Seine Welt

Es ist heiß. 30 Grad im Schatten reichen, um aus meinem Gehirn so etwas wie einen geschmolzenen Klumpen Käse zu machen. Die Nächte sind mir zu warm zum schlafen und meine Laune sinkt mit jedem Tag. Während andere Menschen vergnügt zum Strand fahren habe ich bei diesem Wetter einfach gar keine Lust auf nichts. Mein einziger Wunsch ist, dass das Thermometer unter die 25 Grad-Marke fallen möge, damit ich mich wieder lebendig fühle. Bis dahin bin ich im „Überlebensmodus“. Ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich das 2018 geschafft habe, aber ich glaube, da war es so lange so, dass ich mich irgendwann doch daran gewöhnt hatte. So eine Art Kapitulation.

An solchen Tagen wünsche ich mir oft, ich wäre mein Pony. Ich würde den ganzen Tag oben in der Ecke zum Nachbarn stehen, unter den Bäumen, wo ein leichter Windhauch weht und ich würde nur zum Heu essen runter kommen.

Aber unsere Ponys sehen das anders. Sie stehen lieber unten im Stall und verdösen dort den Tag. Auch wenn es – vor allem in unserer kleinen Halle – im Laufe des Tages zunehmend stickig wird, sind sie noch dort. Und ab und zu gehen sie raus, knabbern in der prallen Sonne etwas von den Hälmchen, die den Weg unterm Weidezaun durch gefunden haben und bummeln ein bisschen herum. Und wieder zeigt sich: ich bin eben kein Pony (so sehr ich auch wie eines riechen mag). Wir haben unsere Ponys nun seit 16 Jahren am Haus, aber noch immer verstehe ich viele Dinge nicht. Wann gehen sie rein, wann gehen sie raus, wann steht wer mit wem zusammen, wann sind sie sehr hungrig und wann weniger? Warum bevorzugen sie manchmal die eine Tränke und manchmal die andere? Sie geben mir immer wieder Rätsel auf. Und als ich neulich ein wunderbares Interview mit Mark Rashid gelesen habe https://www.danielakaemmerer.de/interview/wir-muessen-die-pferde-verstehen-lernen-interview-mit-mark-rashid/ kamen mir wieder all die kleinen Dinge in den Kopf, über die ich beim Lesen mal so gestolpert bin. Darüber, wie Pferde sehen, zum Beispiel. Etwas, was wir Menschen uns ja gar nicht vorstellen können: die Augen so weit seitlich am Kopf, dass es zwei jeweils zweidimensionale Bilder gibt und in der Mitte ein kleiner Überschneidungsbereich in dem es dreidimensional wird. Aber auch einen viel größeren blinden Fleck direkt vor der eigenen Nase als bei uns, ein Sichtfeld das mehr auf den unteren Teil der Welt ausgerichtet ist und ein anderes Farbsehen, besseres Sehen in der Dunkelheit aber langsameres Anpassen an Veränderung der Lichtverhältnisse. Die Wahrnehmungspriorität liegt beim Pferd viel mehr auf Bewegungen – macht ja auch Sinn, wenn man den Säbelzahntiger im Gebüsch erkennen möchte.

Und erst neulich, als ich die alte Stute meiner Freundin fahren durfte, haben wir übers Hören gesprochen. Wie kann das Pferd meine Stimmkommandos so gut hören wenn vor ihr der kläffende Hund her läuft? Tja, sie kann ihre Ohren drehen – ich nicht (was ich manchmal sehr bedaure).

Vom Riechen will ich gar nicht erst anfangen – was uns da an Information entgeht! Besonders bei Duncan werde ich da immer wieder aufmerksam. Pferde können Pheromone riechen und wer weiß was für Informationen er so aus den Äppelhaufen herausliest die er untersucht. Als Hengst wird die Wichtigkeit dieser Information für ihn im Laufe der nächsten Jahre sicher noch bedeutsamer werden als für unsere Wallache.

Und wenn unsere Ponys Brennnesseln fressen oder Disteln oder Brombeerzweige, dann wird mir manchmal ganz anders. Ich kann die Dinger noch nicht mal anfassen ohne mir weh zu tun und die futtern das so weg. Und wenn wir dann im Winter Bodenfrost haben und Minusgrade und die Ponys gemütlich draußen liegen und schlafen (obwohl sie auch drinnen liegen könnten) dann weiß ich wieder: die empfinden das alles anders als wir. Ich glaube, sie leben in einer ganz anderen Welt. Wenn ich mit Duncan „Rumstehtraining“ mache und mich einfach mal von ihm mitnehmen lasse, dann versuche ich, die Welt so zu sehen wie er. Was riecht er hier, wonach lauscht er jetzt, was hat er dort gesehen und was bewegt ihn dazu, jetzt dort rüber zu gehen? Aber ich weiß: das ist nur ein kläglicher Versuch. Ich bin weit davon entfernt, zu wissen, wie er die Welt wahrnimmt. Er sieht sie – buchstäblich und metaphorisch – in ganz anderen Farben als ich. Und er weiß nicht, wie ich die Welt sehe. Er kann es nicht wissen. Er kann manches erfühlen, wenn er neben mir her geht. Zum Beispiel bei unseren ersten Spaziergängen, wo jedes laute, besonders große Fahrzeug mir Angst eingejagt hat, weil Finlay Probleme mit diesen Monstern hatte. Da hat Duncan ganz sicher meine Angst gespürt (und gerochen!). Hat er auch gespürt, dass ich versucht habe, ihm zu vermitteln, dass ich mich nicht vor dem Monster fürchte, sondern vor seiner Reaktion? Wer weiß…

Immer wieder, wenn ein Pferd starr ins Gebüsch schaut, sind wir Menschen geneigt, zu sagen „da ist nichts“. Und wie oft sind wir schon eines Besseren belehrt worden. Und auch wenn da nichts sein sollte, manchmal ist es doch besser, nochmal nachzuschauen, wenn man einen Ast hat knacken hören oder einen Schatten gesehen hat. Zumindest, wenn man auf dem Speiseplan einiger Tiere auftaucht…

Ich habe mir daher angewöhnt, in den allermeisten Fällen mit meinem Pferd zusammen zu schauen. Zu versuchen, wahrzunehmen, was mein Pferd wahrnimmt. Ich bin nur selten erfolgreich, aber wenigstens weiß mein Pferd, dass ich ihm glaube. Meist können wir dann nach kurzer Zeit problemlos weiter arbeiten.

Und ich versuche, den Lebensraum meiner Ponys so zu gestalten, dass sie ihr Verhalten an ihr eigenes Empfinden anpassen können anstatt an meines . Sie können rein und raus, auf unserem Rundlauf gibt es verschiedene „Klimazonen“ zur Auswahl, es gibt Büsche und Bäume und zwei verschiedene Tränken sowie – wenn es denn mal wieder genug regnet – die Möglichkeit, Regenwasser zu trinken. Wenigstens diese kleinen Dinge kann ich meinen Ponys bieten. Es ist viel zu wenig Wahlfreiheit, ich weiß und ich bin stets um Verbesserung bemüht. Ich freue mich, dass es zumindest mehr Freiheit ist als für viele andere Pferde, die ihr Leben in Boxen oder langweilig viereckigen Paddocks fristen. Und jedesmal, wenn wir etwas verändern, lassen wir uns überraschen, was die Ponys davon halten. Denn Vorhersagen bleiben schwierig: ich bin eben kein Pony.

Ich sage den Jungpferdebesitzern unter meinen Schülern oft: das erste was junge Pferde lernen müssen ist, dass Menschen verrückt sind. Menschen tun ständig Dinge, die aus Pferdesicht keinerlei Sinn ergeben. Sie haben keine Ahnung von den wahren Gefahren des Lebens und sie sind stets und ständig zu langsam (Pferde haben eine ungefähr doppelt so schnelle Reaktionszeit wie wir). Menschen sind blind, taub und blöd, halten sich aber für die Krone der Schöpfung. Wenn ein Jungpferd das gelernt hat, dann kann es herausfinden, dass die Zusammenarbeit sich trotzdem lohnt und dass es in der Menschenwelt durchaus sein kann, dass der Zweibeiner sich mal besser auskennt. Und wenn wir es geschickt anstellen, kann am Ende jeder von den Fähigkeiten des anderen profitieren. Nennt sich Domestizierung: die Pferde kommen in den Genuss von Futter, Wasser und Sicherheit im Austausch gegen die Leistungen, die sie für uns erbringen. Wenn es gut läuft, ist das ein durchaus sehr viel bequemeres Leben als in der Wildnis – wenn auch mit weniger Freiheit. Meine Welt wird zu seiner Welt – ein Stück weit. Und seine Welt wird ein winziges bisschen zu meiner Welt, wenn ich mich darauf einlasse.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 63

Jetzt will ich Euch doch mal von meinen Berufswünschen erzählen. Ich habe zwei Ideen. Die eine entstand so: Wir waren spazieren, mein Mädchen, der Mann, Diego und ich. Auf Wegen, die keiner von uns kannte. Mein Mädchen mag gern alles genau planen und daher hatte sie sich am Computer ausgesucht, wo sie mit uns langgehen will. Es stellte sich aber heraus, dass der Computer diesen Weg selbst länger nicht gegangen war und deswegen nicht wusste, dass er an einer Stelle ganz zugewachsen war (der Weg, nicht der Computer). Und so standen wir plötzlich vor zwei Büschen, die sich wohl sehr lieb hatten – jedenfalls küssten sie sich innig – und das mitten auf dem Weg! Der Mann meinte, wir sollten wohl lieber umdrehen. Aber das Mädchen hat den Computer gefragt und festgestellt, dass wir gar nicht weit vom nächsten breiteren Weg weg waren. Sie hat dann eine Erkundungstour gemacht, während wir auf sie gewartet haben und sie hat herausgefunden, dass es hinter den Büschen mit einem guten Weg weitergeht. Also sind der Mann und Diego der Große vorneweg durch die Büsche gegangen. Und mein Mädchen und ich hinter ihnen her. Mein Mädchen hat sich Sorgen gemacht (mal wieder) ob das so funktioniert, weil ich so was ja noch nie gemacht habe. Ich hatte das Picknick auf dem Rücken und auch noch die Jacken von den beiden Menschen und sie hatte Angst dass ich damit im Busch hängen bleibe und mich erschrecke. Aber ich habe mir überlegt: wo kein Weg ist, muss man eben einen machen! Und also habe ich angefangen, eine Lücke durch die Büsche zu fressen. Ist doch logisch! Fand mein Mädchen aber nicht. Sie hat mich weiter gezogen und geschimpft. Dann hat sie gesagt, manchmal wäre ich meinem großen Bruder doch sehr ähnlich. Der hätte auch immer geförstert wenn sie unterwegs waren. Wege freischneiden und so. Und weil sie fand ich habe das doch toll gemacht, hat sie gute Laune bekommen und angefangen zu singen: (zur Melodie von Reinhard Meys Lied „Klempner von Beruf“ zu finden zum Beispiel hier https://youtu.be/lMnpk_S0rXY )

   

Ich bin Förster von Beruf
ein dreifach Hoch dem der dies goldene Handwerk schuf
denn es gibt immer was zu beißen
noch ein Blättchen abzureißen
einen Ast in Form zu stutzen
und ein Zweiglein zu verputzen
ich bin Förster von Beruf
und braucht man keine Förster mehr
na dann werd ich halt Landschaftsgärtner    

Das ist also der eine Berufswunsch den ich habe. Mein Mädchen findet das nur so halb gut. Weil wir gar nicht vorwärts kommen wenn ich dauernd förstern muss. Da ist natürlich was dran! Obwohl, an der Kutsche im Trab hab ich es auch schon mal geschafft ein Zweiglein abzurupfen, vielleicht nur eine Übungsfrage…

Ich habe aber auch noch eine zweite Idee. Neulich kam nämlich eine Reitschülerin vom Mädchen. Die durfte Diego den Großen reiten. Ich bin ja noch zu klein für so was (sagt mein Mädchen) aber als sie Diego geputzt haben, hab ich mal charmant übers Stalltor geschaut. Das klappt ja immer. Prompt kam sie angelaufen und sagte zu meinem Mädchen „ich muss mal dem Influencer hallo sagen“. Dem was? Da musste ich mich dann doch erst mal erkundigen. Ein Influencer? Wikipedia hat mir weiter geholfen. Da steht sooooo ein langer Text dazu und ich hab gar nicht alles verstanden. Aber diesen Abschnitt hab ich kapiert:

„Erfolgreiche Beeinflusser verfügen über soziale Autorität und Vertrauenswürdigkeit. Sie zeigen Hingabe, verhalten sich konsistent, sind engagiert und wirken fachlich kompetent. Sie werden von ihren Followern als Experten angesehen und gelten dort als vertrauenswürdige Vorbilder, deren Meinungen und Empfehlungen beachtet werden.“

Und ich finde, das beschreibt doch genau… MICH! Also bitte, das ist mein zweiter Berufswunsch: Influencer! Auch davon ist mein Mädchen nur so halb begeistert. Sie sagt, es ist wichtiger, dass wir wirklich was zusammen erleben anstatt nur dauernd darüber zu quatschen. Aber bisschen drüber quatschen ist auch ok. Also mache ich einfach beides. Mal förstern, mal influencen.  Zack – Berufswahl geklärt!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 62

Ja ok das mit der Malerin und der Leinwand war geflunkert. Aber jetzt mal ehrlich: „Fotoshooting“ klingt nur halb so gut, oder? Das hat doch gar nicht so den rechten künstlerischen Touch.

Auf die endültigen Ergebnisse müssen wir jetzt geduldig warten, weil da noch nachbearbeitet werden muss – ist eben doch eher Malerei als Fotografie! – aber ich durfte schon mal reinspitzen und ich kann Euch sagen: es ist spektakulär! Euch werden die Augen ausfallen!

Aber jetzt will ich Euch nicht vorenthalten wie es lief. Also morgens um 4.30 Uhr kam schon unser Frühstück (endlich mal eine vernünftige Uhrzeit um zu frühstücken!). Um 5 Uhr tauchten dann mein Mädchen und der Mann auf um uns zu „polieren“. Also Bürste raus, Spray ins Wallehaar und los! Hat etwas geziept, das fand ich blöde. Mein Mädchen hat versprochen, nochmal ein besseres Spray zu kaufen mit dem es weniger ziept. Ansonsten bin ich ja ein sehr reinliches Pony, nur etwas Staub musste sie mir aus dem Pelz bürsten und schon sah ich perfekt aus. Noch perfekter als sonst, könnt Ihr Euch das vorstellen?

Um 5.30 kam dann die werte Künstlerin. Sie heißt Andrea und fand mich gleich toll. Dann hat sie Diego gesehen…. er ist einfach meine stärkste Konkurrenz wenn es um die Herzen der Damen geht! Zack – war sie ihm verfallen. Naja, er ist ja mein Adoptiv-Papa und ich schau mir einfach noch genau ab wie er das macht. Tja und dann ging es los. Auf die Wiese, mitten rein ins hohe Gras, Halfter ab und stillstehen, nicht essen, nach hier schauen, nach da schauen, etwas mehr so herum oder so herum, zwischendurch die Haare wieder richten.

Es waren noch ganz viele Leute da und die haben immer komische Sachen gemacht weil ich zu denen schauen sollte. Aber ich hab immer mein Mädchen angeschaut! Schließlich hat der Mann sich neben mich gestellt und mir gesagt ich soll stehenbleiben und mein Mädchen ist ein Stück weggegangen. Das hat sie gemacht damit ich richtig gucke. Und ich hab richtig geguckt, nämlich immer zu ihr! Sie fand das soooooooo süß von mir, dass ich sie nicht aus den Augen gelassen hab und mich nicht habe ablenken lassen von all den anderen. Sie ist eben die wichtigste Person in meinem Leben, das ist doch klar!

Dann musste ich beim Mann warten, mein Mädchen ist noch weiter weggegangen und hat mich gerufen und ich bin zu ihr gelaufen. Und schon war sie wieder ganz entzückt, was ich schon für tolle Sachen kann! Klar, Mädchen, kann ich.

Diego der Große war auch immer mal wieder dran. Der hatte das auch voll drauf mit dem Posen und schön aussehen!

Und dann kam der Action- Part, da sollten Diego und ich gaaaaaaanz schnell über die abgefressene Wiese rennen! Ich war da nicht so überzeugt. Also Trab reicht doch auch oder? Aber alle Menschen die da waren haben mich so doll angefeuert bis ich schließlich auch mal galoppiert bin.

Dann war Pause. Die Menschen haben gefrühstückt und wir Ponys haben auch noch mal gefrühstückt. Frühstücken ist ja so was Feines, das kann man gar nicht oft genug machen! Danach kam dann noch was ganz lustiges, da haben sie ein großes schwarzes Tuch in unserer Scheune gespannt und wir sollten davor posieren. Ganz schön kompliziert – so herum stehen aber anders herum gucken, immer die Ohren nach vorne, mein Mädchen im Auge behalten aber nicht hingehen …. die kritische Künstlerin war ganz schön anspruchsvoll! Ich habe mich ganz doll angestrengt alles richtig zu machen. Bis ich mich gar nicht mehr konzentrieren konnte. Da hat mein Mädchen gesagt dass ich alles toll gemacht habe und hat mich in den Stall gebracht. Mir hat echt der Kopf geschwirrt!

Was soll ich machen? Mein Mädchen hat es mir immer ganz genau erklärt.

Aber wirklich, ich verspreche es Euch: das Ergebnis kann sich sehen lassen! Ich werde Euch natürlich die Bilder hier zeigen. Und wenn Ihr schon mal eine Ahnung bekommen wollt, schaut doch mal unter wolfsmomente.de  oder bei Facebook unter wolfsmomente (dort ist sogar schon ein Bild von mir zu sehen!)

Euer stolzer Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. mein Mädchen ist wieder mal total hin und weg von mir!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 61

Liebe Menschen, ich bin schon ganz aufgeregt! Morgen ist es endlich so weit: Da kommt eine Malerin die mein ritterliches Konterfei auf Leinwand bannen wird.

Mein Mädchen sagt, wenn es nachher etwas kühler ist, üben wir nochmal das Posen. Damit ich morgen ganz genau weiß, wie ich am schönsten aussehe. Und dann heißt es früh ins Bett gehen, denn die Malerin möchte mich im Morgenlicht porträtieren und kommt daher bereits vor Sonnenaufgang! Ob mein Mädchen da die Augen überhaupt schon auf bekommt? Naja sie hat gesagt es reicht ja, wenn ICH schön aussehe, sie soll ja nicht mit auf das Bild. Und ich sehe ja auch wirklich schön aus – wer will das bestreiten? Auch morgens vor Sonnenaufgang seh ich schon schön aus.

Jedenfalls müssen wir dann also heute Abend ganz früh ins Bett damit mein Mädchen ausgeschlafen ist. Und wenn ich nicht schlafen kann, was mache ich dann? Da hatte mein Mädchen einen guten Tip: Schäfchen zählen!

Na dann gute Nacht!

Euer aufgeregter Sir Duncan Dhu of Nakel

Rosarot

„Warum“ fragt meine Freundin, während ihr Pony am Strick um sie herum tanzt „wird eigentlich immer alles so rosarot dargestellt? Das ist doch wie beim Kinder kriegen“ (zur Erläuterung: sie hat zwei Kinder, ich keins) „da erzählen dir die Leute auch: in dem Moment wo das Kind dann da ist hast du die Schmerzen der Geburt vergessen. So ein Blödsinn! Du bist einfach nur froh dass du das überlebt hast und dann hast du so einen Wurm im Arm der auf einer Frequenz schreit die dir ganz klar sagt, dass du das mit dem schlafen für die nächsten Monate vergessen kannst!“

Ich muss kichern. Sie schimpft in einer Tour wie ein Rohrspatz. Zwischendurch versucht sie, ihr Pony zur Vernunft zu bringen – allerdings ohne Erfolg. Er hat heute wohl wieder mal Pubertät. Die 4,7km die wir zurücklegen sind geprägt von den Streitereien der beiden, die sich schließlich so steigern, dass ihr Pony sie beißt. Der Ritter ist derweil recht entspannt, etwas flotter vielleicht als sonst, aber doch manierlich unterwegs. Zum Glück ist er keiner, der sich anstecken lässt von dem Gehampel seines Spaziergehkumpels.

Tja, warum wird alles so rosarot dargestellt? Ich komme nicht dazu, darüber nachzudenken, denn der Rohrspatz – alias meine Freundin – legt wieder los „und mit Hunden ist es doch genauso! Da gibt es dieses Buch „ein Welpe zieht ein“ und da ist alles süß und niedlich und keiner sagt dir dass die verdammt spitze Zähnchen haben und alle zwei Stunden raus müssen und alles zerkauen was nicht bei drei auf dem Baum ist!“

Ich glaube mittlerweile hat sie genauso schlechte Laune wie ihr Pony. Ich hingegen muss lachen, weil es einfach zu lustig ist, ihr Geschimpfe zu hören.

Zwischen ihren Schimpftiraden erinnere ich sie daran, dass heute der Tag ist, an dem sie sich an die „Genießen, genießen, genießen“ – Momente erinnern kann. Das sind jene wunderbaren Momente in denen alles rund läuft und unsere Ponys einfach nur die besten Ponys der Welt sind. Da wir beide junge Ponys haben und genau wissen, dass wir nicht davon ausgehen können dass es morgen oder nächste Woche wieder so läuft, erinnern wir uns in diesen Momenten gegenseitig daran, dass wir sie abspeichern wollen. „Genießen, genießen, genießen!“ Manchmal sind das auch nur kleine Augenblicke in einem Spaziergang voller Diskussionen und merkwürdiger Pony-Ideen. Dann kann es passieren dass einer von uns sagt „genießen, genießen… vorbei.“

Wenn es hart auf hart kommt, hilft dann nur noch, dass eine zur anderen sagt: „sprich mir nach: ich liebe mein Pony, ich liebe mein Pony, ich liebe mein Pony“

Tja, warum ist alles rosarot? Als ich schließlich dazu komme, darüber nachzudenken, fallen mir viele meiner Kunden ein. Die einen, die immer glückselig sind und ihr Pferd einfach nur lieben – völlig egal was es tut. Die anderen, die sich ständig Sorgen machen, dass sie etwas falsch machen oder es ihrem Pferd nicht gut geht. Die, die nie zufrieden sind, auch wenn ihr Pferd schon gute Ansätze zeigt. Alle haben eins gemeinsam: sie sind freiwillig Pferdebesitzer. Sie investieren viel Zeit und Geld in ihr Pferd – manche nur einen Teil, manche alles was sie haben – und also müssen sie ja gute Gründe haben.  Und deswegen, glaube ich, sehen wir Dinge gern rosarot. Bis auf gelegentliche Anfälle, bei denen wir uns kurz überlegen wofür wir das alles eigentlich machen, sind wir doch froh, unsere Pferde zu haben und wir finden, dass die positiven Aspekte der Pferdehaltung die negativen mehr als wett machen. Und wenn ich überlege, wie es manchmal ist, im Winter, wenn der Regen hier in Schleswig-Holstein waagrecht fällt bei 3 Grad in den Stall zu gehen und Äppel zu sammeln, dann braucht es einen großen Anteil an positiven Aspekten als Ausgleich.

Ich finde, wir dürfen die Dinge ruhig rosarot sehen. Die Menschen, die das nicht tun, hören nämlich oft alsbald auf, Pferde zu halten. Ich merke bei mir selbst, wie wenig Lust ich derzeit habe, wieder einen Hund anzuschaffen, weil in meinem Kopf eine – vielleicht realistischere – Vorstellung davon besteht, wie viel Zeit und Arbeit ich investieren müsste um wieder einen Hund auszubilden und weil ich sehe, dass Sir Duncan all meine Zeit und Energie in Anspruch nimmt – mit steigender Tendenz je älter er wird. Aber vielleicht kommt der Tag an dem ich plötzlich die rosarote Brille wieder auf habe und die Rechnung wieder anders ausfällt, weil der Spaß und die Freude überwiegen. Wer weiß?

In jedem Fall tun wir gut daran, uns vorher zu überlegen, ob es uns das wert ist. Man weiß zwar nie genau, was einen so erwartet, aber eine grundsätzliche Vorstellung kann man sich ja schon machen, wie viel Zeit und Geld so ein Tier wohl in Anspruch nimmt. Und sich fragen, ob auch diese Tage, an denen alles schief geht und das liebe Pony plötzlich den feuerspeienden Drachen mimt, die rosarote Brille die Realität noch ausreichend einfärben wird um das zu überstehen, um es am nächsten Tag wieder zu versuchen, um in die Ausbildung des Pferdes zu investieren, ständig selbst dazu zu lernen und sich einzulassen auf die individuellen Eigenheiten und Marotten des vierbeinigen Gefährten.

Fragt mich einfach wieder wenn Sir Duncan den nächsten Pubertätsschub hat……

Bis dahin sammle ich weiter die „Genießen, genießen, genießen“ – Momente, so dass ich einen großen Vorrat habe und alles schön rosarot bleibt.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 60

Liebe Menschen,

ich habe Euch ja noch sooooo viel zu erzählen! Von einer Begegnung der dritten Art, von meinen Berufswünschen und der Meinung meines Mädchens zu diesem Thema, von kaltem Wasser an warmen Tagen, von meinem pubertären Spaziergehkumpel und von meinen sportlichen Betätigungen. Aber diese Woche wird mein Mädchen wieder ziemlich viel arbeiten (damit sie Geld verdient von dem sie unser Futter bezahlt! Besonders das vom Zauberer natürlich. Wir anderen werden im Moment vom Gras satt) und wenn sie dann mal nicht arbeiten muss dann will sie wohl lieber etwas mit mir unternehmen anstatt am Computer zu sitzen und meine Texte zu tippen – das finde ich auch besser.

Deswegen habe ich gedacht ich schreibe Euch jetzt noch mal ganz schnell dass ich gestern wieder als Handpferd unterwegs war und ich habe das ganz hervorragend gemacht! Diesmal bin ich fast die ganze Strecke als Handpferd gelaufen. Der Mann musste die ganze Strecke den Drahtesel reiten und mein Mädchen ist Diego geritten – ob sich da jetzt doch mal eine Rangordnung herauskristallisiert? Und der Mann hat mich nur an einer Stelle an den Strick genommen als wir im Wald über einen kleinen Bachlauf gehen mussten. Hätte ich auch so geschafft aber die Menschen wollten sicher gehen dass wir Ponys uns nicht wehtun weil da so große Steine waren.

Wir sind auch ganz viel getrabt, das war toll! Mein Mädchen meint dann immer ich sei ihre kleine Dampflok. Nicht dass ich schnaufen, tuten und dampf spucken würde. Aber sie sagt meine Beine sind wie Kolben die so rauf und runter gehen. Meine Rücken bewegt sich ja fast gar nicht, das ist bei uns Schotten so. Aber meine Beine arbeiten fleißig und deswegen findet sie ich sehe aus wie eine Dampflok. Na so lange sie mich toll findet ist mir alles recht. Und sie findet mich toll! Drei mal haben wir auch den Seitenwechel geübt – erst bin ich rechts von Diego gelaufen, dann links, dann wieder rechts und zum Schluss nochmal links. Und Diego und ich haben den Seitenwechsel voll gut gemacht sagt mein Mädchen. Diego musste stehen bleiben und ich hinten um ihn herum gehen. Später will mein Mädchen das auch im Gehen machen.

Seht ihr wie sie grinst? Weil ich das so toll mache.

Alles in allem ein großer Spaß!

So, habt eine schöne Woche! Bei uns soll es richtig warm werden, da wird mein Mädchen wohl ordentlich ins Schwitzen kommen bei der Arbeit!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 59

Jetzt darf ich endlich mit dem Geburtstagsgeschenk spielen, dass der Mann meinem Mädchen gemacht hat. Das ist toll: sie hat Geburtstag und wir Ponys bekommen das Geschenk! Ob sie dann ein Geschenk bekommt wenn ich demnächst Geburstag habe? Hmmmm…

Na jedenfalls hat sie sich ja gewünscht dass er die Wippe (er sagt Schaukel) repariert. Diego und Merlin kennen das Ding schon, die sind schon fast Profis. Sagen wir mal: mein Mädchen hat da jetzt so ein online-Seminar gemacht und sagt die beiden könnten das NOCH besser machen – hatte ich schon mal erwähnt, dass sie nie zufrieden ist? Aber ich bin ja noch Anfänger, sagt mein Mädchen. Wobei – raufgehen und draufbleiben konnte ich sofort. Ist für viele wohl schon ein größeres Abenteuer. Ich kann so was natürlich. Jetzt soll ich lernen es ganz richtig zu machen. Alle 4 Hufe stehen still, Nase geradeaus und dann vor-zurück-vor-zurück.

Anstrengender als es aussieht!

Ich kann Euch sagen das ist gar nicht mal so einfach wie es sich anhört! Da braucht man Muckis für! Und das ist auch genau der Plan. Mein Mädchen steht ja auf meinen schönen runden Po und der soll noch etwas knackiger werden. Weil sie den später beim Kutsche fahren immer vor sich sieht und da will sie ja bitte was Schönes zu gucken haben. Ja, das kann ich verstehen. Ich schau auch gerne der Stute von nebenan….

Oh jetzt muss ich aufhören, sie guckt schon wieder so böse!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Entscheidungen

Diesen Dienstag hatten wir so eine Art Jahrestag, Duncan und ich. Am 28.7.2019 habe ich diesen einen Satz gesagt „ich möchte ihn gern kaufen“. Und dieser Satz hat unser beider Leben verändert.

Wie treffen wir Entscheidungen? Häufig möchten wir ja gern glauben, dass Entscheidungen etwas total rationales sind. Dass wir aus Vernunftgründen und nach gründlicher Abwägung der Argumente entscheiden. Wenn wir dann Menschen um uns herum beobachten, stellen wir oft fest, dass die ANDEREN sehr unvernünftige Entscheidungen treffen. Erstaunlich…. Und die Werbeindustrie weiß schon lange, dass Entscheidungen oft sehr wenig mit Vernunft zu tun haben.

Die Entscheidung, ein junges Pferd zu kaufen, dass ich 15 Minuten gesehen habe, war vielleicht die unvernünftigste meines Lebens. Ich war nach Finlays Tod im Ausnahmezustand – und ich wusste es. Ich habe mich immer wieder gefragt ob ich in diesem Zustand überhaupt etwas so wichtiges entscheiden sollte.

Aber dann ist da ja neben der Vernunft und dem Kopf auch immer noch das Bauchgefühl und das Herz. Das Herz, das will, was es eben will. Der Bauch weiß viele Dinge und das ist ja mittlerweile auch allgemein anerkannt dass so ein Bauch ziemlich schlau sein kann.

Mein Kopf hat nur noch einen Job gehabt: nach Ausschlusskriterien suchen. Rausfinden ob es einen triftigen Grund gibt, warum ich Duncan NICHT kaufen sollte. Zum Beispiel Anzeichen für eine Krankheit oder ernste Fehlstellung, Anzeichen dass die Elterntiere nicht gesund sind oder Anzeichen dafür, dass wir es mit Betrügern zu tun haben.

Aber so wie damals, als wir Diego für Arnulf gekauft haben, haben wir uns den Job geteilt, nur diesmal anders herum. Arnulf hat weitgehend den „Kopfpart“ übernommen und die Augen aufgemacht um Ausschlusskriterien zu entdecken, während ich mich mehr mit meinen – sehr verwirrenden – Gefühlen beschäftigt habe. Übrigens etwas was ich jedem empfehlen möchte der ein Tier kauft: nehmt jemanden mit, der sich bewusst emotional möglichst weit raus hält.

Zum Glück haben wir keine Probleme finden können die einen Kauf leichtsinnig oder unvernünftig gemacht hätten und also….

Das alles war diesen Dienstag ein Jahr her (Sir Duncan hat Euch romantisch davon berichtet).

Ein Jahr kann eine sehr kurze und zugleich eine sehr lange Zeit sein, das stelle ich immer wieder mal fest. In diesem Fall hat sich in diesem Jahr für mich so vieles verändert, dass es mir manchmal vorkommt wie aus einem anderen Leben.

In jedem Fall war die Entscheidung, Duncan zu kaufen die beste Entscheidung die ich nach Finlays Tod getroffen habe.

Duncan präsentiert sich jeden Tag so, wie ich ihn an jenem Entscheidungstag wahrgenommen habe: er ruht in sich selbst, mag gern Abenteuer erleben und möchte gern rausfinden, was ich möchte dass er tut. Er ist nicht übermäßig bemüht zu gefallen, aber er mag Dinge schon gern richtig machen.

Tage, an denen er bewusst streiten wollte, hatten wir bisher sehr wenige – ich würde sagen nur einen. Kann zwar noch kommen, aber wenn das so unsere Basis und sein Grundcharakter ist, dann ist er genau so, wie ich ihn mir vorgestellt habe.

Und ganz anders ist er auch – nämlich jetzt schon viel erwachsener. Was mir zugute kommt, denn so musste ich nicht so lange auf unsere ersten gemeinsamen Abenteuer warten wie ich ursprünglich dachte.

Ich bin froh, dass ich nur selten so große Entscheidungen treffen muss wie diese.

Trotzdem treffe ich natürlich jeden Tag viele Entscheidungen – wie gehe ich mit meinen Pferden um, was verlange ich, was verlange ich nicht, wie verlange ich es und wann? Welche Kompromisse gehe ich ein, was ist mir sehr wichtig und was ist mir eigentlich egal? Welche Prioritäten setze ich in der Ausbildung?

Aber auch meine Pferde treffen jeden Tag Entscheidungen. Wie Pferde Entscheidungen treffen bleibt für mich manchmal genauso rätselhaft wie menschliche Entscheidungen.

Meine Lieblingsgeschichte an dieser Stelle ist immer die von der Hufbadestelle. Diese Hufbadestelle war genauso aufgebaut wie das „schwarze Loch“ von dem Duncan Euch neulich berichtet hat: ein Holzrahmen in den man Teichfolie gelegt hatte und das ganze dann mit Wasser gefüllt, ca 15-20cm tief. Ich kam zu meiner Schülerin und sie und ihr Pferd standen vor diesem schwarzen Loch. Sie hatte bereits ihr ganzes (beträchtliches) Können und Wissen angewendet um ihr Pferd dazu zu bewegen, da rein zu gehen, aber das Pferd hatte nicht die Absicht das zu tun.

Ich nahm ihr den Strick ab und stellte mich in eine gute Position. Dann wartete ich. Das Pferd versuchte, vorbei zu gehen, was ich ihm verbot. Ansonsten tat ich nichts. Ich hatte ein ganz kleines bisschen Zug am Strick, gerade so dass ich sicher war, dass das Pferd weiß, was ich möchte. Dann standen wir da. Meine Schülerin sagte „da kannst Du jetzt lange stehen“. Ein übrigens sehr beliebter Satz bei Pferdeleuten, fällt mir auf. Der Tonfall sagt – je nachdem wer den Satz sagt – entweder „das wird doch nichts“ oder „der Gaul ist stur“ oder „du bist ja vielleicht bescheuert“. Manchmal auch alles drei gleichzeitig.

Ich stand also da mit dem Pferd. Und wir standen und standen. Das Pferd sah aus als würde es dösen. Und dann, mit einem Mal, traf dieses Pferd eine Entscheidung. Und es ging ohne Zögern in aller Ruhe ins Wasser. Kein wildes Springen, kein Erschrecken, kein Stocken. Ging mit mir einmal durch, von der anderen Seite wieder durch und wiederholte das Ganze dann mit der Besitzerin. Thema erledigt.

Ich habe keine Ahnung, was in diesem Pferd vor sich gegangen sein mag. Aber irgendwie war mir klar, dass das das ist, was das Pferd braucht: Zeit zum „Nachdenken“. Nun findet Nachdenken ja sicherlich bei Pferden nicht so statt wie bei uns Menschen (schon allein weil wir Menschen in Sprache denken die Pferde nicht haben) aber es findet eben irgendeine Form der Informationsverarbeitung statt. Und dann wird eine Entscheidung gefällt – so oder so. Ich habe durchaus auch Pferde gesehen die in so einer Situation anders entschieden haben, die dann zum Beispiel plötzlich zurück gesprungen sind. Aber in diesem Fall lief es genau wie geplant. Und es kam mir so vor als ob der gesamte Prozess, den Pferde sonst manchmal aktiv durchlaufen – erstmal einen Huf ins Wasser, etwas vor, etwas zurück, vielleicht mal schnell durch, dann wieder neu ansetzen – im Kopf dieses Pferdes abgelaufen wäre und als es dann anfing sich zu bewegen war die Verhaltensweise komplett „fertig“.

Dieser Tag hat nicht nur der Besitzerin des Pferdes sondern auch mir eine Menge zu denken gegeben. Und wann immer ich die Möglichkeit habe, es so zu machen (weil der Besitzer mir vertraut oder weil es mein eigenes Pferd ist) versuche ich, die Dinge so zu lösen.

Die Vorstellung, dass wir einen großen Anreiz setzen müssten, damit ein Pferd solche Dinge tut – in den Anhänger steigen oder eben in ein Wasserloch – ist oft verkehrt. Pferde sind in der Regel durchaus gewillt, diese Dinge zu tun. Weil sie es interessant und bereichernd finden und/oder weil sie uns gefallen wollen. Natürlich können wir mit Anreizen aller Art den Prozess beschleunigen, aber manchmal tun wir uns keinen großen Gefallen damit. Die Kunst besteht wohl darin, zu wissen, wann es gut ist, zu helfen und wann es besser ist, die Entscheidung des Pferdes abzuwarten.

Ich vermute, dass das auch damit zusammenhängt was ein Pferd bisher für Erfahrungen gemacht hat. Hat es gelernt, dass es Zeit bekommt, Dinge zu „durchdenken“ und dass es dann eine Entscheidung treffen kann und eine Rückmeldung bekommt? Oder wartet es darauf, dass man ihm sagt, was es tun soll und fällt einfach ins Nichts-tun wenn man ihm keine Handlungsanweisung gibt? Und wo ist diese magische Grenze wann diese beiden Pole zu Extremen werden die ungesund sind? Ich möchte ja auch nicht unbedingt, dass mein Pferd immer selbst entscheidet, schon gar nicht, wenn das länger dauert. Ich meine, wenn gerade ein Auto kommt, dann muss ich sehen, dass mein Pferd sich so verhält, dass es für uns alle ungefährlich bleibt. Für einen langwierigen Entscheidungsprozess bleibt da einfach keine Zeit. Andererseits möchte ich mein Pferd ja auch nicht zu einem Roboter machen, der nur etwas tut, wenn man auf den Startknopf drückt.

Und schon ist da wieder ein schmaler Grat, auf dem es zu balancieren gilt.

Am besten ist es natürlich wenn ich es schaffe, dass mein Pferd lernt, möglichst viele gute Entscheidungen zu treffen – also ich meine: in meinen Augen gute Entscheidungen. Meine Aufgabe ist es dann, dafür zu sorgen, dass das Pferd seine eigene Entscheidung auch im Nachhinein als gut empfindet weil etwas aus Pferde-Sicht Gutes dabei herauskommt.

Und genau das ist passiert an jenem Tag vor einem Jahr. Duncan und ich standen am Anhänger und alles was ich ihm gesagt habe, war, dass er jetzt nicht weggehen darf. Danach habe ich ihn entscheiden lassen. Er hat entschieden, ganz gemach Schritt für Schritt in den Anhänger zu gehen und bekam dort einen Keks von mir. Im Video sieht es leider so aus als würde er mehr Kekse bekommen aber tatsächlich gab es nur ganz oben einen. Ich hatte ihn nicht gebeten, auf den Anhänger zu gehen (zumindest nicht direkt. Mein Wunsch war es natürlich schon und da man sich dann automatisch entsprechend bewegt wird Duncan schon klar gewesen sein was ich möchte).

Einfach mal schauen was passiert – ich glaube das war unser beider Gedanke.

Und das war dieser Moment in dem ich mir sicher war: das passt. Das ist das Pony das ich will. Und seitdem hat Duncan schon sehr viele Entscheidngen getroffen, die mir gut gefallen haben. Die Entscheidung, öfter mal vorneweg gehen zu wollen ist da ein gutes Beispiel. Eine Entscheidung, die mir früher, als ich gerne Freiarbeit machen wollte, nicht gut gefallen hätte. Aber jetzt, wo ich vom Kutsche fahren träume, kommt sie mir sehr gelegen. Und jedes Mal wenn er vor mir her marschiert, weiß ich wieder: ich habe auch eine gute Entscheidung getroffen in jenem Moment als ich sagte „ich möchte ihn gern kaufen“.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 58

Liebe Menschen, heute ist mir etwas romantisch zumute. Heute vor einem Jahr haben wir uns nämlich das Ja-Wort gegeben, mein Mädchen und ich. Schaut mal, wie klein und dunkel ich damals noch war!

Wir sind uns einig: wir lassen uns gemeinsam auf ein großes Abenteuer ein!

Das war ganz schön abenteuerlich! Wir kannten uns ja kaum. Aber es war eben Liebe auf den zweiten Blick und wir waren uns beide sicher dass das klappt. Bis ich dann wirklich bei ihr einziehen konnte, hat es noch lange gedauert und dann hat es lange gedauert bis die Herde mich akzeptiert hat. Aber danach ging es steil bergauf und jetzt sind wir schon ein richtig gutes Team, mein Mädchen und ich. Sie hat wirklich gute Fortschritte gemacht und schon viel gelernt! Ich bin sehr stolz auf sie.

Wollte ich Euch nur kurz erzählen!

Euer romantischer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 57

Ich soll jetzt etwas neues lernen. Nämlich allein in der Wackelkiste stehen. Das ist ganz einfach: Normal einsteigen wie immer, dann macht mein Mädchen alles zu, ich knabbere etwas Heu und nach einer Weile kommt sie und serviert mir meine Schüssel. Da ist das drin was sie „Schmackofatz“ nennt. Aber im Moment ist es eher „Schmatzofatz“.

Da ist nämlich so ein Schleim drin, der soll total gesund sein. Aber er schleimt und klebt und macht das essen doch ziemlich schwierig. Und nachher klebt das Schmatzofatz überall: an meiner Nase, an meinem Halfter, an meinem Mädchen – ups, tschuldigung!   Dann sagt sie ich soll mir die Nase mal lieber ordentlich abwischen. Aber nicht an ihr! Ja wo denn sonst? Manchmal lacht sie auch weil ich es sogar an den Ohren kleben habe!

Lecker war´s…..

Naja wenn ich dann wieder ausgestiegen bin dann findet sich ein Platz zum Nase abwischen. Merlin zum Beispiel. Bei dem sieht man das auch richtig gut wenn er dann auf seinem weißen Fell so grünbraune Flecken hat. Dafür lutscht er mir dann die Ohren sauber, auch gut.

Ich mag die Wackelkiste. Da passieren immer feine Sachen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel