Mir scheint,mein kleiner Forscher hat mal wieder sein Klemmbrett raus geholt. Diesmal forscht er in einer anderen Richtung. Ehrlich gesagt, hätte ich schon sehr viel früher damit gerechnet….
Jedes Pony bekommt irgendwann heraus, was unsere Schwachstelle ist. Und eine Schwachstelle haben wir Menschen alle gemeinsam: die Zeit. Das ist praktisch für die Ponys, denn die haben an der Stelle kein Problem.
Unsere Ponys haben keine Uhr, keine Termine und sie werden auch nicht nach Zeit bezahlt. Im Grunde habe ich keine Vorstellung davon, wie das Zeit-Konzept der Ponys aussieht. Sie entwickeln ja schon ein Gefühl dafür, wann Fütterungszeit ist und sie haben auch so ihren Rhythmus, aber sie tun eben das wonach sie sich gerade fühlen. Die Tatsache, dass sie so viel Zeit haben, macht manches Pony zum Ausbrecherkönig oder bringt es dazu, unglaubliches Geschick im Erhaschen letzter Grashalme unter dem Zaun zu entwickeln. Ich erinnere mich, als ich einmal über meinen jungen Hund gesagt habe „ich weiß gar nicht woher die das alles weiß“ hat mir jemand geantwortet „die hat nichts anderers zu tun als dich den ganzen Tag zu beobachten“. Und das war so einer dieser Sätze wo ich schlagartig etwas verstanden habe. Unsere Tiere und auch die kleinen Kinder haben nichts anderes zu tun als zu beobachten. Und dann probieren sie aus. Und an irgendeinem Punkt beobachten sie, dass Zeit unsere Schwachstelle ist. Und dann fangen sie an, das für ihre Belange zu nutzen.
Duncan zum Beispiel kann zum putzen wunderbar unangebunden auf dem Hof stehen. Ab und zu gibt es einen Keks dafür, jetzt gerade versuche ich die Keksrate etwas zu senken. Damit ist mein Ritter nun nicht so ganz einverstanden, aber anstatt nach Keksen zu fragen, hat er sich überlegt, dass man ja auch selbst auf die Suche nach Fressbarem gehen kann. Ein Heuhalm hier, ein Haferkorn von Merlin da. Und schon steht man nicht mehr still. Ich nehme ihn am Strick, stelle ihn wieder auf seinen Platz, sage ihm, dass er dort stehen soll. Wende mich wieder dem Putzen zu – zack, geht Duncan wieder los. Ich nehme seinen Strick, stelle ihn wieder an seinen Platz, sage ihm, dass er da stehenbleiben soll. Wende mich wieder dem Putzen zu – Duncan geht wieder los. Ich nehme ihn am Strick und stelle ihn wieder auf seinen Platz. Und das könnt Ihr jetzt ein paar Mal in Dauerschleife lesen, dann habt Ihr einen realistischen Eindruck.
Duncan weiß aber nicht, dass meine Lieblingsreitlehrerin mir mal den entscheidenden Tipp gegeben hat, wie man solche Situationen durchsteht ohne wahnsinnig zu werden. Sie sagte „das Pferd soll aus der Situation rausgehen mit dem Gefühl: warum war ich so blöd und hab mir so viel Arbeit gemacht, wenn die Lösung so einfach ist?“
Das ist seitdem immer mein Tipp auch an meine Schüler: je länger es dauert, desto mehr können wir uns freuen! Denn je länger es dauert, desto größer ist nachher der Aha-Effekt beim Pferd: so einfach hätte es sein können! Ich hätte das alles viel schneller haben können und mit viel weniger Aufwand! Da hätte ich wohl besser das gemacht was mein Mensch gesagt hat…..
Und so haben wir doppelten Erfolg: das Pferd hat eine gute Verhaltensweise gelernt und es hat auch noch gelernt, dass sein Leben viel leichter ist, wenn es tut, was wir ihm sagen.
In Duncans Fall bedeutet das, dass er einfach nur noch kurz stehenbleiben soll und dann kommt der Keks, während dieses ganze Herumgewandere ihm nur einbringt, dass ich ihn immer wieder zurück schicke auf seinen Platz.
Auch an einer anderen Stelle probiert Duncan diese Taktik (hier ist sie nur nicht ganz neu, das hat er schon mal versucht): wie gehen spazieren, Diego vorne weg. Dann hält Arnulf Diego an und lässt ihn grasen. Duncan sieht das und möchte natürlich auch sofort zum Gras! Er zischt nach vorne und beachtet mich nicht. Ich bleibe wortlos stehen, er rennt in den Strick, dreht sich um, schaut mich fassungslos an. Ich bleibe stehen, lasse ihn um mich herumgehen, sage ihm, wo er hätte anhalten sollen. Er ignoriert mich, läuft in den Strick, dreht sich wieder um und schaut mich fassungslos an. Erst im 3. Versuch schafft er es, so anzuhalten wie ich es ihm sage, dann darf er grasen. Ich versuche, so entspannt wie möglich zu bleiben und ihn selbst herausfinden zu lassen, wie er am schnellsten ans Gras kommt. Er war an dem Punkt schon mal, im Frühling. Jetzt, wo die Weidesaison beendet ist und die Ponys von Heu leben müssen, ist der Wert des Grases am Wegesrand deutlich gestiegen und er fängt wieder an zu diskutieren.
Ich persönlich mag es, wenn Ponys das Zeit-Spiel spielen. Auf irgendeinem Wege muss man ja auch mal Dinge ausdiskutieren und das Spiel auf Zeit ist so schön entspannt und gewaltfrei. Kein wildes Zerren am Strick, kein Beißen, Rempeln oder andere Fiesigkeiten. Mein Spruch an der Stelle ist immer „sei sturer als Dein Pony“. Und der jahrelange Umgang mit Ponys hat meine Sturheit zur vollen Blüte kommen lassen. Jetzt wird sie also wohl dem Duncan-Test unterzogen. Ich bin gespannt, wie viel Sturheit in ihm steckt und wann er wieder die Taktik wechselt. Und ich achte wieder besonders gut darauf, genug Zeit mitzubringen, wenn ich etwas bestimmtes von ihm will. Denn er hat Zeit ohne Ende……
Gestern waren wir noch mal zusammen los – Diego der Große und der Mann und mein Mädchen und ich. Auf einer sehr schönen Strecke die ich noch nicht kannte.
So ein schöner Ausflug!
Aber dann sind wir an einem Hof vorbei gekommen wo ich schon mal war! Und zwar im Frühjahr. Damals sind wir da mit der Wackelkiste hin gefahren damit wir auf die Waage konnten. Und mein Mädchen hat sich erinnert dass ich das sooooooo aufregend fand – nicht die Waage, sondern die vielen, vielen anderen Pferde die da überall herumgelaufen sind. Ich finde fremde Pferde immer so spannend und möchte gern jeden näher kennenlernen und Freundschaft schließen! (Wollte mein großer Bruder auch immer, sagt mein Mädchen. Wir Schotten sind eben gesellige Wesen!). Früher hab ich dann manchmal vergessen dass mein Mädchen auch noch da ist. Jetzt haben wir das aber schon ein paar mal geübt so beim Spazierengehen wenn uns andere Pferde entgegengekommen sind oder wir an Pferdeweiden vorbei gegangen sind. Mein Mädchen hat gesagt ich darf gucken und ich darf auch wiehern. Aber ich muss immer darauf achten was sie sagt und darf nicht drängeln und schubsen oder ziehen. Ok hab ich kapiert. Gibt auch Kekse wenn ich das schaffe. Na und jetzt meinte sie wir gehen da nochmal an dem Hof vorbei. Rechts Pferde auf der Weide, links Pferde auf der Weide und vor uns noch eine Gruppe Reiter. Und mein Mädchen hat gedacht, das wird bestimmt anstrengend für uns beide weil es mir bestimmt schwer fallen wird, die Regeln einzuhalten. Pah! Ich bin doch jetzt so viel größer und erwachsener als im Frühling. Ich kann das jetzt! Bin einfach neben ihr her gelaufen. Hab geschaut wo die schönsten Pferde stehen aber eben nur geschaut. Und als einer mir zugewiehert hab, hab ich geantwortet aber ich bin ganz brav weiter gegangen. Oh und da ist mein Mädchen mal wieder total ausgeflippt weil sie mich ja soooooooooooooooo großartig findet! Das sind so Momente wo sie immer ganz überrascht ist was ich jetzt schon alles kann was vor ein paar Monaten noch nicht ging. Ach Mädchen, ist ja nun nicht so als hätte ich die vergangenen Monate nur rumgestanden! Wir haben doch so viel geübt und ich bin doch so reif und vernünftig und erwachsen geworden, hast Du das gar nicht bemerkt? Na jetzt hat sie es geschnallt. Und das ist immer so süß wenn sie sich so freut. Den ganzen Tag kann sie sich dann freuen. Und den Tag danach auch noch. Ist echt leicht, sie glücklich zu machen.
Heute ist es hier ganz stürmisch, da bleiben wir schön zu hause. Vielleicht gehe ich nachher noch bisschen wippen (Bauch-Beine-Po-Training. Will ja schließlich ein stattlicher Hengst werden!).
Fliegt nicht davon bei dem Wind! Euer Sir Duncan Dhu of Nakel
Als Finlay so ungefähr in dem Alter war in dem Duncan jetzt ist, kam ich eines Tages zu einer neuen Kundin. Sie stellte mir ihr Pferd vor mit dem Namen „Zwerg“ – ein über 180cm großer, 23 Jahre alter Warmblüter. Nein, natürlich hieß das Pferd nicht wirklich Zwerg, aber sie hatte ihn als Jährling gekauft und der Spitzname war hängen geblieben. Als ich von dem Termin nach hause kam, sagte ich zu Arnulf „Finlay heißt ab heute Finlay“. Denn hier war etwas passiert, was ich schon öfter beobachten konnte. Die Menschen verpassen, dass ihre Pferde erwachsen werden. Manche schaffen das ja auch bei ihren Kindern, aber die Kinder wehren sich dann oft und weisen die Erwachsenen darauf hin. Die Pferde wehren sich nicht. Denn „der Zwerg“ zu sein bedeutet für die Pferde oft so etwas wie Narrenfreiheit. Nicht so viel arbeiten müssen, nicht so strenge Regeln. Das könnte fast schön sein, wenn es nicht gefährlich wäre sowohl für die Menschen, denen diese Pferde auf die Füße treten, als auch für die Pferde, die im Zweifel nicht zuhören wenn man ihnen an der Straße sagt, was sie tun sollen wenn der LKW kommt. Außerdem führt es meist dazu, dass diese Pferde mehr Stress haben als ihnen guttut, weil sie keine klaren Anweisungen bekommen und dadurch irgendwie auch nie Ruhe einkehrt. Mit diesen Pferden gibt es oft ein ewiges Tänzchen, sie stehen nicht still, haben keine Geduld und können sich nicht konzentrieren. Wenn es dann auch noch keine Herde gibt, die dem heranwachsenden Tier ein paar Grenzen setzt und gleichzeitig ermöglicht, dass es sich mal ausprobiert und seine Erfahrungen macht, dann hat man einen ewig unausgelasteten Zappelphillip mit hohem Stresslevel der sich in seiner eigenen Haut nicht wohlfühlt.
Dabei haben wir doch alle selbst diese Entwicklung hinter uns. Wir waren ja auch alle mal Kinder. Und dann sind wir älter geworden. Was für ein großer Unterschied zwischen 5jährigen und 10jährigen, ganz zu schweigen von 15jährigen! Und wie schrecklich finden 10jährige es, wenn sie wie 5jährige behandelt werden!
Nun macht sich all dies natürlich nicht an einem Spitznamen fest. Aber der Spitzname, wenn er sich auf Alter oder Größe bezieht, birgt die Gefahr, dass wir vergessen, wie erwachsen unser Pferd mittlerweile geworden ist. Vor allem, wenn es das jüngste Pferd im Stall ist. So sind es dann plötzlich mit 7 oder 8 Jahren immer noch „die Kleinen“ und manchmal verpassen Besitzer komplett, dass der „Kleine“ eigentlich mal etwas Grundbenehmen haben könnte, wie man es von anderen erwachsenen Pferden halt auch erwartet.
Deswegen habe ich damals meinen Finlay mit Argusaugen beobachtet um zu sehen, wie erwachsen er tatsächlich schon ist und was ich an Benehmen erwarten kann. Und ich erinnere mich gut an eine Situation, als er 1,5 Jahre alt war. Als wir damals zur Hengstweide kamen wo er stand und ich sah in von weitem sagte ich zu Arnulf „der ist anders als letzte Woche“. Es war so ein Gefühl. Er hatte damals einen Sprung gemacht von „ich hab mich einfach nicht im Griff und hasche nach allem was mir vors Mäulchen kommt“ zu „ich hasche mal nach Dir und schaue was passiert“. Es wirkte so viel bewusster, gezielter. Genau wie es bei Kindern vorkommt, die etwas „ausfressen“ und einen dann genau anschauen um zu sehen wie man reagiert. Das war der deutlichste Sprung für mich, den ich an einem Tag festmachen konnte. Bei Duncan waren in letzter Zeit ein paar solche Momente, in denen ich merkte: er ist anders geworden. Ich kann es aber noch nicht so gut in Worte fassen. Da er von Anfang an sehr erwachsen war und nie wirklich „Baby-Verhalten“ gezeigt hat, zeigt sich das an anderen Stellen. Bei ihm fühlt es sich eher an als würde er anfangen, seine Kraft zu spüren. Wenn ich jetzt sage „er wird mutiger“ klingt das natürlich blöd, weil er ja noch nie ängstlich war. Aber ich glaube er traut sich mehr zu. Er begegnet sowohl mir als auch den anderen Ponys mehr auf Augenhöhe. Er weiß, wo er steht. Und es wirkt auf mich als hätte er Lust, seinen „neuen Körper“ auszuprobieren. Er ist kräftiger geworden und ich glaube er fühlt das und will seine PS „auf die Straße“ bringen. Als hätte er einen Zaubertrank getrunken und würde jetzt staunen über seine eigene Kraft und nur aus Spaß riesige Steine aufheben und rufen „schaut her was ich kann!“. Und so wie er sich körperlich fühlt, fühlt er sich (natürlich) auch seelisch. Wenn ich mich neben ihn stelle, meinen Arm über seinen Rücken lege und mich etwas anlehne, dann stabilisiert er sich – und das ist ja genau das was ich möchte. Bisher hatte es ihn immer etwas gestört und er schien nicht recht zu wissen was er tun soll, jetzt hat er den richtigen Weg gefunden. Neulich konnte ich meine beiden Arme und meinen Oberkörper kurz über seinen Rücken legen und mich „tragen lassen“ und er hat mich „getragen“. Das ist ein ganz besonderes Gefühl was ich bei Finlay schon immer sehr genossen habe. Das Gefühl, dass dieses Tier so stark ist und so stabil in sich, dass ich mein Gewicht abgeben kann. Und das ohne dass mein Pony sich „belastet“ fühlt, sondern es kann ihm sogar Spaß machen. Bei Finlay bin ich später, als er schon etwas älter war oft im Paddock kurz auf seinen Rücken gesprungen, habe mich mit dem Oberkörper über seinen Hals gelegt und ihn ordentlich durchgekratzt. Das fand er toll. Auch auf dem Reitplatz haben wir das gemacht, lange bevor es mit reiten los ging, während der Bodenarbeit immer in der Pause. Und nun kann ich mir zum ersten Mal vorstellen, dass es bei Duncan auch mal so sein wird. Bisher erschien er mir immer so zart und schmal, dass ich keine Idee davon hatte, wie er mich jemals tragen können soll. Natürlich WEIß ich dass er noch wächst. Aber wissen und fühlen, das sind zwei Paar Schuhe.
All diese Dinge plus die Tatsache, dass er beim Spazierengehen in letzter Zeit recht nervig war mit ständigem Haschen oder am Strick ziehen, hat mich nun veranlasst, meinen Umgang mit ihm zu verändern. Als wir am Sonntag in den Wald gefahren sind für einen wunderschönen Herbstspaziergang, da habe ich eine neue Verhaltensweise ausprobiert. Denn jetzt sind wir ein Jahr lang zusammen unterwegs und das heißt: er kennt doch die Regeln. Er kann mir nicht erzählen, dass er nicht weiß, dass er nicht am Strick ziehen soll, oder dass er nicht weiß, dass er nicht im Gehen Gras fressen soll, dass er nicht weiß, dass die Tatsache, dass ich in die Tasche greife, keine Bedeutung hat und dass, wenn er dann meint, mit seinen Zähnen nach mir haschen zu müssen, der Keks eben in meiner Hand bleibt, bis er sich wieder anständig benimmt. All diese Dinge weiß er doch. Und dann kann er sie jetzt auch einfach mal machen. Und ich finde, er braucht auch gar nicht mehr ständig Kekse nur weil er etwas macht, was er doch längst kann. Also bin ich losmarschiert und habe beschlossen: heute entscheide ich. Und das meine ich in zweierlei Art: ich entscheide das Tempo (sonst war ich oft froh wenn er mal langsamer war und habe ihn bummeln lassen) und ich treffe einen Haufen Entscheidungen bei denen ich sonst oft zu zögerlich war. „Darf ich dieses Grün da am Wegesrand vernaschen?“ Nein. „Darf ich die Seite wechseln?“ manchmal habe ich mit ja geantwortet, manchmal mit nein. Wie es mir eben gerade in den Sinn kam. „darf ich antraben?“ Ja, aber wenn der Strick zu Ende ist und du nicht rechtzeitig wieder durchparierst gibt es Ärger. „Darf ich bisschen drängeln?“ nein. Ich habe nicht ein einziges Mal überlegt „soll ich das jetzt machen, wie reagiere ich darauf, wie wird er sich damit fühlen“ Ich habe Entscheidungen getroffen am laufenden Band und Duncan hat sich wohl gefühlt. Er war entspannt unterwegs und lief 99% der Zeit am langen Strick mit großem Abstand neben mir her. Kekse gab es wenige, Rüffel aber auch, die dafür sehr deutlich und gezielt. Und es war der schönste Spaziergang seit langem. Und ich merke: nicht mehr so vorsichtig sein. Ich stelle es mir vor wie die nette Tante, die man ja echt gern mag, aber die irgendwie so ein bisschen „zu nett“ ist. Die einen ein bisschen nervt, die man nur so halb ernst nimmt. Aber jetzt, mein Ritterchen, jetzt hat die nette Tante das begriffen. Und wir beide steigen auf auf „Level 2“ und starten gemeinsam in deinen neuen Lebensabschnitt.
Wo ist sie? Ich hab immer zu meinem Mädchen geschaut. Sie ist schließlich der wichtigste Mensch in meinem Leben!
Nicht im Bild: der Mann, der meinen Strick hält.
Mein Mädchen wollte gar nicht mit aufs Bild. Sie hatte kein Mähnenspray im Wallehaar wie ich. Aber die Künsterlin hat einfach abgedrückt als mein Mädchen sich grad sooooooooooo doll über mich gefreut hat. Schaut nur wie verliebt sie ist!
Ohne Worte
Hach, wenn meine Mähne so schön fliegt ist mein Mädchen gleich noch etwas verliebter…..
Im Trab zu meinem Mädchen! Mit Snack. War ja auch echt anstrengend!
Ich finde, ich seh sogar mit vollem Maul noch super aus!
Ich hab immer was zu sagen – wisst Ihr ja!
Blick in die Ferne …. ich träume schon vom nächsten Abenteuer!
schick vor der schwarzen Leinwand – wie ein Gemälde oder?
Mein Mädchen und ich können uns gar nicht wirklich entscheiden, welches wir am schönsten finden. Mein Mädchen sagt, ich bin eben einfach in jeder Lebenslage wunderschön! Und da ist ja was dran.
Welches Bild gefällt Euch wohl am besten? Lasst es mich wissen!
Und wenn Ihr Euch auch fotografieren lassen wollt oder Eure Liebsten – Menschen oder Tiere, dann fragt doch mal die werte Künstlerin Andrea Wolf von Wolfsmomente.de
Ihr seht ja: sie hat es voll drauf! Und sie ist auch echt nett. Ich hab mich schon mit ihr verabredet, wenn meine Farbe sich geändert hat möchte ich mich wieder porträtieren lassen.
Eines Tages erhielt ich einen Anruf von einer Dame aus dem fernen Süddeutschland. Sie hatte einige Fragen dazu wie sie ihrem dreijähren süddeutschen Kaltblut das Hufe geben besser beibringen kann. Sie erzählte mir, dass sie langjährige Kutschfahrerin ist und nun dieses junge Pferd einfahren möchte. Im Moment habe sie aber ein paar Probleme mit dem Tier und deswegen hat sie sich eine Trainerin geholt. Diese Trainerin macht „Natural Horsemanship“ (oh dieser unsägliche Begriff!) und hat gesagt, das Pferd soll immer einen halben Meter HINTER dem Menschen gehen und Stimmkommandos sind Quatsch, die benutzt man nicht. Da fiel meine Kinnlade recht tief. Ich bin immer vorsichtig mit Kritik an Kollegen. Ich sagte also nicht, was ich als erstes dachte, sondern formulierte meine Bedenken ob diese Ausbildungsmethode wohl zu den Zielen der Dame passte. Ein Kutschpferd soll ja nun mal VOR der Kutsche laufen (und somit auch VOR dem Menschen) und natürlich wird fast nirgendwo so viel mit Stimmkommandos gearbeitet wie beim Fahren. Warum sollte sie dem Pferd also erst das komplette Gegenteil von dem beibringen was es später tun soll? Das ist mein bisher eindeutigstes Beispiel dafür, wie eine Ausbildungsmethode einfach total falsch gewählt sein kann. Ob diese Ausbildungsmethode überhaupt irgendeinen Sinn ergeben hat, lasse ich mal dahingestellt aber definitiv nicht für dieses Pferd und seine Besitzerin. Das kam mir vor als würde man einen Chinesisch-Lehrer engagieren wenn das Kind schlecht in Biologie ist.
Als ich selbst vor 13 Jahren den ersten Trainer sah der mich wirklich beeindruckte, hatte ich Glück: sein System passte perfekt für meinen Merlin. Merlin mag gerne frei arbeiten, immer nah bei mir sein und nicht schneller laufen als ich – bevorzugt noch hinter mir her. Er mag gern selbst probieren und braucht nicht viele Infos von mir dazu außer „besser“ oder „nicht besser“. Und Pause machen ist das allergrößte für ihn. Das passte prima zusammen mit dem Aufbau des Traininssystems das wir dort lernten. Ich habe aber gar nicht gemerkt, dass wir deswegen so gut und so glücklich waren. Ich dachte, das System sei halt so toll. Pustekuchen. Als Finlay dann kam und ich mit ihm nach dem selben System arbeiten wollte, hatte er dazu ziemlich viel eigene Meinung….. (Und mit dieser Meinung hat er ja auch nie hinterm Berg gehalten). In Wirklichkeit ist es nämlich leider so, dass fast alle Pferdebesitzer sich ein Ausbildungssystem suchen, dass IHNEN gefällt. Weil Ergebnisse dabei rauskommen, die sie schön finden. Oder weil sie den Trainer so toll finden. Oder weil es ihnen einfach erscheint. Weil es gerade in Mode ist oder weil es ihre langjährigen, liebgewonnenen Glaubenssätze bestätigt und sich daher einfach total „richtig“ anfühlt. Weil der entsprechende Ausbilder sowieso schon an den Stall kommt. Oder oder oder. Sehr selten wird ein Ausbildungssystem danach ausgesucht, ob es zum Pferd passt. Wie sollte das auch gehen – dafür bräuchte man ja jemanden, der alle Ausbildunssysteme kennt und dann das Pferd entsprechend einschätzt und einen berät. Meines Wissen gibt es so jemanden nicht. Und in der Pferdewelt sind ja die meisten Ausbilder auch immer noch überzeugt, dass sie das einzig wahre, richtige System haben.
Dabei ist die Auswahl inzwischen unüberschaubar. Früher, als ich meine Reitkarriere begonnen habe, da wurde „englisch“ geritten. Da gab es Springen, Dressur und Gelände. Außerdem gab es (allerdings nicht in meinem direkten Umfeld), die Westernreiter und dann gab es noch Islandpferdereiter. Alle blieben fein für sich und so war mir das als Jugendliche gar nicht so recht klar dass es diese „anderen“ gab. Heute? Heute gibt es allein schon unter den „Dressur“reitern eine riesige Bandbreite von den Akademikern über die Klassiker und die Légèreté, wobei sich selbst innerhalb dieser Kategorien noch die Köpfe eingeschlagen werden und jeder sein eigenes Ding macht, dann gibt es Working Equitation, eine für mich unüberschaubare Anzahl an Gangpferden und vor allem eine schier wahnsinnige Auswahl an Bodenarbeitslehren, viele unter der unsäglichen „Horsemanship“-Überschrift, die inzwischen so nichtssagend ist wie „alles was man an Halfter und Strick so machen kann“, aber natürlich auch wieder Klassiker, Akademiker, Dual-Aktivierung und allerhand andere Systeme. Und dann gibt es noch die Fraktion der positiv-Verstärker, die sich inzwischen auch schon wieder unterteilt, da blicke ich noch weniger durch. Mir scheint, es ist in den meisten Fällen Zufall, wohin es einen so verschlägt und oft wird nicht in Frage gestellt, ob das System fürs Pferd passt. Menschen stellen mal fest, das es für SIE nicht passt und wenden sich ab, weil der Trainer nicht nett ist, vielleicht (das hab ich öfter mal gemacht) weil der Trainer das Pferd nicht wertschätzt (das passiert, wenn man ein Strubbelpony mit gruseligem Gebäude zum Unterricht bringt. Da habe ich schon sehr abwertende Dinge gehört und ich habe beschlossen, dass weder ich noch mein Pony uns das antun müssen, völlig egal wie gut der Trainer ist). Oder weil der Trainer zu teuer ist, die Fortschritte scheinbar zu klein oder der Aufwand zu groß. Aber merken wir auch, wenn es fürs Pferd halt einfach nicht passt? Selten. Ich bin heutzutage überzeugt davon, dass viele Pferde nie ihr volles Potential entfalten, weil die Ausbildungsmethode nicht passt. Ganz einfach ist es oft, sich grob an der Rasse zu orientieren. Da denke ich an den Tinker, von dem ich einmal hörte, der in einem System ausgebildet wurde, dass sehr auf Langsamkeit und Kleinschrittigkeit bedacht war. Eines Tages bewegte der Tinker sich einfach gar nicht mehr. Das ergibt für mich Sinn und ich erkläre meinen Schülern seitdem gern, dass wir auch schauen dürfen, wo Ausbildungsmethoden herkommen und für welche Pferderassen sie ursprünglich gedacht waren. Wer immer Spanier und Lusitanos unterm Hintern hat ist oft gut bedient mit Methoden, die viel Ruhe ins Pferd bringen. Aber Ruhe ist etwas, was so ein Tinker in der Regel nicht erst lernen muss….
Andererseits kann es gefährlich sein, zu schnell ein „Rasseurteil“ zu fällen. Die Unterschiede zwischen Finlay und Duncan machen das nur zu deutlich. Gleiche Rasse, gleiches Geschlecht, sogar von der Arbeit her die gleiche Vorliebe (raus ins Gelände, alles andere ist ziemlich uninteressant). Und dennoch sind sie in der Kommunikation nicht miteinander zu vergleichen. Finlay war immer im Dialog. Er war der Typ Pferd, dem man zwar nicht ansah was er dachte, aber die Informationen gingen immer wie ein Pingpong-Ball von mir zu ihm. Ich sagte zum Beispiel „lass mal da vorne antraben“. Dann kam von ihm „ok, wo genau, wie schnell, für wie lang und wie soll ich es machen“ oder es kam „nö, wieso? Hab grad keine Lust“. Und dann wartete er auf meine Antwort. Oder es kam von ihm „lass uns mal da vorne antraben“ und dann hatte ich zu antworten.
Duncan hingegen macht das anders. Er sagt nicht so viel – obwohl man ihm das, WAS er sagt, sehr gut ansehen kann. Er ist eher der Typ dem ich sage „lass mal da vorne antraben“ und er sagt „ok“ und dann macht er das. Und dann erwartet er keine weitere Info und fragt auch nicht nach. Die Details interessieren ihn nicht so sehr. Wir machen das dann zusammen. Es reicht ihm, schweigend neben mir her zu laufen. Ja, im Moment stimmt das nicht ganz, weil er immer wieder nach mir haschen muss. Aber das ist kein Dialog, das ist „oh ich hab mich grad nicht im Griff weil ich zwei Jahre alt bin und an Energieüberschuss leide, sorry!“ In den Momenten zwischen dem Haschen ist er still und völlig zufrieden damit, sich die Welt anzuschauen oder seinen Gedanken nachzuhängen. Er erwartet ein gewisses Grundmaß an Aufmerksamkeit von mir, falls er doch mal ne Frage hat („darf ich mir die Eichel da nehmen?“ oder „hast Du diesen interessanten Äppelhaufen gesehen?“) aber er muss nicht dauernd schnacken. Nun kann ich mich wieder fragen, wie viel daran an meiner anderen Herangehensweise liegt. Aber die erste Begegnung mit Duncan, damals am Anhänger in Dänemark, lässt mich vermuten, dass es sein Naturell ist. Er ist der Typ Pferd, dem man sagen kann „lass mal traben“ und dann trabt er bis man was anderes sagt. Das wäre weder Merlin noch Finlay jemals in den Sinn gekommen. Aber wer sich auskennt, weiß: das wird in vielen Ausbildungssystemen gelehrt. Dass es manchen Pferden einfach nicht entspricht wird übersehen und schon hat man die ersten Probleme erschaffen, weil man etwas verlangt, was fürs eigene Pferd einfach von Natur aus keinen Sinn ergibt.
Ich habe wahnsinnig Glück gehabt mit dem Kauf von Duncan. Ich wäre zwar total bereit gewesen, etwas mit ihm zu tun, was IHM Spaß macht, was immer es sein mag, aber ich habe offensichtlich ein Pony erwischt, dass meine derzeitigen Wünsche teilt: Kutsche fahren und auf Distanzritt gehen. Das passt zu ihm, da muss man nicht viel reden. Das wäre über die vielen Stunden die man gemeinsam verbringt auch viel zu anstrengend. Wir werden wohl eher zusammen Dinge erleben, als uns zu unterhalten. Ob meine Dressur-Ambitionen bei ihm auf fruchtbaren Boden fallen, wage ich allerdings zu bezweifeln. Das was Merlin und ich so gern zusammen machen, an den Kleinigkeiten feilen, hier noch ein bisschen, da noch ein bisschen, das wird wohl mit Duncan eher nicht stattfinden, scheint mir. Und ja, die Züchterin hat mich gewarnt, denn auch Duncans Vater hat wenig Begeisterung dafür übrig. Sie hat mir erzählt, dass er das zwar kann und macht, aber eigentlich will er nur raus ins Gelände. Mein Glück, dass man viel Dressurarbeit auch im Gelände machen kann. Vielleicht wird bald viel Gras auf unserem Reitplatz wachsen….
Interessant ist für mich aber nun etwas anderes: Derzeit läuft eine Online-Pferdemesse auf der man sich viele Videos von Trainern aus der ganzen Welt anschauen kann. Und dort bin ich auf ein Video von einem amerikanischen Trainer gestoßen, der etwas Bodenarbeit zeigt und erklärt, wie er dem Pferd am Führseil schon die Idee der Zügelhilfen erklärt. Ich sah ihn arbeiten und stellte mal wieder fest, wie viele Methoden und Unterschiede es doch gibt. Und irgendwie machte es „klick“ bei mir und ich dachte „es liegt am Charakter“. Und zwar nicht am Charakter der Menschen, sondern an dem der Pferde. Und meine Bodenarbeit wie ich sie mache passt nicht zu Duncans Charakter. Denn meine Bodenarbeit ist sehr direkt. Ich schaue ihn viel an, wirke viel direkt auf ihn ein. Das passt zu den kommunikativen Typen wie Merlin und Finlay. Aber es passt nicht zu Duncan. Es ist Druck für ihn, mit dem er nicht umgehen kann.
Nebeneinander her gehen ohne groß zu schnacken. Für Merlin ergibt das keinen Sinn, Duncan liebt es.
Ich kenne das von mir selbst. Wenn ich mich mit jemandem unterhalte, kann ich das am besten wenn ich nebenbei eine Beschäftigung habe. Wenn wir spazieren gehen oder absammeln oder Äpfel pflücken, dann komme ich in ein gutes Gespräch. Auch beim Essen funktioniert das gut. Wenn ich aber auf einem Stuhl sitzen und mich nur unterhalten soll, habe ich Schwierigkeiten. Wo schaue ich hin? Was mache ich mit meinen Händen? Und warum sind Stühle eigentlich IMMER unbequem für mich? Das kann schon mal kompliziert werden. Dann kann ich kaum zuhören und bin nur am zappeln. Ich glaube, Duncan geht es ähnlich. Wenn wir gemeinsam etwas tun, dann ist alles ok. Dann darf ich ihm sagen, was er tun soll. Aber bitte nicht so direkt. Das ist meinem Sensibelchen zu doll. Ja, in dieser Hinsicht ist er ein Sensibelchen. Nun liegt es an mir, Wege zu finden, die ihm angenehmer sind. Die Auswahl ist groß. Und ich möchte mich immer wieder erinnern, dass ich es nicht zu seiner Aufgabe machen möchte, sein Naturell zu verleugnen und sich an mich anzupassen, sondern dass ich, weil ich die „Große“ in unserer Beziehung bin, mein Ausbildungssystem an mein Pony anpasse. Das mag viele Jahre in Anspruch nehmen, viel Ausprobieren, viel Frust. Aber Finlay hat mich gelehrt, dass Aufgeben keine Option ist. Er hat so lange an mir herumerzogen bis ich verstanden hatte. Jetzt muss ich es selbst tun, denn Duncan ist nicht der Typ, der mir direkten Widerstand bietet. Da war Finlay leichter zu lesen und zu verstehen: wenn ich mir den Sand aus den Augen wischen musste, den er mit seinen Hinterhufen gezielt ins Gesicht geworfen hatte, dann wusste ich: so nicht. Duncan ist da stiller, vielleicht höflicher, vor allem lieber. Ich werde ihn beobachten müssen um zu verstehen, was ihm gefällt und was nicht. Und in meinem Schülerkreis werde ich noch mehr variieren. Noch mehr versuchen, nicht nur das zu finden, was der Mensch gut umsetzen kann, sondern auch das, was zu diesem Pferd passt. Noch mehr im Auge behalten, welche kleinen Nuancen den großen Unterschied machen zwischen Wohlfühlen und unter Druck stehen. Ja, Pferdeausbildung wird niemals einfacher. Je mehr ich darüber lerne, desto komplizierter wird sie – und das ist eins der vielen schönen Dinge daran.
Und weil ich Zitate-Fan bin, habe ich noch eins das gut dazu passt
„Auch das lauteste Getöse großer Ideale darf uns nicht verwirren und nicht hinden, den einen leisen Ton zu hören, auf den alles ankommt.“ (Werner Heisenberg)
Also eins muss ich meinem Mädchen lassen: sie wird besser. Mit der Lieferung von Abenteuern meine ich. Neulich hatte sie ja den Abenteuerurlaub mit uns gemacht. Dann hat sie beschlossen dass sie jetzt auch im Dunkeln mit mir spazieren geht mit all dem reflektierenden und leuchtenden Kram von dem sie dachte ich könnte mich gruseln (also wirklich!) und gestern kam sie mit etwas neuem um die Ecke. Ihr erinnert Euch an diesen Eintrag? https://schotten-pony.com/2020/08/31/aus-dem-tagebuch-des-sir-duncan-dhu-69/
Gestern war es wieder so weit. Dreitausend Lederriemen haben sie an mir festgetüddelt. Ich war natürlich seeeeeeeehr geduldig. Dann haben sie festgestellt, dass ich eben DOCH gewachsen bin, obwohl mein Mädchen mir das ja immer nicht glaubt. Ich bin halt nicht in die Höhe gewachsen, sondern in die Länge! Also mussten sie noch den Schweifriemen verstellen. Dann gab es noch allerhand reflektierenden Kram für mich und mein Mädchen und den Mann. Mein Spaziergehkumpel war auch mit und das Mädchen vom Spaziergehkumpel und … äh…. die anderen beiden Mädchen vom Spaziergehkumpel (der Typ hat einen Harem! Das wäre mir ja zu kompliziert. Ich liebe nur mein Mädchen und das aus ganzem Herzen. Aber kann ja jeder machen wie er meint!)
Der Mann ist neben mir her gelaufen mit dem Strick in der Hand. Und mein Mädchen hat so getan als würde es auf einer Kutsche sitzen. Leider hat sie nicht auf einer Kutsche gesessen, was bedeutet, dass sie immer zu langsam war. Mädchen, gib Gas! Was ist sie hinter mir her gestolpert und gehechelt. Das Mädchen vom Spaziergehkumpel kann das, die ist schneller zu Fuß. Siehst Du, mein Mädchen, das geht, Du musst Dich nur mehr anstrengen!!
Es liegt nicht an mir, dass wir so weit hinten sind! Los, Mädchen, mach mal lange Füße!
Zwischendurch hat das Mädchen vom Spaziergehkumpel die Leinen übernommen um mal zu sehen wie es mit mir so geht. Sie ist nämlich plötzlich nicht mehr „das Mädchen vom Spaziergehkumpel“ wenn wir so tun als würden wir Kutsche fahren sondern „die gestrenge Fahrlehrmeisterin“.
Hier bin ich mit der gestrengen Fahrlehrmeisterin unterwegs.
Meine und die von meinem Mädchen. Weil wir beide Anfänger sind. Mein Mädchen ist mit meinem großen Bruder schon ein kleines bisschen gefahren aber nur ein paar Mal. Und sie sagt, von ein paar Mal kann man das nicht richtig. Aber ich lerne ja zum Glück schneller als sie. Ich hatte nach einer halben Stunde raus wie das geht. Und hab einfach alles richtig gemacht. Naja, manchmal wollte ich nicht nach rechts rüber gehen. Aber die meiste Zeit war ich toll und mein Mädchen hat mir ständig gesagt wie großartig ich das mache. Und manchmal hat sie „Keks“ gesagt und dann musste der Mann mir einen Keks geben. Der hat da so seine eigenen Vorstellungen, der schiebt den Keks so seitlich ins Maul. Komische Marotte. Ich finde das kompliziert, dass muss ich noch üben. Oder ihn umerziehen.
Einmal hab ich mich auch echt erschreckt. Weil so viele Mädchen mit waren waren nämlich auch mehr Wölfe mit als sonst. Und die haben dann ganz wild gespielt. Das hat mich ein bisschen aufgeregt! Und als sie dann von hinten immer so angeschossen kamen, habe ich doch mal Gas gegeben. Mein Mädchen und der Mann haben mich fest gehalten und ich bin gleich wieder stehen geblieben. Da haben sie mir beide einen Keks gegeben (jeder einen!) weil sie es toll fanden dass ich wieder angehalten hab. Die Wölfe mussten dann an die Leine – tja, Pech. Ich muss ja auch immer an der Leine laufen! Dabei würde ich auch gern mal mit Vollgas durch die Gegend preschen!
Das Mädchen vom Spaziergehkumpel hat mir versprochen, dass wir ganz lang traben können wenn ich erst mal die Kutsche ziehen kann. Dass mein Mädchen sich das dann auch traut und dass sie ein gutes Wort für mich einlegt, dass es nicht zu langweilig wird. Ich mag die, die sorgt immer gut für Abenteuer.
Jedenfalls langer Rede kurzer Sinn: ich kann´s. Und ich bin gespannt, was für ein Abenteuer mein Mädchen sich als nächstes ausdenkt. Bis dahin trainiere ich sie, dass sie fleißigeren Schritt geht! Bummeltante.
Euer groß(artig)er Sir Duncan Dhu of Nakel
P.S. ich bereite große Taten vor, aber dazu demnächst mehr!
Ich liebe den Herbst. Er ist meine absolute Lieblings-Jahreszeit. Während um mich herum viele Leute traurig sind, dass die warmen Sommertage vergangen sind, atme ich auf und fühle mich wohler. Ja, es ist kalt, ja ich friere auch oft. Aber ich mag lieber frieren als schwitzen und ich mag vor allem die Stille des Herbstes. Wenn die Vögel leiser werden, wenn die Sonne nicht mehr so direkt von oben kommt, wenn Nebel über den Wiesen liegt ist alles irgendwie gedämpfter und ruhiger und ich selbst komme besser zur Ruhe. Dann kommen die Stürme, die den Kontrast zwischen dem gemütlichen Leben in der Wohnung mit heißem Tee und Sofa und dem draußen sein so groß machen, auch das liebe ich sehr.
Der Herbst ist für mich auch eine Zeit, in der ich viel meinen Gedanken nachhänge. Während ich draußen Weidezäune abbaue, den Paddockzaun repariere und freischneide, Eicheln aufharke und oft auch den einen oder anderen „Aufräumanfall“ bekomme, geht mir alles durch den Kopf was so passiert ist im vergangenen Jahr. Letztes Jahr war diese Zeit von Trauer und Schmerz geprägt und von wahnsinnig viel extra Arbeit und Aufwand, von körperlicher Krankheit und seelischer Ver-rücktheit. Dieses Jahr fühlt es sich wieder so an wie es soll. Und während „da draußen“ Corona sein Unwesen treibt, ist hier alles wie immer.
Nachdem es gestern sehr windig war, sind die Ponys heute extra-still. Duncan hat einen sehr ausgiebigen Mittagsschlaf gehalten, bewacht von den anderen Ponys, die dösend daneben standen. Man wächst im Schlaf, habe ich gelernt. Also vielleicht ist mein Pony etwas gewachsen in der letzten Stunde. Ich hoffe es, denn er muss schon noch ein Stückchen schaffen um groß und kräftig genug zu werden, mich irgendwann tragen zu können. Aber ich finde, etwas Breite hat er schon gewonnen in den letzten Wochen.
Wachsen, das ist ja so eine Sache. Spätestens seit Finlays Tod stehe ich auf Kriegsfuß mit dem allerseits propagierten „persönlichen Wachstum“. Ein Selbstoptimierungs-Wahn – so scheint mir – hat von der kapitalistischen Gesellschaft Besitz ergriffen. Er zieht sich nicht mehr nur durchs geschäftliche, sondern hat längst Einzug gehalten in unser Privatleben. Wir sollen unsere Ernährung optimieren, unsere sportlichen Betätigungen, sogar unseren Schlaf. Unsere Wohnung soll entrümpelt sein, unser Alltag strukturiert. Weil – ja warum eigentlich? Was genau versprechen wir uns davon?
Auch in der Pferdewelt geht es nicht anders zu. Und sei es nur der neue Striegel, der den Fellwechsel noch leichter machen soll, oder das neue Mineralfutter, das dem Pferd noch mehr Gesundheit, mehr Leistungsfähigkeit oder bessere Hufe bescheren soll. Nicht wenige Pferdebesitzer rennen wie besessen von einem Stall zum nächsten und suchen das Optimum für ihr Pferd, ohne jemals wirklich anzukommen. Andere besuchen einen Kurs nach dem anderen, um noch besser zu werden, ihrem Pferd noch mehr Abwechslung zu bieten oder manchmal auch nur um dabei gewesen zu sein. Schon lange empfinde ich unsere Gesellschaft als eine Ansammlung getriebener Menschen und seit Finlays Tod hat sich das noch verstärkt. In der Trauer empfinden viele Menschen, dass die Zeit still steht und so war es auch bei mir. Lange hatte ich das Gefühl, die Zeit hat ihren natürlichen Gang verloren. Von außen zu beobachten, wie schnell die Zeit für andere Menschen läuft, war eine sehr skurrile Erfahrung.
Gegen die Getriebenheit und das Gehetze der Menschen hat sich wiederum eine ganze Industrie gestellt, die uns Achtsamkeit verkauft, Yoga und Meditation. Und doch bewegen sich auch diese Angebote in demselben Uhrwerk. Dass ich mich abhetze, um rechtzeitig zu meiner Yogastunde zu kommen, scheint mir doch irgendwie der Gipfel der Farce.
Als mein kleiner Duncan heute gemütlich im Paddock lag und schlief – einfach so, weil er nun gerade JETZT müde war – habe ich mich in seine Nähe gehockt und Zeit mit ihm verbracht. Um uns herum standen die anderen Ponys und ich habe mich so gut es ging eingefügt in das, was sie getan haben – mal schauen, mal dösen, mal die Position wechseln. Duncan blieb seelenruhig liegen. Ich konnte mir nicht verkneifen, das Handy zu zücken und Fotos zu machen. Und natürlich auf die Uhr zu schauen: wann muss ich los zu meinem nächsten Termin? Aber ich hatte Glück und konnte eine ganze Weile bei meinem schlummernden Pony bleiben. Und wieder überkam mich die Sehnsucht nach einem einfacheren, überschaubareren Leben (obwohl mein Leben im Vergleich zu dem anderer Menschen schon sehr einfach gestrickt ist) und wieder wurde mir bewusst, dass es für mich in nächster Zeit nur darum gehen wird, zu vereinfachen. Alle Stellen zu finden, an denen ich mein Leben einfacher, vielleicht auch ein Stück ursprünglicher gestalten kann, damit mehr Zeit und Raum bleibt für das, was sich wirklich tun und leben möchte.
Ich möchte meine Zeit so leben wie es mir gefällt und mir den Luxus leisten, weniger an meinen Stundenlohn zu denken als an das was mir wirklich etwas gibt.
Zu diesem Luxus gehörte unser kleines Abenteuer über das Sir Duncan Euch berichtet hat. Ich habe in diesen drei Tagen nichts weiter getan, als Zeit mit meinem Mann und unseren beiden Ponys zu verbringen. Wir waren nicht auswärts essen, wir haben noch nicht mal mehr geschlafen als sonst. Wir haben abgeäppelt und die Ponys versorgt und waren stundenlang mit ihnen zusammen – weiter nichts. Abends haben wir schnöde ferngesehen. Kein „Achtsamkeitsprogramm“, keine „Auszeit“ von irgendwas. Mein Handy war an und ich habe auch Nachrichten von Kunden beantwortet. Und doch waren es drei wunder-volle Tage die wir sehr genossen haben. Die Einfachheit des Lebens – obwohl es körperlich recht anstrengend war – hat mir gut getan. Die Einfachheit, die meine Ponys leben: schlafen, wenn man müde ist, spielen, wenn man Langeweile hat und ab und zu ein Abenteuer erleben zur Abwechslung.
Der Alltag, den viele Menschen als so „grau“ empfinden, ist mein höchstes Gut geworden. Ich bin froh, ihn wieder gefunden zu haben, meinen Alltag. Und ja, ich werde ihn verbessern an Stellen an denen ich Lust dazu habe. Aber ich möchte mich lossagen davon, getrieben und angespornt von außen etwas an mir und meinem Leben zu verändern, nur weil es in unserer Gesellschaft „in“ ist, total gestresst zu sein, keine Zeit zu haben und sich selbst viel zu viel aufzuhalsen. So wie ich mein Pony auf eine Art und Weise ausbilden möchte, die alles an ihm so lässt wie er nun mal ist, so möchte ich endlich anfangen, mich selbst so zu nehmen wie ich bin und mir nicht mehr einreden lassen, dass es da etwas zu verbessern gäbe. Auch das hundertste Seminar macht keinen besseren Pferdemenschen aus mir. Was einen besseren Pferdemenschen aus mir macht ist die Zeit, die ich mit meinem Pony verbringe und in der ich ungehetzt und ohne Anspruch erforschen und ausprobieren kann. Und die Zeit danach, in der ich meinen Gedanken freien Lauf lasse und überlege, was da heute passiert ist und warum. Natürlich möchte ich lernen und Duncan möchte auch noch ganz viel lernen. Es ist das Gefühl dahinter um das es mir geht. Lernen, weil etwas noch nicht gut genug ist, weil ich etwas kritisiere oder lernen um des Lernens willen, das sind zwei ganz unterschiedliche Paar Schuhe.
Duncan hat keine Uhr und keinen Terminkalender. Er hat keinen Ausbildungsplan und kein Ziel. Er lebt in den Tag hinein und schaut einfach was passiert und worauf er gerade Lust hat. Und auch wenn ich diese Leichtigkeit des Seins nicht erreichen kann, weil ich keinen Besitzer habe, der für alles sorgt, sondern ganz erwachsen für mich selbst sorgen darf, möchte ich doch möglichst viel von ihm darüber lernen, wie das geht, so unbeschwert und ungeplant, ungestresst und ohne Anspruch an sich selbst zu sein. Denn er – im Gegensatz zu all jenen Angeboten, die es so gibt an Achtsamkeit, Auszeiten oder wasweißich – lebt wirklich außerhalb des Systems in dem wir alle so gefangen sind. Und gerade jetzt im Herbst gibt es eine wichtige Lektion von ihm zu lernen: wenn Sturm ist, ist Sturm. Dann ist man wach und aufgekratzt, aufmerksam und auch mal unentspannt. Danach, wenn der Sturm sich gelegt hat, kehrt die Stille zurück und will genossen werden. Zum Beispiel mit einem schönen Schläfchen. Wann nur haben wir Menschen das eigentlich verlernt….
Mein Mädchen hatte mir einen Abenteuerurlaub versprochen. Ich hab ungeduldig darauf gewartet und am Donnerstag ging es dann endlich los (ich weiß ja inzwischen: was sieverspricht, das hält sie auch!)
Zusammen mit Diego dem Großen bin ich voller Erwartung in die Wackelkiste gestiegen. Wir sind lange, lange geschüttelt worden. Ich habe den dumpfen Verdacht, es ging dreimal im Kreis…. aber egal. Draußen hat es eh soooooo doll geregnet, da war es in der Wackelkiste viel gemütlicher, zumal die Menschen uns genug Heu hingelegt hatten, damit uns nicht langweilig wird. Schließlich sind wir doch noch angekommen. Ich bin als erster aus der Wackelkiste geklettert. Aber kaum war ich draußen, habe ich ein furchterregendes Geräusch gehört! Und gerochen hat es auch ganz komisch! Da habe ich es tatsächlich mit der Angst bekommen. Habe meinem Mädchen gesagt, dass ich sofort wieder in die Wackelkiste einsteigen möchte! Aber sie hat gemeint, ich sei doch ein mutiger Ritter und ich würde das schon schaffen, das wäre gar nichts schlimmes! Also habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und bin mit ihr mit gegangen. Diego der Große war sich auch nicht ganz sicher, und das will was heißen! Der fürchtet sich nämlich wirklich NIE! Sie haben uns in einen Paddock gebracht, weil sie meinten, wir wollten uns bei dem Regen vielleicht unterstellen. Wollten wir aber nicht, denn da wo der Unterstand war, waren auch die fiesen Gespenster, die die merkwürdigen Geräusche gemacht haben! Man das war vielleicht gruselig!
Mein Mädchen und der Mann sind dann für eine Weile weg gegangen. Als sie wieder kamen haben sie gesehen dass wir Ponys immer noch draußen im Regen standen. Mein Mädchen hat uns etwas Heu an den Rand vom Unterstand gelegt, damit wir uns näher ran trauen, das hat uns überzeugt. Nach einer Weile hatten wir uns an die komischen Geräusche und Gerüche gewöhnt.
Abends sind wir alle zusammen noch ein bisschen spazieren gegangen – war ganz schön nass, von oben und von unten! Danach haben sie uns auf eine Weide gestellt. Da konnten wir die Gespenster besser sehen. Wir haben sie uns genau angeschaut und festgestellt: die sind eigentlich harmlos, die Gespenster. Kleiner als Caruso, ähnlich gefleckt wie er. Nur die Nasen sind anders.
Eigentlich ganz ok, die Gespenster.
Wir haben dann dort auf der Weide übernachtet. Am nächsten Morgen war zum Glück auch wieder ganz feines Wetter. Mein Mädchen und der Mann haben uns angezogen und dann sind wir gemeinsam losmarschiert.
Startklar!
Das war mal eine Ausflug nach meinem Geschmack! Fast 3 Stunden waren wir unterwegs (knapp 12km sagt mein Mädchen). Es gab eine Menge zu sehen und ich hab natürlich alles richtig gemacht. (Meistens. Bis auf die paar mal wo ich ein bisschen genervt habe, sagt mein Mädchen. Dabei hat sie genervt! Weil sie zu langsam war oder zu nah an mir dran oder überhaupt).
Schneller, mein müdes Mädchen, schneller!
Als wir wieder in unserem Quartier angekommen sind, gab es gleich das nächste Abenteuer! Stuten! Zwei Stück die nebenan im Paddock standen. Oh, da hat mein Mädchen aber Angst bekommen dass ich durch den Zaun gehe… Hätte ich natürlich nicht gemacht, aber sie geht ja gern auf Nummer sicher. Hat mich ans Halfter genommen und mir gesagt was ich machen soll. Ich hab gut aufgepasst, dafür gabs Kekse. Auch ok. Nach ein paar Minuten hat sie mich wieder losgemacht, ich bin zu den Stuten gelaufen und wollte mal so über den Zaun…. Autsch! Der Zaun hat ganz schön gebissen! Na gut, also muss ich wohl doch etwas Abstand von den Damen halten. Ein paar Stunden standen die da – war ganz schön aufregend für mich! Aber mein Mädchen hat derweil Rumstehtraining gemacht, mir geholfen, mit der Aufregung klarzukommen und zu verstehen was sie ok findet und was nicht so. Ich hab immer geschaut, was sie von meinem Benehmen hält und sie war am Ende sehr stolz auf mich. Leider sind die Stuten gegen Abend wieder weggegangen. Ich habe ihnen noch ein paar mal hinterher gewiehert aber dann bin ich wieder zu meiner Lieblingsbeschäftigung übergegangen (essen).
Noch eine Nacht auf der Koppel mit den lustigen Gespenstern nebenan, so nach und nach haben wir auch ihre Sprache gelernt, am nächsten Morgen noch ein Ausflug (diesmal so gute 2 Stunden) – mein Mädchen war schon ganz schön müde. Sagt, sie hat jetzt so Muskelkater im Po, dass sie bestimmt einen schönen knackigen Po bekommt und ich auch (hä? Meiner ist doch schon so toll!)
Einmal ist mein Mädchen auch ein Stück auf Diego geritten. Aber die meiste Zeit ist sie mit mir gelaufen – sie mag nämlich gern mit mir zusammen sein!
Danach sind wir wieder nach hause gefahren.
Das war ein super Urlaub, sag ich Euch! So ein Abenteuer das schweißt zusammen. Ich hoffe wir machen öfter mal so was! Endlich war mal was los! Und ich konnte zeigen, was in mir steckt.
Der Herbst ist da. Das merke ich nicht nur an den Temperaturen, sondern auch sehr deutlich am Verhalten der Ponys. Die letzten Sonnentage haben sie genutzt um noch mal so richtig aufzutanken. Jetzt, wo es viel kühler und windiger ist, wird wieder mehr gespielt und es gibt auch wieder mehr zum erschrecken. Neulich war „Gruselabend“. Wenn Damwild im benachbarten Maisfeld unterwegs ist, dann sind die Ponys in Hab-acht-Stellung. Man kann dann fast nichts vom Damwild sehen, und wenn der Wind durch die Bäume rauscht, kann man sie auch nicht hören, aber wir wissen alle, dass da Tiere sind und manchmal tauchen sie wie aus dem Nichts auf unserer Weide auf…..
Als ich abends in der Dämmerung noch einmal Richtung Weide gehe um den Zaun umzubauen, sind die Ponys alle im Stall und schön weit weg von den Gespenstern. Duncan steht auf dem Paddock. Ich glaube, er würde gern noch Eicheln sammeln gehen, traut sich aber alleine nicht los. Als er sieht, dass ich in diese Richtung gehe, kommt er vorsichtig mit. Einmal erschreckt er sich und springt mir fast auf den Schoß. Als ich durch den Weidezaun krabble, bleibt er angespannt stehen. Dann wandert er auf dem Rundlauf immer auf meiner Höhe mit, während ich ein paar mal hin und her über die Weide gehe. Nach und nach fühlt er sich sicherer und geht schließlich tatsächlich Eicheln sammeln. Als ich dann wieder zurück Richtung Stall gehe, rufe ich ihm das zu (ich rufe nicht seinen Namen, denn das wäre eine Aufforderung zu kommen. Ich teile ihm nur mit, dass ich diesmal nicht zurückkomme). Er bleibt bei den Eicheln. Aber als ich im Paddock ankomme, höre ich hinter mir das „padadam“ galoppierender Hufe. Alleine wollte er dann doch nicht in der Gespensterecke bleiben!
Ich fühle mich sehr geehrt. Anscheinend findet er mich vertrauenswürdig genug, dass er unaufgefordert und freiwillig mit mir in die Gruselecke geht und dort auch recht entspannt herumwandert, obwohl ich immer ca 20m von ihm entfernt auf der Weide zugange war.
Vertrauen ist eine merkwürdige Sache. Die Definitionen die ich im Internet dazu gefunden habe, finde ich alle recht sperrig. Was heißt „Vertrauen“ für die Beziehung zwischen Pferd und Mensch?
Manche glauben, es sei Duncans großes Vertrauen in mich, dass ihm den Mut gibt, durch Poolnudeln zu laufen, alleine Anhänger zu fahren oder über eine Plane zu marschieren. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Es ist sein Selbstvertrauen oder vielleicht Urvertrauen in die Welt, was das möglich macht. Mich braucht er dazu gar nicht. Aber dass er mit mir in die Gruselecke gegangen ist, das war eindeutig sein Zutrauen in meine Kompetenz.
Ich hingegen merke, dass ich Duncan noch nicht so vertraue wie ich es gern möchte. Klar, er macht im Grunde alles richtig. Aber ich bin doch oft noch vorsichtig. Manche Sachen wie Hufe geben, den Schweif anfassen etc sind für mich schon Routine geworden. Aber manches, wie zum Beispiel ihm den Arm über den Rücken zu legen und mich etwas an ihn heranzudrücken, mache ich noch sehr vorsichtig, weil dort mal Gegenwehr kam. Und ich mache es eben nicht nur vorsichtig, um ihm nicht zu viel abzuverlangen, sondern auch weil ich etwas Sorge habe, dass seine Gegenwehr unangenehm werden könnte (obwohl selbst seine heftigsten Abwehrbewegungen gegen mich zwar schnell und beeindruckend aber nicht schmerzhaft waren).
Je mehr gute Erlebnisse wir zusammen haben, desto mehr wächst mein Vertrauen. Je besser ich ihn kenne, desto sicherer bin ich mir, dass er gut aufpasst, dass mir nichts passiert. Aber wie gut passt er auf sich selbst auf? Wenn er sich dann doch mal erschreckt, springt er mir dann vor ein Auto oder in einen Graben? Ich habe mir immer schon viele Sorgen um die Gesundheit meiner Ponys gemacht, und mit Finlays Tod hat sich das noch gesteigert. Und natürlich ist ein junges Pferd auch grundsätzlich noch impulsiver und unerfahrener. Neulich im Spiel mit Gatsby ist Duncan so hoch gestiegen, dass er schließlich umgefallen ist. Mir ist fast das Herz stehen geblieben, aber so ein kleiner Hengst, der steht einfach wieder auf, atmet zweimal tief durch und spielt dann weiter. Blaue Flecken, gezerrte Muskeln oder einfach nur der Schreck – alles egal. Und ich muss das aushalten, ich kann es nicht ändern. Er muss selbst erfahren, wo seine Grenzen sind und wir alle wissen, dass es für diese Selbsterfahrung keinen Ersatz gibt.
Aber wenn Duncan und ich zusammen sind, fühle ich mich verantwortlich dafür, dass ihm nichts passiert. Das Losreißen von vor ein paar Wochen hängt mir noch sehr nach. Weil ich auch im Nachhinein wirklich keine Voranzeichen entdecken kann und also nicht weiß, ob es mir nicht doch wieder passieren kann. Und Losreißen ist einfach nicht witzig – für mich ist es nicht gefährlich, aber für Duncan und mit Pech auch für andere.
Und dann ist da natürlich die Tatsache, dass Duncan erst 2 Jahre alt ist. Und natürlich ist er – obwohl er schon oft so erwachsen wirkt – bestenfalls ein Teenager. Und auch bei Menschen wird Teenagern kein unbegrenztes Vertrauen entgegengebracht. Sie dürfen zum Beispiel noch nicht Auto fahren, obwohl sie es technisch gesehen könnten. Komplexe Situationen zu überblicken ist vielleicht in jüngeren Jahren noch nicht so möglich und die Konsequenzen eigenen Handelns abzuschätzen will ja eben auch erst gelernt werden, genau wie die Regulierung der eigenen Gefühle. Und so ist es wohl normal, dass ich Duncan noch nicht 100% vertraue.
Da ich Duncan – auch nach einem ganzen Jahr – noch gar nicht so gut kenne, ziehe ich (bewusst oder unbewusst) ständig Vergleiche zu anderen Pferden. Ich suche Referenzpunkte und ich glaube ich suche sie oft an der falschen Stelle. Als ich neulich meine ersten Blog-Beiträge wieder gelesen habe, habe ich mich wieder erinnert, dass Duncan Merlins Nachfolger ist, nicht Finlays. Ich hatte das vergessen und habe Duncan immer mit Finlay verglichen. Weil Finlay eben auch noch so jung war als er zu mir kam (Merlin war schon 8 Jahre alt als ich ihn kennengelernt habe). Und weil Finlay ja auch ein Highlandpony war. Aber es ist ganz verkehrt, die beiden miteinander zu vergleichen. Je länger ich Duncan habe, desto klarer wird mir das.
Duncan ist Merlin sehr viel ähnlicher als Finlay. Duncan bringt diesen Wunsch nach Harmonie mit und dieses freundliche Wesen, wo Finlay raubeinig und direkt, sehr viel kreativer und eigenständiger im Lösen von Problemen war. Duncan will kooperieren und ist bereit zurückzustecken, Finlay wollte selbst entscheiden und sich frei fühlen. Finlay mochte gern ausprobieren und hatte zu allem eine Meinung, Duncan will lieber eine Anleitung. Finlay hat Regeln sehr gern in Frage gestellt, ein Verhalten dass ich bei Duncan bisher nur in winzigen Momenten beobachtet habe und auch dann nur sehr dezent. Und in all diesen Punkten ist Duncan meinem Merlin sehr ähnlich.
Vertrauen entsteht für mich aus einer großen Portion Vorhersagbarkeit. Wenn ich ahnen kann, wie mein Pony sich verhält, wenn ich (soweit das zwischen Pferd und Mensch eben möglich ist) verstehen kann, warum er sich so verhält und wenn ich wieder und wieder und wieder die Erfahrung mache, dass Duncan keine gefährlichen Dinge tut, dann kann ich anfangen zu vertrauen.
Und derweil bewundere ich die Pferde, die so viel Vertrauen in ihren Menschen setzen nach so kurzer Zeit und ich möchte all jenen Pferdebesitzern Mut machen, die auch nach 2 oder 3 Jahren noch wenig Vertrauen von ihrem Pferd bekommen. Ich kann Euch aus eigener Erfahrung sagen: das kann länger dauern. Vor allem, wenn davor das eine oder andere traumatische Erlebnis stand. Wenn die Seele erschüttert ist, wächst Vertrauen nicht mehr so schnell wie vorher. Ich glaube dennoch, dass wir alle vertrauen wollen, Pferde wie Menschen, denn es ist ein schönes Gefühl. Und so werde ich weiter danach suchen und ganz langsam wird mein Vertrauen in mein wunderbares Pony wachsen.
Heute ziehen wir los auf ein großes, gemeinsames Abenteuer (Sir Duncan wird bestimmt berichten) und mit jedem dieser Abenteuer wird das kleine Pflänzchen des Vertrauens etwas größer und stärker werden.
Bis ich eines Tages merke, dass ich Dinge selbstverständlich tue, die ich jetzt noch nicht machen möchte. Bis ich nicht mehr darüber nachdenke, ob er jetzt blöd reagieren wird. Auf diesen Tag freue ich mich.