Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 284

Da ist er, der Herbst! Nicht nach Eurem Kalender, aber nach dem Wetter. Mit Wind und Regen wie es sich gehört. Und schon fröstelt mein Mädchen wieder. Tja, wir Ponys wissen schon, warum wir so früh angefangen haben mit der Winterfellproduktion! Das war zwar die letzten Wochen echt zu warm, aber jetzt ist es sehr angenehm. Manchmal juckt der Fellwechsel aber auch echt. Dann suchen wir uns schöne Stellen zum kratzen, zum Beispiel am Holunder. Der ist schon ganz blank poliert…..

Schön poliert, unser Kratzbusch!

Außerdem ist Herbstzeit bei uns Naschzeit. Wir wandern rund um unseren Rundlauf und finden total gute Sachen da. Brombeeren und Schlehen, Eicheln (von denen räumt mein Mädchen leider so viele weg, weil sie Angst hat wir könnten zu viel davon essen….) und Hagebutten. Alles zupfen wir uns von den Büschen wo immer wir dran kommen. Nach dem Regen wachsen jetzt auch die kleinen grünen Halme am Wegesrand wieder ein bisschen und müssen dringend gestutzt werden. Und bald wird auch wieder die Zeit kommen, in der Diego der Große sich Haselnüsse pflückt. Das war lustig, als mein Mädchen mal im Herbst in den Stall kam und sich total erschreckt hat, weil es zwischen Diegos Zähnen so laut knirschte! Als sie hingegangen ist hat sie plötzlich gesagt „das riecht ja so nach Weihnachten!“ was sie aber meinte war: es riecht nach Haselnüssen. Diego liebt Haselnüsse und stört sich gar nicht an der holzigen Schale – die futtert er einfach mit weg. Leider heißt das, wir anderen Ponys bekommen kaum welche ab, denn er ist so groß, dass er alle runter pflücken kann und wir gucken dumm aus der Wäsche. Naja, sei es ihm gegönnt, er macht ja auch den verantwortungsvollsten Job hier als Chef.

Lecker
Lecker
Auch lecker

Die versprochenen Herbst-Ausritte sind bisher ausgeblieben. Ich hoffe aber sehr, dass es diesen Sonntag endlich los geht! Bisher waren wir viel auf dem Reitplatz und haben unsere Seitwärts-Versionen geübt. Mein Mädchen meint, ich kann das jetzt schon voll gut! Gestern haben wir auch wieder das Reiten geübt mit Seitwärts und mein Mädchen war wieder hingerissen. Ja, ein Film kommt noch!

Na jedenfalls hoffe ich auf Ausritte. Viele, lange Ausritte mit raschelndem Laub unter meinen Füßen. Dann kann ich mein Mädchen schön unterwegs nerven, indem ich nach gefallenen Blättern suche, die gut schmecken. Gibt bestimmt wieder Ärger, ist es aber wert. Jedenfalls hat sie diesen Herbst keine Ausrede mehr, die Ausflüge kurz zu halten. Ich kann sie ja jetzt tragen und sie muss nicht mehr jammern, weil sie so viel laufen muss. Und ich brauche endlich keine Fliegendecke mehr, die nervt ja auch irgendwie. Ach da wird fein! Kann es kaum erwarten dass es endlich los geht!

Genießt den Herbst, liebe Menschen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Trainingsziele

„Wonach suchen wir?“ „Das wissen wir, wenn wir es gefunden haben“ (Zitat aus ungefähr jedem 3. Krimi)

Die „Star-Ermittler“ aus Krimis können das anscheinend gut: etwas finden, ohne zu wissen wonach sie suchen. Im realen Leben scheint mir das gar nicht ganz so leicht zu sein. Manchmal, wenn ich in einer Reitstunde begeistert rufe „Ja! Da! Hast Du das gefühlt?“ kommt ein trauriges „Nein“ zurück. Die Reiterin hat es nicht gefühlt – weil sie nicht weiß, wonach sie sucht. Macht nichts, denn zum Glück hat das Pferd trotzdem Lob bekommen – weil ich ja da bin – und wird also die Bewegung wieder anbieten. Und nach und nach kann die Reiterin fühlen, wovon ich spreche.

Aber auch ich weiß oft nicht wonach ich suche….

Meistens, wenn ich mit meinen Pferden etwas unternehme, habe ich ein klares Ziel. Wenn wir z.B. auf dem Reitplatz sind, könnte man das so erklären:

Übergeordnetes Ziel ist, dass ich mein Pony gymnastizieren möchte. Es soll ausbalanciert sein, genug Kraft haben, mich zu tragen und sich dabei wohl fühlen.

Was das jeweils bedeutet, hängt natürlich vom Ausbildungsstand des Ponys (und mir) ab. Wie Duncan euch verraten hat, bin ich neulich mit ihm das erste Schulterherein geritten, dieses Ziel stand schon länger auf meinem Zettel und ich habe sorgfältig darauf hin gearbeitet. An dem Tag, an dem wir es dann (erfolgreich) versucht haben, war mein Ziel, dass er ungefähr versteht, was er tun soll. Ein weiteres Ziel war aber auch, dass ich herausfinde, wie leicht oder schwer es ihm fällt, ob er mich versteht und wie der Unterschied zwischen rechts und links ist. Denn daraus ergeben sich wiederum die nächsten Ziele. Somit ist das Ziel meiner Einheit nicht nur ein Ergebnis (Schulterherein reiten) sondern auch neue Fragen zu finden, die zum nächsten Ziel führen.

Im Freedom Based Training, wenn Duncan und ich gemeinsam „herum stehen“ ist das schwieriger. Denn es passiert so wenig, dass es mir schwer fällt, zu erkennen, ob wir unserem übergeordneten Ziel näher kommen oder nicht. Duncan soll erwachsen werden und seine Gefühle besser regulieren. Dafür soll er lernen, seinen Fokus häufiger und deutlicher zu wechseln, denn das verbessert die Regulierung des Nervensystems. Und er soll lernen, das so deutlich zu machen, dass auch ich es verstehe, denn deutliche Kommunikation macht uns allen das Leben leichter. Aber ist das jetzt heute besser als gestern? Tue ich das richtige? Und warum verhält er sich so wie er sich gerade verhält?

Ja, es gibt natürlich Momente, da werden Fortschritte offensichtlich. So wie neulich, als Duncan auf dem Rundlauf unterwegs war und ich parallel zu ihm auf der Weide. Duncan wollte um die 90Grad-Kurve, ich war weit außen. Und mein kleiner Hengst hat so gut kommuniziert und so nett auf mich gewartet, dass ich in Harmonie mit ihm bleiben konnte, obwohl mein Weg so viel weiter war als seiner. Er hat es geschafft, mir ganz klar zu signalisieren, wann er wieder los geht und sich dann so langsam zu bewegen dass ich mitkommen kann. Ein großartiger Moment und einer in dem ich mir ganz sicher war: das war das, wonach ich suche.

Trotzdem stehe ich oft neben meinem Pony (wobei „neben“ in unserem Fall eher 10-20m entfernt bedeutet) und bin unsicher: ist das gut, was wir da gerade tun? Warum verhält er sich so, wie er sich gerade verhält? Hat das etwas mit mir zu tun oder nicht? Aber ich fange an, Dinge zu sehen. In seinem Gesicht zum Beispiel kann ich mehr und mehr erkennen, wie wohl er sich mit dem fühlt, was er tut. Es ist schwer, das zu beschreiben aber ein klar beschreibbares Kriterium habe ich gefunden: die Art, wie er blinzelt. Er hat so ein besonders langsames Blinzeln wenn er entspannt ist.

Da ich im Freedom Based Training das Verhalten meines Ponys nicht beeinflusse, sondern nur kommentiere, habe ich Zeit, zu fühlen und zu beobachten. Ich versuche, wenn es sich gut oder nicht so gut anfühlt, objektive Kriterien zu finden und zu beschreiben, was ich sehe. Es kommt mir vor wie ein Bild, dem ich immer neue Pixel hinzufüge. Anfangs ist alles ganz verschwommen und ungenau. Jedes Mal wenn ich etwas neu entdecke, wird das Bild schärfer. Und dann sind da die Momente, in denen ich denke „das ist es. Das fühlt sich richtig an“. Und dann beende ich das „Rumstehen“ und hoffe, dass ich tatsächlich richtig liege mit diesem Gefühl. Das zeigt sich dann später, wenn wir mehr geübt haben und deutlicher zu Tage kommt, was Duncan davon hält. Und wenn mich das frustriert, denke ich an meine Schülerinnen, die auch oft frustriert sind, wenn sie nicht gefühlt haben, was da tolles passiert ist, während ich gut gelaunt daneben stehe und weiß: wir sind auf dem richtigen Weg.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 283

Ich soll ja jetzt nicht nur erwachsen werden, sondern auch schön bemuskelt und ganz toll ausbalanciert. Bin ich ja schon, wenn ich so für mich alleine unterwegs bin. Aber mit meinem Mädchen neben dran oder gar oben drauf ist das doch eine andere Nummer! Deswegen machen wir ja jetzt immer schon so Gymnastik-Kram auf dem Reitplatz. Hauptsächlich irgendwas mit seitwärts. Da gibt es ja sooooo viele Variationen von! Und ich soll die alle können. So herum gucken aber anders herum laufen oder in die gleiche Richtung gucken wie laufen, mehr seitwärts bei weniger vorwärts oder mehr vorwärts bei weniger seitwärts, manchmal soll ich mich doll biegen und manchmal ganz gerade bleiben und alle Varianten sowohl rechtsrum als auch linksrum. Heidewitzka! Da kann einem schon mal alles durcheinander kommen! Bisher haben wir das alles fleißig nebeneinander gehend geübt. Gestern hat mein Mädchen dann gemeint, ich könnte das auch mal mit ihr oben drauf versuchen. Sie hat mir erst vom Boden gezeigt, welches Seitwärts es bitte sein soll (für die Kenner unter euch: Schulterherein links). Dann ist sie auf die Aufsteigehilfe geklettert und ich hab sie – ganz Gentleman – dort abgeholt. Und als sie dann auf mir drauf saß hat sie versucht, mir zu erklären, dass sie genau das gleiche will wie eben. Ich war kurzfristig verwirrt und habe meine Füße durcheinander bekommen. Plötzlich sagt sie „guuuuut“ und schiebt mir einen Keks rein. Was? Das war gut, als ich das Gleichgewicht verloren hab? Nein so meinte sie das nicht, aber der Schritt den ich gemacht hab um es wieder zu finden war gut. Ich hab dann nochmal vorsichtig probiert und – zack!- hatte ich raus wie es geht. Mein Mädchen ist völlig ausgeflippt, weil ich das so schnell kapiert hab. Hat mir die Zügel auf den Hals geworfen (ich weiß, was das heißt! Ich hab alles spitze gemacht und es gibt einen Keks!) und ist abgesprungen. Gestrahlt hat sie über alle Backen! Dann hat sie den Mann gefragt, ob es wohl zu riskant sei, noch die andere Seite zu probieren. Der fand das nicht zu riskant. Also haben wir Schulterherein rechts vom Boden aus gemacht – da hatte ich lange mit zu kämpfen, aber jetzt hab ich kapiert wie das geht. Dann ist sie wieder aufgestiegen, los geritten und hat gesagt ich soll das mit ihr oben drauf machen. Ja klar, kann ich! Hab ich gleich mal los gelegt. Und gar nicht mehr aufgehört. Da war mein Mädchen komplett fertig mit den Nerven, weil ich so ein schlaues Pony bin und schon hatte ich Feierabend! Und hab natürlich ne Menge Kekse kassiert.

Jetzt kann ich also Schulterherein mit Reiter. Und das ist schon voll erwachsen, sagt mein Mädchen.

Euer gut gymnastizierter Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. Filmchen gibt es bestimmt auch irgendwann, aber leider hat gestern abend niemand meine Heldentat gefilmt. Schade!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 282

Manchmal denke ich, mein Mädchen ist besessen von unseren Äppelhaufen. Also ich meine: ich mag Äppelhaufen. Ich rieche da gerne dran und ziehe mir Informationen daraus wie ihr aus einer Zeitung. Die neuesten Gerüch(t)e quasi! Und manchmal scharre ich sie auseinander um noch mehr riechen zu können. Gelegentlich lege ich danach einen von meinen Äppelhaufen oben drauf. Mein Mädchen sagt, ich soll das mal ruhig so machen, dann ist es einfacher, das alles einzusammeln. Aber in der Regel lasse ich wie alle anderen hier auch einfach fallen wenn ich muss. Keine Umstände machen wo keine sind.

Aber mein Mädchen ist wirklich besessen. Nicht nur, dass sie regelmäßig Haufen einsammelt und mit der Post verschickt, jetzt weicht sie sie auch noch in Wasser ein! Tagelang stand das Glas da herum, mit ein paar Äpfelchen von Caruso und einer Menge Wasser.

Äppel in Wasser? Echt jetzt?

Dann hat mein Mädchen kritisch geguckt. „Sand!“ hat sie gesagt. Tatsache, eine kleine Sandspur hatte sich unten im Glas abgesetzt. Das hatte sie schon befürchtet, weil es ja die letzten Wochen so trocken war und wir beim knabbern im Paddock und wahrscheinlich auch auf der Weide dann so viel Sand futtern. Der ist natürlich in größeren Mengen nicht so gut für unseren Darm! Die gute Nachricht ist: gegen Sand braucht man keine Ekelpaste. Gegen Sand hilft Schmatzofatz! Und Schmatzofatz ist lecker. Nur schwierig zu essen, aber egal.

Schwierig zu essen aber lecker!

Wenn wir eine Weile Schmatzofatz bekommen haben, fangen unsere Äppelhaufen extra schön an zu glänzen. Und das Schmatzofatz soll den Sand mit raus-schleimen quasi. Mal sehen ob das funktioniert! Bald ist die Tüte leer geschmatzt, dann wird sie wohl wieder Äppel in Wasser einweichen und das kontrollieren. Wir Ponys hätten aber auch nichts dagegen noch öfter Schmatzofatz zu essen, nur mein Mädchen findet das umständlich. Weil sie es immer vorher einweichen muss und wir dann ungeduldig sind. Und weil es überall fest klebt, wenn man nicht aufpasst. Sie mag lieber einfach ein paar trockene Zutaten in unsere Schüsseln werfen und fertig ist das Essen. Na, wir werden ja sehen was passiert!

Euer schmatzender Sir Duncan Dhu of Nakel

Komfortzone

Da sind wir wieder – in unserer Komfortzone. Und als ich mich auf die Suche machte nach einem passenden Zitat zum Thema musste ich feststellen, dass ich anscheinend nicht normal bin (Überraschung!) oder dass ich da was falsch verstehe. Denn irgendwie läuft es darauf hinaus, dass das Verlassen der eigenen Komfortzone bewirken soll, dass man sich nachher gut fühlt. Aber ich bin nur erschöpft. Vielleicht war ich wirklich zu weit draußen – mindestens zwischenzeitlich war ich definitiv in der Panikzone. Und mit zwischenzeitlich meine ich ungefähr ein Drittel der Zeit.

Aber mal von vorn: Anfang des Jahres habe ich in einem Anfall von Wahnsinn – und weil es ja noch so komfortabel weit weg war – den Kurs bei Elsa Sinclair gebucht. Als aktive Teilnehmerin mit meinem eigenen Pony. Und jetzt war es so weit: Duncan, Diego, Arnulf und ich fuhren 4 Stunden mit dem Anhänger gen Süden um Elsa zu sehen und von ihr zu lernen. Die gute Nachricht ist: wir haben gelernt. Alle meine Fragen wurden beantwortet (was bedeutet, dass mein Kopf in den nächsten Wochen und Monaten einen Haufen neue Fragen generieren wird). Die schlechte Nachricht ist: es war uns viel zu viel. Und jetzt sind wir vollkommen erschöpft. (Die gute Nachricht in der schlechten: ich wusste das vorher und habe genug Zeit zum Auftanken eingeplant bevor der Alltag wieder startet. Dachte ich. Noch eine Woche mehr wäre allerdings besser gewesen ….)

Elsa ist die Pferdefrau, die es wirklich schafft, mich wieder zum kompletten Anfänger zu machen. Und offensichtlich nicht nur mich: viele, die auch schon mehrere ihrer Kurse mit gemacht haben, fallen regelmäßig in Verzweiflung weil sie das Gefühl haben, das nie zu verstehen. Im Grunde ist es ja ganz einfach: geh in Harmonie mit dem was du magst und raus aus der Harmonie wenn du es nicht magst. So weit, so simpel. Und so sagt Elsa immer wieder „ich wundere mich, dass die Leute immer wieder kommen, es ist doch so einfach!“.

Aber ganz so einfach ist es dann eben doch nicht – weil Pferde so unterschiedlich sind und weil uns Anfängern die Erfahrungswerte fehlen. Weil die Zeichen der Pferde anfangs so klein sind und die Fortschritte auch, so dass die Frage „wird es besser oder wird es schelchter?“ irgendwie nicht zu beantworten ist. Elsa macht seit 11 Jahren nichts anderes, ich glaube ihr, dass es dann einfach ist. Ich saß vor 4 Jahren zum ersten Mal auf einem ihrer Kurse und war völlig erschlagen davon, dass ich da gar nichts verstehe. Zwei Tage lang habe ich mich nur gefragt, was sie da tut, warum sie es tut und wozu es führen soll. Immerhin diese Fragen konnte ich klären. Dann kam Duncan und hat komplett anders reagiert als die Pferde in den Kursen und ich wusste nicht weiter. Und so haben wir ihn also eingepackt und mitgenommen. Und das hat sich auch gelohnt, denn all meine „Duncan-spezifischen“ Fragen wurden beantwortet.

Aber es war auch die Hölle, ehrlich gesagt. Als echte „Helikopter-Pony-Mama“ habe ich mir Tag und Nacht Sorgen gemacht, dass mein kleiner Hengst den Zaun überwinden, sich verletzen oder eine Stresskolik bekommen könnte. Auf dem Hof kehrte keine Ruhe ein, was vor allem einem Hengst geschuldet war, der in einem winzigen Paddock in Sichtweite des Reitplatzes wohnte und alle nervös bzw alle Stuten rossig gemacht hat. Immer wenn gerade Ruhe eingekehrt war, fing er an zu schreien (wiehern kann man das eher nicht nennen) und eine Kaskade von Antworten kam zurück – von Duncan, von den Stuten auf der entfernteren Weide und von einigen Pferden dazwischen. So konnten unsere beiden Jungs offensichtlich nicht schlafen – ich bezweifle, dass sie gelegen haben in den 6 Tagen die wir dort waren – und Duncan konnte nicht wirklich zur Ruhe kommen.

Ich persönlich brauche jetzt so schnell keine Abenteuer mehr. Ich freue mich über die Ruhe und den Frieden hier bei uns – als wir zu hause waren habe ich die Fenster aufgemacht um „die Stille rein zu lassen“. Die Stille, die natürlich keine ist, sondern Vogelgezwitscher, Ponyhufe die über den Paddockboden knirschen, raschelnde Blätter und solche schönen Geräusche. Wenn dann – was ja manchmal vorkommt – beim Nachbarn mal ein Pferd geschrien hat (das machen die – glaube ich – wenn sie getrennt werden, zum Glück nicht so oft) – lief es mir eiskalt den Rücken runter. Inzwischen geht es wieder.

Und das nächste Mal, wenn wir unsere Komfortzone verlassen, werde ich sicher stellen, dass wir nur eben den großen Zeh über die Grenze schieben. Damit wir danach auch wirklich glücklich sind.

Duncan hingegen hat das alles schnell weg gesteckt. Ein bisschen pubertär war er die ersten Tage unterwegs, hatte mir und den anderen Ponys gegenüber vergessen was so grundsätzliche Regeln sind – man kann ja mal nachfragen. Als wir am Dienstag wieder mit dem Spaziergehkumpel los gezogen sind, hatte ich als erstes Mal ein Verladeproblem: Duncan wollte nämlich schon in den Anhänger einsteigen bevor ich fertig war mit putzen – ein sicheres Zeichen dass es ihm nicht zu viel war. Und nachdem wir dann einen schönen Ausflug gemacht haben, scheint es jetzt auch mit der Pubertät wieder vorbei zu sein (mal sehen). Und so sehr ich mich selbst überfordert habe, ist es mir doch so herum lieber als anders herum: wenn der Mensch fand, es war ein schönes Abenteuer und das Pferd überfordert ist. Das ist nämlich schwieriger zu reparieren und oft für den betroffenen Menschen auch schwieriger zu erkennen.

Und jetzt freue ich mich auf die Ausreitsaison – ohne Mücken und ohne Hitze und möglichst ohne Abenteuer. Mitten in unserer Komfortzone halt.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 281

So, hier kommt er, mein Abenteuerbericht für Euch!

Also am Donnerstag sind Diego und ich in die Wackelkiste geklettert und laaaaaaange gewackelt worden. Wir machen uns da ja nix draus, wir nutzen die Zeit sinnvoll mit Essen und Dösen. Schließlich sind wir auf einem Pferdehof angekommen. Dort haben wir ein Stück Wiese bezogen oder einen Paddock mit etwas Gras – kann man so sehen oder so. Ich hab erst mal den Zaun gecheckt und befunden, dass man da sehr gut den Kopf dran drücken kann um zu sehen ob das Gras auf der anderen Seite vielleicht grüner ist. Aus unerfindlichen Gründen fand mein Mädchen das nicht witzig, so dass sie dann direkt angefangen hat, einen zweiten Zaun etwas weiter innen zu bauen. Und der war bissig, so wie unser Zaun zu hause. Hatte sich was mit grünerem Gras! Was viel blöder war: ich hatte echt keine Chance zu den vielen anderen Pferden zu gehen die da waren. Da war immer ein Gerufe unter den Pferden, der Hengst von gegenüber war sehr aufgeregt (aufgeregter als ich!) und wenn der gewiehert hat, haben andere geantwortet – da hab ich dann auch gleich mal mit gemacht.

Am nächsten Tag zog dann nebenan ein Pferd aus und ein anderes zog ein, da war ich auch ziemlich aufgeregt. Mein Mädchen war schon fertig mit den Nerven, weil ich dauernd so aufgeregt war. Allerdings hat sie dann mal meinen Puls gemessen und mich direkt streng angeschaut. Sie meinte, ein Puls von 40 wäre so verräterisch niedrig, dass ich so aufgeregt gar nicht sein könnte! Es sei wohl mehr Angeberei, dass ich da so viel trabe und trompete, meinte sie.

Am Samstag ging es dann richtig los, da kamen ganz viele Menschen und haben sich direkt vor unserem Paddock ausgebreitet! Da war nämlich der Reitplatz und da haben die alle hin geschaut. Nun war es mir ja egal dass da so viele Menschen sind, aber sie haben mir die Sicht auf die Pferde auf dem Reitplatz versperrt, das war ärgerlich. Wollte doch gucken wer da so kommt und geht! Dann ging der Kurs mit Elsa los. Ich habe mir sagen lassen, das andere Kurse anders ablaufen. Aber auf diesem Kurs war es so, dass Diego und ich die ganze Zeit in unserem Paddock bleiben durften. Und wir durften auch machen was wir wollten. Mein Mädchen hat derweil das Rumstehen geübt. Das könnt ihr Menschen ja nicht so gut! Aber ich soll da auch noch was lernen. Also es ist so: es sieht ja ganz einfach aus, so zusammen herum zu stehen. Aber mein Mädchen hat da nicht so viel Ahnung von und dann steht sie gern mal zur falschen Zeit am falschen Ort oder sie bewegt sich zu schnell oder zu langsam oder überhaupt ganz verkehrt. Und das REGT MICH AUF! Dann maule ich sie an. Elsa meint aber, das wäre ganz kindisch und unerwachsen. Erwachsen und vernünftig wäre, wenn ich deutlich, aber freundlich sage, was mir nicht gefällt, so dass mein Mädchen die Chance hat, es besser zu machen. Und noch erwachsener wäre, wenn ich es schaffe, einfach weg zu gehen, falls sie es dann immer noch falsch machen sollte. Das soll ich jetzt lernen. Und gleichzeitig lerne ich dabei, meine eigenen Gefühle zu regulieren, indem ich auch mal an was anderes denke als an das, was mich grad so aufregt (sei es, dass mein Mädchen falsch steht oder dass da fremde Pferde sind oder was auch immer). Fokuswechsel heißt das.

Normalerweise ist mein Mädchen ja diejenige, die die Verantwortung trägt. Sie bestimmt, was wir machen und meistens mache ich das gern oder ich bekomme einen Keks dafür. Ich hab da schon auch Mitspracherecht aber sie hat das letzte Wort und trifft die Entscheidungen. Manchmal – das ist aber bisher ganz selten passiert – läuft alles schief. Dann sage ich ihr, dass ich ein Problem habe, aber sie hört mich nicht. Und dann mache ich was blödes. Und auch deswegen ist es wichtig, dass ich lerne, es nochmal und nochmal und deutlicher zu sagen wenn ich ein Problem habe. Damit ich nix blödes mehr machen muss, sondern mein Mädchen mich versteht und mir helfen kann. Dafür soll ich toleranter werden und eben besser mit ihr reden. Und damit ich das lerne, sagt sie mir beim Rumsteh-Training GAR NICHTS was ich machen soll. Ich mache das, was ich halt so denke und sie steht mit mir herum. Und an der Art, wie und wo sie so steht oder geht, kann ich erkennen, was sie von dem hält, was ich da so mache. Ich weiß, für euch Menschen ist das schwer zu verstehen, aber für uns Ponys ist das voll normal. Das machen wir 24 Stunden am Tag untereinander und das von Geburt an, da kennen wir uns aus. Ihr Menschen halt nicht und deswegen macht ihr da voll viel falsch.

Mein Mädchen findet das irre schwer. Weil sie eine Fremdsprache lernen muss. Na, ich hab ja auch deine Sprache gelernt mein Mädchen, da musst du dich halt jetzt mal anstrengen!

4 Tage lang ging der Kurs. Am letzten Tag war mein Mädchen schon völlig platt. Als dann mein Nachbar ausgezogen ist und weg gefahren wurde fand ich das richtig blöde und hab mich ordentlich aufgeregt. Ich war nämlich auch etwas übermüdet weil ich nicht so richtig zum schlafen gekommen bin die ganze Zeit. Diego war auch müde. Und so waren wir heil froh als am Mittwoch alles vorbei war und die Menschen uns in die Wackelkiste gebracht haben. Kaum standen wir da drin, sind wir beide im Stehen eingeschlafen. Ich hab die Fahrt einfach geschmeidig verpennt und Diego weitgehend auch. Zu hause musste ich dann den anderen Ponys schnell zeigen, dass ich doch ein bisschen mehr Hengst geworden bin in den Tagen die wir weg waren. Es hat sich aber niemand beeindruckt gezeigt und also hab ich gedacht, ich lasse das mal wieder. Die Jungs hier mögen mich lieber entspannter, das weiß ich ja auch. Und als ich dann erst mal wieder zur Ruhe gekommen war, ging es auch wieder.

Jetzt üben wir das mit dem Rumstehen hier zu hause weiter. Mein Mädchen ist ganz fröhlich, weil sie es so viel besser verstanden hat. Jetzt wartet sie darauf, dass ich erwachsen werde, während sie herum steht. Elsa hat gesagt, das kann dauern. Aber mein Mädchen ist ja so stur, ich glaube es ist ihr egal, wie lange es dauert. Und außerdem können wir ja trotzdem all unsere schönen Abenteuer zusammen erleben – dann entscheidet mein Mädchen und alles ist gut.

Euer erwachsen-werdender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 280

Liebe Menschen,

wie einige von euch schon wissen, waren wir auf grooooooßer Abenteuer-Fahrt. Viele von euch warten schon ganz gespannt auf die zwei Berichte darüber – meinen und den von meinem Mädchen.

Im Moment sind wir aber beide sehr müde und haben ganz viel zu denken und zu verarbeiten. Und wir müssen beide Schlaf nachholen. Also wird es noch ein bisschen dauern mit dem ausführlichen Bericht, ich hoffe ihr versteht das.

Ich konnte nicht gut schlafen, weil da so viele fremde Pferde waren und einige von denen haben immer wieder gewiehert wenn ich gerade ein Nickerchen machen wollte. Mein Mädchen konnte nicht schlafen, weil sie Angst hatte, dass die anderen Pferde mich so durcheinander bringen, dass ich durch den Zaun will oder Bauchweh bekomme oder so was. Und dann haben wir beide ja auch noch „ganz nebenbei“ versucht, viele neue Dinge zu lernen! Ich soll nämlich lernen, mich klarer auszudrücken und mein Mädchen soll lernen, mich besser zu verstehen. Außerdem soll ich ganz fürchterlich erwachsen werden, das bedeutet, meine Emotionen besser im Griff haben und mich selbst regulieren. Normalerweise bin ich ja ein sehr entspannter Geselle, aber ich komme ehrlich gesagt noch nicht so gut klar mit Aufregung wie erwachsene Pferde – zum Beispiel Diego der Große. Kann ich aber lernen, und mein Mädchen kann mir dabei helfen.

Ich erzähle euch noch mehr davon, sobald wir unsere Köpfe sortiert haben – mein Mädchen ihren und ich meinen. Versprochen!

Bis dahin genießt das schöne Wetter (mein Mädchen ist glücklich, ihre Lieblings-Jahreszeit fängt an!).

Euer übermüdeter Sir Duncan Dhu of Nakel der froh ist wieder zu hause zu sein und entspannen zu können

Gut genug

Ich unterrichte fast ausschließlich Frauen. Und so habe ich in den letzten Jahren viel über Frauen gelernt – vor allem dass sie sich anscheinend nie gut genug finden. Selbst die, die nach außen eine große Klappe haben, sind im inneren oft unsicher.

Da Pferde so fein sind in ihrer Wahrnehmung und da es in meinem Unterricht so oft darum geht, wie wir die Beziehung zu unserem Pferd gestalten und weniger um Technik, kommt früher oder später mal das eine oder andere Thema zur Sprache. Manche Frauen erzählen mir dann viel und wollen alles mal los werden. Manche deuten nur an und lassen viel Interpretationsspielraum. Bei manchen sage ich mal was, was ich anhand des Verhaltens ihres Pferdes so vermute – immer mit der deutlichen Ansage, dass ich nur vermute und völlig falsch liegen kann. Dann entsteht daraus ein Gespräch. Viele dieser Frauen scheinen zu glauben, dass sie die einzigen sind, die sich selbst nicht gut genug finden. Und das stört mich persönlich fast mehr, als dass sie sich selbst nicht gut genug finden (das kann ja auch erst mal ein Ansporn zur Verbesserung sein). Liebe Frauen: nach meiner Erfahrung finden sich fast alle Frauen nicht gut genug. Ihr seid damit nicht allein, es wird nur nicht offen darüber gesprochen (weil alle glauben, damit allein zu sein – ein klassischer Teufelskreis).

Ein besonders sensibler Tinker in meinem Kundenkreis, der ein paar merkwürdige Verhaltensweisen zeigte (z.B. dass Lektionen, die er eigentlich konnte, plötzlich „verlernt“ waren) lehrte mich die volle Bedeutung dessen, was wir Menschen neben dem Pferd so denken und fühlen. Ich wunderte mich nämlich, warum bei diesem Pferd so schnell eine Art Verzweiflung eintrat, wenn etwas nicht 100% klappte. Er gab dann auf und hörte auf, es zu versuchen. Nach etwas Forschungsarbeit konnte ich den Zusammenhang dann ergründen: der Tinker fühlte sich kritisiert, wenn seine Besitzerin sich selbst in Gedanken kritisierte, so dass ich am Verhalten des Pferdes ablesen konnte, wie die Besitzerin mit sich selbst spricht. Ich bat sie – wenn sie es schon nicht für sich selbst tut – wenigstens ihrem Pferd zuliebe die Selbstkritik beiseite zu lassen und das Pferd fing sofort an, motiviert mit zu machen.

Eine andere Schülerin sagt mir „es reicht nicht“. Das ist ihr Satz, mit dem sie sich selbst kommentiert „es ist nicht genug“. Die Frauen, die sich jetzt hier wieder erkennen (ich tippe mal, es sind ziemlich viele!) dürfen sich mal folgendes fragen: wann wäre es denn „gut genug“? Meistens wenn ich diese Frage stelle gibt es zwei Versionen von Antwort: die eine ist (wenn auch oft versteckt formuliert) dass es „gut genug“ ist, wenn es perfekt ist. Tja, liebe Damen, da möchte ich an den kürzesten Reiterwitz erinnern: Ich kann’s. Mit reiten lernen ist man nämlich nie fertig und das bezieht auch all die anderen Dinge rund ums Pferd mit ein. Also schminkt euch das ab mit der Perfektion. Dazu kommt: der Trainer oder „Star“ den ihr vielleicht bewundert, verbringt sein ganzes Leben mit Pferden und arbeitet jeden Tag mit verschiedenen Pferden. Die Freizeitreiterin hat aber ein, vielleicht zwei Pferde und für die hat sie ein paar Stunden in der Woche Zeit. Dieser Vergleich wird immer zugunsten des Trainers oder der Ausbilderin ausfallen und deswegen ist sie ja die Ausbilderin!

Andere Antworten auf die Frage wann es „gut genug“ ist, sind oft so wischiwaschi formuliert, dass klar ist: „gut genug“ ist ein völlig undefinierter Begriff. So etwas wie „gleich“ oder „später“. Damit drückt frau sich offensichtlich davor, sich vielleicht mal eingestehen zu müssen, dass sie an vielen Stellen längst „gut genug“ ist. Oder Frauen glauben, sie seien „gut genug“ wenn sie die nächste Stufe erreicht hätten (also wenn z.B. das Schulterherein mit dem Pferd endlich klappt). Das ist aber natürlich Selbstbetrug, denn bei all den Stufen davor hat es ja auch nicht funktioniert – sie fühlte sich nicht „gut genug“ als das Pferd mit Reiter traben konnte und nicht „gut genug“ als das Pferd mit Reiter galoppieren konnte, also wird sie sich auch nicht „gut genug“ fühlen wenn das Schulterherein klappt und sogar dann nicht wenn das Pferd piaffiert, passagiert und fliegende Wechsel springt.

Was in unserer Gesellschaft irgendwie immer so falsch verstanden wird: „gut genug“ bietet trotzdem Spielraum für Verbesserung. Nur eben ohne Drama, ohne Kritik, ohne Selbstgeißelung. Dafür mit Spaß an der Sache. In einem interessanten Umkehrschluss finden viele Frauen übrigens, dass ihr Pferd alles ganz wunderbar macht. Da ist es ganz schnell „gut genug“, wie halbseiden das Angebot des Pferdes auch gewesen sein mag. Kritisieren tun sich die Menschen viel mehr selbst. Aber hier ist das Problem: nach meiner Erfahrung unterscheiden die Pferde nicht, ob der Mensch sich selbst kritisiert oder das Pferd. Sie fühlen die Kritik und fühlen sich kritisiert. Und daher, liebe Frauen, hier meine Bitte: tut es doch für eure Pferde. Glaubt doch mal daran, dass das, was ihr tut, gut genug ist. Und noch besser werden kann – ein Leben lang.

Die perfekte Reiterin gibt es nicht, genauso wenig wie den perfekten Stall und das perfekte Gesundheitsmanagment mit dem Euer Pferd nie krank wird und sich nie verletzt (und am besten niemals stirbt). Ich bin sehr dafür, dass wir uns alle stetig verbessern. Ich bin auch dafür, dass wir das mit Spaß und Freude tun und uns gegenseitig dabei unterstützen, anstatt uns noch anzuzicken und uns das Leben schwer zu machen. Und ich glaube die Basis dafür ist der Punkt an dem wir sagen „es ist gut genug“.

Ich bin keine Psychologin. Ich habe das – wie immer – von den Pferden gelernt. Immer, wenn ich einem ängstlichen, überforderten oder verwirrten Pferd vermitteln kann „das was du da anbietest ist gut genug“ geschieht eine wundersame Wandlung. Und ausnahmslos alle diese Pferde haben sich danach massiv verbessert. Wegen zwei kleiner Worte: GUT GENUG.

Erhaltung

Meine Schwester lebt in einer anderen Welt als ich. Sie sagt immer, wenn wir telefonieren, besuchen wir uns gegenseitig in unseren fremden Welten. Als Theologie-Professorin ohne Interesse an Tieren hat sie keine Vorstellung, wie es bei mir läuft. Und ich habe keine Vorstellung, wie es bei ihr läuft. Vertragen tun wir uns trotzdem und wir haben auch immer was zu reden. Wäre sie nicht meine Schwester, würde ich ihr aber wohl mein Lebtag nicht begegnen – komische Vorstellung.

Trotz aller Unterschiede gibt es immer wieder interessante Punkte, die die eine anspricht und die für die andere genauso gelten. Einer dieser Punkte war, als sie sich ein bisschen beschwert hat, dass man im Leben so irre viel Zeit und Energie darauf verwenden muss, überhaupt nur den Zustand zu erhalten. Sie würde ja so gern viel mehr forschen und lesen und schreiben, statt dessen muss man aber diese banalen Dinge tun, die man eben tun muss: sich waschen, was essen, einkaufen, Wäsche waschen, Sport machen (nur um Muskeln auf dem aktuellen Stand zu halten! Das ist wirklich gemein) und was der gleichen Dinge mehr sind. In meinem Kopf sah die Liste etwas anders aus, aber ich wusste natürlich sofort wovon sie redet: Mist absammeln – jeden Tag wieder! Die Ponys füttern – jeden Tag wieder! Hufe raspeln – alle paar Wochen wieder! Dauernd muss der Zaun frei geschnitten werden und reparieren muss ich ihn auch ständig. Und so weiter. Die meiste Lebenszeit geht dafür drauf, den Zustand zu erhalten. Und während wir uns darüber unterhielten, dass das merkwürdig ist und ein bisschen wie Verschwendung wirkt, dachte ich „das gilt auch für Pferdeausbildung“.

Da nennt sich das „Beständigkeit“ (manche sagen „Konsequenz“). Jedes Mal, wenn ich mein Pferd aufhalftere, führe, ihm einen Keks gebe, aufsteige, Hufe auskratze, putze….. egal was ich mache, das meisten davon wird nur dann funktionieren, wenn ich genügend Zeit und Energie in die Erhaltung des Zustandes stecke. Also: wenn ich möchte, dass mein Pferd beim Aufhalftern still hält, dann darf ich das jedes Mal einfordern. Ja, eine Ausnahme ist nicht schlimm, wenn ich es mal eilig habe und das Pferd vielleicht nicht gut drauf ist. Aber wenn ich zwei, drei Ausnahmen gemacht habe, wird das Pferd in Frage stellen ob es immer still halten muss. Duncan zeigt mir das bei der Fütterung von Keksen. Bin ich beständig genug, ihm nur dann etwas zu geben, wenn er 1. nicht an der Tasche nestelt und 2. seine Schnute zu lässt anstatt wie ein Krokodil nach meiner Hand zu haschen? Dann bleibt der Ritter sehr anständig. Da Futter so einen hohen Belohnungswert hat, gilt es, besonders aufmerksam zu sein. Ein paar mal zu nachlässig mit den Höflichkeitsregeln und schon kann ich zuschauen, wie sein Verhalten sich verändert. Und ja, es kostet Zeit, den Keks wieder weg zu nehmen, neu anzufangen, manchmal drei mal bevor es klappt. Und in der Zeit hatte ich nun eigentlich was anderes vor….

Jeden Tag beobachte ich Menschen mit Pferden. Ich mag gar nicht hinschauen, wenn meine Schüler sich am Anfang der Reitstunde nicht die Zeit nehmen, darauf zu bestehen, dass das Pferd zum Aufsteigen ordentlich einparkt und beim Nachgurten stehen bleibt. Nur weil ich daneben stehe und es endlich los gehen soll, wird geschludert was das Zeug hält. Naja, später werde ich dann vielleicht für eine Extra Einheit gerufen, weil das Pferd nicht mehr still steht – könnte gut sein für mein Geschäft. Während es vielleicht nicht so gut für mein Geschäft ist, wenn ich in dem Moment sage „ich würde das nochmal machen“. Viele Menschen hören das nicht so gern. Aber die, die es dann nochmal machen, haben langfristig ein leichteres Leben mit ihrem Pferd. Und ganz ehrlich: für das Pferd ist es eigentlich auch angenehmer, wenn die Regeln gleich bleiben und auch immer durchgesetzt werden. Das geht uns doch nicht anders: Hier bei uns in der Gegend gibt es ein Stück Landstraße, auf dem nach dem Ortsausgangsschild 70km/h erlaubt sind – für gefühlte 200 Meter, dann wird wieder auf 50km/h beschränkt. So etwas nervt doch nur und es wäre entspannter, einfach mit 50km/h durch zu fahren. Aber wir Menschen sind wie Pferde: wir möchten jeden noch so kleinen Spielraum ausnutzen, selbst wenn es uns gar nicht glücklich macht. Das scheint einfach eine grundlegende Gehirnfunktion bei Säugetieren zu sein. Deswegen fahren wir gern ein bisschen schneller als erlaubt, bis wir geblitzt werden. Dann meckern wir und haben schlechte Laune, halten uns aber meistens für eine Weile an die Regeln. Mein Vater hat sich darüber übrigens schon immer amüsiert, dass die Leute NACH dem Blitzer die Geschwindigkeitsbeschränkung einhalten. In seiner ganz eigenen Logik kann man NACH dem Blitzer ja ruhig schneller fahren, weil es sehr unwahrscheinlich ist, dass da noch ein Blitzer steht. Ich will es mal so formulieren: wenn mein Vater als Pony wieder geboren werden sollte, wünsche ich dem Besitzer viel Vergnügen!

Erhaltungsarbeit ist auch an anderen Fronten zu leisten, damit es unseren Pferden gut geht: regelmäßige Huf- und Zahnkontrolle, Sattelanpassung und jemand der mal physiotherapeutisch oder osteopathisch drüber schaut, Futtercheck, Wurmcheck und Impfungen….. da gibt es immer was zu tun. Man merkt es den Pferden einfach an, wenn sie einen Besitzer haben, der bereit ist, an allen Enden in die Erhaltung des Zustandes zu investieren. Interessanterweise sind das dann nämlich die Pferde, deren Zustand sich verbessert.

Und so dreht sich der Spieß plötzlich um: wer den Zustand erhält, verbessert ihn in Wirklichkeit automatisch. Wer ständig verbessern will, ohne zu erhalten, wird wahrscheinlich eher verschlechtern. Ein bisschen so wie ich, wenn ich einen Rappel kriege, endlich Ordnung in der Wohnung haben will und zu diesem Zwecke alles aus den Schränken reiße, dort durch wische, Sachen aussortiere – und dann den aussortierten Kram wochenlang im Flur stehen habe.

Gerade jetzt, wenn mit Duncan nochmal große Schritte in der Ausbildung zum Reitpony anstehen, darf ich daran denken, der Erhaltung die oberste Priorität zu geben. Die vielen schönen Dinge, die wir uns erarbeitet haben, sind wichtiger, als die verlockenden neuen Ziele. Vielleicht sollte ich mir ein Banner an den Reitplatz hängen um mich daran zu erinnern….. Und gelegentlich an meine Schwester denken, in ihrer anderen Welt, in der manche Dinge eben doch genauso sind wir hier bei mir.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 279

Geburtstaaaaaaaaag! Ich werde heute 4 Jahre alt! Das ist schon voll erwachsen, finde ich. Mein Mädchen findet, ich hätte schon wieder Pubertät und wäre von erwachsen noch ein Stück weg. Also sind wir uns wie immer in diesem Punkt nicht einig. Aber egal, Hauptsache die Party stimmt! Die Menschen haben ein paar Möhren springen lassen für meine Freunde und mich. Da wir nicht wissen, wann Merlin, Caruso und Diego genau Geburtstag haben, hat mein Mädchen beschlossen, dass wir einfach alle gemeinsam einmal im Jahr feiern – an meinem Geburtstag.

Das Wetter ist leider schon wieder so heiß, da mögen wir am liebsten den ganzen Tag drin stehen. Aber mein Mädchen sagt, heute abend können wir noch auf den Reitplatz gehen und etwas Gymnastik machen. Das tut not, weil ich schon wieder ganz schief und krumm bin. Das liegt wahrscheinlich am Wachsen, sagt mein Mädchen. Also wird wieder gedehnt und massiert damit ich wieder gerade werde.

Für mein neues Lebensjahr habe ich einiges vor und werde euch natürlich immer auf dem Laufenden halten, was bei mir so los ist.

Möhrenparty für meine Freunde und mich!

Aber jetzt habe ich noch meinen ganz üblichen, quasi schon traditionellen Geburtstagswunsch: Denkt doch mal an all die Ponys, die es nicht so gut haben wie ich. Die ganz viel arbeiten müssen und wenig zu futtern haben. Die nicht einfach den Tierarzt kriegen wenn sie ihn brauchen, sondern oft krank sind und Schmerzen haben. Zum Glück gibt es liebe, liebe Menschen, die diesen Ponys helfen. Und um ihnen helfen zu können, brauchen diese lieben Menschen Geld! Deswegen schaut doch mal hier bei Equiwent die helfen mittlerweile nicht mehr nur Ponys, sondern auch anderen Tieren und auch den Menschen, die zu den Tieren gehören. Und dann schaut mal in Eure Geldbörse, vielleicht ist da noch der eine oder andere Euro übrig, dann könnt ihr auch helfen! Ich wünsche mir nämlich, dass es allen Ponys so gut geht wie mir.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. 4 Jahre alt!