Erhaltung

Meine Schwester lebt in einer anderen Welt als ich. Sie sagt immer, wenn wir telefonieren, besuchen wir uns gegenseitig in unseren fremden Welten. Als Theologie-Professorin ohne Interesse an Tieren hat sie keine Vorstellung, wie es bei mir läuft. Und ich habe keine Vorstellung, wie es bei ihr läuft. Vertragen tun wir uns trotzdem und wir haben auch immer was zu reden. Wäre sie nicht meine Schwester, würde ich ihr aber wohl mein Lebtag nicht begegnen – komische Vorstellung.

Trotz aller Unterschiede gibt es immer wieder interessante Punkte, die die eine anspricht und die für die andere genauso gelten. Einer dieser Punkte war, als sie sich ein bisschen beschwert hat, dass man im Leben so irre viel Zeit und Energie darauf verwenden muss, überhaupt nur den Zustand zu erhalten. Sie würde ja so gern viel mehr forschen und lesen und schreiben, statt dessen muss man aber diese banalen Dinge tun, die man eben tun muss: sich waschen, was essen, einkaufen, Wäsche waschen, Sport machen (nur um Muskeln auf dem aktuellen Stand zu halten! Das ist wirklich gemein) und was der gleichen Dinge mehr sind. In meinem Kopf sah die Liste etwas anders aus, aber ich wusste natürlich sofort wovon sie redet: Mist absammeln – jeden Tag wieder! Die Ponys füttern – jeden Tag wieder! Hufe raspeln – alle paar Wochen wieder! Dauernd muss der Zaun frei geschnitten werden und reparieren muss ich ihn auch ständig. Und so weiter. Die meiste Lebenszeit geht dafür drauf, den Zustand zu erhalten. Und während wir uns darüber unterhielten, dass das merkwürdig ist und ein bisschen wie Verschwendung wirkt, dachte ich „das gilt auch für Pferdeausbildung“.

Da nennt sich das „Beständigkeit“ (manche sagen „Konsequenz“). Jedes Mal, wenn ich mein Pferd aufhalftere, führe, ihm einen Keks gebe, aufsteige, Hufe auskratze, putze….. egal was ich mache, das meisten davon wird nur dann funktionieren, wenn ich genügend Zeit und Energie in die Erhaltung des Zustandes stecke. Also: wenn ich möchte, dass mein Pferd beim Aufhalftern still hält, dann darf ich das jedes Mal einfordern. Ja, eine Ausnahme ist nicht schlimm, wenn ich es mal eilig habe und das Pferd vielleicht nicht gut drauf ist. Aber wenn ich zwei, drei Ausnahmen gemacht habe, wird das Pferd in Frage stellen ob es immer still halten muss. Duncan zeigt mir das bei der Fütterung von Keksen. Bin ich beständig genug, ihm nur dann etwas zu geben, wenn er 1. nicht an der Tasche nestelt und 2. seine Schnute zu lässt anstatt wie ein Krokodil nach meiner Hand zu haschen? Dann bleibt der Ritter sehr anständig. Da Futter so einen hohen Belohnungswert hat, gilt es, besonders aufmerksam zu sein. Ein paar mal zu nachlässig mit den Höflichkeitsregeln und schon kann ich zuschauen, wie sein Verhalten sich verändert. Und ja, es kostet Zeit, den Keks wieder weg zu nehmen, neu anzufangen, manchmal drei mal bevor es klappt. Und in der Zeit hatte ich nun eigentlich was anderes vor….

Jeden Tag beobachte ich Menschen mit Pferden. Ich mag gar nicht hinschauen, wenn meine Schüler sich am Anfang der Reitstunde nicht die Zeit nehmen, darauf zu bestehen, dass das Pferd zum Aufsteigen ordentlich einparkt und beim Nachgurten stehen bleibt. Nur weil ich daneben stehe und es endlich los gehen soll, wird geschludert was das Zeug hält. Naja, später werde ich dann vielleicht für eine Extra Einheit gerufen, weil das Pferd nicht mehr still steht – könnte gut sein für mein Geschäft. Während es vielleicht nicht so gut für mein Geschäft ist, wenn ich in dem Moment sage „ich würde das nochmal machen“. Viele Menschen hören das nicht so gern. Aber die, die es dann nochmal machen, haben langfristig ein leichteres Leben mit ihrem Pferd. Und ganz ehrlich: für das Pferd ist es eigentlich auch angenehmer, wenn die Regeln gleich bleiben und auch immer durchgesetzt werden. Das geht uns doch nicht anders: Hier bei uns in der Gegend gibt es ein Stück Landstraße, auf dem nach dem Ortsausgangsschild 70km/h erlaubt sind – für gefühlte 200 Meter, dann wird wieder auf 50km/h beschränkt. So etwas nervt doch nur und es wäre entspannter, einfach mit 50km/h durch zu fahren. Aber wir Menschen sind wie Pferde: wir möchten jeden noch so kleinen Spielraum ausnutzen, selbst wenn es uns gar nicht glücklich macht. Das scheint einfach eine grundlegende Gehirnfunktion bei Säugetieren zu sein. Deswegen fahren wir gern ein bisschen schneller als erlaubt, bis wir geblitzt werden. Dann meckern wir und haben schlechte Laune, halten uns aber meistens für eine Weile an die Regeln. Mein Vater hat sich darüber übrigens schon immer amüsiert, dass die Leute NACH dem Blitzer die Geschwindigkeitsbeschränkung einhalten. In seiner ganz eigenen Logik kann man NACH dem Blitzer ja ruhig schneller fahren, weil es sehr unwahrscheinlich ist, dass da noch ein Blitzer steht. Ich will es mal so formulieren: wenn mein Vater als Pony wieder geboren werden sollte, wünsche ich dem Besitzer viel Vergnügen!

Erhaltungsarbeit ist auch an anderen Fronten zu leisten, damit es unseren Pferden gut geht: regelmäßige Huf- und Zahnkontrolle, Sattelanpassung und jemand der mal physiotherapeutisch oder osteopathisch drüber schaut, Futtercheck, Wurmcheck und Impfungen….. da gibt es immer was zu tun. Man merkt es den Pferden einfach an, wenn sie einen Besitzer haben, der bereit ist, an allen Enden in die Erhaltung des Zustandes zu investieren. Interessanterweise sind das dann nämlich die Pferde, deren Zustand sich verbessert.

Und so dreht sich der Spieß plötzlich um: wer den Zustand erhält, verbessert ihn in Wirklichkeit automatisch. Wer ständig verbessern will, ohne zu erhalten, wird wahrscheinlich eher verschlechtern. Ein bisschen so wie ich, wenn ich einen Rappel kriege, endlich Ordnung in der Wohnung haben will und zu diesem Zwecke alles aus den Schränken reiße, dort durch wische, Sachen aussortiere – und dann den aussortierten Kram wochenlang im Flur stehen habe.

Gerade jetzt, wenn mit Duncan nochmal große Schritte in der Ausbildung zum Reitpony anstehen, darf ich daran denken, der Erhaltung die oberste Priorität zu geben. Die vielen schönen Dinge, die wir uns erarbeitet haben, sind wichtiger, als die verlockenden neuen Ziele. Vielleicht sollte ich mir ein Banner an den Reitplatz hängen um mich daran zu erinnern….. Und gelegentlich an meine Schwester denken, in ihrer anderen Welt, in der manche Dinge eben doch genauso sind wir hier bei mir.

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: