Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 5

EIN WUNDER IST GESCHEHEN!

Ich kann es nicht fassen, sie hat uns auf die Weide gelassen!

Nur Merlin und mich.

Weil wir beide Schimmel sind (jaja ich auch! Nur noch kein weißer!)

Oder weil wir einfach immer sooooo artig sind (Ritter, Du sollst doch nicht lügen)

Oder weil sie will dass ich endlich wachse. Ok das würde für Merlin irgendwie nicht stimmen.

Weil wir so süß gucken (ich ja noch viel süßer als Merlin Ritter, nicht lügen!).

Gesagt hat sie, dass wir beide extra Essen brauchen (bekommen wir ja auch dauernd) und dass wir deswegen schon mal etwas Gras naschen dürfen. Leider nicht so richtig lang. Aber besser als gar nicht, oder?

Merlin ist mit Schwung auf die Weide gerannt – ich habe lieber gleich die ersten erreichbaren Halme verputzt.

Danach hat sie mit mir geübt, wie ich wieder reinkommen soll. Das ist sehr schwierig. Nicht, dass ich es nicht verstehen würde, aber es zu machen ist wirklich sehr schwer. Denn dafür muss ich das leckere Gras stehen lassen und zu ihr kommen. Es gab eine Möhre im Austausch. Dann durfte ich nochmal grasen. Dann hat sie mich wieder gerufen. Wenn ich sie ignoriert habe, hat sie mit ihrem Stick gewedelt und mich nicht essen lassen. Hm. Irgendwie sitzt sie immer am längeren Hebel. Aber sie hat ganz viel Verständnis gezeigt dafür dass das so schwer ist. Sie sagt, in ein paar Wochen können wir alle zusammen länger raus und dann ist es nicht mehr so schwer. Vorstellen kann ich mir das im Moment noch nicht. Ich würde am liebsten den ganzen Tag da stehen und Gras essen.

Stattdessen vertreibe ich mir die Zeit damit, meine Kumpels zu ärgern. Immer reihum. Jeder ist mal dran. Ich geh einfach hin und kneife einen herzhaft in den Po und gucke was passiert. Das ist sehr lustig! Manchmal ärgern die anderen sich über mich. Aber ganz oft spielen sie auch mit mir. Hauptsache es passiert was, dann bin ich schon ganz zufrieden. Ich mag nicht so gern, wenn die so viel herumstehen – ist doch total langweilig!

Welchen von beiden soll ich mal kurz kneifen?

Wenn ich dann genug herumgetobt habe, knalle ich mich auf den Bauch in die Sonne und ratze ein bisschen. Und wenn ich genug geratzt habe, stehe ich auf und überlege, wen ich jetzt ärgern kann. So ungefähr ist mein Tagesablauf. Ach so und zwischendurch sehe ich zu dass ich was zu essen kriege.

Schön in der Sonne gemeinsam schlafen….

Mein Mädchen lacht immer, wenn sie Merlin ruft und ich gleich mitkomme. Sie sagt dann immer „Du heißt nicht Merlin“ aber trotzdem bekomme ich was zu essen.

Ich habe jetzt verstanden dass ich kommen soll wenn sie „Duncan Dhuuuuuuu“ ruft. Aber wenn sie „Meeeeerlin“ ruft komme ich trotzdem auch. Klappt fast immer. Nur wenn sie Merlin dann reiten will dann wird es nix mit dem Essen für mich. Wobei: manchmal schon, wenn ich gaaaaaaanz artig am Tor Platz mache während Merlin raus geht. Dann findet sie einen Keks für mich in ihrer Tasche. Ihr seht: ich hab das schon ganz gut im Griff.

So jetzt habe ich aber wirklich keine Zeit mehr, mein Mädchen hat gesagt, wir dürfen heute wieder ein bisschen raus und ich hoffe, es ist bald so weit!

Bleibt gesund!

Euer Sir Duncan Dhu

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 4

Neulich bin ich wieder in der Wackelkiste gewesen.

Ein komisches Ding. Man geht rein, dann wird man ordentlich durchgeschüttelt und wenn man wieder aussteigt ist man ganz woanders! Manchmal wird man auch nicht geschüttelt. Wenn man dann aussteigt ist man da wo man vorher war. Wahrscheinlich hat es dann einfach nicht funktioniert.

Ich habe mit Diego dem Großen gesprochen, während wir geschüttelt wurden und derweil Heu gegessen haben. Er hat eine erstaunliche Beobachtung gemacht: manchmal kommt man an Orten raus, die man auch zu Fuß hätte erreichen können – allerdings hätte es zu Fuß (ich meine: zu Huf) deutlich länger gedauert dorthin zu kommen.

Daher sind wir zu der Schlussfolgerung gekommen, dass es sich um eine Art Zeitmaschine handeln muss. Vielleicht ist das mit dem Durchschütteln so als würde man ganz schnell laufen, also im Zeitraffer? Ich bin nicht sicher.

Aber ich habe einiges über die Wackelkiste herausfinden können. Zum einen ist sie nicht gefährlich (auch wenn einige Pferde das wohl glauben. Mein Schottenkollege Gatsby ist immer noch nicht hunderprozentig überzeugt von der Ungefährlichkeit). Man muss aber schon gut aufpassen, nicht umzufallen. Ich zumindest. Diego der Große sagt, ich soll mich einfach vorne, hinten und an der Seite abstützen. Aber ich fürchte, dafür bin ich zu klein! Ihr glaubt ja gar nicht wie das nervt, immer „zu klein“ zu sein! Mann!!! Stütze ich mich vorne ab, komme ich hinten nicht ran, stütze ich mich hinten ab, komme ich vorne nicht ran und wenn ich mich an der Seite abstütze und es dann doll wackelt fliege ich zur anderen Seite! Ich versuche jetzt immer diagonal zu stehen, das scheint mir die beste Taktik zu sein.

Weiter habe ich herausgefunden, dass man sich in der Kiste nicht umdrehen soll, auch nicht zum Aussteigen. Hat mein Mädchen mir erklärt. Ich weiß zwar nicht warum, aber wenn sie das so sagt, mache ich das so. Da hättet ihr mal sehen sollen wie großartig sie mich fand als ich zum ersten Mal ganz von alleine rückwärts da raus gegangen bin!

Ich habe inzwischen auch kapiert, dass ich ganz gut aufpassen muss beim Rückwärtsgehen, damit ich nicht plötzlich ins Leere trete. Ist zwar auch nicht schlimm, weil der Boden doch nie so ganz weit weg ist, aber ich mag es nicht so gern (und mein Mädchen auch nicht). Ich mache das jetzt ganz langsam mit viel Bedacht und höre genau zu was mein Mädchen mir sagt. Sie schaut für mich und sagt mir wo es langgeht. Eigentlich ein lustiges Spiel, so eine Art „blindes Pony“.

In der Wackelkiste gibt es auch immer was zu essen. Manchmal muss man länger drin stehen (als ich von meinen Eltern hierher gezogen bin, da war ich seeeeehr lange da drin) und manchmal nur ganz kurz.

Und jetzt habe ich auch noch herausgefunden, dass die Wackelkiste was mit Abenteuer zu tun hat. Tolles Ding! Eigentlich ist immer was spannendes passiert, wenn ich da rein gegangen bin.

Mein Mädchen sagt, sie hat jetzt ziemlich viel Zeit für mich und sie will noch lustigere Sachen mit der Wackelkiste machen. Rückwärts einsteigen zum Beispiel. Das ist nicht so einfach, glaube ich… Und sie will mir nochmal irgendwelche Details zeigen, wie das Einsteigen noch viel besser klappt. So ist sie eben: kaum kann ich etwas, findet sie, es geht doch auch NOCH besser. Ist sie denn nie zufrieden?

Liebe Menschen, ich wünsche Euch einen schönen Tag, genießt den Frühling!

Bleibt gesund!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 3

Ich bin ja – wie Ihr wisst – ein Ritter ohne Furcht und Tadel. In Ausbildung.

Und ich gestehe, manchmal – wenn auch wirklich selten – fürchte ich mich doch. Natürlich nur ganz kurz. Sagen wir: ich erschrecke mich. Ein bißchen. Für ein Momentchen.

Ja, so könnte man es sagen.

Zum Beispiel gibt es bei Euch Menschen welche, die Räder haben. Zwei Räder. Und diese Menschen mit den Rädern die sind ganz leise. Wie ein hungriges Raubtier. Und schnell sind sie auch – genau wie ein Raubtier. Und sie kommen von hinten – wie ein Raubtier. Ich gestehe: da habe ich Momente der Schwäche. Mein Mädchen sagt, ich hätte ihr den Handschuh verbrannt und wenn sie keinen angehabt hätte, hätte sie loslassen müssen. Ich wollte nur ganz schnell ganz weit weg. Entschuldigung, mein Mädchen.

Mein großer Bruder Finlay (den ich ja leider nie persönlich treffen konnte) war da wohl mutiger als ich. Mein Mädchen sagt, der Finlay ist immer erstmal stehengeblieben wenn er sich erschreckt hat und hat geguckt. Oh. Ich wusste nicht, dass er SO mutig war. Mein Mädchen meint aber, ich könnte das auch lernen, sie zeigt mir wie das geht. Na da bin ich aber gespannt. Wenn ich mal denke wie oft SIE sich erschreckt….

Jaja, aus der Nähe betrachtet sind Menschen auch wenn sie Räder haben nicht gefährlich. Ich weiß schon. Ich war halt so in mein Gras vertieft. Das hatte ich mir so hart erarbeitet, weil mein Mädchen aus unerfindlichen Gründen die Regeln verschärft hat. Oh man, sie ist unerbittlich. Früher hat es ja gereicht, wenn ich brav angehalten habe und schon durfte ich essen. Jetzt wirft sie mir ja dauernd vor ich würde am Strick ziehen und also musste ich einige Kreise drehen bis sie endlich mit meiner Performance zufrieden war und mich endlich hat fressen lassen. Es riecht halt auch schon so gut nach Frühling und das Gras streckt gerade diese ersten grünen Spitzen heraus … Ihr Menschen habt keine Ahnung wie verfrührerisch das ist!

Naja, mein Mädchen war jedenfalls etwas überrascht, dass ich doch tatsächlich manchmal Angst habe. Hat sie mir schon gar nicht mehr zugetraut. War ja auch wirklich nur ein ganz kurzer Moment. Und sind wir mal ehrlich: selbst Diego der Große hat solche Momente, in denen er mal einen Sprung zur Seite macht. Nicht bei Menschen mit zwei Rädern, aber bei großen Steinhaufen am Wegesrand. Weiß doch jeder, dass Steinhaufen in der Regel hungrige Drachen beherbergen. Menschen sind da wirklich naiv. Stattdessen erwarten sie, dass wir uns vor vollkommen harmlosen Dingen erschrecken wie schnelle Autos, riesige Trecker oder gar Regenschirme (die harmlosesten Geschöpfe unter dieser Sonne).

Also merkt Euch, Ihr Menschen: was gefährlich ist und was nicht – da fragt Ihr lieber uns Ponys. Wir kennen uns da wirklich besser aus.

Bis bald und bleibt gesund!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. Sie hat mich angelogen! Ich glaube es einfach nicht! Diego der Große hat mir erzählt, dass Finlay SEHR WOHL auch manchmal einfach losgerannt ist! Nämlich bei Menschen mit zwei Rädern – allerdings den anderen, den lauten. So mein Mädchen, jetzt bist Du fällig!!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 2

Was kann schöner sein als ein Nickerchen in der Frühlingssonne?

Heute Vormittag habe ich einen ganz wunderbaren neuen Schlafplatz gefunden! Netterweise hat man mir einen Erdhügel hingelegt, auf dem ich meinen Kopf schön weich und warm betten kann. Herrlich war das, da so in der Sonne zu liegen und zu schlummern während Diego der Große auf mich aufgepasst hat.

Ihr Menschen habt ja jetzt Wochenende, hat mein Mädchen gesagt. Was immer das sein soll. Ich glaube es sind die Tage an denen Ihr am meisten Zeit für uns hat. Aber im Moment ist für einige von Euch irgendwie immer Wochenende. Für andere nie. Alles sehr verwirrend.

Na jedenfalls hat mein Mädchen mir ein neues Lied vorgesungen, das kannte ich noch gar nicht. Sie sagt, sie hat es immer beim Ausreiten mit Finlay gesungen wenn so ein Wetter war wie heute. Vom Ausreiten träumt sie ganz oft. Ich auch, weil sie sagt, wir können dann länger und vor allem schneller unterwegs sein.

Da sie für Euch hier nicht singen kann (oder will) schaut doch mal hier. https://www.youtube.com/watch?v=v_oBX-Cz2fg

Wenn das keine gute Laune macht! Und der Himmel ist so blau, keine von den komischen weißen Streifen. Hier bei uns ist alles ruhig und friedlich. Die Vögel singen auch immerzu und wenn ich meine Ohren ganz spitz mache, kann ich das Gras wachsen hören. Ja wirklich!

Das müsst Ihr unbedingt mal versuchen. Überhaupt müsstet Ihr wirklich mal von diesem jungen Frühlingsgras kosten. Ihr verpasst ja das beste! Wir dürfen leider noch nicht auf die Weide, aber wir finden schon ein paar köstliche Hälmchen hier und da. Vor ein paar Tagen waren wir auch wieder spazieren, mein Mädchen und ich, und da haben wir auch schon schöne Grasstellen gefunden. Leider hat mein Mädchen es immer so eilig, da wieder weg zu kommen. Da werde ich sie noch besser ausbilden müssen. Geduld, Mädchen, Geduld! Da ist noch ein Grashalm, der unbedingt gekostet werden will….

Also Ihr lieben Menschen: Geht in den Sonnenschein, genießt den Frühling. Mutter Erde lässt sich nicht aufhalten, sie sorgt für uns alle und stellt neue Energie bereit. Und wenn auch im Moment noch ein kalter Wind weht (deswegen habe ich noch die Winterrüstung an!) so ist es doch wunderschön und sehr gesund. Und wenn Ihr ganz still werdet, dann lauscht auf das Gras, wie es leise wächst. Da Ihr ja Abstand halten sollt, wird auch niemand neben Euch Krach machen und Euch reinquatschen wie es sonst immer ist. Viel Spaß!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu

Liebe Freunde und Bewunderer,

vor ein paar Tagen kam mein Mädchen ganz aufgelöst und durcheinander zu uns in den Stall. Wir Ponys merken ja so was sofort. Wir haben sie gefragt was los ist und sie hat uns erklärt, dass ihr Menschen gerade eine schwere Zeit durchmacht. Wir verstehen das – wir wissen, was schwere Zeiten sind. Wir wissen auch, wie schwer es sein kann, nichts tun zu können und Geduld haben zu müssen.

Mein Mädchen meinte, dass wir alle – Pferde und Menschen – in den nächsten Wochen damit leben müssen, dass die Dinge nicht so laufen wie sonst. Dass wir jeden Tag mit neuen Änderungen rechnen müssen und unsere Welt sich nicht so rund und verlässlich dreht wie sonst.

Wir haben ihr natürlich sofort unsere Hilfe angeboten.

Aber sie sagte, wir können nicht helfen. Wir könnten nur Geduld haben mit Euch Menschen, wenn ihr jetzt alle so durcheinander und überfordert seid und Euch vielleicht nicht so gut um uns kümmern könnt wie normalerweise.

Aber wie immer hat sie mich unterschätzt! (Wann lernt sie es?)

Natürlich kann ich Euch helfen, denn ich bin schließlich Ritter (in Ausbildung) und obwohl ich Euren Feind nicht direkt bekämpfen und besiegen kann (was ich nur zu gern tun würde), kann ich Euch doch etwas geben, was wir Ritter als erstes in der Grundausbildung lernen: Ritterliche Tugenden.

Was Ihr jetzt braucht, liebe Menschen, ist Mut und Tapferkeit, Geduld und guten Zusammenhalt. Jeder von Euch braucht Selbstbeherrschung aber auch verrückte Ideen. Jeder einzelne von Euch braucht Durchhaltevermögen. Und Ihr braucht eine gute Portion Humor. Lachen ist so wichtig und selbst wenn Ihr manchmal vielleicht nicht lachen könnt, könnt Ihr Euch wenigstens ablenken von Euren Sorgen. Und dabei möchte ich Euch nach Kräften unterstützen.

Deswegen habe ich beschlossen, Euch nun so oft wie möglich ein bißchen was aus meinem Leben zu erzählen.

Mein Mädchen wird ganz normal jeden Donnerstag einen tiefsinnigen, langatmigen, schwer zu lesenden Beitrag schreiben wie gehabt (Moment mal, mein Ritter, was soll das denn heißen?)

aber ich werde euch zwischendurch kleine Geschichten und Anekdoten erzählen, die Euch zum Schmunzeln bringen und Euch etwas geben, worüber ihr gemeinsam kichern könnt – durchs Telefon. Meine Beiträge werden alle die Überschrift „Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu“ tragen, damit Ihr sie von den normalen Beiträgen gut unterscheiden könnt. Und sie werden nummeriert sein, damit wir nicht den Überblick in der Reihenfolge verlieren.

Mein Mädchen hat gesagt, dass viele von Euch jetzt viel Zeit zum Lesen haben werden. Naja, was spricht dagegen, all die Geschichten die mein Mädchen über mich geschrieben hat (nochmal) zu lesen? Und wenn Ihr etwas bestimmtes über mich wissen wollt, schreibt doch einfach Eure Fragen in die Kommentare. Ich beantworte sie Euch gern. (Wenn sie nicht zu intim sind, Ihr versteht schon.)

Erzählt Euren Freunden davon und lasst uns diese Zeit mit lustigen Geschichten füllen! Ich werde mein Mädchen auch bitten, viele Fotos und Videos zu machen damit Ihr mich in voller Schönheit bewundern könnt. Bald werde ich Euch alle mit meiner neuen Sommerrüstung überraschen!

Ich wünsche Euch, Ihr lieben Menschen, dass Ihr Euren Feind schnell besiegen könnt, dass Ihr stark bleibt, zusammenhaltet und klug vorgeht und dass Ihr niemals Eure eigene Ritterlichkeit vergesst. Wir Pferde stehen natürlich immer an Eurer Seite und helfen Euch wo wir können.

Bis ganz bald und bleibt gesund!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Klemmbrett

„Der hat bestimmt ein kleines Klemmbrett“ sagt meine Freundin „auf dem er sich immer Notizen macht“.

Und tatsächlich stelle ich mir vor, wie Sir Duncan einzelne Punkte auf seinem Klemmbrett abhakt, neue Notizen hinzufügt und einige durchstreicht oder verändert.

Anders ist sein Lernverhalten fast nicht zu erklären.

Ich erzähle meinen Schülern – besonders denen mit jungen Pferden – schon seit Jahren, dass ein gutes Lernverhalten das allerwichtigste ist, wenn wir mit unserem Pferd weiterkommen wollen. Und ich setze da andere Prioritäten als viele andere. Vor vielen Jahren fragte mich jemand nach einem Kurs, wieso Merlin und ich Änderungsvorschläge des Lehrers eigentlich immer so viel schneller umsetzen können als andere. Die Antwort liegt in dem was wir im Alltag zusammen tun. Ich übe niemals eine Lektion auf die immer gleiche Art und Weise und perfektioniere sie so. Stattdessen übe ich verschiedene Aspekte der Lektion und nähere mich ihr von verschiedenen Seiten. Außerdem belohne ich nicht unbedingt die beste Ausführung (es sei denn es ist ein Riesensprung nach vorn passiert) sondern in der Regel belohne ich konzentrierte Versuche und große Aufmerksamkeit. Ich belohne es, wenn Merlin bemerkt, dass Kriterien sich geändert haben und etwas Neues probiert. Auf diese Art haben wir eine sehr flexible Kommunikation. Wenn nun ein Lehrer kommt und sagt „mach das mal mehr so“, ist Merlin nicht überrascht, sondern kann sich schnell auf die Änderungen einstellen.

So richtig habe ich erst gemerkt, wie gut er das kann, als ich festgestellt habe, dass Finlay damit Probleme hat. Mit Finlay habe ich Sachen sehr stark auf eine Art und Weise erarbeitet. Ich dachte ja, ich hätte den perfekten Plan! Später fiel mir dieses Vorgehen auf die Füße, denn Finlay bestand darauf, dass wir Dinge immer gleich tun. Bestimmt ist das auch eine Typfrage: das eine Pferd wird von Natur aus Dinge lieber immer gleich tun, das andere nicht.

Es birgt beides seine Tücken. Ein Pferd, das Dinge immer gleich tut, ist auf eine gewisse Art sicherer für uns Menschen und vielleicht im Alltag einfacher zu „bedienen“. Es wird sich nicht so schnell neue Taktiken überlegen, wie es zu dem kommt was es möchte. Wenn wir aber Lektionen verbessern und verfeinern wollen, wird dieses Pferd es schwerer haben. Und wehe wenn wir ihm aus Versehen ein blödes Verhalten beigebracht haben, das wir schwer wieder loszukriegen sein.

Mein Merlin hingegen (und all die anderen flexiblen Pferde) kommt schnell auf neue Ideen, da muss ich als Mensch schon etwas wacher sein und mehr aufpassen was passiert. Dafür ist er eben auch schneller in der Ausbildung, weil wir neue Tipps und Ideen schneller umsetzen können.

Nachdem ich lange dachte, es wäre NUR eine Typfrage, bin ich inzwischen der Meinung es ist eine Mischung. Ein Teil ist angeboren, aber die Pferde werden sich auch in die eine oder andere Richtung entwickeln, je nachdem welche Prioritäten ich in der Ausbildung setze.

Ganz am Anfang – da wo Duncan und ich jetzt stehen – ist es natürlich so, dass Dinge erst mal immer gleich laufen, damit überhaupt eine Kommunikation entstehen kann. Duncan soll rückwärts gehen um seine Futterschüssel zu bekommen war einer dieser Schritte und erst mal galt das IMMER. Als er das verstanden hatte, konnten wir an den Details arbeiten: diese Regel gilt NICHT, wenn das Halfter drauf ist. Und wenn ich ihn mit der Schüssel an einen anderen Ort im Stall locken will, dann ist weder rückwärts gehen noch wegschauen die richtige Lösung.

Und hier kommt das Klemmbrett ins Spiel. Mir scheint, mein kleiner Ritter hat ein unglaublich systematisches Vorgehen (und zwar angeboren, niemand hat ihm das beigebracht). Das führt zu lustigen Situationen: Er steht an seiner Schüssel und frisst. Ich möchte ihn in einen anderen Stallteil bugsieren und nehme die Schüssel und gehe dort hin. Er steht an seinem Platz und schaut betont weg. Ich rufe ihn. Er schaut weg. Dann merkt er: klappt nicht. Er geht etwas rückwärts, schaut mich kurz ratlos an. Dann kommt er zögerlich auf mich zu, bleibt zwischendurch wieder stehen und schaut weg. Schließlich kommt er, kommt mir aber zu nah. Ich bleibe stumm stehen, lasse ihn nicht an die Schüssel und warte was passiert. Er geht einen Schritt zurück, schaut mich an, bekommt seine Schüssel. Und in seinem Gesicht kann ich sehen, wie er ein kleines Häkchen auf seinem Klemmbrett macht. Beim nächsten Mal hat er seine Taktik schon deutlich verfeinert und fängt an nach Details zu suchen. So muss ich immer wachsam sein und immer schon entschieden haben welches nächste Detail ich belohnen möchte. Zum Beispiel die Art WIE er wegschaut. Wenn ich nun schon (aus Versehen!) das Wegschauen etabliert habe, möchte ich es wenigstens in schöner, ruhiger Version bekommen (im Moment ist es noch eher hektisch).

Beim Führen haben wir derzeit manchmal Schwierigkeiten. Duncan hat es phasenweise recht eilig wenn wir spazieren gehen und klein wie er ist, ist sein Schritt doch schneller als meiner. Er läuft dann vor und zieht beständig leicht am Strick – sehr nervig. Ich habe diverse Taktiken ausprobiert: ihn einfach ganz direkt ausbremsen durch Zupfen am Strick. Hilft 1 Sekunde lang. Ihn mit dem Seilende von vorn begrenzen: hilft 2 Sekunden lang und macht ihn wütend, Kopfschlagen ist die Folge. Stehenbleiben und warten dass er sich wieder neben mir einsortiert, dann weitergehen. Hilft mit Glück 1 Minute. Natürlich habe ich es auch mit Graspausen bei anständigem Laufen versucht, aber das birgt große Tücken, weil wir ja dann auch in Würde und Anstand zum Gras kommen müssen. Meist weiß er aber schon, dass ich eine Graspause plane, wenn ich das entsprechende Grün entdeckt habe und fängt dann sofort an, deutlich am Strick in diese Richtung zu ziehen. Ich habe versucht (und werde das sicher noch öfter so machen) neben der Grasstelle so lang auf und ab zu gehen bis er nicht mehr dorthin zieht, erst dann darf er grasen. Aber um das allgemeine Tempo raus zu nehmen ist das keine Lösung. Außerdem gibt es im Wald einfach zu wenig gute Grasstellen dafür.

Ihm im Gehen einen Keks zu geben wenn er es gut macht führte zu katastrophalem Keksverhalten (obwohl ich mit meinem Markersignal gearbeitet habe, er also den Keks nur bekam, wenn ich vorher „Keks“ gesagt hatte).

Es ist ja immer die Frage, warum so ein Verhalten auftritt. Einen Großteil der Zeit, die wir gemeinsam gehen, passt Duncan sich prima an mein Tempo an. Und dann bekommt er plötzlich so einen „Rennflash“, zischt los und hat einen Siebenmeilenschritt am Leibe, den ich einfach so nicht mithalten kann. Wenn ich dann doch versuche, mitzuhalten, wird er noch schneller und trabt ihm Zweifelsfalle an. Wahrscheinlich – wenn ich beliebig sein Tempo mithalten könnte – würde er einfach ein Stück schneller laufen wollen und dann wieder in Schritt fallen. Leider kann ich ihm das nicht bieten. Denn auch wenn ich dann mit ihm ein Stück trabe, bin ich ihm viel zu langsam. Tja mein Ritter, so lange ich neben dir herlaufen muss wirst du mit meiner Langsamkeit leben müssen (wenn ich später im Sulky hinter dir sitze wirst du damit auch leben müssen, weil ich das Tempo schon gern bestimmen würde…. Aber dann können wir wenigstens längere Strecken flott traben).

Ich vermute, es handelt sich um das selbe Verhalten wie im Paddock: er wandert ruhig mit den anderen herum und plötzlich überkommt es ihn und er muss jemanden ärgern. Dann folgt eine kleine Spiel- und Raufeinheit und genauso plötzlich wie die gekommen ist, ist sie auch wieder vorbei und er ist wieder ganz entspannt. Sein Energielevel geht sehr schnell rauf und runter. Vermutlich eine Altersfrage, von kleinen Kindern kennen wir das ja auch. Aber wenn wir spazieren gehen wollen, müssen wir eine vernünftige Lösung finden. Und ich möchte auf dem Spaziergang auch gerne etablieren, dass das Tempo eher gleichbleibend ist, daran kann er sich ruhig jetzt schon gewöhnen und das einüben. In seiner Freizeit kann er ja tun was er möchte.

Also habe ich weiter nach einer Lösung gesucht und ich glaube, ich habe eine gefunden: sobald er ein Stück artig neben mir her geht OHNE am Strick zu ziehen, halte ich ihn an und dann gibt es den Keks. Führt nach Duncan-Art zu folgendem Verhalten: er geht artig neben mir her, schaut mich im Gehen immer wieder auffordernd an (er hat dann diesen ganz bestimmten Blick der sagt: „ich hab das toll gemacht! Zeit für eine Belohnung!“) und wenn ich ihn mit der Stimme zwischendurch lobe bleibt er stehen und fragt nach dem Keks.

Jetzt, Sir Duncan, ist wieder Zeit für Dein Klemmbrett: finde heraus, wie lange Du so neben mir hergehen sollst, welche Position wann gefragt ist und finde heraus, dass von selbst stehenbleiben nicht die Lösung ist. Finde heraus, dass ein Stimmlob bedeutet: „sehr gut, mach weiter so!“ Und finde heraus, dass es länger dauert bis der Keks in Deinem hungrigen Mäulchen landet wenn Du mich dabei störst, ihn aus der Tasche zu fummeln als wenn Du einfach abwartest.

Vielleicht erschaffe ich jetzt ein neues Problem. Vielleicht wird er nun dauernd stehenbleiben. Aber ich vertraue auf sein Klemmbrett und seinen Notizen, dass er das nicht allzu oft versuchen wird. Und vielleicht sollte ich mir auch mal so ein Klemmbrett anschaffen. Denn mein kleines Systematiker überlässt nichts dem Zufall, da darf ich wach und aufmerksam sein und immer mitbekommen was er sich neues überlegt hat. Ich fürchte, wenn ich Fragen unbeantwortet lasse, wir er eigene Antworten finden – und ob die immer in meinem Sinne sind…

10 years

(As a thanks to „Fergus the horse“ who allowed me to use the cartoon for this blogpost I did translate this one into english so „Fergus“ can read it too.)

I am standing in the riding arena watching my student and her horse. I am impressed and a little proud. I have been knowing those two for about 9 years now and they did not always have an easy time. But they kept going. The achievements of those two are not due to luck, coincidence or talent but due to consistent work, the wish to keep improving and a great liking for each other which can be seen very obviously.

So I think about the Fergus-Cartoon and the little yearling stallion in my own stable. I takes 10 years to make a good 10year-old horse.

„Most people overestimate what they can achieve in one year and underestimate what they can achieve in ten years“ (it is not clear who first made this statement)

Sometimes we talk about being patient when it comes to horse-training. But I am not sure whether „patience“ is the right word. In the german Duden the word „Geduld“ (=patience) is described as „enduring something calmly, tolerantly and self-controlled“.

That‘s what I need when a horse is not standing still while I am trimming his hooves if I cannot change the situation. But in educating a horse I do not want to endure things, quite the contrary. I want to design things in a way that makes both horse and human content with the situation. Sometimes the horse needs to learn something new in order to achieve that, sometimes the human.

So it actually takes perseverance, creativity, the willingness to change things and a good portion of what I came to consider to be one of my best character attributes: stubbornness.

Pleasy forgive me the use of this word. Of course there are much nicer words for that: persistence or consistency for example.

Personally I like to use the word „stubbornness“. I think that using words in a different manner than usual can make us think more about it and make us more open-minded.

Stubbornness allows me to work with less pressure. Because I rather work with repetition or creating a situation in which the horse will find out by itself that its life is easier if it shows the new (wanted) behaviour than if it continues with the old behaviour. Because mostly the horse will have been very successful with the old behaviour it will usually take some time until it is ready to change that. Patience would mean to endure the old (unwanted) behaviour. Stubbornness means to me to keep focus and try improving again and again, not only with the horse but also with my own bad habits.

Out of courtesy I would not call my student stubborn. She does not seem stubborn to me, but rather determined and focused. All these years she invested a lot in the education of herself and her horse. She not only took lessons with me but with some other trainers as well and took all the good things out of these lessons for herself. She is working on her own physical fitness to become a better horse-woman. She works tirelessly for the health of her horse and tries to optimize everything. Very often she puts her horses well-being over her own wishes.

It is not easy to do all of that, I know that. That‘s why I admire her for what she is doing. Some of you might consider it natural. But my experience in the horse-world taught me that it is not. I saw a lot of people give up. Some said so. Others hid their giving-up behind „no time“ or „no money“. Some do not give their horses enough health-care or they gloss things over. The horse is too fat? „He was even fatter than this“. Might be true but is still not a good reason. The horse suffers from thrush? „It won‘t help to treat it with all this mud out there“ Well it will not get better if we do NOT treat it. And by the way treatment usually helps even if there is a lot of mud.

The horse is behaving badly? Some people just shout and get angry, but they do not actually invest in training and education. Trailer-loading is still a big issue. Just one week before a clinic people will remember that there was a problem. Well it would need some work to solve it.

We all have our excuses. Me too – a whole bunch of them, some familiar, well-worn ones and occasionally a new one. If we find excuses every once in a while over 10 years that won‘t matter. Sometimes the weather is too bad, sometimes we are too tired, feel overwhelmed or just set other priorities. That‘s just human.

Bad weather is a very popular excuse among horse-people. Not that I would not use that one too from time to time. But some day you just have to do it. And yes, it was as wet as it looks.

But we need to be honest with ourselves. Is it really just today? Or did we make up excuses for weeks? Because it is winter. Or because it is summer. Too much rain, too many flies, the car broke down or we sprained the ankle. Today there is no time to train this new behaviour and create that new good habit. Today it needs to be fast. Is it really only today?

If we find excuses on 365 days in 10 years we have lost one whole year. By making excuses I do not mean not doing anything with the horse. I mean not doing anything useful with the horse. Of course we can have a break if a break is helpful and we can design it in a way that is good for us and the horse. And it can do more harm than good if we do something with our horse but are not focused and allow him and us to habituate silly behaviours.

10 years are a long time. More time than I ever had with my beloved Pony „Finlay“. But only half of the time I have been spending with my wonderful „Merlin“ by now. 10 years ago my world looked different. Despite that I still wish I would have come further in the last 10 years. Throwbacks and wrong decisions have held me back, as they do with everyone I guess. Not to mention that I have to start from scratch again. The 8 years I had with Finlay were educational but I start at the beginning again. Because no matter how good a horse-trainer I have become Duncan will not be grown up any quicker by that. That‘s the time for patience because I cannot change it. I will have to endure him being too small for all the things I like to do for a long time. And I think he needs some patience for that too, he seems to be wanting to grow up a lot faster (because, I think, being grown-up means participating in all the great adventures to him)

I am looking ahead to the next 10 years now and I do have plans and wishes – for myself, my career, but most of all for Duncan and I. If all of that can come true – time will tell. But it certainly will NOT come true if we do not try. Every day. I will do my best to find the right amount of stubbornness. Just like my wonderful student with her horse. So that I will have a very good 11 year old horse in 10 years time. 🙂

10 Jahre

Ich stehe in der Reithalle und schaue meiner Schülerin mit ihrem Pferd zu. Ich bin beeindruckt und ein bisschen stolz. Ich kenne die beiden seit ungefähr 9 Jahren und sie hatten es wirklich nicht immer leicht. Aber diese beiden sind dran geblieben. Das was sie zusammen erreicht haben ist nicht das Ergebnis von Glück, Zufall und Talent, sondern von kontinuierlicher Arbeit, von dem Wunsch, stetig besser zu werden und von gegenseitiger Zuneigung, die nicht zu übersehen ist.

Und ich muss an den Fergus-Cartoon denken und an meinen kleinen Mini-Hengst im Stall.

Lerne Geduld. Es braucht 10 Jahre für ein gutes 10jähriges Pferd

„Die meisten Menschen überschätzen, was sie in einem Jahr erreichen können und unterschätzen, was sie in 10 Jahren erreichen können.“ (Das Internet ist sich nicht sicher, wem dieses Zitat zuzuordnen ist)

Manchmal sagen wir, wir bräuchten Geduld, um ein Pferd auszubilden. Aber ich bin nicht sicher, ob Geduld an der Stelle das richtige Wort ist. Geduld klingt für mich so nach abwarten. Der Duden sagt, Geduld sei „Ausdauer im ruhigen, beherrschten, nachsichtigen Ertragen“.

Das brauche ich manchmal wenn Kundenpferde bei der Hufpflege hampeln und ich die Situation in diesem Moment nicht ändern kann. Aber bei der Ausbildung eines Pferdes möchte ich ja nichts „ertragen“, ganz im Gegenteil. Ich möchte die Dinge so gestalten, dass Pferd und Mensch gleichermaßen zufrieden sein können mit der Situation. Dafür muss manchmal das Pferd neue Verhaltensweisen lernen und manchmal der Mensch.

Es braucht also viel mehr Durchhaltevermögen, Kreativität, die Bereitschaft, Dinge zu verändern und eine gute Portion von dem, was ich inzwischen als eine meiner besten Charaktereigenschaften ansehe: Sturheit.

Entschuldigt, dass ich dieses Wort so benutze. Natürlich gibt es nettere Worte dafür. Hartnäckigkeit vielleicht. Unbeugsamkeit würde ich lustig finden. Beharrlichkeit als positive Version.

Ich mag das Wort „Sturheit“. Es erinnert mich an Esel – diese wunderbaren, intelligenten Tiere, denen man dieses Wort immer zuschreibt und die gerade dadurch so eigenständig und stark sind.

Sturheit ermöglicht mir, ohne viel Druck auszukommen. Weil ich lieber über Wiederholungen arbeite und darüber, Situationen zu erschaffen in denen das Pferd von selbst merkt, dass das neue (erwünschte) Verhalten ihm mehr bringt als das alte. Da die Pferde meist mit dem alten Verhalten sehr erfolgreich waren, braucht es oft eine Weile bis sie bereit sind, ihr Verhalten zu verändern. Geduld würde bedeuten, das alte (unerwünschte) Verhalten zu ertragen. Sturheit bedeutet in diesem Fall für mich, das Ziel klar vor Augen es wieder und wieder zu versuchen. Auch was mich selbst und meine blöden Angewohnheiten angeht. Sturheit heißt auch, sich nicht erzählen zu lassen, dass etwas nicht geht. Sondern es weiter zu versuchen – vielleicht mit mehr Zeit und auf anderen Wegen.

Meine Schülerin würde ich natürlich schon aus Höflichkeitsgründen nicht als stur bezeichnen. All die Jahre hat sie in die Ausbildung von sich selbst und ihrem Pferd investiert. Dabei hat sie nicht nur Unterricht bei mir genommen, sondern natürlich auch bei anderen Ausbildern. Überall hat sie sich Dinge mitgenommen. Sie arbeitet an ihrer eigenen körperlichen Fitness, um zu einem besseren Pferde-Menschen zu werden. Sie kümmert sich unermüdlich um die Gesundheit ihres Pferdes und versucht alles zu optimieren. Sie stellt oft das Wohlergehen ihres Pferdes über ihre eigenen Wünsche.

Das alles ist nicht immer leicht, ich weiß das. Und darum bewundere ich sie für das, was sie da leistet. Manche von Euch mögen das selbstverständlich finden. Aber meine Erfahrung in der Pferdewelt zeigt, dass das keineswegs selbstverständlich ist. Ich habe viele Menschen aufgeben sehen. Manche haben das auch so gesagt. Andere haben ihr Aufgeben versteckt, hatten plötzlich „keine Zeit“ mehr für ihr Pferd, lassen Dinge einfach schleifen, worunter die Gesundheit des Pferdes leiden, haben angeblich nicht genug Geld oder reden sich Dinge einfach schön. Das Pferd ist zu dick? „Früher war der noch dicker“. Mag stimmen, ist aber kein stichhaltiges Argument. Das Pferd hat Strahlfäule? „bei dem Matsch nützt es doch gar nichts, da was drauf zu schmieren“. Nicht schmieren macht es aber auch nicht besser. Man kann es ja mal versuchen. Bei vielen hilft es übrigens trotz Matsch.

Das Pferd benimmt sich schlecht? Da wird gemeckert und gemotzt aber nicht in gute Erziehung und Ausbildung investiert. Verladetraining wird immer noch viel zu selten gemacht und es fällt einem dann eine Woche vorm Kurs ein, dass da ja was war. Wäre ja auch Arbeit, das konsequent zu üben. Und womöglich würde es anfangs nicht klappen. Da müsste man ja mal dranbleiben und aushalten, dass es nicht gleich klappt. Igitt.

Ausreden haben wir alle gern mal, das ist normal. Ich hab auch einen ganzen Berg davon – liebgewonnene, gut erprobte und gelegentlich eine neue. Wenn wir uns im Laufe von 10 Jahren ein paarmal rausreden geht ja auch die Welt nicht unter. Mal ist das Wetter zu schlecht, mal sind wir zu müde, mal fühlen wir uns überfordert oder haben andere Prioritäten. Das ist ja nur menschlich.

Schlechtes Wetter ist eine beliebte Ausrede unter Reitern aber eben auch nur eine Ausrede. Nicht dass ich mich nie drücken würde, aber manchmal geht es einfach trotzdem los. Und ja, es war so nass wie es aussieht.

Aber ehrlich zu uns selbst dürfen wir sein. Ist es wirklich nur heute mal so? Oder haben wir uns vielleicht schon seit Wochen immer wieder rausgeredet? Weil Winter ist. Oder weil Sommer ist. Zu viel Regen, zu viele Fliegen, das Auto kaputt, der Fuß verrenkt. Heute keine Zeit, dieses neue Verhalten zu üben und zu etablieren. Heute muss es schnell gehen. Ist es wirklich nur heute?

Wenn wir uns in 10 Jahren insgesamt 365 Tage rausreden, verlieren wir ein ganzes Jahr. Mit rausreden meine ich nicht, dass wir nichts mit dem Pferd machen. Mit rausreden meine ich, dass wir nichts SINNVOLLES mit dem Pferd machen. Eine Pause kann ja auch sinnvoll sein, wenn sie gerade dran ist und wir sie so gestalten, dass Pferd und Mensch profitieren. Genauso kann es kontraproduktiv sein, wenn wir zwar etwas mit dem Pferd machen aber dabei unkonzentriert und konzeptlos sind und damit ihm und uns erlauben, blödsinniges Verhalten zu entwickeln oder zu verfestigen.

10 Jahre sind eine lange Zeit. Mehr Zeit, als ich mit Finlay je hatte. Aber nur die Hälfte der Zeit, die ich nun bald mit Merlin verbracht habe. Vor 10 Jahren sah meine Welt noch ganz anders aus. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, in den vergangenen 10 Jahren weiter gekommen zu sein. Rückschläge und Fehlentscheidungen haben mich aufgehalten, wie wohl jeden von uns. Ganz abgesehen davon, dass ich nun von vorne anfange. Die 8 Jahre mit Finlay waren zwar höchst lehrreich und ich profitiere durchaus von den vielen gesammelten Erfahrungen, aber ich fange nun eben von vorne an. Denn egal was für eine gute Ausbilderin ich geworden sein mag – Duncan wird davon nicht schneller erwachsen werden. Hier ist der Punkt für Geduld, denn daran kann ich nichts ändern. Ich muss noch lange ertragen dass er zu jung ist für die Dinge, auf die ich mich so sehr freue. Mir scheint, dass auch er dafür Geduld braucht, auch ihm kann es gar nicht schnell genug gehen mit dem erwachsen sein (was für ihn wohl gleichbedeutend ist mit: alles mitmachen dürfen und jede Menge Abenteuer erleben).

Nun blicke ich auf die nächsten 10 Jahre und habe Wünsche und Ziele – für mich persönlich, beruflich, aber vor allem für Duncan und mich. Ob das alles wahr werden kann, wird sich zeigen. Aber sicher wird es nicht wahr, wenn wir es nicht versuchen. Jeden Tag aufs Neue. Ich werde mir Mühe geben, dazu das richtige Maß an Sturheit zu finden. So wie meine bewundernswerte Schülerin mit ihrem Pferd. Damit ich ihn 10 Jahren ein sehr gutes 11jähriges Pferd habe 🙂

Alltag

Neulich las ich von einer bekannten Ausbilderin einen kleinen Text auf Facebook. Sie schrieb darüber, wie wir in den sozialen Medien immer nur die spektulären Dinge zeigen und anschauen und wie falsch das sei. Sie versprach, in Zukunft mehr über die alltäglichen Momente mit ihren Pferden zu posten, denn diese sind natürlich viel wichtiger und wir sollten uns immer wieder daran erinnern.

Erst habe ich ihr zugestimmt. Dann habe ich gestutzt.

Ich denke zurück an das Jahr 2018. Im Januar hatte ich gesagt: ich will dieses Jahr auf Distanzritt gehen. Zu dieser Zeit war unsere „große Runde“ 7km lang und wir sind sie weitgehend im Schritt geritten. Für den Distanzritt brauchten wir 28km weitgehend im Trab!

Was tat ich also? Ich richtete meinen Alltag danach aus.

Jeden Dienstag – egal wie müde, wie spät und wie heiß (Regen hatten wir nie) – sind meine Freundin und ich eine größere Runde geritten. Am Wochenende bin ich eine größere Runde mit Arnulf geritten. Und dazwischen habe ich Stangentraining, Dressurreiten und Freiarbeit eingebaut.

Nun könnte ich weiß Gott nicht über jede dieser Traininseinheiten ein Buch schreiben. Die wenigsten waren spektakulär. Viele waren anstrengend, manche frustrierend. Die meisten waren entspannend und schön. Wie ein schönes Treffen mit Freunden eben so ist. Ich hätte schreiben können „Wir waren heute wieder schön reiten. Die Sonne hat geschienen, die Vögel haben gezwitschert, die Ponys hatten Lust zu laufen und wir haben 16km in 2,5 Stunden geschafft.“

Aber wäre das interessant gewesen? Ich weiß es nicht. Ich persönlich freue mich zwar, wenn jemand postet „schön draußen gewesen“ aber nur, wenn ich irgendeinen Bezug zu den Leuten habe. Bei Fremden interessiert es mich herzlich wenig. Und wenn jemand so etwas postet an einem Tag an dem es bei uns stürmt oder ich keine Zeit hatte oder womöglich mit Erkältung auf dem Sofa dahinsieche, dann bin ich ein bißchen neidisch. Was nützt es also, mehr über den Alltag zu reden?

Ich glaube, über den Alltag zu reden bringt uns nur dann weiter, wenn wir etwas tiefer graben. Warum ist der Alltag so wie er ist? Wie können wir ihn so gestalten, dass er Spaß macht und uns an unser Ziel bringt? Gerade im Pferdetraining können wir beobachten, dass es nur über den Alltag geht. Wir arbeiten heute nicht für heute, sondern für morgen oder für nächste Woche. Wenn ich heute einen klitzekleinen Schritt in die richtige Richtung gehe, habe ich eine gute Chance, dass mein Pferd daraus plötzlich einen großen Schritt macht. Aber Achtung: wenn ich einen klitzekleinen Schritt in die falsche Richtung gehe, kann das auch passieren. Da birgt er Alltag seine Tücken, wenn wir ungeduldig oder unachtsam werden und unseren Pferden irgendwelchen Mist beibringen, den wir später gar nicht haben wollen. Das kann ich jeden Tag überall beobachten….

Alltag: Futterschnute, ein rostiges Tor und zerzaustes Haar.

Wenn ich mit dem Heusack vorm Stalltor stehe und fünf hungrige Ponys stehen auf der anderen Seite, dann ist einer dieser Momente. Das Tor geht nach innen auf. Alle Ponys müssen also so weit Platz machen, dass ich rein kommen kann. Und ich habe jeden Tag (meistens mehrfach) die Wahl: Scheuche ich sie zurück, schiebe ich sie zurück und drängle mich durch (während sie schon heimlich Heu am Sack naschen) gehe ich einfach einen anderen Weg und füttere an einer ganz anderen Stelle oder warte ich, bis die Herren von selbst auf die Idee kommen, mir Platz zu machen.

Manchmal, wenn ich da so stehe, würde ich gern doch einfach die Gerte nehmen und die Ponys wegräumen. Aber das möchte ich nicht, weil ich will, dass sie den Zusammenhang begreifen und dass das nicht davon abhängig wird ob ich eine Gerte griffbereit habe. Heu gibt es eben erst, wenn man Platz gemacht hat. Wenn alle Platz gemacht haben!

Das ist Alltag. Wenn ich zu müde oder zu genervt bin, gehe ich einen anderen Weg und lege das Heu ganz woanders hin – zum Glück geht das in unserem Stall. So kann ich dem Thema ausweichen und es mir für einen Tag bequem machen. Auf Dauer, habe ich beschlossen, will ich, dass meine Ponys es lernen.

Vielleicht kommt einmal der Moment, in dem alle meine Ponys prompt und zügig Platz machen und ich einfach so durch die Stalltür spazieren kann. Das wäre dann spektakulär und ich könnte ein Video darüber machen und manche meiner Freunde würden staunen, sich mit mir freuen und feiern. Das wäre ein toller Moment!

Danach würde auch das wieder Alltag werden.

Spektakulär ist ja nur das, was für uns kein Alltag ist. Für jemand anderen mag es Alltag sein.

Ich meine, all die spektakulären Dinge, die wir uns gern anschauen, sind in jemandes Alltag entstanden. Für viele gute Reiter ist es z.B. Alltag, Lektionen zu reiten, die für den Anfänger ein Highlight wären. In meiner Timeline gibt es Videos von Merlin und mir in der ersten Piaffe und beim ersten fliegenden Wechsel – und obwohl das immer noch Höhepunkte unseres gemeinsamen Tuns sind, ist es doch ganz normal, diese Lektionen im Alltag zu reiten. Wir brauchen dazu keine Hilfe vom Boden mehr und wir können nach und nach alles schön verfeinern. Alltag eben….

Dagegen wird es ein absoluter Höhepunkt sein, mit Duncan eines Tages die erste Runde im Schritt über den Platz zu reiten. Alles ist schließlich relativ.

Und so bin ich nicht sicher, ob ich dem Facebook-Post der Ausbilderin zustimme. Zum Teil ja. Wenn wir uns gegenseitig immer wieder daran erinnern, dass der Großteil unseres Lebens und der Großteil der Ausbildung unserer Pferde im Alltag stattfindet und nicht spektakulär ist, dann hilft uns das sicher, bei der Stange zu bleiben.

Uns gegenseitig damit zu langweilen wird uns hingegen wohl kaum motivieren. Vielleicht wäre es motivierender, uns gegenseitig zu erzählen, welche Varianten von Alltag wir versuchen. Heute ist es die Plane und morgen die Matratze. Heute ist es Stangentraining, morgen ein Spaziergang. So könnten wir uns Ideen geben „oh das könnte ich auch mal machen“ und „das habe ich lange nicht gemacht“. Wir könnten den Alltag etwas würzen. Aber Alltag ist Alltag. Und so wie wir für ein schönes Portrait-Foto nicht die alte Stalljacke anziehen, werden wir unseren Alltag nie ehrlich nach außen transportieren. Und das erwartet auch niemand, denke ich, denn niemand lässt sich gern langweilen.

Was bleibt, ist die Gewissheit, dass das was wir alltäglich tun den größten Einfluss auf unser Leben hat. Jeder, der mit irgendetwas jemals Erfolg hatte, wird das wissen. (Also alle.) Der Alltag bestimmt letztlich unser Leben.

Und das ist jetzt das, was mich auch mit Duncan beschäftigt. Denn endlich ist hier etwas eingekehrt, wonach ich mich seit Finlays Tod so sehr gesehnt habe: Alltag. Solider, vielleicht manchmal etwas langweiliger, unspektakulärer Alltag. Routinen und Gewohnheiten, ein Gleichmaß der Dinge und eine gewisse Berechenbarkeit. Und da Finlays Tod mir gezeigt hat, dass diese Berechenbarkeit reine Illusion ist, genieße ich umso mehr jeden Tag, an dem NICHTS spektakuläres passiert, selbst wenn das bedeutet, dass nichts besonders tolles passiert, nichts, was mich himmelhoch jauchzen und auf Wolke sieben davonschweben lässt.

Ich bin dankbar für den Alltag wie ich es noch nie in meinem Leben war.

Und in kleinen Momenten sehe ich etwas entstehen, sehe manchmal das nächste Highlight durchblitzen und kann mich darauf freuen. Die erste Fahrt mit dem Anhänger in fremdes Gelände, der erste gemeinsame Kurs, das erste Mal dass diese oder jene Übung gelingt. Aber ich möchte nicht nur für diese Momente leben. Ich möchte jeden Tag genießen, dass es meine Ponys überhaupt gibt und dass sie so einen großen Teil meines Alltags darstellen.

Reden werde ich trotzdem vorwiegend über die anderen Momente, denn für Außenstehende sind die nunmal spannender und interessanter. Aber wer genau hinschaut und es wirklich wissen will, wird auch dort immer wieder meinen Alltag wiederfinden können.

Zähmen

„Ich suche Freunde“ [sagte der kleine Prinz] „was bedeutet ‚zähmen‘?“
„Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache“, sagte der Fuchs. „Es bedeutet, ‚sich vertraut machen‘ “. (Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry)

Ich habe hier http://www.relue-online.de/2016/09/heisst-zaehmen-vertraut-machender-kleine-prinz-neu-uebersetzt/ einen sehr interessanten Text über die Übersetzung des französischen apprivoiser aus dem Originaltext in das Deutsche „zähmen“ gelesen. Nachdem ich mit der Version des kleinen Prinzen aufgewachsen bin, in der das Wort „zähmen“ verwendet wird, habe ich nie über diesen etwas eigenwilligen Sprachgebrauch nachgedacht. Tatsächlich ist das französische apprivoiser offenbar ein viel weiter gefasster Begriff, so dass auch andere Übersetzungen denkbar gewesen wären.
Dass aber in der mir bekannten Übersetzung das Wort „zähmen“ verwendet wurde, hat merklichen Einfluss auf meine Idee von „zähmen“ genommen. An sich kann „zähmen“ ein recht beherrschender Prozess sein, der mit Machtergreifung über ein anderes Lebewesen einhergeht. „Zähmen“ kann bedeuten, dem wilden Tier seine Wildheit zu nehmen – nicht immer im positiven Sinne.
Aber weil ich mit dem kleinen Prinzen aufgewachsen bin, ist „zähmen“ für mich durch und durch positiv besetzt. Für mich bedeutet es – wie der Fuchs sagt – „sich vertraut machen“. Aber der kleine Prinz lässt uns noch eine andere Bedeutung vermuten: es könnte auch heißen „Freunde werden“.

Es ist eine in Vergessenheit geratene Sache, sagt der Fuchs. Ist es etwas altmodisches? Hat man das früher öfter gemacht? Vielleicht. Aber vielleicht ist es auch ein Sache, die wir immer wieder vergessen. Weil wir meinen, den anderen zu kennen – wo wir doch schon 3 Wochen mit ihm befreundet sind. Weil wir meinen, den anderen zu kennen – wo wir doch alle seine Facebook-Posts gelesen haben. Weil wir meinen, den anderen zu kennen – weil wir wissen, wann er Geburtstag hat und was er am liebsten isst.
Zähmen bedeutet für mich so viel mehr: zu wissen, wie der andere unter Stress reagiert. Zu wissen, was der andere als Beleidigung empfindet. Zu wissen, was der andere braucht, wenn er traurig ist. Zum Beispiel. Und noch so viel anderes.
Und das passiert nicht in 3 Wochen. Das passiert auch nicht in 3 Monaten. Das passiert ansatzweise in 3 Jahren. Zähmen ist ein immer währender Prozess, finde ich. Da der, den ich gezähmt habe, sich verändert und ich mich verändere, müssen wir uns immer neu vertraut machen. Je öfter wir das tun, desto vertrauter werden wir, desto tiefer wird unsere Bindung, desto mehr sind wir Freunde.

Und hier steht nun mein kleiner Duncan, und schon jetzt kann ich mir nicht mehr vorstellen, ohne ihn zu sein, so sehr ist er Teil meines Lebens geworden. Aber ich muss mir jeden Tag eingestehen: mit dem Zähmen ist es noch nicht so weit her. Am Montag hatte er „Halbgeburtstag“. Das ist ein Tag, den ich aus meiner Familie kenne, den wir feierlich begangen haben, wenn eins von uns Kindern ein halbes Jahr älter wurde. So war der Weg zum echten Geburtstag nicht so weit.
Duncan wurde am Montag 1,5 Jahre alt. Er ist also noch ein echtes Kind, manchmal neige ich dazu, das zu vergessen, weil er sich schon so erwachsen gibt.
Hier bei uns ist er jetzt noch kein halbes Jahr. Erst Ende März wird das halbe Jahr voll. Von „gezähmt“ kann also wohl noch keine Rede sein. Auch das ist eine wichtige Finlay-Lektionen: Zähmen braucht Zeit.

Im Moment denke ich viel an die erste Zeit mit Finlay zurück, während ich mein Buch überarbeite. Erinnerungen kommen hoch, wie ich mich damals gefühlt und was ich erwartet habe. Fast 9 Jahre sind seit meiner ersten Begegnung mit Finlay vergangen. Irgendwie hatte ich Dummerchen damals die Idee, dass ich wüsste „wie man Pferde ausbildet“ und dass die Pferde eben doch alle mehr oder weniger gleich funktionieren. Ich hatte gedacht, dass mein junges Pferd sich in das Ausbildungssystem meiner Wahl einfügen würde, so wie ich – wenn auch nur gezwungenermaßen – mich in das deutsche Schulsystem eingefügt hatte. Warum war mir nicht gleich aufgefallen, dass da was nicht stimmen kann? Wo ich mich doch selbst in diesem System nie wohlgefühlt hatte. Klar, mein Ausbildungssystem war ja so viel besser als unser Schulsystem. War es ja auch. Nur – es war halt nicht das richtige für Finlay. Und da hat Finlay ein Weilchen gebraucht, um mir das zu erklären.
Vielleicht hat es mir trügerische Sicherheit gegeben, damals, in der Aufregung, jetzt endlich alles so machen zu können wie ich es möchte – nämlich „richtig“. Ich habe mir selbst vorgemacht, ich könnte weitgehend ohne Fehler auskommen. Ich hatte mir doch glatt eingebildet, mehr zu wissen als mein Pony. Und habe manchmal verpasst, mir die Zeit zu nehmen, darüber nachzudenken und hin zu schauen, was mein Pony wohl eigentlich für ein Pony ist. Hat ganz schön lang gedauert, bis Finlay sich durchgesetzt hatte.
Entschuldige, mein Finlay. Ich habe geglaubt, schlau zu sein und heute weiß ich, wie dumm das ist.
Duncan profitiert nun von Deiner unermüdlichen Arbeit, denn heute bin ich schlauer: ich weiß, wie dumm ich bin. Und ich habe zwei Menschen an meiner Seite, die mich immer wieder darauf hinweisen, dass es nicht nötig ist, die selben Fehler noch einmal zu machen. Diese beiden Menschen übernehmen jetzt Deinen Part, mein schöner Finlay, und stoßen mich immer wieder mit der Nase darauf, dass ich hinschauen muss, flexibel bleiben und mein Ausbildungssystem an mein Pony anpassen anstatt umgekehrt. Vielleicht flüsterst Du ihnen das ein, manchmal erinnern die beiden mich so an Dich, in der Art wie sie das sagen.

Zähmen, das ist für mich im ersten Schritt so etwas wie „kennenlernen“. Und das kann voller Überraschungen sein.
So hat Duncan mich in den letzten Wochen wieder und wieder überrascht. Dass er schreckfest sein würde, war zu erwarten – rassebedingt. Dass er gerne Abenteuer erleben möchte habe ich auch erwartet, das war ihm ja schon anzumerken und ein Grund für mich, ihn zu kaufen.
Was mich überrascht ist seine fast schon unheimliche Auffassungsgabe und sein strategisches Ausprobieren und lernen.

Neulich zum Beispiel:

Ich will mit Diego in der Halle etwas Bodenarbeit machen, aber die Ponys stehen alle da drin. Also muss ich nun alle Ponys rausschmeißen bis auf Diego und dann das sehr breite Tor schließen. Das birgt seine Tücken, denn die Ponys wollen keineswegs raus, die wollen Kekse und Aufmerksamkeit bekommen. Im Laufe der Zeit haben wir also etabliert, dass ich die Ponys mehr oder weniger einzeln raus schicke und die, die draußen sind, genau vor dem (noch offenen) Tor stehenbleiben, wo sie dann, wenn sie artig warten, einen Keks bekommen. Erst wenn alle draußen sind, die draußen sein sollen, mache ich das Tor zu. So geht es ganz gut. Problem: Duncan kennt offiziell noch kein Wartekommando (ich habe das bisher genau einmal gemacht, vor Wochen, und da bin ich immer nur schnell einmal um ihn rum gelaufen bis ich auch schon wieder da war und den Keks geben konnte.)
Von „ich stelle dich da ab, sage dir dass du warten sollst, rufe ein anderes Pferd gehe dann noch hin um es zu holen weil es trotz rufen nicht kommt und du stehst da und wartest geduldig auf deinen Keks“ sind wir noch meilenweit entfernt. Dachte ich. Aber da habe ich wieder die Rechnung ohne den Ritter gemacht!
Caruso steht neben ihm (der weiß wie es geht und macht es vor) und was soll ich sagen: Duncan wartet, lässt sich einen Keks geben, wartet wieder, lässt sich wieder einen Keks geben…. Er weiß ganz genau wie das geht. Wie Finlay es immer gemacht hat, so macht er es auch: kein Huf bewegt sich (das ist die Keks-Bedingung). Der Hals reckt sich in die Nähe des Kekses, der Kopf wird schief gelegt, die Lippe vorgestreckt, das ganze Pony ist eine einzige Ungeduld. Aber die Hufe stehen wie angewurzelt. Ich kann nur vermuten, dass er mal wieder einfach nachmacht, was er bei den anderen sieht.

Duncans „ich hab gewartet jetzt bring mir den Keks!“- Gesicht


Ich hingegen bin so baff, dass ich mich nachher nur schwer konzentrieren kann als ich mit Diego arbeite. Und seitdem wird mir immer ganz anders, wenn ich sehe, wie Duncan da steht und zuschaut, vor allem wenn ich mit Merlin Piaffe, spanischen Schritt und „steigen“ übe. Und wer weiß zu was für Gelegenheiten er noch „mit den Augen klaut“. Denn es ist zwar von Vorteil, wenn er sich viele gute Sachen abschaut, aber spanischen Schritt und Steigen darf er gerne noch ein paar Jahre weglassen – bis ich ihn gut genug kenne für so einen Quatsch. Wenigstens bin ich jetzt gewarnt und kann – wenn plötzlich unerwartete Verhaltensweisen auftreten – erstmal überprüfen ob er sich das wohl irgendwo abgeguckt hat. Es stimmt schon: in mindestens zwei Situationen hatte ich bei Finlay auch eindeutig den Eindruck, er hätte sich etwas abgeschaut. Allerdings waren seine Nachmach-Versuche immer geprägt von Zufälligkeit, so wie ich es von den meisten Tieren kenne. Man probiert halt mal so herum. Bei Duncan hingegen habe ich das Gefühl, es gibt ein festgelegtes Testprotokoll, und das macht ihn so schnell und erfolgreich beim Lernen. Er probiert nicht nur das gewünschte Verhalten, er probiert – so mein Eindruck – auch gezielt das Gegenteil um herauszufinden, welche Konsequenzen das hat. Wenn die Antwort meinerseits nicht ganz eindeutig ausfällt, steigert er das Verhalten (in beide Richtungen) bis er genau weiß, was Sache ist. Wenn er sich dann auskennt, zeigt er zuverlässig das gewünschte Verhalten (es sei denn natürlich er hat gute Gründe das nicht zu tun. Langeweile zum Beispiel). Dieses „Gegentesten“ ist neu für mich. Manchmal wird mir Angst und Bange. Wo ich doch neulich erst wieder meiner Schülerin erklärt habe, dass das Erarbeiten eines guten Lernverhaltens ja erst mal Zeit in Anspruch nimmt. Manchmal gehen Jahre dafür drauf, bis das Pferd ein Lernverhalten im Zusammenhang mit uns Menschen entwickelt hat, das uns schnelle, saubere Kommunikation ermöglicht.
Duncans Lerntaktik ist jetzt schon ausgefeilter als die vieler erwachsener Pferde. Um Himmels willen, wo soll das hinführen, wenn er mehr Erfahrung hat?

Nun, wir werden sehen. Das kleine, gut geölte, PS-starke Maschinchen zwischen seinen Ohren läuft jedenfalls Tag für Tag auf Hochtouren. Er beobachtet mich und zieht seine ganz eigenen Rückschlüsse – wie viel er von diesen Rückschlüssen preis gibt und wie viele er für sich behält, weiß ich nicht. Und ich beobachte ihn, mit zunehmendem Vergnügen, und bin froh, dass ich so ein tolles Pony gefunden habe und dass die Verrücktheit, ihn zu kaufen, sich als echter Glücksfall entpuppt.
Ein Pferd kaufen ist ein bisschen wie ein Blind Date, sagt meine Freundin. Und recht hat sie. 15 Minuten habe ich mit Duncan verbracht und dann habe ich mich entschieden. Von Kennen kann da ja keine Rede sein. Es ist ein Sprung ins Wasser – und man hofft, dass es nicht allzu kalt ist.

Je mehr (verrückte) Sachen wir probieren desto besser lernen wir uns kennen.

Danach kommt dann die eigentlich spannende Zeit: die Zeit des Zähmens.
Im kleinen Prinzen wird Zähmen als Einbahnstraße beschrieben: „bitte… zähme mich!“ sagt der Fuchs. Aber ich möchte widersprechen. Wenn zähmen bedeutet, sich vertraut zu machen, dann muss es von beiden Seiten kommen. Duncan macht sich mit mir vertraut, indem er mich beobachtet und Verhaltensweisen ausprobiert und ich mache mich mit ihm vertraut – indem ich ihn beobachte und Verhaltensweisen ausprobiere.

„Man kennt nur die Dinge, die man zähmt“ sagte der Fuchs (eine etwas unglückliche Übersetzung, denn weder Duncan noch ich sind „Dinge“, aber was soll’s.)

Zähmen braucht Zeit, aber auch Offenheit und den Mut, nicht vorwegzunehmen, was jetzt passieren könnte oder sollte, sondern hin zu schauen was tatsächlich passiert. Finlay hat mir das in aller Deutlichkeit erklärt, und jetzt habe ich die Chance, es besser zu machen als vor 9 Jahren. Duncan hingegen ist ein Naturtalent, was das Zähmen angeht, und hat mich bereits sehr gut durchschaut, scheint mir…