Unsicher

Duncan zeigt seine Unsicherheit auf interessante Art und Weise. Vielleicht ist es unter anderem das, was Highlandpony-Besitzer über ihre Ponys lernen und weswegen viele sagen, dass man Highlandponys kennen muss um mit ihnen umgehen zu können. Duncan zeigt nicht nur den typischen „Plant“ also das Wurzeln schlagen, wenn er sich nicht weiter traut. Er hat auch immer wieder diese Idee, wir müssten unbedingt abbiegen. Wenn er verunsichert ist, sucht er sein Heil in dieser sehr speziellen Art von Flucht und möchte dann auf einen Hof, in einen Weg, auf eine Wiese oder auch mal mitten in ein Dornengebüsch abbiegen. Hauptsache weg! Das passiert im ruhigen Schritt und hat mich daher etwas verwirrt, bis das mehrfache Auftreten dieses Verhaltens in bestimmten Situationen mir klar gemacht hat, dass es sich (wahrscheinlich meistens) um Unsicherheit handelt.

Auch ein weiteres Verhalten kann ich beobachten. Es ist völlig normal, dass ich Duncan irgendwo „parke“, dann sage ich „waaaaarte“ und er wartet mehr oder weniger geduldig, dass ich wieder komme und den Keks serviere. Ich gehe nur sehr selten außerhalb seiner Sichtweite aber auch das funktioniert in aller Regel einwandfrei. Nur nicht, wenn er verwirrt ist. Dann läuft er mir hinterher. Nicht sofort, er wartet erst einen Moment und läuft dann in Ruhe im Schritt in meine Richtung. Wenn ich ihm dann sage, dass das nicht gewollt ist, schaut er mich an, als hätten wir „warte“ noch nie geübt. (Dabei machen wir das seit ungefähr 4 Jahren und zwar bei jeder einzelnen gemeinsamen Unternehmung). Es wirkt, als sei die Bedeutung von „warte“ aus seinem Kopf gestrichen – er möchte dann vielleicht einfach nicht alleine da stehen, weil er sich nicht sicher fühlt. Alles nur Arbeitshypothesen aber mir scheint, sie bestätigen sich.

Andere Unsicherheitszeichen sind weniger ungewöhnlich. Z.B. wie sein Körper sich versteift, wenn er nicht sicher ist. Reiter, die solche Pferde haben, wissen vielleicht, wie unangenehm sich das unfühlt. Man kann fühlen, dass die nächste Reaktion ALLES sein kann von ausatmen und beruhigen bis kopflos losrennen, buckeln oder zur Seite springen. Und man fühlt, dass eine Einwirkung auf das Pferd in diesem Moment nicht möglich ist. Da Duncan ein sehr starkes Pony ist (was in allen anderen Fällen von Vorteil für uns beide ist), kann er sich sehr, sehr fest machen und ich weiß genau: keine Gesprächsbereitschaft. Daher habe ich daran gearbeitet in den kleinen Andeutungen dieser Steifheit noch zu ihm durchdringen zu können und tatsächlich bin ich der Meinung dass eben dieses Üben dazu führt, dass wir jetzt so viel entspannter ohne Begleitung ausreiten üben können. Denn wenn er im Gespräch bleibt, fühlt er sich wiederum nicht so allein und steigert sich dann nicht in seine Unsicherheit oder Angst rein, sondern kann weiterhin klar denken.

Unsicherheit ist ein sehr unangenehmes Gefühl. Und wir dürfen uns immer und immer wieder klar machen, dass Unsicherheit sich im Pferd wie auch im Menschen extrem unterschiedlich äußern kann. Mancher unsichere Mensch wird zum Angeber. Oder aggressiv. Andere verstecken sich und reden nur ganz leise, bei ihnen ahnt man am ehesten, was das Problem ist. Aber bei Angebern und aggressiven Menschen wird man nicht so schnell an Unsicherheit denken. Muss ja auch keine sein, kann aber halt. Und so ist es auch bei vielen Ponys: es MUSS nicht zwangsläufig immer Unsicherheit sein, wenn sie plötzlich stehen bleiben oder den Hals ganz gerade und fest machen. Aber es KANN Unsicherheit sein. Das sollten wir niemals vergessen. Deswegen im Zweifel für den Angeklagten: es so behandeln als wäre es Unsicherheit und dann sehen was passiert.

Wenn jemand unsicher ist, nützt es ihm aber auch nichts, wenn sein Gegenüber dann AUCH unsicher wird. Eins meiner größten Probleme beim alleine ausreiten ist genau das: wenn Duncan sich Sorgen um irgendetwas macht, produziert mein Kopf sofort Angstszenarien. Und dann sind wir zwei ganz allein und beide verunsichert – keine gute Kombi. Deswegen übe ich das so kleinschrittig, damit für uns beide immer die Möglichkeit besteht, irgendwie raus zu kommen aus solchen unguten Momenten. Je mehr wir das üben, desto besser werden wir. Mir persönlich hilft dabei ein bisschen schauspielern. Ich sage mir selbst: ich tu einfach so als wäre ich mir sicher. Das ist nicht sooooo überzeugend, aber immer noch besser als wenn ich mir die ganze Zeit vorbete, wie groß doch meine Angst ist. Und oft reicht ein bisschen gespielte Sicherheit um meinen Zustand so zu verbessern, dass auch Duncans Zustand sich verbessert.

Was mir aber auch hilft, ist zu erkennen, dass Duncans Unsicherheit sich doch meistens ziemlich ungefährlich äußert. Stehenbleiben oder Abbiegen im Schritt ist kein Problem. Und selbst der gelegentliche Sprung zur Seite oder nach vorn ist kein Thema. Ich kann also mehr und mehr Sicherheit gewinnen, dass das das schlimmste ist, was passiert und das diese Verhaltensweisen mir im Zweifel noch genug Zeit lassen, schnell abzusteigen und Duncan von unten zu unterstützen. Da ich Duncan von klein auf beigebracht habe, dass Stehenbleiben das Mittel der Wahl ist, darf ich mich jetzt nicht beschweren, wenn er etwas mehr stehen bleibt als mir lieb ist. Dann rufe ich mir ins Gedächtnis, dass das die sicherste Option ist, die er im Angebot hat. Schritt zwei ist, dass wir üben, einen gleichmäßigen Vorwärtsfluss zu erhalten. Aber das ist für uns eben Schritt ZWEI. Und die Möglichkeit, stehen zu bleiben, halte ich ihm nach Möglichkeit immer offen.

Das Gegenteil von Unsicherheit ist Sicherheit – und die gewinnen wir am besten durch Erfahrung und ein gesundes Selbstbewusstsein. Wenn Duncan noch ein paar Jahre älter ist, mehr von der Welt gesehen hat, mehr komische Situationen gemeistert hat, wird er noch sicherer sein in der Welt. Wenn ich noch ein paar komische Situationen mit ihm zusammen erlebt habe und die Erfahrung gemacht habe, dass er wirklich ungefährlich reagiert, werde ich mir noch sicherer sein mit ihm. Darauf freu ich mich!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 433

Endlich mal wieder ein Sonntagsausflug! Das Wetter war schön, frostig aber mit ein bisschen Sonne, und Diego ist auch endlich wieder fit. Also ging es los! Wir waren fast ein bisschen aus der Übung, aber es war sooooo schön. Mein Mädchen hat gesagt, wir üben jetzt flotten Schritt. Diego ist ja eh immer so schnell unterwegs und ich muss zusehen, dass ich da hinterher komme. Und mein Mädchen hat mich ordentlich angefeuert, da musste ich mich schon ins Zeug legen! Geschafft habe ich es trotzdem nicht. Diego ist einfach ungeschlagener Schritt-König!

Endlich sind wir mal wieder draußen unterwegs!

Netterweise wartet er dann ja ab und zu auf mich. Oder wir traben schnell ein kleines Stück, mein Mädchen und ich, aber da war sie heute knauserig mit.

Mein Mädchen war ganz warm eingepackt und hatte trotzdem nach 6km schon kalte Füße. Uns Ponys hingegen war so warm, dass wir ordentlich geschwitzt haben, obwohl wir nur Schritt gegangen sind! Mein Mädchen sagt, da muss wohl doch nochmal die Schermaschine ran, wenn uns immer noch so warm ist, obwohl das Wetter doch jetzt so kalt ist.

Diego ist leider mit seinem Hufgeschwür ganz schön aus der Form gekommen. Er ist ja nun auch nicht mehr so ganz jung (20 Jahre ist er alt!) und er hat irgendwie ganz schnell ganz viele Muskeln verloren. Jetzt bekommt er immer eine große Portion Extra-Heu und außerdem noch Hafer dazu, weil er wieder aufbauen soll. Deswegen waren es heute auch nur 6 km, weil der Mann zum ersten Mal wieder geritten ist.

Ach so und natürlich weil es glatt war! Mein Mädchen hat mich ausgeschimpft, weil ich immer auf der glatten Straße laufen wollte anstatt auf den sicheren Randstreifen zu gehen. Aber am Rand gehen ist viel anstrengender! Da ist der Boden so uneben, da muss man die Hufe heben und dafür hab ich keine Zeit – ich muss mich in der Landschaft umschauen oder ein bisschen träumen. Sie hat sich Sorgen gemacht, weil ich ein paar mal gerutscht bin. Hat gesagt, sie will nicht mit mir auf der Nase landen. Ach was, mein Mädchen, ich bin das doch gewohnt! Wenn im Paddock alles matschig ist und ich in Porsche-Manier durch die Gegend pese, rutscht mir auch mal ein Huf weg. Dafür hab ich doch noch die drei anderen! Naja, jedenfalls musste ich ganz viel am Wegesrand gehen, denn letztlich sitzt sie ja doch immer am längeren Hebel.

Aber sie fand ich hab das alles super fein gemacht (natürlich! Was denn sonst?) und wir waren alle gut gelaunt dass wir endlich wieder ausreiten waren.

Jetzt sehen wir mal was das Wetter so für uns bereit hält die nächsten Tage mit Frost und Schnee.

Euer endlich wieder ausgerittener Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 434

Das Wetter macht auf Winter und also werden wir wohl mehr Zeit in der Halle verbringen als uns lieb ist. Aber es soll ja nicht langweilig werden und weil ich alleine jetzt schon so super gut wippen kann, hat mein Mädchen sich was neues überlegt. Plötzlich kam sie zu mir auf die Wippe! Ey, was soll das denn, das ist doch MEIN Spielzeug! Aber sie meinte, sie ist doch ganz schmal und das passt schon noch. Begeistert war ich nicht, aber ich bin ja Gentleman und also hab ich sie gewippt. Fand sie super! Dann kam sie auf die glorreiche Idee, sie könnte auch mal wild herumhopsen. Oh man Mädchen, mein sorgfältig aufgebautes Gleichgewicht! Ich war ehrlich gesagt ein bisschen motzig. Aber wenn die Keksrate stimmt…. ihr wisst schon.

Mein Mädchen war entzückt, dass ich alles so fein mitmache. Ich bin entzückt, wenn ich meine Wippe wieder für mich allein hab.

Na mal sehen was ihr noch so einfällt an Winter-Programm, damit mir nicht so langweilig ist.

Euer winterlicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Seine größte Leistung

Als wir neulich auf dem Dachboden zwischen Dampfdiffusionsfolie, Kabeln und Dämmwolle herumgekrochen sind, kam durch eine verrückte Assoziationskette in meinem Kopf eine Erinnerung an Finlay hoch. Manchmal – ist das bei Euch auch so? – kommt so eine Erinnerung gestochen scharf, als wäre es gestern passiert.

Damals sollten wir helfen, dass ein junger Araber umziehen kann. Der kleine Mann hatte noch wenig Ahnung vom Leben und war nun nicht gerade ein begeisterter Anhänger-Fahrer. Um nicht zu sagen: die ganze Aktion war eine von denen, an denen alles falsch ist. Mit dem Pferd noch nicht mal genug führen geübt, geschweige denn verladen und fahren, die Besitzerin ein nervliches Wrack weil die Stimmung am Stall gruselig war und auch das Wetter war nicht gerade eitel Sonnenschein. Ich selbst war ebenfalls nur so halb fit. Arnulf und ich taten unser bestes, um den Araber zum Einsteigen zu bewegen, aber keine Chance. Plan B war eine Sedierungspaste, die die Besitzerin auf mein Anraten besorgt hatte. Ich habe mit genau EINER dieser Pasten gute Erfahrungen gemacht (Domosedan) mit anderen habe ich sehr, sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Leider hatte die Besitzerin nicht die richtige Paste bekommen und ich merkte zu spät, dass es eine von den blöden war. Das Desaster wurde also gar nicht weniger, sondern größer. Der Araber schwankte jetzt zwischen halb schlafen und Adrenalin-gepusht steigen hin und her. Super! Mittlerweile war viel zu viel Zeit vergangen und ich fällte eine Entscheidung. Entgegen meinem Vorsatz, keine fremdem Pferde mehr in meinem eigenen Anhänger zu transportieren (aus Versicherungsgründen), beschloss ich, nach hause zu fahren und Finlay zu holen.

Ich fuhr heim, hängte unseren Anhänger an und ließ Finlay einsteigen. Wir fuhren zu dem Araber. Arnulf nahm den Kleinen am Strick, der sah Finlay – dem er nie zuvor begegnet war – im Anhänger stehen, stieg sofort ein, ging bis fast ganz vorne durch. Finlay drehte ihm seinen Kopf zu. Ich hatte Sorge: wenn Finlay jetzt meckert, was das soll, dann klappt das Ganze nicht. Die Pferdenasen berührten sich, Finlay nahm den Kopf zur Seite, der Araber stieg ein und fuhr, in Finlays Gesellschaft, in aller Ruhe in den neuen Stall.

Bis heute weiß ich nicht, wie mein wunderbares Pony das gemacht hat. Er hat in Sekundenschnelle das geschafft war wir mit geballter Pferdeerfahrung plus (wenn auch schlechter) Sedierungspaste in Stunden nicht hingekriegt hatten.

Und heute, wenn ich so zurück schaue, glaube ich, dass das vielleicht seine größte Leistung war. Seine größte Stärke. Ich habe keine Worte um auszudrücken, wie stolz ich heute noch bin, dass er so wunderbar die Situation gerettet hat.

Kann man einem Pferd beibringen, so zu sein? Ich weiß es nicht. Vielleicht kann man es manchen Pferden beibringen. Sicherlich ist es kein aktives Beibringen, wie ich ein Seitwärts beibringen kann. Finlay hat sich sehr sicher gefühlt in der Welt. Er war auch überzeugt davon, dass alle Menschen ihm Gutes wollen. Und er ist gern Anhänger gefahren. Vielleicht war es diese Kombination, die er so sehr ausgestrahlt hat, dass der kleine Araber ihm das geglaubt hat. Trotzdem hätte Finlay ja in dem Moment auch sagen können: „mein Anhänger, mein Heu, verschwinde hier!“. Aber Finlay war auch immer zu allen Pferden freundlich. Er konnte gar nicht genug Freunde haben! Einmal als wir Ausreiten waren, sind wir einer Bekannten meiner Freundin zu Pferd begegnet und spontan zusammen geritten. Am Ende haben wir die beiden an ihrem Hof abgeliefert und sind zu zweit zurück geritten. Als wir einige Wochen später an eben jenem Hof vorbei ritten, wieherte Finlay dem anderen Pferd fröhlich zu: „hallo, wir sind da, willst du nicht mitkommen?“ und er war sichtlich betrübt, dass das andere Pferd nicht mitkommen wollte.

So etwas ist sicher nicht trainierbar, sondern eine Charakterfrage. Wahrscheinlich wird es aber durchaus ausgeprägter, wenn ein Pferd nur gute Erfahrungen mit anderen Pferden macht.

Mein Finlay war damals, als er uns mit dem kleinen Araber geholfen hat, schon etwas älter als mein Duncan jetzt. Ich glaube er war 7, wenn ich mich nicht verrechnet habe.

Duncan ist mit fremden Pferden immer noch recht aufgeregt. Wir haben aber auch noch nicht so viele Begegnungen gehabt, da es als Hengst so schwierig war und mir das noch in den Knochen sitzt. Ich hoffe, dass ich es jetzt bald schaffe, mal ein paar mehr Fremd-Pferde-Begegnungen zu arrangieren und Duncan zu zeigen, dass die alle nett sind, aber dass man mit allen auf höflichem Abstand bleibt. Ich bin gespannt, ob auch Duncan irgendwann so souverän und hilfreich sein kann, einem ihm völlig fremden Pferd in einer Notlage so auszuhelfen, wie mein Finlay es damals ganz selbstverständlich getan hat. Sollte er es nicht können, ist das völlig in Ordnung. Trotzdem bleibt es für mich eine Möglichkeit, die ich nicht aus den Augen verlieren will, denn zumindest ein Stück weit glaube ich, dass es eben doch auch an meinem Umgang mit Duncan liegt, ob er so werden kann oder nicht.

Denn das Sicher-fühlen in der Welt und das Gefühl dass alle um ihn herum freundlich und ihm wohlgesonnen sind, dass kann ich schon ein Stück weit beeinflussen. Und ich glaube, dieses Gefühl ist der Grundstock dafür, dass so ein Verhalten später möglich wird. Ich möchte versuchen, Finlays Freundlichkeit weiterzutragen zu Duncan wie ein kostbares Erbstück dass ich weiter gebe.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 432

Weil es ja mit dem Ausreiten so wenig war in den letzten Wochen und wir so viel auf dem Reitplatz geübt haben, meinte mein Mädchen, wir machen das so abwechslungsreich wie möglich. Also hat sie gestern die Garrocha mal wieder zur Hand genommen. Das haben wir lange nicht gemacht! Sie hatte mir im Sommer gezeigt, dass ich mich davor nicht fürchten muss und dass sie das laaaaaaaange Ding beim reiten in der Hand hält und hinter uns her zieht und so. Aber dann hat sie es beiseite gestellt, weil es ja mit der Lenkung noch so haperte und mit meinem Gleichgewicht. Wenn sie die Garrocha in der Hand hat, hat sie ja nur noch eine Hand für die Zügel und kann auch keine Gerte mitnehmen, mit der sie mir nochmal erklären könnte, was ihr Bein mir gerade sagen will. (Also wenn sie ihr Bein anlegt, kann das ja verschiedene Dinge bedeuten. Und wenn ich dann nicht kapiere, dass sie gerade über mein Hinterbein spricht, was ich mal etwas seitlich unter meine Körpermitte nehmen soll, dann kann sie mit der Gerte an mein Bein tippen, dann weiß ich, welches Bein was machen soll).

Also: Zügel in eine Hand und keine Gerte. Das heißt ich muss voll gut aufpassen auf ihren Sitz und ihre Beine. Sie hingegen ist ziemlich beschäftigt mit der Holzstange, die ist etwas widerspenstig (sagt mein Mädchen. Ich glaube, sie ist nur nicht in der Lage, richtig damit umzugehen!). Also hat mein Mädchen auch nicht die ganze Aufmerksamkeit bei mir. Ihr seht schon: erhöhter Schwierigkeitsgrad!

Und dann hat sie die Garrocha mit der Spitze am Boden abgestellt und verkündet, dass wir jetzt einen perfekt runden Kreis reiten. Die Garrocha ist unser Zirkel und wir sind die Bleistiftmine, die die Linie malt. Na klar! Kein Problem! Oder eben doch. Was sind wir da herum geeiert am Anfang! Das ist viel schwerer als es sich anhört! Aber nach und nach wurde es besser. Ich habe mich voll konzentriert und mir mächtig Mühe gegeben, alles, was sie sagt, richtig zu verstehen und umzusetzen. Das fand mein Mädchen toll und hat zwischendurch Kekse springen lassen – auch das ist mit der Garrocha komplizierter als sonst, aber wir können das.

Als wir auf beiden Seiten einen einigermaßen runden Zirkel hingekriegt hatten, haben wir noch ein paar Handwechsel versucht. Da hat mein Mädchen manchmal noch einen Knoten in den Armen, aber sie sagt, Übung macht die Meisterin und ich hätte alles perfekt gemacht. Dann war auch schon Feierabend (traben können wir noch nicht mit der Garrocha, das steht mal fest!). Mein Mädchen war sooooooo stolz auf mich, weil ich ganz toll erwachsen war und das ganze Chaos gut ausgehalten habe und mich so doll bemüht habe.

Eigentlich wollte sie das ganze für euch filmen, aber leider ist die Elektronik nicht wasserfest und es hat mal wieder etwas geregnet. Mein Mädchen sagt, da sieht man doch wieder, dass Ponys viel praktischer sind als der ganze neumodische Kram, wir Ponys sind nämlich wasserfest und machen uns nix aus Regen. Naja, so gibt es leider keinen Film aber beim nächsten Mal klappt es ja vielleicht!

Euer Garrocha-tauglicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 431

Heute waren mein Mädchen und ich wieder alleine ausreiten. Und ich habe euch ja versprochen, euch jedes Mal davon zu erzählen. Also ich bin los gegangen – etwas zögerlich, aber los. Ohne anhalten. Und dann immer etwas munterer, bis es schließlich ein langsamer, aber gleichmäßiger Schritt wurde. Als wir beim Nachbarn waren, kam uns ein Auto entgegen. Wir sind nach rechts gegangen, aber das Auto hat geblinkt und wollte vor uns abbiegen, also sind wir kurz stehengeblieben. Der Autofahrer hat sich nett bedankt, ist beim Nachbarn auf den Hof vor dessen Tür gefahren und hat dann erst mal 3 mal laut gehupt! Mein Mädchen war verdammt stolz auf mich, weil ich noch nicht mal mit einer Wimper gezuckt hab. Und ich hab direkt einen Keks kassiert. Weiter ging die Reise und ich bin tapfer weiter marschiert.

Erst dachte ich, wir grasen wieder nach der Kurve, aber mein Mädchen meinte, wir könnten doch mal ein kleines Stückchen traben, das haben wir dann auch gemacht. An meinem alten Freund, dem Mülleimer vorbei und weiter an des nächsten Nachbarn Koppel entlang. Als wir dort fast rum waren, habe ich angedeutet, dass Umdrehen eine Option sein könnte. Mein Mädchen hat gesagt, sie hat sich einen bestimmten Meilenstein gesetzt und den schaffen wir jetzt auch noch! Wir sind also noch ein Stück weiter geritten und am zweiten Mülleimer ist sie dann abgestiegen und hat mich ausgiebig grasen lassen. Als sie meinte es reicht, habe ich – einer guten Tradition folgend – noch schnell mein Geschäft erledigt (ich warte damit bis die Graspause zu Ende ist, weil ich beim Pieseln nichts essen darf und daher sonst wertvolle Fresszeit verschwenden würde!). Dann ist sie wieder aufgestiegen und wir sind ganz entspannt nach hause geschlendert. Ich hab mich gar nicht aufgeregt und mein Mädchen hat das schöne, stille Herbstwetter genossen. Zu hause sind wir dann noch kurz auf den Reitplatz gegangen. Nachdem wir schon 35min draußen unterwegs gewesen waren, fand ich das zwar übertrieben, aber ich weiß auch, wie ich unliebsame Arbeit am allerschnellsten beenden kann: bescheid sagen, dass ich keine Lust hab, aber dann nicht nölen, sondern mein allerbestes geben. Hab ich gemacht, hab meinen schönsten Trab gezeigt und mich ganz fein über den Sitz lenken lassen. Zack! Mädchen stolz und zufrieden und schon war Feierabend. Hab ich voll raus!

Mein Mädchen sagt, bei nächster Gelegenheit reiten wir dann mal links vom Hof und schauen wie weit wir da kommen und vielleicht reiten wir bald mal die ganze Hausrunde zusammen, so weit sind wir davon nicht mehr entfernt!

Ach das war toll. Wir waren beide nachher sooooo zufrieden mit uns. Mein Mädchen sagt, ich bin wahnsinnig erwachsen geworden und so ein feiner Kerl – das hör ich doch gern!

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 430

Richtig Herbst ist es jetzt geworden. Aber wir Ponys haben dieses Jahr viel Glück: wir haben noch so viel Gras auf der Weide, dass wir immer noch jeden Tag so zwei bis drei Stunden raus dürfen! Das Gras ist ganz alt und lang und das meisten treten wir platt. Das ist aber ganz gut, denn so geht die Grasnarbe nicht kaputt, obwohl es soooo viel regnet! Mein Mädchen sagt, es ist gut, dass es so viel regnet, der Boden braucht das Wasser nämlich, um sich mal wieder richtig voll zu saugen. Na dann will ich ihr das mal glauben. Uns macht der Regen ja eh nicht so viel aus. Im Gegenteil, wenn es so warm ist wie heute, sind wir ganz froh um den Regen, der kühlt uns etwas ab! Dann liegen wir gerne im nassen Laub zum schlafen – mein Mädchen schüttelt sich und fröstelt, aber wir finden das genau richtig. Nur Merlin hat seine Decke an, nicht weil er sonst frieren würde, aber damit seine alten Knochen schön warm bleiben.

Weil es so viel regnet und es schon so früh dunkel wird, war ich seit einer halben Ewigkeit nicht mehr mit dem Ausreitkumpel los und weil Diego ja so lange gelahmt hat, waren wir mit ihm auch nur ganz kleine Runden im Schritt draußen. Heute hätte es wieder losgehen können, aber erstens regnet es in einer Tour und zweiten hatten mein Mädchen und der Mann was im Haus zu tun und deswegen wird es wieder nichts mit einem zünftigen Ausritt. Langsam setze ich Schimmel an (bitte beachtet dieses gelungene Wortspiel)! Immer nur auf dem Platz reiten und ab und zu mal wippen oder mit viel Glück die kleine Hausrunde, wie soll denn so ein abenteuerlustiger Ritter wie ich das aushalten? Deswegen bin ich neulich mal kurz durch den Zaun geklettert. Wollte mir mal die Nachbarschaft anschauen! Aber man hat mich entdeckt und wieder eingesammelt. Zwei Mädchen vom Nachbarstall haben mich vom Acker gepflückt und nach hause geführt und dort mit mir am Strick auf dem Hof herum gestanden bis meine Menschen angeflitzt kamen. So war es dann nur ein sehr kurzer Ausflug, aber naja.

Während wir also die Zeit bis zum nächsten Ausritt mehr oder weniger gut rumbringen hat mein Mädchen einen neuen Spitznamen für mich gelernt: Pummel-Porsche! Sie findet, Pummel-Plüsch-Porsche würde es noch besser treffen und deswegen sagt sie das jetzt immer wenn sie mich sieht. Weil ich ja angeblich etwas aufgespeckt habe mangels echtem Sport. Dabei steht nur mein Fell so komisch ab wegen dem nassen Wetter und dem Matsch da drin! In Wirklichkeit bin ich rank und schlank ist doch klar. Aber ich finde, ein Porsche bin ich schon, also das ist ein guter Teil des Spitznamens.

Naja ich hoffe es wird bald mal wieder was mit einem schönen Ausritt, aber bis dahin bin ich froh um jede andere Beschäftigung, mal sehen was mein Mädchen sich heute wieder ausdenkt.

Euer Porsche-Pony Sir Duncan Dhu of Nakel

Was wir noch nicht können

Ich bin stolz auf mein Pony. Mit seinen 5 Jahren hat er schon eine Menge drauf, finde ich. Aber es gibt natürlich auch viele Dinge, die er noch nicht kann – oder besser: die wir noch nicht können. Denn vieles davon hängt mit meinem Nervenkostüm zusammen.

  • alleine ausreiten (würde schneller klappen wenn ich bessere Nerven hätte)
  • Kutsche fahren (hängt von vielen äußeren Faktoren ab, aber im Moment hätte ich ganz sicher nicht den Nerv dafür)
  • entspannt mit irgendwelchen fremden Pferden ausreiten (würde besser klappen wenn ich bessere Nerven hätte
  • Galopp auf dem Reitplatz

Und natürlich viele andere Lektionen etc, aber das sind jetzt mal die Dinge, die mir noch fehlen würden um zu sagen: er hat eine solide Grundausbildung, auf der wir jetzt weiter aufbauen können.

Normalerweise mag ich so eine Aufzählung von Defiziten nicht. Aber manchmal kann es helfen, vor allem dann, wenn es nicht um unüberwindbar scheinende Hindernisse handelt, sondern um Dinge, für die wir einfach noch nicht genug Übung haben. Also in die wir entweder noch nicht genug Zeit und Training investiert haben, oder für die Duncan noch etwas älter und erwachsener werden muss. In meiner Liste gilt an den meisten Punkten beides. Dass Duncan älter wird, passiert von allein. Dass er erwachsener wird, ist zum Teil aber auch mein Job. Denn das, was in der Natur passieren würde, wird hier in unserer Herde nicht passieren. In der Natur würden alsbald (wäre wahrscheinlich schon längst passiert) jüngere Pferde nachrücken und Duncan wäre nicht mehr das „Baby“ der Gruppe. Da in der Natur auch sehr viel mehr Verantwortung zu tragen ist, würde Duncan nach und nach in diese Aufgabe mit hineinwachsen. Bei uns ist aber (zum Glück!) alles sehr sicher für die Pferde und wenn dann doch mal was sein sollte, besteht Duncan nach wie vor darauf, dass Diego bitte die Verantwortung übernehmen soll. Ich muss mir also überlegen, wie ich es so hinkriege, dass Duncan einerseits MIR mehr zutraut, die Verantwortung zu übernehmen, andererseits aber auch selbst noch sehr viel sicherer wird in der Welt, so dass er SELBST auch mehr Verantwortung übernehmen kann und das auch tut.

Unsere „Ignoranz-Übung“ am Sonntag war da für mich sehr erhellend, denn ich glaube, in dieser Übung steckt von beidem ein bisschen. Nachdem ich Duncan bisher immer erlaubt habe, zu schauen, und ihn auch dazu ermuntert habe, finde ich jetzt, er kann unterscheiden zwischen den Dingen die er kennt und daher mit einem Blick abhaken kann und den Dingen die er nicht kennt.

In der Natur hätte vielleicht der erste Hungerwinter ihn das gelehrt (reine Phantasie meinerseits, keinerlei Wissenschaft!). Ich stelle mir vor, dass ein Pony am Rande des Existenzminimums zum einen keine Zeit hat, immer zu glotzen, weil es essen muss und zum zweiten auch keine Energie übrig hat um unnötig zu fliehen (auch wenn es nur ein paar Galoppsprünge sind). Vielleicht wird ein junges Pony in einem harten Winter eine gewisse Gleichgültigkeit erlangen, die bewirkt, dass es in Zukunft mehr unterscheidet zwischen echten Gefahren und Dingen, die in Wirklichkeit nicht gefährlich sind.

Vielleicht ändert sich diese Unterscheidung für einen jungen Hengst auch im Frühling, wenn die Stuten wichtiger sind als alles andere und man quasi nebenbei lernt, Dinge mal zu ignorieren anstatt alles anschauen zu müssen. Prioritäten setzen.

Soweit ich weiß, ist es wissenschaftlich erwiesen, dass für Pferde zunächst alle Außenreize gleich wichtig sind. Sie filtern nicht, wie wir, sondern nehmen alles wahr und schätzen alles in Hinblick auf seine Gefährlichkeit ein – ein überlebenswichtiges Konzept, wenn man bei so einigen Raubtieren auf dem Speiseplan steht! Dennoch können Pferde auch lernen, dem Menschen und seinen Signalen mehr Bedeutung zu geben als den anderen Informationen. Häufig geschieht dies leider auf recht unfeine Art und Weise, aber es geht durchaus auch nett und freundlich (wie immer dauert nett und freundlich anfangs länger, ist dann aber auch nachhaltiger und macht natürlich beide glücklicher).

Ich habe mir über diese Dinge bei Finlays Ausbildung nur wenig Gedanken gemacht. Finlay war so ein Stoiker, der hat sich für die meisten Dinge nicht interessiert. Was ihm Sorge gemacht hat – motorisierte Fahrzeuge – war mit Üben und Keksen zu erledigen. Ob er allein oder mit jemand anders unterwegs war, hat da nicht so einen großen Unterschied gemacht. Erst Duncans Art, die Welt zu sehen, haben mich darauf hingewiesen, wie viel es da noch zu entdecken gibt und Elsa Sinclair hat mich viel darüber gelehrt, worum es dabei geht.

Und fast alle Themen, die ich mit Duncan noch abzuhaken habe, bevor die Grundausbildung abgeschlossen ist, hängen mit diesem Thema zusammen. So sehe ich mich jetzt vor einer großen, neuen Aufgabe und die Liste an Dingen die er noch nicht kann lässt sich zusammefassen unter der Überschrift: was sein Mädchen jetzt ausprobiert und (neu) lernt.

Ich habe nicht erwartet, dass da noch so eine Mammutaufgabe lauert, aber ich bin froh, dass ich sie jetzt zumindest in Worte fassen kann, so dass ich nun genau weiß, worum es dabei geht.

Gleichzeitig lerne ich nochmal was über meine eigene Angst. Darüber, wie ich es am besten schaffen kann, meine Ängste in den Hintergrund rücken zu lassen. Ganz kleinschrittig und geduldig mit mir selbst zu arbeiten, meine Grenzen zu akzeptieren und immer mal einen kleinen Zeh rüber zu strecken, bis die Grenze sich etwas verschiebt. Niemand zwingt mich, allein ausreiten zu gehen. Aber ich merke: es ist mir wichtig genug, um es immer wieder zu versuchen. Und ich werde das auch schaffen. Irgendwann. Und noch etwas später werde ich es genießen können und Spaß daran finden – denn dafür mache ich das Ganze schließlich! Dabei denke ich an all jene Reitschülerinnen, die jetzt Dinge tun, die sie sich früher nicht getraut haben. Ich überlege, was diesen Frauen geholfen hat und versuche, es für mich genauso zu machen, wie ich es für sie gemacht habe.

Ein einziger Punkt auf obenstehender Liste hat nichts mit meinem Nervenkostüm zu tun: Galopp auf dem Reitplatz. Dass wir das noch nicht können hängt schlicht und ergreifend an Duncans Balance und Kraft. Ich habe ihn ein paar mal gefragt ob er es schafft, aber die Anwort war Renntrab (ich bin sicher dass er wusste, was ich wollte, er hat es nur nicht geschafft). Also warte ich nun wieder eine Weile, lasse ihn Kraft und Balance trainieren, bevor ich nochmal nachfrage. Gleichzeitig übe ich an der Longe das Angaloppieren aus dem Schritt, das dauert auch noch etwas, bis er das hinkriegt.

Ihr seht: es gibt viel zu tun. Langweilig wird uns nicht so schnell werden, die Herausforderungen warten überall. Und wenn wir die Punkte auf der Liste oben abgehakt haben, fallen uns neue Dinge ein, die wir noch lernen und üben können, aber darüber denke ich jetzt noch nicht groß nach. Nebenbei sind ja auch die anderen Dinge aktuell: Trainieren für den ersten kleinen Distanzritt (im Winter wird das schwierig, aber vielleicht können wir das Fitnessniveau wenigstens nicht allzu weit absinken lassen, damit es im Frühjahr flott wieder los geht), weiter auf dem Reitplatz an „schönem Reiten“ arbeiten, Trittsicherheit und Stärke trainieren (wahlweise am Berg, auf der Wippe oder über Stangen), den Kopf mit Umweltreizen füttern (in fremdem Gelände und vielleicht im Winter auch mal in einer fremden Reithalle bei einem Treffen mit anderen) und bei all diesen Dingen nie vergessen worum es wirklich geht: darum, die gemeinsame Zeit in vollen Zügen zu genießen, egal was wir schon können und was noch nicht.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 429

Du meine Güte, ich hab ja ganz vergessen, euch von unserem vor-vor-letzten Alleine-Ausreiten-Versuch zu erzählen! Das war an dem Tag an dem wir das mit den Kostümen gemacht haben und vor lauter Halloween bin ich total drüber weg gekommen, euch zu erzählen dass wir am selben Tag abends noch allein vom Hof geritten sind, mein Mädchen und ich! Diesmal mit Unterstützung vom Mann, der sollte sich das mal anschauen. Weil ich es ja soooo schwer finde, alleine los zu gehen. Und ich bin dann auch prompt auf dem Hof stehen geblieben. Der Mann hat meinem Mädchen dann gesagt, sie soll einfach mal Kreise auf dem Hof reiten. Das konnte ich! Dann haben wir die Kreise nach und nach verschoben und schließlich habe ich es geschafft, vom Hof zu gehen. Wir sind dann bis zum Nachbarn und von dort wieder zurück, aber nicht geradeaus, sondern mit lauter Kringeln und Schlangenlinien. Und dann nochmal Richtung Nachbar und mit Kringeln und Schlangenlinien zurück. Und das ging viel besser als geradeaus!

Seitdem waren wir nicht ganz alleine los, mein Mädchen und ich. Wir haben zwar alleine ausreiten geübt aber nur in der Version „allein ausreiten ohne allein auszureiten“ und das ist ja die Version, wo ich mit Diego vom Hof gehe und ihn dann unterwegs einfach überhole und allein nach mit meinem Mädchen nach hause trabe.

Aber heute war es so weit und mein Mädchen hat gesagt, wir versuchen jetzt mal wieder allein vom Hof zu kommen. Und wenn es nicht so gut klappt, können wir ja wieder Kreise und Schlangenlinien üben. War aber gar nicht nötig! Ich hab mich heute mutig getraut und bin fast ohne Zögern los marschiert, sogar am Nachbarn vorbei und um die Kurve rum! Mein Mädchen hat das geübt, was wir am Sonntag auch beim fahren ohne Kutsche geübt haben, nämlich einfach zu sagen, dass es los geht und daran zu glauben dass wir das schaffen und dass ich nicht alles so lange anschauen muss wie ich meine, sondern hinschauen, abhaken, wegschauen, weiterlaufen. Nach der Kurve war ich dann recht gut im Fluss und mein Mädchen meinte, das reicht. Kurz grasen, dann umdrehen. Mein Mädchen hat ja immer etwas Schiss, dass ich nach dem Umdrehen schnellstmöglich nach hause will, aber so eilig hatte ich es gar nicht, ich war ganz entspannt und so sind wir stolz wie Oskar nach hause gekommen und haben uns beide gefeiert, weil wir sooooooo mutig sind! Es geht voran!

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 428

Sonntagsausflug! Da Diego noch in der Genesungszeit ist (er hatte sooooo ein fieses Hufgeschwür! Aber jetzt ist er schon fast wieder fit) haben wir eine kleine Runde zu Fuß gedreht. Der Mann ist mit Diego spazieren gegangen und mein Mädchen hat mal wieder das Kutsche fahren ohne Kutsche geübt. Nachdem wir ja vor ein paar Wochen Unterricht bei der gestrengen Fahrlehrmeisterin hatten, wollte mein Mädchen das heute nochmal üben.

Auf ging es ins Dorf, ein Stück die Straße entlang. Da war heute wieder mal Rush-Hour! Unser Dorf ist ja normalerweise sehr beschaulich, aber manchmal halt auch nicht und keiner weiß so genau warum. Jedenfalls waren da wieder Heerscharen an Autos und so sind wir auf dem Bürgersteig geblieben. Ich finde das alles immer noch etwas komisch mit den Blendklappen, aber mein Mädchen hat gesagt, ich soll ruhig munter voran gehen, das würde schon passen. Diego war vor uns schon um die Kurve gebogen und ich wollte hinterher, da kam von hinten ein riesiger Camper und ich hab mich wirklich ein bisschen erschreckt. Aber ich kann das jetzt wie ein Großer: nur ganz bisschen zusammenzucken, anhalten, Keks kassieren. Läuft bei mir!

Ein schöner Anblick, finde mein Mädchen

Überhaupt war mein Mädchen bezüglich all der Dinge die es so zu sehen und zu hören gibt, anders drauf als sonst. Sie sagt, wir üben jetzt was neues und das nennt sich „Ignoranz“. Da bin ich nämlich nicht so gut drin, aber als Kutschpony und auch zum Ausreiten ist das eine wichtige Fähigkeit. Bisher war es meinem Mädchen ja wichtig, dass ich mir alles in Ruhe anschaue, aber jetzt, meint sie, sei es Zeit für das nächste Level. Weil ich die allermeisten Sachen schon oft gesehen hab. Und weil es unpraktisch ist, wenn ich dauernd zur Seite schaue – ganz besonders beim Kutsche fahren – und dann nicht mehr flott geradeaus marschiere. Ich soll mal ganz gleichmäßig weiter laufen und dabei nur dezent meine Umwelt wahrnehmen, meint mein Mädchen, und hat mir gesagt, dass ich das jetzt auch kann. Sie hat derweil geübt, die Leinen richtig zu handhaben. Es ist nämlich so, dass das Fahren doch anders ist als das Reiten und vor allem ist es nochmal anders weil das Gebiss in meinem Maul unsere einzige direkte Verbindung zueinander ist, deswegen dürfen die Leinen nicht so doll durchhängen, vor allem dann nicht, wenn ich unsicher bin! Dann muss ich fühlen können, dass mein Mädchen da ist und „Regie führt“. Mein Mädchen ist aber so ein „Loslasser“ und muss deswegen üben, mehr Kontakt mit mir zu halten und dann wenn sie nachgibt, nicht zu flott nachzugeben, sonst bin ich nämlich verwirrt, weil das Gefühl plötzlich weg ist. Das hat sie beim letzten Unterricht gelernt und heute hat sie das geübt, während ich Ignoranz geübt habe. Und wir beide haben das ganz prima gemacht und waren nachher sehr stolz auf uns! Auf dem Heimweg sind wir noch ein Stückchen getrabt, schön langsam, weil mein Mädchen ja hinterherlaufen musste. Auch das hab ich total fein gemacht und also sind wir ganz zufrieden mit unserem Ausflug. Hoffentlich geht es dann nächsten Sonntag endlich mal wieder länger raus, wenn Diego wieder so richtig gut zu Huf ist!

Euer Fahrpony in spe Sir Duncan Dhu of Nakel