Weil ausreiten ja nicht so irre viel Spaß gemacht hat, haben wir diesen Dienstag mal was anderes gemacht. Das Mädchen vom Ausreitkumpel hat mal wieder ihr anderes Ich ausgepackt und war unsere gestrenge Fahrlehrmeisterin. Ich bin komplett angeschirrt worden – mit Gebiss und Blendklappen – und dann ging es auf den Reitplatz. Mein Mädchen hat gezeigt wie wir das geübt haben (bisher haben wir es nur einmal mit Gebiss probiert). Dann hat die gestrenge Fahrlehrmeisterin übernommen und mit der ging es noch viel geschmeidiger! Wir müssen eh zusammen auch bisschen üben, weil sie am Anfang diejenige sein wird, die die Leinen führt, wenn ich dann irgendwann wirklich vor der Kutsche laufe. Die kann mir das so toll erklären, da weiß ich gleich präzise wo es lang geht. Mein Mädchen ist manchmal etwas flatterhaft mit den Leinen und dann geraten wir ins Schwanken und ins Schwenken. Also musste mein Mädchen üben, wie sie die Leinen besser führt. Wenn wir es raus hatten, hat die gestrenge Fahrlehrmeisterin immer „gut! Gut!“ gesagt. So sind wir ein paar Kurven und ein paar Slaloms gelaufen und dann waren wir auch schon wieder fertig. Mein Mädchen hat gesagt, ich hätte alles toll gemacht und die einzige die das noch üben muss ist sie. So einfach wie es aussieht ist es nämlich gar nicht! Und ganz anders als reiten, sagt mein Mädchen. Ihr wisst ja, ich bin da pragmatisch: Hauptsache die Keksrate stimmt. Wobei wir da noch experimentieren welche Kekse ich mit Gebiss gut essen kann, da kämpfe ich gelegentlich noch etwas.
Ich bin ja Schotte, wie ihr wisst. Und die schottische Nationalpflanze ist die Distel. Es gibt mehrere Theorien, wie es dazu kam und ich finde sie alle sehr erheiternd. Schaut mal hier. Auf jeden Fall hat die Distel uns Schotten gegen unsere Feinde geholfen. Nun sind die deutschen Disteln echt harmlos gegen die schottischen, aber sie sind trotzdem stachelig genug, dass mein Mädchen darüber jammert, wenn sie da durch geht um unseren Weidezaun weiter zu stecken. Dabei hat sie doch eine Hose an! Aber sie sagt, die Disteln piksen da durch. Und neulich waren wir auf einem Weidestück wo ein ganzes Distelfeld steht, da hat sie vielleicht gemeckert! Wir Ponys haben keine Einwände. Disteln sind nämlich sehr gesund und vor allem die Blüten sind auch sehr lecker, finden wir. Deswegen knabbern wir mit spitzen Zähnen an den Disteln herum und nagen sie ab.
Hübsch aber stachelig.Wenn wir mit der Distel fertig sind sieht sie etwas anders aus.
Mein Mädchen ist dann immer fassungslos, wie wir etwas essen mögen, was so dolle pikst. Aber sie freut sich auch, dass wir so einen vielfältigen Speiseplan haben. Und so wie damals die Distel meine schottischen Vorfahren gewarnt hat – weil ein Angreifer beim Anschleichen barfuß drauf getreten ist und einen Schmerzensschrei von sich gegeben hat – so hören wir heute schon am Gejammer meines Mädchens, ob auf dem neuen Weidestück viele Disteln, viele Brennnesseln oder nur Gras und harmlose Kräuter stehen.
Eins steht fest: barfuß wird mein Mädchen nie über die Weide gehen. Und wenn doch, werden wir es sicherlich alsbald hören….
Unfassbare 21 Jahre lang ist mein Merlin jetzt schon bei mir – das ist fast mein halbes Leben. Er kam damals zu mir, nachdem er auf dem Kinder- und Jugendbauernhof ein paar unschöne Verhaltensweisen gezeigt hatte. Ich dachte, wir hätten da was zu üben und gerade zu biegen, aber da war nichts zu üben und nichts gerade zu biegen. Merlin und ich haben uns von Anfang an gut verstanden. Im Laufe der 21 Jahre haben wir manchen verächtlichen Blick und blöden Spruch geerntet. Jeden, der uns blöd kam, habe ich konsequent aus unserem Leben verbannt. Unvergessen vor ein paar Jahren ein Pferdezahnarzt, der meinte, Merlin sei ja schon so alt, der würde ja bestimmt nicht mehr arbeiten. Auf meine Antwort, dass er mehr arbeitet als jedes andere Pferd in unserem Stall kam „was arbeitet der denn, zieht der den Pflug?“ in einem Tonfall als wäre ein Pferd, das einen Pflug zieht, ein „Ackergaul“ im minderwertigsten Sinne. Ich habe uns dann einen anderen Pferdezahnarzt gesucht. Auch mancher Trainer hatte viele kritische Worte für mein schlecht gebautes Pony. Aber mein Zausel hat diejenigen, die sich darauf eingelassen haben, immer überrascht mit dem was er alles kann und anbietet.
Jetzt ist er 29 Jahre alt (das ist gar nicht ganz sicher, aber ich gehe davon aus, dass die Angaben des Verkäufers korrekt waren) und in den letzten Jahren hat er nach und nach abgebaut. Immer mal wieder hatten wir nun schon Phasen, in denen ich ihn nicht geritten bin. Wenn ich ihn geritten bin, dann in 10-15 minütigen Einheiten und nur so wie er es angeboten hat. Derzeit reite ich ihn nicht und es kann sein dass ich mich nie wieder auf seinen Rücken schwinge. Gelegentlich machen wir ein paar Minuten Bodenarbeit. Viele Dinge macht seine Hinterhand nicht mehr mit, er hat Kraft verloren. Alles kein Thema, es geht ihm gut und er fühlt sich offensichtlich wohl. Nur eins macht mir Sorgen: das Aufstehen. Wenn er sein Schläfchen gehalten hat, lässt er sich jetzt immer viel Zeit zum überlegen bevor er aufsteht. Das Aufstehen an sich klappt zwar noch im ersten Anlauf, sieht aber sehr abenteuerlich aus, mit so einem merkwürdigen Sprung nach hinten, den er macht sobald er oben ist. Hier wird ihm sein langer Rücken und das schwere Gebäude zum Nachteil, denn diesen Rumpf hoch zu wuchten ist eine große Anstrengung und ich mache mir Sorgen, dass ihm das vielleicht irgendwann demnächst nicht mehr gelingt. Und wenn dann jener Tag kommt, an dem ich eine Entscheidung treffen muss, dann möchte ich vorbereitet sein und ich möchte vor allem nicht an diesem Tag große Diskussionen starten. Und so hängt jetzt am Medizinschränkchen ein Umschlag mit einem Notfallplan. Es gibt einige Dinge die ich meinem guten alten Pony ersparen würde – eine Notfall-Fahrt in die Klinik zum Beispiel. Oder Boxenhaft wegen einer Verletzung. Genau wie „hochspritzen“ wenn er nicht mehr aufstehen kann. In anderen Fällen muss natürlich abgewogen werden (wie immer) aber ich möchte nicht, dass in einem jener für mich eindeutigen Fälle noch ein großes Programm anläuft. Mein Tierarzt hat eine Kopie dieses Plans und weiß also Bescheid, auch wenn ich vielleicht nicht erreichbar sein sollte. Das gibt mir ein ganz kleines bisschen Kontrolle in einer unkontrollierbaren Situation. Vielleicht ist mein Merlin ja auch noch 3 Jahre hier, aber es ist unwahrscheinlich dass es noch 5 Jahre werden.
Als heute der Pferdezahnarzt da war, schaute er Merlin ins Maul mit den Worten „komm, ist ja alles gut. Ich kann nichts für dich tun, das weißt Du, das weiß ich und das wissen wir alle. Aber ich schaue mal.“ Danach hat er 5 fehlende Backenzähne attestiert und uns geraten, vielleicht nächstes Jahr mal die Gegenspieler zu kürzen. Im Moment ist nichts zu tun und auch dieses kürzen wird natürlich nicht bewirken, dass mein Pony wieder Heu kauen kann. Alter kann man nicht „reparieren“ – ein Umstand den unsere Gesellschaft gern mal leugnet. Und doch haben wir heute gute Möglichkeiten, auch alten, zahnlosen Pferden noch ein gutes Leben zu schenken, wenn sie in der Natur längst dem Hunger zum Opfer gefallen wären.
Aus vorangegangenen Erfahrungen mit meinem alten Pferd und unserem alten Hund weiß ich, dass ich jetzt ein Stück der Trauer vorab durchlebe, Schritt für Schritt und dass dann der Abschied etwas leichter wird. Schwer genug wird er allemal. Und ich hasse dieses Gefühl, zu wissen, dass der Tag in absehbarer Zeit kommt, ohne zu wissen, wann und wie genau. Ich muss aber auch sagen, dass ich seit Finlays Tod dankbar bin, wenn ich eine Ankündigung habe. Ein bisschen Zeit, mich darauf einzurichten. Noch ein paar Mal neben meinem Pony zu stehen und mich zu bedanken für all die schöne Zeit. Ihm noch ausgiebig den Bauch zu kratzen. Ihm jeden seiner Matsche-Eimer mit Liebe zu servieren und mich an seinen Marotten und kleinen Frechheiten zu erfreuen und seine Tüddeligkeit zu belächeln. Und immer schon mal in Erinnerungen zu schwelgen an die wundervolle Zeit die wir zusammen hatten. Ihm zu erzählen, wie viel ich von ihm gelernt habe. Für alle diese Dinge ist jetzt noch etwas Zeit, abseits von meinen Vorstellungen von Ausbildung oder auch nur von muskel-erhaltendem Training wie ich es in den letzten Jahren gemacht habe. Wir machen nur noch das, worauf er gerade Lust hat. Er selbst merkt, dass einige Dinge nicht mehr gehen: auf den Hinterbeinen stehen klappt nicht mehr, auch das Verbeugen geht nur noch ein bisschen. Aber seine Seitengänge und den spanischen Schritt macht er noch gern und abends wenn ich die Weide aufmache, galoppiert er mit den anderen raus.
Besonders dankbar bin ich dafür, dass nicht das passiert ist, was ich anfangs befürchtet habe, nämlich dass Duncan in seinem jugendlichen Übermut den alten Merlin ärgert. Im Gegenteil, selbst wenn sie sich kabbeln ist Duncan immer sehr zart mit dem alten Mann. Anfangs, wenn er es mal übertrieben hat, haben Diego und Gatsby ihn in seine Schranken gewiesen und so weiß Duncan um diese Grenze – und Merlin weiß, bei wem er Hilfe bekommt wenn es ihm zu doll werden sollte. In letzter Zeit ist das aber nicht mehr passiert, denn Duncan akzeptiert Merlins Grenze.
Und so genießen wir die Zeit, die uns bleibt, wie viel es auch sein mag.
Erinnert Ihr Euch noch an diesen Beitrag vom letzten Sommer? Und jetzt schaut mal genau hin:
Das war am 16.7.2021
Und so sieht es heute aus, wenn wir beide in der Wackelkiste stehen. Und jetzt, mein Mädchen, behaupte du noch ein einziges Mal, ich würde nicht wachsen!!!
Im Moment wachse ich wohl auch schon wieder, meint mein Mädchen. Aber augenscheinlich nicht in die Höhe, sondern wohl eher in die Breite. Sie vermutet, dass ich wachse, weil sie mich wieder so viel im Liegen schlafen sieht und ich derzeit mal wieder nicht ganz so energetisch unterwegs bin wie normal. Ich fühle mich immer nicht so fit, wenn ich doll wachse. Aber in der Regel ist das auch nach ein paar Tagen wieder vorbei. Mein Mädchen sagt, ich soll bald mal wieder auf die Waage. Damit sie die Ekelpaste richtig dosieren kann. Von der brauche ich nämlich öfter mal was, das scheint noch nicht so zu klappen mit der natürlichen Wurmabwehr – die großen Ponys können das. Naja, wenn es weiter nichts ist.
Im Übrigen hab ich auch voll viele weiße Flecken jetzt, schaut mal!
Mein Mädchen staunt, wie viel mehr weiß ich noch nach dem Ende des Fellwechsels gemacht habe. Da seht ihr Menschen mal, wie wir dauernd unser Haarkleid erneuern und ihr bekommt das gar nicht mit. Ich bin also flotten Schrittes auf dem Weg zum Schimmel. Nein, eigentlich bin ich ja schon ein Schimmel, aber auf dem Weg zum weißen Schimmel. Mein Mädchen sagt, vorher war ich ein schwarzer Schimmel und jetzt bin ich ein Fleckenschimmel. Na besser als ein Schimmelfleck…. Sie ist ganz gespannt, wie es weiter geht mit meiner Farbgebung. Und mit der Wachserei. Und mit der Pubertät. Die reinste Wundertüte bin ich, sagt sie. Und ich denke mir: Du sollst dich ja nicht langweilen, mein Mädchen! Nein, das tut sie nicht. Sie sagt, langweilen kann man sich mit Ponys sowieso nicht.
Heidewitzka, jetzt ist aber Sommer. Was war das heiß am Dienstag! Aber Ausflugstag ist Ausflugstag, also ging es los. Ausreitkumpel abholen und dann hatte mein Mädchen eine Strecke geplant (damit es nicht wieder so lang wird….). Sie dachte, da wären wenig Stechviecher unterwegs aber weit gefehlt! Wir wurden umsummt und umbrummt. Wenn ich meine Zebradecke trage bin ich da ja nicht so empfindlich, aber meinem Ausreitkumpel wurde trotz Decke und Spray ganz blümerant. Also was ist die Lösung: traben. Leider war der Boden richtig blöde aber wir haben es trotzdem durch gezogen. Mir war warm und mein Mädchen war unsicher ob ich so viel traben mag. Wir haben dann versucht, möglichst schnell zu einem Stück zu kommen wo nicht so viele Fliegviecher sind. Dort sind unsere Mädchen zu Fuß gegangen. Und dann haben wir die Abkürzung genommen und sind auf schnellstem Wege – also wieder im Trab über die blöden Steine – zurück zur Wackelkiste.
Also: ein schöner Ausflug war das nicht. Ich trabe ja gern aber es war mir zu heiß und zu steinig. Mein Mädchen sagt, gegen heiß kann sie nichts machen aber gegen die Steine schon – ich bekomme jetzt Einlagen in meine Hufschuhe. Normalerweise teilt sie es ja so ein dass wir auf fiesen Böden nicht traben, aber wie man sieht ist das manchmal schwierig und damit meine Füße nicht weh tun, gibt es jetzt extra Polster. Außerdem will sie versuchen, mir eine Fliegenmaske aufzusetzen beim reiten. Es ist nämlich so, dass die blöden Bremsen genau wissen, wo mein langer, schöner Schopf mir Schutz gibt und wo nicht. Die saßen immer direkt unter meinem Ohr! Mistviecher. Also wieder das Equipment aufpimpen. Und nach Wegen suchen, die noch reitbar sind zur Bremsenzeit. War das letztes Jahr eigentlich auch so schlimm? Kann ich mich gar nicht dran erinnern.
Gegen die Hitze, sagt mein Mädchen, hilft nur üben. Wenn wir später auf Distanzritt wollen, können wir uns das Wetter auch nicht aussuchen. Aber wenn wir bei jedem Wetter reiten sind wir nachher auch bei jedem Wetter fit. Als wir dann zu hause waren, hat sie meinen Puls gemessen. Das können wir jetzt schon ganz gut. Mein Job ist stillstehen und mein Herz laut schlagen lassen damit sie es gut hört. Ihr Job ist, mir das Stethoskop an die Rippen zu drücken, zu lauschen, auf die Uhr zu schauen und zu zählen. 48 Schläge pro Minute hat sie gezählt. (Voll lustig ist übrigens, wenn sie mir vorher einen Keks gibt und mein Kauen ganz laut hört während sie Herzschläge zählt. Man hat die sich über das Geräusch erschreckt!) Dann hat sie mich abgeduscht und nochmal gezählt, da waren es noch 44 Schläge. Bei der Wärme fand ich duschen ok. Sonst bin ich da ja nicht so ein Fan von, deswegen machen wir es nicht oft. 1 Stunde später, als es auf die Weide ging, hat sie gleich nochmal gemessen, da waren es noch 40 Schläge. Mein Mädchen möchte jetzt langsam raus kriegen wie meine Erholung so funktioniert. Wahrscheinlich will sie jetzt auch wieder dauernd Ruhepuls messen und schauen ob der sich verändert hat – weil ich ja gewachsen bin. Letztes Jahr war der bei 36, aber vielleicht geht er noch runter, sagt sie. Ich finde das Stillstehen ja blöde, aber so lange die Keksrate stimmt…. Na jedenfalls hat sie sich natürlich Sorgen gemacht, dass mir das viele getrabe zu doll war. Das Mädchen vom Ausreitkumpel war aber der Meinung, wenn ich nebenbei noch förstern kann und den Ausreitkumpel kneifen, dann kann ich wohl noch nicht so müde sein. Oh, da habe ich mich verraten!
Als es abends auf die Weide ging hab ich gedacht ich mache meinem Mädchen schnell das schlechte Gewissen weg und zeige ihr, dass ich nicht müde bin. Und schon war es wieder Merlin, der ihr Mitleid bekam, weil ich ihn geärgert habe. So schnell kann sich das Blatt wenden….
Duncan rast im vollen Galopp über unseren Sommerreitplatz. Die Doppellongen wehen hinter ihm her, er ist in Panik. Ich rede beruhigend auf ihn ein und bete, dass er den Zaun wahrnimmt und rechtzeitig abdreht. Das tut er zum Glück und kommt nach ein paar Runden am Ausgang zum Stehen, rast aber wieder los bevor ich bei ihm bin. Nach weiteren zwei Runden stürzt er auf die Seite, rappelt sich wieder hoch und bleibt dann zitternd am Ausgang stehen. Diesmal bin ich näher dran, kann ihn einsammeln und mich entschuldigen. Wir waren lange nicht hier oben auf unserem abgezäunten Stück Wiese und ich hatte unterschätzt wie viele Bremsen und andere blutdurstige Tiere uns hier auflauern. Als ich es bemerkt hatte, dachte ich „bisschen Trab und dann gehen wir wieder“. Links herum war auch alles perfekt, dann kurz Pause. Und da hätte ich es wissen sollen, denn Duncan hat in der Pause kein Gras genascht,sondern meine Nähe gesucht und mich komisch angeschaut. Was er NICHT getan hat: doll mit dem Schweif schlagen, den Kopf schütteln oder sich unter den Bauch hauen, was mir deutlich gemacht hätte, wie schlimm er die Überfälle der Insekten findet. Statt dessen dieser Blick. Ich sage „komm, eine Runde rechts herum, im Trab geht es doch.“ Und kurz danach geht er mir durch. Es scheint seine einzige Option gewesen zu sein.
Gefühle sind im Moment sein Ding. Sie überwältigen ihn anscheinend einfach und er kann sie nicht managen. In einem Augenblick ist er sehr ruhig, im nächsten wieder flott und aufgeregt, oft ohne für mich ersichtlichen Grund. Häufig habe ich das Gefühl, er versucht viel zu lange, alles zu unterdrücken und explodiert dann. Und ich sehe viel zu spät, wie lange er schon mit sich kämpft. Schwierige Zeiten sind das und ich bin oft frustriert. Jedes dieser Erlebnisse – das Steigen auf dem Trailplatz und das Durchgehen auf dem Reitplatz – bleibt in mir haften, weil ich zwar die Ursache im Nachhinein erkenne aber befürchte, beim nächsten Mal wieder was zu verpassen. So beobachte ich ihn mit Argusaugen, werde aber nicht recht schlau aus seinem Verhalten. „Er ist komisch“ ist oft alles, was bei mir ankommt. Ich denke an Finlay, dem man nie irgendeine Gefühlsregung angesehen hat und ich fürchte, ein ähnlicher Lernprozess steht mir wieder bevor. Duncan ist eigentlich extrovertiert – aber anscheinend nur dann, wenn er kein Problem hat. Wenn wirklich etwas los ist, zeigt er es eben doch nicht so eindeutig. Ich kann nur hoffen, dass er lernt, mir deutlicher Bescheid zu sagen, während ich lerne, seine leisen Töne besser zu deuten. Ich höre sie, aber oft verstehe ich sie nicht.
Aber das Leben spielt mir in die Hände. Denn derzeit habe ich das Vergnügen, ein paar mal allein mit einem meiner Kundenpferde zu arbeiten, weil die Besitzerin gesundheitlich verhindert ist. Wir probieren allerhand aus und ich erkenne – mit Abstand von meinem eigenen Pony – ein paar hilfreiche Parallelen, die es für mich nun zu erkunden gilt.
Was ich derweil auch wieder erlebe ist etwas, was ich hier zu hause zum Glück mangels Einstellern nicht erdulden muss: Klugscheißer. Entschuldigt meine Wortwahl, aber es ist ja so. Was einem da rein geredet und an den Kopf geworfen wird, hat ja schon wirklich keine Art mehr. Und ich bin selbst herausgefordert, meine eigenen Gefühle nach solchen dummen Sprüchen wieder in den Griff zu kriegen und mich zu sortieren, damit ich vernünftig mit dem Pferd arbeiten kann. Und jetzt traue ich mich trotzdem wieder, hier öffentlich aufzuschreiben, was mir mit meinem eigenen Pony im Moment nicht gelingt. Ich hoffe, dass meine geneigten Leser verstehen, dass ich das nicht tue, weil ich wohlmeinende aber wenig hilfreiche Tipps aus der Ferne brauche, sondern weil ich teilen möchte, was zu wenig geteilt wird in unserer perfekten social-media-Welt. Weil ich mich nicht bei denen einreihen will, die immer nur über ihre Stärken und Erfolge sprechen und die damit (bewusst oder unbewusst) allen anderen das Leben schwer machen bei denen – oh Wunder! – nicht alles perfekt läuft. Wissen, dass andere auch ihre Schwierigkeiten haben, kann uns helfen, die eigenen Schwierigkeiten nicht über zu bewerten. In den letzten Wochen durfte ich diese Erfahrung immer wieder machen, wenn Menschen mir erzählt haben, was ihre Pferde im Alter von 3 oder 4 Jahren so angestellt haben. Pferde, die ich heute kenne, von denen ich weiß, dass sie gut zurecht kommen in der Welt. Menschen von denen ich weiß, dass sie sich viel Mühe geben, ihre Pferde gut auszubilden und Pannen zu vermeiden. Es passiert eben trotzdem, da müssen sowohl wir Menschen durch als auch die Pferde. Und wenn sogar meine Lieblingstrainerin erzählt, was für gravierende Fehler sie gemacht hat, dann macht mir das so viel Mut. Denn so blöde Fehler sind: man kann ja was draus lernen. Und mit viel Glück kann man sogar aus den Fehler der anderen lernen, dann muss man nicht alle selbst machen.
Duncan kann und weiß unfassbar viel für sein Alter und ist in aller Regel unglaublich toll in allem was wir anfangen. Jetzt steht offensichtlich die Regulation von Gefühlen im Vordergrund – nicht das Erlernen neuer Fähigkeiten sondern das Umgehen mit den eigenen Hormonen und der neu gewonnenen Kraft, die Frage nach der eigenen Position in der Welt. Dabei wird sich zwangsläufig auch unsere Beziehung noch einmal verändern, während mein Pony weiter geht auf dem Weg zum Erwachsensein. Ich kann den Weg nicht für ihn gehen, aber mit ihm. Was uns dabei hilft und was nicht gilt es jetzt zu erproben, zum Glück bekomme ich Ideen durch andere Menschen und andere Pferde. Und ich hoffe dass das, was wir jetzt lernen, uns nachher ein Leben lang hilft, mit schwierigen Situationen umgehen zu können ohne dass ein Desaster daraus wird.
Derweil freue ich mich mehr denn je über unsere tolle Herde hier, die meinem kleinen Hengst hilft, sich zu orientieren und mit seinen Gefühlen umgehen zu lernen. Besonders unser Diego, der so wunderbar mit sich und der Welt im reinen ist – ein wahrer Fels in der Brandung von Duncans Pubertät.
Diesen Sonntag haben wir keinen Ausflug gemacht! Ist das zu fassen? Wir haben einfach gar nichts zusammen gemacht! Mein Mädchen fand das Wetter zu fies. Es war so heiß und drückend und sie kann dann nicht gut schlafen und hat schlechte Laune. Und diese schlechte Laune wollte sie mir nicht antun. Irgendwie ja auch nett. Stattdessen haben sie und der Mann den letzten Jakobs-Kreuzkräutern den Garaus gemacht. Dachten sie jedenfalls.
Aber am Montag kam dann der ausgleichende Regen. Mein Mädchen war ganz erleichtert, endlich wieder kühles Wetter, dann hat sie bessere Laune. Der Regen hat das Gras auf der Weide platt gelegt und wer schaut dann vorwitzig raus? All die Kreuzkräuter, die die Menschen bisher übersehen haben! Mein Mädchen ist also durch das nasse Gras gestapft und hat wieder geglaubt, dass sie den letzten Kreuzkräutern den Garaus macht. Das motiviert sie, wenn sie das glaubt. Wahr ist es nie, es bleiben immer welche übrig. Aber mein Mädchen sah vielleicht nachher aus! Klatschnass ist sie gewesen und die Hose klebte an ihren Beinen. Ich war nicht sicher ob ich lachen oder sie bemitleiden soll.
Als sie sich wieder trockengelegt hatte, haben wir dann zusammen was auf dem Reitplatz gemacht. Ich kann jetzt an der Longe schon ganz gut angaloppieren und mein Mädchen übt, dass Kommando ruhiger zu geben und mir mehr Zeit zu lassen es richtig zu machen, weil sie jetzt weiß, dass ich weiß, was zu tun ist. Anschließend haben wir noch mit dem Gebiss geübt, das ging auch schon ganz fein und mein Mädchen war ganz zufrieden. Ich verstehe jetzt langsam wie ich meinen Kopf bewegen soll wenn sie das Gebiss in meinem Maul bewegt. Bald können wir an die komplizierteren Sachen ran, meint sie. Das Problem ist: dieser ganze Kram ist immer langsam. Und langsam – das habt ihr wohl schon mal raus gehört – ist nicht meins. Deswegen hat sie gesagt wir mischen das jetzt mehr mit laufen zwischendurch. Da arbeitet sie noch am Konzept aber sie hat mir versprochen, Rücksicht zu nehmen auf meinen Bewegungsdrang. Dafür nehme ich dann auch manchmal Rücksicht auf sie.
Wie Ihr ja wisst, bin ich beruflich sehr engagiert. Hauptsächlich bin ich Herzensreparierer, aber nebenbei bin ich auch Förster, Influencer, Bergsteiger und Pfützenfeinabschmecker. Pfützen gibt es nicht nur unterwegs, sondern auch hier bei uns zu hause. Manchmal, wenn ich Glück habe, sind schöne, frische Pfützen auf dem Reitplatz. Die liebe ich, da schmeckt das Wasser am allerbesten. Das findet Merlin auch und Finlay fand das auch. Auch in unserem Paddock gibt es nach Regen immer diverse leckere Pfützen. Aber am längsten hält sich immer die Pfütze vor dem Misthaufen. Mein Mädchen findet die eklig. Weil doch immer ein kleiner Schwapp Wasser vom Misthaufen überläuft. Aber nur ein kleiner. Und wir Ponys finden, das Wasser schmeckt genau richtig. Auch wenn da schon so grüne Algen drauf sind, trinken wir es noch mit Genuss! Mein Mädchen schimpft dann immer. Wir hätten doch zwei vernünftige Tränken, sagt sie, eine frostsichere im Stall und eine Badewanne unterm Apfelbaum wo auch oft Regenwasser drin ist. Aber wir sind große Ponys und entscheiden ganz allein, was wir trinken möchten, mein Mädchen! Und aus der Pfütze ist es nun mal am leckersten, zumindest bis es dann zu lange nicht mehr geregnet hat. Dann ist es irgendwann wirklich nicht mehr so toll. Aber bis dahin: Prost!
Na das war vielleicht ein Dienstagsausflug! Mein Mädchen hat das Mädchen vom Ausreitkumpel gefragt, wo wir hinfahren wollen. Fast immer plant mein Mädchen unsere Ausflüge und dafür gibt es auch einen guten Grund. Das Mädchen vom Ausreitkumpel hat nämlich eine merkwürdige Wahrnehmung von Strecke – das weiß mein Mädchen von früher, als mein großer Bruder für den Distanzritt trainiert hat. Wenn das Mädchen vom Ausreitkumpel gesagt hat „das sind so 10km“ dann waren es in Wirklichkeit nachher 16km.
Deswegen hat mein Mädchen bisher immer selbst geplant. Aber diesmal wollten sie mal in ein Gebiet, wo mein Mädchen sich nicht auskennt. Also hat mein Mädchen zum Mädchen vom Ausreitkumpel gesagt „plan mal so 6km, dann sind es in Wirklichkeit 8 oder 9km, das schafft der Ritter. Wenn Du 8km oder 9km planst und es in Wirklichkeit 12km sind, wird es eng“.
Na was soll ich Euch sagen? Wir sind dann los gezogen, das Mädchen vom Spaziergehkumpel sagt „ja da geht’s ein Stück durchs Dorf und dann hinten in den Wald und da eine Runde rum und den anderen Weg zurück. Die Runde durch den Wald sind so 4km also dürften es insgesamt so 6km sein.“ Mein Mädchen meinte, sie packt lieber extra Proviant und den Schlafsack ein. Sie erinnerte sich nämlich noch an eine Tour durch den Wald, damals als sie noch alles zu Fuß gehen musste und mit brandneuen, nicht eingelaufenen Schuhen. Da sind wir alle los gelaufen und das Mädchen vom (damals noch) Spaziergehkumpel hat dann so Sachen gesagt wie „ich glaube wir müssen hier links“ (ah, Du glaubst?) und „ich hör die Autobahn, da sind wir richtig“ (ja? welche Autobahn ist es denn? Es gibt ja ein paar mehr in Deutschland) und so waren wir schließlich erst im Dunkeln wieder zu hause und waren 10km unterwegs gewesen. Da war mein Mädchen echt kaputt – und ich total zufrieden. Weiß ich noch! Deswegen finde ich es eigentlich lustig, wenn das Mädchen vom Ausreitkumpel die Planung mal übernimmt.
Und was soll ich sagen: am Dienstag hat das Mädchen vom Ausreitkumpel sich zwar wirklich perfekt ausgekannt und immer gewusst wo es lang geht, aber nachher waren es halt doch 10km, nicht 6. Und ich gestehe: 10km laufen ist das eine. 10km durch fremdes Gelände laufen wo ich noch nie war ist was anderes. Da war mein Kopf ganz schön müde. Bin zwischendurch ein bisschen träge hinter meinem Mädchen her geschlurft. Aber dann kamen wir an einer Koppel mit Stuten und Fohlen vorbei, da war ich schlagartig wieder wach! Nach langer Laufstrecke ist mein Mädchen dann zum Schluss nochmal wieder aufgestiegen. An der Stelle wo wir zur Wackelkiste abbiegen mussten, wollte ich geradeaus, da hat mein Mädchen mich noch gefragt, ob ich mich wirklich nicht erinnere, dass wir genau diesen Weg gekommen sind? Dann zur Wackelkiste. Ich hab angedeutet, dass rechts von der Wackelkiste Gras ist. Mein Mädchen hat aber gesagt, wir müssen auf die linke Seite der Wackelkiste. Also bin ich nach links. Und weil sie weiter nix gesagt hat, bin ich dann einfach weiter gelaufen, an der Wackelkiste vorbei den Weg runter. Mein Mädchen hat einen Lachanfall bekommen – weiß auch nicht warum. Dann hat sie mich angehalten und ist abgestiegen und die Mädchen haben gerätselt ob ich so kopfmüde war, dass ich einfach weiter gelaufen bin oder ob ich Lust hatte, noch weiter zu laufen. Tssss was gibt es da zu überlegen, Ihr Mädchen? Laufen geht eben immer! Kopfmüde hin oder her.
Tja das war ganz schön lustig. Und nebenbei, sagt mein Mädchen, tun wir was gegen das Insektensterben. Wir haben die nämlich ganz gut gefüttert, scheint mir. Zum Glück bin ich da hart im Nehmen und meine schöne Zebradecke hält das meiste ab, so dass die Viecher sich eher an meinem Mädchen vergreifen als an mir. Ich hoffe, das Mädchen vom Ausreitkumpel darf jetzt öfter mal die Tourenplanung übernehmen!
In unserer Nachbarschaft steht dieser Baum. Vor ein oder zwei Jahren ist er gestürzt und ich dachte, das ist sein Ende. Jetzt fängt er an, aus einem Ast, der nach oben zeigt, so eine Art neuen Stamm zu bilden. Als wir neulich an ihm vorbei gegangen sind, habe ich zu Arnulf gesagt: „Ich fühle mich ein bisschen wie dieser Baum.“
„Wir sind Überlebende, keine Superhelden“
Ich bin gestürzt und nicht wieder aufgestanden. Aber aus der neuen Lage ist etwas neues gewachsen. Es sieht skurril aus, aber es funktioniert, der Baum lebt. Wer weiß, was sein Wurzelwerk unterirdisch tut, was wir nicht sehen? Ähnlich dem was mein Unterbewusstsein, meine Seele oder wer auch immer im Hintergrund für mich getan hat, während ich lange nur im „Durchhalten“ war.
Im Gegensatz zu dem Baum sieht man es Menschen meistens nicht so direkt an, welche Verletzungen sie erlebt haben. Manche meiner Schülerinnen vertrauen mir Dinge an, die auf ihrer Seele liegen und manche dieser Geschichten sind so schlimm, dass ich mich frage, wie diese Frau ihr Leben so scheinbar normal führen kann. Ich bemühe mich, das, was meine Schülerinnen mir anvertrauen, im Kopf zu behalten, wenn ich unterrichte. Ich habe ein loses Mundwerk und mache gerne Witze – aber bei manchen mache ich manche Witze eben nicht. Die Arbeit mit Pferden führt oft direkt zu diesen Verletzungen die wir alle in mehr oder weniger großem Maß mit uns herum tragen. An der einen oder anderen Stelle kommen wir damit in Kontakt, weil die Pferde uns so fein lesen und darauf reagieren. Manchmal ahne ich beim Unterrichten, dass sich da etwas verbirgt, aber ich frage nicht nach. Es ist nicht meine Aufgabe, nachzufragen, wenn jemand es nicht erzählen möchte ist das völlig ok. Wenn jemand es erzählen möchte ist das auch völlig ok. Manche ist vielleicht auch einfach an einem Punkt, wo sie das, was da ist, gar nicht bewusst wahr nimmt – wir alle haben blinde Flecken und manches ist auch zu schmerzhaft, um es direkt anzuschauen.
Auch die Pferde tragen fast alle mehr oder weniger große Verletzungen ihrer Seele mit sich herum. Dafür müssen sie nicht verprügelt worden sein oder anderweitig sichtbar schlecht behandelt. Schon ein Stallwechsel und der Verlust der Freunde – selbst wenn er langfristig dem Wohl des Pferdes dienen mag – ist eine Verletzung der Pferdeseele.
Wir alle kommen nicht ohne solche Verletzungen durchs Leben. Der Wunsch, alles vom geliebten Kind oder Tier fern zu halten, bleibt unerfüllbar. Manche Menschen beschäftigen sich ausgiebig damit, andere schieben es zur Seite – beides kann funktionieren.
Gestern, an Finlays 3. Todestag, habe ich zum ersten Mal alles zur Seite geschoben. Ich wollte nicht wieder hinein springen in das schwarze Loch und diesmal hatte ich eine Wahl, die ich in den letzten zwei Jahren irgendwie nicht hatte. Ich habe trotzig die Nase in die Luft gereckt und ziemlich komplett ignoriert, welcher Tag ist. Und ich habe vielleicht zum ersten Mal ein Stück weit die andere Seite gefühlt, die Seite der Menschen, die sich nicht auseinandersetzen wollen und lieber alles beiseite schieben.
Mir schrieb jemand „vielleicht willst Du ja doch irgendwann über Finlays Unfall reden“. Für mich schwang da mit „Du musst doch darüber reden das ist doch wichtig“ (vielleicht war es nicht so gemeint aber ich hatte dieses Gefühl). Nein, darüber reden im Sinne von „erzählen was passiert ist“ ist nicht wichtig. Ich war in Therapie und die hat wunderbar funktioniert ohne dass meine Therapeutin mehr wusste als ihr: Finlay hatte einen tödlichen Unfall. Es war interessant für mich, dass sie lange Zeit noch nicht mal nachgefragt hat. Weil es nicht wichtig war für die Therapie. Erst in der vorletzten Stunde habe ich einen Satz dazu gesagt – nur einen. Aber es spielte keine Rolle, denn wichtig war nur, wie ich mich fühle und das – das wissen wir alle – ist oft völlig unabhängig von irgendwelchen Tatsachen.
Und so habe ich noch mehr gelernt, dass auch die Gefühle andere Menschen für mich nicht verständlich sein müssen. Dass es gilt, zu akzeptieren was der andere fühlt (was nicht heißt, dass er sich beliebig benehmen darf!). Wir müssen das nicht nachvollziehen können, warum jemand Angst hat, traurig ist, sich überfordert fühlt oder was auch immer wir vielleicht übertrieben oder unangemessen finden. Und wir brauchen auch die genauen Gründe gar nicht zu kennen, um Mitgefühl zu zeigen. Für den Betroffenen kann Nachfragen nämlich sehr schnell wie unangenehme Neugier wirken – ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. „Ich erkenne an, wie du dich fühlst, auch wenn ich nicht weiß, warum“ halte ich für einen alltagstauglichen Ansatz. Denn auch wenn uns jemand etwas erzählt: die meisten von uns sind keine Therapeuten und es ist nicht unser Job, ungebeten „helfen“ zu wollen mit „klugen“ Sprüchen oder ähnlichem. Wenn wir gute Gesprächspartner sein wollen, reicht es meines Erachtens erst mal völlig, zuzuhören und anzuerkennen, es sei denn, man bittet uns um mehr bzw andere Hilfe. Im Übrigen ist das zuhören und anerkennen ja ganz schön schwer, wenn man es mal ehrlich versucht. Kein Urteil fällen, nicht den erstbesten Kommentar raus hauen der einem in den Sinn kommt, das ist schwieriger als man denken mag.
Manchmal frage ich mich, was ich zu meinem 3 Jahre jüngeren Selbst sagen würde, einen Tag nach Finlays Tod. Ich glaube, ich würde nichts sagen. Ich würde mich selbst im Arm halten, zwischendurch einen Tee kochen, fragen ob ich etwas essen möchte und ansonsten nur zuhören. Und all jene Fragen, die ich mir ja immer noch stelle – die man sich sicher immer stellt wenn so etwas passiert – mit „ich weiß es leider auch nicht“ beantworten. Zum Glück hatte ich damals Menschen um mich herum die das für mich getan haben, dafür bin ich ewig dankbar. Vielleicht würde ich sagen „ich bin für dich da“ und „du darfst weinen und schreien so viel du willst, das ist völlig ok“ und „du musst nicht funktionieren, du darfst total neben der Spur sein und ich bleibe trotzdem bei dir“. Etwas später würde ich vielleicht mal vorsichtig nachfragen „gibt es etwas, was dir jetzt helfen würde, dich für einen Moment ein bisschen besser zu fühlen?“ aber anfangs wäre die Antwort immer die gleiche gewesen: ich will meinen Finlay zurück und nichts – gar nichts – kann irgendwas besser machen.
Diesen Zustand gemeinsam auszuhalten ist eine Herausforderung. Vielleicht können wir uns dieser Aufgabe öfter mal stellen, anstatt – wie in unserer Gesellschaft leider sehr üblich – alles schnell weg zu wischen, zu „reparieren“ oder zu übertünchen. Das ist meine Lehre aus den vergangenen drei Jahren. Und im übrigen möchte ich noch diesen schönen Text von Jules Rylan dazu teilen:
Here’s to the people whose trauma did not give them thick skin. The ones who became more sensitive and insecure, who cry more easily, who get overwhelmed at small things. I’m so tired of the narrative that trauma makes you tough and untouchable. We’re survivors, not superheroes.
(Frei übersetzt: Das hier ist an alle, deren Trauma ihnen keine dicke Haut gegeben hat. An diejenigen, die sensibler und unsicherer geworden sind, die leichter weinen und überfordert sind von kleinen Dingen. Ich bin das Märchen so leid, dass Trauma dich stärker und unverletzbar macht. Wir sind Überlebende, keine Superhelden.)