Konzentration

„ui“ schnauft meine Schülerin „so doll musste ich mich beim reiten ja noch nie konzentrieren!“ Ich muss ein bisschen grinsen. Ich kenne das ja nur zu gut. Denn auch das ist etwas, was beim reiten immer „schlimmer“ wird, je besser man es kann. Da Hilfen immer feiner werden und man immer mehr Details entdeckt gibt es immer mehr zu beachten.

Als ich dann abends mit Duncan und meiner „gestrengen Fahrlehrmeisterin“ das Fahren vom Boden übe, geht es mir ganz genauso. Duncan und ich können das ja beide noch nicht. Ich habe es zwar mit Finlay damals gemacht aber nicht so oft, dass die Griffe schon Routine wären. Ich weiß in der Theorie, was zu tun ist, aber die Praxis birgt ihre Tücken. Duncan hingegen kennt noch nicht einmal die Theorie. Das gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren läuft auf Hochtouren während wir ungelenk durch die Halle eiern. Und auch mein Gehirn läuft heiß: Anhalten, warten lassen, Keks geben, dann schauen ob er nochmal wartet, bei Bedarf korrigieren, überlegen in welche Richtung es losgehen soll, Leinen entsprechend sortieren und dann blitzschnell entscheiden was ich wann wo und warum wie belohne, die Peitsche im Griff und den Überblick behalten von welcher Seite ich zuletzt gefüttert habe (damit ich abwechsle) und mit einem Ohr den Anweisungen meiner Freundin lauschen.

Duncan und ich kämpfen uns durch, finden gute Momente im Chaos und bewahren uns unseren Humor. Und das ist eben das wunderbare an meinem Pony: er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er kann aushalten, dass Chaos herrscht. Er schafft es, sich zu konzentrieren und rauszufiltern, was das richtige war. Nächstes Mal, das weiß ich aus Erfahrung, wird er Dinge können und wissen von denen ich dachte, dass er nix kapiert hat. Und das liegt daran, dass er so wunderbar unaufgeregt an die Dinge herangeht.

Neulich sprach ich mit einer Schülerin über Prüfungsangst. Ich selbst habe die nicht und weiß daher erst, seit ich Arnulf kenne, was das bedeuten kann. Er weiß Sachen 5 Minuten vor der Prüfung und 5 Minuten danach. In der Prüfung selbst ist alles weg. Kein Zugriff auf die gespeicherte Information. Das Pferd meiner Schülerin scheint ähnliche Probleme zu haben. Er kann den Handwechsel an der Longe genau so lange, bis er ein kleines bisschen Stress hat. Dann aber steht er da und schaut wie eine Kuh wenn es donnert – verschreckt und unwissend. Ich glaube, sein Gehirn blockiert. Also üben wir nicht den Handwechsel, sondern wir üben, dass er mit dem Stress besser umgehen kann. Wir vermeiden nicht jeglichen Stress, sondern wir tasten uns vor: ein bisschen Aufregung, dann wieder entspannen. Und langsam, ganz langsam, wird es besser.

Die Atmosphäre und die Beziehung herzustellen, die das Pferd zum lernen braucht, das ist mir so viel wichtiger als die technische Frage, wie ich eine Übung durchführe. Bei Duncan ist das recht leicht. Er ist jung, hat keine schlechten Erfahrungen gemacht und gehört einer der entspanntesten Rassen an, die ich kenne. Das Pferd meiner Schülerin ist schon etwas älter, hat Arthrose und eine Springpferdekarriere hinter sich. Von Grundentspanntheit sind wir noch etwas entfernt.

Auf der anderen Seite kann es für mich auch beschämend sein, mit Duncan – oder Merlin oder Diego – zu arbeiten. Sie sind oft konzentrierter als ich. Ihnen geht wohl nicht durch den Kopf, wer wieder was komisches gesagt hat, was noch alles zu erledigen ist und was es heute abend zu essen gibt. An vielen Tagen kann ich diese Dinge für den Moment mit meinen Pferden beiseite schieben aber manchmal will das einfach nicht gelingen. Und so habe ich neulich abends beim Fahren üben „warte“ statt „keks“ gesagt und war überhaupt total unkonzentriert und wirr. Aber Sir Duncan war bei der Sache. Mein (noch recht kleiner) Fels in der Brandung ist zwar dann auch etwas tüdeliger als sonst, aber er wird nicht nervös oder unruhig. Trotzdem sehe ich an solchen Tagen wie jung und unerfahren er noch ist und wie viel abhängiger als die „großen“ er von meiner Konzentration ist. Er spiegelt mir sofort wieder, wenn mein Kopf nicht „rund läuft“ wo Merlin und Diego genug Erfahrung haben um zu „überhören“ was in mir vorgeht und nur das wesentliche herauszufiltern. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen, man solle nur dann mit dem Pferd arbeiten, wenn man mental total fit ist. Ich finde, dass das zu oft dazu führt dass unsere Pferde zu viel herumstehen. Lieber mache ich meine Pferde fit, mich auch mal unkonzentriert ertragen zu können. Ich achte dann extra-gut darauf, dass ich nicht ungerecht werde, ich entschuldige mich auch bei ihnen für meine konfusen Gedanken und wenn es möglich ist beschränke ich mich auf einfache Dinge. Aber wenn es nunmal Dienstag nachmittag ist und unser einziger „Fahrunterrichtstag“ dann ist der eben mal wirr. Und das das nicht schlimm ist, das kann mein Pony lernen und es wird ihm und mir noch oft zugute kommen, dass er das kann. Wenn ich nur bedenke, wie furchtbar aufgeregt ich sein werde, wenn wir auf unseren ersten Kurs fahren oder zum Distanzritt! Da ist meine Wirrköpfigkeit am Dienstag eine Lachnummer dagegen.

Ich vertraue darauf, dass nicht nur Duncan in dem ganzen Chaos etwas gutes gelernt hat, sondern dass auch bei mir etwas hängen geblieben ist. Wir haben geübt – und dazu gehört auch mal üben unter widrigen Bedingungen. Nächstes mal dann hoffentlich wieder in voller Konzentration.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 96

Dienstags nachmittags sind wir ja immer mit dem Mädchen von meinem Spaziergehkumpel verabredet. Aber dann ist es jetzt immer schon dunkel. Und mein Mädchen hat keine Lust im Dunkeln die Straße rauf und runter zu laufen wie sie sagt. Mir würde das ja nix ausmachen, ehrlich gesagt. Und meinem Spaziergehkumpel auch nicht. Und dem Mädchen vom Spaziergehkumpel auch nicht. Aber wenn mein Mädchen was nicht will dann macht sie das eben einfach nicht, das hab ich schon kapiert. (Besonders schlimm ist es wenn sie mir einfach keinen Keks geben will…..)

Na jedenfalls haben wir uns eine Ersatzbeschäftigung gesucht. Wir üben nämlich Kutsche fahren. Ohne Kutsche weil ich dafür ja angeblich noch zu klein bin….. Und das üben wir auf dem Reitplatz, da ist Licht (wenn auch nicht viel). Es geht so: ich bekomme alles angetüddelt. Und zwar inklusive Fahrzaum (nur ohne Gebiss. Weil ich ja noch Babyzähne hab). Ich darf jetzt den Fahrzaum von meinem großen Bruder Finlay tragen! Den beiden Mädchen war ganz sentimental zumute als sie gesehen haben dass er mir schon fast passt. (Gut genug zum üben jedenfalls). So ist das wohl, wenn man klein ist, dann muss man immer die Sachen vom großen Bruder auftragen, man bekommt nix eigenes, weil man ja noch wächst….. naja.

Wenn ich dann angetüddelt bin, gehen wir auf den Reitplatz. Mit den Blendklappen kann ich nicht so gut rundum gucken, das muss ich erst noch kapieren wie das geht. Das Mädchen vom Spaziergehkumpel (alias „die gestrenge Fahrlehrmeisterin“) geht sich dann irgendwo auf dem Reitplatz verstecken. Mein Mädchen steht hinter mir und sagt, dass ich warten soll. Wenn ich artig warte, kommt sie nach vorne und gibt mir einen Keks. Toll! Am Anfang war ich noch verwirrt, weil ich mein Mädchen nicht sehen kann und hab immer versucht mich umzudrehen. Aber dann hab ich verstanden dass das nicht richtig ist. Wenn ich sie nicht sehen kann, muss ich eben ganz doll lauschen was sie sagt! Drehen soll ich mich aber nicht.

Entschuldigt bitte dass mein Mädchen so komisch trabt. Ich arbeite daran…

Wenn ich dann lang genug gewartet habe, sagt sie irgendwann, dass ich losgehen soll. Ich such dann nach dem Mädchen vom Spaziergehkumpel und wenn ich sie gefunden habe, trabe ich schnell hin und sie gibt mir dann auch wieder einen Keks. Mein Mädchen trabt hinter mir her und schaut auf meinen hübschen Po, das mag sie gern. Hui, großer Spaß! Aber ehrlich gesagt auch anstrengend. Nicht in den Beinen, aber im Kopf. Ich muss mich so doll konzentrieren! Deswegen machen wir das nicht so lang. Aber dafür merke ich mir alles ganz genau wie es geht und beim nächsten Mal kann ich das und wir können wieder ein Level weitergehen. Weil ich so schlau bin!

Hier hat sie mich überredet, im Schritt zu bleiben. Macht sie nur, weil sie nicht so schnell und schön traben kann wie ich! Im Trab macht es aber viel mehr Spaß!

Weil es immer dunkel ist, können wir das nicht filmen. Aber heute haben wir das mal mit dem Mann geübt, mein Mädchen und ich, und da war es hell und wir haben es für Euch gefilmt. Seht nur her wie gut ich das schon kann! Ich hoffe ich bin bald groß genug um die Kutsche wirklich zu ziehen. Aber mein Mädchen sagt, das dauert noch und bis dahin müssen wir ganz viel üben. Wieso? Kann ich doch alles? Ach so, weil dann niemand mehr vorne mit Keksen steht und ich alleine vorneweg gehen und den Weg finden muss. Und gaaaaaaaaaanz genau lauschen was mein Mädchen sagt. Und alles richtig machen. Vor der Kutsche kann man sich keine Fehler erlauben. Na gut, ok, dann müssen wir vielleicht wirklich noch ein- oder zweimal üben.

Euer Kutschpony Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 95

Hallo Ritterchen, du hast dich ja hingelegt.

Hallo mein Mädchen! Ja du hast ja gesagt man wächst im Schlaf und ich muss doch noch sooooooo viel wachsen!

Das stimmt. Darf ich mich zu dir setzen? Ich hab auch einen Keks für dich.

Oh toll ein Keks, danke! Kann ich noch einen bekommen? Guck mal ich kann sogar im Liegen wegschauen, dann gibst du mir was oder?

Ach du weißt schon sehr genau wie du mich rumkriegst, mein Ritterchen. Also gut, einen noch.

Und dann noch einen?

Nein, aber ich könnte dich ein bisschen kratzen wenn du magst.

Oja gern. Darf ich dich zurückkratzen? Dann ist es noch schöner.

Ja aber denk bitte daran dass ich kein Pony bin, also nur ohne Zähne, ja?

Ok. Auch wenn es schwer fällt. So richtig?

Ja ganz wunderbar zart und liebevoll mein Ritter.

Ooooooch ist das gemütlich. Kann ich mal so meinen Kopf in deiner Hand abstützen? Der wird mir gerade so schwer.

Na klar mein Ritterchen. Ich trage deinen Kopf gern und wenn du deine Stirn hier so an meinen Bauch drückst dann kann ich deinen Kopf auch ganz in den Arm nehmen.

Hmmmmm schön. Da muss ich jetzt mal ganz tief durchschnaufen. Mir ist ganz romantisch, mein Mädchen

Mir auch, mein Schatz.

Hab Dich lieb mein Mädchen.

Ich dich auch mein Ritter.

Einhundert mal

Ich habe hier einen sehr schönen Artikel gelesen (leider gibt es ihn nur auf englisch). Die Quintessenz lässt sich recht einfach zusammenfassen (es lohnt sich trotzdem den Artikel ganz zu lesen). Wenn wir etwas einhundert Mal machen – absichtslos und ergebnisoffen – können wir staunen was passiert.

Einhundert Wiederholungen ohne zu schauen, ob man Fortschritte macht oder nicht. Einhundert Wiederholungen bevor man sich beklagt dass etwas einfach nicht funktioniert (nach einhundert  Wiederholungen gibt es oft keinen Grund mehr, zu klagen…..). Einhundert Wiederholungen, bevor man dann hinschaut und sieht, was passiert ist.

Duncan und ich waren noch keine hundertmal spazieren. Es sind ungefähr 70 Spaziergänge die wir jetzt hinter uns haben. Und wenn ich zurück schaue auf die Anfänge, dann ist es faszinierend, wie viel Routine wir schon erworben haben.

Aber man muss sich das halt auch mal durchrechnen. Wenn ich etwas jeden Tag tue, dann dauert es dennoch über 3 Monate, bis ich es einhundert mal wiederholt habe. Und was tut man schon wirklich jeden Tag? Wenn ich jetzt wieder raus gehe und Diego reite und mich frage, warum der Fortschritt so langsam ist, dann werde ich mir eingestehen müssen, dass ich einfach zu wenig mit ihm mache um ernsthaft Fortschritte zu erzielen. Ein- oder zweimal in der Woche, das würde bei hundert Wiederholungen ein oder zwei Jahre bedeuten! Also mal ganz ruhig bleiben.

Und darum mache ich mit Duncan so viele Dinge schon so früh. Wenn er – vermutlich im Frühjahr 2022 – vor die Kutsche soll, dann möchte ich einhundert Mal das Fahren vom Boden geübt haben, in möglichst vielen Varianten. Da kann ich mir schon ausrechnen, wie oft ich es machen muss um da hinzukommen! Denn das sind jetzt noch ungefähr 16 Monate und wir haben es erst 3mal gemacht.  Da müsste ich eigentlich 6mal im Monat üben und das kann  schon ganz schön knapp werden! Gleiches gilt fürs erste Aufsteigen. Er kennt jetzt, dass ich erhöht stehe und meinen Fuß auf seine Kruppe lege. Er kennt, dass ich neben ihm hochspringe. Einmal bin ich auch schon an ihn rangedotzt beim Springen. Aber von einhundert Wiederholungen sind wir weit entfernt.

Nun ist das ja nicht unbedingt immer nötig, einhundert Wiederholungen zu machen bevor man einen Schritt weiter geht. Aber zum ersten Mal drauf sitzen oder zum ersten Mal vor die Kutsche spannen, das sind große Schritte, die auch ordentlich Gefahrenpotential haben. Da möchte ich schon gern sehr gründlich vorbereiten. Ich möchte sichergehen, dass es nicht nur „gut geht“ sondern dass es auch wirklich GUT geht. Dass mein Pony entspannt sein kann dabei. Dass er aus der Situation raus geht und sagt „war cool, ich freue mich aufs nächste Mal!“. Und da sind doch einhundert Wiederholungen (qualitativ hochwertig versteht sich) ein guter Plan.

Und wenn wir über Routine sprechen, darüber, ob ich mich auf mein Pony verlassen kann, darüber, ob mein Pony sich auf mich verlassen kann, darüber, dass wir uns wirklich gut kennen, dann ist 100 mal ein guter Richtwert. Einhundert mal die Hufe hoch heben. Einhundert mal in den Anhänger einsteigen. Einhundert mal gemeinsam eine Schrecksituation überstehen und sehen wer wie reagiert.

Pferde lernen sehr schnell. Gerade junge Pferde lernen oft in schier atemberaubendem Tempo. Pferde brauchen keine 100 Wiederholungen um etwas zu verstehen oder zu können. Ich beobachte eher, dass mein Mann recht hat, der sagt „alles was mehr als dreimal passiert, ist Gewohnheit“. Und ich beobachte, dass es bei vielen Pferden noch nicht einmal diese drei Wiederholungen braucht. Manche, die ein einziges Mal Erfolg hatten mit einem Verhalten, lassen nicht mehr davon ab.

100 Wiederholungen braucht es nicht fürs Verstehen. 100 Wiederholungen braucht es um entweder ein Problem zu lösen (zum Beispiel weil mein Pferd Angst hat vor etwas ) oder es braucht 100 Wiederholungen um so viele Varianten rein zu bringen wie es irgend geht und zu wissen, was in jeder Variante passiert. Denn 100 Wiederholungen heißt nicht, etwas 100 mal auf die selbe Art und Weise zu machen. Es heißt, 100 mal in kleinen Varianten an einem Thema zu arbeiten. Fahren vom Boden auf der Wiese, auf dem Spaziergang, in der Halle. Mit Gebiss und ohne. Mit Blendklappen und ohne. Mit gruseligen Geräuschen von hinten und ohne. Mit jemandem der mal Gewicht in die Zugstränge gibt und ohne. Im Schritt und im Trab, bei Regen, bei Sonne, bei Wind. Im Dorf und im Wald, mit fremden Pferden dabei und so weiter und so fort.

100 mal Aufsteigeübung heißt neben im hoch springen, ihn anspringen, erhöht neben ihm stehen, den Fuß auf den Rücken legen, Gewicht in meine Hände geben, oberhalb von ihm Quatsch machen wie Jacke an- und ausziehen, ihn leichte Dinge tragen lassen, Dinge runter fallen lassen, später auch schon hochspringen und bäuchlings auf seinem Rücken liegen und wenn ich völlig verrückt bin Handstand an ihn angelehnt üben und das alles jeweils von rechts und von links. Und mal sehen was mir noch so einfällt. 100 Wiederholungen in x Varianten. Denn dann, wenn wir so viele Varianten wie möglich geübt haben, wird eine unbeabsichtigte neue Variante nicht mehr sein als das: eine neue Variante. Und Duncan und ich werden flexibler werden dabei (nicht unflexibler, wie wir es bei 100 Wiederholungen im immer gleichen Stil werden würden).

Das Beste daran ist: wir werden bei jeder dieser Wiederholungen Spaß zusammen haben. Es ist keine Pflichtübung, sondern ein Spiel: wie viele Varianten finden wir, wie oft haben wir das nun schon gemacht und wie verändert sich unser beider Gefühl während wir es wieder und wieder tun?

Wiederholung kann Spaß machen (etwas was uns leider in unserer Schulzeit verdorben wird). Und deswegen muss ich jetzt auch aufhören zu schreiben und Dinge wiederholen gehen mit den Ponys.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 94

Abends dürfen Caruso, Merlin und ich uns immer einmal richtig sattessen. Wir brauchen das im Winter, Caruso und Merlin weil sie alt sind, ich weil ich jung bin. Diego und Gatsby dürfen nicht mitmachen, weil die weder alt sind noch jung, dafür aber dick.

Mein Mädchen macht uns dann die ganze große Schubkarre voll Heu und wir dürfen ein paar Stunden da stehen und schmausen. Wenn sie dann wiederkommt, schimpft sie immer mit uns. Weil wir nämlich das Heu neben die Karre schmeißen und lieber das von ganz unten nehmen als von oben wegzufressen. Sie sagt, wir hätten ganz schlechte Tischmanieren! Und wenn sie „wir“ sagt, meint sie mich….. Aber ich kann wirklich nichts dafür! Das Beste liegt eben immer ganz unten drin! Das ist so eine Art Naturgesetz. Mein Mädchen versteht das leider nicht. Es ist einfach zu schön, die Nase gaaaaaaaaaanz tief ins Heu zu stecken. Das ist in etwa so, wie wenn Ihr die Nase in den Kochtopf steckt und schnuppert was es leckeres gibt. Außerdem liegen unten in der Karre immer die Grassamen die aus dem Heu fallen. Und die sind ja doch das allerbeste! Und gesund sind die auch, mein Mädchen, also bitte! Wer will denn immer nur die drögen Stängel essen?

Die Nase ganz nach unten und dann tiiiiiiiieeeeef einatmen. Wie das duftet!
Das Ergebnis findet mein Mädchen leider nicht so gut….

Tja, neulich hat sie gesagt, wenn wir so weitermachen, wird sie sich etwas überlegen müssen, damit wir nicht immer alles durch die Gegend schmeißen. Da wäre aber schade, wenn das nicht mehr ginge……  Ich versuche gerade sie zu überzeugen, dass ich schneller wachse, wenn ich Heu von ganz unten essen kann. Ob das klappt?

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 93

Versprochen ist versprochen! Also sind wir heute schön in die Wackelkiste geklettert und in unseren Lieblingswald geschüttelt worden. Und spazieren gegangen. Schööööööön! Nur einen kleinen Haken hatte die Sache: Da ihr Menschen ja keinen eigenen Winterpelz habt, zieht Ihr Euch den ja immer an und aus wie es so passt. Eigentlich ganz praktisch! Mir ist es in meinem Winterpelz oft zu warm, den würde ich auch manchmal gern ausziehen können. Naja aber heute hatte mein Mädchen sich voll verschätzt beim Winterpelz. Die letzten Tage war es eiskalt (sagt sie – wir sagen dazu „angenehm kühl“) und heute wurde es plötzlich wieder ganz warm! Und ihr Pelz war ihr zu dick. So und nun ratet mal, wer die ganzen 7 Kilometer ihren Pelz geschleppt hat….. Wenn ich nicht so ein Gentleman wäre! „Halt mal kurz“ hat sie gesagt. Und ich bin drauf reingefallen.

Ganz ritterlich habe ich ihr den Pelz getragen. So bin ich nun mal!

Und dann war da noch die Sache mit den Keksen. Also sie sagt „Trab“, wir traben an, sie sagt „Scheeeeeeeeritt“, ich pariere durch, es gibt einen Keks. So weit, so gut. Jetzt wollte ich aber mehr Kekse! Also bin ich immer fleißig angetrabt und hab brav durchpariert wenn sie es gesagt hat. Aber es gab keinen Keks! Angeblich soll ich ohne Aufforderung angetrabt sein und deswegen gibt es nix fürs Durchparieren. Das ist doch wieder typisch! Das war doch wohl vorauseilender Gehorsam dass ich angetrabt bin, was gibt es da zu meckern? Ich hab das toll gemacht! Gut, wenn sie mir nix gibt, hole ich mir meine wohlverdiente Belohung eben selbst. Zum Glück wächst da ja genug am Wegesrand und es liegen auch noch köstliche Zweige und Blätter mitten auf dem Weg. Und dann meckert sie schon wieder, weil ich mich selbst belohne! Ich hab das aber doch toll gemacht! Musste doch jetzt auch mal zugeben, Mädchen!

Insgesamt war es aber ein sehr schöner Spaziergang. Als wir wieder an der Wackelkiste waren habe ich dezent angemerkt, dass ich noch gar nicht nach hause will. Da hat mein Mädchen gelacht und gesagt, dass SIE aber bitte nach hause will. Na gut, also bin ich dann doch eingestiegen. Aber bitte bald wieder, mein Mädchen, ja? Du weißt ja, sonst hab ich Langeweile…..

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 92

Wisst Ihr, wann mein Mädchen das letzte Mal mit mir spazieren war? Am 17.11.! Hallo? Mir ist laaaaaaaaangweilig! Habe sie gefragt was sie zu ihrer Verteidigung zu sagen hat. Und sie meinte, naja, wir machen ja zwischendurch Freedom Based Training und wippen und Bodenarbeit und einmal haben wir auch Fahren vom Boden auf dem Platz geübt. Ja. Alles ganz nett. Aber halt zu kurz. Und auch alles hier zu hause. Einfach kein adäquater Ersatz für einen ordentlichen Spaziergang!

Na, ich hab dann mal bisschen Streit angezettelt. Mit Merlin und Caruso. Das war lustig! Und dann mit Diego. Oh. Keine gute Idee….. Mein Mädchen hat gekichert als sie am Sonntag morgen in den Stall kam und gesehen hat dass Diego böse mit mir ist. Sie sagt, sie kennt das von Finlay, der hat auch so dumme Sachen gemacht in der Pubertät. Von wegen Pubertät, Mädchen, das ist die reine Langeweile! Zum Glück war Diego mir nicht so lange böse. Montag war alles wieder gut.

Heute hab ich dann mal ein ernstes Wörtchen mit meinem Mädchen geredet. Sie kam nämlich an und wollte meine Hufe machen. Und hat immer „warte“ gesagt. Das heißt ich muss stehenbleiben. Hatte ich aber keine Lust zu. Da waren doch so Blätter und Zweige und manchmal sogar Futterreste auf dem Hof, da musste ich doch mal gucken! Sie hat mit mir geschimpft. War mir aber egal. Dann hat sie mich zurück geschickt und wieder „warte“ gesagt. War mir auch egal. Ich wollte lieber rumschnobern. Da hat sie noch mehr geschimpft. Nach ein paar Wiederholungen war sie richtig sauer. Naja. Ich hab dann doch noch mitgemacht. Bin ja im Grunde ein netter Kerl und sie hat Kekse rausgerückt wenn ich es richtig gemacht habe. War aber trotzdem langweilig. Hat sie auch kapiert und ist danach netterweise mit mir wippen gegangen. Damit mir nicht mehr so langweilig ist. Und….. Trommelwirbel…. sie hat mir für Sonntag einen Spaziergang versprochen! Weil ich so unausgelastet bin. Sie hat es kapiert! Juhuuuuuuuu! Das merk ich mir: so klappt das mit der Beschäftigung!

Euer gelangweilter Sir Duncan Dhu of Nakel

Unser eigenes Tempo

(Vorwort: jetzt hab ich das alles geschrieben und denke: das ist fast der gleiche Text wie vor zwei Wochen. Ich hoffe ich langweile Euch nicht mit dem Thema. Ich finde es einfach so wichtig. Ich weiß schon, fast jeder seriöse Ausbilder sagt es dauernd…. aber es gibt Indizien dass es noch nicht oft genug gesagt wurde. Also hier nochmal in anderen Worten.)

Im Unterricht erlebe ich ja die kuriosesten Dinge. Zum Beispiel als eine Reitschülerin Sorge hatte, es könnte für mich und Merlin zu langweilig sein, wenn sie nur Schritt reitet. Da musste ich doch herzhaft lachen – denn gerade mein Merlin findet Schritt ist nur eine Stufe schlechter als Rumstehen und definitiv zwei Stufen besser als Trab.

Ich glaube, er war ernsthaft betrübt, als sie schließlich doch traben wollte.

Manchmal habe ich mit Menschen zu tun, die es ganz eilig haben. Die erwarten, dass ich das jahrelang bestehende Verladeproblem in 45min löse. Oder die erwarten, dass ihr Pferd das mit dem Lenken spätestens im zweiten Anlauf verstanden hat. Die meinen, wenn sie nur selbst gut genug reiten könnten, würde ihr Pferd quasi morgen piaffieren.

Und dann gibt es die anderen, die lieber ganz langsam machen wollen. Wie die, die meinte, ihr Pferd sei erst 3 Jahre alt und könne sich daher sicher nicht länger als 15min konzentrieren. Das Pferd hatte aber nicht das gleiche Buch gelesen wie seine Besitzerin und hat 45min Unterricht mitgemacht in schönster Aufmerksamkeit. Oder die, die selbst Sorge haben. Eine hat ein ganzes Jahr lang sich nicht getraut, ihr Pferd an der Longe galoppieren zu lassen, weil es da mal gebuckelt hatte. Dann plötzlich hat es Klick gemacht und seitdem geht es wunderbar.

Als Ausbilderin stehe ich daneben und stelle mir immer wieder die gleiche Frage: nehme ich das Tempo so an, wie meine Reitschüler es vorgeben oder greife ich ein – bremsend oder beschleunigend? Was ist das Beste für diesen Mensch und dieses Pferd? Fast immer entscheide ich mich für das langsamste Tempo dass uns allen akzeptabel erscheint. Einige muss ich dafür runterbremsen. Die Dame, die meinte, ihr Pferd würde nicht mehr als 15min schaffen, habe ich etwas „beschleunigt“. Weil ich das Gefühl hatte, dass ihr sehr intelligentes Pferd sonst unter Umständen bald den qualvollen Langeweiletod erleidet. Mir persönlich ist es egal, wie lang es dauert, so lange ich nur Fortschritte sehe. Jeder hat sein Tempo und mein persönliches Tempo wird wiederum einigen zu langsam und einigen zu schnell sein. Duncan fand mich manches Mal zu langsam. Du meine Güte, wieder nur so eine kleine Runde? Können wir nicht bald mal ein paar mehr Kilometer machen?

Er verleitet mich, immer mal etwas über meinem „Normaltempo“ zu arbeiten. Und dann geht es eben doch manchmal schief. Wie an jenem Tag im Sommer, als er mir vom Reitplatz abgehauen ist (ich erzählte Euch davon). So habe ich jetzt, was das Reitplatz-Thema angeht, das Tempo komplett rausgenommen. Wir arbeiten jetzt immer nur ein einer Sache, ich suche mir vorher was aus, wir machen das kurz und wenn es klappt, hören wir auf. Wobei „klappen“ das rudimentäre Verstehen und Umsetzen der Übung bedeutet und keineswegs Perfektion.

Hier habe ich ein Video dazu für Euch, auf dem ihr unsere gesamte (!) Platzarbeit an dem Tag seht. Es ist eine Übung die wir vor ein paar Tagen schon einmal gemacht hatten. Da war Duncan etwas pubertär gewesen und hatte viel am Strick gezogen oder nach mir gehascht. Antraben war noch schwierig. In der Einheit die ihr hier seht, trabt er zweimal auf Stimmkommando an und Haschen ist eher die Ausnahme. Klar gibt es da noch eine Menge zu verbessern, er ist noch sehr aufgeregt wenn es ans Traben geht. Aber mir reicht es erst mal so. Traben neben mir her kann ich wunderbar im Gelände üben, da regt es ihn auch weniger auf. Wenn es da gut geht können wir es auf dem Reitplatz viel besser entspannt schaffen.

Ist es übertrieben, die Platzeinheiten so kurz zu machen? Wahrscheinlich. Bleibe ich weit unterhalb dessen, was Duncan schaffen könnte? Wahrscheinlich. Schadet das irgendwem? Nein, denn die Beschäftigung die das gut geölte Maschinchen zwischen seinen Ohren zweifellos braucht, holen wir uns woanders. An den Stellen wo es ihm leicht fällt und Spaß macht (also beim Spazierengehen, auf der Wippe oder im Freedom Based Training). Er kann bisher den Reitplatz noch nicht so gut leiden (weil ich ihn überfordert habe!) und das gilt es auszubügeln. Ich möchte, dass er auf den Reitplatz geht und sagt „so, was ist das Rätsel heute?“ und dann stolz nach hause geht wenn er es gelöst hat. Wenn das bedeutet, dass das Aufhalftern und der Weg zum Reitplatz mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Übung die wir dort machen – soll mir recht sein. Wir kommen der Sache jedenfalls schon näher, die Stimmung ist schon deutlich besser geworden.

An anderer Stelle ist es umgekehrt. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich im Freedom Based Training (von dem ich selbst eigentlich noch keine Ahnung habe) so schnell so weit komme. Er hat so viel verstanden, beißt nicht mehr sondern geht weg, wenn er etwas nicht möchte. Findet Wege, mir vorab zu sagen, dass seine Geduld am Ende ist und kann andererseits, wenn mein Timing stimmt und ich mir genug Zeit für die Vorbereitung nehme, solchen Quatsch ertragen (und sogar lustig finden) wie dass ich neben ihm in die Luft springe oder ihm den Fuß auf den Rücken lege. Das habe ich nicht ein einziges Mal am Halfter geübt oder mit Futter belohnt, ich wollte eine ehrliche Rückmeldung von ihm und sie fiel gut aus.

So ist es ja bei uns Menschen auch. Der eine ist gut in Mathe, der andere tut sich leicht, Sprachen zu lernen. In einem gewissen Rahmen macht es Sinn, dem Sprachengenie etwas Mathe beizubringen und dem Mathegenie wenigstens etwas Englisch. Aber Begeisterung wird man vermutlich nicht so viel finden, auch nicht bei der besten Motivationsstrategie. Mein Merlin war eben nie so recht fürs Ausreiten zu erwärmen und er würde auch nie gut vor der Kutsche gehen – wo er doch viel lieber hinter jemandem herläuft. Diego sieht keinen Sinn darin, über ein Cavaletti zu hüpfen, man kann ja auch außenrum gehen oder den Weg freiräumen. Und Duncan wird vielleicht nie viel Sinn darin sehen, auf dem Reitplatz Rätsel zu lösen. Oder das kommt noch – wer weiß. Fest steht: Ich will mein Bestes geben um ihm den Reitplatz doch noch ein bisschen schmackhaft zu machen und ich will sehen, wie ich das am Besten kombiniere und einbaue. In unserem eigenen Tempo.

Draußen hingegen kann es ja gar nicht schnell genug gehen für Duncan.

Manchmal hatte ich schon fest damit gerechnet, böse Nachrichten zu bekommen, dass ich mein junges Pferd überfordere. Als wir auf Abenteuerurlaub waren und unseren ersten Spaziergang dort machten, kam uns die Hofbesitzerin im Auto entgegen. „Warum muss denn der Kleine vorneweg gehen?“ fragte sie uns. Tja, der muss nicht, der will. Aber ansonsten habe ich interessanterweise noch nicht zu hören bekommen, dass das alles viel zu viel sei für Duncan, obwohl ich wirklich darauf gefasst war.

Pferdeleute können da untereinander gnadenlos sein und viele sind es auch mit sich selbst. Was, der ist schon 4 Jahre und wird noch nicht geritten? Oder auch umgekehrt: was, der ist erst 4 Jahre und wird schon geritten? Was, der galoppiert noch nicht an der Longe? Was, Du traust Dich immer noch nicht allein auszureiten? Schlimm genug, wenn andere Menschen das zu einem sagen (und ich würde mir wirklich so sehr wünschen, dass Pferdebesitzer aufhören, sich ständig in das einzumischen, was die anderen tun und alles ungefragt zu kommentieren). Noch schlimmer, wenn Menschen anfangen, solche Dinge zu sich selbst zu sagen. Ich erlebe leider immer wieder, wie Schülerinnen sich selbst total fertig machen, weil etwas noch nicht klappt oder sie Angst haben. Es gruselt mich, wenn ich höre, wie schlecht viele über sich selbst sprechen. Dabei übersehen sie oft, was sie schon alles erreicht haben. Sie vergleichen sich mit jemandem, den sie vielleicht auf einer Messe gesehen haben und vergessen dabei, dass diese Person jahrelang tagein, tagaus nichts anderes tut als mit Pferden zu arbeiten, während sie selbst nach 8 Stunden Büro 5mal die Woche eine Stunde mit ihrem Pferd verbringen. Natürlich hat man da andere Ergebnisse.

Aber wen soll das stören? Wir haben unsere Pferde doch nur zu einem Zweck: wir wollen eine schöne Zeit mit ihnen haben. Sie sollen uns glücklich machen und wir wollen, dass sie im Gegenzug auch glücklich sind. Das Tempo, in dem wir unseren Weg beschreiten, spielt da keine Rolle – Hauptsache es geht voran.

Und so denke ich wieder an eins meiner Lieblingsbücher aus Kindertagen: Tranquilla Trampeltreu. Vielleicht hat jene zauberhafte Schildkröte mich geprägt. Schritt für Schritt geht sie voran. Und so kommt sie letztendlich doch genau zum richtigen Zeitpunkt an ihrem Ziel an – obwohl ihr alle unterwegs sagen, dass sie es nicht schaffen kann.

Stillstehen und Aufgeben ist keine Option. Aber der kleinste Schritt in die richtige Richtung genügt, um uns vorwärts zu bringen: in unserem eigenen Tempo.

P.S. ich wurde darauf hingewiesen, dass es Grenzen dieser Philosophie gibt. Wenn ein Pferd sich nämlich nicht anfassen, nicht tierärztlich behandeln oder sonstwie für seine Gesundheit versorgen lässt. Das ist korrekt. Ich möchte dazu sagen: auch da muss es in den seltensten Fällen sehr schnell gehen – entscheidend ist, dass das Problem möglichst nachhaltig gelöst wird. Ich hoffe, dass jeder, der ein solches Pferd besitzt, sich nicht hinter der „Der Weg ist das Ziel und es ist egal wie lange es dauert“ – Aussage versteckt, sondern das Thema löst, möglichst mit professioneller Hilfe.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 91

Neulich kam mein Mädchen auf dem Knatterpferd angeritten. Sie wollte unsere Hinterlassenschaften einsammeln. Ich komm dann immer mal gucken ob sie das auch ordentlich macht und meistens halten wir dann einen kleinen Klönschnack. Es gab sogar manchmal Kekse, weil sie das so mutig fand, dass ich gekommen bin. Bedauerlicherweise findet sie es inzwischen normal, dass ich das kann und meint, ich brauche keinen Keks mehr dafür.

Nun denn, neulich kam sie also auf dem Knatterpferd daher und ich bin hingegangen. Sie hat mich dann ganz lieb gekratzt – man, dieser Winterpelz, der kann ganz schön jucken, das sage ich Euch! – und weil sie mich richtig gut kratzen können wollte, ist sie auf die Kutsche geklettert, die das Knatterpferd zieht und hat mich von oben gekratzt. Aaaaaaaaah war das gut! Und dann hat sie wieder diese komische Turnübung gemacht, wo sie ein Bein so hoch hebt wie sie kann. Ideen hat sie immer…. Ich kenn die Übung schon. Beim ersten Mal als sie die gemacht hat, stand sie am Boden neben mir und hat ihr Bein gegen mich gedrückt. Huch! Das fand ich komisch. Aber dann hab ich gedacht: macht ja auch nix. Soll sie halt, wenn es sie denn glücklich macht. Nun dieses Mal stand sie ja höher als ich. Hebt ihr Bein und legt mir ihren Fuß auf meinen Hintern! Da hab ich doch mal kurz gezuckt. Was ist denn das wieder für eine neue Marotte?

Auch egal, Hauptsache sie kratzt mich

Aber dann hab ich mich erinnert. Ganz lange her ist das schon, da war ich noch viel kleiner. Da hat sie mir nach dem Füttern die leere Schüssel auf den Rücken gestellt. Und jemand anders stand daneben und hat gefragt, warum sie das denn macht. Und wisst Ihr was sie geantwortet hat? „Ich bringe ihm bei, dass Menschen verrückt sind“. Ich hab mich ja ein bisschen für sie geschämt. Aber im Endeffekt muss ich ihr recht geben. Menschen SIND verrückt!! Und alle Ponys mit denen ich gesprochen habe, bestätigen mir das. Und ich habe von meinem Mädchen und meinen Kumpels gelernt, was die Universallösung ist, damit sie mit verrückten Sachen aufhören: Ruhe bewahren. Am besten noch schön entspannen und das deutlich zeigen. Gaaaaaaaaanz entspannt. Dann hört Ihr Menschen auf. Hab ich kapiert. Also als sie mir nun – verrückterweise – ihren Fuß auf meinen Po gelegt hat, da hab ich – nachdem ich kurz zusammengezuckt war – einfach mal lässig mit dem Ohr gewackelt. Und schon hat sie ihren Fuß da wieder weg genommen und mich gekratzt. Danach hat sie den Fuß nochmal da hingelegt, aber ich hab einfach ganz entspannt drein geschaut und ihr signalisiert, dass sie mich mit so einem Quatsch nicht schocken kann. Und es hat wieder einwandfrei funktioniert: sie hat aufgehört.

Was ist das nur mit Euch Menschen? Ihr seid wirklich ein verrücktes Völkchen. Also wenn es nicht so komfortabel wäre bei Euch und wenn wir Euch nicht im Grunde total lieb hätten (zumindest ist das bei mir und meinem Mädchen so), dann hätten wir gar keinen Anlass mit Euch zu kooperieren. Aber wie es nun mal so ist: bei guten Freunden nimmt man die kleinen (?) Verrücktheiten in Kauf.

Und ich will mal so sagen: sowas kann ja auch unterhaltsam sein. Als mir so langweilig war, weil ich beim Zahnarzt darauf warten musste, dass ich endlich drankomme, da hat sie mich ja bestens bei Laune gehalten indem sie immer neben mir hoch gehüpft ist. Herrlich lustig war das! Und diese Marotte, mir ständig alles auf den Rücken zu legen, was sie gerade in der Hand hat, kann ja auch als Unterhaltungsfaktor dienen. Jetzt klettert sie auch dauernd auf alles rauf was sie finden kann. Den Baumstumpf im Paddock, den alten Säulenfuß im Stall und eben das Knatterpferd. Ich freu mich schon drauf, wenn sie irgendwann holterdipolter von so was runterfällt, dann werde ich sie auslachen – selbst schuld, wenn man überall rauf muss und dann da noch auf einem Bein steht!

Euer amüsierter Sir Duncan Dhu of Nakel

Müssen

Und schon ist wieder Donnerstag und ich „muss“ einen Blogartikel schreiben. Gut, ich muss natürlich nicht. Wenn ich keinen schreibe, wird nichts schlimmeres passieren als dass einer meiner treuen Leser seine Enttäuschung äußert. Wenn ich dann öfter nichts schreibe, werden einige Leser vielleicht abspringen, nicht mehr so oft schauen ob es neue Artikel gibt und das Interesse verlieren.

Der kleine Prinz lernt vom Fuchs, dass Beständigkeit Vertrauen schafft. „es muss feste Bräuche geben“ sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen. Und zwar in beide Richtungen. Der Jäger geht Donnerstags tanzen – dann hat der Fuchs das Land für sich. Und der kleine Prinz soll jeden Tag zur gleichen Zeit kommen, damit der Fuchs sich schon darauf freuen kann.

Wenn ich sage „ich muss“ dann heißt das in meinem persönlichen Sprachgebrauch zweierlei:

Erstens möchte ich das, was passiert, wenn ich es nicht tue, einfach nicht erleben (z.B. möchte ich nicht, dass meine Ponys hungrig sind, weil ich nicht gefüttert habe – ich „muss“ also die Ponys füttern)

Zweitens möchte ich verlässlich sein für andere. Meine Ponys kennen das so, dass ich regelmäßig zum füttern komme. Nicht immer pünktlich zur exakt gleichen Uhrzeit aber doch immer so ungefähr. Und sie erwarten mich und ihr Futter dann. Wenn ich nun nicht komme (und auch niemand anders Futter bringt), dann bedeutet das eine Enttäuschung für sie und wenn das öfter passiert werden sie feststellen, dass sie sich nicht auf mich verlassen können. Und wie sehr mögen wir jemanden, auf den wir uns nicht verlassen können?

Wenn meine Blogartikel mal Mittwochs und mal Freitags erscheinen dann könnt Ihr Euch nicht darauf freuen. Ihr werdet vielleicht immer wieder schauen, ob schon ein neuer Artikel da ist, und traurig sein, wenn Ihr keinen findet. Und das möchte ich nicht, daher „muss“ ich Donnerstags etwas schreiben. JA, ich habe auch schon mal Freitags geschrieben. Da geht es dann mal um Prioritäten. Und um die Frage, wie gut ich mich vorbereitet habe. Denn so, wie auch dieses Jahr wieder überraschend zu Ende gehen wird, so wie auch dieses Jahr Weihnachten „plötzlich und unerwartet“ vor der Tür steht, so ist ja auch jede Woche wieder ein Donnerstag. Und von einer erwachsenen Frau könnte man erwarten dass sie das weiß und sich entsprechend vorbereitet. Also wenn ich so richtig gut wäre, würde ich meine Blogartikel immer schon vorbereitet haben und es der Technik überlassen, sie Donnerstags zu posten. Ich könnte meine Artikel schreiben, wenn ich gerade Zeit habe, anstatt das Schreiben irgendwo Donnerstags zwischen die Termine zu quetschen. Das wäre mal eine gute Planung, nicht wahr? Und im Pferdetraining ist mir diese gute Planung auch so wichtig, dass ich es durchziehe. Beim Artikel-Schreiben besteht da noch Verbesserungsspielraum, ich gebe es zu.

„Ich muss“ heißt „die andere Option gefällt mir einfach so gar nicht“. Deswegen muss ich meine Steuererklärung machen. Deswegen muss ich abends etwas kochen, deswegen muss ich den Stall misten.

Natürlich kann ich für all diese Dinge schönere Worte verwenden. Ich darf, ich kann, ich will, ich möchte. Und vielleicht motiviert es mich auch mehr, diese schöneren Worte zu verwenden.

Der Inhalt bleibt gleich: ich habe mich entschieden, mein Leben so zu führen. Ich habe mich entschieden, Ponys hier zu haben, die brauchen nun mal Heu in regelmäßigen Abständen. Wer A sagt, „muss“ eben auch B sagen. Und während ich es sehr schätze, in einem Land und einer Zeit zu leben in der ich auch viele Dinge spontan mal umentscheiden kann und viele Freiheiten habe, so möchte ich doch gern verlässlich sein für andere, so wie andere verlässlich sind für mich.

Wenn ich selbst mich zuverlässig ähnlich benehme und eine Orientierung biete, dann wird mein Pferd zuverlässig ähnlich darauf reagieren. Wenn mir die Reaktion meines Pferdes nicht gefällt, darf ich mein Verhalten ändern und dann wiederum das neue Verhalten zuverlässig so lange zeigen bis ich eine neue Antwort vom Pferd bekomme – dann kann ich wieder überprüfen ob mir diese neue Antwort gefällt. Wenn ich mich aber heute so benehme und morgen anders, dann wird mein Pferd verwirrt sein, und auch jeweils unterschiedlich reagieren. Wenn ich also das Verhalten meines Pferdes berechenbar gestalten will, dann liegt es an mir, mein eigenes Verhalten berechenbar zu gestalten.

Das klingt nach einer Binsenweisheit, ist aber gar nicht so banal und einfach wie es sich anhört. Denn durch die extrem feine Wahrnehmung unserer Pferde kann es sich fürs Pferd schon alles ganz anders anfühlen, wenn wir ein bisschen schlecht gelaunt sind.

Und hier kommt für mich die Magie des Zusammenseins mit Pferden ins Spiel: weil unsere Pferde so fein reagieren, können wir anhand ihres Verhaltens ablesen ob wir selbst heute anders sind als sonst. Und dann können wir uns bemühen, einen guten Standard zu finden und den zu halten, egal wie die Laune gerade ist, egal, wie viel Zeit wir haben, egal, wie das Wetter ist. Und das, das ist gut für uns selbst. Das gibt uns Stabilität in uns selbst und darum – das ist meine Meinung – bildet das Zusammensein mit Pferden den Charakter. Und das hat für mich was mit „müssen“ zu tun – im allerbesten Sinne.