Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 55

Darf ich vorstellen: das Knatterpferd. Ich glaube zumindest dass es eine Art Pferd ist, denn wie ihr seht, zieht es einen Wagen und mein Mädchen reitet darauf. In den Wagen schmeißt sie die Äppel. Manchmal darf das Pferd auch grasen, dann muss es keinen Wagen ziehen, aber mein Mädchen sitzt trotzdem drauf. Das Knatterpferd grast sehr schnell und läuft dabei in einer Tour über die Weide. Und dann ist die ganz abgegrast! Ich bin immer etwas schockiert, was das Tier so an Futter vernichtet. Selbst wenn wir Ponys auf einem Weidestück nichts Gutes mehr finden, frisst es noch die letzten Reste weg und scheut dabei nicht vor den ekligen Sachen zurück.

Bis vor kurzem war ich nicht ganz überzeugt davon, dass ein dermaßen hungriges Tier nicht vielleicht doch mal einen kleinen Ritter wie mich verspeisen möchte. Wenn es so von hinten angerannt kommt, werde ich doch noch manchmal etwas unruhig. Mein Schottenkumpel Gatsby ist sich da auch manchmal nicht ganz sicher. Die anderen Ponys sagen, das Knatterpferd ist Vegetarier und frisst keine Ponys.

Neulich habe ich dann die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und mir das Ding mal näher angeschaut. Mein Mädchen war sehr angetan davon dass ich das gemacht habe.

Und heute bin ich sogar liegen gebleiben als sie mit dem Knatterpferd vorbeigeritten ist. Daraufhin ist mein Mädchen abgestiegen und hat mir einen Keks gegeben. Ich war soooooo müde (weil ich heute Nacht so viel Gras gegessen habe) dass ich kaum den Keks kauen konnte. Aber war trotzdem nett von ihr.

Vielleicht werden das Knatterpferd und ich doch noch Freunde werden – wenn es nicht immer so viel Gras wegfuttert!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Ein Missverständnis

Duncan steht auf den Hinterbeinen vor mir, seine Vorderhufe treffen mich am Arm. Autsch!
„Der will doch nur spielen“ könnte man mit Fug und Recht sagen. Leider hat er da was falsch verstanden. Zum Glück haut er nicht wirklich zu, sondern wedelt nur ein bisschen mit dem Vorderhufen, so dass mir nichts passiert.

In meinem Buch gibt es eine ähnliche Szene mit Finlay – allerdings nur ähnlich, nicht gleich. Finlay war damals 9 Monate alt. Er stand noch mit seiner Mutter in der Herde aber wir haben immer mal ein paar Minuten Bodenarbeit auf dem Platz gemacht. An diesem Tag war er etwas wild gewesen.

Auszug aus meinem (immer noch unveröffentlichten) Buch:
9 Monate alt (noch bei der Züchterin)
Heute kann ich Finn alleine auf den Reitplatz holen, da es eine Schleuse zwischen Koppel und Offenstall gibt, durch die ich ihn gefahrlos aus der Gruppe holen kann. Er ist wieder unaufgefordert zu mir gekommen, allerdings mit wenig Elan in gemachem Schritt nach Überlegungszeit. Ob dies an der allgemeinen Ruhe in der Herde liegt oder daran dass wir in letzter Zeit ein paar Diskussionen darüber hatten, ob man mich beißen darf oder nicht (siehe dazu das Kapitel „Ponyspiele und Menschenspiele“), kann ich nicht einschätzen.
Schon auf dem Weg zum Reitplatz ist er dann sehr aufgedreht und versucht mich zu überholen und anzutraben. Ich schwinge das Seil vor ihm um ihn zu bremsen, was auch funktionierte, jedoch teilweise dazu führt, dass er mich mit Kopf und Schulter von meinem Weg abbringen will.
Auf dem Platz machen wir einfache Führübungen, heute auch mal mit ein paar Schritten rückwärts von der Seite aus, was er schnell versteht. Er ist ungeduldig und schrecklich nervig, versucht
permanent, mich zu beißen oder zu traben oder mich mit Kopf und Schulter weg zu schubsen. Ich habe das Gefühl, ein Pulverfass am Strick zu haben und rechne jederzeit damit, dass er steigt.
Ich übe Hinterhand weichen – eine Übung die er gut kennt und auch sofort macht. Jedoch geht er nach jedem Weichen einen Schritt auf mich zu (obwohl ich ja schon auf seiner Kopfhöhe stehe) und
versucht, mich wegzuschieben. Ich hebe den Arm auf seiner Kopfhöhe und halte ihn oben, um seine beißenden Zähne von mir wegzuhalten und ihm mehr Begrenzung zu geben.
Zum ersten Mal habe ich das deutliche Gefühl, dass er bewusst die Übung nicht so ausführt wie ich es will. Das Wort Machtkampf zu verwenden wäre vielleicht übertrieben, es ist wohl eher ein Spiel,
jedoch ein rüdes Spiel in dem es sehr viel deutlicher ums Gewinnen geht als sonst. Der Hengst in ihm scheint zu erwachen. Ich wiederhole das Hinterhandweichen jeweils so oft, bis er es
einmal ohne den Schritt nach vorne schafft, dann gibt es eine Pause und viel Lob, danach versuchen wir es nochmal. Ich möchte, dass es im ersten Versuch richtig gelingt und auf diese Art kann ich das erreichen, ohne ihn im Bewegungsablauf zu korrigieren – indem er eben erst fertig ist, wenn er es richtig gemacht hat.
Schließlich gelingt es und ich beschließe, Feierabend zu machen. Nun zeigt sich die Tücke der Arbeit auf dem Reitplatz! Ich kann ihn ja nicht einfach abhalftern, sondern muss ihn noch
zurückführen – und das mit Sitte und Anstand. Ich konzentriere mich sehr und kann ihn nur mit erhobenem Arm führen, so dass er mich nicht beißen kann. Er drängelt und schubst und ich bin so mit ihm beschäftigt, dass ich am Eingang vom Paddock vorbei laufe und dies erst einige Meter weiter merke. Ich halte an und drehe mich um, da sehe ich aus dem Augenwinkel, wie Finn hoch steigt, neben meinem Kopf wedelt ein Vorderhuf in der Luft. Ich bringe mich einen Schritt in Sicherheit und als ich mich zu ihm gedreht habe ist er auch schon wieder unten. Mit allem was ich habe – Stimme, Seil und Körperhaltung – schicke ich ihn einige Schritte flott zurück, lasse ihn stehen und er schaut mich bedripst an. Dann will er auf mich zukommen, jedoch schicke ich ihn wieder auf seinen Platz und warte einige Sekunden. Als ich sicher bin, dass er nicht von selbst wieder kommen wird, gehe ich zu ihm, hole ihn ab und bringe ihn in den Paddock. Er wirkt eingeschüchtert und ich bin insofern beruhigt als ich das Gefühl habe, er hat den Rüffel doch
sehr ernst genommen.

Nun also Duncan. Aber zu meiner eigenen Überraschung reagiere ich anders. Ich überlege kurz, ob ich komplett ausflippe und klarstelle dass man das im Zusammensein mit Menschen niemals tut. Aber ich entscheide mich dagegen. Warum? Ich bin nicht sicher. Ich glaube, vor allem deswegen, weil er so unglaublich freundlich schaut. Er möchte wirklich und tatsächlich nur spielen und es ist überhaupt keine böse Absicht dabei. Im Gegensatz zu Finlay damals, der die Nerven verloren hat und völlig überdreht war, hat Duncan mich einfach nur falsch verstanden. Ich hatte ihn auf mich zu traben lassen während ich rückwärts lief. Das fand er sehr einladend! Und ich hatte nicht einkalkuliert, dass er noch nicht genug Übung hat im Abstand halten. Dann habe ich gestoppt und wollte dass er auch stoppt. Naja, hat er ja auch. Aber er hatte eben sehr viel Schwung, hat die Hinterhand sehr weit untergesetzt und kam vorne ein bisschen hoch. Ich habe versucht, ihn zurück zu schicken aber daraufhin kam er beim zweiten Mal erst so richtig hoch und seine wedelnden Vorderhufe kamen in Kontakt mit meinem Arm.

Als er wieder gelandet ist, schicke ich ihn ruhig ein paar Schritte zurück und wiederhole die Übung um ihm die richtige Lösung zu zeigen. Wenn ich darauf achte, das Signal zum Stopp sehr früh zu geben, klappt es gut. Wir machen kurz etwas anderes, damit ich mein Adrenalin loswerden kann, dann üben wir das folgen und anhalten nochmal intensiv im Schritt. Ich gehe rückwärts, du hältst Abstand. Wenn ich stehenbleibe, bleibst du auch stehen. Und du achtest darauf, so viel Abstand zu halten, dass noch etwas „Bremsweg“ übrig bleibt. Mehr ist es nicht. Das weiter auch im Trab zu üben kommt auf meine To-Do-Liste.

Später denke ich noch lange darüber nach. Was genau ist passiert? Ich sehe Duncan mit seinem Spaziergehkumpel spielen – dort zeigt er ganz genau das selbe Verhalten. Statt einfach zu bremsen, zieht er im Stopp die Hinterhand unter den Körper und hebt sich vorne hoch. Er steigt gern und es sieht immer leicht aus. Er schlägt nicht mit den Vorderhufen nach seinem Kumpel, er wedelt mal ein bisschen oder legt ein Bein auf seinem Körper ab aber meistens hängen seine Vorderbeine ganz entspannt. Ein junges Pferd weiß noch nicht, dass es mit den Menschen nicht so spielen und kommunizieren darf wie mit anderen Pferden. Ein junges Pferd – und hier falle ich bei Duncan manchmal rein, weil ich durch sein oft schon so erwachsenes Verhalten vergesse wie jung er noch ist – wird sich zunächst einfach so verhalten wie ein Pferd sich eben von Natur aus verhält – das kann bedeuten dass es spielerisch zwickt und uns dabei ordentlich Schmerzen zufügt, das kann bedeuten dass es uns das Fell liebevoll mit den Zähnen kraulen will und dabei unsere Kleidung oder gar unsere Haut kaputt macht und es kann eben bedeuten, dass es spielerisch steigt, bockt, austritt oder losrennt ohne zu wissen, dass diese Verhaltensweisen nicht in Ordnung sind im Umgang mit Menschen. Sie müssen es lernen – Finlay habe ich damals einen ordentlichen Rüffel erteilt, auch weil ich unbedingt vermeiden wollte, dass er das wiederholt. Bei Duncan bin ich in vielen Dingen ja sowieso viel entspannter und habe auf den Rüffel verzichtet, sondern ihm nur gezeigt, dass er Abstand halten soll. Ich glaube schon, dass er zumindest in dieser Situation und Übung verstanden hat, dass Steigen nicht erwünscht ist. Ganz grundsätzlich weiß er das vielleicht aber trotzdem noch nicht und wird es evt wieder probieren.
Ich lasse auch noch einmal revue passieren wie ich mich bewegt habe. Duncan war zu nah, hatte zu hart stoppen müssen, war dabei vorne hoch gekommen und ich habe eine Bewegung gemacht mit der ich ihn rückwärts schicken wollte. Aber jetzt wo ich so darüber nachdenke ist diese Bewegung verdächtig nah an der, die ich mache wenn Merlin steigen soll. Merlin bekommt Kekse fürs Steigen – und Duncan hat das nun schon öfter gesehen. Ja, ich hatte schon mal geschrieben dass ich mir manchmal Gedanken darüber mache wenn Duncan solche Dinge beobachtet… https://schotten-pony.com/2020/02/27/zaehmen/

In der Situation mit Finlay war das alles anders gewesen. Er war gestiegen, als ich mich von ihm weggedreht hatte. Es war die Explosion an Emotionen die er die ganze Zeit vorher schon angekündigt hatte. Heute würde ich VORHER anders reagieren und versuchen, es gar nicht erst dazu kommen zu lassen. Aber bei einem Pferd das steigt weil es seine Emotionen nicht mehr im Griff hat würde ich trotzdem genauso reagieren wie bei Finlay damals. Denn was auch immer passiert – aus Wut zu steigen ist keine angemessene Verhaltensweise für ein Pferd in der Menschenwelt. Unsere Pferde dürfen andere Wege finden mit ihrer Wut umzugehen, so wie Menschen bessere Wege finden dürfen als zu hauen. Finlay ist übrigens in der Nähe von Menschen nie wieder gestiegen, er hat nachher tatsächlich andere Ausdrucksformen gefunden für Wut.

Und während ich diese Zeilen schreibe, denke ich an den Unterschied zwischen meinen beiden Schottenponys. Die Situation zeigt einige dieser Unterschiede deutlich. Finlay war öfter mal wütend auf mich und hat es in der Pubertät geliebt, herzhaft mit mir zu streiten. Duncan ist diesbezüglich (noch?) sehr zurückhaltend. Wahrscheinlich biete ich ihm aber auch viel weniger „Angriffsfläche“ weil ich kein festes Ausbildungskonzept habe und die meiste Zeit das mit ihm tue was er am liebsten mag (nämlich die Welt erobern). Finlay war die ersten zwei Tage seines Lebens ein Flaschenkind – hat ihn das beeinflusst in seiner Beziehung zu Menschen? Ich bin überzeugt davon. Außerdem war Finlay zu dem Zeitpunkt zu dem er mir gestiegen ist, erst 9 Monate alt, während Duncan nun schon fast 2 Jahre alt ist. Und mit Finlay habe ich ganz anders gearbeitet. Im Alter von 9 Monaten heißt „wir gehen auf den Reitplatz und machen Bodenarbeit“ und all meine lange Beschreibung dazu, dass wir ca 10 Minuten miteinander verbringen. Viel länger kann so ein Zwerg sich ja gar nicht konzentrieren und soll er ja auch nicht müssen. Für Finlay war der Gang zum Reitplatz an sich ja schon eine Übung. Duncan hingegen ist bereits über 160km mit mir durchs Gelände marschiert, der hat eine ganz andere Routine. Dann kommen die Lebensumstände dazu. Wenn Duncan im Überschwang der Gefühle jemanden braucht den er mal etwas ärgern kann, stehen ihm 4 große Partner zur Verfügung und immer wieder beobachten wir, dass er einen von ihnen so lange in die Mangel nimmt, bis er eine Retourkutsche kassiert hat. Junge Pferde suchen nunmal Grenzen (genau wie junge Menschen), aber er sucht sie deutlich weniger bei mir – vielleicht weil er sie in der Herde findet. In Finlays Familiengruppe waren keine Jungs zum Spielen, da war Mama, die Tante, die Halbschwester und die ein Jahr ältere Schwester. Wirkliche Hengstspiele habe ich dort nie beobachtet und so ganz ernsthafte Grenzen setzten Mama und Tante vielleicht auch nicht unbedingt – nicht so wie Diego und Gatsby das hier bei uns tun. Vielleicht war ich an diesem Tag einmal diejenige, wo Finlay eine Grenze gesucht (und gefunden) hat.
Letztendlich kann man Ponys wohl nie miteinander vergleichen. Aber natürlich erinnert mich die Situation des Steigens an den Moment mit Finlay.

Nun weiß ich jedenfalls, was ich mehr üben werde. Zum Glück kann man das auch gut mal auf einem Spaziergang mit einbauen so dass ich Duncan nicht damit nerven muss, auf dem Reitplatz zu sein. Wenn es ihn denn nervt – ich bin nicht sicher. Arnulf hatte mich dazu angestiftet, mal ein paar Dinge auf dem Reitplatz zu probieren. Duncan hat alle gefragten Übungen einfach so gemacht, aber Begeisterung sieht anders aus. Also habe ich nach Übungen gesucht, die er witzig findet – und bin dabei wohl übers Ziel hinaus geschossen.
Es bleibt abzuwarten, ob Duncan verstanden hat, dass ich bei diesem Spiel nicht mitspielen möchte oder ob uns noch Diskussionen bevorstehen…. Jedenfalls bin ich jetzt gewarnt!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 54

Neulich hat mein Mädchen mich aus dem Stall geholt. Ich hab mich schon gefreut: ein Abenteuer! Sie kam dann mit lauter Zeug. Dann kam der Mann noch dazu und das Mädchen von meinem Spaziergehkumpel. Und dann haben sie an mir herumgefummelt und das ganze Leder an mir festgeschnallt. Ich war gaaaaaaanz geduldig. Ab und zu habe ich mir einen Keks geben lassen und ansonsten habe ich mucksmäuschenstill gestanden. Kann ich! (wenn ich will). Ich war ja sicher, dass jetzt gleich was ganz tolles passiert! Dann hat es hier nicht gepasst und da und sie haben gesagt ich sei eigentlich schon zu groß dafür (wow! Es gibt Dinge für die ich zu groß bin?) aber es würde schon gehen weil es ja nur zum Gewöhnen wäre. Ooooooh ich war so gespannt was passieren wird!

Sie haben noch viel mehr an mir fest getüddelt das hier ist nur die Hälfte!

Tja. Und dann haben sie alles wieder runter genommen und mein Mädchen wollte mich zurück bringen in den Stall. Was? Nein, mein Mädchen, da mache ich nicht mit! Ich habe alle Viere in den Boden gerammt und ihr gesagt dass ich auf keinen Fall nach hause gehe – wo war denn nun mein Abenteuer? Sie hat gelacht und gesagt, das wäre nur die Anprobe gewesen. Was? Wofür hab ich jetzt hier bitte die ganze Zeit stillgestanden? Spinnst Du? Erst ein Abenteuer versprechen und dann passiert nichts! Aber sie hat tatsächlich darauf bestanden dass ich wieder nach hause gehe! Hat gesagt, sie hätte kein Abenteuer versprochen! Boah ich war so wütend! Wenn sie das nochmal macht werde ich mich weigern nach hause zu gehen. So ja nun nicht, mein Mädchen, nicht mit mir!

Euer wütender Sir Duncan Dhu of Nakel

Wachsen

Zeit, einen Artikel für Euch zu schreiben. Versprochen ist schließlich versprochen, Donnerstags sollt Ihr etwas von mir lesen können.

Aber die Muse der Inspiration ist anscheinend im Urlaub.

Ich weiß aus Erfahrung, dass es hilft, anzufangen, auch wenn man noch nicht weiß, was man tun will. So mache ich es mit den Pferden: das Thema präsentiert sich von allein, wenn man die Augen auf hält. Und so mache ich es auch jetzt.

Ich weiß schon, was ich schreiben möchte, aber ich weiß nicht wie. Vielleicht geht es mir da genauso wie es Duncan gerade geht.

Er sieht komisch aus – vielleicht weil er Würmer hat, die Kotprobe bestätigt das. Wenn ja sollte es bald erledigt sein nach der Ekelpaste die er am Dienstag schlucken durfte (was er wieder vorbildlich gemacht hat – wir brauchen noch nicht einmal ein Halfter für so etwas). Aber vielleicht ist es auch das Wachstum. Er nähert sich dem Alter, in dem Finlay war als er hier bei uns eingezogen ist. Und ich weiß noch genau, wie Finlay manchmal aussah: die Wirbelsäule deutlich sichtbar obwohl das Pony nicht dünn ist, der Rücken etwas hochgewölbt und unten dran so ein merkwürdig birnenförmiger Bauch. Finlays Hals war zeitweise viel zu lang für den Rest, nichts passte zueinander. Wachsen ist keine einfache Sache, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Als Kind hatte ich Wachstumsschmerzen und als Jugendliche dann sowas wie „Seelenschmerzen“.

Ich erinnere mich daran, dass ich mich eines Abends bei meinem Vater beklagt habe, ich könne nicht einschlafen. Er sagte mir, es könnte gut sein, dass mir das in den nächsten Jahren öfter passiert. Die Pubertät ist eine komplizierte Zeit. Recht hatte er – ich erinnere mich mit Schrecken an meine eigene Pubertät. Ich war sehr orientierungslos, wusste so gar nicht woher und wohin und ich verstand weder mich selbst noch die Menschen um mich herum.

Viele Menschen die ich kenne schwärmen von ihrer Jugend und denken mit Freuden an die Schulzeit zurück. Ich niemals. Ich war noch nie bei einem Klassentreffen und gedenke auch nicht, jemals zu einem zu gehen. Ich bin froh, dass die Zeit vorbei ist und möchte ungern daran erinnert werden.

Auch bei Finlay war ich froh, als er aus dem Gröbsten raus war. Sein Verhalten war nie wirklich blöde, aber das Wachsen hat ihm so sehr zu schaffen gemacht. Einmal ist sein eines Hinterbein schneller gewachsen als das andere und er lief zwei Wochen quasi seitwärts! Der arme Kerl. Hoffenltich bleibt Duncan das erspart.

Seine Energie scheint jedenfalls im Moment nur ins Wachsen zu gehen. Wie lange wird das so sein? Ein paar Wochen? Oder durchgängig über Monate? Wird es eine solche Phase geben oder immer wieder welche? Keiner weiß das vorher. Hinterher sind wir dann schlauer.

Als Mensch kann ich eigentlich nur zuschauen. Es ist schwer zu sehen, ob er etwas von mir braucht, ob ich ihm irgendwie helfen kann oder ob es einfach abzuwarten gilt.

Im Paddock kommt er häufig zu mir und sucht Kontakt, auf eine Art, die wir im Freedom Based Training entwickelt haben. Das ist für mich sehr spannend, denn er möchte weder Kekse noch gekratzt werden, sondern wirklich einfach Zeit mit mir verbringen. Manchmal nimmt er mich mit an Orte an denen er sein will. Gelegentlich ist es jetzt sogar vorgekommen, dass er los geht und wenn ich nicht mitkomme, bleibt er stehen und dreht sich zu mir um nach dem Motto „los, komm mit!“ Diese Art Verhalten ist für mich neu – oder ich habe sie nie erkannt, weil ich nie danach gesucht habe. Ich bin meinen Pferden nie auf dem Paddock hinterher gelaufen um zu sehen was sie tun. Mit Duncan entdecke ich, wie interessant es sein kann, mitzuerleben, was er erlebt und sich einfach an ihn anzupassen und zu versuchen, mitzumachen bei dem was für ihn Alltag ist. Obwohl es immer nur ein paar Minuten sind, ist es doch sehr aufschlussreich.

Was sein Wachstum und daraus eventuell entstehende Probleme für unsere Abenteuer bedeuten, bleibt abzuwarten. Wird er weiterhin Lust haben, loszuziehen? Oder wird eine Zeit kommen, in der er das nicht möchte? Zum Glück kennen wir uns jetzt gut genug, dass ich das wahrscheinlich recht eindeutig erkennen werde. Ich muss dann nur entscheiden, wie ich darauf reagiere. Gehen wir gar nicht erst los, wenn er Anzeichen macht, keine Lust zu haben? Oder sage ich ihm, die Lust kommt manchmal erst unterwegs? Mindestens einmal hatten wir diese Situation ja schon: bei unserem allerersten Alleingang. Da habe ich ihn überredet, doch noch mitzukommen und es ist gut gegangen, er hatte beim nächsten Mal mehr Lust. Aber jetzt? Keine Ahnung. Noch ist es nicht passiert und vielleicht passiert es ja auch nie. Vielleicht mache ich mir auch viel zu viele Gedanken (das wäre nichts Neues).

Im letzten halben Jahr haben wir alle – Arnulf und ich und auch meine Freundin – oft vergessen, wie klein Duncan noch ist. Er wirkte immer so erwachsen, so souverän, so solide. Nur an kleinen Dingen haben wir dann immer mal wieder realisiert: stimmt, der ist noch keine zwei Jahre alt! Kein Wunder dass er das noch nicht weiß!

Wird es weiter so sein oder wird doch noch eine Zeit kommen, in der er klein und unsicher ist? Ich werde es abwarten müssen. Und mein Job wird sein, Mittel und Wege zu finden, wie ich ihn bestmöglich begleiten kann durch diese schwierige Zeit des Erwachsen-werdens und des Wachsens. Den Grat zu beschreiten zwischen Langeweile und Überforderung fühlt sich für mich an als würde ich nicht auf einem Drahtseil, sondern eher auf einem seidenen Faden balancieren wollen. Wann tut es ihm gut, wenn ich etwas fordere, ihm eine Aufgabe zu lösen gebe und wann braucht er seine Ruhe? Und woher um Gottes Willen soll ich das bloß wissen?

Ich kann schon verstehen, dass manche lieber kein ein- oder zweijähriges Pferd um sich haben wollen. Dass es einfacher sein kann, den Jungspund irgendwo unterzubringen und in Ruhe zu lassen. Aber ich möchte, dass Duncan so viel Input hat wie möglich – nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Er soll die Welt kennenlernen, in der er den Rest seines Lebens verbringen wird – mit allem, was dazu gehört. Ich glaube, ich habe mit Finlay in diesem Alter zu wenig gemacht, ihm die Welt nicht gut genug gezeigt. Er hatte zu wenig Erfahrung mit Straßenverkehr und ich hatte zu wenig Erfahrung damit, wie Angst sich bei ihm gezeigt hat und was ich dagegen tun konnte. Es war seine einzige Angst, sein einziges Problem und ich habe mich zu lange davor gedrückt, es anzugehen. Nachher hatten wir viel Arbeit damit und ich hatte eine Menge Sorge, die nicht nötig gewesen wäre wenn wir das in jungen Jahren einfach öfter gemacht hätten.

Und ich möchte diese Zeit dazu nutzen, dass Duncan und ich uns kennenlernen. Damit wir uns wirklich gut kennen und uns aufeinander verlassen können, wenn es mit den großen Abenteuern los geht. Ich habe noch nie viel davon gehalten, ein Pferd innerhalb weniger Wochen plötzlich aus der Jungpferdegruppe in einen Reitstall zu holen und zum Reitpferd zu machen. Mein Pony soll die Möglichkeit haben, in diese Dinge hineinzuwachsen im wahrsten Sinne des Wortes. Aber im Wachsen, da wird wohl seine größte Herausforderung liegen in den kommenden…. Was? Tagen? Wochen? Monaten? Jahren? Bis er fertig ist mit der Wachserei gehen noch 4 Jahre ins Land. Das ist eine verdammt lange Zeit… Tja, ich werde mich überraschen lassen müssen. Und -genauso wie bei diesem Text – einfach mal anfangen und sehen wo wir landen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 52

Manchmal serviert unser Mädchen statt Heu ein paar Brennnesseln. „Öko-Frühstück“ nennt sie das. Wir Ponys nennen es „Resteessen“. Das was wir auf der Koppel verschmähen wirft man uns dann doch noch wieder vor die Hufe.

Erst hab ich mich gewundert: mein Mädchen grast? Das sind ja ganz neue Sitten! Aber sie isst es nicht selbst.
Resteessen. Erst mal die Grashalme raus angeln!

Naja, wenn die Brennnesseln abgemäht sind, mögen wir sie ganz gern. Erst suchen wir mit spitzen Lippen die Grashalme raus die dazwischen sind. Nach einer Weile sind die Brennnesseln dann nicht mehr so brennig und dann essen wir die auch. Soll sehr gesund sein, sagt mein Mädchen. Der Mann hat ihr das mit dem Sensen nochmal genau erklärt. Sie kann es jetzt etwas besser als vorher. Das ist auch wichtig, weil der arme Merlin nämlich schon wieder zum Zahnarzt musste und diesmal sind ihm 3 Schneidezähne gezogen worden – armer Kerl. Und deswegen senst mein Mädchen ihm jetzt sein Gras, damit er nicht selbst rupfen muss. Aber bald kann er das auch wieder selbst, hat sie gesagt.

Mein Mädchen hat den alten Zauberer wirklich lieb, deswegen kaut sie ihm quasi das Essen vor. Wenn ich mal so alt bin wie er und es nötig ist macht sie das auch für mich hat sie gesagt.

Aber mich dürft Ihr auch mal kurz bemitleiden. Mein Mädchen hatte neulich wieder einen dieser Tage…. (https://schotten-pony.com/2020/04/06/aus-dem-tagebuch-des-sir-duncan-dhu-16/) und was soll ich Euch sagen: ich muss schon wieder ekelhafte Paste schlucken! Blöde Würmer. Aber mein Mädchen sagt, wenn ich groß bin wird das besser.

Klein sein ist ganz schön doof das kann ich Euch versichern! Deswegen wachse ich so schnell ich kann.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 51

Neulich bin ich mal wieder mit Diego dem Großen in die Wackelkiste gestiegen. Ich kann jetzt sogar schon ganz allein einsteigen und geduldig warten bis er fertig gebürstet ist (Ihr wisst ja, der Mann ist immer sehr ordentlich damit. Mein Mädchen…. Naja. Ich arbeite daran.)

Wir haben eine ganze Weile gewackelt und dann sind wir in einem Wald angekommen. Es war schön da! Aber schon beim Aussteigen habe ich gehört, dass es ganz doll gebrummt und gesummt hat – so viele Fliegviecher waren da! Der Mann hat Diego etwas lustiges angezogen. Und dann hatte mein Mädchen auch so was für mich! Eine besondere Sommer-Rüstung hat sie gesagt, die hält die Fliegviecher weg! Ich habe mir das ganz ruhig anziehen lassen und dann habe ich meinen Kopf gedreht und mir genau angeschaut ob es auch gut sitzt und mir steht. Das hat mein Mädchen ganz süß gefunden wie ich das untersucht habe. Sie hat gesagt, ich würde zauberhaft aussehen und dann kam auch schon ein Mensch mit Rädern vorbei und hat gesagt, es sei ja erstaunlich, Zebras in deutschen Wäldern zu sehen! Ah, erstaunlich zu sein gefällt mir, also habe ich gesagt, dass ich die Rüstung anbehalten möchte. Und tatsächlich haben die Fliegviecher uns schön in Ruhe gelassen.

Unsere super-Sommer-anti-Fliegviech- Rüstungen sehen toll aus oder?

Wir sind dann losmarschiert – ich natürlich vorneweg wie immer. Und schon war mein Mädchen wieder entzückt von mir, weil ich so neugierig und mutig bin und so gern fremdes Gelände erkunde. Ich war auch entzückt, weil sie mir so schöne Wege zeigt.

Der Mann und das Mädchen kannten sich in dem Wald auch noch nicht aus und also mussten wir zwischendurch mal auf die Karte schauen. Der Mann hat uns Ponys dann genau erklärt wo es langgeht. Das war sehr spannend! Da wir dann so genau bescheid wussten haben wir auch gut zur Wackelkiste zurück gefunden.

Der Mann hat uns gezeigt wo es zurück geht zur Wackelkiste. Ich hab genau aufgepasst!

Zwischendurch haben wir auch wieder fürs Kutsche fahren geübt, mein Mädchen ist hinter mir gelaufen und sie hat sich etwas neues überlegt: wenn sie „Keks“ sagt (das magische Wort) kommt sie nicht selbst um mir den Keks zu geben, sondern sie lässt den Mann das machen und ich soll dabei weiter gehen. Na, mir soll es recht sein, Hauptsache der Keks wird pünktlich geliefert!

Wir üben fürs Kutsche fahren. Eigentlich kann ich aber schon alles.

Es war ein großer Spaß und ich war nachher ganz zufrieden mit mir und der Welt. Und mit meinem Mädchen. Und sie war sehr zufrieden mit mir!

Euer zufriedener Sir Duncan Dhu of Nakel

Ein neuer Anfang

For english version see below

Wie am Montag versprochen, kommt heute der Neustart. Für mich symbolisch nachdem ich ein Jahr ohne Finlay überlebt habe.

Hier kommt unser Logo!

Logo made by www.jeanabernethy.com

Ich habe lang gegrübelt wie und was ich tun soll. Ich hatte die Idee, meinen Blog aktiv zu bewerben und bekannter zu machen – nur wie? Ich wollte etwas einzigartiges, unverwechselbares. Und dann habe ich den Artikel „Zehn Jahre“ geschrieben zu dem wunderbaren Cartoon von Jean Abernethy. Und ich dachte: frag doch die! Und das habe ich getan. Habe Ihr von Duncan erzählt und musste feststellen, dass sie noch nicht wusste, dass es Highlandponys überhaupt gibt! Diese Bildungslücke wurde jetzt zum Glück erfolgreich geschlossen. Sie hat sich dann von mir Duncans Charakter beschreiben lassen und selbst über die Rasse gelesen und schickte mir eine Skizze. Aber wir waren uns einig, Arnulf und ich: zu artig. Jean schrieb mir, sie könnte es auch „more comical“ machen und hier ist das Ergebnis. Und wenn Duncan jetzt manchmal so etwas verschmitzt schaut, sehe ich plötzlich genau diese Zeichnung vor mir und denke: diese Frau hat es geschafft, mit ein paar Linien den Charakter meines Ponys auf Papier zu bringen – und das ohne ihn zu kennen! Es ist unglaublich.

Es sieht übrigens komplett anders aus als in meiner Vorstellung. Komplett. Und ich habe mich damit so schwergetan. Anfangs fand ich das alles blöd, weil das Logo in meinem Kopf so anders war. Aber dann, je öfter ich es angeschaut habe, desto besser gefiel es mir und jetzt bin ich ganz verliebt darin. Und ich hoffe es gefällt Euch auch!

Es ist ein bisschen wie mit dem realen Duncan. Auch er ist in vielen Punkten erst mal so ganz anders als ich ihn mir vorgestellt hatte. Aber je mehr ich ihn kenne, desto mehr verliebe ich mich in ihn. Auch in seine Macken und Nervigkeiten. In seinen Charakter, der mehr und mehr zutage tritt.

Und so fange ich jetzt neu an. Der nächste Jahrestag kommt Ende August – Duncans zweiter Geburtstag. Und Ende September dann Jahrestag für Duncans Einzug. Und so hangel ich mich von einem Schritt zum nächsten, weil es mir Mut macht. Ob das für andere Menschen auch so geht, weiß ich nicht.

Duncan zu kaufen war jedenfalls die beste Entscheidung, die ich getroffen habe nach Finlays Tod. Ich habe so ein wunderbares Pony gefunden und er ist – so wie es für mich wichtig ist – so sehr anders als mein Finlay – äußerlich und innerlich.

Auf geht‘s nun also zu neuen Abenteuern. Und ich hoffe, Ihr begleitet uns weiterhin. Wir werden gemeinsam wachsen und reifen und keiner von uns weiß, wohin die Reise wirklich führt. Aber wir nehmen Euch mit, wenn Ihr wollt. Ich erzähle Euch über Pferdeausbildung und Gedanken die ich mir mache und Duncan wird weiterhin gelegentlich Tagebuch schreiben – denn er hat immer viel zu erzählen und auch eine Menge eigene Meinung, der furchtlose Ritter in Ausbildung.

English version

A new beginning

This is a symbolic new beginning for me after surviving one year without my beloved Pony Finlay. Here is our Logo!

Logo made by www.jeanabernethy.com

I have been pondering for a long time how and what to do. I had the idea to actively promote my blog and make it better known – but how? I wanted something unique and distinctive. And then I wrote the article „Ten years“ to the wonderful cartoon by Jean Abernethy. And I thought: just ask her! And I did. Told her about Duncan and had to realize that she didn’t know that Highlandponies even exist! Fortunately this gap in her education has now been successfully closed. She asked me to describe Duncan’s character and read about the breed herself and sent me a sketch. But we agreed, Arnulf and I: too well-behaved. Jean wrote me that she could also make it „more comical“ and here is the result. And when Duncan sometimes looks so mischievous, I suddenly see exactly this drawing in front of me and think: this woman has managed to put the character of my pony on paper with a few lines – without even knowing him! It is unbelievable.

By the way, it looks completely different than in my imagination. Completely. And I had such a hard time with it. At first I thought it was all stupid because the logo in my head was so different. But then, the more I looked at it, the more I liked it and now I’m in love with it. And I hope you like it too!
It’s a bit like the real Duncan. He too is in many respects different than I had imagined him to be. But the more I know him, the more I fall in love with him. Also with his quirks and annoying ideas. With his character, which becomes more and more apparent these days.

And so now I start over. The next anniversary comes at the end of August – Duncan’s second birthday. And at the end of September, the anniversary of Duncan coming to us. And so I think about one step to the next, because it gives me courage. I don’t know if this will work for other people, but it does for me.

In any case, buying Duncan was the best decision I made after Finlay’s death. I have found such a wonderful pony and he is – as it is important for me – so very different from my Finlay, both inside and out.

So now we are off to new adventures. And I hope you will continue to accompany us. We will grow and mature together and none of us knows where the journey really goes. But we’ll take you with us, if you want. I’ll tell you about horse training and thoughts I have and Sir Duncan will continue to write his diary from time to time – because he always has a lot to tell and also a lot of his own opinion, the fearless knight in training.

Ein Jahr

Mein wunderschöner Finlay

Heute vor einem Jahr ist mein geliebter Finlay verunglückt. Innerhalb einer Stunde war er tot. Eben waren wir noch ausreiten – und plötzlich war mein Leben zusammengebrochen. Finlay war nur 8 Jahre alt.

Ich würde Euch gern schreiben, dass alles wieder gut ist. Dass ich an der Erfahrung gewachsen bin und jetzt irgendeine tolle Spritualität entdeckt habe, die mir das Leben erklärt. Oder dass ich jetzt ganz im Frieden bin mit mir und dem was passiert ist, dass ich nach vorne schaue und stark bin oder was weiß ich blabla. Ich habe unendlich viele solcher Texte gelesen. In keinem habe ich mich wiedergefunden, die meisten haben mich verärgert, weil ich selbst so anders empfinde. Ich selbst habe früher manchmal solche „Glückskeks-Sprüche“ verwendet und geglaubt. Aber als ich sie dann gebraucht hätte, habe ich erkannt wie blöde sie sind. Zumindest für mich. Und einige, mit denen ich gesprochen habe, die ähnliches erlebt haben, empfinden das genauso. Alles wird gut und man wächst an solchen Erfahrungen oder so. Oder eben auch nicht.

Das vergangene Jahr war das schlimmste meines Lebens. Ich war so krank wie noch nie und so dünn wie noch nie. Alle Hosen sind mir zu groß. Wenn ich Fotos von mir sehe, erschrecke ich mich.

Langsam habe ich wieder einigermaßen (für mich) normale Maße erreicht, aber stabil ist das alles noch nicht. Die Seele hat dem Körper viel abverlangt. Eine Bekannte, die mehrere schlimme Erlebnisse zu verarbeiten hat, sagte im September zu mir „dass der Körper krank wird ist ganz normal“. An diesem Satz habe ich mich festgehalten wenn ich gedacht habe, nie wieder gesund zu werden. Ich habe auf den heutigen Tag hingearbeitet, habe gedacht, wenn das erste Jahr erst mal geschafft ist, wird es bestimmt leichter. Auch diesen Satz hat die Bekannte zu mir gesagt „ich verspreche Dir, es wird leichter. Auch wenn Du das heute nicht glaubst, ich verspreche es Dir hier und heute.“

Und das stimmt. Es ist leichter geworden. Es geht mir besser, an den meisten Tag fühle ich mich normal. Dann sind da die anderen Tage, aber die werden nach und nach weniger. Und ich bin dieser wunderbaren Frau für immer dankbar, denn das Gespräch mit ihr war eines der wenigen Gespräche, die mir überhaupt geholfen haben und die kleinen Dinge, die sie gesagt hat, haben einen Widerhall in meinem Kopf erzeugt, haben sich eingebrannt und ich habe mich daran fest gehalten wenn nichts mehr ging.

Das menschliche Gehirn ist ein Wunderwerk. Es ist in der Lage, alles im Rückblick doch nicht mehr ganz so schlimm aussehen zu lassen. Ich habe überlebt, mein Leben ist weitergegangen – ohne Finlay, dafür mit Duncan. Mein Gehirn ist in der Lage, mich davor zu schützen, all jene Gefühle noch mal eins zu eins zu fühlen, die ich heute vor einem Jahr gefühlt habe. Was bleibt, ist die Angst vor weiteren Verlusten.

Facebook erinnert mich immer wieder an die schönen Zeiten mit Finlay am passenden Tag. Und gerade in den letzten Tagen kommen all jene letzten schönen Tage von denen ich nicht wusste, dass es die letzten sind – die ersten Kutschfahrten, einige Ausritte. Tage, an denen ich eine Zukunft mit Finlay geplant hatte. Tage, an denen ich noch nicht wusste, was mich erwartet. Das macht mir große Angst. Ich habe mich immer sicher gefühlt in meiner Idee von Zukunft. Klar, es kann immer mal was dazwischenkommen. Dann eben später.

Aber dass mein Pony einfach so von einem Tag auf den anderen nicht mehr da ist, hätte ich nie geglaubt. Es war immer meine leise Horrorvorstellung – man weiß ja von anderen, dass mal schnell eine Kolik kommt oder ähnliches. Aber ich dachte, das ist so selten und ich passe so gut auf. Naja. Es war ja auch keine Kolik, es war der absurdeste Unfall des Jahrhunderts. Und es ging so unglaublich schnell. Und plötzlich hatte ich keinen Finlay mehr. Und keine Zukunftsplanung. Kein Distanzritttraining, keine weitere Ausbildung zum Kutschpony. Und mein Leben war auf einmal ganz falsch.

Und dann ist Duncan aufgetaucht. Irgendwie einfach so. (Das stimmt natürlich nicht – ich habe selbst aktiv nach einem Pony gesucht. Aber es fühlte sich so merkwürdig an, als sei das ein anderer Teil von mir). Und jetzt ist er hier und macht mich glücklich. Und ich plane meine Zukunft mit ihm, in der er anscheinend perfekt reinpasst. Er ist – so wie es bisher aussieht – sowohl das geborene Distanzpony (was beim Schotten eher überraschend ist) als auch das geborene Kutschpony. Er bringt viele Dinge mit, die gut zu mir passen. Und manche, die nicht gut passen. Den Reitplatz haben wir bisher kaum beschritten. Wird er jemals für die Dinge zu begeistern sein, die mir auch wichtig sind – Piaffe, fliegende Wechsel und so? Oder stellt er quasi das Ende meiner Dressurambitionen dar weil er darauf so gar keine Lust hat? Wer weiß das schon.

Die Zukunft liegt in der Zukunft. Ich kann nur hoffen, dass Duncan jedenfalls bei mir bleibt – möglichst immer gesund und munter bis er steinalt ist.

An den Tagen an denen ich daran zweifle, schaue ich meinen alten Merlin an, der seit 19 Jahren bei mir ist und sich immer noch selbst übertrifft (jedes Mal wenn ich denke er sei nun doch „alt“ legt er noch einen drauf). Und ich denke an unsere alte Hündin Sali, die ihr Leben so von vorn bis hinten gelebt hat und nun friedlich unterm Hollerbusch liegt – nach 16 Jahren Party. Und deren Tod für mich so absolut in Ordnung ist und mich glücklich zurücklässt statt traurig. Dann sage ich mir: so geht es auch. So kann es mit Duncan auch gehen. 35 Jahre lang, wenn wir Glück haben – mehr Glück als ich es mit Finlay hatte. Und ich baue meine Ausbildung darauf auf. Ich tue so als wäre ich mir sicher. Als hätte ich alle Zeit der Welt, ihn auszubilden, ihn kennenzulernen. Und ich plane eine Zukunft mit ihm. Weil ich irgendwas planen muss, sonst kann ich mein Pony nicht ausbilden, sonst weiß ich ja nicht wo der Weg hingeht.

Aber die Angst bleibt. Jedes mal, wenn wir zusammen unterwegs sind, besonders in ähnlichen Situationen wie die in der Finlay sich verletzt hat, kommt sie wieder. Sie wird etwas schwächer mit der Zeit, aber letztlich bleibt sie doch. Weil das Leben mir gezeigt hat, was es kann – nicht im Guten. Weil es keinen Grund gab, nichts, was man hätte anders machen können. Es war das, was man einen „Schicksalsschlag“ nennt. Das Leben hat mir voll in die Magengrube gehauen und es gibt keine Sicherheit, dass es das nicht wieder tut.

Also, falls Ihr jetzt diesen super spirituellen, abgeklärten, wundergeheilten Text erwartet hattet, muss ich Euch enttäuschen. Mir bleibt nur der Trost, dass mein Leben weiter geht, dass Duncan hier ist und mir auf jeden Fall schon ein paar schöne Erinnerungen beschert hat, dass ich von Finlay unglaublich viel gelernt habe und auch irgendwann – ganz langsam nähere ich mich diesem Punkt – die 8 Jahre voller schöner Erinnerungen genießen kann, die er mir geschenkt hat, auch wenn sie immer mit dem Schmerz des Verlustes einhergehen werden.

Das ist eben der große Unterschied: die Erinnerungen an unsere alte Sali sind für mich alle fröhlich und unbeschwert. Es ist kein Schmerz darin. Mal ein kleines „ich vermisse sie“ aber die Erinnerungen sind nicht schmerzhaft. Sie sind wundervoll von vorn bis hinten, auch die an den letzten Tag. Aber bei Finlay nicht. Weil das nicht rund war. Sein Leben hätte noch so lange dauern sollen. Wir hatten noch so viel zu tun. Und das nicht, weil wir etwas aufgeschoben hätten – das hat Finlay zum Glück niemals geduldet – sondern weil einfach zu wenig Lebenszeit da war.

Gleichzeitig sehe ich, dass Duncan so vieles so viel leichter fällt. Weil ich besser geworden bin aber auch weil er es irgendwie leichter hat in seinem Körper. Ich weiß nicht, was mit Finlay los war. Ich war da noch auf Forschungsreise. Fakt ist, dass es ihm in seinem Köper nicht so gut ging. Er hatte nie viel Energie, hatte oft Probleme mit der Muskulatur. Ich werde nie erfahren, was da war und ob ich die Lösung noch gefunden hätte. Ein paar Fortschritte hatten wir gemacht, aber ob es jemals richtig gut gewesen wäre – wer weiß? Duncan hingegen hat überhaupt keine Probleme mit seinem Körper. Er strotzt vor Energie und scheint sich selbst beim Wachsen noch recht wohl zu fühlen (wo es Finlay oft richtig schlecht ging). Es wird ihm viel leichter fallen, alle meine Wünsche zu erfüllen. Aber auch das ist schmerzhaft – der Gedanke, dass Duncan auf eine Art das „bessere“ Pony ist. Im Sinne von leistungsfähiger, leichter auszubilden auf der körperlichen Ebene.

Einmal habe ich zu einer jungen Mutter gesagt „die Schmerzen der Geburt vergisst man ja“. Sie antwortete lakonisch „das ist das, was die Gesellschaft von dir erwartet zu sagen.“.

Ist es das? Erwartet „die Gesellschaft“ von Menschen, dass sie den Schmerz vergessen, den sie erlitten haben? Manchmal glaube ich dass es so ist. Manchmal glaube ich, es ist noch viel zu wenig Platz für Verletzlichkeit und alte Wunden. Nicht als Ausreden – dafür werden sie auch viel zu oft gebraucht. Ich habe Duncan geschworen, Finlays Tod nicht als Ausrede zu nehmen um Dinge nicht zu tun, nur weil ich Angst habe. Er soll nicht in Langeweile versauern, weil ich mich nicht mehr raus traue. Aber die Angst anerkennen und den Schmerz der damit verbunden ist, dafür darf Raum sein. Denn keine Therapie und keine Zeit der Welt kann meinen Finlay wieder lebendig machen. Ich kann damit leben, dass er tot ist und natürlich rückt das alles mehr und mehr in den Hintergrund. Aber tot ist er trotzdem. Er sollte hier sein und ist es nicht. Und das wird sich nie mehr ändern. Erwartet „die Gesellschaft“ dass ich das nicht mehr sage, weil so viel Zeit vergangen ist? Erwartet man von mir, dass ich im Nachhinein sage „es sollte so sein“? Tja, dann werde ich wohl (wie ich es öfter mal tue) die Erwartungen der Menschen nicht erfüllen.

Auf der Suche nach passenden Zitaten (ich mag Zitate) habe ich so vieles gefunden was sich für mich immer nur nach Glückskeks anhörte. Dann stieß ich auf ein Zitat aus dem Buch „Tanz auf Glas“ von Ka Hancock. Es lautet „Es heisst, das erste Jahr nach einem schweren Verlust sei das schwerste. Das ist stark untertrieben. Trauer ist eine eigene Form von Geisteskrankheit, und es gibt keine Behandlung dagegen. Es gibt keine Abkürzungen. Man muss einfach jeden Tag aufstehen und abwarten, bis man wieder ins Bett gehen kann, um dann aufzuwachen und vorne anzufangen. Bis man eines Tages landet.“

Von all den vielen Dingen die ich gelesen hatte war das irgendwie das einzige, was annähernd dem entspricht, was ich empfinde und wie mein letztes Jahr war.

Aber auch ein paar andere waren dabei „Trauer verändert sich, aber sie geht nie vorbei“ (Keanu Reeves). Hier finde ich quasi mein ganzes letztes Jahr in ein paar Worten zusammengefasst. Verändert hat die Trauer sich – von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Manchmal so langsam, dass ich dachte, es ändert sich nichts. Manchmal in Sprüngen von einem Moment auf den anderen, besonders in Momenten in denen die Verbindung zu Duncan gewachsen ist. Manchmal in Rückschritten, die mich zur Verzweiflung getrieben haben.

Und ist da ganz besonders ein Zitat von einem Mann, den ich eigentlich immer mit großer Skepsis betrachte: Sigmund Freud. „Man weiß, dass die akute Trauer nach solch einem Verlust ablaufen wird, aber man wird ungetröstet bleiben, nie Ersatz finden. Alles, was an seine Stelle rückt, und wenn es sie auch ganz ausfüllen sollte, bleibt doch etwas anderes. Und eigentlich ist es recht so. Das ist die einzige Art, die Liebe fortzusetzen.“ Mit diesen Worten drückt er wunderbar aus, wie mein Gefühle zu Finlay und Duncan sind. Duncan füllt Finlays irdischen Platz nach und nach aus, später, wenn wir fahren und noch später reiten können, wird er all jene Dinge übernehmen die Finlay für mich und mit mir getan hat. Schon heute übernimmt er die Aufgabe des „Glücksgenerators“ indem er so ist, wie er ist. Aber obwohl er die Aufgaben übernimmt, ersetzt er Finlay nicht. Finlay ist immer noch da – mehr in den Hintergrund gerückt, aber nie ganz fort. Und ich liebe ihn nach wie vor abgöttisch, weil er so ein großartiges Pony war und wir so viel Spaß hatten und ich so viel gelernt habe. Und kein anderes Pony kann jemals seinen Platz in meinem Herzen einnehmen. Wie meine Freundin sagte: das Herz wird dann ein Stück größer und es entseht ein neuer Platz für das neue Pony. Der alte Platz für das alte Pony bleibt, das liebt man ganz genauso weiter.

Jetzt, da ein Jahr vergangen ist, wird es Zeit, auch hier im Blog symbolisch neu zu starten. Deswegen gibt es diesen Text heute und am Donnerstag wird sich hier ein bisschen was verändern – lasst Euch überraschen! Ich hoffe es gefällt Euch genauso gut wie mir. Bis dahin danke ich Euch allen, die Ihr so fleißig meine Geschichten lest und mir so auch ein Stück helft bei der Verarbeitung meiner Gedanken und Gefühle. Ich hoffe Ihr bleibt hier und habt weiter Teil an Sir Duncans Eroberung der Welt (mein Herz hat er schon lang erobert).

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 50

Neulich habe ich zum ersten Mal das Picknick getragen.

Und mein Spaziergehkumpel hat sein Mädchen getragen.

Das ist eine sehr ungerechte Lastenverteilung! Es ist nämlich so, dass das Mädchen vom Spaziergehkumpel zwischendurch absteigt und zu Fuß geht, während das Picknick das nicht tut. Ich muss also die ganze Zeit schleppen und er immer nur so kurz! Er hat behauptet, sein Mädchen wäre viiiiiiiiiel schwerer als das Picknick. Aber ich glaube er wollte nur angeben.

Links im Bild ich mit der Picknicktasche, rechts im Bild mein Spaziergehkumpel mit seinem Mädchen auf dem Rücken zwischen uns mein Mädchen (die trägt gar nix! Nur die Verantwortung.)

Jetzt hatte ich Hoffnung, dass unsere beiden Mädchen das Picknick verspeisen. Das, was sein Mädchen isst, hätte er ja dann mittragen müssen, weil es ja in seinem Mädchen verschwunden ist. Aber was soll ich Euch sagen: nachdem sie die Wasserflasche geleert hatte ist sie nicht mehr aufgestiegen! Wahrscheinlich dachte sie, er schafft es nicht, weil sie jetzt zu schwer ist.

Na wenigstens war mein Gepäck auch etwas leichter danach. Wenn ich ehrlich bin: so ganz schwer war es auch nicht. Ungefähr so wie wenn ich ordentlich Gras gefuttert habe und mein Bauch voll ist. Aber trotzdem ist es ungerecht.

Aber mein Mädchen war wieder stolz auf mich, weil ich das so fein gemacht habe. Ich habe mich auch nicht gefürchtet vor dem Picknick. Hä? Wieso sollte ich mich denn vor dem Essen fürchten? Das einzige wovor ich mich fürchte ist, dass ich nicht genug abbekomme! Manchmal ist sie wirklich sehr merkwürdig.

Euer schwer schleppender Sir Duncan Dhu of Nakel