Puzzleteile

1000 Teile liegen vor uns. Da muss man schon ein bisschen verrückt sein. Und die sixtinische Kapelle hat es in sich: die großen Strukturen kommen alle mehrfach vor, 8 Bögen, 8 blaue Fenster, 8 dreieckige Friese. Es gibt kein oben und kein unten. Jedes Teil sieht anders aus und doch sehen sie sich unheimlich ähnlich.

Natürlich fängt man mit dem Rahmen an. Danach suchen wir Strukturen, an denen wir uns entlanghangeln können. Und ich denke an mein Pony. So ein Rahmen, der ist schnell gebaut. In den vergangenen 15 Monaten haben wir einen Rahmen für unser Zusammensein geschaffen: Dinge, die man niemals tut und Dinge, die immer im Rahmen des Erlaubten liegen. Für uns beide sind Orientierungslinien enstanden was der andere mag oder nicht mag, was akzeptabel ist und was nicht, wo wir Spielraum zum Ausprobieren haben. Jetzt suchen wir nach Strukturen, an denen wir uns entlanghangeln können. Welches Teil gehört wohin? Wie so ein Puzzle stelle ich mir die Ausbildung meines Ponys vor: alles ist schon da, alles ist schon angelegt. Es muss nur an seinen Platz finden, damit ein wunderschönes Bild entsteht.

Der Rahmen ist schnell fertig

Man kann versuchen, jedes Teil in die Hand zu nehmen und anhand des Bildes zu identifizieren wo es hin gehören mag. Man kann Teile nach Form sortieren und probieren. Man kann versuchen, einzelne Teile zuerst zusammenzusetzen und dann später das große Ganze zusammenzufügen. Alle Wege können erfolgreich sein. Bei 1000 Teilen haben sie alle eins gemeinsam: es ist viel Arbeit. Und jedes Teil will angefasst werden, geschenkt gibt es nichts. Dabei muss man immer darauf achten, dass kein Teil herunterfällt und unter dem Tisch liegen bleibt, sonst hat das Bild nachher ein Loch.

Silvester tut immer so, als wäre etwas zu Ende und etwas Neues würde anfangen. Das ist aber gar nicht wahr. Es ändert sich lediglich das Datum, der Rest bleibt wie er ist. Natürlich mag für den ein oder anderen am 1.1. eine Veränderung anstehen, aber wohl nicht mehr als am 1.4. oder 1.8.  Vorsätze für das neue Jahr gibt es bei mir nicht. Man kann jeden Tag etwas ändern oder es lassen. Und ein 1000 Teile Puzzle setzt sich nicht plötzlich von selbst zusammen nur weil 2021 ist. Mein Pony kennt das Datum nicht. Er möchte weiter mit seinen Freunden seinen Alltag verbringen und von mir die Extra-Bespaßung bekommen die das kleine, gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren braucht, um rund zu laufen. Er weiß nichts von den 1000 Teilen, aber auch er nimmt wahr, wie sich ein Bild zusammenfügt und er arbeitet fleißig daran mit. Er probiert aus und findet heraus, was ich wie meine und ich probiere aus und finde heraus was er wie meint und wir beide bauen ein Bild zusammen von dem wir bisher nur eine wage Idee haben. Aber eines wissen wir: ein schönes Bild soll es werden.

2020 oder 2021, das spielt dabei keine Rolle. Jeder Tag, jede gemeinsam verbrachte Minute bringt uns unserem Bild etwas näher. Wir werden ein Leben lang daran herumpuzzeln. Wenn ein Teil fertig ist, bauen wir noch einen neuen Teil an. Denn der Sinn des Puzzelns liegt darin, dass man an jedem Teilchen Freude hat, das seinen Platz findet. Hätte man erst ganz am Ende Freude, wäre das Ganze eine sehr sinnlose Beschäftigung.

Der Rest setzt sich nur langsam Stück für Stück zusammen

Vor uns liegt eine unbestimmte Anzahl an gemeinsamen Tagen. Je schöner wir jeden dieser Tage zusammen verbringen, desto schöner wird unser Bild am Ende sein. Und je schöner wir jeden einzelnen dieser Tage zusammen verbringen, desto schöner wir jeder einzelne gemeinsame Tag sein. Wir gewinnen also auf beiden Ebenen: im Hier und Jetzt und in der unbekannten Zukunft. Und je mehr ich mit Pferden so arbeite, desto weniger interessiert mich der Jahreswechsel. Da ist so ein Fellwechsel interessanter, wenn mein Pony wieder neue Farbschattierungen zeigt.

Ich wünsche Euch einen guten „Rutsch“. Möge 2021 für die Welt als Ganzes viel Gutes bringen, unabhängig vom Datum.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 101

Ich habe mich verletzt! Beim Nahkampftraining mit meinem Spaziergehkumpel habe ich mir irgendwie das Zahnfleisch aufgeschlitzt. Einen Tag bevor mein Mädchen in Urlaub gefahren ist! Sie hat sich ganz doll erschreckt und schon gefragt ob jetzt der Tierarzt kommen muss. Aber das Mädchen vom Spaziergehkumpel und der Mann haben gesagt es ist nicht schlimm. Und das Mädchen vom Spaziergehkumpel hat versprochen, sich ganz hervorragend um mich zu kümmern und mir meine Schnute jeden Tag einzuschmieren. Das tut sie dann jetzt auch. Die Schmiere schmeckt komisch aber fürs einschmieren bekomme ich viele Kekse, das macht alles wieder wett. Wir üben jetzt dass ich meine Zähne zeigen soll, also ich soll es mir nicht mehr nur gefallen lassen dass sie mir die Lippe hochklappt, sondern ich soll mich anstrengen und meine Lippe selbst hochheben damit sie gucken kann. Na, so lange die Bezahlung stimmt….

So habe ich wenigstens etwas Beschäftigung während mein Mädchen in Urlaub ist. Und ich sehe zu dass meine Schnute wieder heile ist bis mein Mädchen wieder kommt, dann freut sie sich.

Euer tapferer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 100

Frohe Weihnachten, liebe Menschen!

Ich wünsche Euch viel Liebe und Frieden im Herzen und viele gute Kekse im Bauch!

Wir haben ein paar Weihnachtsfotos für Euch gemacht. Ein freundlicher Sponsor hat mir eine Mütze und Klingelglöckchen spendiert, ist das nicht nett! Dazu gab es sogar noch ein Paket Kekse – das ist mir ja das wichtigste….

Von links nach rechts: meine Wenigkeit, mein Mädchen, der Mann und Diego der Große. Wusstet Ihr aber eh schon.
Naaaa, wer hat die schönere Mütze?

Wir haben uns alle nochmal für ein Weihnachtsfoto aufgestellt. Mein Mädchen war sehr stolz auf uns, wie fein wir das alle gemacht haben!
Kling, Glöckchen!

Wir werden den Tag heute mit einem schönen Weihnachtsspaziergang begehen – das wird auch mal wieder Zeit! Mein Mädchen sagt, ich würde bald platzen vor Energie. Ja hallo, die Bespaßungsrate ist auch echt mies gerade! Sagen wir mal: die Spaziergehrate ist mies. Ansonsten gibt sie sich schon Mühe. Aber heute wandern wir schön durchs Moor, hat mein Mädchen versprochen.

Also liebe Menschen, findet gute, vielleicht ungewöhnliche oder neue Wege, diese Tage zu feiern. Ein Spaziergang in der Sonne wäre ein guter Tipp von Eurem Förster-Influencer. Ist nämlich gesund und macht Spaß! Und so ein Weihnachtsapfel ist sich nicht zu verachten.

Ansonsten möchte ich an dieser Stelle meinen Blogger- Kollegen Pfridolin Pferd zitieren: „esst Kekse und habt euch lieb!“

Euer weihnachtlicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Frohe Weihnachten, liebe Menschen!

Plätzchen

Zu Weihnachten backen Arnulf und ich immer Zimtsterne. Arnulf hatte vor ein paar Jahren angemeldet dass er das gerne mal machen möchte und also haben wir damit angefangen. Meine Plätzchen-erprobte Mutter wollte natürlich prompt das Rezept (weil die Dinger echt lecker sind). Aber nach dem ersten Versuch verkündete sie, dass sie das Zimtstern-backen in Zukunft lieber uns überlässt. Weil ihre ganze Küche geklebt hat. Sie backt dafür all die anderen leckeren Sachen, da kommen wir gut bei weg.
Mit den Rezepten ist das ja so eine Sache: man kann versuchen, jemandem genau zu erklären, wie man etwas macht, und trotzdem klappt es beim anderen nicht. Ich zum Beispiel „kann“ keinen Hefeteig. Oder sollte ich sagen: ich konnte keinen Hefeteig. Bis meine Schwester mir dieses wunderbare Buch geschenkt hat. Brot backen in Perfektion. Plötz-Prinzip, winzige Hefemengen, lange Gehzeiten. Klappt jedes Mal. Normaler Hefeteig hingegen geht bei mir irgndwie nie. Und dann hat ja jeder seine Tricks, aber keiner von denen funktioniert bei mir.
Handlungsanleitungen sind eine schwierige Sache. Mein Lieblingsvideo dazu findet Ihr hier https://www.youtube.com/watch?v=Ct-lOOUqmyY – ein Lacher zu Weihnachten

Jeden Tag, wenn ich unterrichte, gibt es mindestens eine Situation, in der ich meiner Schülerin etwas erkläre und wenn sie es dann macht, sieht es irgendwie anders aus als das was ich mir vorgestellt hatte. Das ist ja kein Problem, wir probieren es dann einfach so lange, bis wir verstanden haben, was der jeweils andere meint. Schwieriger wird es bei Dingen wie „Ausstrahlung“. Mikro-Körpersprache die wir willentlich nur sehr mittelmäßig bis gar nicht beeinflussen können und die für Pferde so unglaublich wichtig ist. Sie nehmen für bare Münze, was sie uns ansehen. Und sie sehen alles. Es wird behauptet, dass sie unseren Herzschlag hören (keine Ahnung woher man das weiß). Auf jeden Fall sehen sie kleinste Muskelbewegungen. Und „so tun als ob“ hilft da halt auch in den seltensten Fällen. Sie sehen es uns an der Nasenspitze an. Je jünger und unverbrauchter, aber auch je sensibler ein Pferd ist, desto mehr sind sie verwirrt von unseren teils widersprüchlichen Signalen.

Das interessante am Kochen und Backen ist ja: wenn man es gut kann, braucht man eigentlich kein Rezept mehr. Wenn man es aber noch gar nicht kann, funktioniert es oft auch mit dem perfekten Rezept nicht so richtig. Und was hilft dann? Ausprobieren, üben und ab und zu jemanden fragen der sich damit auskennt (was frustrierend sein kann, wenn derjenige dann Dinge ganz einfach aussehen lässt….)

Und so denke ich beim Plätzchen backen darüber nach, wie ich meine Schüler besser unterrichten kann. Ich denke daran, wie ich dieses Jahr im Mai zum ersten Mal etwas gefühlt habe, was mein Reitlehrer mir letztes Jahr im Oktober erklärt hat. Ich bin die Übung unter seiner Aufsicht geritten, aber irgendwie wusste ich nicht, worum es wirklich ging. Umso größer war im Mai meine Überraschung, als ich es plötzlich fühlen konnte und wusste: das hat er gemeint! Ausprobieren und üben kann uns keiner abnehmen. Wenn wir es nicht tun, werden wir nicht weiter kommen.
Auch mit Duncan habe ich dieses Jahr viel ausprobiert und geübt. Inzwischen sehe ich ihm auch manchmal Dinge an der Nasenspitze an. Und wie beim Backen mache ich mir Notizen und frage mich, ob ich nächstes Jahr nicht dieses oder jenes mal anders probiere. Und auch wie beim Backen probiere ich manchmal ein Rezept, dass einfach nicht schmeckt. Aber die altbewährten Rezepte, die werden jedes Jahr noch weiter perfektioniert. Und wenn ich nachher die perfekten Zimtsterne backen kann, aber nichts anderes, dann kann ich wenigstens die perfekten Zimtsterne. Und die schmecken, das sage ich Euch! Im Übrigen habe ich auch hier eine Verbesserungsidee ausprobiert. Aber die Zimtstern-Backmatte hat Probleme erschaffen, die wir vorher gar nicht hatten. So kann‘s gehen. Macht ja nichts, zurück zum Altbewährten.

Und wenn Ihr jetzt Plätzchen-Hunger bekommen habt – hier ist es, unser Zimtstern-Rezept:

Für 2 Bleche

380 g Puderzucker
200 g gemahlene Mandeln
400 g gemahlene Nüsse
3-4 Eiweiß
3 gehäufte TL Zimt
2 Spritzer Zitronensaft oder etwas Bittermandelöl

Die Hälfte der Nüsse beiseite stellen
Den Puderzucker mit den Eiweiß zu einer steifen Glasur schlagen. 1/3 davon zur Seite stellen. Die restlichen Zutaten unter die 2/3 Glasur rühren. Der Teig sollte richtig schön klebrig sein.

Den Teig zwischen zwei Lagen Frischhaltefolie ausrollen, die obere Folie abnehmen, den Teig dünn mit gemahlenen Nüssen bestreuen. Die Folie wieder drauflegen und das ganze umdrehen (geht am besten zu zweit wenn jeder zwei Ecken der Folie hält). Dann die obere Folie abnehmen, Plätzlich ausstechen. Der restliche Teig kann jeweils wieder verknetet und neu ausgerollt werden. Die Ausstechformen mit etwas Wasser befeuchten und evt ein Essstäbchen zu Hilfe nehmen um den Teig vorsichtig aus den Ecken der Förmchen zu drücken.
Die Plätzchen auf ein Backblech mit Backpapier oder einer Dauerbackfolie legen und mit dem Rest der Glasur bestreichen. Bitte darauf achten, dass sie dickflüssig genug ist, evtl mit mehr Puderzucker eindicken, sonst läuft sie von den Plätzchen herunter. Anschließend bei 150° Umluft 10-12 min backen. Nach dem Backen sind die Plätzchen noch etwas feucht, sie trocknen aber nach. Nicht zu lange trocknen lassen, sonst werden sie zu hart!

Lecker Plätzchen! Frohe Weihnachten!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 98

Manchmal tut Ihr Menschen mir ein bisschen leid. Es mag ja praktisch sein, an warmen Tagen das Winterfell ausziehen zu können. Aber Ihr müsst es ja auch immer anziehen, sonst würdet Ihr bei ganz normalen Temperaturen schon jämmerlich erfrieren. Und dann ist ja dieses An- und Ausziehen auch wirklich unpraktisch. Ich meine: wenn mein Mädchen mich nicht hätte, hätte sie ihr Winterfell selbst durch den Wald schleppen müssen! Wir können unser Fell einfach aufstellen oder anlegen und uns an die Temperatur anpassen. Und so ein Wetter wo mein Mädchen es beim Rumstehen trotz angezogenem Winterfell kalt findet, finden wir gerade gemütlich.

Aber noch schlimmer ist es, wenn es regnet. Da seid Ihr ja überhaupt nicht für ausgerüstet! Unser Fell hingegen ist wasserfest. Das fetten wir immer von innen ein bisschen nach und schon ist es wieder dicht. Schaut: den ganzen Tag im Regen gestanden und unten drunter ist alles trocken. Praktisch, oder? Ihr mit Euren Regenmänteln. Und trotzdem werdet Ihr nass.

Drunter ist es schön trocken und warm.

Und dann will ich ja gar nicht davon anfangen, wie untauglich der Rest Eures Körpers ist. Ihr könnt die Ohren ja gar nicht drehen! Wie soll man da etwas hören können und vor allem wisst Ihr ja nie woher es kommt! Und nachts braucht Ihr Lampen um gucken zu können. Tsssss also ich finde das alles sehr unpraktisch. Und deswegen tut ihr mir ein bisschen leid. Ihr könnt auch nicht schnell rennen, Eure Reaktionszeit ist unter aller Sau (entschuldigt aber ein besserer Ausdruck ist mir nicht eingefallen) und Euer Geruchssinn reicht nur gerade von „Pferdeäppel stinken“ bis „Ponys riechen wunderbar“. Oje, liebe Menschen.

Euer Euch bemitleidender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 97

Heute habe ich einen ganz besonderen Brief geschrieben. Ihr Menschen habt es ja nicht so leicht dieses Jahr. Und besonders die älteren unter Euch. Also bei uns Ponys ist das ja anders. Unser alter Merlin der wohnt ganz normal bei uns anderen. Der geht nur manchmal weg um was extra zu essen (ooooooh was sind wir anderen dann immer neidisch!).

Aber Ihr Menschen habt ja extra Ställe für die alten. Und dieses Jahr darf da kaum Besuch kommen, hat mein Mädchen erzählt. Das ist ja wohl voll blöd! Zum Glück gibt es immer auch unter Euch Menschen welche mit guten Ideen. Da hat jemand die „Aktion Brieftaube“ ins Leben gerufen. Da können die Menschen Briefe schreiben an die alten Leute, die so wenig Besuch bekommen dürfen. Und ich hab da mitgemacht. Ich hab ein bisschen über mich geschrieben und ein Foto mitgeschickt, damit die Menschen, die das lesen, sehen, wie hübsch ich bin.

Ich hoffe sehr, dass irgendwo ein unbekannter Mensch sich über meine Zeilen freut.

Ihr könnt übrigens auch mitmachen! Schaut mal hier

https://www.youngcaritas.de/soziales-engagement/corona/briefe-schreiben/

Das ist ganz einfach und macht viel Spaß!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Konzentration

„ui“ schnauft meine Schülerin „so doll musste ich mich beim reiten ja noch nie konzentrieren!“ Ich muss ein bisschen grinsen. Ich kenne das ja nur zu gut. Denn auch das ist etwas, was beim reiten immer „schlimmer“ wird, je besser man es kann. Da Hilfen immer feiner werden und man immer mehr Details entdeckt gibt es immer mehr zu beachten.

Als ich dann abends mit Duncan und meiner „gestrengen Fahrlehrmeisterin“ das Fahren vom Boden übe, geht es mir ganz genauso. Duncan und ich können das ja beide noch nicht. Ich habe es zwar mit Finlay damals gemacht aber nicht so oft, dass die Griffe schon Routine wären. Ich weiß in der Theorie, was zu tun ist, aber die Praxis birgt ihre Tücken. Duncan hingegen kennt noch nicht einmal die Theorie. Das gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren läuft auf Hochtouren während wir ungelenk durch die Halle eiern. Und auch mein Gehirn läuft heiß: Anhalten, warten lassen, Keks geben, dann schauen ob er nochmal wartet, bei Bedarf korrigieren, überlegen in welche Richtung es losgehen soll, Leinen entsprechend sortieren und dann blitzschnell entscheiden was ich wann wo und warum wie belohne, die Peitsche im Griff und den Überblick behalten von welcher Seite ich zuletzt gefüttert habe (damit ich abwechsle) und mit einem Ohr den Anweisungen meiner Freundin lauschen.

Duncan und ich kämpfen uns durch, finden gute Momente im Chaos und bewahren uns unseren Humor. Und das ist eben das wunderbare an meinem Pony: er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er kann aushalten, dass Chaos herrscht. Er schafft es, sich zu konzentrieren und rauszufiltern, was das richtige war. Nächstes Mal, das weiß ich aus Erfahrung, wird er Dinge können und wissen von denen ich dachte, dass er nix kapiert hat. Und das liegt daran, dass er so wunderbar unaufgeregt an die Dinge herangeht.

Neulich sprach ich mit einer Schülerin über Prüfungsangst. Ich selbst habe die nicht und weiß daher erst, seit ich Arnulf kenne, was das bedeuten kann. Er weiß Sachen 5 Minuten vor der Prüfung und 5 Minuten danach. In der Prüfung selbst ist alles weg. Kein Zugriff auf die gespeicherte Information. Das Pferd meiner Schülerin scheint ähnliche Probleme zu haben. Er kann den Handwechsel an der Longe genau so lange, bis er ein kleines bisschen Stress hat. Dann aber steht er da und schaut wie eine Kuh wenn es donnert – verschreckt und unwissend. Ich glaube, sein Gehirn blockiert. Also üben wir nicht den Handwechsel, sondern wir üben, dass er mit dem Stress besser umgehen kann. Wir vermeiden nicht jeglichen Stress, sondern wir tasten uns vor: ein bisschen Aufregung, dann wieder entspannen. Und langsam, ganz langsam, wird es besser.

Die Atmosphäre und die Beziehung herzustellen, die das Pferd zum lernen braucht, das ist mir so viel wichtiger als die technische Frage, wie ich eine Übung durchführe. Bei Duncan ist das recht leicht. Er ist jung, hat keine schlechten Erfahrungen gemacht und gehört einer der entspanntesten Rassen an, die ich kenne. Das Pferd meiner Schülerin ist schon etwas älter, hat Arthrose und eine Springpferdekarriere hinter sich. Von Grundentspanntheit sind wir noch etwas entfernt.

Auf der anderen Seite kann es für mich auch beschämend sein, mit Duncan – oder Merlin oder Diego – zu arbeiten. Sie sind oft konzentrierter als ich. Ihnen geht wohl nicht durch den Kopf, wer wieder was komisches gesagt hat, was noch alles zu erledigen ist und was es heute abend zu essen gibt. An vielen Tagen kann ich diese Dinge für den Moment mit meinen Pferden beiseite schieben aber manchmal will das einfach nicht gelingen. Und so habe ich neulich abends beim Fahren üben „warte“ statt „keks“ gesagt und war überhaupt total unkonzentriert und wirr. Aber Sir Duncan war bei der Sache. Mein (noch recht kleiner) Fels in der Brandung ist zwar dann auch etwas tüdeliger als sonst, aber er wird nicht nervös oder unruhig. Trotzdem sehe ich an solchen Tagen wie jung und unerfahren er noch ist und wie viel abhängiger als die „großen“ er von meiner Konzentration ist. Er spiegelt mir sofort wieder, wenn mein Kopf nicht „rund läuft“ wo Merlin und Diego genug Erfahrung haben um zu „überhören“ was in mir vorgeht und nur das wesentliche herauszufiltern. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen, man solle nur dann mit dem Pferd arbeiten, wenn man mental total fit ist. Ich finde, dass das zu oft dazu führt dass unsere Pferde zu viel herumstehen. Lieber mache ich meine Pferde fit, mich auch mal unkonzentriert ertragen zu können. Ich achte dann extra-gut darauf, dass ich nicht ungerecht werde, ich entschuldige mich auch bei ihnen für meine konfusen Gedanken und wenn es möglich ist beschränke ich mich auf einfache Dinge. Aber wenn es nunmal Dienstag nachmittag ist und unser einziger „Fahrunterrichtstag“ dann ist der eben mal wirr. Und das das nicht schlimm ist, das kann mein Pony lernen und es wird ihm und mir noch oft zugute kommen, dass er das kann. Wenn ich nur bedenke, wie furchtbar aufgeregt ich sein werde, wenn wir auf unseren ersten Kurs fahren oder zum Distanzritt! Da ist meine Wirrköpfigkeit am Dienstag eine Lachnummer dagegen.

Ich vertraue darauf, dass nicht nur Duncan in dem ganzen Chaos etwas gutes gelernt hat, sondern dass auch bei mir etwas hängen geblieben ist. Wir haben geübt – und dazu gehört auch mal üben unter widrigen Bedingungen. Nächstes mal dann hoffentlich wieder in voller Konzentration.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 96

Dienstags nachmittags sind wir ja immer mit dem Mädchen von meinem Spaziergehkumpel verabredet. Aber dann ist es jetzt immer schon dunkel. Und mein Mädchen hat keine Lust im Dunkeln die Straße rauf und runter zu laufen wie sie sagt. Mir würde das ja nix ausmachen, ehrlich gesagt. Und meinem Spaziergehkumpel auch nicht. Und dem Mädchen vom Spaziergehkumpel auch nicht. Aber wenn mein Mädchen was nicht will dann macht sie das eben einfach nicht, das hab ich schon kapiert. (Besonders schlimm ist es wenn sie mir einfach keinen Keks geben will…..)

Na jedenfalls haben wir uns eine Ersatzbeschäftigung gesucht. Wir üben nämlich Kutsche fahren. Ohne Kutsche weil ich dafür ja angeblich noch zu klein bin….. Und das üben wir auf dem Reitplatz, da ist Licht (wenn auch nicht viel). Es geht so: ich bekomme alles angetüddelt. Und zwar inklusive Fahrzaum (nur ohne Gebiss. Weil ich ja noch Babyzähne hab). Ich darf jetzt den Fahrzaum von meinem großen Bruder Finlay tragen! Den beiden Mädchen war ganz sentimental zumute als sie gesehen haben dass er mir schon fast passt. (Gut genug zum üben jedenfalls). So ist das wohl, wenn man klein ist, dann muss man immer die Sachen vom großen Bruder auftragen, man bekommt nix eigenes, weil man ja noch wächst….. naja.

Wenn ich dann angetüddelt bin, gehen wir auf den Reitplatz. Mit den Blendklappen kann ich nicht so gut rundum gucken, das muss ich erst noch kapieren wie das geht. Das Mädchen vom Spaziergehkumpel (alias „die gestrenge Fahrlehrmeisterin“) geht sich dann irgendwo auf dem Reitplatz verstecken. Mein Mädchen steht hinter mir und sagt, dass ich warten soll. Wenn ich artig warte, kommt sie nach vorne und gibt mir einen Keks. Toll! Am Anfang war ich noch verwirrt, weil ich mein Mädchen nicht sehen kann und hab immer versucht mich umzudrehen. Aber dann hab ich verstanden dass das nicht richtig ist. Wenn ich sie nicht sehen kann, muss ich eben ganz doll lauschen was sie sagt! Drehen soll ich mich aber nicht.

Entschuldigt bitte dass mein Mädchen so komisch trabt. Ich arbeite daran…

Wenn ich dann lang genug gewartet habe, sagt sie irgendwann, dass ich losgehen soll. Ich such dann nach dem Mädchen vom Spaziergehkumpel und wenn ich sie gefunden habe, trabe ich schnell hin und sie gibt mir dann auch wieder einen Keks. Mein Mädchen trabt hinter mir her und schaut auf meinen hübschen Po, das mag sie gern. Hui, großer Spaß! Aber ehrlich gesagt auch anstrengend. Nicht in den Beinen, aber im Kopf. Ich muss mich so doll konzentrieren! Deswegen machen wir das nicht so lang. Aber dafür merke ich mir alles ganz genau wie es geht und beim nächsten Mal kann ich das und wir können wieder ein Level weitergehen. Weil ich so schlau bin!

Hier hat sie mich überredet, im Schritt zu bleiben. Macht sie nur, weil sie nicht so schnell und schön traben kann wie ich! Im Trab macht es aber viel mehr Spaß!

Weil es immer dunkel ist, können wir das nicht filmen. Aber heute haben wir das mal mit dem Mann geübt, mein Mädchen und ich, und da war es hell und wir haben es für Euch gefilmt. Seht nur her wie gut ich das schon kann! Ich hoffe ich bin bald groß genug um die Kutsche wirklich zu ziehen. Aber mein Mädchen sagt, das dauert noch und bis dahin müssen wir ganz viel üben. Wieso? Kann ich doch alles? Ach so, weil dann niemand mehr vorne mit Keksen steht und ich alleine vorneweg gehen und den Weg finden muss. Und gaaaaaaaaaanz genau lauschen was mein Mädchen sagt. Und alles richtig machen. Vor der Kutsche kann man sich keine Fehler erlauben. Na gut, ok, dann müssen wir vielleicht wirklich noch ein- oder zweimal üben.

Euer Kutschpony Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 95

Hallo Ritterchen, du hast dich ja hingelegt.

Hallo mein Mädchen! Ja du hast ja gesagt man wächst im Schlaf und ich muss doch noch sooooooo viel wachsen!

Das stimmt. Darf ich mich zu dir setzen? Ich hab auch einen Keks für dich.

Oh toll ein Keks, danke! Kann ich noch einen bekommen? Guck mal ich kann sogar im Liegen wegschauen, dann gibst du mir was oder?

Ach du weißt schon sehr genau wie du mich rumkriegst, mein Ritterchen. Also gut, einen noch.

Und dann noch einen?

Nein, aber ich könnte dich ein bisschen kratzen wenn du magst.

Oja gern. Darf ich dich zurückkratzen? Dann ist es noch schöner.

Ja aber denk bitte daran dass ich kein Pony bin, also nur ohne Zähne, ja?

Ok. Auch wenn es schwer fällt. So richtig?

Ja ganz wunderbar zart und liebevoll mein Ritter.

Ooooooch ist das gemütlich. Kann ich mal so meinen Kopf in deiner Hand abstützen? Der wird mir gerade so schwer.

Na klar mein Ritterchen. Ich trage deinen Kopf gern und wenn du deine Stirn hier so an meinen Bauch drückst dann kann ich deinen Kopf auch ganz in den Arm nehmen.

Hmmmmm schön. Da muss ich jetzt mal ganz tief durchschnaufen. Mir ist ganz romantisch, mein Mädchen

Mir auch, mein Schatz.

Hab Dich lieb mein Mädchen.

Ich dich auch mein Ritter.