Von allem das Beste

Reitweisen und überhaupt Ausbildungsweisen für Pferde gibt es viele. Was war die Welt zu meiner Anfängerzeit noch überschaubar! Da konnte man Dressur oder Springen reiten (wobei ich keine Springreiter kannte, die nicht auch Dressur geritten sind). Die Exoten ritten Western und die Islandpferdereiter waren eh nur im Gelände unterwegs.

Ja, wahrscheinlich gab es auch damals schon mehr Möglichkeiten, aber das war so das, was in meinem Wahrnehmungskreis war. Dann kam das Internet. Dadurch kommen wir heute auch in Deutschland mehr in Kontakt mit Reitweisen aus anderen Ländern und jeder, der sich berufen fühlt, kann seine eigene Ausbildungsmethode entwickeln und entsprechend vermarkten.

Dennoch sehe ich in meinem Dunstkreis meist die selben Einflüsse: wer „Dressur“ reitet, bezeichnet sich gern als „klassisch“ oder „akademisch“, da ist von „Reitkunst“ die Rede und „alten Meistern“. Mancher reitet auch „vertikal“ und die anderen halten sich an die FN (und bezeichnen das als „klassisch“, schließlich ist der Begriff nicht fest definiert) oder man spricht von „Lérgèreté“. Da gibt es die, die strikt einem Meister (selten einer Meisterin) folgen, die sehe ich aber meistens nicht in meinem Unterricht, da ich ja kein bestimmtes System verfolge. Und dann gibt es die, die „sich von allem das Beste raus suchen“.

Ich hab diesen Satz nun schon so oft gehört und ich kann einfach nicht aufhören, mich darüber zu wundern. Für mich klingt es so, als würde man beim Kochen 3 oder 4 Rezepte nehmen, sich dann „von allem das Beste“ raussuchen und erwarten, dass ein leckeres Gericht dabei heraus kommt. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich meine Erdbeeren nicht so gern mit Käse überbacken esse – aber es gibt ja Leute, die sich Nudeln auf Pizza legen…

Wenn es gut läuft, hat so ein Ausbildungssystem bestimmte Schritte, die aufeinander aufbauen. In einem System lernt das Pferd, dem losen Zügel zu folgen. Im anderen wird mit Zügelkontakt geritten. In einem System geht es zunächst vorwärts-abwärts, im anderen gleich aufwärts. Manche reiten zunächst in flottem Tempo frisch voran, andere beginnen langsam und kleinschrittig mit der Arbeit in der Balance. Das kann man alles gut oder schlecht finden, aber mixen kann man es nicht, denn man kann nunmal nicht gleichzeitig langsam und schnell reiten. Und wie ein Schüler, der ein System natürlich noch gar nicht ganz durchdrungen hat, weiß, was „das Beste“ an einem System ist, erschließt sich mir auch nicht.

Jaja, ich weiß, so ist diese Aussage nicht gemeint. Aber allzu oft habe ich gesehen, dass es genau darin endet: man versucht, in allem die Mitte zu finden und reitet dann so mittelschnell mit mittelhoher Kopfposition und mittlerem Zügelkontakt. Weil man nicht so genau weiß, was man nun eigentlich erreichen möchte, wabert man gemeinsam mit dem Pferd so mittelprächtig durch die Gegend und kommt nicht weiter in der Ausbildung.

Auf der anderen Seite stehen die, die ein System für sich und ihr Pferd gefunden haben und jetzt glauben, zu wissen, was allein seligmachend ist. Und weil das gewählte Konzept für diesen Menschen und dieses Pferd gut passt, muss es schließlich auch für alle anderen passen (Spoiler: nein).

Letztendlich haben die meisten Systeme eines gemeinsam: sie wurden geschaffen, um ein Pferd „tauglich“ zu machen als Reitpferd. Je nach Aufgabenstellung ging es darum, dass ein Pferd lernt z.B., Kühe zu hüten, große Distanzen in möglichst kurzer Zeit zurück zu legen, mit der Kavallerie in den Krieg zu ziehen, den Reiter durch einen Stierkampf zu tragen oder im Kampf „Mann gegen Mann“ aus dem Mann einen Reiter zu machen. Für jeden dieser Einsatzzwecke hat man sich nicht nur die entsprechenden Pferde gezüchtet, sondern sich auch passende Ausbildungssysteme überlegt, die – da die Aufgaben unterschiedlich sind – natürlich unterschiedlich ausfallen.

Erst seit ein paar Jahrzehnten geht es um etwas anderes. Erst seit Reiten zur Freizeitbeschäftigung wurde, geht es uns darum, Pferde gesund zu halten, ihnen Spaß an der Arbeit zu vermitteln, vielleicht ein paar Schleifen zu gewinnen oder gemeinsam Abenteuer zu erleben. Wir wollen einen glücklichen Freizeitpartner, der uns lange erhalten bleibt und viele sind bereit, darin zu investieren. Außerdem wollen wir natürlich Spaß haben bei was auch immer wir mit unseren Pferden tun.

Und hier kommt der Punkt, den ich nicht verstehe: anstatt Systeme zu mixen, die nicht mixbar sind, weil sie sich einfach widersprechen, könnten wir doch schauen, welche Trainings-Elemente dem Pferd helfen können, genau das zu werden: ein glücklicher, motivierter und gesunder Freizeitpartner.

So ist mein Plan mit Duncan: beim reiten auf dem Platz verfolge ich das Ziel der Balance und Versammlung. Wir arbeiten langsam, konzentriert, dafür kurz. Das ist „Pony-Yoga“. Im Gelände geht es dagegen darum, voran zu kommen. Wir arbeiten an der Schubkraft (ich höre wie die Anhänger der Reitkunst Schnappatmung bekommen), daran, wie Duncan effektiv vorwärts kommt. Wir machen Konditionstraining und wir suchen uns immer wieder Herausforderungen in Form von Bergen oder unebenem Boden. Außerdem trainieren wir natürlich den Kopf: Außenreize verarbeiten und über lange Zeit ein gewisses Konzentrationslevel halten. Dabei ist Duncan mit seiner Aufmerksamkeit viel mehr im Außen und ich bin oft nur der Beifahrer, der die Karte liest und alles mit im Blick behält. Die eigentliche Arbeit macht mein Pony.

Um mich gut tragen zu können, braucht Duncan vor allem Rumpfstabilität. Die kann er nicht nur beim Pony-Yoga, sondern wunderbar auch auf der Wippe trainieren, auf der Matratze und beim rauf- und runtersteigen auf den Steg.

Weil ich ihn noch nicht so oft und lang reiten mag, machen wir zusätzlich Longentraining, am Hang oder über Stangen um es etwas spannender und effektiver zu machen. Dabei versuchen wir, ein Tempo und eine „Laufart“ zu finden, die es ihm ermöglicht, auf großen Bögen noch gut klar zu kommen – schneller als in Versammlung, aber langsamer als im Gelände. Weder Duncan noch ich sind große Fans vom Longieren, also kann es sein, dass wir das alles später geritten machen (dann eher im Geländer oder auf dem großen Sommerreitplatz), aber im Moment kann er mich noch nicht so oft so lang tragen, der Körper muss noch viel Zeit zum regenerieren zwischen den Reiteinheiten haben (in dieser Zeit aber natürlich trotzdem anderweitig trainiert werden).

Nachdem ich gesehen habe, wie wunderbar man Pferde auch vor der Kutsche trainieren kann (wenn man denn weiß, was man tut), wird das wohl auch eines Tages dazu gehören als Ergänzung.

Ich nehme mein Kochbuch und koche heute das eine Gericht und morgen das andere, so wird meine Ernährung ausgewogen. Oder ein Menü: Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch. Auch das geht gut. Aber Erdbeeren mit Käse zu überbacken wäre mir zuwider und für jede unserer Aufgaben soll mein Pony wissen, wie die Spielregeln sind. Yoga, Marathon, Geschicklichkeit, Kraft. Soll er zuhören und genau das tun was ich ihm sage? Oder stelle ich nur die Aufgabe und er knobelt selbst aus wie er es am besten hinkriegt? Wollen wir vorankommen oder jeden Fuß einzeln setzen? Wenn er weiß, welches Spiel wir heute spielen, kennt er die entsprechenden Regeln, die hab ich ihm schließlich erklärt. Und natürlich unterscheidet er – anhand von Equipment, Arbeitsort und meinen Anweisungen – ganz leicht, welches Spiel welches ist.

Nur eins ist all diesen Trainingsideen gemeinsam: sie dienen dazu, mein Pony mental und körperlich fit zu machen für unsere gemeinsamen Abenteuer. Vielleicht ist das ja „von allem das Beste“. Allerdings niemals gleichzeitig, sondern nacheinander. Quasi an einem Tag Erdbeeren und am nächsten dann der Käse.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 378

Mein Mädchen meinte, es soll heute schön kühl sein, da können wir weiter weg fahren und eine schöne 12km-Tour machen.

Dann sagte aber die Wetter-App, dass es sehr windig werden soll und zwar immer windiger, je weiter der Tag fort schreitet. Also hat sie überlegt, lieber doch nicht so weit weg zu fahren, sondern nur ein kurzes Stück und dann eine 9km- Runde zu reiten.

Morgens, als wir dann los wollten, war das Wetter schon ganz schön wild. Es war nicht nur windig, es hat auch immer mal wieder plötzlich geschüttet! Also hat mein Mädchen sich nochmal umentschieden und statt der 9km nur 7km geplant. Aber das wollten wir uns jetzt doch nicht nehmen lassen!

Also ab in die Wackelkiste und ein kleines Stück fahren. Zum Satteln hat mein Mädchen mich an der Wackelkiste angebunden. Dann fing es an zu regnen, und damit es nicht in die Wackelkiste rein regnet, während wir ausreiten gehen, hat mein Mädchen schnell die Plane runter gemacht. Hui, da hab ich mich erschreckt! Bin ein bisschen in die Knie gegangen und hab einen kleinen Hüpfer gemacht. Mein Mädchen hat dann den Mann gefragt, ob man wohl was dagegen tun könnte, dass ich mich so erschrecke und Hüpfer mache. Der Mann hat nur ganz trocken gesagt: „du willst dass er sich beim Erschrecken zurückschmeißt, Spannung auf den Strick kommt, er in Panik gerät und sich los reißt?“ Da wusste mein Mädchen, dass er Mann findet, dass ich das alles wirklich toll mache und dass ich selbst beim Erschrecken noch weiß, dass ich angebunden bin und wo ich hin springen kann. Und jetzt sag ich euch was: so ein (wenn auch verstecktes) Lob vom Mann ist ganz was seltenes und besonderes, da war ich schon mal mächtig stolz auf mich!

Dann ging es los. Diego und ich waren gut drauf und hatten Lust, zu traben. Und mein Mädchen war von Mut gebeutelt und hat beschlossen, dass heute DER Tag ist. Ich hör sie sagen „aaaaaachtung… und hopp!“. Nein, nein, denke ich mir, das meint sie nicht so. Aber dann ist Diego vor mir angaloppiert und mein Mädchen hat nichts anderes gesagt und also bin ich auch angaloppiert und siehe da: es war erlaubt! Erst war ich noch etwas zögerlich, weil ich das ja noch nicht so oft gemacht hab mit meinem Mädchen auf dem Rücken und wir beide nicht so sicher waren. Aber dann bin ich rein gekommen in das Galopp-Gefühl und etwas flotter geworden. Mein Mädchen hatte dann doch ein bisschen Bange und hat zwischendurch gecheckt, ob die Bremse wohl noch funktionieren würde. Ja, klar. Dann sind wir noch etwas weiter galoppiert und schließlich fand mein Mädchen, es sei Zeit, durchzuparieren. Hab ich auch prompt und brav gemacht und einen Keks dafür bekommen.

So, jetzt waren Diego und ich aber wach! Wir sind dann noch ganz viel getrabt und ich hab meinen Turbotrab geübt, den ich jetzt immer besser kann! Diego immer vorne weg, ich hinten dran. Diego stört sich ja an nix, der trabt auch völlig ungerührt an der Rinderkoppel vorbei. Ich kann das normalerweise auch ganz gut aber ehrlich: da stand der größte Bulle der Welt direkt hinterm Zaun und hat mich so angeschaut! Da wusste ich jetzt auch nicht so recht. Mein Mädchen hat mir gut zugeredet, aber sie fand den auch etwas gruselig. Diese Zäunchen sehen neben Bullen auch immer nur wie Spielzeug aus…

Schließlich haben wir durchpariert und sind im Schritt mit Abstand da vorbei gegangen. Diego ist derweil vorne weiter getrabt und mein Mädchen dachte schon, ich würde jetzt Gas geben um schnell aufzuholen, aber das hab ich nicht gemacht! Ich bin einfach schön weiter getrabt. Weil ich doch so ein Guter bin und schon weiß, was sich gehört!

Alsbald ratzfatz waren wir wieder an der Wackelkiste. Die musste noch gewendet werden und da hatte mein Mädchen mal wieder Lust zu üben. Der Mann hatte sich eigentlich schon gefreut, dass er sie wieder retten kann und ihr Held ist, aber mit etwas Hilfe und ein paar Hinweisen hat mein Mädchen das doch tatsächlich in angemessener Zeit allein geschafft! Und da wusste ich dann gar nicht, ob der Mann eigentlich enttäuscht ist (wegen der verpassen Heldentat) oder stolz auf seine Frau. Mir war es einerlei, denn während mein Mädchen gewendet hat, durften wir Ponys grasen. Dann rein in die Wackelkiste und es ging nach hause. Kaum zu hause ausgestiegen, fing es an zu stürmen und zu schütten! Wir sind schnell in den Stall gesaust und haben uns dort unsere Schuhe ausziehen lassen und der Mann hat gesagt, mein Mädchen hätte das perfekt getimt und geplant mit dem Ausritt. Alle hoch zufrieden und ich freu mich jetzt schon auf den nächsten Galopp – juhuuu!

Euer galoppierender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 377

Es hat endlich geregnet! Nicht so wahnsinnig viel, aber mein Mädchen meint, für die Weide war das schon ganz gut und der Reitplatz staubt jetzt auch nicht mehr so.

Ich habe den Tag genutzt um mir eine Hautpflege-Maske anzulegen. Das geht so: erst schön nass regnen lassen, dann in die Halle gehen und im Sand panieren. Anschließend dem Mädchen zeigen, wie hübsch man sich gemacht hat und sich anhören, man sei eben doch schon ein echter Schimmel. (Pah! Alles Vorurteile! Andersfarbige Ponys machen sich genauso hübsch und überhaupt ist nur ein dreckiges Pony ein glückliches Pony und ich bin eben sehr glücklich!)

Schön paniert.
Soooo ein glückliches Pony bin ich!

Geputzt hat sie mich aber nicht, weil wir heute einfach nur wippen gegangen sind. Dazu brauche ich ja kein Equipment, also kann ich so sandig sein wie ich will.

Ich hab fleißig gewippt, so herum und anders herum, bin über den Steg gelaufen, vorwärts runter, rückwärts hoch, über die Matratze und hab schon wieder permanent alles richtig gemacht, weil ich so ein Guter bin. Die Keksrate ist beim wippen ja immer exzellent, das gefällt mir.

Morgen hoffen wir, ausreiten zu können, es soll ja schön kühl sein, da würde sich ein ausgiebiger Ausflug anbieten. Allerdings soll es auch sehr windig werden, hoffentlich wird es nicht zu doll! Wobei – ich bin ja etwas schwerer als vor der Weidesaison, so schnell wehe ich schon nicht weg… und mein Mädchen muss sich dann halt gut festhalten!

Also Daumen drücken, dass wir schön raus können!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit der gepflegten Haut

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 376

Es war Abenteuer-Donnerstag! Diesmal sind wir zum Trail-Platz gefahren. Da waren wir schon ein paar mal. Aber wir sind dort gar nicht zu den Hindernissen gegangen, sondern wir waren ausreiten, und zwar in Begleitung eines fremden Pferdes! Das war spannend! Erst wollte ich unbedingt gucken (wenn ich gucken sage, meine ich anfassen), aber mein Mädchen hat auf höflichem Abstand bestanden. Diego durfte gleich neben dem Fremden her, weil der sich ja voll gut benehmen kann. Immer. Ob ich das auch irgendwann schaffe?

Der Fremde ist noch größer als Diego! Ich dachte das geht gar nicht!

Die ersten Meter ist mein Mädchen zu Fuß gegangen, weil sie sich nicht sicher war, wie gut ich mich benehmen kann. Ich hab mich dann ganz schnell abgeregt und also hat sie beschlossen, aufzusteigen. In weiser Voraussicht waren wir ohne Sattel los, denn dann kann sie einfach auf meinen Rücken hüpfen, mit Sattel findet sie das mit dem Aufsteigen noch sehr kompliziert und muss dann immer eine Stelle suchen wo ich etwas niedriger stehe als sie.

Dann ging es in den Wald und wie wir so unter den tief hängenden Zweigen durch laufen stellt mein Mädchen fest, dass kleine Ponys große Vorteile haben! Na also das wurde aber auch mal Zeit, dass sie das kapiert! Die beiden vorderen Reiter auf ihren Riesen-Rössern mussten zusehen, wie sie da drunter her und nebendran vorbei kommen ohne dass es ihnen die Helme vom Kopf zieht, während mein Mädchen aufrechten Hauptes einfach weiter geritten ist.

Etwas weiter lag ein interessantes Dings herum, das wollte das Mädchen vom fremden Pferd gerne an den Rand gelegt haben. Und wer ist schnell ab- und wieder aufgesprungen? Mein Mädchen! Weil kleine Ponys große Vorteile haben! Die beiden hohen Rösser sind nämlich so riesig, dass man da gar nicht mehr gut hoch kommt, wenn man erst mal unten ist….

Es ging ordentlich bergauf und bergab und unser fremder Begleiter ist das offensichtlich total gewöhnt, der hat einfach ein Tempo durch gezogen im Schritt, während ich doch etwas ins Hecheln kam. Aber ich hab mich angestrengt und musste nur einmal kurz nachtraben. Na gut, manchmal hat mein neuer Ausreitkumpel auch kurz gewartet bis ich aufgeschlossen hatte. Ein netter Kerl.

Ach und dann war da noch dieser Baumstamm. Das Mädchen vom fremden Pferd hat sich so umgedreht und mich angeschaut und gesagt „ich nehme gerade Maß….. ja das schafft er“. Bitte was? Worum geht´s? Das zeigte sich kurze Zeit später als da ein dicker Baumstamm im Weg lag. Die beiden Riesen haben einfach ihre Füße etwas mehr gehoben und waren darüber hinweg. Ich hingegen…. aber ihr wisst ja, ich kann so was. Kurz nachgedacht, Plan geschmiedet, Vorderbeine rüber und – hopp! – die Hinterbeine einfach direkt in einem Schwung, das ging schon. Mein Mädchen wollte noch absteigen damit ich es leichter hab, aber so viel Zeit hatte ich einfach nicht. Ich bin offroad-tauglich, ich kann das!

Gegen Ende des Ritts war ich dann so entspannt, dass ich auch neben dem Fremden her gehen konnte. Habe ihn nach seinem Namen gefragt. Er heißt Willi, aber je nach Anlass trägt er auch die Künstlernamen „Sir William“ (ah, ein Ritter, wie ich!) oder „Willibald vom Blamauer zu Stössing“. Oh, das ist kompliziert! Darf ich dich nicht vielleicht einfach „der Riese“ oder „Gigant“ nennen? Wollte er nicht so gern. Dabei finde ich, er IST ein Gigant! Er ist größer als Diego der Große und auch viel breiter! Na gut, also ich finde Willibald ist ok, das kann ich mir merken.

Entspannt nebeneinander her, kann ich jetzt!
Mein großer neuer Ausreitkumpel und ich.

Als wir wieder an der Wackelkiste waren habe ich gemerkt, dass mir der Pelz ein bisschen juckt vom schwitzen und dem Fliegenspray. Und da war so schöner Boden, da habe ich mich entschlossen, ein kleines Sandbad zu nehmen. Aaaaaaah herrlich, das tat gut! Das merke ich mir, dass ich das am Strick machen kann wenn nötig.

Aaaaaah das tut gut!

Schöner Ausflug! Hoffentlich sehe ich den Willi bald wieder (sorry, das Wortspiel konnte ich mir nicht verkneifen) und dann machen wir einen längeren Ausritt, jetzt, wo ich bewiesen hab, dass ich das kann!

Mein Mädchen wäre schon wieder fast geplatzt vor Stolz, weil ich das alles sooooooo toll gemacht habe und so groß bin (innerlich) und artig und wunderbar und überhaupt! Und nicht vergessen: kleine Ponys haben große Vorteile!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit dem neuen Ausreitkumpel Willibald

Hoffnung vs. Optimismus

Gestern habe ich einen Podcast darüber gehört, wie Hoffnung entsteht. Sehr interessant war das mal wieder, denn was ich z.B. nicht wusste: zwischen Hoffnung und Optimismus besteht ein entscheidender Unterschied. Optimismus ist die grundsätzliche Einstellung „wird schon gut gehen“, ohne dass man selbst unbedingt das Gefühl hat, etwas dazu tun zu müssen. Hoffnung entsteht nur, wenn „Will-Power“ und „Way-Power“ vorhanden sind. Soll heißen: Wenn ich den Willen habe, etwas zu tun und einen Weg sehe, wie ich etwas tun könnte. Dann kann Hoffnung entstehen, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit, dass das wirklich funktioniert, gering ist.

Ich dachte natürlich sofort an meine Reitschülerinnen, die zu mir kommen, um von mir die „Way-Power“ zu bekommen. Klar, ich bin dazu da, Wege aufzuzeigen wie Dinge funktionieren können. Das ist meine Aufgabe. Aber die Will-Power, die kann ich nicht verkaufen. Manchmal sage ich im Unterricht „das üben kann ich dir nicht abnehmen“. Ich kann begleiten und helfen, unterstützen und motivieren. Aber üben und wiederholen muss jede für sich selbst.

Und das gleiche gilt fürs Pferd! Wenn ich meinem Pferd eine Aufgabe stelle, kann ich ihm dabei helfen, es richtig zu machen (meistens läuft das darauf hinaus, dass ich die Häppchen klein genug mache). Aber üben muss das Pferd dann schon auch noch dürfen. Und das ist etwas, was wir oft vergessen, scheint mir. Viele von uns sind mit dem Gedankenmuster aufgewachsen, dass wir dem Pferd nur sagen müssen, was es tun soll und dann tut es das auch. (Wehe, wenn nicht!). Viele haben auch ein Gefühl dafür, dass Pferde trainiert werden müssen im Sinne von Kraft und Ausdauer. Aber ich erlebe oft, dass in Menschenköpfen nicht präsent ist, wie viel Übung es erfordert, neue Bewegungmuster zu erlernen. Für uns selbst wissen wir das, aber fürs Pferd vergessen wir es schnell. Wenn ein Pferd das dann einmal richtig gemacht hat, dann erwarten wir, dass das ab jetzt immer klappt.

Und nicht nur der Körper muss Gelegenheit bekommen, Dinge zu üben. Auch der Geist oder vielleicht die Seele muss üben dürfen. Meine neue Leidenschaft ist, Dinge „kaputt machen“ und „reparieren“. Auf körperlicher Ebene haben Duncan und ich das in der Handarbeit geübt: nachdem die Balance im Schritt gut war, sind wir ein Stück getrabt. Danach war der Schritt wieder „kaputt“, die Balance verloren. Wir haben die Balance repariert und als es wieder gut war, haben wir sie mit einem kleinen Trab mutwillig wieder in Gefahr gebracht. So können wir jetzt auch nach einem Balanceverlust viel schneller wieder rein finden und das ist eine nützliche Fähigkeit! Ganz nebenbei ist natürlich auch der Trab besser geworden.

Auch beim Thema Entspannung übe ich gern mit den Pferden. Anstatt jeden Stress zu vermeiden übe ich: rein in den Stress, wieder raus aus dem Stress.

Das ist etwas, was in meinen Augen viel zu wenig Beachtung findet. Viel zu oft machen wir etwas mit unseren Pferden, was sie stressig finden und dann, wenn wir fertig sind, stellen wir das Pferd weg. Es bleibt mit seinem Stress allein. Der klingt dann (hoffentlich) auf natürlichem Wege wieder ab, aber der Mensch hat damit nichts zu tun. Das ist aber nicht das, was mein Pferd lernen soll! Ich möchte, dass mein Pony weiß: mit dem Menschen zusammen durch eine stressige Situation gehen und dann mit dem Menschen zusammen wieder entspannen. Und wenn ich das oft genug übe und bestimmte Handlungen mit dem Stressabbau verknüpfe, dann wird mein Pferd sehr viel schneller wieder runter kommen, wenn es sich mal aufgeregt hat. Denn Aufregung ist nicht immer zu vermeiden, so ist das im Leben nun mal.

Neulich war ich mit Duncan zum ersten Mal wieder auf dem Sommerreitplatz. Nachdem ich an Finlays Todestag nicht dazu in der Lage war, habe ich am Tag danach einfach Arnulf mit dort hin geschleppt, damit ich nicht allein bin. Alle Ponys verfolgten uns, weil sie hofften, es ginge auf die Weide. Duncan war verwirrt, blieb auf dem Weg mehrfach stehen, fing dann Streit mit Merlin an, sprang etwas am Strick herum. Dann gingen wir beide auf den Sommerreitplatz, die anderen Ponys durften ja nicht mit und waren entsprechend aufgeregt. Es waren also spannende 5 min am Anfang bis die Situation sich beruhigt hatte. Duncan kam im „Arbeitsmodus“ an und ich war zufrieden, so dass ich nach 8 min unsere Session für beendet erklärte. Ich brachte Duncan zurück auf den Rundlauf, die anderen Ponys waren derweil außer Sichtweite gegangen. Und als das Halfter runter und der letzte Keks verspeist ist, da zischt mein Pony im gestreckten Galopp zu seiner Herde.

Und das ist überhaupt nicht sinnvoll! Denn so wie er los gerast ist, war klar: er ist noch voll im Stress. Ja, er hat gut mitgearbeitet, aber er ist nicht so entspannt gewesen wie ich dachte und er hat jetzt das eigentliche Problem, nämlich dass er nicht allein da oben sein wollte, ohne mich gelöst (bzw lösen müssen). Ich war also der Stressauslöser ohne ihm dann zu helfen den Stress wieder abzubauen. Wenn das oft genug passiert, löst allein meine Anwesenheit beim Pferd schon einen Grundstress aus!

Beim nächsten Mal war alles sowieso schon viel ruhiger. Aber auch mein Plan war besser. Nach einer Viertelstunde konzentrierter Arbeit habe ich Duncan auf dem Sommerreitplatz los gemacht und etwas Freedom Based Training gemacht – sprich ich habe mit ihm „herumgestanden“ während er etwas grasen durfte. Dann halfterte ich ihn wieder auf und wir gingen in Ruhe gemeinsam wieder runter zum Stall.

Und so verstehe ich den Unterschied zwischen Optimimus und Hoffnung. Optimismus würde bedeuten: ich wiederhole die Arbeit auf dem Sommerreitplatz und gehe davon aus, dass es sich schon einspielen wird. Viel zu oft wird Pferdeausbildung so angegangen. Stattdessen habe ich mir den Weg der Hoffnung ausgesucht: ich tue aktiv etwas dafür, dass es besser wird. Ich kann nicht MACHEN, dass mein Pony sich entspannt und den Sommerreitplatz als „ok“ in sein Repertoire aufnimmt. Aber ich kann alles in meiner Macht stehende dafür tun, dass das passiert und dann habe ich die berechtigte Hoffnung, dass das klappt. Und wenn nicht, überlege ich mir noch ein, zwei neue Herangehensweisen.

Ich plädiere dafür, dass wir mehr mit Hoffnung (mit Will-Power und Way-Power auf Seiten des Menschen) in die Pferdeausbildung gehen als nur mit Optimismus (der fürs Pferd bedeutet „ich lass dich mit der Aufgabe allein, du wirst das schon regeln“).

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 375

Bei uns ist alles ganz trocken. Es hat seit Wochen nicht richtig geregnet. Selbst wenn es außen rum geregnet und gewittert hat, ist bei uns nichts angekommen. Für uns Ponys heißt das: auf der Weide steht Heu am Stiel und rund um unseren Rundlauf kann man eigentlich kein grünes Hälmchen mehr knabbern. Aber nur eigentlich, denn wir sind Ponys und geben niemals auf! Deswegen wühlen wir mit unseren Nasen durch den Staub und finden noch das aller-aller-allerletzte Fitzelchen Gras. Das findet mein Mädchen gar nicht gut, weil sie Angst hat, dass wir zu viel Sand mit fressen. Aber so richtig was dagegen machen kann sie auch nicht. Sie füttert unsere Heusnacks aus den Netzen, damit wir uns länger damit beschäftigen, Nachts sind wir auf der Weide, aber dazwischen suchen wir eben Gras-Fitzelchen, so liegt es in unserer Natur!

Wenn wir mit einem Weidestück fertig sind, sieht es aus wie in der Steppe. Dabei komme ich doch (genetisch) aus Schottland!

Sie hat also schon wieder mit unseren Äppeln herum gespielt und geschaut ob Sand drin ist, aber keinen gefunden. Trotzdem denkt sie, nur weil kein Sand raus kommt heißt das ja nicht das keiner drin ist! Deswegen gibt es jetzt wieder Schmatzofatz. Weil das gut für den Darm ist und angeblich hilft, Sand los zu werden. Schaden tut es jedenfalls nicht, sagt mein Mädchen. Finden wir Ponys auch, obwohl es ganz schön schwer zu essen ist, muss ich sagen!

Komisches Zeug macht sie wieder. Äppel einweichen!
Schmatzofatz: lecker, aber sehr schwer zu essen! Daf klebt fo!

Besser wäre so ein richtiger, ordentlicher Regen. Aber den können wir leider nicht selbst machen und auch nicht im Laden kaufen. Drückt uns die Daumen, dass wir bald was abkriegen!

Die gute Nachricht ist aber: unsere Weide steht voll mit Gras (bzw Heu am Stiel), da ist genug Futter für uns, um den ganzen Sommer zu schlemmen, selbst wenn es nicht mehr regnen sollte. Und wir wissen: damit stehen wir besser da als viele andere, wo die Wiese schon abgeknabbert ist.

Zum Glück ist aber genug Gras da und es steht sooooo hoch! Stück für Stück dürfen wir das runter fressen, dann reicht es bis weit in den Herbst hinein.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel, der auf Regen hofft

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 374

Weil es ja jetzt so heiß ist, müssen wir die Trainingsbedingungen anpassen. Wenn wir später auf Distanzritt wollen, müssen wir dann auch mal in der Wärme trainieren, aber dieses Jahr noch nicht (und mein Mädchen überlegt an den warmen Tagen auch immer, ob das mit dem Distanzreiten wirklich so wichtig ist. Ihre ohnehin sehr spärlichen sportlichen Ambitionen verlassen sie endgültig, wenn das Thermometer über 22° steigt.)

Sie hatte sich jetzt überlegt, dass es bei uns eigentlich optimal zusammen kommt: da wo die meisten Blutsauger herum fliegen, ist nämlich auch einer unserer „Hausberge“. Den sind wir ja sonst immer im Schritt hoch gekraxelt. Aber heute meinte mein Mädchen, da ist Schatten und wir wollen den Blutsaugern keine Gelegenheit geben, also im Trab. Der Berg ist allerdings heimtückisch! Der fängt ganz flach an, da habe ich noch munter einen Galopp vorschlagen (war aber nicht erlaubt). Dann wird der Berg steiler. Und steiler. Und noch steiler. Puh! Als wir schließlich oben waren, habe ich ordentlich geschnauft! Aber ich habe es im Trab geschafft, mit etwas anfeuern von oben.

Dann im Schatten eines Baumes die traditionelle Graspause. Danach ist mein Mädchen ein gutes Stück zu Fuß gegangen an der Landstraße. Da mag sie noch nicht wieder reiten, weil sie nach unserem Höllentrip noch nicht wieder so entspannt ist. Ich bin da nicht so, aber so manche Fahrzeuge sind dann doch etwas lauter und gruseliger. Da habe ich sie lieber neben mir und lasse mir einen Keks geben anstatt dass ich die ganze Verantwortung trage.

Wenn sie zu Fuß geht und das Handy in der Tasche hat, weiß die App immer nicht, welche Gangart das sein soll. Dabei kann mein Mädchen doch gar nicht schneller als Schritt! So eine dumme App.

Auf dem Heimweg sind wir dann nochmal rechts abgebogen um den schönen Grasweg zu reiten. Den sind wir noch fein durchgetrabt und mein Mädchen war wieder ganz entzückt. Da geht es nämlich auch immer bergauf und bergab und die eine oder andere Wurzel liegt da auch herum, aber ich passe immer gut auf meine Füße auf und stolpere nicht, das findet sie toll. Am Ende des Grasweges hat Diego dann durchpariert und mein Mädchen und ich sind noch weiter getrabt, so dass wir wieder allein vorne weg waren. Ich bin mir da immer noch nicht so sicher und gehe etwas langsamer voran als normal. Aber mein Mädchen sagt, Übung macht den Meister und ich werde mich da schon noch dran gewöhnen und das hinkriegen. Sie hat schon davon geträumt, dass wir einmal als erste auf dem Hof ankommen, da hörten wir von hinten „padadamm, padadamm“! Kam Diego angaloppiert! Der Mann sagte, er hatte so Lust mal zu galoppieren. Hat bei uns kurz durchpariert und ist dann einfach nochmal angaloppiert. Ich bin weiter Schritt gegangen (zack! Mädchen stolz, weil ich nicht hinterher rasen wollte). Tja, Ende vom Lied: Diego war WIEDER als erster zu hause! Ist mir aber egal. Ich wäre auch gern noch den schönen Weg gegenüber rein gegangen, wo lecker Gras wächst.

Unser Ausritt im Detail.

Die Menschen haben uns schön mit dem Schwamm abgewaschen und dann haben wir uns erst mal ein ordentliches Staubbad gegönnt, das ist immer ein Genuss.

Nächsten Sonntag soll es kühler sein, vielleicht ziehen wir dann mal wieder mit der Wackelkiste los, sagt mein Mädchen. Das wäre toll!

Euer – wie sagt man? Nicht Bergsteiger sondern Bergtraber! – Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 373

Das war vielleicht eine Nacht!

Gestern abend, als mein Mädchen gerade die Weide aufgemacht hat, ist nebenan auf dem Acker ein Drache gelandet! Mein Mädchen sagt ja immer, es gibt keine Drachen, aber ich bitte euch: ein fliegendes, riesiges, feuerspeiendes Dings ist doch ein Drache! Mein Mädchen war zum Glück noch da und hat das mit uns beobachtet. Und Diego fand es zwar etwas gruselig, aber nach näherer Betrachtung doch irgendwie ok und ungefährlich. Ich hab mich direkt an Diegos Seite getackert und bin überall da hin gegangen wo er war. Das leckere Gras vor unserer Nase war dann aber nachher doch etwas wichtiger und wir haben uns wieder entspannt.

Ein Drache!

Aber dann heute nacht, waren plötzlich andere Monster auf der Weide! Eindringlinge! Wir sind wild nach oben galoppiert in den Paddock und haben da Rabazz gemacht, bis unsere Menschen nachgeschaut haben. Da waren 4 Pferde vom Nachbarstall auf dem Feld unterwegs, wo die gar nicht hin gehören! Mein Mädchen und der Mann haben die dann eingesammelt und weg gebracht. Aber wir waren ganz schön durcheinander, sogar Diego war sehr aufgeregt. Er trägt ja die Verantwortung für uns als Herde und hat das nicht witzig gefunden, dass da Fremde auftauchen wo keine Fremden hin gehören!

Danach mussten wir erst mal etwas schlafen. Mein Mädchen auch, weil ihre Nachtruhe so empfindlich gestört wurde.

Hoffentlich ist jetzt wieder monsterfreie Zeit, wir finden das war genug Aufregung auf einmal.

Euer aufgeregter Sir Duncan Dhu of Nakel

Machbar

Neulich war ich bei einer Kundin mit einem unfassbar fetten Shetty. Sie erklärte mir, dass sie es nicht mehr schafft, dem kleinen Pony die Fressbremse auf zu ziehen, er ist einfach schneller als sie.

Jetzt könnte ich eine Grundsatzdiskussion anfangen und wären wir hier bei Facebook oder Instagram könnte ich wetten, dass jemand lang und breit erklärt, wie scheiße das doch alles ist, dass eine Fressbremse keine Lösung ist, das Pony grundsätzlich eine andere Haltung und Fütterung und natürlich tonnenweise Sport braucht. In diesem Falle: meldet Euch gern, der Kleine sucht tatsächlich ein neues zu hause.

Jetzt gerade im Moment geht es aber darum, eine machbare Lösung zu finden. Sofort. Also habe ich kurz mein Gehirn geschwungen und mir dann einen Trick ausgedacht, wie sie die Fressbremse doch drauf bekommt. Ich hoffe, er funktioniert und sie kann schlimmeres verhindern, das wäre gut.

Eigentlich wollte ich heute über Finlays Todestag schreiben. Wie in den vergangenen Jahren, aber nachdem ich drei mal neu angefangen hatte, musste ich fest stellen dass es da nicht wirklich was zu schreiben gibt. Der Todestag bringt für mich im Vorlauf immer ein paar mehr Ängste und ein paar fiese Erinnerungen, aber der Tag selbst ist dieses Jahr nicht so ein großes Problem. Ich habe mich daran gewöhnt, dass Finlay nicht mehr hier ist und ich liebe meinen kleinen Duncan, meinen Herzensreparateur. Den beobachte ich mit Argusaugen und fürchte immerzu, ihm könnte auch etwas schlimmes passieren, aber ich lerne, auch damit zu leben und umzugehen. Ich vermisse Finlay heute nicht mehr als an anderen Tagen und viel mehr gibt es dazu gar nicht zu sagen.

Oder eben doch. Denn mein Duncan ist ja nun auch zum ersten Mal etwas zu rund um die Mitte und müsste dringend mehr Sport machen. Dazu haben wir ja einen „Sommerreitplatz“, der vormittags noch halb beschattet ist und dadurch dass es sich eigentlich um ein Stück Wiese handelt sowieso kühler und weniger staubig ist als der Sandplatz. Jetzt, wo der Sommerreitplatz einmal runter gefressen ist, ist er als Reitplatz nutzbar. Heute vormittag wäre also der passende Moment gewesen um los zu legen mit fröhlichem Longentraining dort oben. Aber es ging nicht. Weil heute Finlays Todestag ist und weil Duncan sich dort oben letztes Jahr einmal los gerissen hat. Und mein Kopf diese Dinge fiese zusammensetzt und mein Pony über den Strick fallen und sich das Bein brechen sieht. Und heute komme ich nicht dagegen an. Ich habe mir überlegt, wie ich es runter brechen kann, damit ich es trotzdem schaffe, aber dann habe ich kapituliert: heute nicht. Ich brauche einen anderen Tag um mit der Arbeit dort oben anzufangen. Möglichst einen, an dem Arnulf da ist und mir zur Not helfen kann. Denn obwohl er damals meinen Finlay auch nicht retten konnte: er war da und hat geholfen. Ich war nicht allein.

Und als ich entschieden hatte, heute nicht auf den Sommerreitplatz zu gehen, da fiel mir wieder ein, dass ich ja schon lange was über Machbarkeit schreiben wollte. Weil ich manchmal denke, ich klinge wie so eine perfekte Pferdefrau. Das bin ich nicht – und will auch nicht so klingen. Diese Pferdefrauen, die ihre 4 Pferde jeden Tag alle putzen (was? Haben die sonst nix zu tun?), alle jeden Tag nach Plan trainieren, ständig Futterrationen berechnen, Sättel anpassen lassen, den Osteopathen da haben, Blutbilder machen lassen oder wasweißich. Diese Pferdefrauen, die das alles neben Vollzeitjob, zwei Kindern und Hund erledigen. Die nicht schlafen oder essen müssen (anscheinend, denn sonst wüsste ich nicht, wie das alles gehen soll). Und die leider noch nicht mal so wirken als würden sie mir das Blaue vom Himmel runter lügen.

Ich bin so nicht. Ich bin die, deren Energie nie reicht und die immer nur das nötigste schafft. Die immer nur nach Priorität arbeiten kann, bei der immer eine Sache liegen bleibt, damit eine dringendere erledigt werden kann. Und manchmal ist es vielleicht ein Vorteil, dass ich so bin, weil ich ständig nach Machbarkeit schaue. Mein Mann hat einmal gesagt, ich sei wie eine Wühlmaus, die alles andere beiseite schaufelt um sich auf das zu konzentrieren was sie jetzt gerade machen will. Und das brauchen auch meine Schülerinnen so oft, die sich von all diesen Wunderfrauen erzählen lassen, wie es richtig ginge. Das fette Shetty, mit dem dieser Text begann, braucht: eine andere Haltung, täglich ausreichend Bewegung durch den Menschen, eine Rationsberechnung und ein Blutbild, jede Menge Erziehung und Ausbildung, alle 4 Wochen Hufpflege (um nur mal das gröbste zu nennen). Das könnte ich meiner Kundin so sagen. Würde aber nix nützen, denn das weiß sie bereits. Sie weiß auch, dass es so nicht weiter geht. Aber einen neuen Besitzer backen kann halt auch niemand. Also suchen wir nach machbaren Lösungen, bis ein neues zu hause gefunden ist. (Wer hat eigentlich Bock auf Kutsche fahren? Das würde der Kleine sicher großartig machen!)

Eine machbare Lösung jetzt, hier und heute ist mehr wert als ein Luftschloss der Perfektion. Gleichzeitig müssen wir wissen, wann „machbar“ ein fauler Kompromiss wird. Da geht´s dann wieder um die Ehrlichkeit zu sich selbst.

Es gibt viele Grenzen, warum Dinge jetzt gerade nicht machbar sind. Geld, Zeit oder weil ein Mensch vielleicht gerade krank ist oder umzieht. Aber auch, wie heute in meinem Fall, Angst. Oder Unwissenheit, etwas noch nicht können. Dann ist wieder die Frage nach dem Häppchen und „was kann ich jetzt, hier und heute sinnvolles tun“.

Oft denke ich das auch beim Reiten. Na klar wäre es toll, wenn alle meine Schülerinnen fühlen würden, was ich da erkläre. Wäre toll, wenn sie das alle gleich umsetzen könnten. Aber dann wäre ich ja auch gar nicht mehr gut genug, um sie zu unterrichten. Dann müsste ich ja im Umkehrschluss alles sofort verstehen, was mein Reitlehrer mir sagt. Und plötzlich hätten wir eine Welt voller perfekter Reiter. Irgendwas stimmt an dieser Rechnung nicht.

In Wirklichkeit schaue ich halt, was machbar ist. Und wenn eine Schülerin sagt, sie möchte Seitengänge reiten, aber es klappt immer irgendwie nicht, dann schauen wir doch vielleicht erst mal, ob sie die Seitengänge schon gut führen kann. Und wenn wir sehen, dass da noch Verbesserungspotential ist, dann wissen wir beide: das mit dem Reiten wird noch nicht so klappen. Beim Reiten schauen wir dann lieber nach anderen Dingen, nach machbaren.

Das ist alles nicht perfekt und oft nicht social-media-tauglich. Aber die Realität.

Und da schließt sich irgendwie der Kreis zu Finlays Todestag. Das, was ich in den letzten Wochen fühle und erlebe, ist nicht mehr „dramatisch“ genug für social media. Aber eben doch dramatisch genug, dass für mich etwas heute nicht machbar ist und ich eine Aufgabe gefunden habe darin, es machbar zu machen. Häppchenweise, von einem machbaren Schritt zum anderen. Ganz ohne Perfektion, großen Durchbruch oder jubelndes Publikum im Hintergrund, wahrscheinlich mit Rückschritten, Faulheitspausen und Ausreden meinerseits und Fehlern. Aber eben: machbar.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 372

Oh, guten Morgen, Mädchen, was machst du denn so früh schon im Stall?

Da hab ich mich aber gewundert. Sie wollte doch tatsächlich vor dem Aufwachen (also: bevor SIE wach ist) schon ausreiten! Weil es sonst so warm wird und die fiesen Blutsauger so über uns her fallen. Gut, ich bin bereit! Bin ja nicht so eine Schlafmütze wie sie!

Alles angetüddelt und mit Diego dem Großen und dem Mann zusammen los getingelt. Diego hatte wieder den Turbo an, da hab ich einfach keine Chance. Der zieht im Schritt davon, da komme ich nicht mit. Der Mann hat dann öfter mal angehalten und auf uns gewartet, aber mein Mädchen meinte, wir können das Problem ja auch mal anders lösen. Also sind wir beide mal ein Stück vorweg getrabt und Diego ist im Schritt hinterher gekommen. Was bedeutet, dass wir zuerst im Dorf angekommen sind. Aber dort wurden wir jäh gebremst, denn in einem Gulli gurgelte ein Monster sehr, sehr laut! Und wenn mein Mädchen auf meinem Rücken sitzt, dann trage ich ja die Verantwortung für unsere Sicherheit – das konnte ich nicht riskieren! Bin mit spitzen Ohren stehen geblieben. Mein Mädchen hat mit mir geredet, dann gesagt, ich könnte einen Schritt vor gehen. Ok. Dann bin ich aber wieder stehen geblieben und hab gelauscht und geguckt. Naja, ein paar Schrittchen in die Nähe des Gullis hatten wir gerade geschafft, da kam Diego von hinten. Der hat sich überhaupt nicht um das gurgelnde Monster gekümmert, sondern ist einfach an mir vorbei über den Gulli rüber marschiert. Ach so? Ja dann mach ich das natürlich auch!

Mein Mädchen hat also auf ihre Übungsliste geschrieben, dass wir mal öfter vorne weg gehen wenn gruselige Dinge sind und uns dann die Zeit nehmen, das so lange zu begucken, belauschen und evt zu betasten bis ich mir sicher bin. Also wenn sie absteigt und führt hab ich da auch keinen Stress mit dem Gulli aber wie gesagt, wenn sie auf meinem Rücken sitzt wiegt die Verantwortung doch schwer! Wo sie doch immer sagt, ich soll auf sie aufpassen!

Naja, kurz nach der ganzen Aufregung musste ich dann auch schon gleich mal äppeln. Vor der Arztpraxis. Da ist dann jetzt das Gebüsch gedüngt (hat mein Mädchen einfach da rein geschmissen, da kennt sie ja nix. Gegen Gratis-Dünger kann ja wohl niemand was einwenden!)

Weiter ging es aus dem Dorf wieder raus und dann ein Stück im Trab. Da habe ich wieder an meinem Turbo-Trab gearbeitet mit den schönen großen Schritten. Einmal hab ich mein Mädchen auch ausgetrickst und bin ich bisschen galoppiert, aber nicht weitersagen!

Über die Straße, dann wieder in den Wald und fix durch traben wegen der blutsaugenden Mistviecher die da schon umher fliegen. Als das geschafft war, gab es erst mal Gras. Mein Mädchen ist dann abgestiegen und durchs zweite Dorf gelaufen. Versprochen war, dass wir dann dort, wo wir das Dorf wieder verlassen, noch eine Graspause machen. Aber ach! Aus der schönen grünen Wiese ist eine braune Steppe geworden! Also nix mit Graspause. Mein Mädchen ist stattdessen wieder aufgestiegen und es ging Richtung Heimat. Wir haben dann nochmal die Chance genutzt vorne weg zu traben, so dass wir an einer schönen Stelle, wo Schatten und grünes Gras war, endlich mal zuerst angekommen sind und ich schon anfangen durfte zu grasen – sonst ist es ja immer so dass Diego als erster ans Buffett kommt!

Und so gegen Ende meinte mein Mädchen dann, wir würden jetzt nochmal „alleine ausreiten ohne alleine auszureiten“ üben. Ok! Also noch ein gutes Stück getrabt, während Diego im Schritt geblieben ist. Schließlich waren wir ganz allein, Diego war nicht mehr zu sehen und zu hören. Ganz still war es, so mit nur meinen 4 Hufen, die geklappert haben anstatt der üblichen 8! Mein Mädchen und ich sind beide noch nicht ganz entspannt wenn wir alleine sind, aber es geht und wir werden das schön weiter üben.

Wir traben einfach davon!
Wir zwei ganz allein!

Bis zur letzten Ecke sind wir allein geritten, dann ist sie abgestiegen und ich durfte nochmal grasen bis Diego uns eingeholt hatte (was eigentlich viel zu früh war!). Dann ab nach hause. Zu hause gab es dann wieder diese schöne Schwamm-Wellness und anschließend ein paar leckere Weidenzweige zum Knabbern. Ach, schön war das wieder! Nur gut, dass es so früh war, denn jetzt ist es ordentlich warm.

Schöööööööööön finde ich das!

Diego und ich haben uns dann noch ein schönes Staubbad gegönnt und jetzt verbummeln wir den warmen Tag zwischen Heunetz und Tränke.

Euer sonntäglicher Sir Duncan Dhu of Nakel