Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 278

Hach, das war ein schöner Sonntagsausflug! Die blöden Fliegviecher haben anscheinend die Fliege gemacht, jedenfalls will man nicht mehr ständig über uns her fallen und uns aussaugen. So konnten wir mal wieder ein Stück durch den Wald und sind dort schön geklettert. An einer Stelle ging es richtig steil runter, da war ich doch mal kurz unsicher und bin stehen geblieben. Habe dann überlegt wie ich es mache und bin gut runter gekommen – da war mein Mädchen sehr stolz auf mich! Ist ja alles nicht so einfach wenn sie auf meinem Rücken sitzt, ich muss ihr Gewicht mit berechnen damit wir beide heil unten ankommen. Naja ok es war nicht mehr als ein Meter, da hätte ich zur Not springen können aber ich glaube dann hätte sie sich erschreckt. Wir sind auch ein bisschen getrabt, auch ein bisschen bergab, das kann ich schon richtig gut.

Bevor es aber in den Wald ging, hatten wir eine Mission. Wir haben einer Frau im Dorf eine von unseren leckeren Zucchini mitgebracht. Sie hat gesagt, ihre eigenen Zucchini-Pflanzen wollen dieses Jahr nicht so recht und sie freut sich wenn sie was abbekommt – wir haben ja zu viel davon. Wir Ponys haben uns dann auf dem Weg durchs Dorf überlegt, dass sie bestimmt noch guten Dünger für ihre Zucchini braucht, damit die auch mal wachsen. Also haben wir beide eine Runde Dünger ausgegeben, den hat mein Mädchen eingetütet und gleich mitsamt der Zucchini abgegeben. Das fand die Dame toll, dass wir so mitdenken. Als das erledigt war, ging es dann in den Wald.

Mein Mädchen hatte es heute extra bequem. Wie schon erwähnt fand sie ihre Steigbügel nicht so klasse und hat deswegen ihre Lieblingssteigbügel umbauen lassen. Sie möchte ja sicher gehen dass sie mit ihren Wanderschuhen nicht durch den Bügel rutschen kann, falls es mal etwas wilder zugehen sollte. Deswegen hat sie von unserer Haus- und Hofschneiderin extra einen Korb anbauen lassen, in unserem Lieblingsgrün! Sieht das nicht total schmuck aus?

Der Fuß ist sicher.

Und jetzt ist mein Mädchen wieder glücklich mit ihren Steigbügeln unterwegs. Ich bin auch glücklich, weil sie jetzt nicht mehr nach dem Aufsteigen so lange danach angeln muss und beim Reiten nicht dauernd damit kämpft dass sie nicht weit genug rein kommt in die Bügel. Sie sitzt endlich wirklich still und lässt mich machen. Und weil es so gut lief heute haben wir dann auf dem Rückweg noch ein bisschen geübt, den Kopf nach rechts und nach links zu nehmen. Und weil das auch so gut lief, hat mein Mädchen dann gemeint ich könnte doch mal versuchen, einen kleinen Hauch seitwärts zu gehen. Ja, das konnte ich. Und – zack! – gab es einen Keks. So waren wir beide glücklich und zufrieden. Ihr seht: der Sonntag war rundum gelungen!

Schön war das heute!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 277

Als ich neulich ein Foto von der geliehenen Fliegenmaske hier eingestellt hatte, bekam mein Mädchen Hinweise, ich könnte bestimmt da durch nicht gut gucken. Also hat sie sich die Maske selbst vors Gesicht gehalten und fest gestellt, dass sie tatsächlich dicke weiße Balken im Sichtfeld hat, während sie bei der anderen Maske, die sie noch aus ihrem Schrank gekramt hat, nur das Gefühl hat, eine Sonnenbrille zu tragen. Daraus hat sie gefolgert, dass es mir wahrscheinlich ähnlich geht. Hier zu hause kenne ich mich ja gut aus, auch im Dunkeln, also auch mit Maske. Aber hier zu hause brauche ich keine Maske, sondern für unser nächstes großes Abenteuer und da kenne ich mich nicht aus, also hat sie beschlossen, dass ich dort lieber die schwarze Maske tragen soll. Die wollte sie eigentlich nicht nehmen, weil die nicht so gut hält, aber sie sagt, das ist dann nicht so schlimm wie wenn ich nicht gut gucken kann. Jetzt trage ich also dieses Modell – da ist auch klar wo das Wallehaar hin soll.

So kann ich besser gucken als mit der weißen Maske
Hält halt nicht ganz so gut.

Klamotten sind immer kompliziert. Eine Fliegendecke soll ich für das Abenteuer auch bekommen, aber die Größen stimmen irgendwie nicht. 125cm ist viel zu groß aber 115 cm ist dann wieder viel zu klein. Herrje, das ist kompliziert. Mein Mädchen sagt, ich bin beim Klamotten shoppen genauso wie sie – ihr passt auch nie was. Dann hat sie noch die Decke von meinem Ausreitkumpel geliehen, aber die Zeiten in denen er und ich die gleiche Kleidergröße hatten, sind wohl vorbei! Inzwischen ist mein Hals sehr kräftig geworden, so dass es vorne kneift, dafür habe ich aber einen deutlich schlankeren Bauch als er, so dass es untenrum schlabbert. War wieder nix…

Zu klein! (Symbolbild für “ auch die 8. Decke passt nicht“)

Und dann soll ich demnächst noch andere Hufschuhe für vorne kriegen. Weil wir ja im Herbst mehr traben wollen und ich dann besser abrollen können soll. Dafür wiederum musste sie aber erst meine Hufe wieder in Form bringen und Fotos davon machen, weil auch bei den Schuhen die Größentabellen Murks sind und jeder anscheinend mit einem anderen Zollstock misst. Immerhin: die Schuhe, die sie sich geliehen hatte, waren alle viel zu klein – siehst du, mein Mädchen, ich bin nämlich echt groß geworden! Jetzt also neue Schuhe. Und das läuft genau wie immer: der Mann kommt und malt an mir herum, ich brauche endlos viel Geduld, dann wird gemessen, fotografiert, nochmal gemessen. Inzwischen bin ich da echt abgeklärt und lasse es klaglos über mich ergehen (gegen entsprechende Bezahlung, versteht sich).

Der Mann malt meine Hufe an!
Gib mal einen Keks, wo ich doch sooooooo geduldig bin!

Während sie für mich versucht, Klamotten zu finden, pimpt sie das Equipment für sich selbst auch nochmal auf. Die Steigbügel, die sie gekauft hat findet sie nämlich nun doch nicht so bequem und so muss wieder unsere werte Haus- und Hofschneiderin ran und was spezielles basteln. Aber das zeigen wir Euch dann wenn es fertig ist. Nur so viel: es wird mal wieder spektakulär grün!

Ich hoffe wir gehen heute endlich mal wieder ausreiten. Ich habe zwar auch Gefallen an der Handarbeit auf dem Platz gefunden, aber die richtig guten Sachen finden nun mal jenseits der Grundstücksgrenze statt! Und das Wetter ist viel versprechend.

Schönen Sonntag wünscht Euch

Sir Duncan Dhu of Nakel

Körpergefühl

In den bald drei Jahren, die Duncan jetzt hier ist, konnte ich beobachten, wie reibungslos alles laufen kann. Duncan hat von Anfang an eine gute Balance und Stabilität mitgebracht – das hat sich schon gezeigt, als er die vierstündige Anhängerfahrt zu uns nach hause so locker weg gesteckt hat. Das zeigt sich extrem jetzt, wo er in spielerischer Leichtigkeit lernt, mich durchs Gelände zu tragen, ohne groß etwas üben zu müssen. Und das zeigt sich immer beim Spielen, wo er sich nie verletzt, egal was für wilde Stunts er versucht. Er weiß offensichtlich sehr genau, was er tut und kennt sich mit seinem eigenen Körper prima aus.

Umso mehr erschreckt mich der Vergleich mit vielen Pferden, die große Schwierigkeiten haben. Die schon beim Hufe geben aus dem Gleichgewicht kommen und schon beim Antraben am Strick nicht recht wissen, wie sie das hinkriegen sollen. Die dauernd zum Osteopathen müssen, weil sie sich wieder etwas verschoben haben. Oder die sich ständig selbst in die Haxen treten oder den Kopf stoßen, weil sie nicht wissen, wo sie anfangen und wo sie aufhören. Natürlich können wir von diesen Pferden nicht erwarten, dass sie zurecht kommen, wenn wir sie nach Dingen fragen wie Schulterherein oder auch nur still stehen! Still stehen ist so schwierig, wenn man keine gute Haltung hat. Ich schlage jedem Menschen vor, sich hinzustellen und zu schauen wie lange er mühelos steht, bevor er seine Position verändert. Und natürlich können wir jetzt argumentieren, dass das Pferd an sich besser und länger stehen kann, weil es darauf ausgelegt ist. Dennoch: wenn ein Pferd keine gute Steh-Manier hat, wird es schwierig sein, längere Zeit still zu stehen. Je mehr Pferde ich beobachte, desto öfter sehe ich, wie einige sich selbst beim Grasen extrem ungelenk bewegen und sich in absurde Positionen bringen. Man kann das als Mensch leicht fest stellen, wenn man seine Beine immer genauso hinstellt wie ein Beinpaar des Pferdes (also Vorder- oder Hinterbeine) und mal versucht, alle Bewegungen genau nach zu machen, die das Pferd macht. Bei einem normal grasenden Pferd sollte das leicht sein, aber bei manchen Pferden läuft man als Mensch Gefahr, um zu fallen, so merkwürdig stellen die sich hin.

Früher habe ich körperliche Schwierigkeiten bei Pferden nur wahr genommen, wenn sie rassebedingt waren (ja, schwere Kaltblüter haben nun mal oft die Angewohnheit, vorne in den Boden zu laufen) oder verletzungsbedingt. Heute, seit ich mehr darauf achte, sehe ich dieses Thema überall. Und ich frage mich, wie viel „Ungehorsam“ darauf zurück geht, wie viele Probleme, die Pferde im Alltag haben. Weil unsere Pferde hier in Deutschland – vor allem hier im Norden – so reizarm aufwachsen (nämlich meist auf einer platten Wiese), haben sie keine Chance, sich gut zu entwickeln. Und was sie dann in jungen Jahren verpasst haben, müssen sie später mit viel mehr Mühe nachholen – wenn ihnen überhaupt die Chance dazu gegeben wird. So bin ich glücklich, dass mein Duncan schon mit einem Jahr auf der Wippe und auf der Matratze stand und dass er hier wenigstens einen kleinen Hügel hat und den Rundlauf, auf dem er auch in vollem Tempo noch die Lenkung im Griff haben muss, wenn er nicht mit dem Zaun kollidieren will. Ich bin froh, dass er so gern und viel spielt und sich dadurch selbst herausfordert. Wie sagte mein Schwager über die Entwicklung von Kindern „wenn die nie irgendwo rauf klettern dürfen, wissen sie auch nicht wie tief sie da runter fallen.“ Das strapaziert meine Nerven, aber Duncan braucht es nun mal für seine Entwicklung.

Ich habe mal gelesen, dass Menschen, die ihren Kopf nicht gut drehen können, unsicher sind. Weil sie instinktiv spüren, dass sie – wenn hinter ihnen etwas komisch ist – erst den ganzen Körper drehen müssen um zu sehen, was da ist. Das dauert zu lange und ist deswegen gefährlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass das stimmt. Und ich frage mich: was empfindet ein Beutetier wie das Pferd, wenn es spürt, dass es nicht so gut in Kraft und Balance ist und eventuell nicht schnell genug weg kommt? Bei meinem alten Merlin kann ich seit Jahren beobachten, wie er unsicherer wird. Er kann sich nicht mehr so auf seinen Körper verlassen und das ist im deutlich anzumerken. Schon vor 3 Jahren hat er mir gezeigt, dass allein auf Kurs fahren ihm Sorge bereitet – obwohl wir das all die Jahre davor problemlos getan haben. Und auch wenn Diego in anmeckert, geht Merlin jetzt lieber schneller auf Nummer sicher und schafft einen großen Abstand.

Im Alter mag das nicht zu vermeiden sein, aber in jungen Jahren tun wir unseren Pferden einen großen Gefallen damit, wenn wir ihr Körpergefühl und ihre Balance schulen, davon bin ich überzeugt. Außerdem macht es Spaß, dabei kreativ zu werden, die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt und unabhängig von Reit- oder Ausbildungsweisen. Als Mensch müssen wir dafür nicht so komplizierte Dinge können, müssen nicht perfekt reiten oder Handarbeit machen, sondern können einfach unserer Fantasie freien Lauf lassen: die alte Matratze, ein Baumstumpf und die Stufe an der Stalltür können zu einer Übung werden, und wer gern kauft oder baut kann z.B. Wippe, Steg und Cavaletti verwenden. Das Internet ist voller Ideen, so dass jeder das passende finden kann. Meine Leitlinie ist dabei immer das Pferd: schafft es die Übung auf Anhieb, war sie wohl zu leicht. Schafft es sie im dritten Anlauf immer noch nicht ansatzweise, ist sie zu schwer. Wenn wir Übungen finden, bei denen das Pferd Erfolgserlebnisse hat, wird es viel Spaß dabei haben und gern mitmachen.

Eine Schülerin hat neulich das passende Wort dazu gefunden: Ent-klausen (https://www.bedeutungonline.de/koerperklaus/)

Und wenn man so ein schönes Wort dafür hat, bekommt man Lust, gleich los zu legen, oder?

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 276

Es ist heiß und deswegen hat mein Mädchen schlechte Laune. Unser Gras trocknet so leise vor sich hin, so dass wir eigentlich keinen „Weidegang“ haben, sondern eine Wiese voller Heu zum selbst pflücken. Zwischendurch gibt es Ökofrühstück (Brennnesseln und Disteln und so) und jetzt auch noch eine ganz besonders leckere Knabberei, die eine geneigte Leserin uns geschenkt hat: Weidenzweige! Da stürzen wir Ponys uns drauf, das ist wirklich ganz was feines! Erst hauen wir uns die Blätter rein und wenn wir später nochmal Hunger bekommen knabbern wir noch die Rinde ab. Mein Mädchen nimmt sich (mal wieder) fest vor, uns mehr Zweige zu füttern. Bisher ist es immer beim Vorsatz geblieben aber vielleicht lernt sie es ja noch!

Lecker, lecker, lecker!

Für mich hat sie eine Fliegenmaske zum ausprobieren ausgeliehen. Allerdings gibt es da ein kleines Problemchen mit meinem Wallehaar, seht nur! Jetzt sehe ich aus als hätte ich einen Schnurrbart. Na, ich probiere die Maske trotzdem, vielleicht brauche ich sie demnächst, das erzähle ich aber wann anders, wozu ich sie brauche!

Ein Alien mit Schnurrbart oder was?

Ansonsten warten wir einfach das Wetter ab, es bleibt einem ja nichts anderes übrig. Mein Mädchen schwitzt und schimpft und wir träumen weiterhin vom Herbst. Allerdings steht vor dem Herbst noch ein wichtiger Termin an, denn nächste Woche habe ich Geburtstag! Dann bin ich schon 4 Jahre alt! Hoffentlich gibt es eine schöne Party für mich.

Bis dahin gehen wir abends auf den Reitplatz, wenn dort Schatten ist, und arbeiten ein paar Minuten an der Hand. Da muss ich mich ordentlich konzentrieren, aber mein Mädchen sagt, dass ich das jetzt wirklich schon gut kann – konzentrieren, zuhören, mitmachen und aushalten, dass es nicht immer gleich klappt. Mein rechtes Hinterbein ist gerade irgendwie nicht so „im Dienst“, weil ich anscheinend wieder mal wachse. Andererseits sagt mein Mädchen, dass jetzt die beste Zeit ist zum wachsen, weil ja eben eh nichts anderes zu tun ist. Alle großen Ausflüge müssen warten bis das Wetter wieder besser ist. Also wachse ich – vermutlich in die Breite. Lasst Euch überraschen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit Schnurrbart

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 275

Heute haben wir mein Mädchen sehr glücklich gemacht. Mit einem langweiligen Ausflug! Ach was ist sie putzig, immer redet sie von Abenteuer und dann hat sie es am liebsten langweilig. Also wir sind in die Wackelkiste gestiegen – bei über 30°! Mein Mädchen war nicht sicher, wie warm es da drin wird während der Fahrt, deswegen hat sie ein Thermometer rein gehängt (eher: vom Mann reinhängen lassen). Das Thermometer speichert die höchste Temperatur so kann sie gucken ob wir auch nicht langsam durchgegart werden!

Als wir dann ein bisschen gefahren waren, sind wir ausgestiegen – den Platz kenne ich schon! Da standen 4 Pferde, die ich schon mal von weitem gesehen habe. Ooooooh spannend! Der Mann hatte mich am Strick aber ich durfte eigentlich machen was ich will. Hab erst mal gewiehert und mich in Pose geworfen! Bin dann ganz nah an den Zaun…. ups! Der war bissig! Na gut, dann halte ich etwas mehr Abstand. Naja, letztlich war es da nicht so spannend. Die vier haben auf ihrer Weide gestanden und Gras gefressen und sich nicht für mich interessiert. Diego hat auch Gras gefressen und dann dachte ich, das kann ich ja dann auch tun. Hab mich nicht mehr um die anderen gekümmert. Zack! Mädchen glücklich weil langweilig!

Nach einer Weile meinte sie dann, es reicht, und wir sind wieder in die Wackelkiste gestiegen und noch ein Stück gefahren. Dann nochmal aussteigen und was haben wir da? Eine Brücke! Mein Mädchen wollte mal wieder was üben. Mädchen, kapier doch endlich: Brücken kann ich jetzt! Aber ok, wenn du mir unbedingt viele, viele Kekse geben willst für etwas was ich längst drauf habe, dann mal her damit! Die Brücke hat schön laut „klong, klong“ gemacht, wenn ich drüber gelaufen bin. Aber das stört mich nicht, denn das macht unser Steg hier zu hause auch. Und das Wasser unter der Brücke war ganz still und überhaupt – ich hab doch auch die Autobahnbrücke geschafft.

Brücke kann ich.

Ach, da war sie schon wieder stolz und glücklich und zufrieden. Ab nach hause! Höchsttemperatur in der Wackelkiste waren 33,7°, das fand mein Mädchen ok dafür dass draußen 30° und teilweise mehr waren. Also können wir bedenkenlos auch mal ein kurzes Stück reisen wenn es so warm ist.

Ganz schön heiß heute!

Danach habe ich erst mal einen kühlen Schluck Wasser genommen und wir haben ein Nickerchen im Schatten gemacht, Diego und ich. Und mein Mädchen hat noch hundert mal gesagt, wie sehr sie langweilige Ausflüge liebt. Sie ist und bleibt einfach etwas sonderlich, aber Hauptsache die Keksrate stimmt.

Euer langweiliger Sir Duncan Dhu of Nakel

Struktur

Manchmal steht man ja auf dem Schlauch. Aber so richtig. Und ich glaube, das ist der Punkt an dem unterrichten am meisten hilft. Weil ich mich beim Unterrichten selbst an Dinge erinnere, die ich eigentlich längst weiß, aber die irgendwie so im Hintergrund verschwunden sind beim ängstlichen Blick auf meine eigenen Probleme, dass ich die offensichtliche Lösungsmöglichkeit einfach übersehen habe. Der Wald und die Bäume…

Na jedenfalls: Struktur. Als ich meinen NLP Practitioner gemacht habe, ging es ständig um Struktur. Gemeint ist in diesem Fall folgendes: der Araber, der zwar fein in den Anhänger einsteigt, aber Probleme bekommt, wenn man zu macht und er einfach mal ein bisschen da stehen soll, kann auch an der Aufsteigehilfe nicht gut für längere Zeit still stehen. Das ist eine Struktur, denn es geht weder um den Anhänger noch um die Aufsteigehilfe sondern darum, länger an einem Ort stehen zu bleiben und sich dabei entspannen zu können, während um einen herum vielleicht ein paar Dinge passieren.

Und jetzt glaube ich, die dahinter liegende Struktur gefunden zu haben, um die es bei Duncan mit den fremden Pferden geht. Der Anblick fremder Pferde bringt ihn in einen Zustand, in dem er nicht mehr wirklich mit mir kommuniziert. Er möchte sich dann bewegen – und zwar flott. Neben mir Schritt gehen ist kaum noch möglich und ich hänge wie ein Fähnchen im Wind an ihm dran. Da kann ich vorher Führen in Perfektion geübt haben, es ändert sich nicht. Aber jetzt glaube ich, das ist das gleiche Thema wie auf der Wippe, wo er so viel ausschachtet. Ich wurde ja belächelt dafür, dass ich mir darüber so viele Gedanken mache, aber ich wusste, es ist ein Signal für ein Problem. Und ich glaube, es gefunden zu haben: es geht um Energie, die sich nicht in Vorwärtsbewegung entladen kann. Auf der Wippe bewegt Duncan seine Hufe nicht, erzeugt aber – durch die Aufregung, weil er es so toll findet, zu wippen und dafür Kekse zu kassieren und auch durch die muskuläre Anstrengung – eine Menge Energie. Und die muss irgendwo hin. Und das Ausschachten ist das erste „Warnsignal“ dafür, dass zu viel Energie im Pony ist, die sich dann evt unschön entlädt (auf dem Trailplatz z.B. im Steigen).

Und so habe ich jetzt einen ganz neuen Ansatzpunkt um das Problem zu bearbeiten. Lernen, sich mit einem hohen Energielevel noch ruhig und kontrolliert zu bewegen und dann Energie wieder runter zu fahren im Stehen – ohne sie sich „ablaufen“ zu müssen – ist das eigentliche Thema. Und da habe ich so viele neue Übungsideen, dass ich am liebsten gleich anfangen würde (unsinnig bei 30 Grad im Schatten, also muss das auf besseres Wetter warten).

Es ist die Struktur hinter einem Problem, die uns den Lösungsweg zeigt. Dann können wir nämlich das selbe Verhalten in x verschiedenen Varianten und Übungen etablieren und so haben wir dann nicht nur das Problem wirklich an der Wurzel gepackt, sondern wir haben uns auch unter Umständen viel Arbeit gespart. Denn am Anhänger oder mit fremden Pferden zu üben erfordert immer Vorbereitung. Aber mal eben 10 Minuten auf den Reitplatz gehen und ein paar Übungen machen, dauert eben nur 10 Minuten. Und wir können in alles, was wir mit unseren Pferden tun, eben jene Qualität mit einbauen, die wir brauchen. So kann ich jetzt „fremde Pferde“ üben ohne fremde Pferde in Sichtweite.

Das, was Duncan und ich da üben dürfen, ist auch Frustrationstoleranz. Ein fremdes Pferd sehen, aber nicht hingehen dürfen, ist völlig unnatürlich – in der Natur könnten die Pferde untereinander entscheiden wann, wie und wo sie sich begegnen – und so führt es zu Frust, wenn keine echte Kontaktaufnahme möglich ist. Und auch Frustrationstoleranz kann ich mit Duncan an ganz anderen Stellen üben. Ich erwische mich dabei, dass ich das – als waschechte „Helikoptermama“ – oft vermeide. Diego darf grasen? Dann ist es doch unfair, wenn Duncan das nicht darf. Ich hatte den Keks schon in der Hand? Dann ist es doch blöd, wenn er den jetzt nicht bekommt. Dabei ist es so wichtig, zu lernen, so etwas auszuhalten. Ich weiß das, aber in meinem Gefühl ist es nicht angekommen. Also zwinge ich mich jetzt, solche Situationen bewusst zu nutzen, mein Pony mal zu frusten und es als Lernsituation zu sehen. So dass er besser aushalten kann, wenn er etwas nicht bekommt, was er eigentlich unbedingt will. Denn so ist das Leben. In der Natur würde so ein junger Hengst das wohl von den Stuten lernen, die ihm die Leviten lesen, wenn er beim Deckakt zu schnell zur Sache kommen will. Im Zusammenleben mit mir muss er das anderen Stellen lernen, aber letztlich ist es die gleiche Struktur.

An anderen Stellen hat Duncan solche Dinge schon gut verinnerlicht. Grundsätzlich gilt: wenn er Futter möchte und merkt, dass er es nicht bekommt, macht er langsamer und erhöht den Abstand zu mir. An dieser Stelle bin ich hoch zufrieden mit meiner eigenen Erziehungsarbeit, denn das habe ich anscheinend gut im Ponyhirn verankert. So war es auch ein leichtes, den Standard für „Keks aus der Hand nehmen“ nochmal etwas zu erhöhen. Ich halte den Keks in der geschlossenen Hand mit dem Handrücken nach oben und Duncan muss sein Mäulchen auch erst zu lassen, bevor ich die Hand drehe und öffne, damit er den Keks nehmen kann. Nur wenige Wiederholungen haben ihn nachhaltig dazu gebracht, das Aufreißen der Schnute zu unterlassen und ich glaube, es ging so schnell weil das Prinzip dahinter das selbe ist wie immer. Leicht zu verstehen und es gibt schon eine Datenautobahn im Gehirn für ähnliche Verhaltensweisen. Und so bin ich guter Dinge, dass das selbe auch für unsere einzige wirkliche Problemstelle funktionieren wird: die Begegnung mit fremden Pferden. Es mag dauern und es wird mir viel Aufmerksamkeit und das ein oder andere Gramm Hirnschmalz abfordern, alle möglichen Situationen zu finden oder zu ersinnen, in denen wir das gewünschte Verhalten üben können, aber ich bin erleichtert, dass wir doch nicht immer „in die vollen“ gehen müssen, denn allzu oft endete das jetzt nur in blöder Stimmung und nicht darin, dass mein kleiner Hengst wirklich Anstand erlernt hätte. Und einen Übungsplan zu haben, das Gefühl jeden Tag etwas tun zu können, macht mir Mut, dass wir auch diese Hürde meistern.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 274

Na das wurde aber auch mal wieder Zeit! Endlich mal wieder ein Dienstagsausflug mit meinem Ausreitkumpel! Ach das war fein. Nachdem es ja letztes Mal so ein Desaster war wegen der Fliegviecher hatte mein Mädchen sich das diesmal anders überlegt. Sie hat einfach von vornherein nur eine kurze Strecke geplant und das so, dass überall guter Boden zum Traben ist. So waren wir dann auch nur ca 40min unterwegs, 4,5km, davon aber 2,8km im Trab. Das ist für unsere Verhältnisse voll zügig! Und mein Mädchen war wieder perfekt zufrieden. Ich hab das alles großartig und wunderbar gemacht, sagt sie. Und mein Ausreitkumpel auch. Der übt jetzt galoppieren, immer mal ein kleines Stück. Und mein Mädchen feiert mich, weil mich das gar nicht interessiert, wenn er galoppiert – hinter mir, neben mir, vor mir, alles egal. Das einzige was mich interessiert ist, ob ich ihn nicht vielleicht doch zwischendurch mal kneifen kann. Einfach so, weil er da ist. Aber ich darf ja immer nicht! Blöd.

Ich übe jetzt was neues mit meinem Mädchen, nämlich erschrecken. Das war so: am Sonntag als wir so schön ausreiten waren und ganz gemächlich im Schritt herum gebummelt sind, bin ich plötzlich los geschossen. Aber keine Sorge, ich hab nur so zwei, drei schnelle Sprünge gemacht und dann wieder gebremst, weil mir klar wurde, dass das da hinter mir doch kein Säbelzahntiger war sondern nur einer von diesen Menschen auf Rädern, der fast kein Geräusch macht und plötzlich hinter einem auftaucht. Eine alte Jugenderinnerung kommt da in mir hoch! Naja mein Mädchen meinte dann, es wäre gut für sie, wenn ich mich mal erschrecke. Weil sie dann merkt, dass ich sie auch beim erschrecken nicht verliere und dass ich nicht los renne sondern nur einen kurzen Hüpfer mache. Und da fühlt sie sich sicherer, als wenn ich mich nie erschrecke, sagt sie. Also dachte ich: das können wir ja mal üben! Gestern stand da so eine Frau mit zwei Rädern plötzlich im Feld herum. Mein Mädchen hat sie gesehen und hat gedacht, ich hätte sie auch gesehen, aber so gegen die Sonne konnte ich es nicht so recht erkennen, was das ist. Und es sah dann doch für einen Moment aus wie ein Säbelzahntiger! Also bin ich vorsichtshalber mal zwei Meter zur Seite gesprungen. Nur um sicher zu gehen. Mein Mädchen hat gelacht und gesagt, jetzt hätten wir zur Seite springen auch erledigt und sie wüsste, dass ich sie da auch gut mit nehme und nicht fallen lasse. Siehst du, mein Mädchen, ich passe wirklich gut auf dich auf! Und schon war sie wieder stolz auf mich. Weil ich schon so groß und vernünftig und erwachsen bin.

Mit dem Mädchen vom Ausreitkumpel zusammen plant sie jetzt, die Trabstrecken nach und nach zu verlängern. Das klingt gut, da mache ich mit! Auch wenn die Fliegviecher hoffentlich bald weg sind und wir ihnen nicht mehr davon-traben müssen.

Euer trabender Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. für ein Foto war keine Zeit im Trab! Bei unserem spektakulären Tempo wäre es auch bestimmt ganz verschwommen gewesen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 273

Wir Ponys wissen, wie das Jahr läuft. Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt schließlich schon seit ein paar Millionen Jahren – und uns Pferde auch. Da hatten wir Zeit, das zu lernen: wann braucht man Winterfell, wann Sommerfell? Leider ist es aber so, dass die Herstellung von Winterfell eine Weile dauert. Da sind soooooo viele Haare zu produzieren! Also fangen wir lieber zeitig damit an, damit wir nachher nicht frieren. Sprich: sobald die Tage kürzer werden, legen wir los. Und das ist nun mal mitten im Sommer, also jetzt! Manche Menschen unken dann jedes Jahr rum, es würde einen harten Winter geben, weil wir ja schon Winterfell bekommen. Mein Mädchen muss dann immer lachen, weil sie ja weiß, dass wir das einfach immer so machen. Wir wissen genauso wenig wie ihr, wie der Winter wird. Jedenfalls kälter als der Sommer, so viel steht fest. Und wenn wir nachher auch bei Wind und Regen draußen sein wollen – und das wollen wir! – dann müssen wir Ponys uns rüsten. Mancher Araber spart sich das und verbringt den Winter im Unterstand, aber das wäre mir ja zu langweilig. Deswegen mache ich Winterfell. Und als waschechter Schotte mache ich sogar ein ganz besonders gutes Winterfell. In meiner genetischen Heimat ist es nämlich immer sehr windig, kalt und regnerisch und da haben wir Ponys uns angewöhnt, den winddichten Regenmantel gleich mit einzubauen und ein zweischichtiges Winterfell erfunden. Warme Unterwolle (Unterwäsche quasi) und raues, langes Deckhaar oben drüber. Da bleibt es immer warm und trocken auf der Haut, wie schottisch das Wetter auch sein mag!

So und weil ich ja Schimmel bin, ändere ich mit jedem Fellwechsel ein bisschen meine Farbe (bis ich irgendwann schneeweiß bin wie Merlin). Diesmal hab ich mir ganz was besonderes überlegt! Mein Mädchen war ganz aus dem Häuschen als sie das gesehen hat und hat versucht, es zu fotografieren (ging aber nicht so gut, sieht in Wirklichkeit irgendwie anders aus). Ich habe mir nämlich jetzt ein paar silberne Haare zugelegt! Als sie gestern in den Stall geschaut hat, da haben die richtig geglitzert im Sonnenlicht. Totschick ist das, sage ich euch!

In Wirklichkeit sieht das viel schöner aus, aber es war schwer zu fotografieren

Passend dazu, dass wir mit Winterfell anfangen, wird es dann nächste Woche richtig heiß. So ist das jedes Jahr, aber auch das sind wir Ponys schon gewöhnt…. Mein Mädchen und ich träumen derweil weiter vom Herbst.

Euer umrüstender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 272

Das Wetter ist heute super – windig und kühl – und also sind wir endlich mal wieder „richtig“ ausreiten gegangen. Mit der Wackelkiste los in das schöne Gelände wo ich mein Mädchen zum ersten Mal getragen habe. Da haben wir uns an den Frühling erinnert und gemerkt, wie weit wir seit dem gekommen sind! Wir waren alle sehr gut gelaunt und haben uns einfach eine schöne Zeit gemacht – ohne Hektik, ohne Stress. Zwischendurch hat mein Mädchen ein bisschen mit mir geübt, was sie mir auf dem Reitplatz gezeigt hat, nämlich dass ich meinen Kopf ein bisschen nach rechts oder links nehme, nur so eben. Das konnte ich schon voll gut. Außerdem hat sie mir gezeigt, dass ich viel besser laufen kann, wenn ich den Kopf ein bisschen höher nehme. Sonst laufe ich so in den Boden rein, sagt sie. Und tatsächlich hat sie recht! Da hab ich doch wieder was gelernt. Obwohl man ja dann auch mit der Nase weiter weg ist vom Gras, aber irgendwas ist ja immer.

Mein Mädchen war jedenfalls seeeeeeehr zufrieden mit mir, weil ich das alles so fein gemacht habe.

Als wir wieder zu hause waren, hat sie noch meine Dehnübungen mit mir gemacht. Gestern war nämlich wieder Osteopathie angesagt für mich, weil meine Hüfte ganz schief war. Die hat sich wohl beim Wachsen wieder verzogen oder vielleicht habe ich heimlich Quatsch gemacht und bin auf die Nase gefallen, das verrate ich aber nicht. Deswegen hat es auch auf dem Reitplatz nicht klappen wollen mit dem rechts abbiegen, sagt der Mann. Jedenfalls hat mein Mädchen sich geniert, weil sie nicht genug Dehnübungen mit mir gemacht hat, obwohl sie ja weiß, dass sie das machen soll. Tssssstssstsss. Das linke Hinterbein dehnt sie mir nach hinten unten, das rechte nach vorne oben. Das muss jetzt wieder regelmäßig sein! Ich find’s gut. Das ist ganz angenehm, da kann ich mich so rein sinken lassen. Und weil ich das so mag, bin ich dann nach der Übung einfach noch einen Moment so stehen geblieben und hab die linke Beckenseite geschmeidig hängen lassen. Das fand mein Mädchen gut und der Haus- und Hof-Osteopath auch.

Gaaaanz entspannt so stehen bleiben – kann ich und tut mir gut.

Was mein Mädchen auch super fand: sie konnte endlich ihren neuen Sattelwagen mal so richtig testen. Da ist alles drauf, was wir brauchen: der Sattel, die Steigbügel, die Weste, der Helm, die Reitertasche, die Chaps, Schwabbel und natürlich Satteldecke, Gurt und meine Zebrarüstung. Anstatt alles einzeln zum Auto zu schleppen, kann sie jetzt ihr ganzes Zeug einfach da hin fahren und vom Wagen ins Auto schmeißen. Und auf dem Rückweg natürlich genauso, nur umgekehrt: alles auf den Wagen und den nur fix in die Sattelkammer schieben. Da hat sie sich doll gefreut, wie komfortabel das doch ist.

Alles in einem Rutsch – das macht mein Mädchen froh!

Also: ein rundum gelungener Sonntag! Ich hoffe, ihr hattet es auch so fein wie wir, liebe Menschen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Seine Sprache

Manche Ausbilder behaupten ja von sich, sie sprächen „die Pferdesprache“. Na gut. Ich spreche Deutsch als Muttersprache und trotzdem verstehe ich oft nicht, was Menschen sagen. Ich persönlich finde Sprache extrem unzulänglich um komplexe Dinge wie Gefühle und Gedanken wirklich auszudrücken. Für mich ist Sprache oft eine Ansammlung von Missverständnissen, die man mit mehr missverständlichen Worten ausräumen möchte. Ich bin vielleicht an der Stelle empfindlicher, weil ich vieles, was andere von Natur aus zu können scheinen, mühsam lernen musste. Ich habe Jahre gebraucht um einigermaßen klar zu kriegen, was Leute meinen könnten, wenn sie dies oder jenes sagen. Und umgekehrt stelle ich fest, dass viele Menschen nicht verstehen, was ich meine – obwohl ich mir Mühe gegeben habe mich klar auszudrücken.

Nun kommt also jemand und sagt er spricht „die Pferdesprache“ und da muss ich kichern. Denn ich glaube nicht, dass es „die Pferdesprache“ gibt. Ein Warmblut kommuniziert anders als ein Spanier und ein Araber unterscheidet sich auch in seiner Sprache deutlich vom Shetlandpony. Klar, es gibt wohl mehr Überschneidungen als zwischen Deutsch und Chinesisch, immerhin können die Pferde sich grob verständigen wenn sie aufeinander treffen. Aber ob sie sich wirklich verstehen hängt davon ab, wie viel Zeit sie miteinander verbringen und wie sehr sie interessiert sind an gemeinsamer Kommunikation. Und jemanden verstehen ist ja auch so viel weniger als ein Gespräch dann auch als angenehm zu empfinden. Klar kann ich mit jemandem über das Wetter sprechen und wir können uns darüber unterhalten wer es lieber sonnig mag und wer lieber kühl. Sinnstiftend ist das eher selten und meistens führe ich so ein Gespräch eher aus Höflichkeit (oder Verzweiflung) weil ich mit der Person einfach nicht über das sprechen kann, was mir wichtig ist.

Jetzt können wir behaupten, dass es unter Pferden eher essentieller zu geht „steh mir nicht im Weg“, „das ist mein Heu“ oder „wollen wir Fellkraulen?“ aber ich bin überzeugt, dass es auch hier einen Unterschied im Wohlgefühl macht, ob die Pferde leicht und natürlich kommunizieren können (z.B. in ihrer vertrauten Herde) oder ob sie sich mit einem fremden Pferd verständigen, dessen Antwort sie vielleicht nicht ganz einschätzen können und von dem sie nicht wissen, wie es reagiert.

Als Duncan hier einzog, musste er mühsam die Sprache bzw die Gepflogenheiten der Ponys hier erlernen. Inzwischen können wir beobachten, wie er mit seinem Charakter dazu beiträgt, dass die Kommunikation in der Herde sich verändert. Neulich zum Beispiel standen alle Pferde im Stall. Caruso ging allein raus. Mitten auf dem Paddock bleibt er plötzlich stehen und wiehert. Aus dem Stall kommt Antwort – von Duncan. Einige Minuten später kommt Duncan heraus und geht zu Caruso, der im Paddock gewartet hat. Vielleicht bedeutete Duncans Wiehern „ich komme gleich, ich möchte nur noch diese letzten Heuhalme verputzen“. Die beiden ziehen gemeinsam weiter. So ein Verhalten habe ich in unserer Herde bisher nie beobachtet – dass einer den anderen ruft, der andere dann auch antwortet und eine Verabredung entsteht, das kenne ich nicht. Ich weiß aber, dass Duncan öfter mal wiehert, vor allem in Richtung Nachbarn. Und ich weiß fast nie, wen genau er damit meint und was es bedeutet, denn oft passiert danach nichts. Sagen wir: nichts, was ich mitkriegen würde. Ich höre keine Antwort und Duncan macht einfach weiter mit dem was er davor auch getan hat.

Manchmal passiert aber doch etwas. Wenn beim Nachbarn ein Pferd weg geht und das andere einsam zurück bleibt und wiehernd herum galoppiert, dann ist Duncan der einzige von unseren Jungs, den das (manchmal) interessiert. Dann läuft er zur Grundstücksgrenze, wiehert und galoppiert ein bisschen mit, um dann abrupt stehen zu bleiben und zu fressen. Vielleicht wiehert er nochmal kurz, aber die Aufregung, die vor ein paar Sekunden herrschte, ist plötzlich verpufft, obwohl das Spektakel auf der anderen Seite des Zauns weiter geht.

Mein Duncan – dem man seine Laune eigentlich drei Meilen gegen den Wind ansieht – stellt mich noch manches Mal vor Rätsel. Was will er mir sagen, was will er den anderen sagen? Aber die anderen scheinen ihn ja zu verstehen. Im Laufe der Zeit habe ich heraus gefunden, dass Duncan viel über Blicke kommuniziert. Die Art, wie er mich anschaut, wie er seinen Kopf bewegt, wie seine Augen geformt sind und wie er blinzelt, hat eine große Bedeutung und scheint sich bei ihm mehr zu verändern als bei den anderen Ponys. Aber ich brauche wohl noch mehr Zeit um das endgültig zu entschlüsseln.

Wenn ich mit Schülerpferden arbeite, brauche ich manchmal eine Übersetzung durch den Menschen. Denn zur Muttersprache „Pferdesprache“ kommt ja bei unseren Pferden noch eine erlernte Sprache dazu und beides kann sich munter mischen. Wenn Duncan weg schaut, dann heißt das eben nicht, dass er kein Interesse hat, sondern es ist seine Art, um einen Keks zu bitten – weil er das von mir gelernt hat. Das ist aber keine Pferdesprache. Vielleicht ist es das, was es so extra kompliziert macht. Es erinnert mich an ein Geschwisterpaar bei dem ich mal zum Babysitten war. Die beiden wurden zweisprachig erzogen, Deutsch und Englisch. Und ich hatte Stress, denn die Kinder wechselten die Sprache unglaublich schnell, so dass mein Gehirn oft so lange brauchte um herauszufinden, welche Sprache das ist, dass die Situation längst vorbei war, als ich endlich wusste, was gesprochen wurde.

Jedes Pferd-Mensch-Paar entwickelt seine eigene Kommunikation. Aber oft bleiben Dinge auch über Jahre unklar – in die eine, wie auch in die andere Richtung. Menschen wird oft gesagt, ihr Pferd sei „dominant“ oder „stur“ obwohl das Pferd nur etwas falsch verstanden hat. Pferde hingegen bringen ihren Menschen oft bei, sich auf bestimmte Arten zu verhalten ohne dass die Menschen es merken. „Gib mir sofort den Keks!“ funktioniert oft erstaunlich gut und Menschen merken gar nicht, wie sie sich anrüpeln lassen und dass sie ihrem Pferd beigebracht haben, dass das ein normaler Umgangston ist.

Überhaupt: der Umgangston. Da Pferde fast immer ohne Laute kommunizieren, äußert sich der Umgangston eher in Gesten: wer fasst wann wen an und wer dringt in den Raum des anderen ein? Wie gut beachte ich die kleinen Signale meines Pferdes? Duncan zum Beispiel will fast nie gekrault oder gekratzt werden. Im Fellwechsel hat er dann aber doch mal eine „Genusslippe“ gemacht, als ich mit der Bürste über seinen Hals ging und ich dachte, er will da mal tüchtig gekratzt werden. Aber als ich dann den Gummistriegel nahm, erntete ich einen sichtlich empörten Blick: das war ihm viel zu doll! Bitte nur mit der Bürste, mit schönen, langen Strichen, das wollte er!

Ganz oft müssen wir es einfach ausprobieren um es heraus zu finden. Wild drauf los raten, was unser Pferd meinen und wollen könnte, Hypothesen aufstellen und überprüfen. Und wenn uns das schwierig erscheint, dürfen wir uns daran erinnern, dass es den Pferden so oft genauso geht mit uns. Auch unsere Pferde müssen oft raten und sie müssen raten dürfen, um heraus zu finden, worum wir sie da gerade bitten. Und mit ein bisschen Geduld und Spucke von beiden Seiten wird daraus nach und nach eine gemeinsame Sprache.