Alle Jahre wieder

Mein dritter Frühling mit Sir Duncan. Und obwohl ich neulich noch gesagt habe „dieses Jahr ist es besser“ muss ich das leider revidieren. Nichts ist besser. Der einzige Unterschied ist, dass die Frühlingsgefühle sich etwas (aber nur etwas) anders äußern, weil er mehr weiß. Anstatt beim spazieren gehen in einer Tour nach mir zu haschen, hat er jetzt eine neue Marotte entwickelt: er kündigt lange an, dass er GLEICH nach mir haschen wird. Also anstatt geradeaus zu schauen wo er hin läuft, schaut er mich herausfordernd an, streckt die Nase in meine Richtung und ich kann ihn quasi hören „gleich…. gleich werde ich nach dir schnappen! Gleich!“. Und so lustig das aussieht, so nervig ist es auch, denn erstens kommt das Maul ja dann doch irgendwann und zweitens kann er kaum geradeaus laufen, weil er einfach zu sehr mit seiner Ankündigung beschäftigt ist. Ihn von diesem Verhalten abzubringen ist eine Kunst.

Und dann ist da noch die Sache mit der gestiegenen Leistungsfähigkeit. Während früher ein schöner 7km-Spaziergang gereicht hat, um ihn zur Ruhe zu bringen und die überschüssige Energie los zu werden, kann davon jetzt keine Rede mehr sein. Samstag 8km Spaziergang, Sonntag „longieren“, Montag Handarbeit, Dienstag 7km Spaziergang und trotzdem hat er am Mittwoch noch so viel überschüssige Energie, dass wir auf dem Sommerreitplatz beim Handpferdereiten alle Hände voll zu tun haben (Diego leicht genervt von dem Tunichtgut an seiner Seite).

Unser „longieren“ (nicht im Kreis, sondern mit viel wandern, unverhofften Kurven und Geraden zwischen Zirkeln und Volten) war besonders denkwürdig: ich will mal ausprobieren, wo gerade so das Limit ist. Arnulf ist mit Diego mit auf dem Platz und schaut gelegentlich mit drauf. Ich wage eine Blick auf die Uhr wie lange Duncan wohl problemlos durchtrabt. 2 Minuten. Kurz Schritt. Dann weitere 3 Minuten Trab. Nach der Schrittpause vergesse ich auf die Uhr zu schauen, könnten nochmal 2 Minuten gewesen sein. Dann spreche ich Arnulf an, ich finde Duncan lässt schon etwas nach. Arnulf sagt trocken „der sieht noch nicht müde aus“. Also üben wir ein bisschen galoppieren. Inzwischen sind insgesamt 25 Minuten vergangen und wir haben so stramm durchgearbeitet wie noch nie. „Jetzt sieht er ein bisschen müde aus“ sagt Arnulf. Also möchte ich noch etwas Schrittarbeit machen vor dem Feierabend. Duncan denkt eher, wir könnten doch noch ein paar Mal antraben – von wegen müde. Er hat nur den Reserve-Tank geöffnet. Ich bestehe auf Schritt und mache dann Feierabend aber eins weiß ich gewiss: das Energie-Limit habe ich heute nicht gefunden. Da werde ich mir was anderes ausdenken müssen. Verzweifelt grinsend denke ich an den Rat, den ich Pferdebesitzern gerne gebe, wenn die Pubertiere über schier endlose Energie verfügen: such dir eine Möglichkeit, wie du dein Pferd mal so auslasten kannst, dass es wirklich müde ist. Einmal, vielleicht zwei mal. So dass das liebe Tierchen mal die Erfahrung macht, dass es nicht endlos Energie hat und dadurch lernt, sich die Kräfte einzuteilen. Ich bin heute an dieser Aufgabe gescheitert. Und nicht nur heute: die ganze Woche. Sir Duncan strotzt vor Energie und nervt neben all den Dingen die ich mit ihm tue auch noch ganz ungeniert den Rest der Herde mit ständiger Spiellaune. Inzwischen denke ich, die Großen möchten ihn vielleicht mal ein, zwei Wochen in ein Feriencamp schicken um ihre Ruhe zu haben. Arnulf meint, Diego würde demnächst eine Anzeige schreiben „suche Rüpel-Sitter damit ich mal ausschlafen kann“.

Derweil zeigt sich auch – wie letztes Frühjahr – dass der Ritter „vergessen“ hat, dass er bitte sein Tempo an das der Führperson anpassen soll. Er will schneller und ich bin zu langsam. Meine Schuld (findet er).

Ein Trost bleibt mir: im nächsten Frühjahr kann ich ihn dann entsprechend seinem Energieniveau reiten. Vielleicht wird mein Leben dann leichter. Oder auch nicht: vielleicht verlagert sich die Anstrengung nur von meinen Beinen in meine Arme, weil ich permanent bremsen muss. Ich lasse mich überraschen. Und hoffe einfach, dass ich den derzeitigen Energieüberschuss möglichst sinnvoll genutzt kriege, damit am Ende ein besser bemuskeltes, wohlerzogenes und für sein Alter gut trainiertes Pony in den Sommer geht.

Bis dahin heißt es: durchhalten.

P.S. Dies war ein Service-Artikel für all jene die immer meinen bei uns wäre alles ganz furchtbar einfach und es würde immer alles glatt laufen. Seid Euch gewiss: Nein. Wenn Ihr Zweifel habt, fragt bei Arnulf oder bei meiner Freundin nach, die derzeit wieder viel rohrspatziges Geschimpfe meinerseits mit und über mein Pony ertragen müssen. Zwei Stunden später kann ich dann wieder mit Herzchen in den Augen schwärmen, weil er mich wieder soooooo süß angeguckt hat. Das hat er voll raus… .

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1 Kommentar

  1. „Nichts ist besser.“
    — Dochdoch, Zuselfee. Ganz viel ist besser. Und du weißt ja, wenn alles glatt läuft, biste im Himmel angekommen, und da willst du ja vorerst nicht hin. Wofür dann all die Mühen mit dem PuberTier?
    Mit dem halbwüchsigen Hund meiner Freundin haben wir in unausgelasteten Zeiten oft Kopftraining gemacht, also Spurensuche und so. Den Ritter wirst du nicht mit ner Leberwurstfährte im Wald glücklich machen, aber wie wärs mit „denken für Möhre“ oder so? Da fällt euch doch bestimmt was ein.

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