Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 384

Also mein Mädchen und ich haben ja rechts abbiegen geübt. Und plötzlich hatte ich es raus und alles ging ganz fein. Und dann, ein paar Tage später ging es plötzlich links herum nicht mehr so gut! Also abbiegen schon- sozusagen etwas zu gut, weil ich immer die Kreise verkleinert hab. Mein Mädchen hat mit mir geübt und dann nochmal geübt und dann hat sie gesagt „ich glaub du musst zum Osteopathen, du bist ja ganz schief!“.

Also hat sie den Osteopathen bestellt. Der wohnt ja zum Glück hier und ist mit meinem Mädchen verheiratet, das ist voll praktisch. Also Sonntag morgen war großer Check. Und mein Mädchen will ja immer was neues lernen deswegen hat sie gesagt, sie will versuchen, selbst zu sehen was da los ist. Sie hatte eh schon so eine Ahnung, weil sie das Gefühl vom Reiten schon kennt. Der Mann hat mich geführt und sie hat von hinten auf meinen schönen Po geguckt. Danach hat sie mich geführt und der Mann hat mich von allen Seiten beguckt. „Und?“ hat er dann gefragt, „was denkst Du?“ Meine linke Poseite ging nicht so gut runter wie die rechte. Hat sie gesehen. Und auch schon vermutet, dass die linke Poseite auch nicht so gut nach hinten schwingt wie die rechte. Der Mann hat das bestätigt. Dann hat sie gesagt „du weißt, deine Stäbchen mag der nicht. Also wenn du es ohne machen kannst, sind wir dir dankbar“. Der Mann hat nämlich so Stäbchen, mit denen er über die Muskeln geht, damit man als Pony bestimmte Bewegungen macht. Kann ich aber gar nicht leiden! Deswegen hat er es dann ohne Stäbchen gemacht. Hat an meinem Bein gezogen, damit sich da alles wieder löst. Dabei hat er mich einmal ganz schön aus dem Gleichgewicht gebracht! Da hab ich ihn böse angefunkelt und mein Mädchen hat gelacht und gesagt, jetzt wäre ich ihm doch wieder gram. Naja.

Der Mann fühlt ob mein Genick gerade ist. Ja, ist es. 

Bisschen Massage für den verspannten Muskel. Aber der ist schon viel besser geworden.

Nachdem mein Hintern dann wieder halbwegs gerade gerichtet war, hat der Mann noch mein Genick gecheckt, da war aber alles in Ordnung. Dann noch einen Muskel in Hals, der immer etwas verspannt war, aber das ist besser geworden sagt er. Und dann wollte mein Mädchen noch wissen, wie das jetzt mit dem Beinkreisen sein soll. Weil ich beim Laufen meine Hinterbein etwas ungünstig drehe, soll ich nämlich außer Training auch noch mehr Wellness kriegen. Heißt in diesem Fall, dass mein Mädchen mein Bein nimmt und damit in der Luft kreist, damit meine Muskeln schön locker werden.

Naja, ich hatte ja erwähnt: es war stürmisch. Und mein Mädchen hockt da so (nicht zu hause nachmachen! Immer stehen bleiben!) und kreist mein Bein und plötzlich

Katze!!!

Man, ich hab mich vielleicht erschreckt! Bin in die Luft gesprungen und nach vorn. Mein Mädchen hat sich auch doll erschreckt. Dann hat sie mich gelobt, weil ich so fein auf sie aufgepasst habe, obwohl ich mich so erschreckt hatte. Und sie war froh, dass wir nicht ausreiten waren, weil ich doch etwas nervös war durch den Wind. Normalerweise springe ich ja wegen der Mieze nicht gleich in die Luft. Andererseits, mein Mädchen, hast du aber auch mal fest gestellt dass ich nach ein paar Kilometerchen im Trab nicht mehr so nervös bin. Schon vergessen? Naja.

Jedenfalls war die Osteopathie dann beendet und ich wurde „geheilt“ in den Stall entlassen. Mein Mädchen hat nochmal gegrübelt, seit wann ich wohl so schief bin und ist zu dem Schluss gekommen, dass das wohl seit der schlimmen Gewitternacht so ist, als wir bei dollem Regen und mehreren Gewittern auf der Weide waren. Da hab ich mich wohl verspannt und jetzt merkt sie sich: in Gewitternächten gibt es Heu statt Weide, damit wir mehr drin bleiben und wenn es doch mal so ist, gibt es tags darauf extra Wellness und gezielte Pony-Yoga-Übungen, damit alles wieder locker wird.

Jetzt bin ich wieder voll geschmeidig und kann rechts und links rum total gut abbiegen.

Euer durchgecheckter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 383

Sommer ist eine schwierige Jahreszeit, findet mein Mädchen. Entweder es ist zu heiß zum ausreiten, oder es gewittert, oder – das ist in letzer Zeit irgendwie öfter so – es stürmt. Mitten im Sommer Sturm! Was soll denn das?

Jedenfalls war es am Samstag hier so fies heiß und schwül dass mein Mädchen arge Kopfschmerzen hatte und da schon beschlossen hat, dass es am Sonntag vormittag nix wird mit ausreiten. Weil Sonntag vormittag nämlich dann Sturm war und dann bin ich immer doch nicht so ganz entspannt und dem fühlte sie sich mental nicht gewachsen. Also haben wir vormittags erst mal eine Sitzung Osteopathie mit dem Mann gemacht, aber davon erzähle ich euch demnächst mal.

Abends hatte der Wind dann etwas nachgelassen und mein Mädchen hat sich einigermaßen fit gefühlt und gesagt, statt Ausritt probieren wir nochmal was neues aus. Sie hat mich gesattelt und wir haben Diego und den Mann mitgenommen und sind auf unseren Sommerreitplatz gegangen. Ihr wisst schon, da wo wir jetzt immer unser Fitnesstraining an der Longe gemacht haben. Aber mein Mädchen wollte diesmal nicht selbst laufen, sondern reiten. Ok, aber Graspausen will ich trotzdem haben! Ja, hat mein Mädchen gesagt, die kriege ich, aber nur wenn ich mich auch mit dem Bosal gut benehme. Wenn ich mich nicht gut genug benehme und sie mich mit Gebiss reiten möchte, dann wird es kompliziert, denn dann müsste sie für jede kleine Graspause ab- und anschließend wieder aufsteigen. Ok, ich wusste also direkt, was für mich auf dem Spiel steht! Benehmen ist angesagt! Tu ich doch aber eh immer. Also ehrlich!

Auf dem Weg nach oben zum Sommerreitplatz war schon etwas Aufregung, weil Gatsby und Caruso gedacht haben, wir gehen auf die Weide und uns ganz aufgeregt begleitet haben. Mit etwas hin und her haben wir es aber dann geschafft, dass die beiden draußen geblieben sind. Die sind dann die ganze Zeit am Zaun auf und ab getigert und waren sauer, dass wir auf der Weide sind und sie nicht. Das hat mich anfangs dann doch dezent abgelenkt, möchte ich gestehen, aber nach einer Weile konnte ich das wie ein Großer wegignorieren.

Mein Mädchen und ich haben Lenken geübt im Schritt und im Trab, das hatten wir schnell raus. Dann ist sie mit mir über die Stangen getrabt und hat sich da erst mal gewundert. Ich habe ja so einen gemütlichen Schottentrab, normalerweise hat sie es ja wirklich bequem da oben. Aber über den Stangen nutze ich die Federkraft meiner Beine und dann macht es doing-doing-doing weil ich als ganzes hoch und runter dotze. Da musste sie da oben einiges ausgleichen! Und schon hat sie beschlossen, dass das doch gutes Training wird für uns beide und wir das jetzt öfter machen. Weil es für mich ja auch gutes Training ist, das mit ihr als Gewicht oben drauf zu üben. Ok, wenn ich dafür eine Graspause bekomme…..

Na und dann hat sie sich was ganz wildes überlegt. Sie wollte galoppieren! Sagt sie doch da oben „Aaaaachtung….. und hopp!“! Nun weiß ich ja sehr wohl, was das heißt, aber auf dem Sommerreitplatz geht es ja ständig bergauf und bergab. Und bergab will sie nicht mit mir galoppieren wenn sie drauf sitzt, das traut sie mir noch nicht zu. Also haben wir nur bergauf zum galoppieren. Und weil sie nicht gleich die lange Seite runter wollte, sollte ich das auf der kurzen Seite schaffen. Mädchen, 25 Meter sind da einfach nicht lang genug und mit dir oben drauf um die Kurve schaff ich auch noch nicht, glaube ich. Das ist einfach was anderes als im Gelände geradeaus, da kriege ich das alles leicht geregelt.

Also wenn sie nicht auf meinem Rücken sitzt, kann ich schon ganz gut ohne Anlauf angaloppieren. Aber mit ihr da oben drauf bin ich noch nicht so flott im Beine sortieren. Also immer wenn sie „Aaaaachtung….. und hopp!“ gesagt hat, habe ich rückgemeldet, dass ich wohl weiß, was sie will, aber dass das so nicht geht. Nach ein paar missglückten Versuchen hat sie sich ein Herz gefasst und gesagt, dann nehmen wir doch gleich die lange Seite, aber ich musste versprechen, nicht los zu flitzen. Ehrlich, was sie immer denkt! Ich bin doch Gentleman! Derweil hat der Mann sich überlegt, auch galoppieren zu wollen und plötzlich kam Diego uns im Galopp entgegen! Da hab ich doch mal kurz das Ding mit den Manieren vergessen und… naja lassen wir das. Mein Mädchen hat geschimpft, also hab ich mich schnell wieder zusammengerissen, weil ich ja verstanden hab, was da auf dem Spiel steht – meine Graspause!

Und dann hat mein Mädchen es nochmal versucht. Diesmal mit verbessertem Kommando. Sie hat gesagt „Aaaaachtung….. und hopp!“ und dann „hopp!hopp!hopp!“ im Galopptakt und dabei immer mit den Händen so vor gegangen und dann hab ich es geschafft! Wir sind bis zum Ende der langen Seite galoppiert und das ging wirklich sehr sehr gut, fanden wir beide! Ich war sehr zufrieden mit mir und der Graspause und mein Mädchen war ganz stolz und fröhlich dass das so fein ging. Das haben wir dann ein paar mal wiederholt und dann war auch schon wieder Feierabend.

Hopp! Hopp! Hopp! Hopp!

Mein Mädchen sagt, ich hab das so gut gemacht, das wird sie sich wohl auch ohne Diego trauen. So können wir unser Fitness-Programm um einen neuen Punkt erweitern. Ok, aber es wird auch wirklich mal wieder Zeit für einen Ausflug, ja? Du weißt ja, die echten Abenteuer finden jenseits der Grundsstücksgrenze statt!

Euer galoppierender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 382

Fitness, Fitness, Fitness! Mein Mädchen ist etwas besessen davon, ehrlich gesagt. Sie hat nämlich ein Vorbild. Eine Frau, die sie niemals getroffen hat! Ist das nicht verrückt? Diese Frau wohnt in England und hat auch ein Highlandpony. Ihr Pony heißt „Brownbread Easter Rabbit“. Und jetzt sagt noch einmal, ich hätte einen komischen Namen! Die beiden – also die Frau und das Pony – sind jedenfalls ziemlich berühmt. Das Bild von denen ist sogar auf manchen Futtertüten drauf! Das beeindruckt mich! Mein Mädchen ist eher davon beeindruckt, dass die beiden auf Distanzritte gehen. Schon lange. Und das obwohl sie am Anfang viele Schwierigkeiten hatten und die Frau viel Angst hatte (ich glaub das Pony auch). Und jetzt haben die vor kurzem einen 82km-Ritt in der Wertung (also schnell genug um nicht raus zu fliegen) geschafft!

Mein Mädchen sagt ja immer, 80km ist ihr persönliches Lebens-Ziel. Das ist was, das kann sie sich vorstellen, mal zu schaffen. (Hä? Wieso denn SIE? Die Arbeit soll doch ICH machen!). Und jetzt hat Rabbit das vorgemacht und mein Mädchen ist angefixt. Sie meint, da braucht man viele Jahre Vorbereitung (besonders mit einem kleinen Pony mit kurzen Beinen wie ich eins bin). Und man braucht dafür einen Haufen Fitness-Training.

Deswegen war sie auch ganz entzückt, als ich hoch motiviert mit ihr zum Sommerreitplatz marschiert bin. Soll ich ihr verraten, dass ich das nur wegen der leckeren Graspausen mache?

Dort hatte sie Stangen aufgebaut über die ich rüber traben sollte. Leider hat es mit dem Filmen nicht so gut funktioniert, eigentlich wollte sie meinen schönen Galopp drauf haben, aber die Kamera wollte das wohl nicht. Vermutlich ist mein Galopp einfach zu schnell für die Technik – ich bin wohl doch mit Überlichtgeschwindigkeit unterwegs, denke ich!

Zwischendurch habe ich mir überlegt, dass die Graspausen eigentlich zu kurz sind und ich doch mal schnell noch ein Hälmchen zur Stärkung brauche. Aber leider war sie wieder so nah dran und hat das (meistens) zu verhindern gewusst. Naja. Trotzdem hat es Spaß gemacht. Nach 20 Minuten wurde mir etwas matt um die Beine und ich habe Antrag auf Feierabend gestellt, aber mein Mädchen sagt, das ist nur in meinem Kopf, im Gelände kann ich viel länger laufen. Diese 20 Minuten sind irgendwie so unsere übliche Arbeitszeit und die hat sich bei mir so eingebrannt, da tickt meine innere Uhr. Aber mein Mädchen sagte, ich werde bald 5 Jahre alt und kann jetzt schon auch mal mehr machen und daran gewöhnen wir uns jetzt beide (sie ist nämlich auch immer nach 20 Minuten der Meinung das sei schon alles fein so). Weil es jetzt nicht mehr nur darum geht, alles schön und richtig zu machen – das kann ich ja eh – sondern auch einfach um wiederholen und trainieren, also Muskeln beanspruchen und so. Wegen der 80km von denen sie in völlig durchgeknallten Momenten manchmal heimlich träumt.

Während dem Laufen ist Grasen leider nicht erlaubt, aber den Versuch war es wert…..

Naja, so nach knappen 30 Minuten war dann aber doch Schluss und wir sind gemeinsam runter gegangen in den Stall. Da hat sie meinen Puls gemessen, der war bei 49. Ihren eigenen Puls hat sie lieber nicht gemessen. Der war nämlich garantiert sehr viel höher als meiner, obwohl ICH ja immer den weiten Weg außen rum laufen muss!

Dann hat sie mich noch mit dem nassen Schwamm etwas abgekühlt, das mag ich wirklich sehr gern. Anschließend hab ich mir eine Panade gemacht und das war dann unser Programm für heute.

Euer Sir Duncan dhu of Nakel (personal trainer fürs Mädchen)

Lernprozess

Völlig unabhängig voneinander haben zwei Schülerinnen mir in den letzten Wochen fast identisch formuliert gesagt „ich hab gelernt, dem Lernprozess zu vertrauen“. Und da kann ich nur sagen: ich auch.

Die eine Schülerin erklärte es einer anderen, die eine erste Stunde bei mir gehabt hatte, so: „Am Anfang klingt das immer voll kompliziert, wenn Lioba das erklärt, aber am Ende wird es dir doch klar und ist alles ganz logisch und einfach“. Ok, nun hätte ich ja lieber gehört, ich könnte alles so erklären, dass es von Anfang an einfach und logisch klingt. Aber vielleicht ist es besser, wenn es das nicht tut, denn wenn etwas allzu einfach ist, ist es vielleicht zu sehr vereinfacht…..

Viele Menschen lernen im Erwachsenenalter nicht mehr so oft neue Dinge. Als Reiter lernt man aber immer dazu (hoffentlich!) und das ist eins der Dinge, die die Beschäftigung mit der Reiterei oder grundsätzlich mit Pferden so interessant macht. Es gibt unendlich viel zu entdecken und auszuprobieren und selbst wenn man jemals mit einem Pferd alles können würde (kann man ja eh nicht), sind da ja noch all die anderen Pferde, die ganz anders sind.

Ich bin keine Lern-Expertin. Aber ich habe auf unzähligen Kursen (von denen ich bei die meisten nur Zuschauer war) herausgefunden, wie es für mich am besten funktioniert. Ich darf mir nicht allzu viele Notizen machen, sonst kann ich nicht gut genug zuhören. Wenn ich einfach zuhöre und hin schaue, bleiben Dinge hängen. Ich habe ein sehr auditives Gedächtnis und es ist für mich hilfreich, wenn der Reitlehrer Dinge oft auf die selbe Art sagt (auf Kursen passiert das ja meistens eh) und am allerbesten in einer etwas auffälligen Tonlage, auf Englisch oder mit einem Akzent, so dass es sich vom „Alltagsdeutsch“ abhebt. Da ich Menschen sowieso mehr an ihrer Stimme als an ihrem Aussehen erkenne, kann ich diese Sätze dann eins zu eins in meinem Kopf abrufen (und es macht mich völlig irre, wenn jemand anders diese Sätze dann anders sagt!).

Nach dem Hören kommt für mich dann das Fühlen. Mein Highlight diesbezüglich war mein letzter Kurs mit Merlin, an dem ich im Oktober 2019 teil genommen habe. Vielleicht war ich damals etwas schlechter im Lernen, weil kurz zuvor mein Finlay gestorben war, mag sein. Jedenfalls erarbeiteten wir eine neue Feinheit im Schulterherein. Erst im Mai 2020 kam dann plötzlich der Moment. Ich arbeitete mit Merlin auf dem Reitplatz, es machte „klick“ und ich wusste: DAS hat mein Reitlehrer im Oktober gemeint! Weil ich es plötzlich fühlen konnte. Der lustige Plot-Twist: Vor diesem magischen Moment war mir gar nicht klar gewesen, dass ich es noch nicht richtig gefühlt hatte!

Lernen geht unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Wenn ich Schülerinnen habe, die sehr stark visuell lernen, bin ich herausgefordert. Denn dann darf ich auf einem Sinneskanal unterrichten, der bei mir völlig unterrepräsentiert ist. Auch das ist für mich dann ein Lernprozess und eine spannende Reise: welche Erklärung kommt bei dieser Schülerin am besten an? So wird auch Unterrichten niemals langweilig.

Um etwas bestimmtes lernen zu können, muss man aber wohl auch „bereit“ sein. Manches mal, wenn mir jemand etwas erklärt oder wenn ich etwas „plötzlich“ begreife, kann ich mich erinnern, wie mir das jemand schon mal vor vielen Jahren erklärt hat und ich es entweder abgelehnt habe oder einfach nicht verstehen konnte und verworfen habe. Es braucht ein gewisses Level an Vorwissen, um bestimmte Informationen überhaupt aufnehmen zu können und manchmal die Bereitschaft, einen liebgewonnen Glaubenssatz über Bord zu werfen.

Neulich sagte eine Schülerin „ich entdecke neue Dimensionen“ und sie beschrieb den Prozess so: da ist eine Stufe vor ihr, die ist sehr hoch und sie steht davor und denkt „oh, das ist aber hoch“. Wenn sie dann endlich mühsam da hoch gekrabbelt ist, dann geht es laaaaaaaange geradeaus und sie denkt „ich komm überhaupt nicht voran, nichts wird besser“. Bis die nächste Stufe kommt, die ihr dann wieder viel zu hoch erscheint um sie zu schaffen.

Duncan und ich können jetzt auf dem Reitplatz eine zivilisierte Rechtskurve reiten. Da staunt Ihr, was? Seit über einem Jahr reite ich meinen kleinen Ritter, wieso schaffen wir erst JETZT diese Kurve?

Naja, lenken konnte ich ihn vorher schon auch, nur schön war das nicht. Er hatte nicht verstanden, wie er seine Wirbelsäule mitnehmen kann in die Bewegung nach rechts und wohin er seine Beine am besten setzt um ganz geschmeidig um die Kurve zu kommen. Was im Alltag ohne Reiter völlig selbstverständlich ist, kann mit Reiter auf dem Rücken schnell zur Herausforderung werden! Zumal unsere Reitplatzkurven etwas sind, was Pferde normalerweise so gar nicht laufen. Es sind eben „Pony-Yoga“-Übungen!

Unser Lernweg zur Rechtskurve ging ungefähr so:

  • ich stelle fest: auf dem Reitplatz kommen wir nur schlecht rechts rum
  • ich denke: Übung macht den Meister und wenn ich ihn einfach immer wieder auffordere, rechts abzubieben, wird er schon dahinter kommen, wie das geht
  • es bessert sich aber nicht nennenswert
  • ich beschließe, die Platzarbeit ruhen zu lassen und ins Gelände zu gehen bis er größer und kräftiger ist und besser gelernt hat, seinen Körper mit mir oben drauf zu benutzen
  • im Gelände ist alles toll, aber gelegentliche Versuche zeigen: die Rechtskurven auf dem Reiplatz bleiben wie sie sind.
  • ich nehme gruseligen Unterricht, der mich nirgendwo hin bringt aber zum Nachdenken anregt
  • ich übe Seitengänge an der Hand und versuche, die Dinge dort zu verbessern, was auch gelingt, das Reitproblem aber nicht löst
  • ich nehme guten Unterricht, aber zunächst nur an der Hand
  • Duncan lahmt zum Zeitpunkt des Unterrichts also reite ich Diego
  • Diego zeigt mir mit Hilfe meines Reitlehrers eine neue Dimension von Fühlen und Balance
  • ich verstehe, dass ich das auf Duncan übertragen kann und bekomme es in Teilen hin
  • ich nehme Reitunterricht auf Duncan und es gelingt unter Anleitung ganz gut, lässt sich aber allein nicht richtig wiederholen
  • ich schaue beim Kurs zu (wo glücklicherweise jemand genau das selbe Problem hat wie ich!) und kann nochmal ganz in Ruhe von außen beobachten, wie das alles aussieht und höre die Theorie dahinter nochmal in Ruhe erklärt.
  • ich fahre nach hause und versuche, das mit Duncan nach zu reiten. Es hakt noch, aber ich ahne dass es besser wird. Manche Kurven gelingen, manche nicht.
  • nach 3 Tagen Wiederholung denke ich, Duncan wird keine Lust mehr haben. Aber Duncan zieht mich förmlich zum Reiplatz. Und ich lerne gleich noch etwas neues über mein Pony. Er macht das, was Finlay immer gemacht hat: mir zeigen, wenn er etwas verstanden hat!
  • Mit der Garrocha in der Hand biegt er plötzlich wunderbar rechts ab – Zufall? Einfluss der Gearrocha auf ihn oder mich? Oder klappt es wirklich?
  • Wir testen es am nächsten Tag ohne Garrocha und ich stelle fest: ja, wir können es jetzt wirklich!!
  • Wir sind beide stolz wie Oskar und freuen uns über unsere schönen Rechtskurven im Schritt genauso wie wir uns über einen fliegenden Wechsel freuen würden. Die Reiteinheit endet nach 5 min weil ich nicht riskieren will das etwas schlechter wird.
  • jetzt kommt die spannende Zeit: wird der Erfolg dauerhaft sein und können wir jetzt (fast) immer schön rechts abbiegen? Zumindest wissen wir jetzt beide wie es geht. Wenn wir es uns noch ein paar mal neu erarbeiten müssen, kennen wir den Weg und lassen uns nicht verunsichern.

Von den ersten Versuchen bis jetzt sind übrigens viele Monate ins Land gegangen…. Ihr denkt, das ist ein weiter Weg für eine einfache Rechtskurve? Oder seit Ihr schon länger dabei und wisst, dass das für Reiter mit einem gewissen Anspruch völlig normal ist?

Klar: hätte ich das gleich besser gewusst, wären wir schneller da hin gekommen. Andererseits: ich reite seit über 30 Jahren. Auch rechts rum – wirklich! Da muss erst ein kleiner Duncan kommen und mir erklären, wie schwer das sein kann, damit ich noch eine neue Dimension entdecke. Diese neue Dimension zu kennen und in der Lage sein sie zu fühlen wird wiederum allen anderen Pferden helfen, mit denen ich zu tun habe. Denn je besser ich selbst etwas fühle, desto besser kann ich es Pferd und Reiter vermitteln.

Dem Lernprozess zu vertrauen kann nervenzerfetzend sein. Es kann uns Geduld abverlangen – mit uns selbst oder dem Pferd. Und sicher werden wir das eine oder andere Mal zu lange vertrauen, dass der Weg den wir da beschreiten, schon zum Ziel führen wird – bis wir merken, dass wir doch wirklich auf der Stelle treten. Wie kann man nun unterscheiden, ob man auf der Stelle tritt oder nur auf einem langen Plateau unterwegs zur nächsten hohen Stufe ist? Ich weiß es auch nicht. Wenn ich mir unsicher bin, frage ich jemanden um Rat und das ist eigentlich auch der einzige Rat, den ich Euch geben kann.

Und weil ich da nun gerade so schön dabei bin mache ich heute kurz Werbung für mich selbst (obwohl ich das hasse). Ich gebe nämlich jetzt auch online-Unterricht. Wer also zu weit weg ist und mich nicht persönlich sehen kann, aber Bock auf Lernen hat, kann sich gern bei mir melden, am besten per Whatsapp an 0160-8462350 oder mail an lioba@orbis-alia.de dann besprechen wir alles weitere.

Trotz aller Hindernisse und Anstrengungen finde ich nämlich, eins steht wohl fest: Lernen macht Spaß. Mensch und Pferd und zu sehen wie stolz beide sind, wenn etwas plötzlich klappt, macht meinen Job zum schönsten Job der Welt. Ob es dabei um eine Rechtskurve im Schritt oder etwas spaktakuläreres geht, ist völlig egal.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 381

Angeblich bin ich ja diesen Sommer etwas zu rund um die Mitte. Tsssss, mein Mädchen hat wirklich keine Ahnung! Wir Ponys sind nur einfach schlau: wir fressen uns im Sommer fett, damit wir im Winter nicht verhungern! Aber mein Mädchen sagt, sie verspricht uns hoch und heilig, dass sie uns nicht verhungern lässt und dafür müssen wir bitte auch im Sommer schlank bleiben. Wer zu fett ist, wird nämlich krank. Und das will ja keiner! Also was ist angesagt: Sport.

Dazu gehen wir jetzt wieder auf unseren „Sommerreitplatz“. Haben wir geübt, können wir beide jetzt auch wieder allein. Ich kriege meine Fliegenrüstung an, damit ich nicht wieder losflitze wegen der Viecher.

Und dann heißt es: Fitness! Nur, mein Mädchen ist ja so gar nicht fit. Und weil ich nicht so enge Kreise laufen soll und sie lieber etwas näher bei mir dran sein will (angeblich fange ich sonst heimlich an, Gras zu fressen während der Arbeit. Was für eine Unterstellung! Ich fülle doch nur auf, was ich verbrauche! Aber nein, nicht erlaubt) – also weil sie lieber näher dran sein will, rennt sie mit. Bergauf, bergab. Im Trab macht sie Intervalltraining: sie trabt ein Stück, dann geht sie Schritt während ich einen Kreis oder auch nur einen halben oder viertel Kreis um sie herum trabe, dann traben wir wieder zusammen ein Stück geradeaus. Das hält sie relativ lange durch. Ich muss immer ein bisschen lachen, wenn sie dann keucht und schwitzt und meint, wir würden etwas für MEINE Fitness tun! Sie ist wirklich lustig!

Dann ging es ans galoppieren. Und das kann ich nicht so gut im kleinen Kreis. Also hat sie gesagt, ich soll so lange durchgaloppieren, wie sie es schafft, mit zu rennen. Das ist ehrlich gesagt nicht so furchtbar lang. Aber sie hat behauptet, wenn sie das übt, wird es länger. Ich sagte schon: sie ist lustig!

Ich hab jedenfalls alles richtig gemacht. Und ich habe fest gestellt, dass es mir gefällt, wenn sie mit rennt. Erstens bin ich dann nicht der einzige, der Sport macht, und zweitens hält sie dann ihre Klappe und sabbelt mich nicht voll. Das mag ich nämlich nicht so irrsing gern, aber es ist schwer, ihr das abzugewöhnen. Merlin hat ihr 22 Jahre lang beigebacht, dass er gern angefeuert wird. Jetzt muss ich ihr beibringen, dass ich das nicht mag. Naja, ich arbeite daran und wie gesagt: mitrennen lassen löst das Problem sehr effektiv!

Als sie dann ordentlich am schwitzen und keuchen war, hat sie mich los gemacht und ich durfte noch etwas grasen, während sie schnell ein Jakobs-Kreuzkraut ausgerissen hat, das sie in der Wiese gesichtet hatte.

Dann war Feierabend und wir waren beide sehr zufrieden mit uns. Was mir an der Sache am allerbesten gefällt: nachdem es so schön geregnet hat, ist die Wiese wieder grün, so dass ich wenigstens was naschen kann in den Sport-Pausen!

Das hab ich mir verdient! (Weil ich mein Mädchen so schön trainiert habe)

Euer sportlicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 380

Erinnert ihr euch noch, wie mein Mädchen und ich vor ein paar Wochen mal allein ausreiten wollten? Das wurde ja dann nix, wegen der großen Trecker, die da Heulage gemacht haben. Und dann war immer irgendwie nicht der richtige Zeitpunkt. Aber gestern abend war es dann so weit! Wir sind zusammen zu Fuß vom Hof gegangen – ach, da hab ich mich doll gefreut! Wo wir doch so wenig ausreiten sind im Moment, weil es so warm ist und weil mein Spaziergehkumpel gerade nicht mit mir los kann (aber in zwei Wochen starten wir hoffentlich wieder!). Also bin ich zügig los marschiert. Meter machen! Aber mein Mädchen hat gesagt, wenn wir zwei allein los gehen, machen wir nicht einfach nur Meter. Wir üben draußen das, was wir auf dem Reitplatz auch üben: ich soll gaaaaaaaanz laaaaaangsam gehen, gut aufpassen, was sie macht. Aber wenn ich das gut mache, dann machen wir für eine Weile Meter. Bis wir dann ein bisschen seitwärts üben. Dann wieder Meter machen. Auf die Art sind wir bis fast zum Baum gelaufen. Dort durfte ich grasen, das ist ja wieder so lecker, jetzt wo es so schön geregnet hat!

Danach ist mein Mädchen auf meinen Rücken gehüpft und es ging nach hause. Und ich gestehe: diese ganze Verantwortung, die ich trage, wenn sie da oben sitzt, das ist schon viel! Das macht mich doch dezent nervös, wenn da so gar kein anderer dabei ist (egal ob Mensch oder Pferd). Da wollte ich doch lieber zügig nach hause! Aber wir haben stattdessen von oben auch noch seitwärts gehen geübt und anhalten und rückwärts. Ging auch ganz gut.

Als wir dann zu hause waren, meinte mein Mädchen, wir gehen noch an der Hofauffahrt vorbei ein Stück in die andere Richtung. Ganz überzeugt war ich davon nicht, aber ich hab es gemacht. 20m weiter ist sie abgestiegen und hat mich nach hause geführt. Sie hat gesagt, wir beide haben das gut gemacht und waren gerade so weit außerhalb unserer Komfortzone dass sie hofft, dass das jetzt schnell leichter wird, wenn wir das so wiederholen. Sie meinte, so richtig meine Meinung dazu würde sie dann wohl beim nächsten Versuch erfahren, aber so wie sie mich kennt, würde ich das dann bestimmt schon viel entspannter hinkriegen.

Ich persönlich finde jedenfalls, ich habe das gut hingekriegt – immerhin sind wir unterwegs nicht vom Huchmampf verspeist worden und das ist für uns Ponys ja doch immer das wichtigste!

Fotos gibt es nicht, wir waren viel zu konzentriert, mein Mädchen und ich. Aber ich bin sicher, ihr könnt euch das vorstellen!

Euer alleinreisender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 379

Gestern hatte mein Mädchen Geburtstag! Und wenn man Geburtstag hat, bekommt man Geschenke. Und mein Mädchen bekommt IMMER Geschenke, die mit uns Ponys zu tun haben. Aber der Reihe nach.

Erst mal ist gratulieren dran. Mein Freund, der schöne Spanier, der uns schon ein paar mal besucht hat, hat sich ganz was lustiges überlegt, um meinem Mädchen zu gratulieren, schaut mal:

Der schöne Spanier hat einen tollen Geburtstags- Gruß geschickt!

Übrigens hat mein Mädchen mir erzählt, dass wir bald mit ihm zum ausreiten verabredet sind! Das ist soooo spannend, da freue ich mich jetzt schon drauf!

Naja, zurück zum Thema. Nachdem der Spanier also so vorgelegt hatte, hab ich schnell überlegt, was ich meinem Mädchen schenken könnte zu ihrem Ehrentag. Und die Gelegenheit kam ganz von selbst! Es war nämlich sehr heiß und deswegen waren wir tagsüber nicht auf dem Reitplatz sondern sind lieber in der Halle ein bisschen wippen gegangen. Und da hab ich mir gedacht: zum Geburtstag schenke ich meinem Mädchen zwei neue Ideen, wie ich die Wippe noch benutzen könnte.

Ich könnte rückwärts auf die Wippe drauf gehen, was hältst du davon, mein Mädchen?

Guck, Mädchen, ich könnte doch mal rückwärts auf die Wippe gehen!

Und ich könnte auf der Wippe mal das machen, was wir auf dem Steg immer üben: Quer drauf gehen, dann die Vorderhufe vorne runter nehmen und dann rückwärts die Vorderhufe wieder drauf! Ich gebe zu: das ist eine echte Herausforderung! Mein Mädchen sagt, sie hätte sich niemals getraut, mir das vorzuschlagen. Deswegen war es ja auch ein Geschenk von mir, dass ich das von selbst versucht – und geschafft! – habe. Sie war seeeeeehr beeindruckt davon, wie gut ich meine vier Füße im Griff habe und wie toll meine Balance ist. Ich bin eben der Beste!

Nachdem ich ihr spontan gezeigt hatte, dass ich das kann, hat mein Mädchen mich gefragt, ob ich es vielleicht für die Kamera wiederholen kann. Klar kann ich!

Vom Mann hat sie ein komisches Geschenk bekommen: eine 3 Meter lange, runde Holzstange! Sieht aus wie ein überdimensionierter Besenstiel, ist aber was ganz anderes! Diego kannte das schon. Das nimmt der Reiter in die Hand und dann können Reiter und Pferd allerhand spektakuläre Dinge damit tun. Garrocha heißt das komische Teil.

Aber wie es immer so ist: vor den spektakulären Dingen (für die man mal wieder jahrelang üben muss, bis man sie kann), kommt die Basis. Und die Basis für mich ist, dass ich mich nicht fürchten soll, vor dem Ding.

Also im Grunde graut´s mir ja vor nix, aber manchmal sind Dinge schon etwas erschreckend. Auffliegende Vögel zum Beispiel. Oder Autobahnbrücken. Jeder hat eben seine Schwächen! Das gute an der Garrocha ist: ich kann sie mir in Ruhe anschauen. Und mein Mädchen ist dann immer so froh, dass wir Diego haben, der macht mir einfach erst mal vor wie das geht, ich schau mir das an und dann hab ich es theoretisch schon voll drauf bevor es an die Praxis geht.

Ich soll still stehen. Ey, du hat mich angestoßen!

Dann hat mein Mädchen mich geführt und die Garrocha neben sich her gezogen. Dabei hat sie gesungen

Ich gehe mit meiner Garrocha
und meine Garrocha mit mir
und auf der anderen Seite
da geht das wi-hi-lde Tier.

Naja, wenn sie so einen Quatsch singt, kann ich mich wirklich nicht mehr fürchten. Also ist sie dann auch gleich aufgestiegen und hat die Garrocha von oben neben sich her gezogen. Ich war einen Hauch verunsichert, aber nur einen Hauch. Sie hat mir gut zugeredet und fand, dass ich ganz toll mit meiner Verunsicherung umgegangen bin und fein mit ihr kommuniziert habe.

Ganz schön laut, diese Garrocha! Später können wir spektakuläre Dinge damit tun, hat mein Mädchen versprochen!

Zack! Mädchen stolz und glücklich. Schnell Feierabend machen und ab geht´s auf die Weide. Geburtstag vorbei! Und wisst ihr, wer als nächstes Geburtstag hat? ICH! Mal sehen was es da schönes gibt. Auf jeden Fall Möhrenparty für mich und meine Freunde!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. Wenn ihr meinem Mädchen ein Geburtstags-Geschenk machen wollt, seid bitte so lieb und spendet einen kleinen Obulus für meine Freunde weiter im Osten, die noch wirklich hart arbeiten müssen für ihr Futter und nicht so ein Luxus-Leben führen können wie ich. Die guten Menschen von Equiwent helfen dort nicht nur den Pferden, sondern auch den Menschen, ein besseres Leben führen zu können. Danke!

Von allem das Beste

Reitweisen und überhaupt Ausbildungsweisen für Pferde gibt es viele. Was war die Welt zu meiner Anfängerzeit noch überschaubar! Da konnte man Dressur oder Springen reiten (wobei ich keine Springreiter kannte, die nicht auch Dressur geritten sind). Die Exoten ritten Western und die Islandpferdereiter waren eh nur im Gelände unterwegs.

Ja, wahrscheinlich gab es auch damals schon mehr Möglichkeiten, aber das war so das, was in meinem Wahrnehmungskreis war. Dann kam das Internet. Dadurch kommen wir heute auch in Deutschland mehr in Kontakt mit Reitweisen aus anderen Ländern und jeder, der sich berufen fühlt, kann seine eigene Ausbildungsmethode entwickeln und entsprechend vermarkten.

Dennoch sehe ich in meinem Dunstkreis meist die selben Einflüsse: wer „Dressur“ reitet, bezeichnet sich gern als „klassisch“ oder „akademisch“, da ist von „Reitkunst“ die Rede und „alten Meistern“. Mancher reitet auch „vertikal“ und die anderen halten sich an die FN (und bezeichnen das als „klassisch“, schließlich ist der Begriff nicht fest definiert) oder man spricht von „Lérgèreté“. Da gibt es die, die strikt einem Meister (selten einer Meisterin) folgen, die sehe ich aber meistens nicht in meinem Unterricht, da ich ja kein bestimmtes System verfolge. Und dann gibt es die, die „sich von allem das Beste raus suchen“.

Ich hab diesen Satz nun schon so oft gehört und ich kann einfach nicht aufhören, mich darüber zu wundern. Für mich klingt es so, als würde man beim Kochen 3 oder 4 Rezepte nehmen, sich dann „von allem das Beste“ raussuchen und erwarten, dass ein leckeres Gericht dabei heraus kommt. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich meine Erdbeeren nicht so gern mit Käse überbacken esse – aber es gibt ja Leute, die sich Nudeln auf Pizza legen…

Wenn es gut läuft, hat so ein Ausbildungssystem bestimmte Schritte, die aufeinander aufbauen. In einem System lernt das Pferd, dem losen Zügel zu folgen. Im anderen wird mit Zügelkontakt geritten. In einem System geht es zunächst vorwärts-abwärts, im anderen gleich aufwärts. Manche reiten zunächst in flottem Tempo frisch voran, andere beginnen langsam und kleinschrittig mit der Arbeit in der Balance. Das kann man alles gut oder schlecht finden, aber mixen kann man es nicht, denn man kann nunmal nicht gleichzeitig langsam und schnell reiten. Und wie ein Schüler, der ein System natürlich noch gar nicht ganz durchdrungen hat, weiß, was „das Beste“ an einem System ist, erschließt sich mir auch nicht.

Jaja, ich weiß, so ist diese Aussage nicht gemeint. Aber allzu oft habe ich gesehen, dass es genau darin endet: man versucht, in allem die Mitte zu finden und reitet dann so mittelschnell mit mittelhoher Kopfposition und mittlerem Zügelkontakt. Weil man nicht so genau weiß, was man nun eigentlich erreichen möchte, wabert man gemeinsam mit dem Pferd so mittelprächtig durch die Gegend und kommt nicht weiter in der Ausbildung.

Auf der anderen Seite stehen die, die ein System für sich und ihr Pferd gefunden haben und jetzt glauben, zu wissen, was allein seligmachend ist. Und weil das gewählte Konzept für diesen Menschen und dieses Pferd gut passt, muss es schließlich auch für alle anderen passen (Spoiler: nein).

Letztendlich haben die meisten Systeme eines gemeinsam: sie wurden geschaffen, um ein Pferd „tauglich“ zu machen als Reitpferd. Je nach Aufgabenstellung ging es darum, dass ein Pferd lernt z.B., Kühe zu hüten, große Distanzen in möglichst kurzer Zeit zurück zu legen, mit der Kavallerie in den Krieg zu ziehen, den Reiter durch einen Stierkampf zu tragen oder im Kampf „Mann gegen Mann“ aus dem Mann einen Reiter zu machen. Für jeden dieser Einsatzzwecke hat man sich nicht nur die entsprechenden Pferde gezüchtet, sondern sich auch passende Ausbildungssysteme überlegt, die – da die Aufgaben unterschiedlich sind – natürlich unterschiedlich ausfallen.

Erst seit ein paar Jahrzehnten geht es um etwas anderes. Erst seit Reiten zur Freizeitbeschäftigung wurde, geht es uns darum, Pferde gesund zu halten, ihnen Spaß an der Arbeit zu vermitteln, vielleicht ein paar Schleifen zu gewinnen oder gemeinsam Abenteuer zu erleben. Wir wollen einen glücklichen Freizeitpartner, der uns lange erhalten bleibt und viele sind bereit, darin zu investieren. Außerdem wollen wir natürlich Spaß haben bei was auch immer wir mit unseren Pferden tun.

Und hier kommt der Punkt, den ich nicht verstehe: anstatt Systeme zu mixen, die nicht mixbar sind, weil sie sich einfach widersprechen, könnten wir doch schauen, welche Trainings-Elemente dem Pferd helfen können, genau das zu werden: ein glücklicher, motivierter und gesunder Freizeitpartner.

So ist mein Plan mit Duncan: beim reiten auf dem Platz verfolge ich das Ziel der Balance und Versammlung. Wir arbeiten langsam, konzentriert, dafür kurz. Das ist „Pony-Yoga“. Im Gelände geht es dagegen darum, voran zu kommen. Wir arbeiten an der Schubkraft (ich höre wie die Anhänger der Reitkunst Schnappatmung bekommen), daran, wie Duncan effektiv vorwärts kommt. Wir machen Konditionstraining und wir suchen uns immer wieder Herausforderungen in Form von Bergen oder unebenem Boden. Außerdem trainieren wir natürlich den Kopf: Außenreize verarbeiten und über lange Zeit ein gewisses Konzentrationslevel halten. Dabei ist Duncan mit seiner Aufmerksamkeit viel mehr im Außen und ich bin oft nur der Beifahrer, der die Karte liest und alles mit im Blick behält. Die eigentliche Arbeit macht mein Pony.

Um mich gut tragen zu können, braucht Duncan vor allem Rumpfstabilität. Die kann er nicht nur beim Pony-Yoga, sondern wunderbar auch auf der Wippe trainieren, auf der Matratze und beim rauf- und runtersteigen auf den Steg.

Weil ich ihn noch nicht so oft und lang reiten mag, machen wir zusätzlich Longentraining, am Hang oder über Stangen um es etwas spannender und effektiver zu machen. Dabei versuchen wir, ein Tempo und eine „Laufart“ zu finden, die es ihm ermöglicht, auf großen Bögen noch gut klar zu kommen – schneller als in Versammlung, aber langsamer als im Gelände. Weder Duncan noch ich sind große Fans vom Longieren, also kann es sein, dass wir das alles später geritten machen (dann eher im Geländer oder auf dem großen Sommerreitplatz), aber im Moment kann er mich noch nicht so oft so lang tragen, der Körper muss noch viel Zeit zum regenerieren zwischen den Reiteinheiten haben (in dieser Zeit aber natürlich trotzdem anderweitig trainiert werden).

Nachdem ich gesehen habe, wie wunderbar man Pferde auch vor der Kutsche trainieren kann (wenn man denn weiß, was man tut), wird das wohl auch eines Tages dazu gehören als Ergänzung.

Ich nehme mein Kochbuch und koche heute das eine Gericht und morgen das andere, so wird meine Ernährung ausgewogen. Oder ein Menü: Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch. Auch das geht gut. Aber Erdbeeren mit Käse zu überbacken wäre mir zuwider und für jede unserer Aufgaben soll mein Pony wissen, wie die Spielregeln sind. Yoga, Marathon, Geschicklichkeit, Kraft. Soll er zuhören und genau das tun was ich ihm sage? Oder stelle ich nur die Aufgabe und er knobelt selbst aus wie er es am besten hinkriegt? Wollen wir vorankommen oder jeden Fuß einzeln setzen? Wenn er weiß, welches Spiel wir heute spielen, kennt er die entsprechenden Regeln, die hab ich ihm schließlich erklärt. Und natürlich unterscheidet er – anhand von Equipment, Arbeitsort und meinen Anweisungen – ganz leicht, welches Spiel welches ist.

Nur eins ist all diesen Trainingsideen gemeinsam: sie dienen dazu, mein Pony mental und körperlich fit zu machen für unsere gemeinsamen Abenteuer. Vielleicht ist das ja „von allem das Beste“. Allerdings niemals gleichzeitig, sondern nacheinander. Quasi an einem Tag Erdbeeren und am nächsten dann der Käse.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 378

Mein Mädchen meinte, es soll heute schön kühl sein, da können wir weiter weg fahren und eine schöne 12km-Tour machen.

Dann sagte aber die Wetter-App, dass es sehr windig werden soll und zwar immer windiger, je weiter der Tag fort schreitet. Also hat sie überlegt, lieber doch nicht so weit weg zu fahren, sondern nur ein kurzes Stück und dann eine 9km- Runde zu reiten.

Morgens, als wir dann los wollten, war das Wetter schon ganz schön wild. Es war nicht nur windig, es hat auch immer mal wieder plötzlich geschüttet! Also hat mein Mädchen sich nochmal umentschieden und statt der 9km nur 7km geplant. Aber das wollten wir uns jetzt doch nicht nehmen lassen!

Also ab in die Wackelkiste und ein kleines Stück fahren. Zum Satteln hat mein Mädchen mich an der Wackelkiste angebunden. Dann fing es an zu regnen, und damit es nicht in die Wackelkiste rein regnet, während wir ausreiten gehen, hat mein Mädchen schnell die Plane runter gemacht. Hui, da hab ich mich erschreckt! Bin ein bisschen in die Knie gegangen und hab einen kleinen Hüpfer gemacht. Mein Mädchen hat dann den Mann gefragt, ob man wohl was dagegen tun könnte, dass ich mich so erschrecke und Hüpfer mache. Der Mann hat nur ganz trocken gesagt: „du willst dass er sich beim Erschrecken zurückschmeißt, Spannung auf den Strick kommt, er in Panik gerät und sich los reißt?“ Da wusste mein Mädchen, dass er Mann findet, dass ich das alles wirklich toll mache und dass ich selbst beim Erschrecken noch weiß, dass ich angebunden bin und wo ich hin springen kann. Und jetzt sag ich euch was: so ein (wenn auch verstecktes) Lob vom Mann ist ganz was seltenes und besonderes, da war ich schon mal mächtig stolz auf mich!

Dann ging es los. Diego und ich waren gut drauf und hatten Lust, zu traben. Und mein Mädchen war von Mut gebeutelt und hat beschlossen, dass heute DER Tag ist. Ich hör sie sagen „aaaaaachtung… und hopp!“. Nein, nein, denke ich mir, das meint sie nicht so. Aber dann ist Diego vor mir angaloppiert und mein Mädchen hat nichts anderes gesagt und also bin ich auch angaloppiert und siehe da: es war erlaubt! Erst war ich noch etwas zögerlich, weil ich das ja noch nicht so oft gemacht hab mit meinem Mädchen auf dem Rücken und wir beide nicht so sicher waren. Aber dann bin ich rein gekommen in das Galopp-Gefühl und etwas flotter geworden. Mein Mädchen hatte dann doch ein bisschen Bange und hat zwischendurch gecheckt, ob die Bremse wohl noch funktionieren würde. Ja, klar. Dann sind wir noch etwas weiter galoppiert und schließlich fand mein Mädchen, es sei Zeit, durchzuparieren. Hab ich auch prompt und brav gemacht und einen Keks dafür bekommen.

So, jetzt waren Diego und ich aber wach! Wir sind dann noch ganz viel getrabt und ich hab meinen Turbotrab geübt, den ich jetzt immer besser kann! Diego immer vorne weg, ich hinten dran. Diego stört sich ja an nix, der trabt auch völlig ungerührt an der Rinderkoppel vorbei. Ich kann das normalerweise auch ganz gut aber ehrlich: da stand der größte Bulle der Welt direkt hinterm Zaun und hat mich so angeschaut! Da wusste ich jetzt auch nicht so recht. Mein Mädchen hat mir gut zugeredet, aber sie fand den auch etwas gruselig. Diese Zäunchen sehen neben Bullen auch immer nur wie Spielzeug aus…

Schließlich haben wir durchpariert und sind im Schritt mit Abstand da vorbei gegangen. Diego ist derweil vorne weiter getrabt und mein Mädchen dachte schon, ich würde jetzt Gas geben um schnell aufzuholen, aber das hab ich nicht gemacht! Ich bin einfach schön weiter getrabt. Weil ich doch so ein Guter bin und schon weiß, was sich gehört!

Alsbald ratzfatz waren wir wieder an der Wackelkiste. Die musste noch gewendet werden und da hatte mein Mädchen mal wieder Lust zu üben. Der Mann hatte sich eigentlich schon gefreut, dass er sie wieder retten kann und ihr Held ist, aber mit etwas Hilfe und ein paar Hinweisen hat mein Mädchen das doch tatsächlich in angemessener Zeit allein geschafft! Und da wusste ich dann gar nicht, ob der Mann eigentlich enttäuscht ist (wegen der verpassen Heldentat) oder stolz auf seine Frau. Mir war es einerlei, denn während mein Mädchen gewendet hat, durften wir Ponys grasen. Dann rein in die Wackelkiste und es ging nach hause. Kaum zu hause ausgestiegen, fing es an zu stürmen und zu schütten! Wir sind schnell in den Stall gesaust und haben uns dort unsere Schuhe ausziehen lassen und der Mann hat gesagt, mein Mädchen hätte das perfekt getimt und geplant mit dem Ausritt. Alle hoch zufrieden und ich freu mich jetzt schon auf den nächsten Galopp – juhuuu!

Euer galoppierender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 377

Es hat endlich geregnet! Nicht so wahnsinnig viel, aber mein Mädchen meint, für die Weide war das schon ganz gut und der Reitplatz staubt jetzt auch nicht mehr so.

Ich habe den Tag genutzt um mir eine Hautpflege-Maske anzulegen. Das geht so: erst schön nass regnen lassen, dann in die Halle gehen und im Sand panieren. Anschließend dem Mädchen zeigen, wie hübsch man sich gemacht hat und sich anhören, man sei eben doch schon ein echter Schimmel. (Pah! Alles Vorurteile! Andersfarbige Ponys machen sich genauso hübsch und überhaupt ist nur ein dreckiges Pony ein glückliches Pony und ich bin eben sehr glücklich!)

Schön paniert.
Soooo ein glückliches Pony bin ich!

Geputzt hat sie mich aber nicht, weil wir heute einfach nur wippen gegangen sind. Dazu brauche ich ja kein Equipment, also kann ich so sandig sein wie ich will.

Ich hab fleißig gewippt, so herum und anders herum, bin über den Steg gelaufen, vorwärts runter, rückwärts hoch, über die Matratze und hab schon wieder permanent alles richtig gemacht, weil ich so ein Guter bin. Die Keksrate ist beim wippen ja immer exzellent, das gefällt mir.

Morgen hoffen wir, ausreiten zu können, es soll ja schön kühl sein, da würde sich ein ausgiebiger Ausflug anbieten. Allerdings soll es auch sehr windig werden, hoffentlich wird es nicht zu doll! Wobei – ich bin ja etwas schwerer als vor der Weidesaison, so schnell wehe ich schon nicht weg… und mein Mädchen muss sich dann halt gut festhalten!

Also Daumen drücken, dass wir schön raus können!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit der gepflegten Haut