Wir haben Zeit

„Wir haben ja Zeit“ sagen viele meiner Schülerinnen. Sie meinen damit, dass sie sich und ihrem Pferd keinen Druck machen wollen. Dass es für sie völlig in Ordnung ist, wenn die Ausbildung des Pferdes an irgendeinem Punkt länger dauert als gedacht. Dass sie gern Rücksicht nehmen auf ihren vierbeinigen Freund. Lauter gute Sachen.

Neulich sagte Maren Diehl dann in einem Podcast sinngemäß „bei uns Freizeitreitern ist die Zeit ja immer der limitierende Faktor“. Ich stutze. Wieso, wir haben doch so viel Zeit? Dann dachte ich an Fergus the horse und den Artikel den ich damals über einen ihrer wunderbaren Cartoons geschrieben habe. „Wir haben Zeit“, sagen meine Schülerinnen und meinen damit, dass wir alle wissen, dass es 10 Jahre braucht um aus einem Fohlen ein gutes 10jähriges Pferd zu machen. Und dennoch birgt der Satz „wir haben ja Zeit“ so viele Gefahren. Weil er ganz schnell zur Ausrede wird. Das Pony ist etwas zu mopsig? Jaaaa, aber zu schnell soll er ja jetzt auch nicht abnehmen, da lassen wir uns lieber Zeit. Wenn es so gemeint ist und umgesetzt wird, wie es gesagt wird: fein. Wenn es aber in Wirklichkeit bedeutet „ich hab jetzt echt keine Lust mich darum zu kümmern und hoffe, dass das Problem sich auf magische Art und Weise von selbst erledigt, wenn ich es nur lang genug ignoriere“, dann ist das nicht so gut.

„Wir haben ja Zeit“ – wofür genau? Das ist eben die Frage. Ja, klar müssen Duncan und ich noch nicht auf dem Reitplatz traben und im Gelände müssen wir noch nicht galoppieren. Wir haben ja noch Zeit, er ist ja noch jung. Wir müssen noch nicht allein ausreiten gehen können, er ist ja noch unerfahren. Das ist völlig korrekt. Aber es ist eben NICHT gleichbedeutend mit „wir denken da noch nicht dran, bereiten nichts vor und schieben die Themen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag auf die lange Bank“. Es bedeutet: ich überlege schon mal, was ich vorbereitend üben kann, welche Fähigkeiten uns fehlen und wie die kleinen Schritte zu diesen Zielen aussehen können.

Ich bin nun seit 24 Jahren als Hufpflegerin tätig. Ich habe viele, viele Pferde gesehen und viermal so viele Hufe. Gute und schlechte. Und ich schaue zurück und denke darüber nach, welche Pferde gute Hufe haben und welche schlechte. So im Schnitt. Gefühlt – ohne wissenschaftliche Analyse dahinter. Gute Hufe sehe ich häufig da, wo Pferdebesitzer ein Konzept haben. Sich kümmern. Um Fütterung, Haltung, Bewegung, Gesundheit. Sich fortbilden. Sich den Problemen stellen. Die schlechten Hufe sehe ich oft da, wo das nicht der Fall ist. Ich meine das überhaupt nicht vorwurfsvoll. Hier in meinem eigenen Stall steht der kleine Caruso und ist unterbeschäftigt und auch nicht immer perfekt versorgt mit seinem Sommerekzem, seinen winterlichen Hautproblemen, seinen teilweise löchrigen Hufen. Wenn ich ihn dann anschaue, möchte ich ins Internet gehen und ein Wundermittel kaufen (manchmal tu ich das auch). Aber ehrlich gesagt: das hilft nicht. Weil kein Wundermittel der Welt wirken kann, wenn man es nur 3 mal anwendet und dann 4 Wochen lang vergisst. Und das ist halt die Krux an der Sache – egal worum es geht. Trainieren, Hufe in Schuss bringen, abnehmen, etwas neues lernen, Verhaltensweisen verändern – das alles funktioniert nur mit diesem elendigen „Dranbleiben“. Das ist verdammt ärgerlich, anstrengend und nervig. Weil wir ja genau dafür dann oft doch keine Zeit haben. Und ironischer weise sagen wir dann manchmal „wir haben ja Zeit“ – und meinen das Gegenteil. Mir hilft oft ein kleiner Trick: regelmäßig (!) ein bisschen was machen ist besser als nichts machen. Und so habe ich den Donnerstag zum „Hufe schmieren“- Tag auserkoren. Das ist dann ein Tag in der Woche, an dem alle meine Ponys etwas Pflege gegen eventuelle Strahlprobleme oder ähnliches bekommen. Auch Caruso. Und wenn ich den dann schon mal in der Hand habe, schaue ich automatisch auf seine Haut und mache da auch noch was drauf. Und schon ist alles etwas besser gepflegt, das ist doch mal ein Anfang. Und weil ich es durch diese Regelmäßigkeit etwas mehr auf dem Schirm habe, greife ich oft automatisch auch zwischendurch mal zum Pflegemittel und achte akribischer darauf, dass die Ekzemerdecke jeden Abend aufs Pony kommt.

Was noch vor diesem Anfang kommt ist etwas, was mir unheimlich wichtig ist (und wovon manche mir nachsagen, ich sei recht gut darin): Ehrlichkeit zu sich selbst. Wirklich mal erforschen, was man sich da so zurecht denkt. Und ob „wir haben ja Zeit“ vielleicht eine kleine Ausrede ist. Ob „wir haben ja Zeit“ bedeutet „ich habe keine Lust“ oder „ich habe Angst“ oder „ich weiß nicht wie das geht“.

Ich erinnere mich schmunzelnd an eine Schülerin, deren Pferd gern mit dem Huf scharrte um ein Leckerli zu bekommen. Sie erklärte mir, wie sie versucht, ihrem Pferd das abzugewöhnen (indem sie wartet, bis das Pferd aufhört mit scharren und dann das Leckerli gibt). Ich für meinen Teil erklärte ihr, dass ihr Pferd damit lediglich einen Ablauf lernt (erst scharren, dann den Huf abstellen, dann Keks kassieren). Ich erklärte ihr, wie es besser ginge. Sie schaute mich stumm an und ich fügte hinzu „in Wirklichkeit stört es dich einfach gar nicht genug, um daran etwas zu ändern“. Dann lachten wir beide und das Thema war vom Tisch. Und das ist völlig in Ordnung (weil durch das Scharren in diesem Fall niemand zu Schaden kam). So wie es für mich völlig in Ordnung ist, wenn Duncan unterwegs in einem gewissen Rahmen „förstert“. Und wenn jemand mir sagt „ich mag kein Dressur-Reiten“, dann bittesehr. Die einzige Reiterpflicht ist dann, andere Wege zu finden, dem Pferd zu helfen mit der Balance und Tragfähigkeit. Das geht auch ohne Dressur-Reiten – wirklich. Aber nur wenn wir das ehrlich aussprechen, können wir uns dann um so ein Alternativ-Programm bemühen.

Und so fordere ich meine Leserinnen alle mal auf, sich selbst, ganz leise und heimlich, die Frage zu stellen, was das wohl bedeutet „wir haben Zeit“ (oder was immer Ihr sonst so zu Euch selbst sagt). Ihr müsst es ja niemandem erzählen. Aber wenn Ihr das mal tut und die entsprechende Antwort findet und dann auch Handlungen daraus ableitet, dann wird die Welt für Euch und Euer Pferd ein bisschen besser werden – versprochen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 370

Diiiiiiiiienstag! Ab in den Wald mit dem Ausreitkumpel! Diesmal eine kleinere Runde, dafür ein neuer Testlauf für die Verbesserung der Lieblingsstrecke. Mein Mädchen hat die Strecke etwas umgebaut und das war echt fein so. Weil nicht so viel Zeit war, waren es nur knapp 8km, da können wir dann später noch eine Schleife dran hängen. Diesmal sind wir dann den schönen Weg in die richtige Richtung geritten, also leicht bergauf. Weil mein Mädchen etwas Sorge hatte, dass ich das als Einladung für wildes Galoppieren betrachten könnte, hat sie im Kopf unser „Trablied“ laufen lassen. Ich bin ganz brav getrabt wie ein kleines Uhrwerk. Und zwar immer auf der Seite des Weges wo die Zweige am tiefsten hingen. Das hat Konzept, dann kann ich zwischendurch was förstern! (Wobei ich derzeit noch mit traben beschäftigt bin. Aber ich übe! Irgendwann schaffe ich das!) Mein Mädchen war davon ja so gar nicht begeistert. Sie meinte, ich möge doch bittesehr ihre Höhe mit einberechnen, sonst muss sie sich ja dauernd ducken. Ach, irgendwas ist eben immer.

Als wir dann fertig waren mit traben, sind die Mädchen abgestiegen und zu Fuß gegangen. Ich hab mir schnell ein Zweiglein abgerissen und wollte das gemütlich verschmausen. Aber mit dem Gebiss im Maul geht das echt schwer! Da wollte ich gern stehen bleiben, um das Problem zu lösen. Mein Mädchen wollte aber nicht stehen bleiben. Also sagt sie zu mir „ich tausche“. Nimmt mir den Zweig aus dem Maul und gibt mir stattdessen einen Keks.

In meinem Hirn fing das an zu rattern und zu rechnen. Schnell nach dem nächsten Zweig gehascht. Mein Mädchen „nimm doch einfach nur zwei Blätter, dann kannst du das gut kauen“. Ok! Mache ich. Und jetzt, mein Mädchen, bist du dran. So war doch die Regel: ich esse den Zweig NICHT, dafür bekomme ich einen Keks! Mein Mädchen war am fluchen und gleichzeitig am lachen und meinte, ich sei doch wieder schlauer als sie und sie hätte einen blöden Anfängerfehler gemacht mit diesem Tausch-Angebot! Ach, manchmal ist sie wirklich zu lustig.

Als wir wieder an der Wackelkiste waren, hat mein Mädchen was neues probiert. Echte Distanzpferde werden ja immer schön gekühlt, mit Wasser und Schwamm. Und mein Mädchen findet, wir können das schon mal üben. Also hat sie einen Eimer Wasser und einen Schwamm mitgenommen und mich freundlich abgewaschen. Das fand ich super! Da hab ich gleich mal eine Genusslippe gemacht. Sogar im Gesicht mochte ich den feuchten Schwamm. Mein Kopf juckt ja nach dem reiten immer so und das hat gut geholfen. Mein Mädchen war ganz entzückt, denn duschen mit dem Schlauch finde ich ja immer so blöde, aber das mit dem Schwamm gefällt mir, das können wir gern immer so machen.

Mein Ausreitkumpel und ich wollten gern noch etwas näseln. Und dann etwas wilder. Naja, als ich dann steigen wollte, haben die Mädchen uns angebrüllt und wir mussten uns wieder benehmen. Aber vielleicht können wir uns irgendwann mal wieder zum spielen treffen, wenn mein Mädchen ihre Nerven gut zusammen hat und sich traut, sich das anzuschauen. Mal sehen.

Bisschen näseln
Partners in crime!

Jetzt fallen die nächsten Dienstags-Ausflüge leider auch schon wieder aus, wie schade! Da muss ich mich fürs Konditionstraining auf Ausreiten mit Diego beschränken. Aber vielleicht wird es ja auch endlich mal was mit dem allein ausreiten, das steht ja auch noch auf unserer To-Do-Liste. Und Besuch von anderen Ausreitkumpels. Ach, so gibt es immer was zu tun!

Euer gut beschäftigter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 369

Sonntag = erstmal schön ausschlafen!

Der Steinboden im Stall ist schön kühl, gemütlich bei dem warmen Wetter!

Sonntagsausflug fällt aus. Ich habe mir eine kleine Auszeit genommen, habe am Mittwoch ein bisschen gehumpelt. Ist aber schon wieder weg. Trotzdem: Donnerstag, Freitag und Samstag war mein Mädchen viel auf Achse und hatte keine Zeit, was mit mir zu unternehmen. Und weil sie ja nun nicht genau wusste, ob ich heute wieder fit bin, und weil sie so viel auf Achse war, schieben wir heute eine ruhige Kugel.

Apropos Kugel: angeblich habe ich ja eine Rubens-Figur! Mein Mädchen meint, weil ich jetzt nicht mehr so doll wachse und kein ganzer Mann mehr bin, brauche ich wohl nicht mehr so viel Futter. Das finde ich aber ganz und gar unfair! Und außerdem ist das gar kein Speck, sondern Muskelerwartungsmasse! Wo ich doch immer so viel trainiere! Einziger Trost: auch Gatsby und Diego sind angeblich zu dick. Mein Mädchen meint, im wesentlichen wird sich das von selbst erledigen, wenn das Gras auf der Wiese jetzt aussamt und dann viel weniger Kalorien hat. Trotzdem ist jetzt Schmalhans Küchenmeister. Nachts dürfen wir ja auf die Wiese, aber tagsüber ist Diät angesagt! Nix mehr mit drei Heuportionen über Tag. Heute wurden uns erst mal ein paar Haselnusszweige serviert und dann ein paar Brennesseln. Weil wir die Zweige nicht aufessen wollten, hieß es dann gleich, wir wären wohl nicht hungrig genug. Wir haben da ein bisschen dran rum gekaut und dann fest gestellt, dass es nicht an eine ordentliche Heuportion ran kommt. Aber auf die mussten wir dann ganz schön lange warten!

Diese Zweige sind echt nicht so einfach zu fressen!

Der Mann hat den Sensenmann gespielt und hat die Brennesseln von der Wiese gesenst. (Apropos! Comedy vom Sensenmann! Wärmste Empfehlung vom Mädchen!)

Und weil es ja so gar nicht regnen soll in der nächsten Zeit, meint mein Mädchen, sie macht aus der Not eine Tugend und macht ein bisschen Brennesselheu für uns. Soll ja sehr gesund sein….

Immerhin habe ich mir ein paar extra Grashalme ergattert. Das war so: Jedes mal, wenn sie mich durch das Tor wieder in den Stall bringt, merke ich an, dass da in der Mauerritze schönes Gras wächst. Jedes mal sagt sie, das sei nicht mein Job, ich wäre ja Pony und kein Gärtner. Hä? Ich bin doch Profi-Förster! Wann hat sie das vergessen? Aber heute schlug meine Stunde: Mein Mädchen hatte mich raus geholt und ich sollte im Kreis traben für den Humpelfuß-Check. Den hab ich bestanden: kein Humpelfuß mehr. Also zurück in den Stall. Gerade als wir auf der Höhe vom Tor waren, hat der Mann mein Mädchen was gefragt. Da war sie doch kurz abgelenkt! Und ich hab mich schnell um das Gras da gekümmert. Mein Mädchen hat nur gelacht und gemeint, ich wäre eben sehr aufmerksam und wüsste genau wann sie es nicht ist.

So, jetzt ist dieses Mauerritzengras endlich weggeförstert!

Jetzt warten wir die Hitze des Tages ab und heute abend gehen wir noch schön auf den Reitplatz. Mein Mädchen hatte nämlich am Donnerstag Unterricht (eigentlich mit mir, aber wegen meinem Humpelfuß durfte Diego ran – ich war sooooo eifersüchtig!) und hat da neue Sachen gelernt, die sie jetzt mit mir ausprobieren will. Bin gespannt. Aber erst, wenn der Reitplatz im Schatten liegt.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit der ruhigen Kugel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 368

Mein Mädchen beschäftigt sich ja den ganzen Tag mit Ponys. Sie raspelt Hufe oder unterrichtet oder sie macht was hier zu hause mit uns. Und ständig hat sie neue Fragen und findet neue Antworten. Oder wir Ponys geben ihr neue Antworten auf die alten Fragen. Und deswegen lernt sie gern neue Sachen. Jetzt hat sie ein Buch gelesen (Trainingslehre für Freizeitreiter von Constanze Röhm). Da geht es um Ponyfitness. Weil ich ja schön, stark und geschmeidig werden soll und wir irgendwann auf Distanzritt gehen wollen. Ok, schön bin ich schon, aber derzeit habe ich angeblich eine Rubensfigur. Wegen dem Frühlingsgras. Und das soll sich ändern, ich soll bitte wieder sportlich aussehen. Und überhaupt wollen wir ja jetzt mal mit Konzept trainieren und nicht nur so vor uns hin ausreiten. So der Plan! Deswegen hat sie jetzt einen ganz neuen Blick auf unsere Lieblingsstrecken. Bisher sind wir ja einfach los geritten und halt mal getrabt, wenn wir Lust hatten oder der Weg schön war. Jetzt möchte sie sich mal genau aufschreiben, welche Strecken man am besten traben kann und wo man besser Schritt geht (wegen Boden oder erhöhtem Aufkommen von Menschen/Autos/Hunden/Pferden/usw). Sie hat versprochen, auch schon mal mit anzuschauen wo wir schön galoppieren könnten (sie hat extra dazu gesagt, dass sie nicht versprochen hat, dass wir da dann auch wirklich immer galoppieren. Menno.)

Gestern hat sie also eine eigentlich bekannte Strecke aus diesem neuen Blickwinkel betrachtet. Dabei hat sie sich natürlich verschätzt, denn bisher hat sie nie sooooo genau geschaut, wie man da am besten reitet. Deswegen sind wir zum Beispiel schon wieder den schönen Weg in die falsche Richtung geritten. Weil der dann leicht bergab geht, dabei wäre leicht bergauf ja irgendwie netter. Wir sind den trotzdem durch getrabt (geht schließlich nur leicht bergab) und dann hat sie gejammert, dass das anstrengend ist für ihre Waden! Hallo? ICH bin doch derjenige der hier bergab läuft! Und ich trage sie dabei noch! Fragt mich jemand ob ich das anstrengend finde? Nein!

Dann sind wir recht lange Schritt gegangen und die Mädchen haben nachher fest gestellt, dass sie da schlauer weise hätten absteigen sollen. Mein Spaziergehkumpel kann nämlich nicht so schnell Schritt gehen und dann geraten wir in so einen Bummelmodus und schlafen ein. Wenn die Mädchen zu Fuß sind, ist das kein Problem, dann bummeln wir halt. Aber wenn die Mädchen auf unseren Rücken sitzen ist das nicht gut wenn wir bummeln, dann haben wir nicht genug Muskelspannung, um sie gut zu tragen.

Dann haben wir noch fest gestellt, dass der eine Weg, den wir als ganz nett in Erinnerung hatten, doch sehr, sehr schotterig ist und deswegen gar nicht Trab-geeignet. Mein Mädchen wird die Strecke also nochmal anders planen, mit hoffentlich besserem Konzept. Wenn wir den schönen Weg dann bergauf reiten, meint sie, könnten wir das mit dem Galopp mal ernsthaft ausprobieren. Sie hat jetzt nämlich gemerkt, dass ich zwar mal angaloppiere, wenn ich denke, ich muss schneller voran kommen, aber ich werde nicht unvernünftig und renne. Zum Durchparieren brauche ich zwar einen Moment, aber so lange es nur ein Moment ist (also so 10 Galoppsprünge mehr als geplant) ist das erst mal ok. Ich muss das ja auch üben, meine Füße zu sortieren und ich bin so ein anständiger Kerl (trotzt angeblicher Pubertät!). Kurz und gut: nächsten Dienstag ein neuer Versuch und dann hoffentlich mit Galopp – drückt mir die Daumen!

Mein Mädchen meint, wenn wir das jetzt ein bisschen mit Konzept angehen haben wir nachher hoffentlich ein schönes Repertoire an verschiedenen Strecken, wo wir dann auch mal einen Fitnessvergleich machen können.

Apropos Fitnessvergleich: meine durchschnittliche Trabgeschwindigkeit ist von 10,9 auf 11,1km/h gestiegen, sagt die App. Und das Mädchen vom Spaziergehkumpel hat nicht schlecht gestaunt, als ich zwischendurch mal den Turbotrab demonstriert habe. Den kann ich aber noch nicht lange durchhalten, da muss ich noch trainieren. Und hier noch ein paar weitere harte Fitness-Fakten: 10,2 km, davon 6km im Trab. Mein Puls war am Anhänger bei 52 (Streber-Ausreitkumpel bei 48), zu hause war ich bei meinen gewohnten 44.

Fotos haben wir vor lauter Training voll vergessen, tut mir leid!

Euer Sir Duncan dhu of Nakel im Fitnesstraining

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 367

„Heute ist es so weit“ sagt mein Mädchen zu mir „heute gehen wir zwei mal ganz alleine raus“. Das haben wir ja eeeeeeeeewig nicht gemacht! Genau genommen glaube ich, wir waren vor drei Jahren zuletzt ganz alleine los. Sonst waren wir zwar mal ohne Begleitpferd, aber der Mann war immer dabei.

Heute also nur mein Mädchen und ich. Der Plan war einfach: Wir gehen bis kurz hinter den Nachbarhof zum Baum. Also DER Baum. Es gibt hier ja viele Bäume aber das ist eben „der Baum“. Der steht an einer Ecke des Weges und drum herum ist Platz zum Grasen. Da wollte mein Mädchen mit mir zu Fuß hingehen, das sind so 500m. Dann dort bisschen grasen und wenn wir beide uns wohl und vergnügt fühlen, wollte sie aufsteigen und wieder nach hause reiten. So weit der Plan! Und wie sagte sie „was kann auf der kurzen Strecke schon passieren?“

Naja das wurde dann recht schnell klar. Direkt gegenüber vom Baum ist nämlich eine Wiese und da wurde Heulage gepresst und gewickelt. Genau zu der Zeit als wir da vorbei gekommen sind. Ist das zu fassen? Wir haben genau die 2 Stunden erwischt, die es dort nicht romantisch still war. Es waren also zwei große Trecker auf der Wiese unterwegs, der eine hat die Ballen gepresst, der zweite hat die Ballen in Folie gewickelt. Mein Mädchen konnte da leider nicht filmen aber wer nicht weiß wie das aussieht und sich anhört, kann ja mal hier gucken. Ja, das finde ich doch einen Hauch gruselig. Aber ich durfte am Wegesrand grasen und den Wickler beobachten und habe dann schnell festgestellt: ungefährlich. Also sind wir weiter gewandert an der Wiese entlang zum Baum. Da durfte ich wieder grasen. Die beiden Trecker sind über die Wiese gewandert. Mein Mädchen hat überlegt, was wir jetzt machen, denn sie wusste: der, der presst, ist bald fertig. Und dann fährt der mit seinem Riesentrecker genau den Weg, den wir nach hause gehen. Und der Weg ist fast ein bisschen schmaler als der Trecker….

Den Wickler kann man leider nicht sehen der ist gerade zu weit weg.

Also hat sie nach längerem Überlegen beschlossen, dass das mit dem Reiten nix wird und wir lieber jetzt zügig nach hause gehen, bevor der fertig ist. Aber kaum waren wir an der Wiese vorbei, hörten wir, wie die Presse ausging! Schon fertig? Oje! Also ist mein Mädchen fleißig neben mir her getrabt, damit wir zu hause sind, bevor der Riesentrecker uns womöglich noch von hinten über den Haufen fährt.

Zu hause angekommen hat sie mir dann gesagt, dass es trotzdem ein feiner Ausflug war, weil ich das so toll gemacht habe mit den Treckern. Der mit seiner Presse ist übrigens noch lange nicht am Hof vorbei gekommen, wir hätten uns also gar nicht so beeilen müssen, aber naja. Weil ich das alles so gut und toll gemeistert habe, werden wir es demnächst wieder probieren. Was kann auf so einer kurzen Strecke schließlich schon passieren? (Wir werden es sehen!)

Euer selbständiger Sir Duncan Dhu of Nakel

Ängste

In meiner Blog-App werden mir immer Themenvorschläge gemacht (von anderen Bloggern). Am Dienstag las ich da „Welche Ängste hast du überwunden und wie?“ und ich dachte nur: gerade jetzt überwinde ich mehr Ängste zum Frühstück als früher das ganze Jahr.

In zwei Wochen ist Finlays Todestag und es geht immer los mit mehr Angst. Angst, dass meinen geliebten Ponys etwas passieren könnte. Und diese Angst schlägt absurde Kapriolen, denkt sich die verrücktesten Szenarien aus. Das sind die Zeiten, zu denen ich alle, die Angst vor irgendwas haben, am besten verstehen kann.

Die Formulierung „die Angst überwinden“ finde ich nicht so gelungen. Als wäre die Angst ein Hindernis, dass man überspringen kann. Erst mal ist doch die Frage: woher kommt diese Angst? Manche Ängste sind ja Warnhinweise, die wir ernst nehmen sollten. Angst, aus zu großer Höhe irgendwo runter zu fallen ist zum Beispiel ein hervorragende Schutzmechanismus. Wenn wir allerdings Angst haben, auf eine Trittleiter zu steigen, weil sie uns so hoch vorkommt, dann wird es unpraktisch. Und so mache ich mir Dienstags, wenn ich allein mit Duncan los fahre immer klar: die Angst kann erst mal bewirken, dass ich beim Vorbereiten des Anhängers besonders sorgfältig hinschaue und dann umsichtig fahre mit meinem wertvollen Pony hinten drin. Dagegen ist nichts einzuwenden. Diese Angst bewirkt auch, dass ich immer weiß, wen ich anrufen kann, wenn etwas sein sollte und mein Handy immer voll geladen habe bevor ich aufbreche. Daran ist nichts auzusetzen.

Dann ist da noch die Frage: wovor genau habe ich eigentlich Angst? Zwei meiner Schülerinnen sind mit ihren Pferden gestürzt. Beide haben jetzt Angst. Die eine davor, dass ihr Pony sich verletzt, die andere davor, dass sie selbst sich verletzt. Das sind beides legitime Befürchtungen. Unter Umständen führen sie zu unterschiedlichen Entscheidungen. Zu Anfang steht aber für beide fest: je geringer die Geschwindigkeit, desto weniger passiert bei einem eventuellen Sturz. Fällt das Pferd aus dem Schritt auf die Nase ist es höchst unwahrscheinlich, dass Mensch oder Tier ernsthaft verletzt werden. Wir können also den Schritt als Startpunkt nehmen zum üben. Beide berichten mir, dass es ihnen hilft, wenn ich ihr Pferd reite und sie zuschauen können. Und ich kann berichten: das eine Pferd ist inzwischen trittsicher und in meinen Augen nicht mehr sturzgefährdet. Das andere ist tatsächlich akut sturzgefährdet. Mit dem arbeite ich so lange im Schritt, bis es sich besser anfühlt, dann trabe ich langsam und schaue, was die Voranzeichen sind bevor ein kleiner Stolperer kommt und pariere frühzeitig wieder durch. Jetzt könnte man sagen: in einem Fall ist die Angst der Reiterin also berechtigt, im anderen nicht. Aber das ist ja schon wieder so ein Wort: „berechtigt“. Als bräuchte man eine Berechtigung für ein Gefühl! Brauche ich eine Berechtigung, meinen Mann zu lieben? Ich würde eher sagen: in einem Fall wird die Angst von einer akuten Gefahr ausgelöst, vor der sie uns schützt. Im anderen Fall wird die Angst von einer Erinnerung ausgelöst und das menschliche Gehirn tut sich schwer damit, zwischen Erinnerung und Gegenwart zu unterscheiden (was völlig normal ist).

Als ich angefangen habe, Duncan zu reiten, war meine größte Angst, dass er sich vor irgendwas erschreckt, einen Hopser zur Seite macht, ich ins Rutschen komme und er dann erst recht Angst bekommt. So ein kleines Pony, so dachte ich, ist ja auch so schnell unter einem raus gehüpft. Ich habe meine Freundin immer sehr bewundert für ihre Fähigkeit, die Seitsprünge ihres Ponys so gelassen auszusitzen. Erst als ich Duncans erste Überraschungsaktion in Form einer 180Grad-Drehung aus dem Stand gut überstanden hatte, wurde ich sicherer. Heute weiß ich: seine Erschreckersprünge sind total harmlos. Neulich hat er sogar einen gemacht als ich mir eben einen Steigbügel hoch geholt hatte um ihn noch zu verstellen. Mein Unterbewusstsein kennt inzwischen den Bewegungsablauf und antizipiert, wie der Sprung ausfallen wird anhand der Körperspannung die Duncan vorher aufbaut. Manche Dinge kann man eben wirklich einfach üben und dann schwindet die Angst von allein.

Ich bin keine mutige Reiterin. Das ist einer der Gründe, warum ich keine Jungpferde anreite: ich finde, ein junges Pferd braucht eine angstfreie Person auf seinem Rücken. Bei meinen eigenen jungen Pferden habe ich es trotzdem selbst gemacht. Weil wir uns so gut kennen und ich das Tempo komplett selbst bestimmen kann. Ich versuche immer, meinen Pferden zu vermitteln, dass die Angst, die ich empfinde, nichts mit dem Trecker, dem Radfahrer, der Plane oder dem Sattel zu tun hat, sondern dass ich Angst vor ihrer Reaktion habe. Ob das ankommt – wer weiß? Aber Pferde können Körpersprache so gut lesen, dass ich überzeugt davon bin dass sie auch das mindestens zu einem Teil verstehen können.

Grundsätzlich geht es auch bei der Angst für mich immer um Häppchen. Wenn ich es schaffe, mir Häppchen vorzunehmen, die auch mit Angst noch machbar sind, dann wird es besser werden und ich werde nach und nach weniger Angst haben. So wie beim Thema Galopp mit Duncan. Zwei Angstthemen schwingen da bei mir mit. Zum einen das Thema Durchgehen: ich bin ich nicht sicher, ob er nicht irgendwann so ins laufen kommt, dass die Bremse doch versagt. Dem begegne ich durch die Wahl des Weges (leicht bergauf und am Ende kommt nichts gefährliches, so dass er zur Not einfach weiter rennen kann bis er nicht mehr kann oder will). Oder ich lasse Arnulf mit Diego vorne weg galoppieren, dann kann ich Diego als Bremsblock verwenden (wohl dem, der so einen klasse Pony-Papa hat!). Die zweite Angst ist die vorm Stürzen, denn tatsächlich bin ich mit Finlay auch einmal gestürzt im Galopp. Dieser Angst begegne ich durch gute Vorbereitung: viel traben auf unebenen Böden und an der Longe galoppieren über unebene Böden. Außerdem hilft auch hier ein leicht bergauf verlaufender Weg. So kann ich das galoppieren aus meiner Sicht „absichern“ und ausprobieren. Die ersten Galoppstrecken, die wir bis jetzt gemacht haben, waren wenige Meter lang. Nur mal antesten. Das Durchparieren üben. Jetzt werde ich mich langsam steigern. Die Angst wird mit reiten, aber sie wird nicht übermächtig werden, weil ich alles gut durchdacht und vorbereitet habe.

An Finlays Tod war nichts durchdacht und vorbereitet. Es lag vielleicht eine Stunde zwischen „wir reiten fröhlich durch den Wald“ und „ich hocke neben meinem toten Pony“. Die Angst, dass das wieder passiert, wird vielleicht immer übermächtig bleiben. Wenn sie kommt, hilft es mir, mir klar zu machen, dass es eine Erinnerung ist und keine Gegenwart. Es hilft mir aber auch, zu wissen, dass niemand etwas hätte dagegen tun können. Niemand hätte etwas anders machen können. Die Situation war nicht gefährlich. Und das bedeutet, es war einfach „Lebensrisiko“. Das ist schrecklich, aber es heißt auch: wenn ich jetzt etwas nicht tue, weil ich Angst habe, senke ich das Risiko eines solchen Unfalls nicht. Was ich aber senke, ist meine Lebensqualität (und die meines Ponys). Wenn ich es nicht schaffe, Dienstags allein los zufahren zum Ausreiten mit meiner Freundin, dann werde ich nicht mit meiner Freundin ausreiten können. Dann würde uns eins der schönsten Highlights der Woche fehlen. Und wann immer ich mich von meinem Duncan eines Tages verabschieden muss, ich will wieder sagen können „Danke für das Abenteuer“. Ich will nicht sagen müssen „tut mir leid, dass es mit mir so langweilig war“. Die Angst fährt mit, überwunden ist sie nicht. Sie sitzt auf dem Beifahrersitz und flüstert mir zu, dass mein Pony bald tot sein könnte. Und dann sage ich ihr: „das weiß ich und ich will meine begrenzte Zeit mit ihm genießen. Komm ruhig mit und beschütze uns vor Dummheiten“.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 366

Na, wartet ihr schon gespannt auf meinen Sonntagsbericht? Hier kommt er:

Heute waren wir mal nicht mit der Wackelkiste los, sondern sind zu hause gestartet. Bergtour war angesagt! Heute wieder mit dem richtig steilen Berg. Da machen wir dann nicht so viele Kilometer und nur ganz wenig Trab aber dafür haben wir heute 57 Höhenmeter geschafft auf 8km Strecke. Für uns Flachlandtiroler ist das schon fast wie die Besteigung des Mount Everest. Aber es ist halt der Mount Westensee.

Rauf auf Mount Westensee!

Den steilen Berg hoch steigen die Menschen immer ab. Aber danach sind sie wieder aufgestiegen und es ging den schmalen Pfad durch den Wald entlang. Plötzlich haben wir gesehen, dass vor uns ein Baum quer liegt! Zu hoch um drüber zu klettern und zu niedrig um drunter her zu reiten. Wir sind trotzdem erst den kleinen Berg zu dem Baum hoch gegangen, weil die Menschen gehofft haben, dass man da irgendwie außen rum kommt. Ging aber nicht. Also wieder umdrehen. Und da ging das echt steil bergab! Mein Mädchen hatte Sorge, ob ich das mit ihr auf dem Rücken schaffe. Aber klar, ich kann sowas jetzt! Und weil sie so stolz war, musste sie dann unten direkt noch ein Foto machen. So steil bergab hab ich sie getragen!

Da oben haben wir umgedreht und ich hab mein Mädchen wieder runter getragen.

Dann abbiegen und den anderen Weg den Berg runter. Da hat der Mann uns dann mal gefilmt, weil er auch fand, dass ich das schon voll gut kann. Es sieht nur leider auf Film und Foto nie so steil aus, wie es sich anfühlt.

Da geht’s jetzt runter. Sieht gar nicht so steil aus, wie es sich angefühlt hat!
Ich kann das ganz geschmeidig, keine Sorge! Diego fand warten doof.

Und dann nochmal bergab. Das gibt Muskeln, sagt mein Mädchen.

Als wir dann wieder unten waren, sind wir ein kleines Stück getrabt. Und ich hab plötzlich eine neue Gangart entdeckt: den Turbotrab! Mein Mädchen war ganz entzückt. Ich hab irgendwie plötzlich doppelt so große Schritte gemacht, sagt sie. Das könnte evt ein bisschen übertrieben sein, aber es hat sich so angefühlt. Nachher meinte sie, das kommt, weil ich mich so schön zurecht gewachsen hab und so schön Muskeln aufgebaut habe.

Allerdings kommt deswegen (zumindest laut meinem Mädchen) auch noch was anderes – angeblich hab ich nämlich mal wieder Pubertät! Das behauptet sie immer, wenn ich mal überprüfe, ob so uralte Regeln eigentlich noch zeitgemäß sind. Und wenn ich mich gut fühle, viel Kraft habe und Lust zu laufen und das auch zeige. Dann heißt es plötzlich, ich hätte Pubertät. Aber wenn ich sie dann wie ein Gentleman den Berg rauf und runter schleppe, dann ist das wieder völlig ok, dass ich Kraft habe und Lust zu laufen. Soso! Sie will einfach nur immer, dass alles nach ihrer Nase läuft, das ist alles. Und wenn ich mal ein Wörtchen mitreden will: Pubertät.

Na ich sag da mal weiter nix zu. Stolz ist sie ja nun trotzdem auf mich. Und traurig, dass sie die App nicht an hatte, weil sie doch gern gewusst hätte, wie schnell mein Turbotrab war. Aber ich schaffe das bestimmt bald nochmal, dann finden wir es ja heraus. Und sie weiß jetzt, dass ich sie schon richtig gut bergab tragen kann und sie da gar nicht so viel Angst haben muss, dass ich auf die Nase fallen könnte. Ich hab´s voll drauf!

Euer Downhill-Pony Sir Duncan Dhu of Nakel

Abbruch

Wie Duncan Euch ja schon berichtet hat, haben wir neulich einen Höllentrip erlebt. Und zwar einen von der völlig unnötigen und selbstverschuldeten Sorte.

Es war so: ich wollte gern nochmal üben, über die Brücke zu gehen. Vor der Autobahnbrücke steht als Übung die Brücke über die Landesstraße, da sind es nur 2 Spuren und an der Stelle wo wir üben, kann man die Straße so weit in beide Richtungen einsehen, dass ich gut dosieren kann, wann ich rüber gehe. Perfekt. Danach geht es lange, lange neben der Landesstraße her, aber in sicherem Abstand. Auf dem Weg, den man dort geht, ist nie jemand, kein Radfahrer, kein Auto, kein Hund. Auf der einen Seite die Straße, auf der anderen Seite nur Feld. Perfekte Bedingungen zum Gewöhnen an jede Form von Fahrzeug. Haben wir mit Finlay damals mit großem Erfolg genutzt.

Als wir dann an besagtem Sonntag dort ankamen, waren unglaublich viele Autos auf der Landesstraße unterwegs. Eins nach dem anderen, fast ohne Pause. Rüber über die Brücke, das ging ganz gut. Dann kommt ein Abschnitt der noch recht schön ist, da ist man noch weit von der Straße weg. Arnulf sagt „bestimmt ist die Autobahn gesperrt und die fahren alle hier lang“. Ich überlege noch, ob ich google fragen soll, aber was solls. Die Tour ist geplant und wird jetzt gemacht. Wir kommen der Straße näher. Ich bin gestresst, Duncan ist gestresst. Ich denke „Lust hab ich dazu keine“ und dann „Lust hast du darauf nie. Du wolltest üben, bittesehr“. Mein Stresspegel steigt und steigt, ein Auto am anderen. Duncan ist aber sehr artig. Bis zu dieser vermaledeiten Sirene. Danach ist der Stresspegel irre hoch (Duncan ist trotzdem ziemlich artig. Diego ja sowieso immer, egal wie viel Stress er hat, der arme Kerl).

Wir biegen an der einzig möglichen Stelle von der Straße weg in eine Feldzufahrt und lassen die Ponys grasen.

Ach, hätte ich bloß noch einmal auf die Route geschaut. Aber nein, es war ja so geplant.

Im Nachhinein gab es so viele bessere Optionen. Schon als wir auf der Brücke gesehen haben, wie es da heute zugeht, hätten wir

  • nur die Brücke üben und dann woanders hin fahren können
  • nur die Brücke und ein Stück Straße üben und dann woanders hin/nach hause fahren können
  • google fragen, dann hätten wir gesehen, dass die Autobahn dicht war.

Nichts dergleichen haben wir getan. Auch als wir dann nach der Sirene die Pause mit Gras gemacht haben hätten wir die Route nochmal checken können. Dann wäre uns aufgefallen, dass wir erst ein Drittel (!) der Straßenstrecke geschafft haben, wir hätten also besser umgedreht, das wäre deutlich weniger Straße gewesen.

Später, als wir über diese unglaubliche Panne gesprochen haben, wurde uns klar, worum es geht. Und ich denke bei diesem Text vor allem an all jene Pferdebesitzerinnen, die mir sagen „ich hätte das abbrechen sollen“ weil ein Trainer nicht gut mit ihrem Pferd umgegangen ist (ist mir auch schon passiert).

Woran liegt das? Ich glaube, da sind Reste von preußischer Erziehung in uns allen drin. Man hat das so geplant, jetzt macht man es zu Ende. Sonst ist man ein Versager. Und man kann ja auch den anderen nicht einfach quer schießen.

Arnulf und ich haben lange gebraucht um das bei einem viel einfacherern Thema zu lernen: Filme. Wohlgemerkt im Fernsehen (im Kino kann ich es immer noch nicht). Ein Film, der 10 Minuten nach Beginn immer noch blöd oder langweilig ist, wird nicht besser, das hat die Erfahrung uns gelehrt. Trotzdem haben wir viele Filme zu Ende geschaut. Heute sagt einer von uns dann „willst Du das weiter gucken?“ und fast immer sagt der andere „nein“ und dann wird umgeschaltet. Die absolut grauenhafte Verfilmung des wunderbaren Buches „Krabat“ habe ich mir im Kino leider trotzdem bis zu Ende angeschaut und verstehe nicht, warum. Naja, die Kinokarten haben schließlich Geld gekostet… (was für ein bescheuertes Argument).

Wann lernen wir, solche Vorhaben zwischendurch nochmal zu hinterfragen und gegebenenfalls abzubrechen? Ich glaube, ich muss das üben. Ganz gezielt immer wieder. „Will ich das weiter machen?“ So wie damals auch, als ich diesen total vermurksten Unterricht bekommen habe. Hätte ich doch einfach abbrechen können! Wäre ja gar nix passiert (außer dass ich Geld gespart hätte).

Einer meiner NLP-Ausbilder hat mal gesagt, er trainiert sein Gehirn bewusst darauf, Dinge fertig zu machen. Er liest das angefangene Buch bewusst zu Ende, auch wenn es ihm nicht gefällt. „Mach es fertig“ war das Ziel und sein Gehirn sollte diese Struktur verinnerlichen. Die ist sicher hilfreich, wenn es um die Steuererklärung geht. Aber am Pferd steht sie uns total im Weg. Wie oft habe ich meinen Schülerinnen schon gepredigt, dass das Pferd heute NICHT mit allen vieren auf den Anhänger gehen muss. Es NICHT fertig zu machen, NICHT zu Ende zu bringen ist in der Regel so viel erfolgreicher, wenn es um Pferdeausbildung geht. Ein Thema anzuschneiden, einen guten Moment zu suchen und dann aufzuhören führt viel schneller zum Ziel. Und wenn etwas nicht läuft und man ein ungutes Gefühl hat, sollte man abbrechen – das habe ich jetzt wieder einmal gelernt.

So werde ich jetzt nach Möglichkeiten suchen, meinem Gehirn eine neue Struktur beizubringen: die Pausen-Taste drücken und mal kurz Zeit nehmen, um zu erforschen ob das jetzt zu Ende gebracht werden sollte oder nicht. Also: Wenn mein Gehirn sagt, dass wir jetzt unbedingt sofort Facebook checken müssen und dafür das Schreiben dieses Artikels unterbrechen, dann drücke ich die Pausen-Taste und ergründe, worum es geht. Macht es mehr Sinn, den Artikel jetzt zu Ende zu schreiben oder kann eine Ablenkung tatsächlich das Ergebnis verbessern? Wenn ich mir vorgenommen habe, eine bestimmte Sache mit Duncan zu üben, heute aber die Huchmampfs wieder zahlreich am Reitplatzrand sitzen und seine Aufmerksamkeit fordern – die Pausentaste drücken und überlegen, ob ich dann heute lieber über Huchmampfs spreche oder ob ich meine Übung durchziehen möchte und dafür im Huchmampf-freien Bereich bleibe.

Entscheidend wird sein, das ganze ergebnis-offen zu tun. Nur weil ich die Pausen-Taste drücke und den Plan kurz überprüfe, heißt das nicht automatisch, dass ich ihn verwerfe. Es kann sich sehr wohl herausstellen dass es immer noch der beste Plan ist, dass mein Gehirn mir nur aus Bequemlichkeit oder Angst vorgegaukelt hat, dass das keine gute Idee ist. Aber es mal aussprechen und besprechen (auch mit sich selbst) kann Höllentrips wie den unseren verhindern.

Wenn andere in meinen Plänen involviert sind, versuche ich entweder so weit unterhalb meiner Grenze zu bleiben, dass ich sicher bin, dass ich es durchziehen kann oder ich bespreche von vornherein, dass ich evt auf Plan B zurück greifen möchte und was Plan B ist. Wenn Duncan und ich demnächst das Ausreiten in Fremdpferd-Begleitung üben wird das zum Beispiel so sein. Plan B wird vorher besprochen und ich erbitte mir die Freiheit, darauf umzuschwenken. Und ich nehme mir auch vor, anderen diese Möglichkeiten immer offen zu halten. Auch wenn ich mit jemandem verabredet bin, zu akzeptieren dass derjenige vielleicht die Unternehmung abbricht. Sollte jemand das wirklich immer wieder tun, kann man ja darüber reden und eine gute Lösung finden. Ständiges Abbrechen zeigt ja nur, dass die Pläne immer zu groß sind. Dann müssen kleinere Häppchen her.

Wir tanken jetzt jedenfalls erst mal Romantik, bevor wir uns der Desaster-Reparatur widmen und dann in kleineren Schritten die Brücke und die Straße wieder in Angriff nehmen. Damit unsere Ponys und auch wir wieder ein gutes Gefühl dabei haben können.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 365

Es war irgendwie Besuchs-Woche. Das Mädchen vom Schimmelfreund war ja da, um meinen Sattel auszuprobieren, aber es war auch noch jemand anders da. Eine nette Dame kam uns besuchen. Die ist früher mal Merlin geritten (als er noch nicht 100 Jahre alt und fast zahnlos war) und sie wollte ihn gern mal wieder sehen. Aber natürlich wollte sie mich auch mal kennenlernen, sie ist nämlich großer Fan von mir! Sie hat auch ein Pony, ein norwegisches, und wenn sie mein Tagebuch liest, entdeckt sie immer so die eine oder andere Gemeinsamkeit die ihr Pony und ich haben. Eines Tages, sagt mein Mädchen, lerne ich den Norweger auch noch kennen. Mit dem könnten wir nämlich auch mal fein ausreiten gehen. Ausreitkumpel kann man ja nie genug haben, finde ich!

Jedenfalls kam sie und hat uns alle begrüßt und dann wollte sie unsere Ländereien besichtigen. Die beiden Menschen sind also los gelaufen – da waren wir Ponys ganz aufgeregt: das ist doch der Weg zur Weide! Also alle hinterher. Aber ach, sie sind einfach an der Weide vorbei gegangen und haben vergessen, das Tor auf zu machen! Das war ein bisschen traurig.

Später, als ich dann einen kleinen Klönschnack mit den beiden gehalten habe, meinte die Besuchs-Dame, man könnte mir bestimmt ganz leicht das „lachen“ beibringen. Ihr Pony kann das (und macht das gern, wegen der Kekse). Dann zieht er seine Oberlippe hoch – so wie ich das manchmal mache wenn ich an einer Pipi-Pfütze geschnüffelt habe, um den Geruch noch besser analysieren zu können. Mein Mädchen meinte aber, das soll ich lieber nicht auf Kommando machen, sonst mache ich das bestimmt dauernd und höre gar nicht mehr auf. Mir egal, Hauptsache die Keksrate stimmt! Der Besuch hatte Kekse mitgebracht und für Merlin sogar eine Banane (die liebt er und dafür braucht man auch gar keine Zähne!). Später haben die beiden Menschen bei uns im Paddock gesessen (allerdings außerhalb unserer Reichweite) und Kuchen gefuttert und über Ponys geredet. Das kann mein Mädchen ja eh den ganzen Tag.

Und dann hab ich gesagt, dass ich doch mal zeigen will, wie toll ich wippen kann. Also rauf auf die Wippe und jetzt gibt es endlich auch mal ein Foto von meiner selbsterfundenen Übung: alle 4 Füße quer auf die Wippe! Das ist nicht so einfach wie es auf dem Bild aussieht, sage ich euch! Wippen kann ich in dieser Position (noch?) nicht, aber ich gebe gern damit an, dass ich es überhaupt schaffe, das Gleichgewicht zu halten. Es wackelt nämlich ziemlich doll, wenn man so steht!

Eine wackelige Angelegenheit ist das, aber ich kriege das hin!
Diego durfte auch ein bisschen wippen.

Als ich fertig war, wollte Diego auch endlich mal wieder wippen und danach wollte sogar der alte Merlin nochmal loslegen. Der geht aber nicht mehr mit allen 4 Füßen auf die Wippe, sondern nur noch ganz vorsichtig mit seinen Vorderhufen. Weil er ja so alt ist und manchmal Probleme hat, seine Füße zu sortieren. Aber mein Mädchen hat sich gefreut, dass er Lust hat, was zu machen. Er bekommt nämlich seit einiger Zeit Schmerzmittel und anscheinend tut ihm das gut. Vorher wollte er nämlich gar nichts mehr machen, da haben ihm die Knochen so weh getan. Aber jetzt gehts ihm wieder besser und da hat er gleich wieder Lust auf Beschäftigung!

Sogar der uralte Merlin wollte mal wieder wippen!

Als wir alle 3 gewippt hatten, ist der Besuch wieder nach hause gefahren. Aber die Kekstüte hat sie hier gelassen, was ich sehr, sehr nett finde!

Euer besuchter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 364

Gestern war ja wieder Sonntagsausflug. Und nach dem Höllentrip letzte Woche hatten wir alle dringenden Romantik-Bedarf. Also hat mein Mädchen die allerromantischste-Lieblingsstrecke raus gesucht und um ein Stück erweitert, so dass wir 13 km allerfeinste Idylle vor uns hatten. Diesmal hatte sie auch Zeit und Ruhe um euch davon ein kleines Filmchen zu machen. Das stellt ich euch jetzt so knapp 3 Stunden lang vor, das passt dann schon.

Für euch ein kleiner Ausschnitt vom Genuss.

Die Wälder hier bei uns sind immer wie leer gefegt, da ist man oft 3 Stunden unterwegs ohne einen einzigen Menschen zu treffen. Oder vielleicht mal einen mit Hund. Gestern waren es 2 Radfahrer, einer mit zwei Hunden und dann etwas ganz kurioses: zwei Reiter die in einiger Entfernung vor uns her ritten! Hui, Reiter treffen wir sonst nie (und verstehen nicht warum)! Jetzt war ich aber aufgeregt, da wollte ich doch hin! Mein Mädchen meinte, da können wir direkt das mit den Gangarten üben. Die will sie ja bestimmen (weswegen ich am Dienstag nicht galoppieren durfte). Also ich durfte Schritt gehen so schnell ich wollte, aber nicht antraben. Mein Mädchen und der Mann haben gelacht und gestaunt wie schnell ich Schritt gehen kann, wenn es drauf ankommt! (Eine Gemeinheit: egal wie schnell ich Schritt gehe, Diego kann es NOCH SCHNELLER und sieht dabei völlig lässig und entspannt aus, während ich mich abmühe). Und wirklich waren wir so schnell, dass wir den Reitern immer näher kamen. Als klar wurde, dass die da abbiegen, wo wir auch abbiegen wollen, haben wir Plan B gewählt und eine schöne Graspause gemacht. Da konnte ich die fremden Pferde dann auch schnell vergessen und habe mich ganz der Betankung gewidmet. Die war nach dem Turbo-Schritt auch wirklich nötig!

Als es weiter ging, waren die anderen Pferde weg und wir haben sie auch nicht wieder gesehen. Wir sind einfach weiter schön durch den Wald getingelt, die Sonne schien, die Temperatur war nett – noch nicht zu warm – wir Ponys waren gut drauf und mein Mädchen hat sich die ganze Zeit gefreut, wie fit ich geworden bin.

Sooo glücklich ist mein Mädchen mit mir! (An der Sache mit der Satteltasche arbeiten wir noch)

Wir sind dann auch noch ein Stück getrabt – Diego vorne weg – und da haben wir wieder Gangarten-Trennung geübt: kein Galopp erlaubt! Oha, da musste ich aber wirklich lange Füße machen um mitzukommen. Mein Mädchen hat die Feinregulierung eingestellt: Gas geben, aber nur so, dass ich im Trab bleibe. Wenn ich Galopp andeute, sofort leicht bremsen, aber dann auch wieder Gas geben. Nach einer Weile wurde es besser, da hatten wir es beide raus und mein Mädchen war zufrieden. Ich persönlich hätte Galopp ja gemütlicher gefunden aber sie meint, es wird im Trab so sein wie im Schritt: wenn ich es übe, kann ich es nachher auch schneller und das ist praktisch. Na, wenn sie meint. Hauptsache laufen!

Zwischendurch ist sie dann noch ein Stück zu Fuß gegangen wo der Weg sehr steinig war. Aber diesmal war das nicht so lang, weil wir den Weg schlauer eingeteilt hatten als letztes Mal.

Am Ende haben wir noch den Grabstein vom Waldgespenst fotografiert, damit ihr das auch mal seht. Ihr Menschen glaubt uns Ponys ja nie, wenn wir Gespenster sehen, aber es gibt sie überall! So auch hier. Dieses ist aber ein nettes, vor dem fürchten wir uns nicht. Aus irgendeinem Grund wurde der freundliche Herr Schulz anscheinend im Wald begraben, das finden unsere Menschen sehr kurios. Ich finde das einleuchtend, er wollte eben Waldgespenst werden und er macht das verdammt gut. Sein Wald ist wunderschön!

Hier liegt das freundliche Waldgespenst.

Als wir dann zurück an der Wackelkiste waren und schon am absatteln, kam plötzlich NOCH ein Pferd vorbei! Das war ja schon Hochbetrieb, 3 Pferde an einem Tag zu treffen! Ich war völlig fasziniert. Aber seit ich kein ganzer Mann mehr bin, regt mich das nicht mehr so schlimm auf. Ich möchte nur gern Freunde werden mit allen, was ich leider nicht darf. Schade! Aber so ist es, wenn man als Pony in der Menschenwelt wohnt. Dafür haben wir hier anderen Luxus, zum Beispiel unsere grandiose Wackelkiste, in der sich dann wieder eine ordentliche Portion Heu fand zum einverleiben nach dem Ritt, während wir nach hause gewackelt wurden.

Ach, schön wars.

Euer romantischer Sir Duncan Dhu of Nakel