Wachsen

Zeit, einen Artikel für Euch zu schreiben. Versprochen ist schließlich versprochen, Donnerstags sollt Ihr etwas von mir lesen können.

Aber die Muse der Inspiration ist anscheinend im Urlaub.

Ich weiß aus Erfahrung, dass es hilft, anzufangen, auch wenn man noch nicht weiß, was man tun will. So mache ich es mit den Pferden: das Thema präsentiert sich von allein, wenn man die Augen auf hält. Und so mache ich es auch jetzt.

Ich weiß schon, was ich schreiben möchte, aber ich weiß nicht wie. Vielleicht geht es mir da genauso wie es Duncan gerade geht.

Er sieht komisch aus – vielleicht weil er Würmer hat, die Kotprobe bestätigt das. Wenn ja sollte es bald erledigt sein nach der Ekelpaste die er am Dienstag schlucken durfte (was er wieder vorbildlich gemacht hat – wir brauchen noch nicht einmal ein Halfter für so etwas). Aber vielleicht ist es auch das Wachstum. Er nähert sich dem Alter, in dem Finlay war als er hier bei uns eingezogen ist. Und ich weiß noch genau, wie Finlay manchmal aussah: die Wirbelsäule deutlich sichtbar obwohl das Pony nicht dünn ist, der Rücken etwas hochgewölbt und unten dran so ein merkwürdig birnenförmiger Bauch. Finlays Hals war zeitweise viel zu lang für den Rest, nichts passte zueinander. Wachsen ist keine einfache Sache, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Als Kind hatte ich Wachstumsschmerzen und als Jugendliche dann sowas wie „Seelenschmerzen“.

Ich erinnere mich daran, dass ich mich eines Abends bei meinem Vater beklagt habe, ich könne nicht einschlafen. Er sagte mir, es könnte gut sein, dass mir das in den nächsten Jahren öfter passiert. Die Pubertät ist eine komplizierte Zeit. Recht hatte er – ich erinnere mich mit Schrecken an meine eigene Pubertät. Ich war sehr orientierungslos, wusste so gar nicht woher und wohin und ich verstand weder mich selbst noch die Menschen um mich herum.

Viele Menschen die ich kenne schwärmen von ihrer Jugend und denken mit Freuden an die Schulzeit zurück. Ich niemals. Ich war noch nie bei einem Klassentreffen und gedenke auch nicht, jemals zu einem zu gehen. Ich bin froh, dass die Zeit vorbei ist und möchte ungern daran erinnert werden.

Auch bei Finlay war ich froh, als er aus dem Gröbsten raus war. Sein Verhalten war nie wirklich blöde, aber das Wachsen hat ihm so sehr zu schaffen gemacht. Einmal ist sein eines Hinterbein schneller gewachsen als das andere und er lief zwei Wochen quasi seitwärts! Der arme Kerl. Hoffenltich bleibt Duncan das erspart.

Seine Energie scheint jedenfalls im Moment nur ins Wachsen zu gehen. Wie lange wird das so sein? Ein paar Wochen? Oder durchgängig über Monate? Wird es eine solche Phase geben oder immer wieder welche? Keiner weiß das vorher. Hinterher sind wir dann schlauer.

Als Mensch kann ich eigentlich nur zuschauen. Es ist schwer zu sehen, ob er etwas von mir braucht, ob ich ihm irgendwie helfen kann oder ob es einfach abzuwarten gilt.

Im Paddock kommt er häufig zu mir und sucht Kontakt, auf eine Art, die wir im Freedom Based Training entwickelt haben. Das ist für mich sehr spannend, denn er möchte weder Kekse noch gekratzt werden, sondern wirklich einfach Zeit mit mir verbringen. Manchmal nimmt er mich mit an Orte an denen er sein will. Gelegentlich ist es jetzt sogar vorgekommen, dass er los geht und wenn ich nicht mitkomme, bleibt er stehen und dreht sich zu mir um nach dem Motto „los, komm mit!“ Diese Art Verhalten ist für mich neu – oder ich habe sie nie erkannt, weil ich nie danach gesucht habe. Ich bin meinen Pferden nie auf dem Paddock hinterher gelaufen um zu sehen was sie tun. Mit Duncan entdecke ich, wie interessant es sein kann, mitzuerleben, was er erlebt und sich einfach an ihn anzupassen und zu versuchen, mitzumachen bei dem was für ihn Alltag ist. Obwohl es immer nur ein paar Minuten sind, ist es doch sehr aufschlussreich.

Was sein Wachstum und daraus eventuell entstehende Probleme für unsere Abenteuer bedeuten, bleibt abzuwarten. Wird er weiterhin Lust haben, loszuziehen? Oder wird eine Zeit kommen, in der er das nicht möchte? Zum Glück kennen wir uns jetzt gut genug, dass ich das wahrscheinlich recht eindeutig erkennen werde. Ich muss dann nur entscheiden, wie ich darauf reagiere. Gehen wir gar nicht erst los, wenn er Anzeichen macht, keine Lust zu haben? Oder sage ich ihm, die Lust kommt manchmal erst unterwegs? Mindestens einmal hatten wir diese Situation ja schon: bei unserem allerersten Alleingang. Da habe ich ihn überredet, doch noch mitzukommen und es ist gut gegangen, er hatte beim nächsten Mal mehr Lust. Aber jetzt? Keine Ahnung. Noch ist es nicht passiert und vielleicht passiert es ja auch nie. Vielleicht mache ich mir auch viel zu viele Gedanken (das wäre nichts Neues).

Im letzten halben Jahr haben wir alle – Arnulf und ich und auch meine Freundin – oft vergessen, wie klein Duncan noch ist. Er wirkte immer so erwachsen, so souverän, so solide. Nur an kleinen Dingen haben wir dann immer mal wieder realisiert: stimmt, der ist noch keine zwei Jahre alt! Kein Wunder dass er das noch nicht weiß!

Wird es weiter so sein oder wird doch noch eine Zeit kommen, in der er klein und unsicher ist? Ich werde es abwarten müssen. Und mein Job wird sein, Mittel und Wege zu finden, wie ich ihn bestmöglich begleiten kann durch diese schwierige Zeit des Erwachsen-werdens und des Wachsens. Den Grat zu beschreiten zwischen Langeweile und Überforderung fühlt sich für mich an als würde ich nicht auf einem Drahtseil, sondern eher auf einem seidenen Faden balancieren wollen. Wann tut es ihm gut, wenn ich etwas fordere, ihm eine Aufgabe zu lösen gebe und wann braucht er seine Ruhe? Und woher um Gottes Willen soll ich das bloß wissen?

Ich kann schon verstehen, dass manche lieber kein ein- oder zweijähriges Pferd um sich haben wollen. Dass es einfacher sein kann, den Jungspund irgendwo unterzubringen und in Ruhe zu lassen. Aber ich möchte, dass Duncan so viel Input hat wie möglich – nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Er soll die Welt kennenlernen, in der er den Rest seines Lebens verbringen wird – mit allem, was dazu gehört. Ich glaube, ich habe mit Finlay in diesem Alter zu wenig gemacht, ihm die Welt nicht gut genug gezeigt. Er hatte zu wenig Erfahrung mit Straßenverkehr und ich hatte zu wenig Erfahrung damit, wie Angst sich bei ihm gezeigt hat und was ich dagegen tun konnte. Es war seine einzige Angst, sein einziges Problem und ich habe mich zu lange davor gedrückt, es anzugehen. Nachher hatten wir viel Arbeit damit und ich hatte eine Menge Sorge, die nicht nötig gewesen wäre wenn wir das in jungen Jahren einfach öfter gemacht hätten.

Und ich möchte diese Zeit dazu nutzen, dass Duncan und ich uns kennenlernen. Damit wir uns wirklich gut kennen und uns aufeinander verlassen können, wenn es mit den großen Abenteuern los geht. Ich habe noch nie viel davon gehalten, ein Pferd innerhalb weniger Wochen plötzlich aus der Jungpferdegruppe in einen Reitstall zu holen und zum Reitpferd zu machen. Mein Pony soll die Möglichkeit haben, in diese Dinge hineinzuwachsen im wahrsten Sinne des Wortes. Aber im Wachsen, da wird wohl seine größte Herausforderung liegen in den kommenden…. Was? Tagen? Wochen? Monaten? Jahren? Bis er fertig ist mit der Wachserei gehen noch 4 Jahre ins Land. Das ist eine verdammt lange Zeit… Tja, ich werde mich überraschen lassen müssen. Und -genauso wie bei diesem Text – einfach mal anfangen und sehen wo wir landen.

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