Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 282

Manchmal denke ich, mein Mädchen ist besessen von unseren Äppelhaufen. Also ich meine: ich mag Äppelhaufen. Ich rieche da gerne dran und ziehe mir Informationen daraus wie ihr aus einer Zeitung. Die neuesten Gerüch(t)e quasi! Und manchmal scharre ich sie auseinander um noch mehr riechen zu können. Gelegentlich lege ich danach einen von meinen Äppelhaufen oben drauf. Mein Mädchen sagt, ich soll das mal ruhig so machen, dann ist es einfacher, das alles einzusammeln. Aber in der Regel lasse ich wie alle anderen hier auch einfach fallen wenn ich muss. Keine Umstände machen wo keine sind.

Aber mein Mädchen ist wirklich besessen. Nicht nur, dass sie regelmäßig Haufen einsammelt und mit der Post verschickt, jetzt weicht sie sie auch noch in Wasser ein! Tagelang stand das Glas da herum, mit ein paar Äpfelchen von Caruso und einer Menge Wasser.

Äppel in Wasser? Echt jetzt?

Dann hat mein Mädchen kritisch geguckt. „Sand!“ hat sie gesagt. Tatsache, eine kleine Sandspur hatte sich unten im Glas abgesetzt. Das hatte sie schon befürchtet, weil es ja die letzten Wochen so trocken war und wir beim knabbern im Paddock und wahrscheinlich auch auf der Weide dann so viel Sand futtern. Der ist natürlich in größeren Mengen nicht so gut für unseren Darm! Die gute Nachricht ist: gegen Sand braucht man keine Ekelpaste. Gegen Sand hilft Schmatzofatz! Und Schmatzofatz ist lecker. Nur schwierig zu essen, aber egal.

Schwierig zu essen aber lecker!

Wenn wir eine Weile Schmatzofatz bekommen haben, fangen unsere Äppelhaufen extra schön an zu glänzen. Und das Schmatzofatz soll den Sand mit raus-schleimen quasi. Mal sehen ob das funktioniert! Bald ist die Tüte leer geschmatzt, dann wird sie wohl wieder Äppel in Wasser einweichen und das kontrollieren. Wir Ponys hätten aber auch nichts dagegen noch öfter Schmatzofatz zu essen, nur mein Mädchen findet das umständlich. Weil sie es immer vorher einweichen muss und wir dann ungeduldig sind. Und weil es überall fest klebt, wenn man nicht aufpasst. Sie mag lieber einfach ein paar trockene Zutaten in unsere Schüsseln werfen und fertig ist das Essen. Na, wir werden ja sehen was passiert!

Euer schmatzender Sir Duncan Dhu of Nakel

Komfortzone

Da sind wir wieder – in unserer Komfortzone. Und als ich mich auf die Suche machte nach einem passenden Zitat zum Thema musste ich feststellen, dass ich anscheinend nicht normal bin (Überraschung!) oder dass ich da was falsch verstehe. Denn irgendwie läuft es darauf hinaus, dass das Verlassen der eigenen Komfortzone bewirken soll, dass man sich nachher gut fühlt. Aber ich bin nur erschöpft. Vielleicht war ich wirklich zu weit draußen – mindestens zwischenzeitlich war ich definitiv in der Panikzone. Und mit zwischenzeitlich meine ich ungefähr ein Drittel der Zeit.

Aber mal von vorn: Anfang des Jahres habe ich in einem Anfall von Wahnsinn – und weil es ja noch so komfortabel weit weg war – den Kurs bei Elsa Sinclair gebucht. Als aktive Teilnehmerin mit meinem eigenen Pony. Und jetzt war es so weit: Duncan, Diego, Arnulf und ich fuhren 4 Stunden mit dem Anhänger gen Süden um Elsa zu sehen und von ihr zu lernen. Die gute Nachricht ist: wir haben gelernt. Alle meine Fragen wurden beantwortet (was bedeutet, dass mein Kopf in den nächsten Wochen und Monaten einen Haufen neue Fragen generieren wird). Die schlechte Nachricht ist: es war uns viel zu viel. Und jetzt sind wir vollkommen erschöpft. (Die gute Nachricht in der schlechten: ich wusste das vorher und habe genug Zeit zum Auftanken eingeplant bevor der Alltag wieder startet. Dachte ich. Noch eine Woche mehr wäre allerdings besser gewesen ….)

Elsa ist die Pferdefrau, die es wirklich schafft, mich wieder zum kompletten Anfänger zu machen. Und offensichtlich nicht nur mich: viele, die auch schon mehrere ihrer Kurse mit gemacht haben, fallen regelmäßig in Verzweiflung weil sie das Gefühl haben, das nie zu verstehen. Im Grunde ist es ja ganz einfach: geh in Harmonie mit dem was du magst und raus aus der Harmonie wenn du es nicht magst. So weit, so simpel. Und so sagt Elsa immer wieder „ich wundere mich, dass die Leute immer wieder kommen, es ist doch so einfach!“.

Aber ganz so einfach ist es dann eben doch nicht – weil Pferde so unterschiedlich sind und weil uns Anfängern die Erfahrungswerte fehlen. Weil die Zeichen der Pferde anfangs so klein sind und die Fortschritte auch, so dass die Frage „wird es besser oder wird es schelchter?“ irgendwie nicht zu beantworten ist. Elsa macht seit 11 Jahren nichts anderes, ich glaube ihr, dass es dann einfach ist. Ich saß vor 4 Jahren zum ersten Mal auf einem ihrer Kurse und war völlig erschlagen davon, dass ich da gar nichts verstehe. Zwei Tage lang habe ich mich nur gefragt, was sie da tut, warum sie es tut und wozu es führen soll. Immerhin diese Fragen konnte ich klären. Dann kam Duncan und hat komplett anders reagiert als die Pferde in den Kursen und ich wusste nicht weiter. Und so haben wir ihn also eingepackt und mitgenommen. Und das hat sich auch gelohnt, denn all meine „Duncan-spezifischen“ Fragen wurden beantwortet.

Aber es war auch die Hölle, ehrlich gesagt. Als echte „Helikopter-Pony-Mama“ habe ich mir Tag und Nacht Sorgen gemacht, dass mein kleiner Hengst den Zaun überwinden, sich verletzen oder eine Stresskolik bekommen könnte. Auf dem Hof kehrte keine Ruhe ein, was vor allem einem Hengst geschuldet war, der in einem winzigen Paddock in Sichtweite des Reitplatzes wohnte und alle nervös bzw alle Stuten rossig gemacht hat. Immer wenn gerade Ruhe eingekehrt war, fing er an zu schreien (wiehern kann man das eher nicht nennen) und eine Kaskade von Antworten kam zurück – von Duncan, von den Stuten auf der entfernteren Weide und von einigen Pferden dazwischen. So konnten unsere beiden Jungs offensichtlich nicht schlafen – ich bezweifle, dass sie gelegen haben in den 6 Tagen die wir dort waren – und Duncan konnte nicht wirklich zur Ruhe kommen.

Ich persönlich brauche jetzt so schnell keine Abenteuer mehr. Ich freue mich über die Ruhe und den Frieden hier bei uns – als wir zu hause waren habe ich die Fenster aufgemacht um „die Stille rein zu lassen“. Die Stille, die natürlich keine ist, sondern Vogelgezwitscher, Ponyhufe die über den Paddockboden knirschen, raschelnde Blätter und solche schönen Geräusche. Wenn dann – was ja manchmal vorkommt – beim Nachbarn mal ein Pferd geschrien hat (das machen die – glaube ich – wenn sie getrennt werden, zum Glück nicht so oft) – lief es mir eiskalt den Rücken runter. Inzwischen geht es wieder.

Und das nächste Mal, wenn wir unsere Komfortzone verlassen, werde ich sicher stellen, dass wir nur eben den großen Zeh über die Grenze schieben. Damit wir danach auch wirklich glücklich sind.

Duncan hingegen hat das alles schnell weg gesteckt. Ein bisschen pubertär war er die ersten Tage unterwegs, hatte mir und den anderen Ponys gegenüber vergessen was so grundsätzliche Regeln sind – man kann ja mal nachfragen. Als wir am Dienstag wieder mit dem Spaziergehkumpel los gezogen sind, hatte ich als erstes Mal ein Verladeproblem: Duncan wollte nämlich schon in den Anhänger einsteigen bevor ich fertig war mit putzen – ein sicheres Zeichen dass es ihm nicht zu viel war. Und nachdem wir dann einen schönen Ausflug gemacht haben, scheint es jetzt auch mit der Pubertät wieder vorbei zu sein (mal sehen). Und so sehr ich mich selbst überfordert habe, ist es mir doch so herum lieber als anders herum: wenn der Mensch fand, es war ein schönes Abenteuer und das Pferd überfordert ist. Das ist nämlich schwieriger zu reparieren und oft für den betroffenen Menschen auch schwieriger zu erkennen.

Und jetzt freue ich mich auf die Ausreitsaison – ohne Mücken und ohne Hitze und möglichst ohne Abenteuer. Mitten in unserer Komfortzone halt.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 281

So, hier kommt er, mein Abenteuerbericht für Euch!

Also am Donnerstag sind Diego und ich in die Wackelkiste geklettert und laaaaaaange gewackelt worden. Wir machen uns da ja nix draus, wir nutzen die Zeit sinnvoll mit Essen und Dösen. Schließlich sind wir auf einem Pferdehof angekommen. Dort haben wir ein Stück Wiese bezogen oder einen Paddock mit etwas Gras – kann man so sehen oder so. Ich hab erst mal den Zaun gecheckt und befunden, dass man da sehr gut den Kopf dran drücken kann um zu sehen ob das Gras auf der anderen Seite vielleicht grüner ist. Aus unerfindlichen Gründen fand mein Mädchen das nicht witzig, so dass sie dann direkt angefangen hat, einen zweiten Zaun etwas weiter innen zu bauen. Und der war bissig, so wie unser Zaun zu hause. Hatte sich was mit grünerem Gras! Was viel blöder war: ich hatte echt keine Chance zu den vielen anderen Pferden zu gehen die da waren. Da war immer ein Gerufe unter den Pferden, der Hengst von gegenüber war sehr aufgeregt (aufgeregter als ich!) und wenn der gewiehert hat, haben andere geantwortet – da hab ich dann auch gleich mal mit gemacht.

Am nächsten Tag zog dann nebenan ein Pferd aus und ein anderes zog ein, da war ich auch ziemlich aufgeregt. Mein Mädchen war schon fertig mit den Nerven, weil ich dauernd so aufgeregt war. Allerdings hat sie dann mal meinen Puls gemessen und mich direkt streng angeschaut. Sie meinte, ein Puls von 40 wäre so verräterisch niedrig, dass ich so aufgeregt gar nicht sein könnte! Es sei wohl mehr Angeberei, dass ich da so viel trabe und trompete, meinte sie.

Am Samstag ging es dann richtig los, da kamen ganz viele Menschen und haben sich direkt vor unserem Paddock ausgebreitet! Da war nämlich der Reitplatz und da haben die alle hin geschaut. Nun war es mir ja egal dass da so viele Menschen sind, aber sie haben mir die Sicht auf die Pferde auf dem Reitplatz versperrt, das war ärgerlich. Wollte doch gucken wer da so kommt und geht! Dann ging der Kurs mit Elsa los. Ich habe mir sagen lassen, das andere Kurse anders ablaufen. Aber auf diesem Kurs war es so, dass Diego und ich die ganze Zeit in unserem Paddock bleiben durften. Und wir durften auch machen was wir wollten. Mein Mädchen hat derweil das Rumstehen geübt. Das könnt ihr Menschen ja nicht so gut! Aber ich soll da auch noch was lernen. Also es ist so: es sieht ja ganz einfach aus, so zusammen herum zu stehen. Aber mein Mädchen hat da nicht so viel Ahnung von und dann steht sie gern mal zur falschen Zeit am falschen Ort oder sie bewegt sich zu schnell oder zu langsam oder überhaupt ganz verkehrt. Und das REGT MICH AUF! Dann maule ich sie an. Elsa meint aber, das wäre ganz kindisch und unerwachsen. Erwachsen und vernünftig wäre, wenn ich deutlich, aber freundlich sage, was mir nicht gefällt, so dass mein Mädchen die Chance hat, es besser zu machen. Und noch erwachsener wäre, wenn ich es schaffe, einfach weg zu gehen, falls sie es dann immer noch falsch machen sollte. Das soll ich jetzt lernen. Und gleichzeitig lerne ich dabei, meine eigenen Gefühle zu regulieren, indem ich auch mal an was anderes denke als an das, was mich grad so aufregt (sei es, dass mein Mädchen falsch steht oder dass da fremde Pferde sind oder was auch immer). Fokuswechsel heißt das.

Normalerweise ist mein Mädchen ja diejenige, die die Verantwortung trägt. Sie bestimmt, was wir machen und meistens mache ich das gern oder ich bekomme einen Keks dafür. Ich hab da schon auch Mitspracherecht aber sie hat das letzte Wort und trifft die Entscheidungen. Manchmal – das ist aber bisher ganz selten passiert – läuft alles schief. Dann sage ich ihr, dass ich ein Problem habe, aber sie hört mich nicht. Und dann mache ich was blödes. Und auch deswegen ist es wichtig, dass ich lerne, es nochmal und nochmal und deutlicher zu sagen wenn ich ein Problem habe. Damit ich nix blödes mehr machen muss, sondern mein Mädchen mich versteht und mir helfen kann. Dafür soll ich toleranter werden und eben besser mit ihr reden. Und damit ich das lerne, sagt sie mir beim Rumsteh-Training GAR NICHTS was ich machen soll. Ich mache das, was ich halt so denke und sie steht mit mir herum. Und an der Art, wie und wo sie so steht oder geht, kann ich erkennen, was sie von dem hält, was ich da so mache. Ich weiß, für euch Menschen ist das schwer zu verstehen, aber für uns Ponys ist das voll normal. Das machen wir 24 Stunden am Tag untereinander und das von Geburt an, da kennen wir uns aus. Ihr Menschen halt nicht und deswegen macht ihr da voll viel falsch.

Mein Mädchen findet das irre schwer. Weil sie eine Fremdsprache lernen muss. Na, ich hab ja auch deine Sprache gelernt mein Mädchen, da musst du dich halt jetzt mal anstrengen!

4 Tage lang ging der Kurs. Am letzten Tag war mein Mädchen schon völlig platt. Als dann mein Nachbar ausgezogen ist und weg gefahren wurde fand ich das richtig blöde und hab mich ordentlich aufgeregt. Ich war nämlich auch etwas übermüdet weil ich nicht so richtig zum schlafen gekommen bin die ganze Zeit. Diego war auch müde. Und so waren wir heil froh als am Mittwoch alles vorbei war und die Menschen uns in die Wackelkiste gebracht haben. Kaum standen wir da drin, sind wir beide im Stehen eingeschlafen. Ich hab die Fahrt einfach geschmeidig verpennt und Diego weitgehend auch. Zu hause musste ich dann den anderen Ponys schnell zeigen, dass ich doch ein bisschen mehr Hengst geworden bin in den Tagen die wir weg waren. Es hat sich aber niemand beeindruckt gezeigt und also hab ich gedacht, ich lasse das mal wieder. Die Jungs hier mögen mich lieber entspannter, das weiß ich ja auch. Und als ich dann erst mal wieder zur Ruhe gekommen war, ging es auch wieder.

Jetzt üben wir das mit dem Rumstehen hier zu hause weiter. Mein Mädchen ist ganz fröhlich, weil sie es so viel besser verstanden hat. Jetzt wartet sie darauf, dass ich erwachsen werde, während sie herum steht. Elsa hat gesagt, das kann dauern. Aber mein Mädchen ist ja so stur, ich glaube es ist ihr egal, wie lange es dauert. Und außerdem können wir ja trotzdem all unsere schönen Abenteuer zusammen erleben – dann entscheidet mein Mädchen und alles ist gut.

Euer erwachsen-werdender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 280

Liebe Menschen,

wie einige von euch schon wissen, waren wir auf grooooooßer Abenteuer-Fahrt. Viele von euch warten schon ganz gespannt auf die zwei Berichte darüber – meinen und den von meinem Mädchen.

Im Moment sind wir aber beide sehr müde und haben ganz viel zu denken und zu verarbeiten. Und wir müssen beide Schlaf nachholen. Also wird es noch ein bisschen dauern mit dem ausführlichen Bericht, ich hoffe ihr versteht das.

Ich konnte nicht gut schlafen, weil da so viele fremde Pferde waren und einige von denen haben immer wieder gewiehert wenn ich gerade ein Nickerchen machen wollte. Mein Mädchen konnte nicht schlafen, weil sie Angst hatte, dass die anderen Pferde mich so durcheinander bringen, dass ich durch den Zaun will oder Bauchweh bekomme oder so was. Und dann haben wir beide ja auch noch „ganz nebenbei“ versucht, viele neue Dinge zu lernen! Ich soll nämlich lernen, mich klarer auszudrücken und mein Mädchen soll lernen, mich besser zu verstehen. Außerdem soll ich ganz fürchterlich erwachsen werden, das bedeutet, meine Emotionen besser im Griff haben und mich selbst regulieren. Normalerweise bin ich ja ein sehr entspannter Geselle, aber ich komme ehrlich gesagt noch nicht so gut klar mit Aufregung wie erwachsene Pferde – zum Beispiel Diego der Große. Kann ich aber lernen, und mein Mädchen kann mir dabei helfen.

Ich erzähle euch noch mehr davon, sobald wir unsere Köpfe sortiert haben – mein Mädchen ihren und ich meinen. Versprochen!

Bis dahin genießt das schöne Wetter (mein Mädchen ist glücklich, ihre Lieblings-Jahreszeit fängt an!).

Euer übermüdeter Sir Duncan Dhu of Nakel der froh ist wieder zu hause zu sein und entspannen zu können

Gut genug

Ich unterrichte fast ausschließlich Frauen. Und so habe ich in den letzten Jahren viel über Frauen gelernt – vor allem dass sie sich anscheinend nie gut genug finden. Selbst die, die nach außen eine große Klappe haben, sind im inneren oft unsicher.

Da Pferde so fein sind in ihrer Wahrnehmung und da es in meinem Unterricht so oft darum geht, wie wir die Beziehung zu unserem Pferd gestalten und weniger um Technik, kommt früher oder später mal das eine oder andere Thema zur Sprache. Manche Frauen erzählen mir dann viel und wollen alles mal los werden. Manche deuten nur an und lassen viel Interpretationsspielraum. Bei manchen sage ich mal was, was ich anhand des Verhaltens ihres Pferdes so vermute – immer mit der deutlichen Ansage, dass ich nur vermute und völlig falsch liegen kann. Dann entsteht daraus ein Gespräch. Viele dieser Frauen scheinen zu glauben, dass sie die einzigen sind, die sich selbst nicht gut genug finden. Und das stört mich persönlich fast mehr, als dass sie sich selbst nicht gut genug finden (das kann ja auch erst mal ein Ansporn zur Verbesserung sein). Liebe Frauen: nach meiner Erfahrung finden sich fast alle Frauen nicht gut genug. Ihr seid damit nicht allein, es wird nur nicht offen darüber gesprochen (weil alle glauben, damit allein zu sein – ein klassischer Teufelskreis).

Ein besonders sensibler Tinker in meinem Kundenkreis, der ein paar merkwürdige Verhaltensweisen zeigte (z.B. dass Lektionen, die er eigentlich konnte, plötzlich „verlernt“ waren) lehrte mich die volle Bedeutung dessen, was wir Menschen neben dem Pferd so denken und fühlen. Ich wunderte mich nämlich, warum bei diesem Pferd so schnell eine Art Verzweiflung eintrat, wenn etwas nicht 100% klappte. Er gab dann auf und hörte auf, es zu versuchen. Nach etwas Forschungsarbeit konnte ich den Zusammenhang dann ergründen: der Tinker fühlte sich kritisiert, wenn seine Besitzerin sich selbst in Gedanken kritisierte, so dass ich am Verhalten des Pferdes ablesen konnte, wie die Besitzerin mit sich selbst spricht. Ich bat sie – wenn sie es schon nicht für sich selbst tut – wenigstens ihrem Pferd zuliebe die Selbstkritik beiseite zu lassen und das Pferd fing sofort an, motiviert mit zu machen.

Eine andere Schülerin sagt mir „es reicht nicht“. Das ist ihr Satz, mit dem sie sich selbst kommentiert „es ist nicht genug“. Die Frauen, die sich jetzt hier wieder erkennen (ich tippe mal, es sind ziemlich viele!) dürfen sich mal folgendes fragen: wann wäre es denn „gut genug“? Meistens wenn ich diese Frage stelle gibt es zwei Versionen von Antwort: die eine ist (wenn auch oft versteckt formuliert) dass es „gut genug“ ist, wenn es perfekt ist. Tja, liebe Damen, da möchte ich an den kürzesten Reiterwitz erinnern: Ich kann’s. Mit reiten lernen ist man nämlich nie fertig und das bezieht auch all die anderen Dinge rund ums Pferd mit ein. Also schminkt euch das ab mit der Perfektion. Dazu kommt: der Trainer oder „Star“ den ihr vielleicht bewundert, verbringt sein ganzes Leben mit Pferden und arbeitet jeden Tag mit verschiedenen Pferden. Die Freizeitreiterin hat aber ein, vielleicht zwei Pferde und für die hat sie ein paar Stunden in der Woche Zeit. Dieser Vergleich wird immer zugunsten des Trainers oder der Ausbilderin ausfallen und deswegen ist sie ja die Ausbilderin!

Andere Antworten auf die Frage wann es „gut genug“ ist, sind oft so wischiwaschi formuliert, dass klar ist: „gut genug“ ist ein völlig undefinierter Begriff. So etwas wie „gleich“ oder „später“. Damit drückt frau sich offensichtlich davor, sich vielleicht mal eingestehen zu müssen, dass sie an vielen Stellen längst „gut genug“ ist. Oder Frauen glauben, sie seien „gut genug“ wenn sie die nächste Stufe erreicht hätten (also wenn z.B. das Schulterherein mit dem Pferd endlich klappt). Das ist aber natürlich Selbstbetrug, denn bei all den Stufen davor hat es ja auch nicht funktioniert – sie fühlte sich nicht „gut genug“ als das Pferd mit Reiter traben konnte und nicht „gut genug“ als das Pferd mit Reiter galoppieren konnte, also wird sie sich auch nicht „gut genug“ fühlen wenn das Schulterherein klappt und sogar dann nicht wenn das Pferd piaffiert, passagiert und fliegende Wechsel springt.

Was in unserer Gesellschaft irgendwie immer so falsch verstanden wird: „gut genug“ bietet trotzdem Spielraum für Verbesserung. Nur eben ohne Drama, ohne Kritik, ohne Selbstgeißelung. Dafür mit Spaß an der Sache. In einem interessanten Umkehrschluss finden viele Frauen übrigens, dass ihr Pferd alles ganz wunderbar macht. Da ist es ganz schnell „gut genug“, wie halbseiden das Angebot des Pferdes auch gewesen sein mag. Kritisieren tun sich die Menschen viel mehr selbst. Aber hier ist das Problem: nach meiner Erfahrung unterscheiden die Pferde nicht, ob der Mensch sich selbst kritisiert oder das Pferd. Sie fühlen die Kritik und fühlen sich kritisiert. Und daher, liebe Frauen, hier meine Bitte: tut es doch für eure Pferde. Glaubt doch mal daran, dass das, was ihr tut, gut genug ist. Und noch besser werden kann – ein Leben lang.

Die perfekte Reiterin gibt es nicht, genauso wenig wie den perfekten Stall und das perfekte Gesundheitsmanagment mit dem Euer Pferd nie krank wird und sich nie verletzt (und am besten niemals stirbt). Ich bin sehr dafür, dass wir uns alle stetig verbessern. Ich bin auch dafür, dass wir das mit Spaß und Freude tun und uns gegenseitig dabei unterstützen, anstatt uns noch anzuzicken und uns das Leben schwer zu machen. Und ich glaube die Basis dafür ist der Punkt an dem wir sagen „es ist gut genug“.

Ich bin keine Psychologin. Ich habe das – wie immer – von den Pferden gelernt. Immer, wenn ich einem ängstlichen, überforderten oder verwirrten Pferd vermitteln kann „das was du da anbietest ist gut genug“ geschieht eine wundersame Wandlung. Und ausnahmslos alle diese Pferde haben sich danach massiv verbessert. Wegen zwei kleiner Worte: GUT GENUG.

Erhaltung

Meine Schwester lebt in einer anderen Welt als ich. Sie sagt immer, wenn wir telefonieren, besuchen wir uns gegenseitig in unseren fremden Welten. Als Theologie-Professorin ohne Interesse an Tieren hat sie keine Vorstellung, wie es bei mir läuft. Und ich habe keine Vorstellung, wie es bei ihr läuft. Vertragen tun wir uns trotzdem und wir haben auch immer was zu reden. Wäre sie nicht meine Schwester, würde ich ihr aber wohl mein Lebtag nicht begegnen – komische Vorstellung.

Trotz aller Unterschiede gibt es immer wieder interessante Punkte, die die eine anspricht und die für die andere genauso gelten. Einer dieser Punkte war, als sie sich ein bisschen beschwert hat, dass man im Leben so irre viel Zeit und Energie darauf verwenden muss, überhaupt nur den Zustand zu erhalten. Sie würde ja so gern viel mehr forschen und lesen und schreiben, statt dessen muss man aber diese banalen Dinge tun, die man eben tun muss: sich waschen, was essen, einkaufen, Wäsche waschen, Sport machen (nur um Muskeln auf dem aktuellen Stand zu halten! Das ist wirklich gemein) und was der gleichen Dinge mehr sind. In meinem Kopf sah die Liste etwas anders aus, aber ich wusste natürlich sofort wovon sie redet: Mist absammeln – jeden Tag wieder! Die Ponys füttern – jeden Tag wieder! Hufe raspeln – alle paar Wochen wieder! Dauernd muss der Zaun frei geschnitten werden und reparieren muss ich ihn auch ständig. Und so weiter. Die meiste Lebenszeit geht dafür drauf, den Zustand zu erhalten. Und während wir uns darüber unterhielten, dass das merkwürdig ist und ein bisschen wie Verschwendung wirkt, dachte ich „das gilt auch für Pferdeausbildung“.

Da nennt sich das „Beständigkeit“ (manche sagen „Konsequenz“). Jedes Mal, wenn ich mein Pferd aufhalftere, führe, ihm einen Keks gebe, aufsteige, Hufe auskratze, putze….. egal was ich mache, das meisten davon wird nur dann funktionieren, wenn ich genügend Zeit und Energie in die Erhaltung des Zustandes stecke. Also: wenn ich möchte, dass mein Pferd beim Aufhalftern still hält, dann darf ich das jedes Mal einfordern. Ja, eine Ausnahme ist nicht schlimm, wenn ich es mal eilig habe und das Pferd vielleicht nicht gut drauf ist. Aber wenn ich zwei, drei Ausnahmen gemacht habe, wird das Pferd in Frage stellen ob es immer still halten muss. Duncan zeigt mir das bei der Fütterung von Keksen. Bin ich beständig genug, ihm nur dann etwas zu geben, wenn er 1. nicht an der Tasche nestelt und 2. seine Schnute zu lässt anstatt wie ein Krokodil nach meiner Hand zu haschen? Dann bleibt der Ritter sehr anständig. Da Futter so einen hohen Belohnungswert hat, gilt es, besonders aufmerksam zu sein. Ein paar mal zu nachlässig mit den Höflichkeitsregeln und schon kann ich zuschauen, wie sein Verhalten sich verändert. Und ja, es kostet Zeit, den Keks wieder weg zu nehmen, neu anzufangen, manchmal drei mal bevor es klappt. Und in der Zeit hatte ich nun eigentlich was anderes vor….

Jeden Tag beobachte ich Menschen mit Pferden. Ich mag gar nicht hinschauen, wenn meine Schüler sich am Anfang der Reitstunde nicht die Zeit nehmen, darauf zu bestehen, dass das Pferd zum Aufsteigen ordentlich einparkt und beim Nachgurten stehen bleibt. Nur weil ich daneben stehe und es endlich los gehen soll, wird geschludert was das Zeug hält. Naja, später werde ich dann vielleicht für eine Extra Einheit gerufen, weil das Pferd nicht mehr still steht – könnte gut sein für mein Geschäft. Während es vielleicht nicht so gut für mein Geschäft ist, wenn ich in dem Moment sage „ich würde das nochmal machen“. Viele Menschen hören das nicht so gern. Aber die, die es dann nochmal machen, haben langfristig ein leichteres Leben mit ihrem Pferd. Und ganz ehrlich: für das Pferd ist es eigentlich auch angenehmer, wenn die Regeln gleich bleiben und auch immer durchgesetzt werden. Das geht uns doch nicht anders: Hier bei uns in der Gegend gibt es ein Stück Landstraße, auf dem nach dem Ortsausgangsschild 70km/h erlaubt sind – für gefühlte 200 Meter, dann wird wieder auf 50km/h beschränkt. So etwas nervt doch nur und es wäre entspannter, einfach mit 50km/h durch zu fahren. Aber wir Menschen sind wie Pferde: wir möchten jeden noch so kleinen Spielraum ausnutzen, selbst wenn es uns gar nicht glücklich macht. Das scheint einfach eine grundlegende Gehirnfunktion bei Säugetieren zu sein. Deswegen fahren wir gern ein bisschen schneller als erlaubt, bis wir geblitzt werden. Dann meckern wir und haben schlechte Laune, halten uns aber meistens für eine Weile an die Regeln. Mein Vater hat sich darüber übrigens schon immer amüsiert, dass die Leute NACH dem Blitzer die Geschwindigkeitsbeschränkung einhalten. In seiner ganz eigenen Logik kann man NACH dem Blitzer ja ruhig schneller fahren, weil es sehr unwahrscheinlich ist, dass da noch ein Blitzer steht. Ich will es mal so formulieren: wenn mein Vater als Pony wieder geboren werden sollte, wünsche ich dem Besitzer viel Vergnügen!

Erhaltungsarbeit ist auch an anderen Fronten zu leisten, damit es unseren Pferden gut geht: regelmäßige Huf- und Zahnkontrolle, Sattelanpassung und jemand der mal physiotherapeutisch oder osteopathisch drüber schaut, Futtercheck, Wurmcheck und Impfungen….. da gibt es immer was zu tun. Man merkt es den Pferden einfach an, wenn sie einen Besitzer haben, der bereit ist, an allen Enden in die Erhaltung des Zustandes zu investieren. Interessanterweise sind das dann nämlich die Pferde, deren Zustand sich verbessert.

Und so dreht sich der Spieß plötzlich um: wer den Zustand erhält, verbessert ihn in Wirklichkeit automatisch. Wer ständig verbessern will, ohne zu erhalten, wird wahrscheinlich eher verschlechtern. Ein bisschen so wie ich, wenn ich einen Rappel kriege, endlich Ordnung in der Wohnung haben will und zu diesem Zwecke alles aus den Schränken reiße, dort durch wische, Sachen aussortiere – und dann den aussortierten Kram wochenlang im Flur stehen habe.

Gerade jetzt, wenn mit Duncan nochmal große Schritte in der Ausbildung zum Reitpony anstehen, darf ich daran denken, der Erhaltung die oberste Priorität zu geben. Die vielen schönen Dinge, die wir uns erarbeitet haben, sind wichtiger, als die verlockenden neuen Ziele. Vielleicht sollte ich mir ein Banner an den Reitplatz hängen um mich daran zu erinnern….. Und gelegentlich an meine Schwester denken, in ihrer anderen Welt, in der manche Dinge eben doch genauso sind wir hier bei mir.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 279

Geburtstaaaaaaaaag! Ich werde heute 4 Jahre alt! Das ist schon voll erwachsen, finde ich. Mein Mädchen findet, ich hätte schon wieder Pubertät und wäre von erwachsen noch ein Stück weg. Also sind wir uns wie immer in diesem Punkt nicht einig. Aber egal, Hauptsache die Party stimmt! Die Menschen haben ein paar Möhren springen lassen für meine Freunde und mich. Da wir nicht wissen, wann Merlin, Caruso und Diego genau Geburtstag haben, hat mein Mädchen beschlossen, dass wir einfach alle gemeinsam einmal im Jahr feiern – an meinem Geburtstag.

Das Wetter ist leider schon wieder so heiß, da mögen wir am liebsten den ganzen Tag drin stehen. Aber mein Mädchen sagt, heute abend können wir noch auf den Reitplatz gehen und etwas Gymnastik machen. Das tut not, weil ich schon wieder ganz schief und krumm bin. Das liegt wahrscheinlich am Wachsen, sagt mein Mädchen. Also wird wieder gedehnt und massiert damit ich wieder gerade werde.

Für mein neues Lebensjahr habe ich einiges vor und werde euch natürlich immer auf dem Laufenden halten, was bei mir so los ist.

Möhrenparty für meine Freunde und mich!

Aber jetzt habe ich noch meinen ganz üblichen, quasi schon traditionellen Geburtstagswunsch: Denkt doch mal an all die Ponys, die es nicht so gut haben wie ich. Die ganz viel arbeiten müssen und wenig zu futtern haben. Die nicht einfach den Tierarzt kriegen wenn sie ihn brauchen, sondern oft krank sind und Schmerzen haben. Zum Glück gibt es liebe, liebe Menschen, die diesen Ponys helfen. Und um ihnen helfen zu können, brauchen diese lieben Menschen Geld! Deswegen schaut doch mal hier bei Equiwent die helfen mittlerweile nicht mehr nur Ponys, sondern auch anderen Tieren und auch den Menschen, die zu den Tieren gehören. Und dann schaut mal in Eure Geldbörse, vielleicht ist da noch der eine oder andere Euro übrig, dann könnt ihr auch helfen! Ich wünsche mir nämlich, dass es allen Ponys so gut geht wie mir.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. 4 Jahre alt!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 278

Hach, das war ein schöner Sonntagsausflug! Die blöden Fliegviecher haben anscheinend die Fliege gemacht, jedenfalls will man nicht mehr ständig über uns her fallen und uns aussaugen. So konnten wir mal wieder ein Stück durch den Wald und sind dort schön geklettert. An einer Stelle ging es richtig steil runter, da war ich doch mal kurz unsicher und bin stehen geblieben. Habe dann überlegt wie ich es mache und bin gut runter gekommen – da war mein Mädchen sehr stolz auf mich! Ist ja alles nicht so einfach wenn sie auf meinem Rücken sitzt, ich muss ihr Gewicht mit berechnen damit wir beide heil unten ankommen. Naja ok es war nicht mehr als ein Meter, da hätte ich zur Not springen können aber ich glaube dann hätte sie sich erschreckt. Wir sind auch ein bisschen getrabt, auch ein bisschen bergab, das kann ich schon richtig gut.

Bevor es aber in den Wald ging, hatten wir eine Mission. Wir haben einer Frau im Dorf eine von unseren leckeren Zucchini mitgebracht. Sie hat gesagt, ihre eigenen Zucchini-Pflanzen wollen dieses Jahr nicht so recht und sie freut sich wenn sie was abbekommt – wir haben ja zu viel davon. Wir Ponys haben uns dann auf dem Weg durchs Dorf überlegt, dass sie bestimmt noch guten Dünger für ihre Zucchini braucht, damit die auch mal wachsen. Also haben wir beide eine Runde Dünger ausgegeben, den hat mein Mädchen eingetütet und gleich mitsamt der Zucchini abgegeben. Das fand die Dame toll, dass wir so mitdenken. Als das erledigt war, ging es dann in den Wald.

Mein Mädchen hatte es heute extra bequem. Wie schon erwähnt fand sie ihre Steigbügel nicht so klasse und hat deswegen ihre Lieblingssteigbügel umbauen lassen. Sie möchte ja sicher gehen dass sie mit ihren Wanderschuhen nicht durch den Bügel rutschen kann, falls es mal etwas wilder zugehen sollte. Deswegen hat sie von unserer Haus- und Hofschneiderin extra einen Korb anbauen lassen, in unserem Lieblingsgrün! Sieht das nicht total schmuck aus?

Der Fuß ist sicher.

Und jetzt ist mein Mädchen wieder glücklich mit ihren Steigbügeln unterwegs. Ich bin auch glücklich, weil sie jetzt nicht mehr nach dem Aufsteigen so lange danach angeln muss und beim Reiten nicht dauernd damit kämpft dass sie nicht weit genug rein kommt in die Bügel. Sie sitzt endlich wirklich still und lässt mich machen. Und weil es so gut lief heute haben wir dann auf dem Rückweg noch ein bisschen geübt, den Kopf nach rechts und nach links zu nehmen. Und weil das auch so gut lief, hat mein Mädchen dann gemeint ich könnte doch mal versuchen, einen kleinen Hauch seitwärts zu gehen. Ja, das konnte ich. Und – zack! – gab es einen Keks. So waren wir beide glücklich und zufrieden. Ihr seht: der Sonntag war rundum gelungen!

Schön war das heute!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 277

Als ich neulich ein Foto von der geliehenen Fliegenmaske hier eingestellt hatte, bekam mein Mädchen Hinweise, ich könnte bestimmt da durch nicht gut gucken. Also hat sie sich die Maske selbst vors Gesicht gehalten und fest gestellt, dass sie tatsächlich dicke weiße Balken im Sichtfeld hat, während sie bei der anderen Maske, die sie noch aus ihrem Schrank gekramt hat, nur das Gefühl hat, eine Sonnenbrille zu tragen. Daraus hat sie gefolgert, dass es mir wahrscheinlich ähnlich geht. Hier zu hause kenne ich mich ja gut aus, auch im Dunkeln, also auch mit Maske. Aber hier zu hause brauche ich keine Maske, sondern für unser nächstes großes Abenteuer und da kenne ich mich nicht aus, also hat sie beschlossen, dass ich dort lieber die schwarze Maske tragen soll. Die wollte sie eigentlich nicht nehmen, weil die nicht so gut hält, aber sie sagt, das ist dann nicht so schlimm wie wenn ich nicht gut gucken kann. Jetzt trage ich also dieses Modell – da ist auch klar wo das Wallehaar hin soll.

So kann ich besser gucken als mit der weißen Maske
Hält halt nicht ganz so gut.

Klamotten sind immer kompliziert. Eine Fliegendecke soll ich für das Abenteuer auch bekommen, aber die Größen stimmen irgendwie nicht. 125cm ist viel zu groß aber 115 cm ist dann wieder viel zu klein. Herrje, das ist kompliziert. Mein Mädchen sagt, ich bin beim Klamotten shoppen genauso wie sie – ihr passt auch nie was. Dann hat sie noch die Decke von meinem Ausreitkumpel geliehen, aber die Zeiten in denen er und ich die gleiche Kleidergröße hatten, sind wohl vorbei! Inzwischen ist mein Hals sehr kräftig geworden, so dass es vorne kneift, dafür habe ich aber einen deutlich schlankeren Bauch als er, so dass es untenrum schlabbert. War wieder nix…

Zu klein! (Symbolbild für “ auch die 8. Decke passt nicht“)

Und dann soll ich demnächst noch andere Hufschuhe für vorne kriegen. Weil wir ja im Herbst mehr traben wollen und ich dann besser abrollen können soll. Dafür wiederum musste sie aber erst meine Hufe wieder in Form bringen und Fotos davon machen, weil auch bei den Schuhen die Größentabellen Murks sind und jeder anscheinend mit einem anderen Zollstock misst. Immerhin: die Schuhe, die sie sich geliehen hatte, waren alle viel zu klein – siehst du, mein Mädchen, ich bin nämlich echt groß geworden! Jetzt also neue Schuhe. Und das läuft genau wie immer: der Mann kommt und malt an mir herum, ich brauche endlos viel Geduld, dann wird gemessen, fotografiert, nochmal gemessen. Inzwischen bin ich da echt abgeklärt und lasse es klaglos über mich ergehen (gegen entsprechende Bezahlung, versteht sich).

Der Mann malt meine Hufe an!
Gib mal einen Keks, wo ich doch sooooooo geduldig bin!

Während sie für mich versucht, Klamotten zu finden, pimpt sie das Equipment für sich selbst auch nochmal auf. Die Steigbügel, die sie gekauft hat findet sie nämlich nun doch nicht so bequem und so muss wieder unsere werte Haus- und Hofschneiderin ran und was spezielles basteln. Aber das zeigen wir Euch dann wenn es fertig ist. Nur so viel: es wird mal wieder spektakulär grün!

Ich hoffe wir gehen heute endlich mal wieder ausreiten. Ich habe zwar auch Gefallen an der Handarbeit auf dem Platz gefunden, aber die richtig guten Sachen finden nun mal jenseits der Grundstücksgrenze statt! Und das Wetter ist viel versprechend.

Schönen Sonntag wünscht Euch

Sir Duncan Dhu of Nakel

Körpergefühl

In den bald drei Jahren, die Duncan jetzt hier ist, konnte ich beobachten, wie reibungslos alles laufen kann. Duncan hat von Anfang an eine gute Balance und Stabilität mitgebracht – das hat sich schon gezeigt, als er die vierstündige Anhängerfahrt zu uns nach hause so locker weg gesteckt hat. Das zeigt sich extrem jetzt, wo er in spielerischer Leichtigkeit lernt, mich durchs Gelände zu tragen, ohne groß etwas üben zu müssen. Und das zeigt sich immer beim Spielen, wo er sich nie verletzt, egal was für wilde Stunts er versucht. Er weiß offensichtlich sehr genau, was er tut und kennt sich mit seinem eigenen Körper prima aus.

Umso mehr erschreckt mich der Vergleich mit vielen Pferden, die große Schwierigkeiten haben. Die schon beim Hufe geben aus dem Gleichgewicht kommen und schon beim Antraben am Strick nicht recht wissen, wie sie das hinkriegen sollen. Die dauernd zum Osteopathen müssen, weil sie sich wieder etwas verschoben haben. Oder die sich ständig selbst in die Haxen treten oder den Kopf stoßen, weil sie nicht wissen, wo sie anfangen und wo sie aufhören. Natürlich können wir von diesen Pferden nicht erwarten, dass sie zurecht kommen, wenn wir sie nach Dingen fragen wie Schulterherein oder auch nur still stehen! Still stehen ist so schwierig, wenn man keine gute Haltung hat. Ich schlage jedem Menschen vor, sich hinzustellen und zu schauen wie lange er mühelos steht, bevor er seine Position verändert. Und natürlich können wir jetzt argumentieren, dass das Pferd an sich besser und länger stehen kann, weil es darauf ausgelegt ist. Dennoch: wenn ein Pferd keine gute Steh-Manier hat, wird es schwierig sein, längere Zeit still zu stehen. Je mehr Pferde ich beobachte, desto öfter sehe ich, wie einige sich selbst beim Grasen extrem ungelenk bewegen und sich in absurde Positionen bringen. Man kann das als Mensch leicht fest stellen, wenn man seine Beine immer genauso hinstellt wie ein Beinpaar des Pferdes (also Vorder- oder Hinterbeine) und mal versucht, alle Bewegungen genau nach zu machen, die das Pferd macht. Bei einem normal grasenden Pferd sollte das leicht sein, aber bei manchen Pferden läuft man als Mensch Gefahr, um zu fallen, so merkwürdig stellen die sich hin.

Früher habe ich körperliche Schwierigkeiten bei Pferden nur wahr genommen, wenn sie rassebedingt waren (ja, schwere Kaltblüter haben nun mal oft die Angewohnheit, vorne in den Boden zu laufen) oder verletzungsbedingt. Heute, seit ich mehr darauf achte, sehe ich dieses Thema überall. Und ich frage mich, wie viel „Ungehorsam“ darauf zurück geht, wie viele Probleme, die Pferde im Alltag haben. Weil unsere Pferde hier in Deutschland – vor allem hier im Norden – so reizarm aufwachsen (nämlich meist auf einer platten Wiese), haben sie keine Chance, sich gut zu entwickeln. Und was sie dann in jungen Jahren verpasst haben, müssen sie später mit viel mehr Mühe nachholen – wenn ihnen überhaupt die Chance dazu gegeben wird. So bin ich glücklich, dass mein Duncan schon mit einem Jahr auf der Wippe und auf der Matratze stand und dass er hier wenigstens einen kleinen Hügel hat und den Rundlauf, auf dem er auch in vollem Tempo noch die Lenkung im Griff haben muss, wenn er nicht mit dem Zaun kollidieren will. Ich bin froh, dass er so gern und viel spielt und sich dadurch selbst herausfordert. Wie sagte mein Schwager über die Entwicklung von Kindern „wenn die nie irgendwo rauf klettern dürfen, wissen sie auch nicht wie tief sie da runter fallen.“ Das strapaziert meine Nerven, aber Duncan braucht es nun mal für seine Entwicklung.

Ich habe mal gelesen, dass Menschen, die ihren Kopf nicht gut drehen können, unsicher sind. Weil sie instinktiv spüren, dass sie – wenn hinter ihnen etwas komisch ist – erst den ganzen Körper drehen müssen um zu sehen, was da ist. Das dauert zu lange und ist deswegen gefährlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass das stimmt. Und ich frage mich: was empfindet ein Beutetier wie das Pferd, wenn es spürt, dass es nicht so gut in Kraft und Balance ist und eventuell nicht schnell genug weg kommt? Bei meinem alten Merlin kann ich seit Jahren beobachten, wie er unsicherer wird. Er kann sich nicht mehr so auf seinen Körper verlassen und das ist im deutlich anzumerken. Schon vor 3 Jahren hat er mir gezeigt, dass allein auf Kurs fahren ihm Sorge bereitet – obwohl wir das all die Jahre davor problemlos getan haben. Und auch wenn Diego in anmeckert, geht Merlin jetzt lieber schneller auf Nummer sicher und schafft einen großen Abstand.

Im Alter mag das nicht zu vermeiden sein, aber in jungen Jahren tun wir unseren Pferden einen großen Gefallen damit, wenn wir ihr Körpergefühl und ihre Balance schulen, davon bin ich überzeugt. Außerdem macht es Spaß, dabei kreativ zu werden, die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt und unabhängig von Reit- oder Ausbildungsweisen. Als Mensch müssen wir dafür nicht so komplizierte Dinge können, müssen nicht perfekt reiten oder Handarbeit machen, sondern können einfach unserer Fantasie freien Lauf lassen: die alte Matratze, ein Baumstumpf und die Stufe an der Stalltür können zu einer Übung werden, und wer gern kauft oder baut kann z.B. Wippe, Steg und Cavaletti verwenden. Das Internet ist voller Ideen, so dass jeder das passende finden kann. Meine Leitlinie ist dabei immer das Pferd: schafft es die Übung auf Anhieb, war sie wohl zu leicht. Schafft es sie im dritten Anlauf immer noch nicht ansatzweise, ist sie zu schwer. Wenn wir Übungen finden, bei denen das Pferd Erfolgserlebnisse hat, wird es viel Spaß dabei haben und gern mitmachen.

Eine Schülerin hat neulich das passende Wort dazu gefunden: Ent-klausen (https://www.bedeutungonline.de/koerperklaus/)

Und wenn man so ein schönes Wort dafür hat, bekommt man Lust, gleich los zu legen, oder?