Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 473

Nach unserem ausgiebigen Ausritt am Sonntag haben Diego und ich am Montag einen Tag frei gehabt. Nicht, dass ich da Lust drauf hätte, aber mein Mädchen hatte einfach keine Zeit und findet, das ist dann eine gute Kombi, wenn wir am Tag davor ordentlich was getan haben. Wir sollen dann unsere Muskeln wachsen lassen. Laaaaaaaangweilig! Hab ich ihr auch gesagt, aber sie war eh nur ganz kurz im Stall. Naja.

Gestern war sie dann morgens ganz wuselig unterwegs. Ich ahnte bereits großes, wo ich doch jetzt weiß: wenn sie aufgeregt ist, passiert was spannendes! Naja, es ging dann so mit der Spannung. Wir haben nämlich Reitunterricht bekommen, aber das ist für mich leider so gar kein Hochgenuss. Da der Reitlehrer nämlich gaaaaaanz weit weg gezogen ist, kommt er nicht zu uns, sondern schaut uns übers Internet beim reiten zu und redet meinem Mädchen ins Ohr. Ich kriege davon nix mit, ich merke nur, dass sie furchtbar abgelenkt ist und sich ganz wenig wirklich auf mich konzentriert. Aber ich bin ja Gentleman und gebe mein Bestes. Mein Mädchen sagt, wenn wir das jetzt vielleicht etwas regelmäßiger machen, kann sie das auch üben, dann klappt das auch besser. Na gut.

Heute war dann aber ausgleichende Gerechtigkeit, denn weil endlich mal wieder alles gestimmt hat, sind wir zum zweiten Mal ganz alleine richtig ausreiten gegangen!

Mein Mädchen war ganz gespannt, ob ich wohl wieder so fein entspannt und motiviert bin. Na klar, Mädchen, wo ich doch jetzt raus gefunden habe, wie viel Spaß das macht! Los geht´s!

Ziemlich am Anfang der Tour lag ein gruseliges Dings auf dem Weg. Ich hab meinem Mädchen das gezeigt (von weitem) und sie hat gesagt, es sei eine Tüte. Ach so, Tüten kenne ich. Sie meinte dann, wir gehen da hin und gucken uns das an und dann bekomme ich einen Keks. Ok! Haben wir so gemacht. Tüten sind nicht gruselig, als ich sicher war, dass es nur eine Tüte ist, war auch alles fein. Dann an dem Baum vorbei, da will ich ja immer gern links abbiegen, weil da so ein schöner Weg ist. Mein Mädchen sagt aber, diesen Weg werde ich niemals betreten, denn auf diesem Weg hat mein großer Bruder sich tödlich verletzt. Hm. Nachdem sie diesen Gedanken kurz weg geatmet hatte, sind wir ein bisschen getrabt. Wir hatten uns gerade so schön eingegroovt als plötzlich

VOGEL!!!!

Man, diese Dinosaurier! Wenn sie so herumpiepsen und flattern stören sie mich ja nicht. Aber dieses Geraschel im Gebüsch von seitlich unten, das kann ich im ersten Moment immer nicht einschätzen. Was ist da wohl? Eine Schlange? Ein Tiger? Ein Huchmampf? Weiß ich doch nicht! Also lieber fix einen Satz zur Seite, dann die Bremse rein hauen und gucken. Mein Mädchen hat mir einen Keks gegeben und gesagt, dass sie es toll findet, dass ich die Bremse rein haue und gucke. Und dass wir jetzt weiter traben, weil man da das Adrenalin am besten und schnellsten los wird. Ok! Also ging es weiter. An der Eiche um die Kurve und dann den schönen Grasweg lang. Heute war der trocken genug und wir konnten durchgängig traben – langsam bergab und etwas flotter bergauf. Mein Mädchen hatte ein kleines Tränchen in den Augen – nicht vom Fahrtwind, sondern weil sie das alles sooooo toll findet und sich so freut, dass sie mich hat und ich sie so fein durch die Landschaft trage. Gerne, mein Mädchen!

Den Dornröschenweg im Schritt, danach die traditionelle Graspause, in der mein Mädchen eine Nachricht an ihre „Notfallkontakte“ geschickt hat mit einem Foto von mir beim grasen und ein paar Herzchen dazu, damit sie wissen, dass es uns gut geht.

Dann ist sie wieder aufgestiegen und es ging den blöden Teil des Weges entlang, über die großen Steine bergab. Danach noch ein kleiner Trab und an den Pferdeweiden in den Schritt, damit wir keine Pferde provozieren, ein Wettrennen zu starten. Wie wir so auf den Nachbarn (zweiten Grades, also der Nachbar vom Nachbarn) zu kommen, sehe ich da doch etwas merkwürdiges. So ein Schatten! Was ist das mein Mädchen? Sie hat mir gesagt, es sei eine Mülltonne. Ja? Ok wir gehen gucken. Hab ich mir angeschaut. Stimmt, es war nur eine Mülltonne. Na dann! Keks und Abgang. Im Schritt weiter und beim direkten Nachbarn ist sie dann abgestiegen und ist zu Fuß mit mir nach hause gegangen. Ach, was war sie wieder stolz und glücklich! Und das mag ich ja am liebsten. Wir haben noch einen kleinen Schnack an der Stalltür gehalten und mein Mädchen hat sich bei mir bedankt für den schönen Ausritt. Jetzt sind wir beide sehr zufrieden mit uns und der Welt!

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 472

Juhuuuuu! Sonntaaaaaag!

Es fing etwas merkwürdig an, weil die Menschen meine Hufschuhe aufgepimpt haben und ich dafür ungefähr 100 mal die Schuhe an – und wieder ausziehen musste. Langsam wurde mir ganz kribbelig: gehen wir irgendwann auch mal ausreiten? Ja, gehen wir. Als die Schuhe fertig waren und dann noch mit bunter Farbe besprüht, damit man sie besser sieht, haben die Menschen endlich die Sachen gepackt und wir durften in die Wackelkiste klettern.

Hufschuhe gepimpt!

Wir sind in ein Gebiet gefahren, wo wir lange nicht waren. Dort gibt es viele schöne Wege und die Frage ist ja immer, wie man die dann sinnvoll kombiniert. Diesmal hatte mein Mädchen einen sehr guten Plan ausgeheckt und wir sind alle sehr zufrieden damit – diese Tour wollen wir jetzt öfter reiten.

Ein kleines Stück durchs Dorf, wo die Leute alle Frühlingsgefühle hatten: überall waren sie am putzen, gärtnern und aufräumen. Dann direkt raus in die Felder. Mädchen, hier ist es überall so schön grün und es riecht so gut nach Frühling! Da, siehst du diesen leckeren Grashalm? Und diesen? Und den da drüben? Mein Mädchen meinte, dass wir jetzt erstmal ein Stück laufen, und nachher eine Graspause machen. Na gut….

Dann ein flotter Trab – wie gut dass Diego jetzt teilentpelzt ist! Das war sooooo warm! Zwischendurch immer der Blick aufs Handy: wo müssen wir jetzt lang? Das nervt uns alle etwas und deswegen möchte mein Mädchen jetzt Runden, die uns gefallen, so oft reiten, bis wir sie solide auswendig kennen. Neue Wege erkunden können wir ja in neuen Gebieten. Ich finde ja, man könnte einfach mal irgendwo abbiegen wo es nett aussieht, aber mein Mädchen möchte das nicht.

Wo geht’s lang? Mein Mädchen ist für die Route verantwortlich, weil sie meinen Entscheidungen nicht traut….

Also weiter nach ihrem schönen Plan! Ein kleiner Galopp, ich vorneweg, dann kam Diego von der Seite und wir Ponys wollten ein kleines Wettrennen machen! Aber die Menschen wollten das nicht. Spielverderber!

Ich bin dann vorneweg galoppiert und der Mann ist mit Diego hinten geblieben. Es lief gerade so schön, da fühlte sich an meinen Hinterhufen was komisch an. Der Mann hat gepfiffen, wir haben gebremst. Hufschuh-Alarm! Also die vorderen Schuhe haben gehalten – Fortschritt! Diesmal war beim hinteren eine Schraube abgerissen. Das ist schon mal passiert, auch hinten bin ich einfach ein Schmalspurpony und trete mir selbst auf die Schuhe, vor allem im Galopp. Mein Mädchen hat kurz gemeckert, aber dann beschlossen, sich später darum zu kümmern. Hinten Schuhe aus und weiter ging es. Nachher meinte sie, ich brauche hinten eh nicht immer Schuhe anhaben, wir haben jetzt gute Wege gefunden, da geht das auch gut ohne. Sie will ja immer, dass ich die Schuhe anhabe, damit mir die Hufe nicht weh tun wenn die Wege mal blöd geschottert sind. Aber auf diesen Strecken sind keine blöden Schotterwege und dann geht das ja auch so, vor allem an den Hinterhufen.

Nach Galopp und Hufschuhverlust kam endlich die Graspause. Leckerleckerleckerlecker! Währenddessen haben die Menschen den verschwitzten Diego angeschaut (ja, ich war auch schon ordentlich nass, aber Diego hat ja immer die große innere Hitze, dem tropfte schon wieder das Fell!) und haben beraten, noch ein bisschen mehr zu entpelzen.

Dann weiter. Erst eine Diskussion zwischen dem Mann und Diego, weil der die große Ungeduld hatte. Er wollte immer gleich los, sobald der Hintern des Mannes den Sattel berührt. Aber der Mann findet, als artiges Pony bleibt man stehen bis der Mensch sagt, dass es los geht. Also ist er wieder abgestiegen und hat das mit dem Aufsteigen nochmal geübt. Und dann nochmal. Diego wurde immer ungeduldiger. Der wollte los! Als es dann schließlich los ging, hat er so einen Zahn drauf gehabt, dass mein Mädchen und ich nur noch dumm hinterher gucken konnten. Aber mein Mädchen ist froh, weil Diego so deutlich zeigt, dass es ihm gut geht, auch wenn er immer noch Probleme hat, Heu zu kauen (er bekommt im Moment jetzt auch massenweise Eimer, so wie Merlin und Caruso – und wir Schotten schauen dumm aus der Wäsche!).

Etwas weiter sind wir zwei Spaziergängern begegnet und die Frau meinte, wir wären so schöne Pferde – ach, das hören wir ja gern! Mein Mädchen hat im Gegenzug gefragt ob den beiden das Haus da hinten gehört? Ja tut es und schon fand ein längeres Gespräch über die Solaranlage statt, die dort nicht auf dem Dach sondern im Garten steht. Mir war ein bisschen langweilig bei dem Geschnacke, habe ein bisschen geflirtet und mich ein bisschen gekratzt aber dann war ich froh als es wieder los ging. Und Diego erst! Der hatte wirklich die große Ungeduld.

Noch etwas Schritt, dann durchs Moor über die schrägen Plattenwege. Da ich etwas müde wurde, hat mein Mädchen noch einen Trab gezündet. Sie hat inzwischen ja verstanden, dass es nichts nützt, im Schritt daher zu schleichen, wenn ich meinen müden Punkt habe. Wenn wir Traben, finde ich den Reservetank schneller und den hab ich dann aufgemacht.

Schon waren wir wieder auf dem schönen Weg vom Anfang, den sind wir noch durchgetrabt, dann kam nur noch Schritt (abgesehen davon, dass ich ab und zu ein Stück traben musste, wenn Diego wieder soooo weit vorne war). Am Eingang vom Dorf war mir kurz ein bisschen gruselig, da stehen so Häuser mit hohen, dichten Hecken und ich weiß, hinter hohen, dichten Hecken sind manchmal Erschrecker-Hunde. Mein Mädchen hat gesagt, sie findet die Häuser auch ein bisschen gruselig, aber aus einem anderen Grund. Damit es nicht so gruselig ist, hat sie angefangen, ein Lied zu pfeifen und zwar dieses hier. Weil sie allzu ordentliche und saubere Häuser immer etwas erschreckend findet, noch dazu wenn komische Deko involviert ist. Und weil sie es so lustig fand, das Lied lautstark zu pfeifen und überlegt hat, ob jemand die Melodie erkennt, musste sie innerlich kichern und schon war uns nicht mehr gruselig.

Dann sind die Menschen die letzten Meter zu Fuß gegangen und an der Wackelkiste durften wir nochmal grasen, bevor es dann nach hause ging. Ach, das war wieder so toll! Wetter gut, Laune gut, Wege gut, alles gut!

Für die, die Zahlen so gern mögen wie mein Mädchen:

Gute 2 Stunden waren wir unterwegs, 12 km, davon 5 im Trab und zu wenig im Galopp (hier war aber auch wieder die App so zickig. Die mag meinen Galopp wohl nicht so gern?). Mein Mädchen sagt, wenn wir Ende September unseren ersten kleinen Distanzritt gehen wollen, sind das gut doppelt so viele km und das Tempo müssen wir noch etwas steigern, aber bis dahin sollte das gar kein Problem sein. Ich würde sagen: die Aussichten für die Saison sind gut!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Zusammenarbeit

Letzten Samstag hatte ich die Ehre, anderen Highland-Pony-Fans etwas über die Ausbildung junger Ponys zu erzählen. (Duncan hatte hier kurz berichtet).

Ok, ich habe also 1-1,5 Stunden Zeit, da muss ich mich entscheiden! Man kann ja unmöglich alles, was so zu sagen wäre, in einer Stunde sagen. Ich habe also überlegt, was ich wohl zu sagen haben – vor allem, was ICH zu sagen habe, was nicht schon 100 andere in Büchern verzapft haben. Fohlen-ABC, Führübungen, was weiß ich. Dazu gibt es genug Input. Worüber hört man nicht so oft? Was prägt meine Vorstellung vom Zusammensein mit den Ponys? Was ist der Unterschied zwischen dem, was ich mit Duncan gemacht habe und dem, was ich mit Finlay gemacht habe? Auf diesen Fragen habe ich meine Auswahl aufgebaut. Habe entsprechend viel vor allem darüber gesprochen, wie man beobachten kann, was für ein Pony man da eigentlich vor sich hat. Welche Fragen man sich stellen kann: wie werden Dinge erkundet, wie zeigt sich Angespanntheit, was interessiert mein Pony, welches Tauschgeschäft kann ich vielleicht anbieten?

All die alten Bilder und Videos von Duncan zu sehen, hat mir gezeigt, wie viel Zeit vergangen ist. Wir haben jetzt über 4 gemeinsame Jahre hinter uns und schon eine ganze Menge erreicht. Jetzt, wo die Basis stimmt, stellt sich wieder die Frage: was sind eigentlich meine Ausbildungsziele?

Sonntag: Duncan und ich stehen allein im Wald. Arnulf und Diego sind irgendwie woanders abgebogen und wir haben uns missverstanden, so dass Arnulf glaubt, er würde hinter mir her reiten, während ich ganz woanders stehe und auf ihn warte. Duncan wartet artig mit mir, aber Arnulf und Diego tauchen nicht auf. Ich entscheide: wir reiten zurück und versuchen herauszufinden, wo die beiden hingegangen sind. Duncan ist bei mir, er trägt es mit Fassung, dass Diego nicht mehr zu sehen und zu hören ist. Ich bin froh, dass wir so oft das „alleine ausreiten ohne alleine auszureiten“ geübt haben. Ich denke: um zwei Ecken rum, dann sehen wir sie bestimmt. Ein Matschloch vor uns veranlasst Duncan zu der kurzen Frage, ob Tempo die Sache verbessern würde. Vielleicht hat er recht? Aber ich weiß nicht, was nach dem Matschloch kommt und vielleicht ist der Bremsweg dann recht lang, also bitte ich Duncan, es im Schritt zu machen und er kommt dieser Bitte nach. Ich bin wahnsinnig stolz auf mein Pony. Nach der Kurve sehen wir Diego bestimmt schon. Aber das einzige was wir sehen ist das nächste Matschloch und das übernächste. Mein Telefon hat kein Netz. Sind wir hier überhaupt richtig? Kann Duncan im Matsch stecken bleiben? Ich werde nervös. Und zum ersten Mal kann ich spüren, wie meine Nervosität sich überträgt – Duncan wird nervös. Nein, das ist nicht gut! Ich setze mich aufrecht. Ich bin eine erwachsene Frau, erfahrene Reiterin. Duncan kann das. Es ist nur Matsch, kein Moor, er bleibt nicht stecken. Wir kriegen das hin, wir sind schon groß. Ich atme durch, Duncan atmet durch. Mein Telefon klingelt, Arnulf ist dran. Ok, wir müssen ein Stück weiter, dort warten die beiden auf uns. Vor uns liegt eine kleine Brücke, dahinter ein paar Wildhütten aus Blech, die Duncan gruselig findet, aber ich bin wieder voll da und spreche ihm Mut zu.

Vielleicht habe ich an diesem Tag wieder ein bisschen was von dem geschafft, was ich meinem Pony gern beibringen möchte: auch wenn ich selbst nervös bin, ist das keine Katastrophen-Vorhersage. Bleibe bei mir, bewege dich langsam, hör mir gut zu. Wir schaffen das, auch wenn es mal gruselig für uns beide ist. Du kannst mich unterstützen, indem du deine Aufmerksamkeit bei mir hältst. Ich unterstütze dich so gut ich kann und versuche, so wie du, die Ruhe zu bewahren.

Man kann Pferden so viele tolle Sachen beibringen. Aber in meinen Augen werden diese Momente immer die wertvollsten sein. Die Momente, in denen wir zusammenarbeiten, um ein Problem zu lösen. Die Momente, in denen ich als Mensch nicht perfekt sein muss, weil mein Pony meine Schwäche aushält und ein Stück weit ausgleichen kann, bis ich es wieder hinkriege. Und da war ein erster Schritt dazu. Duncan ist noch jung und unerfahren, natürlich kann er nicht alles alleine regeln, während ich panisch auf seinem Rücken hänge. Diego könnte das wahrscheinlich. Aber wenn ich mein Bestes gebe und versuche, meine Angst im Griff zu haben so weit es mir möglich ist, dann tut Duncan das selbe. Und das reicht, der Rest ist Lebenserfahrung, die nicht nur ihm fehlt, sondern auch mir. Unsere Ausritte sind immer gut geplant, auf sehr zivilen Wegen. Ich bin weit entfernt davon, so etwas wie eine englische Fuchsjagd zu reiten (ich sehe gelegentlich Videos davon und staune dann immer, wie wenig ich meinem Pony doch zutraue).

An Tagen wie diesen, wo wir uns durch den Matsch gekämpft haben, wird mir klar, dass ich mehr Herausforderungen suchen will. Je öfter wir solche Dinge meistern, desto sicherer werden wir und wie wir gesehen haben, kann auch die beste Planung Überraschungen nicht immer verhindern.

Früher hatte ich mal ganz andere Ambitionen, aber heute überlasse ich das Streben nach Perfektion den anderen. Lieber möchte ich mein Pony so ausbilden, dass es genau solche Situationen mit mir zusammen durchsteht. Ich möchte mein Pony so ausbilden, dass wir vor dem Matschloch gemeinsam abwägen können, was der beste Weg ist. Noch liegt die Haupt-Verantwortung bei mir, aber je erfahrener Duncan wird, desto mehr Verantwortung soll er auch übernehmen. Er tut das gern, das weiß ich. Und letztlich sind es seine Hufe, die am Boden sind, seine Beine, die er sortieren muss. Er ist der mit dem Allhufantrieb und von Natur aus viel geländegängiger als ich. Er muss nur die Gelegenheiten bekommen sich auszuprobieren und mir scheint, jetzt, mit 5,5 Jahren und einer soliden Basis, wird es Zeit, dass ich ihm diesbezüglich mehr biete, damit er seinen Teil der Aufgabe gut üben kann. Das wird auch mir wieder Mut abverlangen und ich werde mich langsam rantasten müssen, aber je mehr Herausforderungen wir bewältigen, desto sicherer werden wir.

Ich möchte mein Pony so ausbilden, dass er nachher auch dann klar kommt, wenn ich nicht mehr klar komme. Dass er mal die Führung übernehmen kann, wenn es drauf ankommt. Dass er mir sagen kann „atme, ich hab das im Griff“.

Es ist ein schmaler Grat zwischen herausfordern und überfordern, zwischen machen lassen und helfen, zwischen reinquatschen und unterstützen. Wie finde ich die Mitte? Wohl nur indem ich das Pendel nach rechts und links ausschlagen lasse. Wobei ich zugegebenermaßen fast immer auf der Seite bin, auf der ich meinem Pony zu wenig zutraue, zu viel reinquatsche und zu sehr kontrolliere. Ich versuche, mich zu bessern….

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 471

Also das war ja mal wieder ein Sonntagsausflug! Fangen wir vorn an, beim üblichen Procedere: Putzen, Hufschuhe anziehen, Wackelkiste besteigen. Aber halt! Vorab habe ich noch Hufglocken über die Vorderhufe bekommen, damit ich nicht wieder Schuhe verliere. Mein Mädchen hatte beim Aufräumen nämlich noch passende entdeckt. Sie meinte, ich sehe jetzt aus wie ein Springpferd mit meinen Streichkappen hinten und den Glocken vorne.

Guter Dinge sind wir dann los. Mein Mädchen war auf der Suche nach einer längeren Galoppstrecke (juhuuuuu!) und dabei fiel ihr dieser Wald wieder ein, wo wir soooo lange nicht waren. Jedenfalls nicht mit Diego. Zwischendurch waren wir da mal mit dem Ausreitkumpel, aber das ist auch schon fast 80 Tagebucheinträge her. Und da hatten wir Stress, die Wege zu finden. Heute wollte mein Mädchen das nochmal in Ruhe angehen mit den Reitwegen.

Diese Ruhe war schon an der ersten Kreuzung dahin, da haben wir schon mal ein Hin und Her gehabt, ob wir jetzt geradeaus oder lieber links, weil da der Reitweg ist… naja. Letztlich sind wir links abgebogen, haben dann fest gestellt, dass der Reitweg nur in die falsche Richtung führt, sind dann bei nächster Gelegenheit verbotenerweise rechts. Komischerweise haben wir dort viele Hufspuren gefunden… und als wir wieder auf dem Hauptweg waren, war der plötzlich dann doch als Reitweg beschildert. Da war mein Mädchen direkt auf Zinne, weil sie das immer so aufregt: man darf nur da reiten wo ein Reitweg ausgeschildert ist, aber dann ist die Beschilderung so bekloppt, dass man die gar nicht verstehen kann! Darüber kann sie sich endlos aufregen. Kann sie, will sie aber nicht. Lieber hat sie es genossen, dass sie das beste Ponys der Welt unterm Hintern hat und sich ihres Lebens gefreut.

Eine Weile war es dann recht unspektakulär, wir sind schön getrabt und ein Stück galoppiert und mein Mädchen hat festgestellt, was ich ihr ja doch schon seit einer Ewigkeit erkläre: wenn die Abenteuer-Rate passt, bin ich ganz furchtbar artig und galoppiere genau so (langsam) wie sie das will. Dann eine kleine Graspause (man, das riecht schon so nach Frühling! Ich bin schon wieder jedem grünen Hälmchen hinterher).

Als wir dann auf einem Plattenweg unterwegs waren sagte der Mann in sarkastischem Ton „da könnten sie doch mal ein Reitwegeschild hinstellen, das sieht doch so aus wie der übliche Reitweg!“ und zeigte auf den völlig vermatschten und kaputten Streifen der links neben dem Hauptweg zu sehen war. Mein Mädchen hat grimmig gelacht. Aber dann hat sie aufgehört zu lachen und fassungslos geguckt. Weil nämlich GENAU DAS der Reitweg ist und da tatsächlich ein Reitwegeschild stand! Ok, wir haben dann versucht, diesem Weg zu folgen, weil mein Mädchen es ja nun endlich mal rausfinden wollte wo man da lang soll.

Eine Weile weiter wollten wir rechts abbiegen. Nur: wo? Da stand zwar ein Schild am Wegesrand, aber wo soll der Weg sein? Der Mann meinte, wir sollten ein Stück zurück, in den Parallelweg und dann von da über den Wall. Mein Mädchen hat gesagt, er kann ja zurück reiten, sie nimmt hier die kleine Abkürzung. Ich bin also mit meinem Mädchen über den einen Wall geklettert, dann über den anderen und ein Stück den Grasweg rein. Ob das hier wirklich der Weg sein soll? Na, wir warten Mal auf Diego und den Mann. Und dann haben wir gewartet. Und gewartet. Mein Mädchen hat dann mal gerufen und gepfiffen aber Antwort kam keine.

Wo bleiben die beiden bloß?

Schließlich meinte sie, es nützt nichts, wir gehen jetzt zurück. Also wieder über den Wall und dann versucht, den Weg nachzuvollziehen, den der Mann geritten ist. Ach, sieh an, ein Reitwegeschild! Na dann ist er wohl da lang? Mein Mädchen hat versucht ihn anzurufen, aber sie hatte kein Netz. Vor uns lag der matschigste Weg aller Zeiten aber wir haben gelegentlich Spuren von Diegos Hufschuhen erkannt (die zum Glück ziemlich einzigartig aussehen). Also war mein Mädchen guter Dinge, dass wir die beiden gleich sehen. Ich musste mich doll konzentrieren, wie und wo ich durch den tiefen Matsch komme (deswegen gibt es leider auch kein Foto!), es war wirklich eine Herausforderung! Immer mal kurz aufatmen wenn es besser wurde und dann hinein in das nächste Matschloch! Zwischendurch hat mein Mädchen nochmmal versucht zu telefonieren, aber kein Netz. Dann klingelte ihr Telefon und der Mann war dran und wollte wissen, ob es uns gut geht? Er war ein ganzes großes Stück weiter geritten, weil er dachte, wir hätten einen anderen Weg gefunden! Die Menschen hatten total aneinander vorbei geredet. Nun denn, weiter durch den Matsch. Mein Mädchen war sooooooo stolz auf mich wie ich das alles gemeistert habe! Nach einer gefühlten Ewigkeit so mutterseelenallein im Matsch haben wir Diego und den Mann gesehen. Wir haben dann erst mal eine Graspause eingelegt und die Menschen haben diskutiert, wie es weiter geht.

Die weiteren Wege waren dann gut. Bis zum Schluss, da hat mein Mädchen gesagt, wir reiten jetzt hier stur geradeaus und biegen nicht nochmal auf so einen Reitweg ab, auf dem man entweder im Matsch versinkt oder sich die Haxen bricht. Scheiß auf die Regeln, wir wollen jetzt nach hause! Nochmal schnell den Turbotrab einlegen und bis zum Hauptweg durch traben. Aber ach, trotz der Glocken hat der Turbotrab wieder getan was er nicht lassen kann: Hufschuh weg! Umdrehen! Zurück traben – zum Glück nicht so weit – Hufschuh einsammeln. Danach wollte der Mann nicht mehr traben, also im Schritt zur Wackelkiste.

Jetzt bestellt mein Mädchen Zusatzriemen für die Schuhe. Sie beißt sich noch die Zähne an dem Thema aus, glaube ich! Aber sie ist bekanntlich stur. Und sie sagt, sie hat lieber ein gesundes, munteres und fideles Pony und dafür Ärger mit den Schuhen, als dass sie keinen Ärger mit den Schuhen hat, aber dafür ein krankes Pony oder eins was keine Lust auf ausreiten hat. Richtig so, mein Mädchen, man muss die Prioritäten klar haben!

So, und nach diesen überaus aufregenden 11,7 km in knapp 2,5 Stunden brauchen wir jetzt alle etwas Erholung!

Mein Mädchen ist sowieso noch platt von gestern. Gestern abend hat sie nämlich ihr allererstes Webinar gegeben – über mich! Naja, sie sagt das stimmt nicht. Es ging um junge (Highland-)Ponys und wie man als Mensch gut mit ihnen umgehen kann. Aber auf JEDEM einzelnen Foto und Video was sie verwendet hat, war ICH zu sehen! Also ging es eben doch um mich, finde ich. Und das gefällt mir! Wollt ihr eine Aufzeichnung sehen? Schreibt an info@highlandponies.de, zahlt 10€ und dann bekommt ihr sie.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel (zum Glück Matsch-tauglich!)

Wackelkisten- Tage sind die schönsten Tage! Heute war es echt anstrengend, aber ihr wisst ja, ich mag das, mich richtig auszupowern.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 470

Am Mittwoch war zwar nicht Sonntag, aber wir haben trotzdem einen Ausflug in den Wald gemacht! Ach, das war fein, ich hab mich so gefreut! Das ist unser Erinnerungswald. Da waren wir ganz oft als ich gelernt hab, mein Mädchen zu tragen. Und in dem Wald sind wir auch das erste Mal getrabt. Und überhaupt den allerersten „woanders“-Spaziergang, als ich noch winzig klein war, den haben wir auch da gemacht. Und sooooo viele schöne Ausritte!

Dann haben sie da ziemlich viel Schotter hin gekippt und wir waren eine Weile nicht da, aber jetzt wollten wir es mal wieder versuchen. Alles andere ist ja ziemlich matschig und da hat der Schotter dann doch gewisse Vorzüge. Da wir ja unsere super Hufschuhe haben, stört uns der Schotter nicht.

Aber diese Hufschuhe, die ärgern uns ja immer noch ein bisschen. Weil ich ja so ein Schmalspur-Pony bin und mir gelegentlich im Eifer des Gefechts mal mit dem einen Huf am anderen entlangschleife und dann ein Schuh abfällt. Deswegen hatte mein Mädchen beim Anziehen schon versucht, mir alte Hufglocken überzuziehen, aber die waren von ihrem Warmblüter und viiiiiiiiiel zu groß. Also sind wir wieder ohne Glocken los (sie muss dringend shoppen gehen, sagt sie). No risk, no fun! Und es kam wie es kommen musste: nach längerer Schritttour kam der erste Weg, wo wir traben konnten, und da sind wir dann ein schönes Stück getrabt, bis es zu matschig wurde und wir durchpariert haben. Der Mann hat einen kritischen Blick auf meine Füße geworfen und ….. oh nein! Schon wieder ein Hufschuh weg! Mein Mädchen war total genervt. Tja. Umdrehen, zurück traben! Schuh wieder einsammeln, anziehen, etwas enger schnallen, weiter gehts! Schön im Trab, wieder bis zu der matschigen Stelle, durchparieren, dann wurde der Weg wieder besser, also Trab. Gerade war die versprochene Graspause in Sichtweite gerückt, als von hinten der Mann rief. Oh nein! Anscheinend kann nicht nur ich Schuhe verlieren. Diesmal war es der Mann! Der hatte einen seiner Handschuhe aus der Tasche verloren. Zurück marsch, marsch! Mein Mädchen meinte, wir haben ja jetzt gesehen, dass der Weg da ok ist, also Zeit für einen kleinen Galopp! Sie hat gesagt, ich soll langsam galoppieren. Ich hab kurz nachgedacht, mich an letztes Mal erinnert und mir dann gedacht: lieber so langsam galoppieren wie eine Schnecke als wieder Ärger bekommen. Da war sie sehr zufrieden mit mir und hat mich doll gelobt! Mädchen, Diego ist hinter uns getrabt und trotzdem mitgekommen, also schnell waren wir nicht….. aber sie meint, das macht nichts, beschleunigen können wir später immer noch. Ich hab wirklich, wirklich das langsamste Mädchen unter der Sonne erwischt! Wenn ich nicht so ein Gentleman wäre…

Wir mussten weit zurück, nämlich ziemlich genau bis zu dem Punkt, wo es so matschig war und aufgefallen war, dass mein Hufschuh fehlt! Ach herrje! Jetzt waren wir so viel hin und her geritten, dass wir schon viel mehr Kilometer auf der Uhr hatten, als geplant. Also haben die Menschen beschlossen, die Runde von hier aus abzukürzen. Das heißt: keine Graspause! Denn wir waren die ganze Zeit im Wald und da ist selten was zu finden, schon gar nicht um diese Jahreszeit, und an der leckeren Stelle sind wir nun gar nicht vorbei gekommen. Och menno.

Weiter ging es und wir haben fleißig geübt, was mein Mädchen sich vorgenommen hatte, nämlich Tempo-Unterschiede im Trab. Laaaaaaangsam (warum?) und „voran!“. Ja, voran kann ich! Aber dieses langsame Traben macht im Gelände nicht so viel Sinn oder? Naja, ich habe es gemacht, weil ich so ein Guter bin. Diego hat auch mitgemacht.

Dann hörten wir ein Fahrzeug. Der Wald ist normalerweise wie leer gefegt, was ist da jetzt los? Da war einer dabei, Baumstämme aufzuladen. Das haben wir uns von weitem erst mal schön angeschaut. Der greift mit seinem großen gelben Maul einen Baumstamm (wie so ein Hund!) und dann hebt er den Baumstamm hoch und legt ihn auf der Ladefläche wieder ab – alles mit viel Gewackel und Geschlenker. Als ich genug geschaut hatte, sind wir darauf zu geritten – ich bin vorne weg gegangen! – und der nette Mensch auf dem Gerät hat den Motor irgendwie halb ausgemacht, es war jedenfalls sehr viel leiser. Ich bin wie ein Großer daran vorbei marschiert – zack! Mädchen stolz!

Mutig voran! Kann ich.

Dann noch ein frischer kleiner Galopp – erst ich vorneweg und dann hat Diego überholt. Zack!- Mädchen schon wieder stolz, weil mich das Überholen nicht aufgeregt hat! Etwas Schritt zum Verschnaufen – Diego ist der Schweiß aus dem Pelz getropft, der Arme muss dringend nachgeschoren werden! Bei mir ging es, ich bin ja teilentpelzt. An der Grillhütte noch ein kleiner Grassnack – naja viel war da nicht zu holen aber ein paar grüne Halme – und dann ab nach hause. 11,2 km haben wir geschafft mit dem ganzen Hin und Her (geplant waren 10). Die App hat gesagt, ich hätte heute 5,5km/h im Schritt geschafft, das ist ein neuer Rekord! Allerdings lügt sie wohl ein bisschen, denn für Trab sagt sie 10,2 km/h (kann sein) und für Galopp 7,3km/h, das wäre ja dann doch sehr langsam gewesen. Da stimmt irgendwas nicht. Naja, so genau ist das Ding dann wohl doch nicht. Als Spitzengeschwindigkeit hat die App jedenfalls runde 12 km/h angezeigt und das, mein Mädchen, ist kein Galopptempo! Ich muss ihr das wirklich beibringen.

Meinem Mädchen sind die km/h nicht so wichtig, die lässt sie sich nur aus Interesse zeigen und damit sie einen Distanzritt planen kann. Entscheidend ist, dass ich wieder alles großartig richtig gemacht habe! Und ich bin sehr zufrieden, weil ich mich endlich mal wieder richtig auspowern konnte. Aaaaaaah das hat gut getan! Ich hoffe wir machen das jetzt bald wieder regelmäßig.

Euer ausgetobter Sir Duncan Dhu of Nakel

Ansprüche

Ich war ja bisher nie so der Fan vom Longieren. Meine Ponys haben das immer als sinnbefreit empfunden und ich konnte das gut verstehen. Aber Duncan sieht das anders: er läuft gern an der Longe. Und also machen wir das regelmäßig und haben über die Jahre eine gute Kommunikation entwickelt. Duncan kann schon eine Menge schöner Übergänge (aus dem Halten antraben, aus dem Schritt angaloppieren, aus dem Galopp in den Schritt usw) und er beherrscht im Schritt und im Trab „laaaaaangsam“ und „voran“ als Unterscheidung des Tempos. Handwechsel und Rückwärtsgehen gehören in unser Progarmm, er weiß, wie weit er raus gehen soll und dass er niemals an der Longe ziehen soll. Wir longieren Volten, Geraden, Zirkel verkleinern und vergrößern, um Hütchen, über Stangen usw.

Die anderen Ponys longiere ich nie. Aber jetzt, wo Diego wirklich dringend neue Muskeln braucht und ich da nicht dauernd auch noch draufsitzen will, hat ihn das Longier-Schicksal ereilt. Es ist einfach die beste Art, schnell ein bisschen Grundmuskulatur wieder aufzubauen, finde ich. Nun ist das Problem, dass Diego zwar weiß, wie longieren geht, es aber bei uns – also seit fast 12 Jahren – eigentlich nie gemacht hat. Von einer feinen Kommunikation wie mit Duncan kann daher keine Rede sein. Außerdem ist Diego auf unserem recht kleinen Reitplatz herausgefordert: für ihn, mit seinem hohen Schwerpunkt und seiner Überbeweglichkeit, ist es viel schwieriger, die Kurve korrekt zu kriegen, als für den kleinen, kompakt-kurzen, stabilen Ritter. Zumal ihm ja genau jene Muskulatur gerade fehlt, die er dafür braucht.

Hätte ich alles vorher wissen können. Bzw wissen sollen. Stattdessen habe ich Diego unbedarft an die Longe genommen und gemeint, er könnte das doch jetzt mal machen. Und er müsste das jetzt mal tun, wegen der Muskeln. Und dann war das alles Mist. Und es wurde immer mistiger. Diego zog nach außen, ich war sauer, er war sauer und von schönem Training war keine Rede.

Als ich nachher darüber nachdachte, was da wohl passiert ist, wurde mir klar: meine Ansprüche waren viel zu hoch. Weil Diego immer der Große ist, der alles besser kann als Duncan, habe ich automatisch unbewusst geschlussfolgert, dass er das an der Longe genauso gut kann wie Duncan. Aber woher denn, wenn wir es nie mit ihm geübt haben? Was für eine dumme Annahme. Also fange ich jetzt eben von vorne an. Habe ihm einen Gurt gekauft, nehme ihn an die Doppellonge und erarbeite mir Schritt für Schritt das, was ich mir mit Duncan ja auch Schritt für Schritt erarbeitet habe. Das ist ja gar kein Problem!

Ich nehme das als Warnschuss für mich. Denn bisher war Duncan immer „der Kleine“. Mir war klar, dass er nichts kann, was ich nicht mit ihm geübt habe. Aber bei erwachsenen Pferden gehen wir viel zu oft davon aus, dass sie dieses oder jenes einfach können. Das liegt sicher auch daran, dass ein erfahrenes Pferd mit guter Grundausbildung die meisten Aufgaben auf Anhieb gut lösen kann. Weil Pferde eben einfach schlau sind und oft richtig raten, trotz mangelhafter Übung und schlechter Hilfestellung unsererseits. Aber es ist nicht fair, sie in Situationen zu bringen, in denen sie sich nicht auskennen, und dann raten zu lassen. Und jetzt, wo mein Ritter langsam erwachsen ist, möchte ich das im Kopf behalten. Jede neue Situation ist eine Übungssituation. Ja, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er gute und richtige Entscheidungen trifft. Es ist mein Job, ihm dann rückzumelden, welche Entscheidungen ich toll finde. Und es ist mein Job, ihm zu helfen, wenn er sich nicht auskennt. Es ist mein Job, die Aufgabe möglichst so zu wählen, dass er sie gut bewältigen kann.

Neben Missverständnissen und Unwissenheit kommen oft auch körperliche Schwierigkeiten dazu, die wir Menschen komplett unterschätzen. An der Longe im Kreis laufen, kann doch nicht so schwer sein, oder? Ein Pferd müsste das doch können – um die Kurve laufen. Auf der Koppel schafft er das doch auch! Aber auf der Koppel kann das Pferd alles selbst entscheiden: Geschwindigkeit, Kurvenlage, Stellung/Biegung. Und auch da können wir oft sehen, wie Pferde unelegant irgendwo längs schroten und im Zweifel noch wegrutschen oder in den Zaun knallen. Pferde sind nicht unbedingt für Kurven gebaut. Sobald aber der Mensch ins Spiel kommt, sollen sie lernen, die Kurven vernünftig zu laufen, nämlich so, dass kein Bein übermäßig belastet wird und der Reiter im Schwerpunkt sitzen kann. Und das will nunmal gelernt sein. Und ein Pferd wie Diego, der das mit Reiter durchaus beherrscht, kann dann trotzdem an der Longe recht verloren sein, weil die einrahmenden Hilfen von oben fehlen und stattdessen die Longe am Kopf das Gleichgewicht empfindlich stört.

Und während wir all solche Dinge verlangen, nehmen wir den Pferden gleichzeitig die Möglichkeit, sich selbst gut zu trainieren. Auf unseren stinklangweiligen, meist sehr ebenen Weiden und Paddocks (ganz zu schweigen von Boxen) haben sie keine Möglichkeit, sich mal in Ruhe mit ihrem Körper auseinanderzusetzen. Deswegen hat der Ritter bei mir von Anfang an Wippe, Matratze und Hangtraining kennengelernt. Wieder ist es also mein Job: dafür zu sorgen, dass er sein Gleichgewicht üben kann in möglichst vielen verschiedenen Situationen. Dafür zu sorgen, dass ich ihn möglichst wenig störe in seiner Balance. Dafür zu sorgen, dass ich keine Aufgabe stelle, die er aus körperlichen Gründen gar nicht lösen kann.

Ein Leben lang bleibt das mein Job, egal wie gut mein Pferd geworden ist. Ich bin verantwortlich, denn mein Pferd ist mir ausgeliefert in einer Welt, die seiner Natur nicht entspricht. Wenn ich meinen Job ernst nehme und gut mache, können wir zusammen eine Menge Spaß haben. Wenn ich meinen Job vernachlässigt habe, so wie bei Diego an der Longe, entschuldige ich mich und mache es dann besser. Mein Anspruch an meine Ponys ist wahnsinnig hoch, das weiß ich. Und die Ponys sind mehr als bereit, meine Ansprüche zu erfüllen, wenn ich meinen Teil der Arbeit richtig mache: sie vorbereiten, ausbilden und nichts jemals als gegeben hinnehmen, sondern immer bereit sein, zu helfen oder einen (oder mehrere) Schritt zurückzugehen. Egal, wie alt mein Pony ist.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 469

„Hat hier ein Schotte Lust auf ein Abenteuer?“ hat mein Mädchen in den Stall gefragt. Ich war gerade beim Staubsaugen (letzte Halme Heu zusammenklauben), aber als ich den Satz gehört hab, bin ich natürlich sofort zur Tür! Klar hab ich Lust auf ein Abenteuer! Also ab in die Wackelkiste und zum Schimmelfreund! Und jetzt passt gut auf, denn jetzt wird es kompliziert: der Schimmelfreund hat ja auch Kumpel, nämlich ein Exmoorpony und einen Schimmelfreund! Und mit dem sind wir heute ausreiten gewesen – also mit dem Schimmelfreund vom Schimmelfreund.

Das Mädchen von den beiden Schimmelfreunden war schon gleich hellauf begeistert, weil ich einfach ganz still angebunden am Anhänger gewartet habe, während mein Mädchen mich gesattelt und sich selbst angezogen hat. Mein Mädchen hat gelacht und gesagt, sie soll sich mal nicht täuschen lassen, ich wäre schon aufgeregt! Aber das Mädchen vom Schimmelfreund meinte, dann würde ich das ja wohl voll gut wegatmen. „Deswegen hab ich Ponys!“ sagt mein Mädchen. Aber da hab ich sie streng angeschaut! Sie findet Ponys nämlich immer genau so lange toll, bis ich meiner Pony-Natur folge und den nächsten grünen Halm anvisiere! Dann sagt sie plötzlich Dinge wie „verfressen“ und „wehe wenn der Schotte was zu essen sieht – oder auch nur was, was er für essbar hält“. Aber, mein Mädchen, ein Pony ist ein Pony ist ein Pony! Man kann nunmal das eine nicht ohne das andere haben, isso! Und jetzt gib mir einen Keks, schließlich mache ich das hier gerade wirklich großartig, obwohl ich aufgeregt bin!

Die Menschen sind dann aufgestiegen und es ging los! Während ich so ganz konzentriert darauf war, alles richtig zu machen (und das auch gut hingekriegt habe), ist das Mädchen vom Schimmelfreund plötzlich abgestiegen, der war nämlich etwas „arabisch“ und tänzelte da herum. Ich hingegen – Vorteile des Ponys! – bin ganz super artig weiter geradeaus gegangen und habe so getan als würde mich das nur sehr peripher tangieren. Nach einer Weile hatte der Schimmelfreund vom Schimmelfreund sich abgeregt und sein Mädchen ist wieder aufgestiegen. Danach sind wir ganz gepflegt zu dritt im Schritt eine kleine Runde gegangen .

Zwischendurch kam nochmal die Ente des Grauens ins Spiel, aber ich habe mich doll zusammengerissen und fleißig weiter geatmet, keinen Hopser gemacht und mir dafür auch wieder direkt einen Keks geben lassen. Kurz danach mussten wir über eine Holzbrücke, da ist mein Mädchen lieber nochmal abgestiegen. Ihr Kopf macht ja dann so Sachen und sie malt sich aus, wie die Ente des Grauens direkt unter der Brücke auffliegt, ich mich erschrecke, einen winzigen Hopser mache, auf dem feuchten Holz ausrutsche und dann das Unheil seinen Lauf nimmt. Quatsch, Mädchen, ich hätte das gekonnt! Aber sie wollte lieber neben mir sein. Nach der Brücke ist sie dann einfach wieder auf meinen Rücken gehopst – kleine Ponys haben große Vorteile!

Ein Stück weiter stand eine nette Frau am Wegesrand, die dieses schöne Foto von uns gemacht hat! Die nette Frau war das Mädchen vom Kumpel von den beiden Schimmelfreunden – das Exmoorpony. Ich weiß, ich weiß, mit den Verwandschaftsverhältnissen wird das hier immer komplizierter! Ich blicke da auch nicht immer ganz durch. Ist ja auch nicht so wichtig, wichtig war für mich vor allem, dass sie sofort schockverliebt in mich war und ich mit ihr flirten durfte, während mein Mädchen Fragen über mich beantwortet hat.

Zu dritt auf Tour! Schön war das.

Als wir fertig waren mit flirten, ging es weiter. Diego immer vorneweg. Und dann ist was passiert, was ich noch nie erlebt habe: Diego hat sich plötzlich gefürchtet und wollte nicht weiter gehen! Rechts neben dem Weg lag etwas auf der Wiese, was in seinen Augen aussah wie eine Hydra! Es hatte viel zu viele Köpfe! Der Mann hat angefangen zu lachen, Diego hat eine kleine Runde gedreht, der Schimmelfreund und ich haben angemerkt, dass etwas, was Diego Angst einjagt, definitiv zu gefährlich ist, um daran vorbei zu gehen, da kam Diego von hinten, hatte seinen ganzen Mut gesammelt und ist an der Hydra vorbei gegangen. Stellt sich raus: es waren nur kleine Baby-Schafe, die da schlafend zusammengekuschelt lagen. Aber man kann als Pony einfach nicht vorsichtig genug sein! Ich bin froh, dass Diego so verantwortungsbewusst mit der Situation umgegangen ist.

Etwas weiter sind wir noch an einer gruseligen Stelle vorbei gekommen, wo unter uns ein Wasserfall war. Die beiden anderen hat das nicht interessiert, aber ich war doch ein bisschen im Zweifel, ob ich da so einfach weitergehen kann. Mein Mädchen hat gesagt „wir schaffen das, wir sind schon groß!“ und hat so getan als wäre sie sich da ganz sicher. Und ich hab dann auch einfach so getan als wäre ich mir sicher. Ich bin nämlich ein guter Schauspieler geworden! Wenn man so tut als wäre man sich sicher, passiert auch nix schlimmes, habe ich fest gestellt.

Nach gut 3km waren wir dann auch schon wieder zurück. Mein Mädchen war hoch zufrieden mit mir, weil ich alles richtig gemacht hab. Mein Kopf hat eine Menge Eindrücke zu verarbeiten und ich hab wieder viele Dinge gesehen und gehört, die man so als Pony mal gesehen und gehört haben sollte. Die Liste an ungefährlichen Situationen wird länger und die an vielleicht gefährlichen entsprechend kürzer. Was auch länger wird: die Liste mit den Ausreitkumpels!

Morgen ist hoffentlich ein Romantik-Ausflug dran, dann kann mein Körper sich austoben während der Kopf nicht viel zu tun hat.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit den vielen Ausreitfreunden

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 468

Regen, Regen, Regen! Sonst konnte das Wetter gestern gar nix. Mein Mädchen hat grimmig gelacht und gesagt, wir können froh sein, dass der Regen diesmal senkrecht von oben kommt und nicht – wie sonst so oft – waagrecht. Trotzdem war das einfach kein Ausreitwetter. Es war ja nicht nur von oben nass, sondern mittlerweile ist ja auch von unten alles sooooo nass, dass es wirklich keinen Spaß mehr macht.

Also kein Ausritt. Stattdessen waren die Menschen auf einer Spezial-Mission. Mein Ausreitkumpel hat nämlich einen neuen Freund bekommen! Den haben mein Mädchen und der Mann gemeinsam mit dem Harem von meinem Ausreitkumpel begutachtet und dann mit unserer Wackelkiste in sein neues Zuhause gefahren. Sicherlich werde ich ihn demnächst persönlich treffen, wenn wir mal wieder ausreiten gehen, da bin ich schon gespannt!

Ich hab derweil zu hause Langeweile geschoben. Samstag hatte ich frei, da hat mein Mädchen den ganzen Tag gearbeitet. Und jetzt also dieser Sonntag mit Regen, Regen und Regen. Wir Ponys haben uns in den Stall gestellt und mürrisch geguckt. Ich hab ab und zu ein bisschen gestänkert, aber so richtig Spaß hat das auch nicht gemacht.

Mittags tauchten die Menschen dann auf und fingen an, den Stall sauber zu machen. Ich hab mein Mädchen aufgefordert, was mit mir zu machen, aber sie meinte, sie macht jetzt erst noch den Stall sauber. Mir ist aber so langweilig! Also hab ich, als sie nicht hingeschaut hat, die anderen ein bisschen geärgert. Mein Mädchen hat das aber wohl gehört, jedenfalls hat sie gelacht und gesagt, ich würde wohl wieder ein bisschen Stunk machen, oder? Dann hat sie mich angeschaut und nochmal gelacht, weil ich meinen unschuldigsten Blick aufgesetzt hatte und sie mit ganz runden Knopfaugen unter meinem Pony angeblinzelt habe. Iiiiiiiiich? Ich ärgere doch niemanden! Bin dann zu ihr gegangen und hab mit ihr ein bisschen geflirtet und sie hat versprochen, dass wir nachher was machen. Ok!

Nachher kam sie dann auch. Im Schlepptau hatte sie den Mann. Wir haben wieder Stangen in der Halle gemacht, aber diesmal hat der Mann immer genau abgemessen, wie groß der Abstand sein muss. Im Schritt und auch im Trab. Ich war am Anfang dezent überdreht wegen der Langeweile. Mein Mädchen hat gesagt, ich bin dann so, wie ich früher immer war. So ein bisschen zu aufgedreht und nicht so aufmerksam wie sonst. Ich bin dann so in Schwung und dann mache ich einfach das Programm was ich da seh und vergesse, dass sie ja immer alles bestimmen will. Ich meine: da liegen Stangen, dann geh ich da rüber, so soll ich das doch! Aber sie ist ja so pingelig. Naja, nach den ersten Runden ging es mir besser und ich konnte zuhören. Es war praktisch, dass der Mann da war, denn wenn ich mal die hochgelegte Stange von ihren Haltern gefegt hatte, konnte er sie wieder aufheben. Das passiert mir aber immer seltener, vor allem im Trab kann ich das jetzt voll gut. Deswegen hat mein Mädchen gemeint, wir versuchen mal einen kleinen Galopp. In unserer winzigen Halle ist das voll schwer! Da jagt eine Kurve die nächste! Letztes Mal als wir Galopp versucht haben, hab ich das nicht geschafft. Aber ich bin ja so viel besser geworden mit den Kurven und dem Galopp, dass mein Mädchen dachte, wir probieren das. Mit einer Stange zum Hüpfen. Aber das mit dem Hüpfen, das hab ich noch nicht so ganz raus.

Der einzige gelungene Versuch – den Rest erspare ich euch lieber!

Naja, trotzdem fand sie, ich hab das alles toll gemacht und jetzt ist Feierabend! Danach war Diego dran. Ich bin draußen vorm Tor stehengeblieben und hab mir das angeschaut. Auch für Diego wurden die Stangenabstände genau vermessen. So kann mein Mädchen jetzt demnächst die Stangen einfach gleich ganz richtig und akkurat hinlegen. Diego hat noch nicht so viel Übung mit den Stangen, bei dem macht es voll oft „Klonk“ wenn er da rüber läuft. Obwohl alle ganz niedrig am Boden liegen! Bei mir ist mein Mädchen da streng: wenn es „klonk“ macht, kriege ich keinen Keks! Ich muss ganz leise über die Stangen laufen, damit es einen Keks gibt. Bei Diego ist sie da nicht so streng, aber der soll das auch noch lernen.

Ich hoffe bloß, dass es dann auch bald wieder Outdoor-Programm gibt, sonst versauere ich hier noch! Dann muss ich doch ganz eventuell noch den einen oder anderen Kumpel ein bisschen ärgern, aber psssssst sagt das nicht meinem Mädchen!

Euer gelangweilter Sir Duncan Dhu of Nakel

Allein ausreiten

Das Wunschthema der besten Gewichts-Schätzerin ist dran!

Nachdem ich erst noch dachte, dass es wohl noch dauert, bis ich zu diesem Thema ernsthaft was schreiben kann, ist es ja nun einfach so passiert. Und zwar genau so, wie ich es mir vorgestellt habe: unspektakulär. Ohne Angst – weder auf meiner, noch auf Duncans Seite. Ohne Stocken, Glotzen, Zucken oder Beschleunigen. Ohne einen einzigen Moment in dem er gefragt hätte ob wir umdrehen und ohne einen Moment in dem ich hätte absteigen wollen.

Wenn ich Dinge tue, die für mich am Limit der Angst liegen, tue ich immer alles, um mich möglichst sicher zu fühlen. Am Anfang steht dabei stets die Akzeptanz des Restrisikos. In meinem Kopf ist es die Angst, dass Duncan sich erschreckt und kopflos losrennt. Dabei könnte er stürzen, auf die Straße in ein Auto rennen oder sich mit dem auf unserer Hausrunde allgegenwärtigen Stacheldraht anlegen. Das Restrisiko bleibt: jedes Pferd kann sich erschrecken (bei Diego bin ich da allerdings nicht ganz sicher… ). Aber einige Jahre Erfahrung mit Duncan haben mir gezeigt, dass er nicht der Losrenn-Typ ist. Zusammenzucken, mal ein Stück laufen, einen Hüpfer zur Seite machen, das hatten wir alles schon. Blindes losrennen hatten wir tatsächlich nur zweimal und das beide Male hier zu hause und in Situationen, die so im Gelände nicht passieren.

Außerdem für mein Sicherheitsgefühl unerlässlich: der Notfallplan. Mein Mann ist im Homeoffice, der kann uns sofort aufsammeln, wenn was sein sollte. Er weiß, welche Wege wir reiten und wie lange das dauert. Sollte ich stürzen und nicht in der Lage sein, ihn anzurufen, wird er das spätestens nach 45min merken. Da mir das zu lang ist, rüste ich jetzt auf und habe einen Sturzsensor für meinen Helm gekauft, den ich demnächst dann mit habe.

Falls mich unterwegs die Angst überrollt, hätte ich gern moralische Unterstützung: reden hilft mir. Es lenkt mich vom Kopfkino ab. Und wie redet man mit jemandem, der weit weg ist? Man telefoniert. Da mein Mann nicht den Nerv hat, sinnlos mit mir zu reden, habe ich mir da jemand anders auserkoren und mit ihr abgesprochen, dass ich sie anrufen darf wenn ich es brauche. Ich brauchte es nicht, aber ich werde mir diese Option sicher noch ein paar mal offen halten. Headset machts möglich, ich könnte zur Not den ganzen Ritt über jemanden im Ohr haben. Dann weiß ich auch: diese Person kann meinen Mann informieren falls die Verbindung abreißt. Apropos Handy: der Akku ist natürlich voll geladen, wenn ich los reite!

Für mich fühlt es sich sicherer an, mit Reitpad (ohne Sattel) loszuziehen. Eine für manche vielleicht etwas merkwürdige Sicherheitsmaßnahme, die ich auch beim Anreiten ergreife. Ich mag am liebsten schnell unten sein, wenn es drauf ankommt. Kein Steigbügel zum verheddern (das kann ja auch mit Sicherheitssteigbügeln passieren), kein Vorder- und Hinterzwiesel zum hängen bleiben. Einfach rutschen lassen, wenn es Not tut.

Meinen Körper schütze ich so gut wie es geht. Ich reite Duncan tatsächlich IMMER mit Handschuhen. Er hat mir diese Kraft gezeigt, die in ihm steckt und ich will zur Not doch wenigstens festhalten können, auch im Sturz noch, wenn es Spitz auf Knopf steht. Auch die Sicherheitsweste ist bei Duncan im Gelände für mich ein Muss. Ich bin älter geworden, so ist das nunmal. Ich weiß nicht, ob ich noch so geschmeidig falle und ich möchte meinen Rücken geschützt wissen. Unser Gelände ist steinig, wir sind viel auf Asphalt, mit dem möchte ich mich nicht anlegen. Helm ist bei mir im Gelände sowieso immer auf, ich hab nur den einen Kopf (er mag nicht viel taugen aber ohne wäre wohl schlimmer).

Anfangs wagen wir uns nur bei passendem Wetter alleine raus: kein Wind, wärmer als die Tage davor, kein Regen. Das können wir alles später üben, wenn wir mehr Routine haben. Für den Fall einer unheimlichen Begegnung (welcher Art auch immer) habe ich genug Kekse in der Tasche. Weiß der Himmel, welcher Herausforderung wir begegnen und Kekse besiegen bekanntlich Monster. Es beruhigt meine Nerven, zu wissen, dass ich zur Not füttern kann bis Hilfe kommt. Auch für mich selbst habe ich einen kleinen Riegel mit, vielleicht hilft essen mir im Notfall auch.

Außerdem wende ich die „vielleicht heute“-Taktik an und dabei wird es noch eine Weile bleiben. „Vielleicht heute“ bedeutet, dass ich mir bei jedem Ausritt die Option offen halte, zu reiten, zu führen oder umzudrehen. Vielleicht reite ich heute. Aber sicher ist das eben nicht. Es ist kein fester Vorsatz, den ich auf Biegen und Brechen umsetze. Es muss sich richtig anfühlen – und zwar KOMPLETT richtig. Ein gewisses Maß an Angst kann schon mitkommen, aber ich muss das Gefühl haben, dass es so wenig ist, dass wir beide – Duncan und ich – gut damit umgehen können. Gegen die Angst hilft (neben dem Headset mit dem ich zur Not eine helfende Stimme im Ohr haben kann) auch die Atmung. Mir hilft „Box-breathing“: Einatmen auf 4, dann 4 anhalten, 4 ausatmen, nochmal 4 anhalten. Das hat den Vorteil, dass man ziemlich beschäftigt ist mit atmen und zählen und es gleichzeitig das Nervensystem runterfährt.

Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, wie viel Angst für mich tolerabel ist und wann es ein echtes Problem ist. Zu viel Angst macht mich fahrig, steckt mein Pony an, beeinträchtigt mein Urteilsvermögen. Ich denke mal, dass jeder sein eigenes Maß an Angst-Toleranz hat, meins ist klein. Unter anderem ein Grund, weshalb ich Ponys reite und keine Spanier, Araber oder Vollblüter. Außerdem funktioniert es bei mir nicht, die Angst zu überwinden und danach zu lernen: ist nicht schlimm. In meinem Kopf bleibt es immer schlimm, wenn ich zu viel Angst hatte. Besser wird es nur, wenn die Angst nachlässt, während ich reite. Ich hatte hier schon einmal ausführlich darüber geschrieben.

Trab! Ich hab die Erfahrung gemacht, dass im Schritt die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass Duncan unter Spannung kommt. Er schaut sich dann etwas zu viel um und hat zu viel Zeit, nachzudenken. Davon abgesehen dauert die Runde im Schritt viel länger, so dass noch viel mehr Zeit ist, sich zu fürchten. Sein langsamer Pony-Trab kommt mir da gerade recht. Das ist eine sehr ruhige Gangart, in der er sich gut entspannt und die ich gut aussitzen kann.

Letztlich läuft es dann alles wieder auf Punkt 1 hinaus. Reiten ist gefährlich, so oder so. Aber Autofahren ist das auch und trotzdem tun wir es dauernd ohne uns Sorgen zu machen. Und ich bin nicht gewillt, mir den Spaß am Ausreiten nehmen zu lassen. Seit ich Duncan habe, träume ich davon, wieder ausreiten gehen zu können. Und gerade im Winter habe ich mich oft geärgert, wenn dann mal gutes Wetter war und ich Zeit hatte, aber niemanden, der hätte mitkommen können. Einmal die Hausrunde reiten zu können ist schon eine große Bereicherung für unser Winter-Repertoire. Davon abgesehen, dass ich viele Dinge üben kann auf so einem allein-Ausritt, weil ich mich nicht dem Tempo von anderen anpassen muss, sondern spontan entscheiden kann. Kurz und gut: ich will allein ausreiten können. Und das Restrisiko ist gering, also Bange machen gilt nicht. Manchmal hilft es mir, dass Finlay in einer eigentlich komplett harmlosen und sicheren Situation verunglückt ist. So habe ich gelernt: jede noch so sicher scheinende Situation kann in die Katastrophe führen. Es macht also keinen Sinn, jedes noch so kleine Risiko meiden zu wollen und dafür den ganzen Spaß zu verpassen. Und Duncan ist genau wie Finlay: aufschieben ist nicht. Gelebt wird jetzt, hier und heute.

Trotzdem gehört zum allein ausreiten natürlich gute Vorbereitung. 11 mal sind wir gestartet. Gefühlt haben wir die ersten 9 male eher Rück- als Fortschritte gemacht. Das auszuhalten ist manchmal schwer, aber ich hatte das sichere Gefühl, dass unser Tag schon kommen wird. Ich hatte auch noch ein paar Pläne in petto. Was letztlich jetzt den Unterschied gemacht hat, weiß ich nicht. Ich glaube, Duncan ist einfach insgesamt in den letzten Wochen nochmal erwachsener geworden. Er wirkt auch im sonstigen Umgang anders, viel gefestigter in sich.

Was uns sicherlich sehr viel geholfen hat war „alleine ausreiten ohne alleine auszureiten“. Bei den letzten Ausritten habe ich dazu jede Möglichkeit genutzt, die sich ergeben hat. Und ich konnte sehen, wie es Duncan von mal zu mal leichter fiel, sich von Diego zu lösen und munter vorweg zu traben. Und auch mein Kopfkino wurde immer weniger. Das schöne an dieser Übung: ich bestimme komplett allein, wann und ob ich sie abbreche. Denn im Zweifel kann ich anhalten, absteigen und Duncan grasen lassen, bis Diego uns eingeholt hat. Dieser beruhigende Gedanke hat mich mutig gemacht.

Nun bleibt mir zu hoffen, dass wir unseren Erfolg wiederholen können. Jedenfalls weiß ich jetzt, wie Duncan sich anfühlen soll, wenn wir losreiten. Er sagt mir schon, ob er das schafft. Sollte er sich nicht so anfühlen, kann ich ja umschwenken auf Plan B. Der erste Schritt ist geschafft, wir haben ein wunderbar positives Erlebnis abgespeichert und sind jetzt erstmal stolz auf uns.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 467

Mein Mädchen ist ja wirklich zu lustig. Immer redet sie von Fitness. Ich soll Sport machen für meine Figur, Diego soll Sport machen für seine Muskeln, beide sollen wir Sport machen für die Gesundheit. Aber sie selbst…. am Sonntag, als ich ihr mal gezeigt habe, wie fit ich bin – trotz winterlicher Pause! – hat sie prompt gemerkt, wie unfit SIE eigentlich ist. Und das lässt sie nicht auf sich sitzen! Also macht sie jetzt Sport. Sie hat sich ein Programm zusammengestellt, genau wie für uns. Einen Tag Beine, einen Tag Bauch, einen Tag Arme und Schultern. Das ist wie einen Tag Longe, einen Tag reiten, einen Tag Wippen. So wie wir wird sie wohl auch gelegentlich einen Pausentag einlegen um die Muskeln wachsen zu lassen. Es ist zu schade, dass ich sie bei ihrem Training nicht beobachten kann, ich finde es ja immer so witzig, wenn sie versucht „sportlich“ zu sein. Ich meine, ihr solltet das mal sehen, wenn sie an der Longe versucht, ein bisschen mitzulaufen, damit ich geradeaus galoppieren oder auch nur traben kann. Nach 10 Metern verlässt sie ja schon ihre Puste und sie kriegt das Hecheln!

Aber jetzt ist sie wild entschlossen, weil sie Angst hat, dass sie nicht mithalten kann. Wenn es bald hoffentlich wieder losgeht mit den Ausflügen mit dem Ausreitkumpel, dann werden wir uns beide umschauen, der hat nämlich sauber durchtrainiert und läuft uns davon! Und mein Mädchen sagt, sie kennt mich, ich bin bestimmt ganz schnell wieder voll mit dabei, nur sie selbst halt nicht. Dem will sie etwas entgegensetzen. Das ist lobenswert, mein Mädchen, aber insgesamt können wir beide heilfroh sein, dass ich so ein starker Gentleman bin und dich trage. Ich erinnere mich mit Schrecken an die Zeit, als sie neben mir her gelaufen ist. Sooooooo langsam! Es war zermürbend. Und ich persönlich finde, ich hab da noch was gut bei ihr und darf jetzt auch mal bisschen schneller als sie es will – schließlich war sie jahrelang viel langsamer als ich es wollte! Da ist das nur gerecht, oder?

So oder so: ich kriege sie schon fit. Und wenn sie ohne mich noch etwas dafür tut, wird es hoffentlich nicht so mühsam für mich und wir können bald einfach wieder Spaß haben.

Euer fitter Sir Duncan Dhu of Nakel (in seiner Funktion als Mädchen-Trainer)