird, sagt jemand zu mir „das war sicher die Hölle für euch“ aber die Hölle erscheint mir dagegen wie ein eher lauschiges Plätzchen.

Ich denke in solchen Situationen oft an Eltern mit schwer kranken Kindern. Diesmal habe ich auch an die Menschen in und aus der Ukraine gedacht. Menschen, deren Horror nicht nach ein paar Tagen vorbei ist. Menschen, bei denen dieser Zustand Wochen, Monate oder Jahre anhält, die immerzu um das Leben ihrer Liebsten bangen. Wie hält man so etwas aus? Ich weiß es nicht. Ich bin wohl verwöhnt.

Dienstags holen wir Duncan wieder nach hause. Als wir uns gerade anfangen zu entspannen, kommt der nächste Horror: Am Donnerstag hat mein alter Merlin eine Kolik. Das Chaos der letzten Tage war wohl zu viel für ihn. Es sieht nicht gut aus, der Tierarzt macht uns wenig Hoffnung. Wir könnten in die Klinik fahren, aber die dort möglichen Behandlungen kommen für ein 30jähriges Pferd in meinen Augen nicht in Frage. Wir verbringen den ganzen Tag mit Merlin, laufen viel mit ihm, so lange das Schmerzmittel wirkt. Der arme Kerl muss an der Longe ordentlich traben, das kennt er ja alles gar nicht und seine Fitness ist natürlich auch altersentsprechend, aber er macht mit. Trotzdem hören wir bis nachmittags keine Darmgeräusche und wir nehmen schon Abschied. Aber Merlin möchte grasen, was er natürlich auch darf – wir haben nichts zu verlieren. Als der Tierarzt dann kommt, die große Erleichterung: der Darm ist wieder in Gang gekommen. Merlin erholt sich unfassbar schnell für sein Alter. Kolik? Welche Kolik? Gib mir einen Eimer, ich hab Hunger! Wir brauchen länger, um uns zu erholen.

Jetzt endlich scheint alles wieder ins Lot zu kommen. Duncan ist fit, keine Schwellung, kein Fieber. Seine Nähte sehen sie perfekt verheilt aus und wir können dieses Thema abhaken. Er läuft jetzt schon mit Merlin und Caruso in einem kleinen Paddock herum, am Wochenende wollen wir die ganze Herde zusammen führen. Da werde ich nochmal stabile Nerven brauchen, denn das wird sicher nicht ohne Geschrei und Gehabe ablaufen. Noch immer fühlt Duncan sich ja als Hengst und bis sich das ändert, gehen auch noch ein paar Wochen ins Land. Ich hoffe einfach, dass unsere Jungs ihre Freundschaft in den Vordergrund rücken und sich nicht weh tun. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig.

Alle Ponys sind genervt, der Alltag ist gestört, die Abläufe stimmen nicht mehr, ihre Freiheit ist beschnitten. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich auch den Rundlauf wieder auf mache, aber damit warte ich, bis ich merke, dass Duncans Hormonspiegel sich reguliert hat und er wirklich – auch gefühlt – Wallach ist.

Möge der Frühling uns Entspannung bringen.

Verantwortung

Still ist es hier auf der Seite im Moment, das habt Ihr sicher schon gemerkt. Bei uns zu hause laufen die Dinge nicht so rund wie wir es gern hätten. Was genau los ist, werdet Ihr erfahren, wenn es ausgestanden ist. Ich habe keine Kraft und Lust die Dinge hier auszubreiten. Aber ich teile gern meine Gedanken mit Euch und im Moment denke ich über Verantwortung nach.

Als Kind hatte ich das Buch „Sie bauten eine Kathedrale“ und ich schaute es gern mit meinem Vater zusammen an. Wir sprachen dann darüber, wie das Leben wohl früher gewesen sein mag. Ich fand z.B. die Vorstellung, dass man sein Leben lang bei einem „Herrn“ als Magd arbeitet – ohne eigene Freiheit, ohne irgendwelche Möglichkeiten, sich zu entfalten – gruselig. Mein Vater hatte eine etwas andere Sichtweise. Ich weiß noch, wie er mir sagte: „Ich kann mir vorstellen, dass es – wenn man einen guten Herrn hatte – gar nicht so schlecht war. Ein sicherer Job, nicht so viel Eigenverantwortung, das kann etwas gutes sein“. Und vielleicht hatte er recht, dass es zur damaligen Zeit wesentlich schlimmere Möglichkeiten gab. Die kleinen Bauern, die nach einer einzigen Missernte mit Hunger zu kämpfen hatten, waren vielleicht etwas freier – aber ob sie immer besser dran waren?

Als Kind wusste ich noch nicht, wie schwer Verantwortung wiegen kann. Aber heute – und gerade in den letzten Tagen – kann ich ihre Last fühlen. Denn mein Pferd „gehört“ mir, nach deutschem Recht. Wir können sicher diskutieren, ob das ethisch überhaupt vertretbar ist, aber es ist nun mal so. Und damals, als ich entschieden habe, Duncan zu kaufen, habe ich die Verantwortung übernommen für sein Leben und sein Wohlergehen. Im Alltag fällt es mir leicht, wir haben hier unseren Weg gefunden, den wir für gut halten (auch wenn wir natürlich immer versuchen, alles weiter zu verbessern). Aber dann, wenn etwas nicht so läuft oder wenn es größere Entscheidungen zu treffen gibt und wir angewiesen sind auf externe Experten, dann wird es schwer. Denn Experten gibt es so viele – und wer weiß schon, welcher von all diesen Leuten recht haben mag?

Das hier ist ein kleiner Service-Post für alle Pferdebesitzer, die das kennen. Ja, auch ich bin mal an so einem Punkt. Wenn alles eigene Wissen und Können nicht weiter hilft, wenn ich Entscheidungen treffen muss, die ich eigentlich gar nicht treffen kann, weil mir die nötige Information fehlt – dann bin ich an diesem Punkt. Viele meiner Reitschülerinnen klagen mir ihr Leid: Wem soll man glauben? Wer hat recht? Jeder Experte (manchmal auch „Experte“) kann seine Meinung schlüssig begründen. Klingt alles wunderbar logisch und überzeugend – bis der nächste um die Ecke kommt und genauso schlüssig das Gegenteil darlegt.

Am Ende sind lebende Organismen eben unendlich komplex und wer wie auf was reagiert, kann man vorher nie wissen. Egal, wie viel Erfahrung wir gesammelt haben und wie gut unsere Intuition ist: manchmal geht was schief.

Wenn das dann keine bleibenden Schäden verursacht, können wir uns glücklich schätzen.

Aber obwohl es verwirrend und anstrengend sein kann, sich zwischen so vielen Meinungen und Methoden entscheiden zu müssen, können wir dankbar sein für die Möglichkeiten. Denn die Mägde, die in meinem Kinderbuch vorkamen, hatten wohl in der Regel keine Wahl und keine Information. Und auch wenn es sicher entspannt sein kann, weniger Verantwortung zu tragen, mag ich doch meine Freiheit lieber und die Möglichkeit, mich selbst immer weiter zu infomieren und zu lernen. Meine Meinung zu hinterfragen, zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern (das tue ich sehr gerne mal). Daran erinnere ich mich, wenn es mir alles zu viel wird: Freiheit bedeutet eben auch Verantwortung.