Mein Mädchen kommt in den Stall und sagt: jetzt wo vielen Leuten das Autofahren zu teuer wird und sie aufs Pferd umsteigen wollen, haben sich die Verkehrsregeln geändert! Wir dürfen ohne TÜV-Plakette nicht mehr raus! Oje! Da wir nicht genau wissen, was uns da erwartet, haben wir schon mal ein altes Lehrvideo geschaut. Ok ich glaube, wir können die Tüv-Prüfung bestehen. Gut gucken können wir (wobei: Merlin der Zauberer wohl nicht mehr so, aber der geht ja auch nicht auf der Straße spazieren), rückwärtige Reflektoren haben wir, die können wir anbauen (da muss mein Mädchen sich nur nochmal nach der korrekten Höhe erkundigen) und Zahnschmerzen hat hier natürlich niemand! Wo wir doch so gut gepflegt werden. Unsere Bereifung ist sehr viel moderner als die Eisenbereifung des Pferdes im Film, das Gummi unserer Hufschuhe ist ja auch viel geräuschärmer und schadet dem Straßenbelag weniger.
Ich hoffe, dass zumindest Diego und ich unserer Tüv-Plakette anstandslos bekommen, damit wir dann auch wieder auf Abenteuer gehen können! Das Video von damals mit allen wesentlichen Informationen findet Ihr hier. Ist wohl anzunehmen, dass die neuen Bestimmungen sich an die alten anlehnen oder? Die haben sich schließlich schon bewährt!
Euer hoffentlich bald frisch betüvter Sir Duncan Dhu of Nakel
Ich wusste schon länger, dass der Tag bald kommt. Und er kam. Einfach so, als wir an einem Sonntag Anfang März spazieren waren und ich zum Glück den Helm mit hatte (weil ich eigentlich ein Stück auf Diego reiten wollte). Da war es, das Gefühl: heute steige ich auf. Nach ein paar mal hüpfen und quer über ihm liegen klettere ich auf Duncans Rücken (sehr unelegant, wegen der Satteltaschen). Da sitze ich nun, mitten in der Landschaft, Arnulf hält den Ritter am Strick. Und wir sind uns einig, dass Arnulf mich ein Stück führt. Duncan geht sehr flott los, er ist wohl doch einen Hauch aufgeregt. Ungefähr 200m später hält Arnulf ihn an (auf mein Hooooo reagiert Duncan nicht) und ich steige ab. Wir gehen weiter, Duncan ist sehr, sehr flott, es dauert eine ganze Weile bis das Tempo wieder passt. Dann, ungefähr 20 Minuten später, wiederholen wir das ganze. Diesmal ist Duncan ruhiger unterwegs und reagiert sogar ein bisschen auf mein „laaaaangsam“. Ich bin glücklich, es war genau so schön wie ich es mir vorgestellt hatte. Duncan wirkt auch glücklich und sehr zufrieden mit dieser neuen Version von Abenteuer.
Eine Woche später sind wir wieder zusammen unterwegs und ich möchte wieder reiten. Wir versuchen, dass Arnulf Duncan als Handpferd nimmt, während ich mich tragen lasse, aber das funktioniert nicht gut – das Tempo passt nicht und alle haben zu wenig Übung in der Handpferd-Nummer. Duncan trägt es mit Fassung, aber schön und sinnvoll ist anders. Ich steige ab und laufe ein Stück. Dann steige ich wieder auf und es ist genau so wie damals, als wir mit Finlay zum ersten Mal so draußen unterwegs waren: ich sage zu Arnulf „gib mir einfach den Strick“ und schwuppdiwupp reite ich plötzlich frei durchs Gelände. Ich hab mir das ja gut überlegt, die Strecke ist weise gewählt. Es gibt dort kaum Gras am Wegesrand, das erspart mir eine Diskussion. Und der Weg ist so weit einsehbar, dass ich jeden Radfahrer, Reiter oder Hund früh genug sehe um absteigen zu können. Duncan ist sehr aufmerksam und bemüht, gar nicht mehr flott sondern eher langsam unterwegs und so reiten wir ein paar Minuten, ca 500 Meter bevor ich selig absteige und den Rest der Strecke laufe.
Das erste Mal frei reiten. Ein ganz besonderer Moment nach gemeinsamen 2,5 Jahren!
Den Rest der Woche schwebe ich glücklich durch die Gegend. Ich teile mein erstes Reitvideo mit ein paar Leuten von denen ich weiß, dass sie sich mit mir freuen. Auf social media teile ich es nicht und werde das auch vorerst nicht tun. Denn einige werden Schnappatmung bekommen wenn sie hören, dass ich mein Pferd mit 3,5 Jahren anreite. Viel zu früh, vor allem wo Highlandponys doch solche Spätentwickler sind!
Wenn ich eins in dieser Pandemie gelernt habe, dann, wie stark wissenschaftliche Erkenntnisse in der Öffentlichkeit verzerrt, falsch verstanden und nur in Ausschnitten zitiert werden.
Wie Ihr sicher schon mitbekommen habt, wenn Ihr meinen Blog regelmäßig lest, denke ich viel nach über das was ich tue. Ich mache nicht einfach irgendetwas, weil ich es schon immer so gemacht habe oder weil alle es so machen. Und so hat es seinen Grund, dass und wie ich jetzt anfange, Duncan zu reiten. Es gibt nämlich durchaus Studien zu dem Thema und die weisen auf ein paar entscheidende Punkte hin. Zu meiner Überraschung schadet es Pferden nicht, wenn man sie etwas früher anreitet, sie profitieren sogar davon. Allerdings gibt es ein paar Voraussetzungen, die dafür erfüllt werden müssen. Vor allem müssen sie viel freie Bewegung haben, also im Offenstall leben oder auf der Weide. Und sie brauchen Regenerationszeiten zwischen den Reiteinheiten, mindestens 48 Stunden. Außerdem ist langsames Anreiten (wenig überraschend) schonender als schnelles. Frau Prof. Uta König von Borstel hat zu diesem Thema geforscht und mehrere Studien zusammengefasst. Ich habe nicht nur diesen Artikel über ihre Arbeit gelesen, sondern sie auch per mail kontaktiert und eine sehr freundliche, ausführliche Antwort auf meine Fragen bekommen.
Und so entstand mein Plan. Manche Strukturen (vor allem Sehnen und Bänder) brauchen lange, um sich an neue Belastungen anzupassen, viel länger als Muskulatur, die gerade bei jungen Pferden sehr schnell aufgebaut werden kann. Da sich ohne den entsprechenden Reiz aber keine Struktur angemessen entwickeln kann, heißt das eben nicht, mit dem reiten zu warten, sondern ganz sachte anzufangen und nach und nach zu steigern. „Tragen lernt man nur durch tragen“ hat eine Ausbilderin mal gesagt (leider weiß ich nicht mehr wer das war) und der Satz ist mir im Kopf geblieben. Wie gut meine Bodenarbeit auch sein mag: wenn das Gewicht nicht dabei ist, bleibt das Ergebnis im Hinblick auf die Tragfähigkeit begrenzt.
Duncan darf mich jetzt also immer mal ein kleines Stück tragen – vorerst nur einmal in der Woche, später zwei mal. Bisschen reiten, lange laufen, nach und nach das Verhältnis verschieben. Gut überlegen, wo und wann ich reite: viel bergauf (was man hier im Norden halt so bergauf nennt), bergab nur sachte und kurz aber schon mal um die Koordination und Balance zu üben. Nach und nach auf unebeneren Böden. Sobald ich mich traue möchte ich anfangen, einige Meter zu traben, denn erfahrungsgemäß neigen Pferde dazu im Schritt „durchzuhängen“ wenn man einfach nur geradeaus reitet. Aber natürlich muss ich auch für den Trab einplanen, dass die Sehnen sich anpassen können müssen, also entsprechend kurze Reprisen wählen. Gegen das durchhängen würde auch ein kleines Schulterherein helfen, aber wann wir das umgesetzt kriegen weiß ich nicht, da ich vorerst nicht auf dem Platz reiten werde. Ob wir beide in der Lage sind im Gelände Schulterherein zu üben, werden wir sehen. Vielleicht klappt es ja, aber noch sind wir ein gutes Stück davon entfernt. Lenken und bremsen klappt hingegen schon fein, wenn man bedenkt dass ich jetzt insgesamt ungefähr 25 Minuten frei geritten bin. Zum Glück sind durch das Fahren vom Boden die Stimmkommandos für losgehen und anhalten so in Duncans Verhalten einzementiert, dass ich ihn darüber hervorragend steuern kann. Und so tasten wir uns jetzt voran in einem langsamen, stetigen Prozess unter dem wachsamen Auge unseres „Haus- und Hof-Osteopathen“.
Da ich mich dann immer mal ein paar Minuten von der elendigen Lauferei erholen kann, werden wir parallel dazu die Streckenlängen erhöhen können, so dass Kraft und Kondition weiter wachsen können.
Duncan findet es offensichtlich toll, wenn ich reite. Ich habe es schon bei einigen Jungpferden erlebt, dass sie stolz sind und sich gut fühlen, wenn sie endlich auch einen Menschen tragen dürfen. So auch bei meinem Ritter. Und so genießen wir unsere Reit-Meter gemeinsam und ich habe Hoffnung dass der Sommer sehr, sehr gut wird für uns.
Ich glaube, die Zeitumstellung hat mein Mädchen durcheinander gebracht. Heute hat sie zur total falschen Zeit gefüttert. Und schlimmer noch: sie hat uns im Stall eingesperrt! Was soll das nun wieder? Aber dann klärte sich alles auf. Der Nachbar kam nämlich mit seinem Trecker, um die Weide zu putzen. Erst wurde sie gestriegelt und dann noch gebügelt. Und so sieht sie jetzt auch aus – keine Maulwurfshügel, keine Falten mehr. Können wir dann jetzt raus? Nein, also aus dem Stall schon aber nicht auf die Weide. Weil das Gras erst noch wachsen muss. Und so lange müssen wir noch warten. Menno.
Alles gestriegelt und gebügelt!
Heute abend kam dann auch noch ganz spontan der Tierarzt vorbei. Der hätte erst morgen kommen sollen, aber weil er gerade in der Nähe war, ist er heute abend schon gekommen. Wir sind alle geimpft worden. Impfen kann ich, da muss man einfach nur kurz still stehen, dann macht es einmal pieks und dann kriegt man einen Keks. Das ist leicht. Und unser Tierarzt ist auch echt ein netter. Was nicht heißt, dass ich ihn öfter sehen möchte, mir ist es recht, wenn er nur zum impfen kommt, das passt schon.
Jetzt soll ich erst mal nicht so doll spielen hat mein Mädchen gesagt, das tut man nach einer Impfung besser nicht. Pffffff mir doch egal! Ich spiele wann ich will und so doll wie ich will!
Ihr Menschen seid wirklich ein komisches Völkchen. Ihr seid ja ganz besessen von der Zeit. Wir Ponys sehen es so: die Tageszeit teilt sich ein in die Zeit in der es hell ist und die zu der es dunkel ist. Dazwischen liegt jeweils eine Dämmerung, in der man gut aufpassen muss, weil Raubtiere dann besonders aktiv sind – alle Schatten und jedes Knacken im Gebüsch sind dann potentiell gefährlich. Den Rest des Tages teilen wir uns je nach Wetter ein mit schlafen, fressen, spielen und herum wandern. Die Jahreszeiten teilen sich ein in solche in denen man ein dickes Fell braucht und solche in denen man Schatten braucht. In unserem Fall beinhaltet das noch die Einteilung in Weidesaison und Heusaison.
Aber Ihr habt für sowas irgendwie gar kein Gefühl. Stattdessen schaut Ihr dauernd auf die Uhr. Und habt trotzdem nie genug Zeit. Immer ist es eilig. Und dann kommt Ihr zwei mal im Jahr auf die Idee, die Uhrzeit einfach zu verändern – von jetzt auf gleich! Das macht keinen Sinn.
Jedes Mal steht mein Mädchen dann im Stall und schraubt das kleine Kästchen auf. Was es damit auf sich hat? Naja, wir Ponys wollen ja gerne immer was essen. Dürfen wir aber nicht, weil wir sonst zu dick werden (angeblich). Deswegen kriegen wir 6 kleine Portionen am Tag. Und mit Tag meine ich den ganzen Tag – also auch die Nacht. Weil wir nicht solche Schlafmützen sind wie Ihr und nicht die ganze Nacht pennen. Mein Mädchen will aber die ganze Nacht pennen und uns nicht füttern. Und deswegen haben wir ein magisches Tor. Nachts stellen wir uns davor und murmeln „Sesam öffne dich!“ und wenn wir das lang genug gesagt haben, geht es auf.
Sesam öffne dich! Schade, nur schnöde Technik, keine Magie.
Na gut das war jetzt geflunkert. In Wirklichkeit geht es auf weil das kleine Kästchen dem Tor sagt, dass es auf gehen soll. Und an dem Kästchen muss mein Mädchen dann zwei mal im Jahr die Uhr verstellen. Jetzt im Frühling ist das gut für uns, dann geht das Tor nämlich früher auf als vorher. Aber im Herbst ist es blöde, da müssen wir dann gefühlt länger warten. Naja, wir gewöhnen uns schnell an die neuen Zeiten.
Trotzdem seid Ihr komische Gesellen, Ihr Menschen. Aber ich gewöhne mich langsam daran, ändern kann man es ja anscheinend eh nicht.
Ich habe jetzt ein „Huftäschchen“. Erst fand ich, Handtaschen sind was für Stuten. Ich bin doch Hengst! Aber mein Mädchen meint, moderne Männer haben auch oft Täschchen. Ihr Mann trägt seine am Bein wenn wir spazierengehen. Bei ihm heißt das „Reitertasche„. (An dieser Stelle eine unbezahlte Werbung, mein Mädchen und der Mann finden das Ding prima!).
Ich hab jetzt also ein „Huftäschchen“. Aber das trage ich nicht mit mir rum. Und es ist noch nicht mal neu – nein, Ihr wisst ja, ich muss immer die alten Sachen von meinem großen Bruder aufbrauchen! Das war mal eine Putztasche für unterwegs. Jetzt hat mein Mädchen fest gestellt dass alle meine Hufschuhe da genau gut rein passen. Und also ist das jetzt meine Hufschuhtasche. Mit Hufkratzer und Drahtbürste um meine Füße schön sauber zu machen vorm Schuhe anziehen. Praktisch, oder?
Mein Huftäschchen
Überhaupt ist gerade wieder „Equipment-Zeit“. Im Frühling kriegt mein Mädchen ja immer erst einen Aufräumanfall und dann gleichzeitig einen Umräumanfall und einen „wir könnten das alles besser und einfacher organisieren-Anfall“. Der Mann findet das manchmal unlustig wenn Sachen plötzlich woanders sind als vorher, aber meistens erkennt er dann im Nachhinein doch an, dass es besser ist als vorher. Mein Mädchen schmeißt dann auch immer viel weg (da ist der Mann auch nicht so für zu haben) oder sie verkauft oder verschenkt Sachen.
Bei uns Ponys macht sie dann auch immer was anders. Unser Winter-Schmatzofatz ist alle, jetzt gibt es Sommer-Schmatzofatz. Eigentlich schade, weil es im Winter immer so extra Leckereien gibt wie aufgekochten Leinsamen und im Sommer ist es immer ein bisschen knapper bemessen, weil mein Mädchen findet, wir brauchen da nicht so viel Extra. Ich zieh jetzt schon immer den Bauch ein wenn sie da ist, vielleicht kann ich sie dazu bewegen, einzusehen, dass eigentlich noch keine Sommersaison ist, weil wir ja noch nicht auf die Weide dürfen! Aber sie sagt dann nur, ich wäre zwar schlank, aber nicht zu dünn und sobald es auf die Weide ginge wäre ich eh wieder ruckzuck ganz schön rund. Hm, klappt irgendwie noch nicht wie es soll! Bis wir auf die Weide dürfen wird es noch 6-7 Wochen dauern sagt mein Mädchen – das ist doch ewig! Nicht dass ich bis dahin schon verhungert bin! Aber mein Mädchen lacht dann nur und sagt, das würde so schnell nicht passieren. Seufz.
Naja, wenigstens hat sie wieder einen schönen Wochenendausflug versprochen, das hebt meine Laune wieder.
Ich weiß ja auch nicht wie Ponys das machen. Immer und immer und immer wieder. Es ist mein tägliches Brot damit, das zu beobachten und zu monieren und doch passiert es mir mit meinem Pony auch immer wieder. Das hat etwas magisches. Wie eine Schülerin mir schrieb „ein schlaues Pony verkauft die eigenen Ideen behutsam dem Reiter als die seinen“. Und dabei sollte es doch umgekehrt sein. Gutes Pferdetraining, so heißt es doch, bedeutet, die Idee des Menschen zur Idee des Pferdes zu machen. Nur dass viele Ponys darin halt so viel geschickter sind als wir. Und wir wollen ja, dass das Pony glücklich ist und uns mag und so. Und schon sind wir geneigt, unsere eigenen Pläne anzupassen an die des Ponys.
Das ist genau so lange in Ordnung, wie niemand darunter leidet. Das fatale ist, dass wir so oft übersehen, dass auch unsere Ponys darunter leiden, wenn es überhand nimmt, denn dann sind sie oft gestresst, weil sie eigentlich gar nicht so viel selbst entscheiden wollen, weil Regeln nicht klar sind und weil es Streit gibt, der gar nicht erst ausgebrochen wäre wenn der Mensch vorher eine Grenze aufgezeigt hätte. Spätestens in Corona-Zeiten dürfte jeder Mensch gefühlt haben, dass sich dauernd ändernde Regeln etwas sehr unangenehmes sind. Aber genau da liegt das Problem, denn wenn mein Pony nie still stehen muss, ich dann aber eine Wunde versorgen will und es einfach total nötig ist, dass es still steht, dann muss ich Regeln ändern und das ist blöd. Wenn mein Pony einfach so sowieso immer still stehen muss wenn ich es sage, habe ich das Problem nicht, weil das still stehen zur guten Gewohnheit wird. Aber oft kommt es uns halt so vor als würden wir unser Pony unterdrücken, weil es still stehen muss (oder andere Dinge artig erledigen).
Und ich bin auch wieder in diese Falle getappt. Duncan hat sich so nach und nach beim Spazierengehen ein paar Freiheiten erarbeitet und dann fällt mir auf, dass das so leider nicht funktioniert, denn wenn wir einem fremden Pferd begegnen und mein Pony plötzlich viele, viele Hormone hat, dann muss ich die Regeln ändern. Und das klappt dann natürlich gar nicht.
Nur, wie sind wir denn da wieder gelandet? Wo ich doch schon im Oktober 2020 darüber geschrieben habe dass damit jetzt Schluss ist?
Tja so etwas schleicht sich anscheinend immer wieder ein. Und immer wieder müssen wir uns selbst korrigieren, unsere Grenzen neu ziehen. Ich glaube, Ponys sind einfach wahrhaftig geschickt darin, Grenzen Stück für Stück zu verschieben. Das funktioniert in der Herde ganz genau so. So kann unser kleiner Caruso, der letzte in der Rangfolge, irgendwie doch immer tun was er möchte. Weil er so nett ist und gleichzeitig ein bisschen dreist, schneller als die anderen und mutig. Und die anderen gewöhnen sich fix daran, dass er halb unter ihnen durch krabbelt um zum nächsten Heuhaufen zu kommen, dass er der erste ist, der zur Schüssel kommt (Geschwindigkeit ist keine Hexerei!) und dann, wenn seine Schüssel leer ist, sein kleines Näschen einfach mit in eine Schüssel schiebt in der schon eine (größere) Nase ist. Würde ich das nicht verhindern, wären die anderen machtlos, weil er einfach so ist, wie er ist. Und weil alle ihn so gern mögen und ihm nichts tun, selbst wenn sie mal wütend sind. Es beruhigt mich ein bisschen, das zu sehen, weil ich denke: ich bin nicht die einzige, die auf solche Tricks herein fällt. Er ist lieb und sieht harmlos aus und damit erreicht er jedes beliebige Ziel.
Wenn mein pubertierender Schotte dann allerdings bei meinem Mann nach der winzigsten Ansage total artig ist, dann wird mir wieder klar: Zeit für den Reset-Knopf. Grenzen wieder klarer ziehen. Und ich sehe auch, wie entspannt mein Pony dann ist. Und weiß: ich tue ihm einen Gefallen damit. Im Gefühl kommt das oft nicht so an, selbst wenn der Kopf es weiß. Dann darf ich mich entscheiden, auf den Kopf zu hören und ausnahmsweise das Gefühl zu ignorieren.
Ganz passend dazu hat Maren Grote einen Artikel veröffentlicht. Es geht da zwar um Hunde aber die Parallelen sind unübersehbar. Und ich fühlte mich schon beim Lesen des Titels ertappt: „Führen ist nicht so mein Ding“. Genau. Weil Führen halt anstrengend ist und Verantwortung bedeutet. Und das ist genau der Grund weshalb die allermeisten Ponys zwar ständig versuchen, Grenzen zu verschieben, aber gar nicht „Chef“ sein wollen. Weder mit uns noch in der Herde. Ich sehe unglaublich viele Pferde, die Probleme damit haben, dass sie Herdenchef sein müssen, weil niemand anders den Job macht. Und wir Menschen sind nicht anders: über Politik meckern können wir alle, aber nur wenige haben Lust, den Job zu machen. So ist es nun mal. (Das heißt übrigens nicht, dass ich es falsch finde, zu meckern!)
Naja, also achte ich jetzt wieder darauf, mehr zu führen. Mehr selbst zu entscheiden, präsenter zu sein. Und Duncan ist zufrieden. Bis das Spiel von vorn los geht….
Mein Mädchen hat ja schon lange mit Pferden zu tun. Damals vor ungefähr 30 Jahren bei ihrer alten Reitlehrerin hat sie manches gelernt und gemacht was sie heute total blöde findet. Aber manchmal sagt sie, hatte ihre alte Reitlehrerin auch ganz gute Sprüche und Tricks auf Lager. Zum Beispiel hat sie mal gern gesagt „wer Arbeit will, soll Arbeit haben“. Und das hat mein Mädchen letzte Woche gesagt, weil ich doch angeblich so doll Pubertät hatte.
Sie hat also lustige Sachen aufgebaut und dann haben wir mit der Doppellonge geübt, dass wir genau die richtigen Muster gehen. Das war doch mal wieder komplizierter als gedacht!
Stangen und Hütchen und wir müssen genau den richtigen Weg da durch finden. Schwerer als gedacht!
Und es war ganz schön warm. Also habe ich geschwitzt. Und deswegen dachte mein Mädchen, ich möchte danach vielleicht gern duschen. Ich hatte aber keine Lust zu duschen, deswegen hab ich gehampelt. Erst hat mein Mädchen gemeckert. Dann hat sie gestutzt und gesagt, dass ich ja auch gar nicht duschen muss wenn ich es nicht mag. Ich musste aus Gründen der Ordnung noch einmal kurz still stehen, hab einen Keks bekommen und war dann entlassen. Ich bin immer ganz zufrieden wenn sie mich versteht. Manchmal seid Ihr Menschen ja so schwer von Begriff, aber diesmal hat es geklappt.
Übrigens bin ich jetzt wieder fertig mit Pubertät. Bis zum nächsten Schub, meint mein Mädchen. Vorerst bin ich wieder ganz ich selbst.
Sonntag ist Ausflugstag! Schön in die Wackelkiste und ab in den Wald. Hach, das liebe ich einfach! Diesmal etwas anders: der Mann hat mich geführt. Mein Mädchen fragt ihn nämlich immer um Rat, wenn sie Schwierigkeiten mit mir hat. Und in letzter Zeit fand sie mich ja so pubertär. Meine Güte, nur weil ich mal ein Läunchen hab. Na jedenfalls wenn sie den Mann um Rat fragt, sagt er immer, er müsste das ausprobieren, wie er damit umgehen würde. Also hat sie gesagt, er muss jetzt ein Stück mit mir gehen. Und ausprobieren und ihr dann erklären wie er es macht.
Mein Mädchen ist derweil Diego den Großen geritten. Sie hätte ja auch zu Fuß gehen können, aber ich glaube es ist besser wenn sie ihn reitet. Weil Diego ja noch schneller Schritt geht als ich und sie findet ja mich immer schon zu schnell! Also wäre sie ja gar nicht hinterher gekommen.
Also bin ich mit dem Mann zusammen los. Nun bin ich ja nicht blöd. Ich weiß doch, dass er viiiiiiiiiel strenger ist als mein Mädchen. Nix mit „anplinkern um einen Keks zu bekommen“ und so. Nee nee, ich weiß schon: bei dem muss ich „bei Fuß“ gehen, sonst gibt es Ärger. Und weil ich keinen Ärger will, hab ich es gar nicht erst ausprobiert. Mein Mädchen war zickig, sie wollte doch sehen wie der Mann das Problem löst und dann war da kein Problem. Tja…..
Später, als meinem Mädchen kalt wurde und dem Mann schon viel zu warm (und das obwohl er ihr schon von seinem Pelz was abgegeben hatte) haben die beiden dann getauscht. Mein Mädchen hat dann so getan als wäre sie genauso streng wie der Mann und ich habe so getan als würde ich sie genauso ernst nehmen wie ihn. Muss ja gut Wetter machen, schließlich ist sie in der Regel für unsere Fütterung zuständig.
Alsbald waren wir wieder an der Wackelkiste um die Heimreise anzutreten. Allerdings hatten die Menschen mal wieder eine lustige Idee und anstatt direkt nach hause zu fahren, haben wir noch einen Abstecher zur Brücke gemacht. Diego ist in der Wackelkiste geblieben und mein Mädchen und ich sind auf der Brücke herum spaziert. Mein Mädchen hat sich doll gefreut, weil ich mich so gut erinnert habe, dass Blechkisten unter der Brücke nicht gefährlich sind. Ich war sehr entspannt, habe sehr viele Kekse bekommen und 5 Minuten später ging es dann auch schon wieder in die Wackelkiste und ab nach hause. Demnächst suchen wir uns dann eine Brücke mit höherem Schwierigkeitsgrad – für Fortgeschrittene sagt mein Mädchen. Übrigens hat sie das damals (letztes Jahr im Sommer!) auch gesagt, aber bisher haben wir noch gar nix gesteigert. Mal sehen ob es diesmal wahr wird. Solange sie nur die Keksrate entsprechend anpasst!
Mein dritter Frühling mit Sir Duncan. Und obwohl ich neulich noch gesagt habe „dieses Jahr ist es besser“ muss ich das leider revidieren. Nichts ist besser. Der einzige Unterschied ist, dass die Frühlingsgefühle sich etwas (aber nur etwas) anders äußern, weil er mehr weiß. Anstatt beim spazieren gehen in einer Tour nach mir zu haschen, hat er jetzt eine neue Marotte entwickelt: er kündigt lange an, dass er GLEICH nach mir haschen wird. Also anstatt geradeaus zu schauen wo er hin läuft, schaut er mich herausfordernd an, streckt die Nase in meine Richtung und ich kann ihn quasi hören „gleich…. gleich werde ich nach dir schnappen! Gleich!“. Und so lustig das aussieht, so nervig ist es auch, denn erstens kommt das Maul ja dann doch irgendwann und zweitens kann er kaum geradeaus laufen, weil er einfach zu sehr mit seiner Ankündigung beschäftigt ist. Ihn von diesem Verhalten abzubringen ist eine Kunst.
Und dann ist da noch die Sache mit der gestiegenen Leistungsfähigkeit. Während früher ein schöner 7km-Spaziergang gereicht hat, um ihn zur Ruhe zu bringen und die überschüssige Energie los zu werden, kann davon jetzt keine Rede mehr sein. Samstag 8km Spaziergang, Sonntag „longieren“, Montag Handarbeit, Dienstag 7km Spaziergang und trotzdem hat er am Mittwoch noch so viel überschüssige Energie, dass wir auf dem Sommerreitplatz beim Handpferdereiten alle Hände voll zu tun haben (Diego leicht genervt von dem Tunichtgut an seiner Seite).
Unser „longieren“ (nicht im Kreis, sondern mit viel wandern, unverhofften Kurven und Geraden zwischen Zirkeln und Volten) war besonders denkwürdig: ich will mal ausprobieren, wo gerade so das Limit ist. Arnulf ist mit Diego mit auf dem Platz und schaut gelegentlich mit drauf. Ich wage eine Blick auf die Uhr wie lange Duncan wohl problemlos durchtrabt. 2 Minuten. Kurz Schritt. Dann weitere 3 Minuten Trab. Nach der Schrittpause vergesse ich auf die Uhr zu schauen, könnten nochmal 2 Minuten gewesen sein. Dann spreche ich Arnulf an, ich finde Duncan lässt schon etwas nach. Arnulf sagt trocken „der sieht noch nicht müde aus“. Also üben wir ein bisschen galoppieren. Inzwischen sind insgesamt 25 Minuten vergangen und wir haben so stramm durchgearbeitet wie noch nie. „Jetzt sieht er ein bisschen müde aus“ sagt Arnulf. Also möchte ich noch etwas Schrittarbeit machen vor dem Feierabend. Duncan denkt eher, wir könnten doch noch ein paar Mal antraben – von wegen müde. Er hat nur den Reserve-Tank geöffnet. Ich bestehe auf Schritt und mache dann Feierabend aber eins weiß ich gewiss: das Energie-Limit habe ich heute nicht gefunden. Da werde ich mir was anderes ausdenken müssen. Verzweifelt grinsend denke ich an den Rat, den ich Pferdebesitzern gerne gebe, wenn die Pubertiere über schier endlose Energie verfügen: such dir eine Möglichkeit, wie du dein Pferd mal so auslasten kannst, dass es wirklich müde ist. Einmal, vielleicht zwei mal. So dass das liebe Tierchen mal die Erfahrung macht, dass es nicht endlos Energie hat und dadurch lernt, sich die Kräfte einzuteilen. Ich bin heute an dieser Aufgabe gescheitert. Und nicht nur heute: die ganze Woche. Sir Duncan strotzt vor Energie und nervt neben all den Dingen die ich mit ihm tue auch noch ganz ungeniert den Rest der Herde mit ständiger Spiellaune. Inzwischen denke ich, die Großen möchten ihn vielleicht mal ein, zwei Wochen in ein Feriencamp schicken um ihre Ruhe zu haben. Arnulf meint, Diego würde demnächst eine Anzeige schreiben „suche Rüpel-Sitter damit ich mal ausschlafen kann“.
Derweil zeigt sich auch – wie letztes Frühjahr – dass der Ritter „vergessen“ hat, dass er bitte sein Tempo an das der Führperson anpassen soll. Er will schneller und ich bin zu langsam. Meine Schuld (findet er).
Ein Trost bleibt mir: im nächsten Frühjahr kann ich ihn dann entsprechend seinem Energieniveau reiten. Vielleicht wird mein Leben dann leichter. Oder auch nicht: vielleicht verlagert sich die Anstrengung nur von meinen Beinen in meine Arme, weil ich permanent bremsen muss. Ich lasse mich überraschen. Und hoffe einfach, dass ich den derzeitigen Energieüberschuss möglichst sinnvoll genutzt kriege, damit am Ende ein besser bemuskeltes, wohlerzogenes und für sein Alter gut trainiertes Pony in den Sommer geht.
Bis dahin heißt es: durchhalten.
P.S. Dies war ein Service-Artikel für all jene die immer meinen bei uns wäre alles ganz furchtbar einfach und es würde immer alles glatt laufen. Seid Euch gewiss: Nein. Wenn Ihr Zweifel habt, fragt bei Arnulf oder bei meiner Freundin nach, die derzeit wieder viel rohrspatziges Geschimpfe meinerseits mit und über mein Pony ertragen müssen. Zwei Stunden später kann ich dann wieder mit Herzchen in den Augen schwärmen, weil er mich wieder soooooo süß angeguckt hat. Das hat er voll raus… .
Haarige Zeiten sind das! Wir sind jetzt schon fleißig am umrüsten. Und die olle Winterrüstung muss ja irgendwo hin. Merlin nimmt da am liebsten den Holunderbusch zur Hilfe – den mag er sowieso furchtbar gern, da kann man sich sehr schön kratzen. Aber wir Ponys helfen uns auch gegenseitig beim ausziehen.
Und wenn mein Mädchen uns putzt, nimmt sie immer den „Turbo-Entpelzer“, das Teil zieht einiges an Fell raus. Danach schaut sie betrübt auf den Putzplatz, weil unsere Haare nicht einfach zu Boden fallen sondern sich überall verteilen und sie alles weg fegen muss.
Diego kann den Fellwechsel am elegantesten, sagt mein Mädchen. Bei dem merkt man da kaum was davon. Merlin hingegen haart sich was zurecht, dass es eine wahre Freude ist.
Bei mir ist mein Mädchen jetzt wieder wahnsinnig gespannt wegen der Farbgebung. Wie ich wohl diesen Sommer aussehen werde? Etwas heller bin ich ja schon geworden. Ich hab ganz viele weiße Stichelhaare. Aber mein Mädchen erinnert sich, dass ich die letztes Jahr im Frühjahr alle abgeworfen hab und dann doch wieder fast schwarz war. Na, sie wird es ja sehen wenn es so weit ist, vorher verrate ich nix!
Ansonsten mache ich hier einen auf Frühling und habe Energie ohne Ende. Mein Mädchen ist etwas verzweifelt, weil sie schon so viel mit mir macht und ich überhaupt nicht nachlasse. Ausflug, Longe, Handarbeit, wieder Ausflug und trotzdem bin ich auch am 4. „Arbeitstag“ in Folge noch fit wie ein Turnschuh und habe überschüssige Energie. Die anderen Ponys tun ihr auch schon ein bisschen leid, weil die reihum mit mir spielen müssen. Deswegen hat sie versprochen dass wir heute wieder Handpferdereiten auf dem Sommerreitplatz machen. Sie will wissen ob ich mich da jetzt besser benehmen kann. Ich überlege es mir noch….. kommt ja auch aufs Programm an!