Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 155

Anleitung zur Nutzung der Wackelkiste

Ich bin ja nun schon ziemlich Wackelkisten-erprobt. Und heute teile ich meine Erfahrung mit Euch. Ist ja auch wichtig zu wissen, wie es richtig geht.

1. Es gilt herauszufinden, ob überhaupt Wackelkistentag ist. Ist Dienstag und das Mädchen vom Spaziergehkumpel ist da? Dann stehen die Chancen gut. Sonntags auch. Abchecken ob die Wackelkiste offen ist (gute Chancen) oder zu (nicht so gute Chancen). Auch das Halfter kann Aufschluss geben. Kappzaum oder Knotenhalfter: keine Chance. Wenn das schwarze Halfter raus kommt könnte es klappen. Profis erkennen aber die Wackelkistentage schon an der Stimmung ihres Menschen. Mein Mädchen freut sich nämlich auch immer doll, wenn Wackelkistentag ist und das höre ich dann schon daran wie sie mich ruft.

2. Mit dem Einsteigen unbedingt warten bis man aufgefordert wird. Man mag es ja eilig haben, aber wenn man unaufgefordert einsteigt, wird man wieder raus geschickt. Einsteigezeit ist erst wenn das Wallehaar gebürstet und die Hufe beschuht sind. So viel Geduld muss man dann schon haben.

3. Unbedingt die korrekte Seite zum Einsteigen wählen. Auf einer Seite hat die Wackelkiste nämlich eine Vordertür und durch die kann man noch Kekse abstauben. Wehe man steht dann auf der falschen Seite! Beim Einstieg überprüfen ob genug Heu im Netz ist, sonst einen Fuß draußen lassen, damit die Wackelkiste nicht zu gemacht werden kann und durch hungrig gucken darauf hinweisen, dass erst nachgeladen werden muss!

Die richtige Seite ist die mit der Kekstür!
Korrekte Positionierung in der Wackelkiste

4. So lange die Wackelkiste sich nicht bewegt, einfach die Nase ins Heu donnern und mampfen. Erst wenn das Gewackel losgeht, tritt man selbst auch in Aktion. Das ist nämlich der Moment wo einem auffällt, dass einen schon so lang der Po juckt und dass die Stange hinten perfekt in Position ist zum Kratzen! Also schwenken, schubbern und kratzen was das Zeug hält. Das macht Spaß, das wackelt besonders lustig! Das Gefluche von vorne im Auto hören wir hinten ja nicht…..

5. Wenn fertig gekratzt: Nase wieder ins Heu. Essen was das Zeug hält, man weiß nie wie lang gewackelt wird! Es gilt, möglichst viele Heuhalme in möglichst kurzer Zeit aus dem Netz in den eigenen Bauch zu befördern, schließlich findet nach dem Wackeln ein tolles Abenteuer statt, dass man am besten gut gestärkt bestehen kann.

6. Beim Ausstieg auf die Füße aufpassen. Wenn man sich nicht sicher ist, anhalten und das Mädchen fragen wo die Kante ist. Die ist nämlich heimtückisch.

7. Sobald man unten ist nach dem nächsten fressbaren Grashalm suchen.

8. Abenteuer genießen

9. Punkte 3-6 wiederholen. Zu hause darauf bestehen, dass es beim Ausziehen der Hufschuhe noch ein paar Kekse gibt bevor es wieder in den Stall geht und vorsorglich darauf hinweisen, dass längere Wartezeiten bis zum nächsten Abenteuer auf keinen Fall toleriert werden.

Wenn Ihr Euch an diese Anleitung haltet, kann nix schiefgehen!

Euer erfahrener Sir Duncan Dhu of Nakel

Interpretation

Neulich haben wir den Film „Robot& Frank“ gesehen. Arnulf und ich zum dritten Mal, meine Eltern und meine Schwester zum ersten Mal. Und wenn 5 Personen den selben Film sehen, dann kann man danach erleben, was für unterschiedliche Versionen dieses Films das waren, die wir da gesehen haben. Allein die Handlung ist bei diesem Film im ersten Anlauf nicht ganz leicht in allen Details zu erfassen. Und dann die Frage der Perspektive, der Präferenzen wonach man am meisten schaut. Der Film lässt etwas Spielraum bei der Frage was eigentlich „wahr“ ist. Da es sich bei der Hauptperson um einen älteren Mann mit Demenz handelt, der je nach Situation mehr oder weniger gut in der Welt orientiert ist, finde ich es sehr geschickt von den Filmemachern, dass auch der Zuschauer gelegentlich die Orientierung verlieren kann und dass an manchen Stellen nicht so ganz klar ist, wo die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion verläuft. Allerdings war mir diese Möglichkeit gar nicht aufgefallen, bis meine Mutter diese Frage aufwarf. Für mich war das alles „wahr“ gewesen, aber das muss nicht so gemeint gewesen sein. Meine Schwester hingegen hatte ganz andere Fragen an den Film und meinem Vater sind wiederum Zusammenhänge aufgefallen, die ich nicht so gesehen hatte.

So viele Möglichkeiten. Und ungefähr so viele Möglichkeiten haben wir auch immer, wenn wir „Äußerungen“ unseres Pferdes interpretieren wollen. Hat es gerade den Kopf geschüttelt, weil es unwillig ist, oder war da wohl nur eine Fliege? Dass es uns eben auf den Fuß gelatscht ist, war das Absicht oder Tollpatschigkeit? Und dieser Nasenstüber, war der freundlich gemeint? Und warum möchte es heute nicht so schnell laufen wie sonst? Ist es das warme Wetter, die angefressene Graswampe oder ist eben doch etwas ernsteres der Grund?

Neulich als wir spazieren waren, passierte etwas sehr interessantes. Arnulf hatte keine Lust mehr zu laufen und suchte sich eine Bank, um seinen großen Diego zu erklimmen. Duncan und ich überholten die beiden, während Arnulf Diego bat, an der Bank einzuparken. Einige Meter weiter stand eine identische Bank. Und plötzlich ging Duncan zu der Bank und fing an, sie mit der Nase zu berühren. Nicht das Gras am Boden war interessant, nur die Bank. Ich stutzte. Dann dachte ich „das könnte eine Aufforderung an mich sein, oder?“ ich kletterte auf die Bank und sofort stellte Duncan sich genau so hin, dass ich aufsteigen könnte. Und da war er: der Moment auf den ich warte. Der allererste Moment in dem mein Gefühl sagt: ich könnte jetzt aufsteigen. Hab ich natürlich nicht getan. Ich habe meinen Arm von oben um Duncan gelegt und ihm gesagt wie lieb das Angebot ist. Dann bin ich von der Bank runter geklettert und wir sind weiter gegangen. Ich habe meinen Arm über Duncans Rücken gelegt und wir sind eine lange Strecke so gegangen. Ich habe auch zum ersten Mal den Strick über seinen Rücken gelegt und nur das Ende in der Hand gehalten als letzte Sicherheit. Es war ein Gefühl großer Vertrautheit und auch im Nachhinein bin ich mir sicher: ich hätte an der Bank aufsteigen können.

Seit das passiert ist, frage ich mich, ob es wohl wirklich so gemeint war. Habe ich etwas gesehen, was ich unbedingt sehen wollte? Oder ist das wirklich so passiert? Hat Duncan einfach nachgemacht, was er nun schon so oft bei Arnulf und Diego gesehen hat (und auch bei Merlin und mir)? Hat er beschlossen, dass er jetzt groß genug ist und das auch kann? Hat er eine Ahnung von den Konsequenzen dieses Angebots? Einiges an Vorübungen haben wir ja schon gemacht. Kekse gab es dafür nur bei einer einzigen Gelegenheit. Aber Diego und Merlin bekommen meistens Kekse fürs Aufsteigen auf dem Reitplatz und Duncan hat das schon oft gesehen.

Hat er wirklich, so wie ich es „gehört“ habe, zu mir gesagt „na los, steig auf, was die zwei können, können wir doch auch!“ oder steckte am Ende etwas ganz anderes dahinter?

Weil die Gefahr eines Missverständnisses besteht, bin ich froh, dass ich nicht das erste Angebot annehmen „muss“. Ich kann warten. Wird er es wieder anbieten? Wenn eine günstigere Situation kommt in der er mich wieder „einlädt“, lege ich ihm mal das Bein auf den Rücken. Und noch etwas später, einige Einladungen weiter, werde ich aufsteigen und direkt wieder absteigen. Und so nähern wir uns der Wahrheit – seiner Wahrheit. Ich kann ihn nochmal und nochmal und nochmal fragen: „war das eine Einladung zum Aufsteigen?“ und wenn es eine war: Wozu genau wurde ich eingeladen? Aufsteigen, Keks geben? Oder Aufsteigen, wieder absteigen, Keks geben? Oder Aufsteigen, bisschen kraulen? Oder möchte er gleich los laufen, mit mir die Welt erkunden ohne die Limitierung durch meiner langsamen Beine?

Es besteht viel Interpretationspielraum in der einen Situation die wir nun erlebt haben. Aber je öfter wir solche Situationen haben, desto sicherer kann ich mir werden, was wie gemeint ist. Und das tolle ist: so wird das erste Aufsteigen ein schönes Erlebnis für uns beide, weil wir vorher darüber gesprochen haben, wer was wie meint. Wir können uns orientieren in der Welt des anderen.

Anders als bei einem Film, der manche Fragen auch beim 100. Ansehen offen lässt, kann ich mit meinem Pferd in Dialog treten. Und nach und nach erfahren, was wie gemeint ist. Und wann und manchmal auch, warum. Voraussetzung ist allerdings, dass ich bereit bin, meine Interpretation dessen was zuvor passiert ist, zu korrigieren, wenn sich herausstellen sollte, dass sie falsch war. Die Voraussetzung dafür ist wiederum, dass mir völlig klar sein muss dass es erst mal nur eine Interpretation ist, keine Wahrheit.

Und trotzdem freue ich mich wie Bolle über dieses Erlebnis, denn was immer es war: es war etwas gutes und wir sind wieder ein Stück näher zusammen gerückt. Und vielleicht war es ja wirklich die Einladung zum Aufsteigen und somit ein riesengroßes, ritterliches Geschenk. Übrigens passend genau an meinem Geburtstag…..

Lebenserfahrung

Duncan und ich kommen aus der Stalltür. Duncan stutzt: auf dem Hof steht ein Wäscheständer über den ich Diegos frisch gewaschene Zebra-Fliegendecke gehängt habe. Alles glitzert etwas im Sonnenlicht. Duncan findet das gruselig. Wir gehen gemeinsam zur Decke, er hält die Nase dran und versteht, was das ist. Und dass es natürlich nicht gruselig ist.

Je mehr solche Situationen wir erleben, desto mehr kuriose Dinge hat Duncan gesehen, desto gelassener geht er mit Dingen um, die er noch nie gesehen hat. Gerade im Moment kann ich das stark wahrnehmen. Wenn wir so durch die Gegend wandern, kommen wir an allerhand Dingen vorbei, die in mir den Gedanken auslösen, dass er das gruselig finden könnte. Ein Umspannwerk war es neulich. Aber mehr und mehr sehe ich, wie er nur noch interessiert hinschaut, aber keine Sorgen mehr hat. Und so haben auch die seltsamen Gebilde dort ihn nicht beeindruckt.

Ich habe gelernt, wie ich ihm Dinge so zeigen kann, dass er sie nicht mehr gruselig findet und er hat gelernt, wie der Ablauf ist und dass er sich auf mich verlassen kann. Jeder hat ja so seine eigene Herangehensweise an Gespenster. Als wir auf dem Trailplatz den Duschvorhang bezwingen wollten, hatten wir ein gut eingespieltes Programm um ihn zu entgruseln. Ich glaube jetzt den Unterschied zwischen Neugierde und echter Angst klar zu sehen (wir werden sehen ob ich da jetzt immer richtig liege).

Natürlich macht Duncan es mir leicht, er hat ja so wenig Angst und so viel Neugierde. Manchmal sind das allerdings auch die Pferde, bei denen man dann plötzlich Probleme hat, wenn sie doch mal Angst haben, weil man das ja gar nicht kennt.

Für mich ist es einfach nur spannend zu beobachten, wie Duncans „Landkarte“ größer wird. Ich stelle mir vor, wie in seinem Gehirn ein immer größer werdender Bereich mit Informationen zu „Gespenstern“ entsteht. Und dann wird abgeglichen: das Dings da was ich noch nie sah, wem sieht das ähnlich? Dieser riesige Trecker mit dem großen Anhänger ist ja doch nur eine großer Version von dem harmlosen Trecker für den es vorhin einen Keks gab. Der Duschvorhang, den man in Streifen geschnitten hat ist so ähnlich wie die Plane über die ich mal rüber gelaufen bin. Als ich auf den Gullideckel getreten bin, machte es „klong“, ganz ähnlich wie beim Laufen über den Holzsteg. Die Dualgasse auf meinem Rücken ist so ähnlich wie die am Pad befestigte Jacke.

Vor langer Zeit habe ich mal im Radio ein Gespräch gehört in dem eine Dame gefragt wurde „was ist schön daran, 40 zu sein“ und die Antwort war „man regt sich nicht mehr über alles so auf“. Ich hatte damals noch ein paar Jahre hin zur 40 und dachte „ach ja das wäre gut“. Früher, wenn mein Auto mal kaputt war, da ging für mich schon fast die Welt unter. Heute kenne ich den Ablauf und weiß: irgendwas geht ja immer. Und ich weiß auch von vornherein: das wird teuer, wird es bei Autos nämlich immer. Da braucht man gar nicht auf was anderes hoffen. Früher, wenn Kunden komische Sachen gemacht oder gesagt haben, fand ich das unendlich schrecklich und es hat mich oft tagelang beschäftigt. Heute erzähle ich Arnulf davon und dann kann ich es abhaken. Früher, wenn ich mit meinem Pony auf ein Problem gestoßen bin, das ich nicht gleich lösen konnte, habe ich mir den Kopf zerbrochen was zu tun ist. Heute bin ich da entspannter, es gibt so viele Möglichkeiten und Dinge die man probieren kann. Und so viele Trainer, die tolle Sachen dazu zu sagen haben wenn man es allein nicht schafft. Irgendwas geht eben immer.

Und obwohl Duncan von der 40 noch ein paar Jahre entfernt ist (selbst wenn man es auf Pferdejahre umrechnen würde), ist er doch klar auf dem Weg zu dieser Gelassenheit durch Lebenserfahrung. Meistens ist es nicht so schlimm wie es am Anfang aussieht. Wenn eine Übung beim ersten Mal nicht klappt, dann vielleicht beim zweiten Mal. Nicht schlimm. Wenn es beim zweiten Mal nicht klappt, dann eben beim dritten Mal. Oder beim vierten Mal. Man muss sich darüber nicht aufregen und verzweifeln, man kann sich da so durch-probieren. Und auch wenn man jetzt gerade keinen Keks bekommt, muss man dem nicht endlos nachweinen. Einfach in ein paar Minuten nochmal fragen. Inzwischen ist es aber auch so, dass ich ihm den Keks geben kann für „es ist toll dass Du es so tapfer weiter probierst“ und er versteht, dass das eine reiner Motivationskeks war und er bisher gar nichts „richtig“ gemacht hat.

Ach, was für ein wunderbar gelassenes, erwachsenes Pony. Fragt mich wieder, wenn der nächste Pubertätsschub kommt…..

Lebenserfahrung wächst nicht durch die Wiederholung des ewig gleichen. Sie wächst durch Varianten, durch Ähnliches, Vergleichbares. Duncan ist da im Vorteil, denn wir fahren fast jede Woche mit dem Anhänger los in fremdes Gelände, sind mal hier und mal dort, mal im Wald oder durch die Felder unterwegs. Alles ist ähnlich aber nie gleich. Und genau so versuche ich auch unser anderes Programm zu gestalten. Wir wippen mal längs und mal quer. Manchmal üben wir das Füße sortieren am Steg, manchmal mit Dualgassen. Roundpen, Halle, Reitplatz und neuerdings unser Sommerreitplatz, auf dem wieder alles erstaunlich anders ist. Ich gebe mir Mühe, einen stabilen Rahmen zu erschaffen, innerhalb dessen wir dann erkunden, wie viele Varianten dessen, was wir da tun, es eigentlich geben könnte. Und so weiß ich auch schon, wie wir das Zusammensein mit fremden Pferden in Varianten üben werden, sobald meine Zeit und Energie es zulässt. Mir sind schon so viele Möglichkeiten dazu eingefallen und alle zusammen werden der Schlüssel zum Erfolg sein.

Ich glaube, dass wir darüber viel zu wenig sprechen im Pferdetraining. Da ist immerzu die Rede von kleinen Schritten und von klaren Regeln und von Verlässlichkeit – und das ist alles total richtig und wichtig. Aber wenn wir keine Varianten finden und üben, wird nichts davon echte Lebenserfahrung werden. Es werden immer nur Übungen und Lektionen bleiben, losgelöst in Raum und Zeit und ohne Bezug zum echten Leben. Mit Finlay war ich mir so sicher, hatte so feste Pläne und Ziele. Mit Duncan erkunde ich die Möglichkeiten und ich sehe, wie seine Persönlichkeit sich viel leichter und schneller entwickelt. Kann am Pony liegen. Oder halt am Konzept. Wahrscheinlich an beidem. Fest steht: Lebenserfahrung gibt es nicht zu kaufen, man kann sie niemandem überstülpen oder aufzwingen. Lebenserfahrung muss gesammelt werden – und zwar von jedem selbst, auch von kleinen Ponys.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 154

Mein Mädchen ist schlau – sagt sie. Ich nenne das faul. Aber sie sagt dann immer, Faulheit würde das Schlau-sein fördern. Work smarter not harder und so. Na jedenfalls hat sie so allerhand Helfer um sich die Arbeit zu erleichtern. Zum Beispiel das Knatterpferd. Aber sie hat auch eine Maschine, die die Hufe für sie raspelt. Ich hab das schon beobachtet, bei Merlin und Diego. Die machen sich da nix draus. Sie haben mir gesagt, es sei sehr angenehm. Ist zwar laut, aber es ruckelt nicht so wie die Handraspel, sondern vibriert ganz entspannend, die Menschen stehen ruhiger bei der Arbeit und es geht schneller. Da hab ich mir gedacht, ich probiere das auch mal aus.

Laut. Aber sonst eigentlich angenehmer als die Handraspel.

Mein Mädchen war wieder total begeistert von mir. Weil ich nicht mit der Wimper gezuckt hab. Beim ersten Mal habe ich eine Keksnarkose bekommen vom Mann. Aber jetzt kann ich das ohne Keksnarkose. Ist alles wie immer: Huf hoch, still halten bis mein Mädchen sagt, dass sie fertig ist, Huf runter, dann den Keks kassieren. Keine große Sache. Und mein faules Mädchen ist glücklich – weil ich so schlau bin.

Euer schlauer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 153

Wir haben jetzt einen Sommerreitplatz. So nennt mein Mädchen das. Sie hat einfach ein Stück Wiese eingezäunt und zum Reitplatz deklariert. Ein großes Stück Wiese. Gestern haben wir da zum zweiten Mal was drauf gemacht. Irgendwie ist es cool, weil man zwischendurch Gras naschen kann. Aber es ist auch ganz schön anstrengend, weil man nämlich die meiste Zeit nicht naschen DARF und sich gaaaaaaaaanz doll zusammenreißen muss. Mein Mädchen sagt das ist eine gute Übung fürs Spazierengehen, damit ich nicht immer jedem Grashalm hinterher-hasche. Naja. Ich versteh das ja immer nicht so ganz, aber sie sagt wir kommen sonst nicht voran und da hat sie natürlich auch wieder recht.

Viel mehr Platz als auf dem Sandplatz!

Jedenfalls ist der neue Reitplatz ansonsten ganz schön lustig. Weil er so schön groß ist und weil es da ein bisschen hügelig ist. Und weil mein Mädchen ganz viel neben mir her rennt und dann keucht und pustet und schwitzt. Das ist witzig! Sie hat echt null Kondition. Ich hab ihr dann mal gezeigt wie man richtig galoppiert, aber sie hat es nicht wirklich hinbekommen, das muss ich noch mit ihr üben. Trab kann sie schon ganz gut, wenn auch nur sehr kurz. Sie war jedenfalls restlos begeistert weil ich das alles so toll kann. Aus unerfindlichen Gründen hatte sie gedacht dass Galopp an der Leine noch zu schwer für mich ist – wegen der Kurvenlage. Hat sie mich nie beim Spielen beobachtet? Kurven kann ich, Mädchen. Und alles andere auch.

Los, Mädchen, galoppieren! Lauf, lauf!

Danach war uns beiden warm und wir sind duschen gegangen. Ich zuerst, unterm Gartenschlauch. Ich bin da ja jetzt nie so der Fan von gewesen aber gestern fand ich es gar nicht schlecht. Schön die Beine abkühlen und den sexy Po. Davor und danach hat mein Mädchen Tierarzt gespielt und einen Lauschangriff gestartet um meinen Herzschlag zu hören. Sie wollte mal wissen was ich so für einen Puls hab. Vor der Dusche waren es 60 Schläge pro Minute und nach der Dusche 40 Schläge pro Minute. Was das heißt kapiere ich nicht, aber sie sagt es ist wichtig dass sie so etwas weiß fürs spätere Training. Sie will das wohl jetzt öfter mal machen. Wenn du meinst, Mädchen, mir egal.

Sie will auch öfter mit mir auf den Sommerreitplatz damit ich mal richtig laufe. Sie meint nämlich, ich hätte zu viel Energie übrig (was man von ihr nicht behaupten kann!). Gut für mich, dann kann ich sie ein bisschen trainieren. Aber nicht auf Kosten der Spaziergänge mein Mädchen, das weißt Du ja! Denn einen ordentlichen Spaziergang wo es mal was zu gucken gibt kann der Sommerreitplatz nicht ersetzen, das ist doch wohl logisch.

Euer sommerlicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 152

Der Zahnarzt war mal wieder da – hat mein Mädchen Euch ja schon erzählt. Aber das wichtigste hat sie Euch verschwiegen. Der Zahnarzt war nämlich von vorn bis hinten begeistert von mir. Ich kam da hin und hab ihm hallo gesagt und ihm ohne Umschweife gezeigt wie groß und erwachsen ich jetzt schon bin. Und er hat mich angeschaut und war ganz beeindruckt. Ich wäre ja ein ganz anderes Pferd von damals als er mich zum ersten Mal gesehen hätte.

Da mein Mädchen mir ja nix zutraut und meint ich könnte nix alleine schaffen – noch nicht mal den Zahnwechsel – hat er dann meine Beißerchen kontrolliert. Da hing noch eine olle Milchzahnkappe überm Backenzahn, die hat er mir weg gemacht, das war ganz angenehm. Klar, hätte ich alleine auch noch gekonnt, hätte halt länger gedauert. Bei uns Ponys löst sich die Wurzel vom Milchzahn auf, wenn es Zeit ist, den neuen Zahn raus zu schubsen und die Kappe bleibt übrig. Die auf der anderen Seite hatte ich schon weg gemacht. Na er hat also diese schöne Kappe abgezogen und meinem Mädchen geschenkt. Die hat sich doll gefreut! Na kannst Du behalten mein Mädchen, brauche ich nicht mehr. Ich hab ja jetzt den neuen Zahn. Da wusste mein Mädchen dann auch ganz sicher, dass meine „Bissigkeit“ in letzter Zeit vom Zahnen kam, das hatte sie sich schon gedacht. Sie kennt mich ja und weiß dass ich nicht einfach so in den Strick beiße und so. Das stört halt wenn da so was halb locker im Maul rum hängt! Da muss ich jede Gelegenheit nutzen um das loszuwerden.

Kannst du behalten, mein Mädchen. (Ja das gehört so dunkel das ist kein Karies.)

Der Zahnarzt war mega zufrieden mit mir. Weil ich das so toll mache und meine Zähne alle gut sind und gut wechseln und dann hat mein Mädchen ihm noch ein Video gezeigt wie wir im Gelände so tun als würden wir Kutsche fahren und er fand das total gut. Voll der nette Typ ist das. Dann hat er meinem Mädchen erklärt, wie erwachsen ich schon bin. Aber sie hat ihm nicht geglaubt. Naja. Was soll ich dazu sagen….. das übliche halt. Ich arbeite mit Hochdruck daran dass sie es kapiert!

Ich hab dann noch da rum gestanden und Gatsby Gesellschaft geleistet. Gatsby ist ja so ein Angsthase, der braucht immer viel Zuspruch. Der kannte aber unseren Zahnarzt noch nicht und war nachher ganz verwundert, dass Zahnärzte so nett sein können! Das war für ihn ganz neu. Jetzt will er auch immer zu diesem netten Zahnarzt. Da braucht er auch keine Angsthasenspritze, da kann er sich die Zähne einfach so machen lassen.

So genug geplaudert jetzt muss ich los, viel zu tun im Moment! (Zäune freifressen, mit den Nachbarn schnacken, die anderen ein bisschen ärgern, am Holunderbusch kratzen, zwischendurch Heu knabbern, die Reinigungsarbeiten beaufsichtigen und heute Abend mit meinem Mädchen spielen, nebenbei neue Zähne machen und noch bisschen wachsen)

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Zu nah

Der Pferdezahnarzt ist da. Und diesmal soll auch Gatsby gemacht werden. Da der wenig Begeisterung zeigt sondern eher etwas Angst hat, bleibe ich mit Duncan in der Scheune, als beruhigende Gesellschaft. Ob das was bringt wissen wir nicht, aber es kostet nix. Oder doch, denn Duncan schiebt natürlich sofort Langeweile. Ich fange also an, ihn wieder zu bespaßen wie beim letzten Mal (könnt Ihr hier nachlesen). Die „Belly bumps“ zu denen der Zahnarzt mich letztes Mal anstiften wollte, können wir jetzt. Und ich mache meine kleine „Spagatübung“, stehe am Boden und hebe mein Bein auf Duncans Rücken – das geht gerade so ganz knapp. Der Zahnarzt lacht und sagt „hol Dir doch einen Stuhl“. Ich hole mir einen Eimer zum drauf stehen. Duncan kennt das, ich hab das schon mal gemacht. Ich stehe auf dem Eimer und lege mein Bein auf seinen Rücken. Kennt er, kann er. Der Zahnarzt stiftet mich an, den Fuß auf der anderen Seite zu bewegen und ist ganz entzückt von Duncan, der mit einem interessierten Blick nach hinten reagiert und mich fragt, was ich da tue. Lustig findet mein Ritter das, sehr unterhaltsam. Der Zahnarzt meint, mein Pony sei so weit, ich könnte mich doch auch drauf setzen. Ich meine das nicht. Und der Zahnarzt sagt lächelnd „Du bist ihm zu nah“ (emotional meint er).

Vielleicht. Vielleicht ist meine Einschätzung falsch und ich könnte mich drauf setzen. Vielleicht ist meine Einschätzung auch richtiger als die des Zahnarztes, denn ich kenne mein Pony. Vielleicht ist mein Anspruch höher. Ich bin sicher, ich könnte mich auf Duncan setzen ohne dass etwas dramatisches passieren würde. Aber ich bin ebenso sicher, dass Duncan das blöd finden würde. Ich möchte erst dann aufsteigen, wenn Duncan es mit hoher Wahrscheinlichkeit witzig und interessant findet. „Aushalten“ und sich dran gewöhnen ist nicht mein Weg. Ich denke an so viele Kaffee- oder Weintrinker die ich kenne. Wenn ich diese Leute frage, ob sie das nicht früher auch eklig fanden, kommt erstaunlich oft die Antwort: „man gewöhnt sich dran“. Ich werde es nie verstehen, aber anscheinend haben diese Menschen angefangen, Kaffee oder Wein zu trinken obwohl es ihnen anfangs eben NICHT geschmeckt hat. Inzwischen haben sie sich dran gewöhnt und es schmeckt ihnen. Kann ja jeder machen was er will, ich habe halt die Gewöhnungsphase weg gelassen und trinke das Zeug bis heute nicht. Und ich möchte nicht, dass mein Pony sagt „man gewöhnt sich dran, dass einem jemand auf dem Rücken sitzt“. Ich möchte, dass Duncan begeistert in sein Tagebuch schreibt, wenn es so weit war. Dass er nach dem Absteigen laut „nochmaaaaaaal!“ ruft, weil er es so interessant und unterhaltsam fand. Nicht nur weil es (vielleicht) einen Keks gab. Auch deswegen gibt es bisher für diese Dinge eben KEINE Kekse. Weil ich eine ehrliche Rückmeldung haben möchte (auch wenn mir die nicht immer gefällt). Ich möchte den Sitzplatz auf Duncans Rücken nicht kaufen, sondern ihn mir verdienen und er soll „nein“ sagen dürfen oder „ich bin noch nicht so weit“ oder „ich bin nicht sicher“. Später, wenn er es kann, wird sich das sicher ändern. Dann wird es Kekse geben um die Motivation zu steigern. Aber der Anfang soll so sein.

Bin ich zu nah an meinem Pony und unterschätze ihn? Kann sein. Erst neulich durfte ich einer Schülerin aufzeigen, wie sehr ihr Pony sich entwickelt hat und dass aus dem verschreckten Norweger, der schnell im Erstarrungsverhalten „verschwand“ wenn er überfordert war, ein rotzfrecher Clown geworden ist, der hundert Mittel und Wege hat um günstig an Lob, Aufmerksamkeit und Kekse zu kommen und unliebsamen Dingen aus dem Weg zu gehen. Und sie sah ein, dass sie da wohl eine Entwicklung verpasst hat und fest hängt in ihrem alten Bild von ihrem Pony. Vielleicht geht es mir ähnlich? Ich weiß es nicht und ich werde es nie wissen. Die gute Nachricht ist: in Situationen wie dieser vergebe ich mir nichts, wenn ich warte und es dann mache wenn ich es für richtig halte.

In anderen Situationen darf ich schon wachsam sein. Denn natürlich hat Duncan sich im Laufe des letzten Jahres altersbedingt sehr stark verändert. Natürlich ist er jetzt ganz anders drauf. Ich beobachte ihn mit Argusaugen in der Herde um zu lernen, an welchen Stellen er anders reagiert als früher. Er hat mehr „standing“, schon allein weil er mehr Körpermasse hat. Er lässt sich nicht mehr so leicht weg schubsen von „seinem“ Heuhaufen. Er bleibt einfach stehen und ist unbeeindruckt von Gatsby, der den Haufen für sich beansprucht. So wird das Heu eben geteilt. Später ist Duncan dann allerdings doch weg gegangen um woanders Heu zu fressen – mein harmonieliebendes Pony möchte eben doch gern den Frieden erhalten. Und so verhält er sich auch bei mir: er fragt mal nach, ob diese Regel wirklich gilt, aber wenn er feststellen muss, dass sie wirklich gilt, ist das ok für ihn. Fragen kostet ja nix.

Seine Laune schwankt nicht mehr ganz so schnell, er ist etwas mehr zur Ruhe gekommen in sich selbst. Mental. Körperlich hingegen merke ich ihm an dass er in den letzten Wochen viel zu wenig Bespaßung hatte und somit vor überschüssiger Energie mal wieder nur so strotzt. Da muss ich ran, damit er nicht explodiert…. (sonst bekomme ich wieder Beschwerdemeldungen von der genervten Herde).

Aber das schönste Geschenk hat er mir neulich gemacht, als wir in der Freiarbeit eine neue Übung probiert haben. Anstatt dass – wie früher – der Vorderhuf hoch kam und die Verzweiflung stieg weil er nicht wusste was er tun sollte, hat er in Ruhe ausprobiert und angeboten. Hat sich von meiner stimmlichen Rückmeldung mit „ja“ und „nein“ lotsen lassen (im Sinne von „Du bist näher dran“ und „Du bist weiter weg“ – nein heißt nicht „total falsch lass den Mist“!), hat sich zwischendurch einen Keks fürs probieren geben lassen und schlussendlich die Lösung gefunden. Und das war so erwachsen, mit noch nicht ganz 3 Jahren, da war ich baff. Und stolz, denn irgendwas hab ich wohl richtig gemacht. Und irgendwann kommt auch der Aufsteige-Tag. Wenn ich glaube, dass mein stolzer Ritter so weit ist.

Eines Tages wird es so weit sein.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 151

Mein Mädchen hat gesagt, der Mann und ich sollen mal ein „Männergespräch“ führen. Weil ich nämlich gerade dabei bin, ein ganzer Kerl zu werden. Woran sie das gemerkt hat, erzähle ich Euch aber nicht, das ist sehr privat und geht überhaupt nur mich was an.

Der Mann hat jedenfalls gefragt worüber er denn wohl mit mir reden soll und mein Mädchen hat geantwortet, dass sie das nicht weiß, weil sie ja kein Mann ist und es ja ein Männergespräch sein soll. Also gut, wir haben uns unterhalten, der Mann und ich. War sehr nett. Worüber wir geredet haben bleibt aber unser Geheimnis.

Männergespräch

Ansonsten kann ich berichten, dass alles beim Alten ist. Mein Spaziergehkumpel und sein Freund wollen nämlich doch lieber bei ihrer Stute wohnen als bei uns. Kann ich voll verstehen – wenn ich eine eigene Stute hätte würde ich die auch nicht aus den Augen lassen. Also wohnen die jetzt wieder „nebenan“ und mein Spaziergehkumpel und ich treffen uns gelegentlich zum spielen. Ich finde es ein bisschen schade, aber wie gesagt durchaus sehr verständlich.

Wir knabbern uns jetzt jede Nacht auf der Weide den Bauch rund – das Gras ist so hoch, dass Caruso drin verschwinden kann! Der reinste Überfluss, wie im Paradies. Und heute waren wir endlich mal wieder mit der Wackelkiste los für einen schönen (wenn auch zu kurzen) Spaziergang. So lässt sich der Sommer gut genießen!

Euer zufriedener Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 150

Na, was macht Euer Wallehaar so? Viele von Euch ja doch mittlerweile recht respektable Mähnen entwickelt! Auch mein Mädchen hat deutlich längeres Kopfhaar als vorher. Manchmal nervt es sie. Dann muss der Mann die Schere nehmen und was abschneiden. Lustig, wenn er das bei mir machen würde, dann würde mein Mädchen ihm ganz schön den Marsch blasen! Bei mir ist ihr jedes Haar heilig. Nur meinen Schweif kürzt sie ab und zu ein bisschen damit ich mir nicht drauf trete und die heiligen Haare ausreiße. Sie findet mein Wallehaar einfach wunderschön!

Der Mann hat auch keine lange Mähne, der hatte da keine Lust drauf. Also musste mein Mädchen ihm die Haare schneiden. Und jetzt weiß ich auch, warum sie das bei mir nicht tut: sie kann es nicht so gut. Deswegen hat sie dem Mann auch ein Entschuldigungsschreiben mitgegeben, als er neulich zum ersten Mal wieder beim Friseur war, weil es ihr so peinlich war.

Sie hat ihm echt ein Entschuldigungsschreiben mitgegeben! War auch nötig…..

Ich überlege derweil, ob ich mir noch etwas mehr Wallehaar zulege. Bisher habe ich meine Mähne immer stramm links getragen. Aber mein Papa hat auf beiden Seiten Mähne. Das ist irgendwie ausgewogener oder? Deswegen hab ich gedacht ich mach es rechts auch mal bisschen haariger. Nach und nach hab ich ein paar Strähnen da rüber kippen lassen. Und vielleicht mach ich da noch paar mehr hin. Damit mein Mädchen was zum freuen hat. Und zum bürsten. Und gelegentlich zum einflechten (obwohl sie das nicht so gern macht. Aber manchmal ist die Haarpracht einfach im Weg. Und abschneiden ist bei mir ja nicht erlaubt!)

Echt jetzt, Mädchen? Dein Ernst?
Auch bisschen Mähne nach rechts, was meint Ihr?

Was meint Ihr, ob mir das stehen würde, so eine Doppelmähne? Und wie sieht es bei Euch so aus um den Kopf herum? Ich bin schon sehr gespannt wann mein Mädchen wieder zum Friseur geht und wie sie dann aussieht! Hoffentlich erkenne ich sie wieder. Notfalls am Geruch (wobei auch der sich beim Friseurbesuch ändert, habe ich gemerkt!). Dann halt an der Stimme. Spätestens wenn sie das magische Wort sagt (Keks!).

Euer haariger Sir Duncan Dhu of Nakel

Seelenkräfte

Wie Ihr gelesen habt, habe ich nun Finlays zweiten Todestag hinter mich gebracht. Und noch ein paar andere anstrengende Dinge. Und der Tank ist leer. Die Tanknadel ist im roten Bereich angekommen. Mein Auto macht an der Stelle immer laut „Bing!“ und meldet an, dass es zur Tankstelle möchte. Meine Seele macht das anders, aber auch sie ist unüberhörbar.

Als Finlay gestorben war, da habe ich im Nachhinein gemerkt, wie viel Kraft er mir gegeben hat. 2018 durch den heißesten Sommer den ich je bewusst erlebt habe, die anstrengendsten Wochen voller Hitze, Staub und steinharter zu bearbeitender Hufe, voller Sorge, weil es zu wenig Heu gab und das Gras nicht wachsen wollte mangels Wasser, der ewige Blick auf die verdorrten Flächen – durch all diese Zeit hat mich angefeuert und befeuert was mein Plan mit Finlay war: den ersten kleinen Distanzritt schaffen. Ein Witz für alle Profis, eine Herausforderung für uns: 28km nicht langsamer als Tempo 8 (8 Minuten für 1km oder andersherum ausgedrückt 7,5km/h). Klingt einfach, aber für Finlay musste da schon eine Menge Training her. Dieses Ziel haben wir ja dann auch gut erreicht, lagen im Endeffekt sogar im Mittelfeld der Wertung. Was für ein tolles Abenteuer!

Aber das tolle an dem Abenteuer war nicht die Wertung oder die Plakette. Das tolle war der gemeinsame Weg da hin. Das Training, das ausgerichtet war auf dieses Ziel. Der Ansporn, weiter zu machen. Ich erinnere mich gut an einen Tag, an dem wir erst um 20 Uhr geritten sind weil „es dann kühler ist“. Das Thermometer zeigte bei Abritt auch tatsächlich „nur“ 32 Grad. Es wurde bald dämmrig, es war drückend heiß, aber wir konnten reiten ohne gegrillt zu werden. Niemals wäre ich an so einem Tag geritten, wenn da nicht dieses Ziel vor meinen Augen gewesen wäre. Es hat mich so sehr angespornt und mein Pony hat einfach mitgemacht. Er wusste nichts von diesem Ziel, aber er fand, dass das alles ein großes Abenteuer sei, eine Bereicherung seines Lebens und also fand er es toll.

Häufig habe ich meine Seelenkraft aus solchen Dingen gezogen. Mit Merlin eine bestimmte Lektion üben. Mit Schülern an einen bestimmten Punkt kommen, ein Problem lösen, ein Pferd dazu bringen, in den Anhänger zu steigen oder meinem Schüler zu helfen, besser zu sitzen.

Dann kam Duncan. Und so ein Zwerg, der nichts kann, nichts weiß und oft noch sehr unzuverlässig ist, der ist nicht geeignet, mir diese Form von Seelenkraft zu geben. Für den muss ich fit sein, genug Kraft mitbringen um für ihn mit zu denken, aufzupassen, Dinge so zu regeln dass es klappt. Zum Glück kamen wir schnell an den Punkt an dem wir gemeinsam durch den Wald dackeln konnten und da war sie wieder: meine Seelenkraft-Tankstelle. Heute sind wir weiter und auch gemeinsame Freiarbeit, Wippen oder ähnliches gibt mir Kraft anstatt mich welche zu kosten. Und wenn es hart auf hart kommt kann ich Freedom Based Training machen, mit den Ponys gemeinsam herumstehen und darauf vertrauen dass das wirklich etwas Gutes für unsere Beziehung ist.

„Die Seele polieren“ hat Duncan es in seinem Tagebuch genannt. Das ist das was wir jetzt brauchen. Nein, das ist das was ICH jetzt brauche. Häufig sprechen wir Pferdetrainer davon, dass wir das „Konto“ bei unserem Pferd mit guten Dingen auffüllen. Jedes Freedom Based Training, jeder entspannte Waldspaziergang aber auch jede Wipp-Session ist etwas, womit ich mich – platt gesagt – bei Duncan beliebt mache. Wenn dann der Tierarzt kommt und die Impfspritze ins Pony pikt (ja das wird nicht mit ie geschrieben, habe ich neu gelernt), hebe ich von meinem Konto etwas ab. Wer in die Miesen kommt beim Pony, der hat ganz schön Probleme, dann wird es im wahrsten Sinne des Wortes „mies“.

Aber was ist mit meinem Konto? Ich denke in letzter Zeit viel darüber nach. Viele Menschen machen sich so viel Stress wenn sie bei ihrem Pferd sind. Das muss gemacht werden, das muss geübt werden und wehe der Fortschritt ist zu klein. Und man meckert mit sich selbst, man übt nicht genug, man reitet nicht gut genug, man kann das alles nicht gut genug, denn dann würde das Pferd ja längst dieses oder jenes tun. Uff. Und plötzlich, so scheint mir, hat sich etwas eingeschlichen, eine Gefühls-Assoziation die wir gar nicht wollten. Wir verbinden das Zusammensein mit unserem Pferd mit Anstrengung. Wir haben – schon wieder – Leistungsdruck. Es soll doch bitte vorwärts gehen. Und während ich oft schimpfe über die Leute die die Basics nicht üben – das Pferd ist nicht verladefromm und steht bei der Hufpflege nicht still – tun mir doch auch jene Menschen leid, die vergessen haben, wie viel Gutes wir uns und unserem Pferd tun, wenn wir Dinge tun, die wir gut können und die uns Spaß machen. Und manchmal brauche ich Schüler, die mich daran erinnern, dass Fortschritt nicht alles ist. Einfach etwas tun, was wir gut können. Und viele sind gern bereit mich dafür zu bezahlen, dass ich daneben stehe und ihnen sage wie schön sie das machen. Dass ich kleinste Kleinigkeiten anmerke oder eine Übung ein bisschen variiere, ohne den Punkt, an dem es schwierig oder herausfordernd wird, auch nur im entferntesten zu streifen. Einfach Zeit mit unserem Pferd verbringen in der wir etwas gemeinsam tun, aber nichts neues lernen oder üben. Ob das bedeutet, dass wir ein Ründchen über den Reitplatz traben oder in der Bodenarbeit ein paar Übungen wiederholen, die wir schon gut können oder ob wir einfach durch den Wald wandern. Die Messlatte mal da lassen wo sie ist anstatt sie immer höher zu legen. Unser Konto füllt sich, während wir sagen „das klappt, das können wir, das ist leicht“. Später, wenn wir genug Seelenkraft gesammelt haben, wenn alles wieder aufpoliert ist und das Konto gut gefüllt, dann können wir die Messlatte ein Stückchen höher schubsen und uns frohgemut der nächsten Herausforderung stellen. Nicht kriechend auf dem Zahnfleisch mit hängender Zunge sondern aufrecht und gut gelaunt, zuversichtlich und mit genug Selbstvertrauen um auch eine Niederlage lächelnd wegzustecken.

Bevor wir also wieder mit fremdem Pferd spazieren gehen oder uns an die Autobahnbrücke wagen, werden wir jetzt erst mal Dinge genießen die wir können, Sir Duncan und ich. Immerhin können wir schon ganz schön viel. Und auf diesen Lorbeeren ruhen wir uns jetzt ein Weilchen aus.