Charakterfragen

Immer wenn ich erzähle, dass ich jetzt das zweite Highlandpony habe und der Rasse total verfallen bin, kommt die unvermeidliche Frage „wie sind die denn so, die Highlandponys?“

Tja, wie sind die so? Wie sind denn „die Warmblüter“, „die Haflinger“ und „die Shetlandponys“?

Ich kann ja mal ein paar Klischees und Vorurteile raushauen. Ihr dürft mir gern widersprechen. Das was ich jetzt schreibe spiegelt lediglich meine persönliche Meinung und Erfahrung wieder und Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.

Meistens, so finde ich, macht es Sinn, sich zu fragen, wofür eine bestimmte Rasse ursprünglich gezüchtet wurde. Das Warmblutpferd zum Beispiel ist – in meinen Augen – ein Soldat. Das hören manche Menschen nicht so gern und ich kann das verstehen, meine es aber gar nicht wertend. Ich schaue nur zurück und sehe die Warmblüter in großen Gruppen in der Kavallerie losziehen. Und später dann sind sie Sport- und Turnierpferde geworden und das ist irgendwie nicht so weit weg davon, denn beides sind auf eine Art Befehlsempfänger. Viele Pony-Besitzer mit denen ich spreche stimmen mit mir darin überein dass die absurden Dinge, die man mit Warmblütern im Sport (leider immer noch) tut, mit Ponys gar nicht möglich wären – weil sie sich das nicht gefallen lassen würden. Warmblüter scheinen – im Durchschnitt – viel schneller bereit zu sein, sich unterzuordnen und für den Menschen auch über ihre Grenzen zu gehen als zum Beispiel der Durchschnitts-Norweger.

Wenn ich dann wiederum Kaltblütern begegne, so empfinde ich genau umgekehrt. Viele Rassen, die für die schweren Arbeiten genutzt wurden (und teilweise werden) sind selbständiger, gerade Holzrückepferde tragen große Verantwortung und müssen auch viel selbst schauen (und dennoch aufs leisteste Wort genau horchen – eine unglaubliche Kombination wie ich finde). Kaltblüter empfinde ich oft als „Männerpferde“ (vorsicht Klischee) weil sie nicht so gern betüddelt, gekuschelt und begöscht werden. Sie wollen oft einfach nur wissen, was der Job ist und dann geht das los. Gibt man ihnen freundliche aber sachliche Anweisungen, sind sie wunderbar zufrieden.

Und das Highlandpony? Das Highlandpony wurde vor allem genutzt um geschossene Hirsche den Berg herunter zu tragen. Das ist eine der ursprünglichsten Aufgaben die diese Ponys so haben – manche machen diesen Job noch heute. Und dann überlege ich, was es dafür braucht. Mut, gute Trittsicherheit, Stärke (denn Hirsche sind nun mal keine Elfen). So wie ich es gelesen habe, verlassen die Menschen sich darauf, dass das Pony in den schwierigen Bedingungen der Highlands den besten Weg findet.  Viele Highlandponybesitzer berichten, dass ihre Ponys all das gern tun was man draußen tut. Auf dem Reitplatz hingegen stellen sie gern mal die Sinnfrage und wollen – je nach individueller Ausprägung – überzeugt werden oder machen einfach gar nicht mit.

Und dann denke ich ja immer: die Menschen haben schon immer Pferde gezüchtet die ihnen gefallen haben, optisch und charakterlich.  Ich bin noch keinem Schotten persönlich begegnet, aber es gibt ja so gewisse Vorurteile über sie – wie über jedes Volk. Grundsätzlich finde ich, die „native breeds“ also alle britischen Pferderassen sind oft das, was ich als „typische Ponys“ empfinde. Selbstbewusst, sehr dem Menschen zugewandt aber nicht so sehr mit dem ausgestattet was man „will to please“ nennt, den unbedingten Willen zu gefallen. Sie wollen doch gern auch  ein Wörtchen mitreden und sie sind nicht zu allem bereit, sondern entscheiden generell gern mal selbst, was und wen sie mögen oder nicht mögen. Das macht sie oft etwas schwieriger auszubilden als andere Pferde und gleichzeitig sind sie, wenn man sie einmal von sich überzeugt hat, bereit, sich sehr auf ihren Menschen einzulassen und mit ihm zusammenzuarbeiten und durch dick und dünn zu gehen. Aber da liegt eben der Schlüssel: in der Zusammenarbeit. Es ist viel öfter eine Beziehung auf Augenhöhe, weil diese Ponys das viel mehr einfordern, als andere Rassen.

Und ich vermute, dass das eben auch im Naturell jener Menschen begründet liegt, die die Rassen ursprünglich gezüchtet haben, während andere Völker andere Rassen gezüchtet haben (und zu anderen Zwecken.) Obwohl ich es nicht mit Sicherheit weiß, stelle ich mir das Highlandpony als Partner in allen Lebenslagen vor, was auch immer gerade ansteht. Sie können ja wohl kaum nur zur Jagdsaison gearbeitet haben, sicherlich haben sie bei den schottischen Bauern früher auch jede andere Arbeit gemacht. Und so sind sie heute als vielseitige Rasse bekannt, sie sind keine Spezialisten für eine bestimmte Sportart.

Schaue ich nun meine beiden Highlandponys an, so sehe ich große Unterschiede schon innerhalb dieser Rasse. Finlay zum Beispiel hat gern Probleme selbst gelöst. Er konnte – als einziges unserer Ponys – Äpfel aus der Tränke herausfischen. Er hat einfach so lange verschiedene Taktiken ausprobiert, bis er wusste, wie das geht. Duncan hingehen – obwohl er genauso auf Futter versessen ist wie Finlay es war – geht das Thema anders an: er sucht sich Hilfe. Als neulich die Möhren auf dem Grund der Tränke lagen hat er sich zielsicher jene Person geschnappt, die ihm am ehesten helfen würde – und sie hat geholfen. Es lief dabei etwas mehr nach seinen Regeln als nach ihren, aber insgesamt fand sich ein guter Kompromiss. Finlay hingegen war nicht für Kompromisse zu haben. Ihn auszubilden war eine große Herausforderung für mich, denn bei ihm galt der alte Spruch „du musst Deine Idee zur Idee des Pferdes machen“. Sonst lief da nichts. Finlay war nie ratlos, der wusste sich immer zu helfen und hatte dabei manch schräge Idee auf Lager. Duncan hingegen ist schnell mal ein bisschen verzweifelt, wenn er nicht genau versteht, was er tun soll. Dann kommt der Vorderfuß hoch und wedelt in der Luft und ich weiß inzwischen, dass ich ihm dann helfen soll. Er weiß nicht, was zu tun ist und er ist nicht der Typ, der sich dann etwas ausdenkt. Jetzt, wo sein Repertoire an Verhaltensweisen langsam größer wird, bietet er dann gern alles an, was jemals zum Erfolg geführt hat, in relativ schneller Folge und mit großem Enthusiasmus. Auch das wäre Finlay nie passiert. Wenn ich das, was er im Angebot hatte, blöd fand, na dann eben nicht. Dann stand er eher da, schaute mich an und schien zu sagen „wer nicht will der hat schon“.

Wie sind sie nun also „die Highlandponys“? Unterschiedlich. Aber was zumindest meinen beiden Ponys gemein ist (und wonach ich gezielt gesucht habe) ist ihr Selbstbewusstsein. Auf seine Art ist Duncan genauso überzeugt von sich wie Finlay es immer war. Und in genau dieser selbstbewussten Art hat er mir nun eben auch gezeigt: Möhren ins Wasser zu werfen ist eine ganz und gar bescheuerte Idee und Probleme die ICH geschaffen habe, habe ICH auch zu lösen (oder ein anderer Mensch). Seine Sache ist das nicht.  Und ich habe wieder etwas über ihn gelernt.

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