Körpergefühl

In den bald drei Jahren, die Duncan jetzt hier ist, konnte ich beobachten, wie reibungslos alles laufen kann. Duncan hat von Anfang an eine gute Balance und Stabilität mitgebracht – das hat sich schon gezeigt, als er die vierstündige Anhängerfahrt zu uns nach hause so locker weg gesteckt hat. Das zeigt sich extrem jetzt, wo er in spielerischer Leichtigkeit lernt, mich durchs Gelände zu tragen, ohne groß etwas üben zu müssen. Und das zeigt sich immer beim Spielen, wo er sich nie verletzt, egal was für wilde Stunts er versucht. Er weiß offensichtlich sehr genau, was er tut und kennt sich mit seinem eigenen Körper prima aus.

Umso mehr erschreckt mich der Vergleich mit vielen Pferden, die große Schwierigkeiten haben. Die schon beim Hufe geben aus dem Gleichgewicht kommen und schon beim Antraben am Strick nicht recht wissen, wie sie das hinkriegen sollen. Die dauernd zum Osteopathen müssen, weil sie sich wieder etwas verschoben haben. Oder die sich ständig selbst in die Haxen treten oder den Kopf stoßen, weil sie nicht wissen, wo sie anfangen und wo sie aufhören. Natürlich können wir von diesen Pferden nicht erwarten, dass sie zurecht kommen, wenn wir sie nach Dingen fragen wie Schulterherein oder auch nur still stehen! Still stehen ist so schwierig, wenn man keine gute Haltung hat. Ich schlage jedem Menschen vor, sich hinzustellen und zu schauen wie lange er mühelos steht, bevor er seine Position verändert. Und natürlich können wir jetzt argumentieren, dass das Pferd an sich besser und länger stehen kann, weil es darauf ausgelegt ist. Dennoch: wenn ein Pferd keine gute Steh-Manier hat, wird es schwierig sein, längere Zeit still zu stehen. Je mehr Pferde ich beobachte, desto öfter sehe ich, wie einige sich selbst beim Grasen extrem ungelenk bewegen und sich in absurde Positionen bringen. Man kann das als Mensch leicht fest stellen, wenn man seine Beine immer genauso hinstellt wie ein Beinpaar des Pferdes (also Vorder- oder Hinterbeine) und mal versucht, alle Bewegungen genau nach zu machen, die das Pferd macht. Bei einem normal grasenden Pferd sollte das leicht sein, aber bei manchen Pferden läuft man als Mensch Gefahr, um zu fallen, so merkwürdig stellen die sich hin.

Früher habe ich körperliche Schwierigkeiten bei Pferden nur wahr genommen, wenn sie rassebedingt waren (ja, schwere Kaltblüter haben nun mal oft die Angewohnheit, vorne in den Boden zu laufen) oder verletzungsbedingt. Heute, seit ich mehr darauf achte, sehe ich dieses Thema überall. Und ich frage mich, wie viel „Ungehorsam“ darauf zurück geht, wie viele Probleme, die Pferde im Alltag haben. Weil unsere Pferde hier in Deutschland – vor allem hier im Norden – so reizarm aufwachsen (nämlich meist auf einer platten Wiese), haben sie keine Chance, sich gut zu entwickeln. Und was sie dann in jungen Jahren verpasst haben, müssen sie später mit viel mehr Mühe nachholen – wenn ihnen überhaupt die Chance dazu gegeben wird. So bin ich glücklich, dass mein Duncan schon mit einem Jahr auf der Wippe und auf der Matratze stand und dass er hier wenigstens einen kleinen Hügel hat und den Rundlauf, auf dem er auch in vollem Tempo noch die Lenkung im Griff haben muss, wenn er nicht mit dem Zaun kollidieren will. Ich bin froh, dass er so gern und viel spielt und sich dadurch selbst herausfordert. Wie sagte mein Schwager über die Entwicklung von Kindern „wenn die nie irgendwo rauf klettern dürfen, wissen sie auch nicht wie tief sie da runter fallen.“ Das strapaziert meine Nerven, aber Duncan braucht es nun mal für seine Entwicklung.

Ich habe mal gelesen, dass Menschen, die ihren Kopf nicht gut drehen können, unsicher sind. Weil sie instinktiv spüren, dass sie – wenn hinter ihnen etwas komisch ist – erst den ganzen Körper drehen müssen um zu sehen, was da ist. Das dauert zu lange und ist deswegen gefährlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass das stimmt. Und ich frage mich: was empfindet ein Beutetier wie das Pferd, wenn es spürt, dass es nicht so gut in Kraft und Balance ist und eventuell nicht schnell genug weg kommt? Bei meinem alten Merlin kann ich seit Jahren beobachten, wie er unsicherer wird. Er kann sich nicht mehr so auf seinen Körper verlassen und das ist im deutlich anzumerken. Schon vor 3 Jahren hat er mir gezeigt, dass allein auf Kurs fahren ihm Sorge bereitet – obwohl wir das all die Jahre davor problemlos getan haben. Und auch wenn Diego in anmeckert, geht Merlin jetzt lieber schneller auf Nummer sicher und schafft einen großen Abstand.

Im Alter mag das nicht zu vermeiden sein, aber in jungen Jahren tun wir unseren Pferden einen großen Gefallen damit, wenn wir ihr Körpergefühl und ihre Balance schulen, davon bin ich überzeugt. Außerdem macht es Spaß, dabei kreativ zu werden, die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt und unabhängig von Reit- oder Ausbildungsweisen. Als Mensch müssen wir dafür nicht so komplizierte Dinge können, müssen nicht perfekt reiten oder Handarbeit machen, sondern können einfach unserer Fantasie freien Lauf lassen: die alte Matratze, ein Baumstumpf und die Stufe an der Stalltür können zu einer Übung werden, und wer gern kauft oder baut kann z.B. Wippe, Steg und Cavaletti verwenden. Das Internet ist voller Ideen, so dass jeder das passende finden kann. Meine Leitlinie ist dabei immer das Pferd: schafft es die Übung auf Anhieb, war sie wohl zu leicht. Schafft es sie im dritten Anlauf immer noch nicht ansatzweise, ist sie zu schwer. Wenn wir Übungen finden, bei denen das Pferd Erfolgserlebnisse hat, wird es viel Spaß dabei haben und gern mitmachen.

Eine Schülerin hat neulich das passende Wort dazu gefunden: Ent-klausen (https://www.bedeutungonline.de/koerperklaus/)

Und wenn man so ein schönes Wort dafür hat, bekommt man Lust, gleich los zu legen, oder?

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2 Kommentare

    1. Pferde die für den schweren Zug gezüchtet wurden – also z.B. pflügen – schieben oft ihren Rumpf über ihre Vorderbeine bevor sie los laufen. Dieses Bewegungsmuster ist oft so „drin“ dass sie vorn keine großen Schritte machen können, weil sie eben eher nach unten vorne als nach vorne oben laufen. Wir machen das übrigens ganz genau so wenn wir etwas schweres ziehen und können dann auch keine großen, raumgreifenden Schritte machen und wir schauen dann auch nach unten.

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