Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 373

Das war vielleicht eine Nacht!

Gestern abend, als mein Mädchen gerade die Weide aufgemacht hat, ist nebenan auf dem Acker ein Drache gelandet! Mein Mädchen sagt ja immer, es gibt keine Drachen, aber ich bitte euch: ein fliegendes, riesiges, feuerspeiendes Dings ist doch ein Drache! Mein Mädchen war zum Glück noch da und hat das mit uns beobachtet. Und Diego fand es zwar etwas gruselig, aber nach näherer Betrachtung doch irgendwie ok und ungefährlich. Ich hab mich direkt an Diegos Seite getackert und bin überall da hin gegangen wo er war. Das leckere Gras vor unserer Nase war dann aber nachher doch etwas wichtiger und wir haben uns wieder entspannt.

Ein Drache!

Aber dann heute nacht, waren plötzlich andere Monster auf der Weide! Eindringlinge! Wir sind wild nach oben galoppiert in den Paddock und haben da Rabazz gemacht, bis unsere Menschen nachgeschaut haben. Da waren 4 Pferde vom Nachbarstall auf dem Feld unterwegs, wo die gar nicht hin gehören! Mein Mädchen und der Mann haben die dann eingesammelt und weg gebracht. Aber wir waren ganz schön durcheinander, sogar Diego war sehr aufgeregt. Er trägt ja die Verantwortung für uns als Herde und hat das nicht witzig gefunden, dass da Fremde auftauchen wo keine Fremden hin gehören!

Danach mussten wir erst mal etwas schlafen. Mein Mädchen auch, weil ihre Nachtruhe so empfindlich gestört wurde.

Hoffentlich ist jetzt wieder monsterfreie Zeit, wir finden das war genug Aufregung auf einmal.

Euer aufgeregter Sir Duncan Dhu of Nakel

Machbar

Neulich war ich bei einer Kundin mit einem unfassbar fetten Shetty. Sie erklärte mir, dass sie es nicht mehr schafft, dem kleinen Pony die Fressbremse auf zu ziehen, er ist einfach schneller als sie.

Jetzt könnte ich eine Grundsatzdiskussion anfangen und wären wir hier bei Facebook oder Instagram könnte ich wetten, dass jemand lang und breit erklärt, wie scheiße das doch alles ist, dass eine Fressbremse keine Lösung ist, das Pony grundsätzlich eine andere Haltung und Fütterung und natürlich tonnenweise Sport braucht. In diesem Falle: meldet Euch gern, der Kleine sucht tatsächlich ein neues zu hause.

Jetzt gerade im Moment geht es aber darum, eine machbare Lösung zu finden. Sofort. Also habe ich kurz mein Gehirn geschwungen und mir dann einen Trick ausgedacht, wie sie die Fressbremse doch drauf bekommt. Ich hoffe, er funktioniert und sie kann schlimmeres verhindern, das wäre gut.

Eigentlich wollte ich heute über Finlays Todestag schreiben. Wie in den vergangenen Jahren, aber nachdem ich drei mal neu angefangen hatte, musste ich fest stellen dass es da nicht wirklich was zu schreiben gibt. Der Todestag bringt für mich im Vorlauf immer ein paar mehr Ängste und ein paar fiese Erinnerungen, aber der Tag selbst ist dieses Jahr nicht so ein großes Problem. Ich habe mich daran gewöhnt, dass Finlay nicht mehr hier ist und ich liebe meinen kleinen Duncan, meinen Herzensreparateur. Den beobachte ich mit Argusaugen und fürchte immerzu, ihm könnte auch etwas schlimmes passieren, aber ich lerne, auch damit zu leben und umzugehen. Ich vermisse Finlay heute nicht mehr als an anderen Tagen und viel mehr gibt es dazu gar nicht zu sagen.

Oder eben doch. Denn mein Duncan ist ja nun auch zum ersten Mal etwas zu rund um die Mitte und müsste dringend mehr Sport machen. Dazu haben wir ja einen „Sommerreitplatz“, der vormittags noch halb beschattet ist und dadurch dass es sich eigentlich um ein Stück Wiese handelt sowieso kühler und weniger staubig ist als der Sandplatz. Jetzt, wo der Sommerreitplatz einmal runter gefressen ist, ist er als Reitplatz nutzbar. Heute vormittag wäre also der passende Moment gewesen um los zu legen mit fröhlichem Longentraining dort oben. Aber es ging nicht. Weil heute Finlays Todestag ist und weil Duncan sich dort oben letztes Jahr einmal los gerissen hat. Und mein Kopf diese Dinge fiese zusammensetzt und mein Pony über den Strick fallen und sich das Bein brechen sieht. Und heute komme ich nicht dagegen an. Ich habe mir überlegt, wie ich es runter brechen kann, damit ich es trotzdem schaffe, aber dann habe ich kapituliert: heute nicht. Ich brauche einen anderen Tag um mit der Arbeit dort oben anzufangen. Möglichst einen, an dem Arnulf da ist und mir zur Not helfen kann. Denn obwohl er damals meinen Finlay auch nicht retten konnte: er war da und hat geholfen. Ich war nicht allein.

Und als ich entschieden hatte, heute nicht auf den Sommerreitplatz zu gehen, da fiel mir wieder ein, dass ich ja schon lange was über Machbarkeit schreiben wollte. Weil ich manchmal denke, ich klinge wie so eine perfekte Pferdefrau. Das bin ich nicht – und will auch nicht so klingen. Diese Pferdefrauen, die ihre 4 Pferde jeden Tag alle putzen (was? Haben die sonst nix zu tun?), alle jeden Tag nach Plan trainieren, ständig Futterrationen berechnen, Sättel anpassen lassen, den Osteopathen da haben, Blutbilder machen lassen oder wasweißich. Diese Pferdefrauen, die das alles neben Vollzeitjob, zwei Kindern und Hund erledigen. Die nicht schlafen oder essen müssen (anscheinend, denn sonst wüsste ich nicht, wie das alles gehen soll). Und die leider noch nicht mal so wirken als würden sie mir das Blaue vom Himmel runter lügen.

Ich bin so nicht. Ich bin die, deren Energie nie reicht und die immer nur das nötigste schafft. Die immer nur nach Priorität arbeiten kann, bei der immer eine Sache liegen bleibt, damit eine dringendere erledigt werden kann. Und manchmal ist es vielleicht ein Vorteil, dass ich so bin, weil ich ständig nach Machbarkeit schaue. Mein Mann hat einmal gesagt, ich sei wie eine Wühlmaus, die alles andere beiseite schaufelt um sich auf das zu konzentrieren was sie jetzt gerade machen will. Und das brauchen auch meine Schülerinnen so oft, die sich von all diesen Wunderfrauen erzählen lassen, wie es richtig ginge. Das fette Shetty, mit dem dieser Text begann, braucht: eine andere Haltung, täglich ausreichend Bewegung durch den Menschen, eine Rationsberechnung und ein Blutbild, jede Menge Erziehung und Ausbildung, alle 4 Wochen Hufpflege (um nur mal das gröbste zu nennen). Das könnte ich meiner Kundin so sagen. Würde aber nix nützen, denn das weiß sie bereits. Sie weiß auch, dass es so nicht weiter geht. Aber einen neuen Besitzer backen kann halt auch niemand. Also suchen wir nach machbaren Lösungen, bis ein neues zu hause gefunden ist. (Wer hat eigentlich Bock auf Kutsche fahren? Das würde der Kleine sicher großartig machen!)

Eine machbare Lösung jetzt, hier und heute ist mehr wert als ein Luftschloss der Perfektion. Gleichzeitig müssen wir wissen, wann „machbar“ ein fauler Kompromiss wird. Da geht´s dann wieder um die Ehrlichkeit zu sich selbst.

Es gibt viele Grenzen, warum Dinge jetzt gerade nicht machbar sind. Geld, Zeit oder weil ein Mensch vielleicht gerade krank ist oder umzieht. Aber auch, wie heute in meinem Fall, Angst. Oder Unwissenheit, etwas noch nicht können. Dann ist wieder die Frage nach dem Häppchen und „was kann ich jetzt, hier und heute sinnvolles tun“.

Oft denke ich das auch beim Reiten. Na klar wäre es toll, wenn alle meine Schülerinnen fühlen würden, was ich da erkläre. Wäre toll, wenn sie das alle gleich umsetzen könnten. Aber dann wäre ich ja auch gar nicht mehr gut genug, um sie zu unterrichten. Dann müsste ich ja im Umkehrschluss alles sofort verstehen, was mein Reitlehrer mir sagt. Und plötzlich hätten wir eine Welt voller perfekter Reiter. Irgendwas stimmt an dieser Rechnung nicht.

In Wirklichkeit schaue ich halt, was machbar ist. Und wenn eine Schülerin sagt, sie möchte Seitengänge reiten, aber es klappt immer irgendwie nicht, dann schauen wir doch vielleicht erst mal, ob sie die Seitengänge schon gut führen kann. Und wenn wir sehen, dass da noch Verbesserungspotential ist, dann wissen wir beide: das mit dem Reiten wird noch nicht so klappen. Beim Reiten schauen wir dann lieber nach anderen Dingen, nach machbaren.

Das ist alles nicht perfekt und oft nicht social-media-tauglich. Aber die Realität.

Und da schließt sich irgendwie der Kreis zu Finlays Todestag. Das, was ich in den letzten Wochen fühle und erlebe, ist nicht mehr „dramatisch“ genug für social media. Aber eben doch dramatisch genug, dass für mich etwas heute nicht machbar ist und ich eine Aufgabe gefunden habe darin, es machbar zu machen. Häppchenweise, von einem machbaren Schritt zum anderen. Ganz ohne Perfektion, großen Durchbruch oder jubelndes Publikum im Hintergrund, wahrscheinlich mit Rückschritten, Faulheitspausen und Ausreden meinerseits und Fehlern. Aber eben: machbar.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 372

Oh, guten Morgen, Mädchen, was machst du denn so früh schon im Stall?

Da hab ich mich aber gewundert. Sie wollte doch tatsächlich vor dem Aufwachen (also: bevor SIE wach ist) schon ausreiten! Weil es sonst so warm wird und die fiesen Blutsauger so über uns her fallen. Gut, ich bin bereit! Bin ja nicht so eine Schlafmütze wie sie!

Alles angetüddelt und mit Diego dem Großen und dem Mann zusammen los getingelt. Diego hatte wieder den Turbo an, da hab ich einfach keine Chance. Der zieht im Schritt davon, da komme ich nicht mit. Der Mann hat dann öfter mal angehalten und auf uns gewartet, aber mein Mädchen meinte, wir können das Problem ja auch mal anders lösen. Also sind wir beide mal ein Stück vorweg getrabt und Diego ist im Schritt hinterher gekommen. Was bedeutet, dass wir zuerst im Dorf angekommen sind. Aber dort wurden wir jäh gebremst, denn in einem Gulli gurgelte ein Monster sehr, sehr laut! Und wenn mein Mädchen auf meinem Rücken sitzt, dann trage ich ja die Verantwortung für unsere Sicherheit – das konnte ich nicht riskieren! Bin mit spitzen Ohren stehen geblieben. Mein Mädchen hat mit mir geredet, dann gesagt, ich könnte einen Schritt vor gehen. Ok. Dann bin ich aber wieder stehen geblieben und hab gelauscht und geguckt. Naja, ein paar Schrittchen in die Nähe des Gullis hatten wir gerade geschafft, da kam Diego von hinten. Der hat sich überhaupt nicht um das gurgelnde Monster gekümmert, sondern ist einfach an mir vorbei über den Gulli rüber marschiert. Ach so? Ja dann mach ich das natürlich auch!

Mein Mädchen hat also auf ihre Übungsliste geschrieben, dass wir mal öfter vorne weg gehen wenn gruselige Dinge sind und uns dann die Zeit nehmen, das so lange zu begucken, belauschen und evt zu betasten bis ich mir sicher bin. Also wenn sie absteigt und führt hab ich da auch keinen Stress mit dem Gulli aber wie gesagt, wenn sie auf meinem Rücken sitzt wiegt die Verantwortung doch schwer! Wo sie doch immer sagt, ich soll auf sie aufpassen!

Naja, kurz nach der ganzen Aufregung musste ich dann auch schon gleich mal äppeln. Vor der Arztpraxis. Da ist dann jetzt das Gebüsch gedüngt (hat mein Mädchen einfach da rein geschmissen, da kennt sie ja nix. Gegen Gratis-Dünger kann ja wohl niemand was einwenden!)

Weiter ging es aus dem Dorf wieder raus und dann ein Stück im Trab. Da habe ich wieder an meinem Turbo-Trab gearbeitet mit den schönen großen Schritten. Einmal hab ich mein Mädchen auch ausgetrickst und bin ich bisschen galoppiert, aber nicht weitersagen!

Über die Straße, dann wieder in den Wald und fix durch traben wegen der blutsaugenden Mistviecher die da schon umher fliegen. Als das geschafft war, gab es erst mal Gras. Mein Mädchen ist dann abgestiegen und durchs zweite Dorf gelaufen. Versprochen war, dass wir dann dort, wo wir das Dorf wieder verlassen, noch eine Graspause machen. Aber ach! Aus der schönen grünen Wiese ist eine braune Steppe geworden! Also nix mit Graspause. Mein Mädchen ist stattdessen wieder aufgestiegen und es ging Richtung Heimat. Wir haben dann nochmal die Chance genutzt vorne weg zu traben, so dass wir an einer schönen Stelle, wo Schatten und grünes Gras war, endlich mal zuerst angekommen sind und ich schon anfangen durfte zu grasen – sonst ist es ja immer so dass Diego als erster ans Buffett kommt!

Und so gegen Ende meinte mein Mädchen dann, wir würden jetzt nochmal „alleine ausreiten ohne alleine auszureiten“ üben. Ok! Also noch ein gutes Stück getrabt, während Diego im Schritt geblieben ist. Schließlich waren wir ganz allein, Diego war nicht mehr zu sehen und zu hören. Ganz still war es, so mit nur meinen 4 Hufen, die geklappert haben anstatt der üblichen 8! Mein Mädchen und ich sind beide noch nicht ganz entspannt wenn wir alleine sind, aber es geht und wir werden das schön weiter üben.

Wir traben einfach davon!
Wir zwei ganz allein!

Bis zur letzten Ecke sind wir allein geritten, dann ist sie abgestiegen und ich durfte nochmal grasen bis Diego uns eingeholt hatte (was eigentlich viel zu früh war!). Dann ab nach hause. Zu hause gab es dann wieder diese schöne Schwamm-Wellness und anschließend ein paar leckere Weidenzweige zum Knabbern. Ach, schön war das wieder! Nur gut, dass es so früh war, denn jetzt ist es ordentlich warm.

Schöööööööööön finde ich das!

Diego und ich haben uns dann noch ein schönes Staubbad gegönnt und jetzt verbummeln wir den warmen Tag zwischen Heunetz und Tränke.

Euer sonntäglicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 371

Neulich war wieder der Pony-Zahnarzt da. Den mag ich, der ist nett. Aber nach dem ganzen kastrieren und krank sein bin ich grundsätzlich nicht mehr so wahnsinnig begeistert von allem was entfernt nach Tierarzt aussieht. Deswegen hab ich erst mal genau abgecheckt ob der Zahnarzt noch genauso nett ist wie früher. Er hat mich angeschaut und gesagt ich sei sooooo hübsch geworden! Da war er mir gleich wieder sehr sympathisch. Und er ist froh, dass ich nicht so dick bin wie viele andere Ponys (Leidensgenossen, so möchte ich sagen. Denn wir Ponys müssen doch immer, immer Diät halten und Sport machen um bei Figur zu bleiben! Und jetzt wo ich das meiste Wachstum erledigt habe, ereilt mich dieses Schicksal leider auch. Früher durfte ich ja immer essen so viel ich wollte, weil das fürs Wachstum alles drauf ging.). Der Zahnarzt hat gesagt, dass er ganz oft auf mich angesprochen wird, weil meine geneigte Leserschaft (das seid ihr!) meinen Zahnarzt auf dem Foto erkennt und also weiß dass er auch zu mir kommt. Ich bin berühmt! Und das ist doch toll.

Maul auf! Zum Glück nicht viel zu tun.

Nachdem er all diese netten Dinge über mich gesagt hatte, war ich bereit, mitzumachen. Er hat er sich meine Zähne angeschaut und gesagt, dass alles ok ist, nur ein paar scharfe Kanten müssen weg. Die hat er mir dann weg geraspelt und schon waren wir fertig. Jetzt kann ich wieder schön gleichmäßig auf beiden Seiten kauen. Das ist auch wichtig, weil das Gras jetzt langsam härter wird und gut zermahlen werden muss.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit den feinen Beißerchen

Wir haben Zeit

„Wir haben ja Zeit“ sagen viele meiner Schülerinnen. Sie meinen damit, dass sie sich und ihrem Pferd keinen Druck machen wollen. Dass es für sie völlig in Ordnung ist, wenn die Ausbildung des Pferdes an irgendeinem Punkt länger dauert als gedacht. Dass sie gern Rücksicht nehmen auf ihren vierbeinigen Freund. Lauter gute Sachen.

Neulich sagte Maren Diehl dann in einem Podcast sinngemäß „bei uns Freizeitreitern ist die Zeit ja immer der limitierende Faktor“. Ich stutze. Wieso, wir haben doch so viel Zeit? Dann dachte ich an Fergus the horse und den Artikel den ich damals über einen ihrer wunderbaren Cartoons geschrieben habe. „Wir haben Zeit“, sagen meine Schülerinnen und meinen damit, dass wir alle wissen, dass es 10 Jahre braucht um aus einem Fohlen ein gutes 10jähriges Pferd zu machen. Und dennoch birgt der Satz „wir haben ja Zeit“ so viele Gefahren. Weil er ganz schnell zur Ausrede wird. Das Pony ist etwas zu mopsig? Jaaaa, aber zu schnell soll er ja jetzt auch nicht abnehmen, da lassen wir uns lieber Zeit. Wenn es so gemeint ist und umgesetzt wird, wie es gesagt wird: fein. Wenn es aber in Wirklichkeit bedeutet „ich hab jetzt echt keine Lust mich darum zu kümmern und hoffe, dass das Problem sich auf magische Art und Weise von selbst erledigt, wenn ich es nur lang genug ignoriere“, dann ist das nicht so gut.

„Wir haben ja Zeit“ – wofür genau? Das ist eben die Frage. Ja, klar müssen Duncan und ich noch nicht auf dem Reitplatz traben und im Gelände müssen wir noch nicht galoppieren. Wir haben ja noch Zeit, er ist ja noch jung. Wir müssen noch nicht allein ausreiten gehen können, er ist ja noch unerfahren. Das ist völlig korrekt. Aber es ist eben NICHT gleichbedeutend mit „wir denken da noch nicht dran, bereiten nichts vor und schieben die Themen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag auf die lange Bank“. Es bedeutet: ich überlege schon mal, was ich vorbereitend üben kann, welche Fähigkeiten uns fehlen und wie die kleinen Schritte zu diesen Zielen aussehen können.

Ich bin nun seit 24 Jahren als Hufpflegerin tätig. Ich habe viele, viele Pferde gesehen und viermal so viele Hufe. Gute und schlechte. Und ich schaue zurück und denke darüber nach, welche Pferde gute Hufe haben und welche schlechte. So im Schnitt. Gefühlt – ohne wissenschaftliche Analyse dahinter. Gute Hufe sehe ich häufig da, wo Pferdebesitzer ein Konzept haben. Sich kümmern. Um Fütterung, Haltung, Bewegung, Gesundheit. Sich fortbilden. Sich den Problemen stellen. Die schlechten Hufe sehe ich oft da, wo das nicht der Fall ist. Ich meine das überhaupt nicht vorwurfsvoll. Hier in meinem eigenen Stall steht der kleine Caruso und ist unterbeschäftigt und auch nicht immer perfekt versorgt mit seinem Sommerekzem, seinen winterlichen Hautproblemen, seinen teilweise löchrigen Hufen. Wenn ich ihn dann anschaue, möchte ich ins Internet gehen und ein Wundermittel kaufen (manchmal tu ich das auch). Aber ehrlich gesagt: das hilft nicht. Weil kein Wundermittel der Welt wirken kann, wenn man es nur 3 mal anwendet und dann 4 Wochen lang vergisst. Und das ist halt die Krux an der Sache – egal worum es geht. Trainieren, Hufe in Schuss bringen, abnehmen, etwas neues lernen, Verhaltensweisen verändern – das alles funktioniert nur mit diesem elendigen „Dranbleiben“. Das ist verdammt ärgerlich, anstrengend und nervig. Weil wir ja genau dafür dann oft doch keine Zeit haben. Und ironischer weise sagen wir dann manchmal „wir haben ja Zeit“ – und meinen das Gegenteil. Mir hilft oft ein kleiner Trick: regelmäßig (!) ein bisschen was machen ist besser als nichts machen. Und so habe ich den Donnerstag zum „Hufe schmieren“- Tag auserkoren. Das ist dann ein Tag in der Woche, an dem alle meine Ponys etwas Pflege gegen eventuelle Strahlprobleme oder ähnliches bekommen. Auch Caruso. Und wenn ich den dann schon mal in der Hand habe, schaue ich automatisch auf seine Haut und mache da auch noch was drauf. Und schon ist alles etwas besser gepflegt, das ist doch mal ein Anfang. Und weil ich es durch diese Regelmäßigkeit etwas mehr auf dem Schirm habe, greife ich oft automatisch auch zwischendurch mal zum Pflegemittel und achte akribischer darauf, dass die Ekzemerdecke jeden Abend aufs Pony kommt.

Was noch vor diesem Anfang kommt ist etwas, was mir unheimlich wichtig ist (und wovon manche mir nachsagen, ich sei recht gut darin): Ehrlichkeit zu sich selbst. Wirklich mal erforschen, was man sich da so zurecht denkt. Und ob „wir haben ja Zeit“ vielleicht eine kleine Ausrede ist. Ob „wir haben ja Zeit“ bedeutet „ich habe keine Lust“ oder „ich habe Angst“ oder „ich weiß nicht wie das geht“.

Ich erinnere mich schmunzelnd an eine Schülerin, deren Pferd gern mit dem Huf scharrte um ein Leckerli zu bekommen. Sie erklärte mir, wie sie versucht, ihrem Pferd das abzugewöhnen (indem sie wartet, bis das Pferd aufhört mit scharren und dann das Leckerli gibt). Ich für meinen Teil erklärte ihr, dass ihr Pferd damit lediglich einen Ablauf lernt (erst scharren, dann den Huf abstellen, dann Keks kassieren). Ich erklärte ihr, wie es besser ginge. Sie schaute mich stumm an und ich fügte hinzu „in Wirklichkeit stört es dich einfach gar nicht genug, um daran etwas zu ändern“. Dann lachten wir beide und das Thema war vom Tisch. Und das ist völlig in Ordnung (weil durch das Scharren in diesem Fall niemand zu Schaden kam). So wie es für mich völlig in Ordnung ist, wenn Duncan unterwegs in einem gewissen Rahmen „förstert“. Und wenn jemand mir sagt „ich mag kein Dressur-Reiten“, dann bittesehr. Die einzige Reiterpflicht ist dann, andere Wege zu finden, dem Pferd zu helfen mit der Balance und Tragfähigkeit. Das geht auch ohne Dressur-Reiten – wirklich. Aber nur wenn wir das ehrlich aussprechen, können wir uns dann um so ein Alternativ-Programm bemühen.

Und so fordere ich meine Leserinnen alle mal auf, sich selbst, ganz leise und heimlich, die Frage zu stellen, was das wohl bedeutet „wir haben Zeit“ (oder was immer Ihr sonst so zu Euch selbst sagt). Ihr müsst es ja niemandem erzählen. Aber wenn Ihr das mal tut und die entsprechende Antwort findet und dann auch Handlungen daraus ableitet, dann wird die Welt für Euch und Euer Pferd ein bisschen besser werden – versprochen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 370

Diiiiiiiiienstag! Ab in den Wald mit dem Ausreitkumpel! Diesmal eine kleinere Runde, dafür ein neuer Testlauf für die Verbesserung der Lieblingsstrecke. Mein Mädchen hat die Strecke etwas umgebaut und das war echt fein so. Weil nicht so viel Zeit war, waren es nur knapp 8km, da können wir dann später noch eine Schleife dran hängen. Diesmal sind wir dann den schönen Weg in die richtige Richtung geritten, also leicht bergauf. Weil mein Mädchen etwas Sorge hatte, dass ich das als Einladung für wildes Galoppieren betrachten könnte, hat sie im Kopf unser „Trablied“ laufen lassen. Ich bin ganz brav getrabt wie ein kleines Uhrwerk. Und zwar immer auf der Seite des Weges wo die Zweige am tiefsten hingen. Das hat Konzept, dann kann ich zwischendurch was förstern! (Wobei ich derzeit noch mit traben beschäftigt bin. Aber ich übe! Irgendwann schaffe ich das!) Mein Mädchen war davon ja so gar nicht begeistert. Sie meinte, ich möge doch bittesehr ihre Höhe mit einberechnen, sonst muss sie sich ja dauernd ducken. Ach, irgendwas ist eben immer.

Als wir dann fertig waren mit traben, sind die Mädchen abgestiegen und zu Fuß gegangen. Ich hab mir schnell ein Zweiglein abgerissen und wollte das gemütlich verschmausen. Aber mit dem Gebiss im Maul geht das echt schwer! Da wollte ich gern stehen bleiben, um das Problem zu lösen. Mein Mädchen wollte aber nicht stehen bleiben. Also sagt sie zu mir „ich tausche“. Nimmt mir den Zweig aus dem Maul und gibt mir stattdessen einen Keks.

In meinem Hirn fing das an zu rattern und zu rechnen. Schnell nach dem nächsten Zweig gehascht. Mein Mädchen „nimm doch einfach nur zwei Blätter, dann kannst du das gut kauen“. Ok! Mache ich. Und jetzt, mein Mädchen, bist du dran. So war doch die Regel: ich esse den Zweig NICHT, dafür bekomme ich einen Keks! Mein Mädchen war am fluchen und gleichzeitig am lachen und meinte, ich sei doch wieder schlauer als sie und sie hätte einen blöden Anfängerfehler gemacht mit diesem Tausch-Angebot! Ach, manchmal ist sie wirklich zu lustig.

Als wir wieder an der Wackelkiste waren, hat mein Mädchen was neues probiert. Echte Distanzpferde werden ja immer schön gekühlt, mit Wasser und Schwamm. Und mein Mädchen findet, wir können das schon mal üben. Also hat sie einen Eimer Wasser und einen Schwamm mitgenommen und mich freundlich abgewaschen. Das fand ich super! Da hab ich gleich mal eine Genusslippe gemacht. Sogar im Gesicht mochte ich den feuchten Schwamm. Mein Kopf juckt ja nach dem reiten immer so und das hat gut geholfen. Mein Mädchen war ganz entzückt, denn duschen mit dem Schlauch finde ich ja immer so blöde, aber das mit dem Schwamm gefällt mir, das können wir gern immer so machen.

Mein Ausreitkumpel und ich wollten gern noch etwas näseln. Und dann etwas wilder. Naja, als ich dann steigen wollte, haben die Mädchen uns angebrüllt und wir mussten uns wieder benehmen. Aber vielleicht können wir uns irgendwann mal wieder zum spielen treffen, wenn mein Mädchen ihre Nerven gut zusammen hat und sich traut, sich das anzuschauen. Mal sehen.

Bisschen näseln
Partners in crime!

Jetzt fallen die nächsten Dienstags-Ausflüge leider auch schon wieder aus, wie schade! Da muss ich mich fürs Konditionstraining auf Ausreiten mit Diego beschränken. Aber vielleicht wird es ja auch endlich mal was mit dem allein ausreiten, das steht ja auch noch auf unserer To-Do-Liste. Und Besuch von anderen Ausreitkumpels. Ach, so gibt es immer was zu tun!

Euer gut beschäftigter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 369

Sonntag = erstmal schön ausschlafen!

Der Steinboden im Stall ist schön kühl, gemütlich bei dem warmen Wetter!

Sonntagsausflug fällt aus. Ich habe mir eine kleine Auszeit genommen, habe am Mittwoch ein bisschen gehumpelt. Ist aber schon wieder weg. Trotzdem: Donnerstag, Freitag und Samstag war mein Mädchen viel auf Achse und hatte keine Zeit, was mit mir zu unternehmen. Und weil sie ja nun nicht genau wusste, ob ich heute wieder fit bin, und weil sie so viel auf Achse war, schieben wir heute eine ruhige Kugel.

Apropos Kugel: angeblich habe ich ja eine Rubens-Figur! Mein Mädchen meint, weil ich jetzt nicht mehr so doll wachse und kein ganzer Mann mehr bin, brauche ich wohl nicht mehr so viel Futter. Das finde ich aber ganz und gar unfair! Und außerdem ist das gar kein Speck, sondern Muskelerwartungsmasse! Wo ich doch immer so viel trainiere! Einziger Trost: auch Gatsby und Diego sind angeblich zu dick. Mein Mädchen meint, im wesentlichen wird sich das von selbst erledigen, wenn das Gras auf der Wiese jetzt aussamt und dann viel weniger Kalorien hat. Trotzdem ist jetzt Schmalhans Küchenmeister. Nachts dürfen wir ja auf die Wiese, aber tagsüber ist Diät angesagt! Nix mehr mit drei Heuportionen über Tag. Heute wurden uns erst mal ein paar Haselnusszweige serviert und dann ein paar Brennesseln. Weil wir die Zweige nicht aufessen wollten, hieß es dann gleich, wir wären wohl nicht hungrig genug. Wir haben da ein bisschen dran rum gekaut und dann fest gestellt, dass es nicht an eine ordentliche Heuportion ran kommt. Aber auf die mussten wir dann ganz schön lange warten!

Diese Zweige sind echt nicht so einfach zu fressen!

Der Mann hat den Sensenmann gespielt und hat die Brennesseln von der Wiese gesenst. (Apropos! Comedy vom Sensenmann! Wärmste Empfehlung vom Mädchen!)

Und weil es ja so gar nicht regnen soll in der nächsten Zeit, meint mein Mädchen, sie macht aus der Not eine Tugend und macht ein bisschen Brennesselheu für uns. Soll ja sehr gesund sein….

Immerhin habe ich mir ein paar extra Grashalme ergattert. Das war so: Jedes mal, wenn sie mich durch das Tor wieder in den Stall bringt, merke ich an, dass da in der Mauerritze schönes Gras wächst. Jedes mal sagt sie, das sei nicht mein Job, ich wäre ja Pony und kein Gärtner. Hä? Ich bin doch Profi-Förster! Wann hat sie das vergessen? Aber heute schlug meine Stunde: Mein Mädchen hatte mich raus geholt und ich sollte im Kreis traben für den Humpelfuß-Check. Den hab ich bestanden: kein Humpelfuß mehr. Also zurück in den Stall. Gerade als wir auf der Höhe vom Tor waren, hat der Mann mein Mädchen was gefragt. Da war sie doch kurz abgelenkt! Und ich hab mich schnell um das Gras da gekümmert. Mein Mädchen hat nur gelacht und gemeint, ich wäre eben sehr aufmerksam und wüsste genau wann sie es nicht ist.

So, jetzt ist dieses Mauerritzengras endlich weggeförstert!

Jetzt warten wir die Hitze des Tages ab und heute abend gehen wir noch schön auf den Reitplatz. Mein Mädchen hatte nämlich am Donnerstag Unterricht (eigentlich mit mir, aber wegen meinem Humpelfuß durfte Diego ran – ich war sooooo eifersüchtig!) und hat da neue Sachen gelernt, die sie jetzt mit mir ausprobieren will. Bin gespannt. Aber erst, wenn der Reitplatz im Schatten liegt.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit der ruhigen Kugel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 368

Mein Mädchen beschäftigt sich ja den ganzen Tag mit Ponys. Sie raspelt Hufe oder unterrichtet oder sie macht was hier zu hause mit uns. Und ständig hat sie neue Fragen und findet neue Antworten. Oder wir Ponys geben ihr neue Antworten auf die alten Fragen. Und deswegen lernt sie gern neue Sachen. Jetzt hat sie ein Buch gelesen (Trainingslehre für Freizeitreiter von Constanze Röhm). Da geht es um Ponyfitness. Weil ich ja schön, stark und geschmeidig werden soll und wir irgendwann auf Distanzritt gehen wollen. Ok, schön bin ich schon, aber derzeit habe ich angeblich eine Rubensfigur. Wegen dem Frühlingsgras. Und das soll sich ändern, ich soll bitte wieder sportlich aussehen. Und überhaupt wollen wir ja jetzt mal mit Konzept trainieren und nicht nur so vor uns hin ausreiten. So der Plan! Deswegen hat sie jetzt einen ganz neuen Blick auf unsere Lieblingsstrecken. Bisher sind wir ja einfach los geritten und halt mal getrabt, wenn wir Lust hatten oder der Weg schön war. Jetzt möchte sie sich mal genau aufschreiben, welche Strecken man am besten traben kann und wo man besser Schritt geht (wegen Boden oder erhöhtem Aufkommen von Menschen/Autos/Hunden/Pferden/usw). Sie hat versprochen, auch schon mal mit anzuschauen wo wir schön galoppieren könnten (sie hat extra dazu gesagt, dass sie nicht versprochen hat, dass wir da dann auch wirklich immer galoppieren. Menno.)

Gestern hat sie also eine eigentlich bekannte Strecke aus diesem neuen Blickwinkel betrachtet. Dabei hat sie sich natürlich verschätzt, denn bisher hat sie nie sooooo genau geschaut, wie man da am besten reitet. Deswegen sind wir zum Beispiel schon wieder den schönen Weg in die falsche Richtung geritten. Weil der dann leicht bergab geht, dabei wäre leicht bergauf ja irgendwie netter. Wir sind den trotzdem durch getrabt (geht schließlich nur leicht bergab) und dann hat sie gejammert, dass das anstrengend ist für ihre Waden! Hallo? ICH bin doch derjenige der hier bergab läuft! Und ich trage sie dabei noch! Fragt mich jemand ob ich das anstrengend finde? Nein!

Dann sind wir recht lange Schritt gegangen und die Mädchen haben nachher fest gestellt, dass sie da schlauer weise hätten absteigen sollen. Mein Spaziergehkumpel kann nämlich nicht so schnell Schritt gehen und dann geraten wir in so einen Bummelmodus und schlafen ein. Wenn die Mädchen zu Fuß sind, ist das kein Problem, dann bummeln wir halt. Aber wenn die Mädchen auf unseren Rücken sitzen ist das nicht gut wenn wir bummeln, dann haben wir nicht genug Muskelspannung, um sie gut zu tragen.

Dann haben wir noch fest gestellt, dass der eine Weg, den wir als ganz nett in Erinnerung hatten, doch sehr, sehr schotterig ist und deswegen gar nicht Trab-geeignet. Mein Mädchen wird die Strecke also nochmal anders planen, mit hoffentlich besserem Konzept. Wenn wir den schönen Weg dann bergauf reiten, meint sie, könnten wir das mit dem Galopp mal ernsthaft ausprobieren. Sie hat jetzt nämlich gemerkt, dass ich zwar mal angaloppiere, wenn ich denke, ich muss schneller voran kommen, aber ich werde nicht unvernünftig und renne. Zum Durchparieren brauche ich zwar einen Moment, aber so lange es nur ein Moment ist (also so 10 Galoppsprünge mehr als geplant) ist das erst mal ok. Ich muss das ja auch üben, meine Füße zu sortieren und ich bin so ein anständiger Kerl (trotzt angeblicher Pubertät!). Kurz und gut: nächsten Dienstag ein neuer Versuch und dann hoffentlich mit Galopp – drückt mir die Daumen!

Mein Mädchen meint, wenn wir das jetzt ein bisschen mit Konzept angehen haben wir nachher hoffentlich ein schönes Repertoire an verschiedenen Strecken, wo wir dann auch mal einen Fitnessvergleich machen können.

Apropos Fitnessvergleich: meine durchschnittliche Trabgeschwindigkeit ist von 10,9 auf 11,1km/h gestiegen, sagt die App. Und das Mädchen vom Spaziergehkumpel hat nicht schlecht gestaunt, als ich zwischendurch mal den Turbotrab demonstriert habe. Den kann ich aber noch nicht lange durchhalten, da muss ich noch trainieren. Und hier noch ein paar weitere harte Fitness-Fakten: 10,2 km, davon 6km im Trab. Mein Puls war am Anhänger bei 52 (Streber-Ausreitkumpel bei 48), zu hause war ich bei meinen gewohnten 44.

Fotos haben wir vor lauter Training voll vergessen, tut mir leid!

Euer Sir Duncan dhu of Nakel im Fitnesstraining

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 367

„Heute ist es so weit“ sagt mein Mädchen zu mir „heute gehen wir zwei mal ganz alleine raus“. Das haben wir ja eeeeeeeeewig nicht gemacht! Genau genommen glaube ich, wir waren vor drei Jahren zuletzt ganz alleine los. Sonst waren wir zwar mal ohne Begleitpferd, aber der Mann war immer dabei.

Heute also nur mein Mädchen und ich. Der Plan war einfach: Wir gehen bis kurz hinter den Nachbarhof zum Baum. Also DER Baum. Es gibt hier ja viele Bäume aber das ist eben „der Baum“. Der steht an einer Ecke des Weges und drum herum ist Platz zum Grasen. Da wollte mein Mädchen mit mir zu Fuß hingehen, das sind so 500m. Dann dort bisschen grasen und wenn wir beide uns wohl und vergnügt fühlen, wollte sie aufsteigen und wieder nach hause reiten. So weit der Plan! Und wie sagte sie „was kann auf der kurzen Strecke schon passieren?“

Naja das wurde dann recht schnell klar. Direkt gegenüber vom Baum ist nämlich eine Wiese und da wurde Heulage gepresst und gewickelt. Genau zu der Zeit als wir da vorbei gekommen sind. Ist das zu fassen? Wir haben genau die 2 Stunden erwischt, die es dort nicht romantisch still war. Es waren also zwei große Trecker auf der Wiese unterwegs, der eine hat die Ballen gepresst, der zweite hat die Ballen in Folie gewickelt. Mein Mädchen konnte da leider nicht filmen aber wer nicht weiß wie das aussieht und sich anhört, kann ja mal hier gucken. Ja, das finde ich doch einen Hauch gruselig. Aber ich durfte am Wegesrand grasen und den Wickler beobachten und habe dann schnell festgestellt: ungefährlich. Also sind wir weiter gewandert an der Wiese entlang zum Baum. Da durfte ich wieder grasen. Die beiden Trecker sind über die Wiese gewandert. Mein Mädchen hat überlegt, was wir jetzt machen, denn sie wusste: der, der presst, ist bald fertig. Und dann fährt der mit seinem Riesentrecker genau den Weg, den wir nach hause gehen. Und der Weg ist fast ein bisschen schmaler als der Trecker….

Den Wickler kann man leider nicht sehen der ist gerade zu weit weg.

Also hat sie nach längerem Überlegen beschlossen, dass das mit dem Reiten nix wird und wir lieber jetzt zügig nach hause gehen, bevor der fertig ist. Aber kaum waren wir an der Wiese vorbei, hörten wir, wie die Presse ausging! Schon fertig? Oje! Also ist mein Mädchen fleißig neben mir her getrabt, damit wir zu hause sind, bevor der Riesentrecker uns womöglich noch von hinten über den Haufen fährt.

Zu hause angekommen hat sie mir dann gesagt, dass es trotzdem ein feiner Ausflug war, weil ich das so toll gemacht habe mit den Treckern. Der mit seiner Presse ist übrigens noch lange nicht am Hof vorbei gekommen, wir hätten uns also gar nicht so beeilen müssen, aber naja. Weil ich das alles so gut und toll gemeistert habe, werden wir es demnächst wieder probieren. Was kann auf so einer kurzen Strecke schließlich schon passieren? (Wir werden es sehen!)

Euer selbständiger Sir Duncan Dhu of Nakel

Ängste

In meiner Blog-App werden mir immer Themenvorschläge gemacht (von anderen Bloggern). Am Dienstag las ich da „Welche Ängste hast du überwunden und wie?“ und ich dachte nur: gerade jetzt überwinde ich mehr Ängste zum Frühstück als früher das ganze Jahr.

In zwei Wochen ist Finlays Todestag und es geht immer los mit mehr Angst. Angst, dass meinen geliebten Ponys etwas passieren könnte. Und diese Angst schlägt absurde Kapriolen, denkt sich die verrücktesten Szenarien aus. Das sind die Zeiten, zu denen ich alle, die Angst vor irgendwas haben, am besten verstehen kann.

Die Formulierung „die Angst überwinden“ finde ich nicht so gelungen. Als wäre die Angst ein Hindernis, dass man überspringen kann. Erst mal ist doch die Frage: woher kommt diese Angst? Manche Ängste sind ja Warnhinweise, die wir ernst nehmen sollten. Angst, aus zu großer Höhe irgendwo runter zu fallen ist zum Beispiel ein hervorragende Schutzmechanismus. Wenn wir allerdings Angst haben, auf eine Trittleiter zu steigen, weil sie uns so hoch vorkommt, dann wird es unpraktisch. Und so mache ich mir Dienstags, wenn ich allein mit Duncan los fahre immer klar: die Angst kann erst mal bewirken, dass ich beim Vorbereiten des Anhängers besonders sorgfältig hinschaue und dann umsichtig fahre mit meinem wertvollen Pony hinten drin. Dagegen ist nichts einzuwenden. Diese Angst bewirkt auch, dass ich immer weiß, wen ich anrufen kann, wenn etwas sein sollte und mein Handy immer voll geladen habe bevor ich aufbreche. Daran ist nichts auzusetzen.

Dann ist da noch die Frage: wovor genau habe ich eigentlich Angst? Zwei meiner Schülerinnen sind mit ihren Pferden gestürzt. Beide haben jetzt Angst. Die eine davor, dass ihr Pony sich verletzt, die andere davor, dass sie selbst sich verletzt. Das sind beides legitime Befürchtungen. Unter Umständen führen sie zu unterschiedlichen Entscheidungen. Zu Anfang steht aber für beide fest: je geringer die Geschwindigkeit, desto weniger passiert bei einem eventuellen Sturz. Fällt das Pferd aus dem Schritt auf die Nase ist es höchst unwahrscheinlich, dass Mensch oder Tier ernsthaft verletzt werden. Wir können also den Schritt als Startpunkt nehmen zum üben. Beide berichten mir, dass es ihnen hilft, wenn ich ihr Pferd reite und sie zuschauen können. Und ich kann berichten: das eine Pferd ist inzwischen trittsicher und in meinen Augen nicht mehr sturzgefährdet. Das andere ist tatsächlich akut sturzgefährdet. Mit dem arbeite ich so lange im Schritt, bis es sich besser anfühlt, dann trabe ich langsam und schaue, was die Voranzeichen sind bevor ein kleiner Stolperer kommt und pariere frühzeitig wieder durch. Jetzt könnte man sagen: in einem Fall ist die Angst der Reiterin also berechtigt, im anderen nicht. Aber das ist ja schon wieder so ein Wort: „berechtigt“. Als bräuchte man eine Berechtigung für ein Gefühl! Brauche ich eine Berechtigung, meinen Mann zu lieben? Ich würde eher sagen: in einem Fall wird die Angst von einer akuten Gefahr ausgelöst, vor der sie uns schützt. Im anderen Fall wird die Angst von einer Erinnerung ausgelöst und das menschliche Gehirn tut sich schwer damit, zwischen Erinnerung und Gegenwart zu unterscheiden (was völlig normal ist).

Als ich angefangen habe, Duncan zu reiten, war meine größte Angst, dass er sich vor irgendwas erschreckt, einen Hopser zur Seite macht, ich ins Rutschen komme und er dann erst recht Angst bekommt. So ein kleines Pony, so dachte ich, ist ja auch so schnell unter einem raus gehüpft. Ich habe meine Freundin immer sehr bewundert für ihre Fähigkeit, die Seitsprünge ihres Ponys so gelassen auszusitzen. Erst als ich Duncans erste Überraschungsaktion in Form einer 180Grad-Drehung aus dem Stand gut überstanden hatte, wurde ich sicherer. Heute weiß ich: seine Erschreckersprünge sind total harmlos. Neulich hat er sogar einen gemacht als ich mir eben einen Steigbügel hoch geholt hatte um ihn noch zu verstellen. Mein Unterbewusstsein kennt inzwischen den Bewegungsablauf und antizipiert, wie der Sprung ausfallen wird anhand der Körperspannung die Duncan vorher aufbaut. Manche Dinge kann man eben wirklich einfach üben und dann schwindet die Angst von allein.

Ich bin keine mutige Reiterin. Das ist einer der Gründe, warum ich keine Jungpferde anreite: ich finde, ein junges Pferd braucht eine angstfreie Person auf seinem Rücken. Bei meinen eigenen jungen Pferden habe ich es trotzdem selbst gemacht. Weil wir uns so gut kennen und ich das Tempo komplett selbst bestimmen kann. Ich versuche immer, meinen Pferden zu vermitteln, dass die Angst, die ich empfinde, nichts mit dem Trecker, dem Radfahrer, der Plane oder dem Sattel zu tun hat, sondern dass ich Angst vor ihrer Reaktion habe. Ob das ankommt – wer weiß? Aber Pferde können Körpersprache so gut lesen, dass ich überzeugt davon bin dass sie auch das mindestens zu einem Teil verstehen können.

Grundsätzlich geht es auch bei der Angst für mich immer um Häppchen. Wenn ich es schaffe, mir Häppchen vorzunehmen, die auch mit Angst noch machbar sind, dann wird es besser werden und ich werde nach und nach weniger Angst haben. So wie beim Thema Galopp mit Duncan. Zwei Angstthemen schwingen da bei mir mit. Zum einen das Thema Durchgehen: ich bin ich nicht sicher, ob er nicht irgendwann so ins laufen kommt, dass die Bremse doch versagt. Dem begegne ich durch die Wahl des Weges (leicht bergauf und am Ende kommt nichts gefährliches, so dass er zur Not einfach weiter rennen kann bis er nicht mehr kann oder will). Oder ich lasse Arnulf mit Diego vorne weg galoppieren, dann kann ich Diego als Bremsblock verwenden (wohl dem, der so einen klasse Pony-Papa hat!). Die zweite Angst ist die vorm Stürzen, denn tatsächlich bin ich mit Finlay auch einmal gestürzt im Galopp. Dieser Angst begegne ich durch gute Vorbereitung: viel traben auf unebenen Böden und an der Longe galoppieren über unebene Böden. Außerdem hilft auch hier ein leicht bergauf verlaufender Weg. So kann ich das galoppieren aus meiner Sicht „absichern“ und ausprobieren. Die ersten Galoppstrecken, die wir bis jetzt gemacht haben, waren wenige Meter lang. Nur mal antesten. Das Durchparieren üben. Jetzt werde ich mich langsam steigern. Die Angst wird mit reiten, aber sie wird nicht übermächtig werden, weil ich alles gut durchdacht und vorbereitet habe.

An Finlays Tod war nichts durchdacht und vorbereitet. Es lag vielleicht eine Stunde zwischen „wir reiten fröhlich durch den Wald“ und „ich hocke neben meinem toten Pony“. Die Angst, dass das wieder passiert, wird vielleicht immer übermächtig bleiben. Wenn sie kommt, hilft es mir, mir klar zu machen, dass es eine Erinnerung ist und keine Gegenwart. Es hilft mir aber auch, zu wissen, dass niemand etwas hätte dagegen tun können. Niemand hätte etwas anders machen können. Die Situation war nicht gefährlich. Und das bedeutet, es war einfach „Lebensrisiko“. Das ist schrecklich, aber es heißt auch: wenn ich jetzt etwas nicht tue, weil ich Angst habe, senke ich das Risiko eines solchen Unfalls nicht. Was ich aber senke, ist meine Lebensqualität (und die meines Ponys). Wenn ich es nicht schaffe, Dienstags allein los zufahren zum Ausreiten mit meiner Freundin, dann werde ich nicht mit meiner Freundin ausreiten können. Dann würde uns eins der schönsten Highlights der Woche fehlen. Und wann immer ich mich von meinem Duncan eines Tages verabschieden muss, ich will wieder sagen können „Danke für das Abenteuer“. Ich will nicht sagen müssen „tut mir leid, dass es mit mir so langweilig war“. Die Angst fährt mit, überwunden ist sie nicht. Sie sitzt auf dem Beifahrersitz und flüstert mir zu, dass mein Pony bald tot sein könnte. Und dann sage ich ihr: „das weiß ich und ich will meine begrenzte Zeit mit ihm genießen. Komm ruhig mit und beschütze uns vor Dummheiten“.