Bauchgefühl

Wenn man etwas über viele Jahre macht, hat man so viele Informationen gesammelt, dass ein solides „Bauchgefühl“ entsteht. Dieses Bauchgefühl ist in Wirklichkeit eine Ansammlung von Informationen, die sich über die Jahre zu einem Gesamtbild zusammengefügt haben und eine enorm gute Leitlinie sind. Als wir Diego 2012 gekauft haben, haben wir uns die Aufgaben gut eingeteilt: Arnulf hat auf sein Herz gehört und sich gefragt, ob Diego SEIN Pferd ist. Ich habe auf mein gut geschultes Bauchgefühl gehört, um zu sehen, ob Diego gesund ist. Mein Bauchgefühl war mir wichtiger als eine Ankaufsuntersuchung, denn während man dort natürlich gut erfahren kann, ob Knochen, Sehnen, Augen und Rücken in Ordnung sind, können viele Dinge nicht durch eine Untersuchung erfasst werden: hat das Pferd eine Neigung zu Koliken? Bekommt er vielleicht ein Sommerekzem oder Asthma? Hat er immer wieder Probleme mit Mauke, Raspe, Hufgeschwüren, Infekten? All das kann kein Arzt uns sagen, der das Pferd nur einmal sieht. Würde ein Verkäufer mir solche Dinge also verschweigen, würde ich sie erst nach Kauf herausfinden. Aber ich habe so viele Pferde gesehen – kranke und gesunde – dass ich meiner Einschätzung zu diesen Fragen inzwischen ganz gut vertrauen kann. Und ich lag richtig: Diego war immer gesund. In den Jahren bei uns hat er nicht mehr Probleme gehabt als eine kleine Verletzung und ein Hufgeschwür. Sonst war er jeden Tag startklar, einsatzbereit und fit. Bis jetzt. Und so habe ich in 12 Jahren mit ihm mein Bauchgefühl nicht erweitern können: wie benimmt er sich, wenn es ihm nicht gut geht? Was hilft ihm? Was könnte er haben? Keine Idee. Und dann hat er jetzt ja auch noch eine unbekannte Erkrankung über die die Tierärztin sagte „wir haben keine Anhaltspunkte außer dem Blutbild und seinem Befinden“. Und mit „Befinden“ sind all jene diffusen Dinge gemeint, die man gerade bei einem sowieso introvertierten Typen wie Diego so furchtbar schlecht objektiv an irgendwas festmachen kann. Also ist mein Hauptkriterium die Frage, wie viel Heu er frisst. Die Verweigerung von Heu war das erst Symptom und scheint auch das letzte zu sein was weggeht. Klar, um Ostern herum ging es ihm wirklich so deutlich schlecht, dass es nicht zu übersehen war. Aber davor und danach wechselte sein Zustand häufig, mal sah er eingefallen aus, mal wieder ganz gut, mal nahm er ganz normal am Herdenleben teil, dann wieder war er etwas stiller als sonst. Und ich war leider dumm. Denn weder habe ich Fieber gemessen, noch seinen Puls gefühlt, wenn er kein Heu fressen mochte. Warum? Weil ich so unglaublich auf die Zähne fixiert war, weil für uns alles nach einem Zahnproblem aussah. An dieser Stelle hat unser Bauchgefühl uns komplett in die Irre geführt und ich habe wieder was gelernt.

Objektive Kriterien sind die Mutter des Bauchgefühls. Woran mache ich fest, wie gut oder schlecht es einem Pferd geht? Puls, Atmung und Temperatur – himmelherrgottnochmal – das haben wir doch schon im Reitverein gelernt und sind doch wunderbare, objektive, leicht messbare Kriterien. Noch bevor ich meinem Pferd im Gesicht rum gucke und nach der Schmerzskala schaue, die zwar auch sehr gut erforscht und „messbar“ ist (und die jeder Pferdebesitzer kennen sollte!), aber manchmal auch nicht so leicht zu erkennen. Zumal Diego nicht oft ein Schmerzgesicht hatte, weil er wohl keine Schmerzen hat. Eine Infektion irgendeiner Art muss ja nicht mit Schmerzen einhergehen. Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, das alles kennen wir Menschen ja auch ohne Schmerzen, wenn wir krank sind.

Zurück zum Bauchgefühl. Geht es Diego besser? Ja, das tut es ganz sicher. Auch seine Blutwerte verbessern sich. Aber nach wie vor frisst er wenig Heu. Das kann nun verschiedene Ursachen haben. Einerseits haben wir ihn in den letzten Wochen haltlos verwöhnt. Die Devise war: Hauptsache er frisst überhaupt irgendwas. Es gab Gras, Müsli, Heucobs und Möhren. Und nicht nur ein Müsli und auch nicht nur eine Sorte Heucobs: wir haben wirklich aufgefahren, wie ich es noch nie in meinem Leben getan habe. Anfangs stand er vor 5 Schüsseln und naschte mit Glück von einer davon. Aber jetzt? Jetzt kann es gut sein, dass er einfach wartet, bis es etwas schmackhafteres gibt und dafür das dröge Heu einfach liegen lässt. Vielleicht hat er gelernt, dass wir weitere Leckereien servieren, wenn er ein bisschen enttäuscht auf der Speisekarte herumschaut? Oder aber es sind eben doch die Zähne, die ja nun laut Experte Nr 3 zu glatt geschliffen wurden, was das Heu mahlen etwas mühselig gestalten könnte, auch wenn nichts wehtut. Oder aber – und das wäre natürlich die schlechteste Version – es geht ihm eben doch noch nicht so gut, wie wir denken. Ein Bauchgefühl habe ich dazu nicht im Angebot, denn ich habe noch nie ein Pferd mit einer so unklaren Erkrankung gehabt. So heißt es jetzt: ausprobieren. Erstmal wieder objektive Maße finden. Sein Puls ist für mich ein solches Maß geworden. In der Anfangsphase der Antibiose war sein Ruhepuls bei 44 und das ist für Diego viel zu hoch. Später ging er wieder runter auf die üblichen 36. Ich finde den Puls nicht an allen Tagen und er unterliegt natürlich auch gewissen Schwankungen – der Anblick von Leckereien kann sicherlich dazu beitragen, dass er mal auf 40 hoch geht. Aber so im Mittel kann ich schon sehen, wie der Ruhepuls ist und mich daran ein bisschen orientieren. Fiebermessen steht jetzt sowieso jeden Tag auf dem Plan, aber er hält sich ganz brav im Normalbereich auf. Heute haben wir ein weiteres objektives Maß hinzugefügt: wir waren mit Diego auf der Waage. An seinem schlimmsten Tag wog er 540kg, heute waren es 585kg. Das ist gut, jetzt dürfen es gern noch 15-20kg mehr werden. Da wir Duncan auch mit hatten, wissen wir jetzt auch, dass unser derzeitiges Heu anscheinend extrem mager ist, denn Duncan hat abgenommen, obwohl er mehr Heu bekommt als im Winter. Das bedeutet, dass ich für Diego jetzt nach Heu mit mehr Kalorien suchen werde, denn das was wir da haben, ist für tendenziell zu dicke Ponys prima, aber kein Appetitanreger, der Speck auf die Rippen zaubert.

Alles weitere muss uns das nächste Blutbild sagen, das eine Woche nach dem Absetzen der Antibiotika gemacht wird (vermutlich Anfang übernächster Woche). Wenn die Werte sich normalisiert haben und normal bleiben, wissen wir, dass zumindest an dieser Front alles wieder gut ist. Dann heißt es wieder, das Bauchgefühl einzuschalten und genau zu beobachten, wie Diego sich entwickelt, wenn wir wieder anfangen, mit ihm zu arbeiten und ihn normal zu füttern. Denn die Tatsache, dass das Blutbild ok ist, heißt ja nicht zwangsläufig, dass er vollkommen gesund ist.

Beim Unterrichten lerne ich jeden Tag, Gefühl und Erfahrungswerte objektivierbar zu machen, so dass ich meinen Schülerinnen Kriterien an die Hand geben kann: woran erkenne ich, ob mein Pferd den Rumpf anhebt? Wie kann ich fühlen, ob der Takt stimmt? Manchmal ist es schwer, das Gefühl in Worte zu bringen. Aber ich habe durch Diegos Krankheit wieder einmal gelernt, wie wichtig das ist. Bauchgefühl entwickeln, indem man Erfahrungswerte sammelt, ist das eine. Das Bauchgefühl dann wieder messbar und erklärbar zu machen, ist das andere. Und wenn man – wie wir in den letzten Wochen – im Panikmodus unterwegs ist, dann ist auf das Gefühl kein Verlass mehr. Dann braucht es harte Fakten, kontrollierbare Daten, die uns Halt und Orientierung geben. Nach und nach kann daraus dann wieder ein „schlauer Bauch“ werden.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 490

Montag! Also Zeit für einen Montagsausflug! Nur, dass mein Ausreitkumpel immer noch einen Humpelfuß hat und also keinen Ausflug machen kann. Was ist also zu tun? Das Mädchen vom Ausreitkumpel hatte die Lösung parat. Sie reitet einfach den Drahtesel! Damit wir nicht nur zu dritt sind, hat das Mädchen vom Ausreitkumpel einfach ein paar Hunde als Gesellschaft mitgenommen. Die meisten von denen kenne ich, aber den einen noch nicht, den musste ich mir erstmal anschauen. Aber ich kann das jetzt – das Mädchen vom Ausreitkumpel hat ja immer irgendwelche Hunde mit und ich bin schon geübt darin, neue Hunde kennenzulernen.

Den braunen kenne ich noch nicht, erstmal hallo sagen!

Dann ging es los! Mein Mädchen dachte, ich finde das vielleicht alles komisch. Aber ganz ehrlich: das Mädchen vom Ausreitkumpel kenne ich doch schon seit einer Ewigkeit (genaugenommen seit dem Tag an dem ich bei meinem Mädchen eingezogen bin) und ich weiß, dass sie in der Lage ist, mir und meinem Mädchen zu helfen, wenn es Not tut. Also bin ich einfach ganz entspannt mitgegangen. Wir sind dann auch ganz fein getrabt und mein Mädchen war hoch zufrieden mit mir. Und mit sich selbst war sie auch zufrieden, weil sie nicht ganz so aufgeregt war und es jetzt schafft, mir mehr Sicherheit zu geben, wenn ich etwas komisch finde. Als ich gerade so richtig schön warmgelaufen war, war dann plötzlich Graspause angesagt – an einer ganz anderen Stelle als sonst! Aber egal, Hauptsache da ist was Grünes zum Futtern für mich.

Lecker Grün

Danach ging es im Schritt zurück. Also ich hätte ja schon gerne noch eine Runde gedreht, aber so einen Drahtesel zu reiten ist wohl kein so großes Vergnügen wie auf einem Pony, daher waren wir nur knapp 7km unterwegs.  Ich hoffe, mein Ausreitkumpel ist bald mal wieder fit! Jedenfalls haben wir beschlossen, dass das eine ganz vernünftige Alternative ist mit dem Drahtesel, damit ich überhaupt mal raus komme. Und mein Mädchen weiß jetzt, dass ich kein Pony als Begleitung brauche, es reicht ein Mensch und vielleicht ein paar Hunde. Und eines Tages, sagt sie, sind wir beide uns so sicher, dass wir es auch ganz alleine wirklich gut können. Heute sind wir dem jedenfalls wieder einen kleine Schritt näher gekommen.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit dem Drahtesel-Ausreitkumpel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 489

Diegos Blutbild ist da und macht die Menschen nicht viel schlauer, aber etwas zuversichtlicher. Er ist aber immer noch nicht über den Berg und wir wissen immer noch nicht ob er wieder ganz gesund wird. Ein ganz schönes Geduldsspiel ist das! Da es ihm aber im Moment ganz gut geht, haben wir zusammen die Hausrunde gedreht, der Mann mit Diego zu Fuß und mein Mädchen ist mich geritten. Ach, das tat gut, mal wieder raus zu kommen! Am Anfang war ich etwas „drüber“ wie mein Mädchen sagt. Aber sie weiß ja jetzt, dass das von angestauter Energie kommt und gegen Ende ging es mir dann auch schon sehr viel besser. Danach wurde es dann noch ganz kurios. Schaut euch das mal an, was sie sich da jetzt wieder überlegt hat! Der Mann hat mich an den Strick genommen und das Kommando gehabt. Ich hatte einen komischen Gurt an mit zwei Griffen und Diegos Filzpad vom Sattel und dann hat mein Mädchen auf meinem Rücken rumgeturnt! Jetzt ist es ja so, dass ich normalerweise immer sofort stehenbleibe, wenn sie sich ungewohnt bewegt. So hab ich das gelernt! Aber jetzt gibt es anscheinend eine Erweiterung des Regelwerks. Mein Mädchen sagt, ich soll lernen, zu unterscheiden, ob sie sich geplant komisch bewegt oder ungeplant. Wenn sie sich geplant komisch bewegt, soll ich weitergehen, sonst stehenbleiben. Das muss ich ja aber nun auch erstmal üben dürfen, rauszufinden, was was ist. Und mein Mädchen hat auch gesagt, es ist gar nicht schlimm, wenn ich mal an der falschen Stelle stehenbleibe, das ist immer besser als losflitzen oder anderen Mist machen.

Sonst ist anhalten immer richtig wenn sie komisches Zeug macht.

Die erste Herausforderung stellte aber das Aufsteigen dar. Sonst kann mein Mädchen ja einigermaßen elegant auf meinen Rücken hüpfen, aber der Gurt war ihr im Weg und sie hat ewig überlegt, wie sie das wohl als Kind mal gelernt hatte. Es ist ihr aber nicht gelungen, also hat sie es doch auf die altbewährte Methode versucht und…. naja. Seht selbst.

Ja, so ist mein Leben mit meinem Mädchen manchmal….

Was hat sie nur wieder für ein Glück, dass ich so ein geduldiger Gentleman bin! Sie hat nachher gesagt, es war gut, dass das passiert ist, weil sie jetzt weiß, dass ich das aushalte, wenn alles rutscht. So kann man sich die eigenen Pannen natürlich auch schönreden, mein Mädchen!

Aber wir hatten dann auch ein paar ganz gelungene Momente. Als sie erstmal oben war, hat sie sich allerhand lustiges Zeug überlegt. Seitwärts sitzen, rückwärts sitzen, andersrum seitwärts sitzen, die Füße hinten auf meinen Rücken legen, sich hinknien, Vierfüßlerstand und zum krönenden Abschluss aus dem Schritt abspringen. Ich habe das alles gut mitgemacht. Wofür wir das nun alles gemacht haben? Ach, das weiß man bei meinem Mädchen ja nie so genau, aber manchmal zeigt es sich im Laufe der Zeit noch…. Jedenfalls, so sagt sie, erweitert das meinen und ihren Horizont, solche komischen Sachen zu machen. Na wenn sie meint? Die Hauptsache ist doch, dass die Keksrate stimmt.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit dem erweiterten Horizont

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 488

Meine kleine Freundin war wieder da! Wir haben uns lange nicht gesehen, weil sie in Urlaub war. Und mein Mädchen hat schon gedacht, sie hätte vielleicht alles vergessen was sie gelernt hatte. Aber nix da, sie hat sich an alles genau erinnert! Ich habe ihr erstmal wieder geholfen beim Halfter anziehen. Dann wieder putzen, Hufe auskratzen, Pad raufmachen. Und auf zum Reitplatz! Ich habe meiner kleinen Freundin einen altbewährten Pony-Trick gezeigt: bin stehengeblieben, habe mich mit der Nase am Bein gekratzt und dann – ups! – bin ich nahtlos zum grasen übergegangen. Meine kleine Freundin kannte diesen Trick noch nicht, aber sie hat gesagt, das merkt sie sich! Na gut, ich hab schon noch ein paar mehr Tricks auf Lager!

Erst haben wir wieder führen geübt. Weil die Stangen noch da lagen von unserer letzten Doppellongen-Einheit, hat mein Mädchen einfach noch ein paar andere Sachen hingelegt und die Stangen schön in die Führaufgabe integriert. Das klappt jetzt schon ganz schön gut mit meiner kleinen Freundin und mir! Sie weiß jetzt viel besser Bescheid, drückt sich klarer aus und ich weiß, dass ich es gar nicht immer so ganz eilig haben soll. Mein Mädchen war entzückt!

Gemeinsam über die Stangen

Zum Schluss durfte meine kleine Freundin dann wieder aufsteigen und mein Mädchen hat mich geführt. Meine kleine Reiterin durfte sagen wo es langgehen soll. Über die einzelne, hochgelegte Stange oder die 4 Stangen in einer Reihe oder durch eine der Gassen oder zu einem der Hütchen. Die hat uns ganz schön durch die Gegend geschickt, sage ich euch! Zum Schluss hat sie noch das Absteigen geübt, das ist nämlich irgendwie gar nicht so einfach wie es aussieht, findet sie. Aber ich bin ja Gentleman und habe geduldig gewartet, bis sie von meinem Rücken gerutscht war. Dann hat sie mich wieder zurückgebracht und ich habe noch den einen oder anderen Pony-Trick versucht, um an etwas Gras zu kommen. Aber die Kleine ist ganz schön hartnäckig und lässt sich nicht so leicht hinters Licht führen wie ich gehofft hatte! Als sie mich zurück gebracht hatte, gab es aber noch die schöne Überraschung für mich: Möhrenparty! Meine kleine Freundin hatte einen Tupper voller Möhrenscheiben und ich durfte mir einen Großteil davon einverleiben. Merlin stand in der Nähe, der hat auch ein paar abbekommen.

Ach, das war wieder fein, ich mag meine kleine Freundin! Mein Mädchen überlegt schon, was wir wohl nächstes Mal schönes üben können. Und ich denke darüber nach, welcher Pony-Trick mir wohl etwas Gras bescheren könnte, da wird mir schon noch was einfallen!

Euer trickreicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Muskelaufbau

Ein häufig gewünschtes Thema in meinem Unterricht ist der Muskelaufbau. Das Pferd soll bitte schön bemuskelt sein. Und ich nehme mir fest vor, das nächste mal nachzufragen, warum. Ich mag solche Fragen, die mir erstmal komische Blicke bescheren, sie machen das Leben interessanter.

Unser Diego (wir warten noch auf Blutwerte…) hat in den letzten Wochen zum Glück etwas zugenommen und fühlt sich offensichtlich wieder wohler in seinem Körper. Neulich schaute ich ihn an und sagte zu Arnulf „der sieht aus als hätte er Muskeln aufgebaut“. Was ja nun mangels Training eigentlich gar nicht sein kann. Er hat sich auch nicht mehr bewegt, sondern eher weniger, während er vor seinen Heuhaufen steht und sich nach und nach wieder der normalsten Sache der Welt widmet. Training hatte also lediglich seine Kaumuskulatur. Aber er hat eben eine rundere Form bekommen und er hält sich wieder aufrechter, lässt sich nicht mehr so hängen. Und schon sieht er aus, wie all die vielen vielen Pferde, von denen Vorher-nachher-Fotos auf social media zu sehen sind und die für die eine oder andere Trainingsmethode Werbemodell stehen (manchmal auch für Pülverchen aller Art und Sorte). Häufig betrachte ich diese Bilder mit Skepsis: da werden Pferde im Winterfell und im Sommerfell verglichen, Pferde mit Weide-Luxusbäuchlein und ohne, Pferde stehen unterschiedlich da, halten den Kopf anders oder das Licht kommt von der anderen Seite. Unser running gag an der Stelle ist eine Hufpflegerin auf einer Fortbildung, die uns vorher-nachher-Huffotos zeigte und dazu sagte „das ist jetzt nicht der selbe Huf aber das selbe Pferd“. Klar, das ist natürlich total vergleichbar. So wie meine rechte Hand ja auch genauso aussieht wie die linke. Nicht. Huffotos haben mich geheilt was die Vergleichbarkeit angeht. Man kann sich wahnsinnig täuschen. Und so sehe ich es auch mit Muskelfotos von Pferden. Ich mache sie trotzdem, aber man muss sich daran nicht festgucken. Und dann ist da ja noch die Unterscheidung zwischen Muskeln und Fett, die viele Pferdebesitzer so gar nicht beherrschen und die auf Fotos so gut wie unmöglich sein dürfte. Figuren von Pferden werden stets und ständig falsch eingeschätzt („das sind Muskeln“ ist mein Lieblingsspruch wenn ich anmerke, dass ein Pferd übergewichtig ist. Wo ein Pferd da so angeblich überall Muskeln haben kann, ist schon wirklich interessant.)

Und selbst wenn ein Pferd toll bemuskelt ist, ist es dann stark? Ich erinnere mich an einen der muskulösesten Männer die ich kennengelernt habe. Der hat mich – als er schweißgebadet nach zwei Hufen die Raspel abgegeben hat – gefragt, wie ich das mache mit der Hufpflege. Seine Frau, ihres Zeichens Hundephysiotherapeutin, kicherte nur. Seine Muskeln, so sagte sie mir, „taugen nix“, die sehen nur toll aus. Und ich denke an den schlacksigen jungen Mann, der so unglaublich viel Kraft hatte. Oder auch das eine oder andere „Dickerchen“, die etwas fülligeren Frauen, die wahnsinnig unsportlich aussehen und mich dann ganz geschmeidig bei jedem Ausdauertraining abhängen, während mir schnell nachgesagt wird, ich sei ja so sportlich, weil ich von Natur aus einfach eine Figur habe, die etwas athletischer wirkt. Wie ein Körper aussieht, sagt nicht so ganz direkt etwas darüber aus, wie stark oder funktionell er ist.

Das Pony von meiner Freundin, der in meinem Dunstkreis wohl die meisten Kilometer in der Woche reißt, sieht weiß Gott nicht aus wie ein durchtrainierter Sportler. Dagegen sieht mancher Koppelgänger durchaus gut bemuskelt aus und das eine oder andere Quarter Horse bekommt einfach vom Füttern schon Muskelmasse, wo der Araber daneben sich einfach nur eine Weidewampe zulegt und viele, viele, sehr viele Kilometer machen muss, um die wieder loszuwerden.

Irgendwie ist Reiten zur Raketenwissenschaft geworden. Reiter versuchen, all die Muskeln zu kennen, die ihr Pferd (angeblich) braucht und jeden einzeln ansteuern zu können. Sie versuchen, dem Pferd eine bestimmte Körper- oder schlimmstenfalls Kopfhaltung beizubringen in der Annahme, so sei es „richtig“ und das Pferd würde „korrekt“ laufen. Ich hätte nichts dagegen, wenn man sich denn einig wäre, wie „richtig“ und „korrekt“ aussehen. Ist man aber nicht. So viele schöne Theorien, eine widerspricht der anderen und in der Praxis sind sie entweder für den Laien gar nicht umsetzbar oder selbst beim Profi nicht erfolgreich. Da wir getrickst, gefummelt, schöngeredet und hinfotografiert und die, die sich wirklich große Gedanken machen, die wirklich alles richtig machen wollen zum Wohle ihres Pferdes, die sind dann komplett verunsichert, trauen sich gar nix mehr und schmeißen irgendeinem Guru haufenweise Euros in den Rachen.

Und dabei sehe ich ganz klar an Diego: wenn unsere Pferde sich wohlfühlen, sehen sie eh gleich viel schöner aus. Wenn wir ihnen vielfältige Aufgaben stellen, dann kriegen die ihren Körper in den Griff. Wenn wir den unpassenden Sattel weglassen, haben die auch wieder einen Rücken. Und dann sehen die vielleicht nicht instagramm-tauglich aus, aber sie sind gesund und munter – im Winter mit zotteligem Fell und im Sommer vielleicht mit einem (kleinen!) Wohlstandsbäuchlein. Fertig. Ich schätze all jene Reiterinnen, die so sehr alles richtig machen wollen. Ich selbst möchte das auch. Aber mehr als einmal habe ich nun schon gelernt: dieser Wunsch kann uns total blockieren. Kann uns verpassen lassen, wie einfach alles sein kann und uns total den Spaß an unseren Pferden vermiesen. Und das ist doch schade. Die Zeit mit unseren Pferden ist so wertvoll. Sie soll voller Freude sein für alle Beteiligten. Und unsere Pferde haben auch oft keine Lust, ständig kritisiert zu werden, weil sie „nicht korrekt“ laufen und nicht gut genug bemuskelt sind.

(Das alles gilt für die einigermaßen gesunden Pferde. Für die Spezialfälle braucht es vielleicht spezielle Super-Methoden, das mag angehen. Oder auch nicht, wer weiß?)

Ihr bekommt ein Diego-Update sobald ich eins habe, versprochen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 487

Jetzt ist auch noch der Montags-Ausflug ausgefallen! Mein Ausreitkumpel hat einen Humpelfuß. Mein Mädchen sagt, wir müssen dringend üben, allein ausreiten zu gehen, aber dafür muss sie erst ihre strapazierten Nerven wieder reparieren. Und das hängt im Wesentlichen davon ab, wie Diegos Blutergebnisse ausfallen ….. bis dahin ist weiterhin Reitplatz-Spaß angesagt. Und damit keine Langeweile aufkommt, haben wir heute wieder mit der Doppellonge geübt. Und Stangen und ein Sprung waren auch im Spiel! Wir Highlandponys sind ja „the versatile breed“, also die vielseitige Rasse. Wir können einfach alles! Reiten, Kühe hüten, Kutsche ziehen, auf Fuchsjagd gehen oder eben auch springen. Und alles was euch sonst noch einfällt. Aber natürlich können wir das nicht einfach so, wir müssen schon ein paar mal üben dürfen. Und das mit dem Springen, da war ich bisher noch nicht so sicher wie das gehen soll. Man muss ja immer den richtigen Punkt zum abheben finden und das ist nicht so einfach wie es sich anhört! Aber jetzt hat es klick gemacht, heute bin ich ganz oft richtig abgesprungen und mein Mädchen war schon wieder soooooo stolz auf mich! Bald macht sie euch bestimmt ein Video davon. Bis dahin müsst ihr mal wieder eure Fantasie bemühen, das schafft ihr schon. Hier ein Bild vom Sprung:

Ok, er ist nicht hoch. Aber ziemlich schwierig, weil die Stange sofort runterfällt, wenn man sie auch nur mit einem Huf berührt. Also: angaloppieren, Maß nehmen, Gas geben und Hopp!

Jetzt bin ich also auch noch Springpony! Und wieder um einige (viele) Kekse reicher geworden. Lohnt sich!

Euer springender Sir Duncan Dhu of Nakel (der trotzdem auf einen schönen Ausritt hofft!)

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 486

Weiterhin keine Sonntagsausflüge, Diego bekommt weiterhin Medikamente und hält den Krankenschein hoch. Also müssen wir uns bei Laune halten, sagt mein Mädchen, und Abwechslung in die Platzreiterei bringen. Und deswegen hat sie gestern nach langer Zeit mal wieder ihre Garrocha ausgepackt, die sie letztes Jahr zum Geburtstag bekommen hat. Mit der haben wir seit November nicht geübt, also mussten wir quasi von vorn anfangen. So einen richtig, richtig, perfekt runden Kreis zu gehen ist gar nicht so einfach wie es sich anhört! Dann noch mit meinem Mädchen oben drauf, die voll beschäftigt ist, nur eine Hand für die Zügel hat und sich regelmäßig die Arme verknotet. Diesmal hat es geklappt, das ganze zu filmen und damit ihr auch mal was zu lachen habt, haben wir euch den allerschönsten Ausschnitt ausgesucht. Mein Mädchen hat wirklich Glück, dass ich so ein Gentleman bin und sooooo geduldig warte, bis sie alles sortiert und geübt und probiert und sich wieder entknotet hat! Da war sie mir wieder sehr dankbar (das schlägt sich erfreulicherweise in der Keksrate nieder).

Na, wird es gehen?

Später, als sie dann meinte, ich hätte jetzt genug Chaos erduldet, hatte ich Feierabend und durfte am Reitplatzrand noch etwas Gras schmausen. Mein Mädchen hat sich derweil die Garrocha geschnappt und zu Fuß noch etwas geübt. „Das muss doch zu schaffen sein“ hat sie immer gemurmelt. Ich fand´s lustig! Heute hat sie Muskelkater im rechten Arm. Weil man da irgendwie ganz andere Muskeln benutzt als sie sonst so braucht (sagt sie). Oder weil sie generell sehr unfit und nicht gut trainiert ist (sage ich).

Diego hat derweil Heu gefressen. Und jetzt wird es kurios, denn plötzlich feiert mein Mädchen das ganz groß, dass er Heu frisst. Normalerweise sagt sie immer, wir fressen ihr die Haare vom Kopf und zu dick findet sie uns auch meistens. Aber wenn Diego jetzt mal ein paar Kilo Heu verdrückt, dann freut sie sich wie Bolle und legt ihm sofort was nach. Da soll so ein kleines Pony wie ich nun schlau draus werden. Mein Mädchen sagt, dass Diego Heu frisst, erhöht ihre Hoffnung, dass er wieder ganz gesund wird und wir bald wieder Sonntagsausflüge machen können. Ok, wenn das so ist, dann esse ich jetzt auch nochmal extra Heu, denn die Ausflüge fehlen mir schon sehr. Mein Mädchen sagt, am Mittwoch muss Diego nochmal eine Blutprobe hergeben und dann wissen wir hoffentlich am Freitag mehr. Drückt uns weiterhin die Daumen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit dem verknoteten Mädchen

Fortschritte

Ich weiß, viele von Euch warten auf Neuigkeiten von Diego. Im Moment liegt er in der Sonne und hält ein Nickerchen, zusammen mit seinen Freunden. Es geht ihm so weit gut. Er frisst weiterhin so gut wie kein Heu, aber viele Heucobs und auch alles andere was wir ihm servieren. Die Blutwerte, die letzte Woche gecheckt wurden, sehen besser aus, die Richtung scheint zu stimmen. Richtig spannend wird es aber erst, wenn Mitte nächster Woche neue Werte bestimmt werden und wir dann erfahren, ob sich wirklich alle Werte normalisieren, denn einige brauchen dafür länger und wurden deswegen nicht mitbestimmt beim letzten Blutbild. Unsere Zuversicht steigt mit jedem Tag, an dem es ihm gut geht, aber von Normalität sind wir noch weit entfernt.

Duncan hat hingegen große Fortschritte gemacht. Am Montag, bei unserem zügigsten, langen Ausritt überhaupt, fiel mir auf, was er und ich alles gelernt haben. Ich kann ihn jetzt so viel besser lesen, weiß, wann ich ihn anfeuern kann, wann ich durchparieren muss, um ihm helfen zu können, kann viel besser einschätzen, wie viel Energie da noch im Pony ist. Diese Dinge kann man nicht aus Büchern lernen und nur sehr begrenzt unterrichten, denn es sind die ganz individuellen kleinen Dinge, letztendlich immer nur „so ein Gefühl“ das man selten an harten Fakten festmachen kann. Erfahrungswerte.

Duncan lässt sich jetzt von mir mehr im Tempo regulieren – in beide Richtungen, also schneller oder langsamer. Das ist sehr gut, denn so kommen wir dem gleichmäßigen Tempo näher. Ein gleichmäßiges Tempo ist energiesparender als dauerndes beschleunigen und bremsen und also wichtig für längere Ritte. Sowohl sein Trab, als auch sein Galopp sind flotter geworden. Sein Kopf hält länger durch und er findet zuverlässig den Reservetank. Ob es noch einen Reserve-Reserve-Tank gibt? Das weiß ich noch nicht. Ich finde ihn noch zu jung, um das zu testen. Jetzt bin ich erstmal gespannt, wie seine Fitness sich weiter aufbaut. Ich habe nicht viel Erfahrung darin, ein Pferd für längere Strecken in höherem Tempo (echte Distanzreiter dürfen hier gepflegt kichern) fit zu machen. Mit Finlay war es viel Arbeit, auf die geforderten 28km im passenden Tempo zu kommen, Duncan wird das sicher leichter fallen. Was ich hingegen bemerke ist, dass auch mein Kopf das Training braucht. Gerade zu dieser Zeit, wo in meinem Schädel so viel herumgeht, strengt es mich nach einer Weile ganz schön an, die Konzentration zu halten. Den Weg finden, die Umwelt im Blick haben, den Boden abchecken, das Tempo anpassen, auf meinen Sitz achten. Deswegen ist Ausreiten auf diese Art für mich mental so „entspannend“, weil ich keine große Gelegenheit habe, über anderes nachzudenken. Ich sehe es als meine Pflicht an, meinem Pony den ihm übertragenen Job so leicht zu machen wie möglich. Meinen Teil der Verantwortung gewissenhaft zu tragen, mir immer wieder sein Vertrauen zu erwerben, indem ich ihm helfe, die beste Entscheidung zu treffen bezüglich der Frage, welchen Weg wir durch das nächste Matschloch wählen und wo es sich gut laufen lässt. Langsam werden wir ein richtiges Team, er und ich, und das fühlt sich verdammt gut an. Und wie er immer grinst am Tag nach diesen Ausritten! Er könnte das sicher jeden Tag machen. Zeit, dass wir mehr alleine los kommen, damit wir einfach öfter mal vom Hof runter kommen, aber dafür müssen sich erst meine Nerven wieder stabilisieren.

Am Tag nach einem schönen Ausflug ist Duncan immer besonders gut gelaunt und fröhlich

So lange bleiben wir auch viel auf dem Reitplatz und hier profitieren wir von den Trainingsritten durch Wald und Feld. Duncan ist sehr viel kräftiger geworden, kann mich viel besser tragen. Die beiden „Sportarten“ ergänzen sich wunderbar. Auf dem Platz üben wir angaloppieren aus dem Trab und aus dem Schritt, das stärkt seine Hinterhand so, dass er im Gelände auch im Galopp nicht mehr so stark nach vorne fällt mit dem Schwerpunkt. Wir üben Biegung rechts und links, so dass er auch im Gelände durchlässiger wird, meine Hilfen besser annehmen kann und sich nicht mehr so oft versteift. Aber die Kraft und Fitness, die holen wir uns draußen, während wir fröhlich vor uns hin traben und galoppieren. Und wir träumen davon, das vielleicht eines Tages auch wieder gemeinsam mit Diego zu tun…. .

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 485

Da Diego immer noch krank ist und Medikamente nehmen muss (und unverschämte Massen an unverschämt leckerem Futter bekommt), fallen die Sonntagsausflüge weiterhin flach. Mein Mädchen und ich haben uns die Woche über auf dem Reitplatz vergnügt, gewippt und sind im Roundpen herumgeflitzt (ich bin herumgeflitzt, während sie in der Mitte den Hampelmann gemacht hat). Aber es geht einfach nichts über einen ordentlichen Ausflug! Und zum Glück haben wir ja dafür den Ausreitkumpel und das feste Montags-Date.

Weiterhin sind wir ja auf einer wichtigen Mission: Wege abchecken für einen Distanzritt. Diesmal sind wir andersherum geritten, haben an der Stelle, an der wir letztes Mal vom geplanten Weg abgewichen sind, den richtigen Weg genommen und dann festgestellt dass der richtige Weg fast der selbe ist wie der falsche, weil wir vom falschen einfach falsch abgebogen waren, weil die Beschilderung fehlt. Sehr verwirrend. Es war etwas abenteuerlich weil die Reiter die Forstarbeitsmaschinen wieder die ganzen Wege kaputt gemacht hatten und dann noch Pferdeäppel Unterholz hatten liegen lassen. An dieser Stelle wird mein Mädchen dann immer kurz muksch, weil sie das alles so unlogisch findet mit dem Waldgesetz und den Reitverboten. Aber der Ausritt war zu schön um muksch zu sein und alsbald waren wir wieder auf den Wegen vom letzten Mal und sind wieder ganz fein galoppiert. Rechtsgalopp, nach 500 Metern durchparieren und direkt in den Linkgalopp. Ach, das macht Spaß!

Den schmalen Weg lang wo letztes Mal Rehe waren, da hat es doch schon wieder so geraschelt im Wald! Aber ich war mutig und bin weiter getrabt, weil mein Mädchen fest versprochen hat, dass sie mit Ausschau hält. Letzte Woche hatte ich ihr die Rehe zeigen müssen, weil sie nix mitgekriegt hat! Aber jetzt wusste sie ja bescheid. Manchmal ist sie doch lernfähig…..

Graspause haben wir natürlich auch gemacht.

Dann parallel zur Straße, da kam von hinten ein scheppernder Trecker in Höchstgeschwindigkeit angerauscht. Wir waren da zwar nicht direkt an der Straße, sondern eine Baumreihe weiter links, aber wir haben trotzdem kurz durchpariert, um das Geschepper zu überleben. Keks! Und weiter. Ich immer vorneweg. Durch ein paar tiefe Schlammlöcher, hier war mein Mädchen heilfroh, dass ich derzeit barhuf unterwegs bin und also untenrum nix verlieren kann. Und schließlich auf einen schnurgeraden Plattenweg, wo es links am Rand einen schönen Streifen gab. Kleiner Galopp noch? Ja gern. Und wie ich so den geraden Weg vor mir sehe, denke ich: wir könnten kurz noch antesten, wie lange wir bis zum Ende dieses Weges brauchen, oder, mein Mädchen? Nein, wollte sie nicht. Ach komm schon… nein. Na gut, dann nicht. Soooo fit war ich dann auch nicht mehr, dass ich noch hätte diskutieren wollen. Ich lief schon auf Reservetank (gut, dass wir Schotten den serienmäßig eingebaut haben!)

Einmal noch rechts abbiegen und dann ging es noch eine halbe Ewigkeit (fast 4km!) geradeaus. Allerdings war dieser Weg eine ganz schöne Herausforderung, tiefe Matschstellen (mein Mädchen hat mich ordentlich angefeuert und ich hab das im Trab geschafft!), dann viele Wellen im Boden. Und ich war schon etwas ermattet. Aber ich hab mich zusammengenommen, nochmal gut konzentriert und es durchgezogen. Als wir dann an eine große Pfütze kamen, habe ich mir erstmal einen ordentlich Schluck Wasser genommen (eher ein paar mehr Schlucke). Und kurz danach sind wir dann auch Schritt gegangen und die Mädchen sind abgestiegen. Da hab ich erst gemerkt, dass ich doch ein bisschen müde war. Kein Wunder, denn wir haben einen neuen Rekord aufgestellt: fast 15km mit 8,1km/h! 9,3km im Trab, etwas über 1km im Galopp. Ich ahne es schon: nächste Woche wird mein Mädchen sich wieder wundern, wie fit ich plötzlich bin! Jaaaaaa, nach so einem schönen Trainingsritt ist das eigentlich kein Wunder aber sie versteht das ja irgendwie nicht!

Jedenfalls war ich zwar müde, aber durchaus sehr gut gelaunt. Und mein Ausreitkumpel auch. Mein Mädchen meint, ich war wieder der allerbeste, bin die ganze Strecke vorneweg gelaufen (habe also die Verantwortung getragen!), hab alles richtig gemacht (der Brite sagt „didn´t put a foot wrong“) und ich war sehr erwachsen, bin ganz gleichmäßig gelaufen und überhaupt bin ich natürlich großartig, wunderbar und (fast) perfekt.

Nächsten Montag wollen wir dann noch den dritten Wegabschnitt testen, das wird nochmal interessant. Dann dürfte die Route für den Distanzritt feststehen!

In ein paar Wochen könnte es aber gut sein, dass wir nochmal auf eine Spezialmission entsendet werden für einen Distanzritt woanders. Bis dahin, sagt mein Mädchen, müssen wir noch fitter werden, denn das ist ziemlich weit weg und damit es sich lohnt, da hin zu fahren, müssen wir dann auch Strecke schaffen. Ok, ich bin dabei!

Und bei all dem schönen reiten hat mein Mädchen wieder für 2 Stunden ihre Sorgen vergessen können. Das, sagt sie, ist übrigens die absolute Hauptsache. Denn noch müssen wir über eine Woche warten, bis wir erfahren, ob Diego wieder gesund ist, dann gibt es neue Blutwerte, sagt mein Mädchen. Und in dieser Zeit muss ich sie gut ablenken, damit die Zeit schneller rumgeht. Ich kann stolz sagen: gestern ist mir das gelungen.

Euer aufmunternder und ablenkender Sir Duncan Dhu of Nakel

Ruhe bewahren

Ich würde Euch ja gern Neuigkeiten über Diego schreiben, weil ich weiß, dass viele von Euch darauf warten. Aber warten ist genau das, was wir im Moment auch tun. Heute wurde wieder Blut abgenommen, jetzt warten wir auf neue Werte. Es geht ihm deutlich besser, er frisst sehr viel besser, nimmt aktiv am Herdenleben teil und ist sauer auf mich, weil ich zu einer dieser „erst isst Du Dein Gemüse auf, dann bekommst Du Nachtisch“- Mütter geworden bin. Während er letzte Woche teilweise das leckerste Müsli verweigert hat, bekommt er jetzt von uns immer erst Heucobs und Heu (nicht unser normales, das frisst er nicht, aber sauteures, abgepacktes Zeug aus der Tüte von dem ich mich immer gefragt habe, wer zum Henker so was kauft…..). Erst schaut er uns dann an und plinkert auf die ihm eigene Art mit den Augen und wenn das nicht funktioniert, wirft er uns fassungslose Blicke nach, während wir einfach weggehen. Er frisst die Heucobs dann auf und er nascht auch etwas Heu, aber so hatte er sich das nicht vorgestellt – in seiner Zukunftsplanung gab es nur noch Müsli, Möhren und Frühlingsgras. Nun habe ich ihm versuchshalber auch das Gras noch gestrichen. Es ist nicht so, dass ich es ihm nicht gönnen würde, aber normalerweise weide ich überhaupt kein Pony um diese Jahreszeit an, das ist mir viel zu gefährlich (Hufrehe durch hohen Fruktangehalt) und es ist für uns viel Arbeit, die anderen dann immer wegzusperren, ihn raus zu lassen und kurze Zeit später wieder rein zu holen. Er soll wieder ans Heu fressen kommen, dafür braucht es vielleicht auch einen kleinen Anreiz und er ist gut genug drauf, dass ich das riskieren kann.

Das alles klingt sehr positiv und viele werden jetzt hoffen, er sei schon über den Berg. Fakt ist aber: er hatte immer gute Phasen und es kann sein, dass auch das nur eine gute Phase ist. Es kann sein, dass das Antibiotikum nicht dazu beiträgt, denn die Besserung setzte schon vor der Gabe des Medikaments ein. Wir sind also nicht gefeit davor, dass alles plötzlich wieder schlechter wird. Wir haben nach wie vor keine Diagnose, also können wir auch nicht wissen, ob das milde Antibiotikum, das er zur Zeit bekommt, hilft. Und das Blutbild bietet Interpretationspielraum, leider auch in eine sehr unschöne Richtung – es könnte sich um Krebs handeln. Diesen Gedanken schieben wir ganz weit weg, denn tun können wir dann sowieso nichts. Erst in 2-3 Wochen werden wieder alle Blutwerte kontrolliert, und wenn sich dann auch die wieder im Normbereich eingependelt haben, die dafür lange brauchen, und wenn es ihm bis dahin gut geht, dann können wir aufatmen.

Was ich in diesen Tag sehr stark spüre, ist, wie erwachsen mein Duncan geworden ist. Und ich frage mich, ob ein besonderer Lernprozess bei ihm eingesetzt hat.

Normalerweise wird ein Pferd von Natur aus erst mal nervös und hektisch werden, wenn sein Mensch nervös und hektisch ist. Und in der ersten Unterrichtsstunde mit seiner neuen kleinen Freundin hat Duncan gezeigt, wie unsicher er wird, wenn der Mensch neben ihm unsicher ist. Aber jetzt, ganz langsam, habe ich das Gefühl, dass er lernt, anders damit umzugehen. Und das ist die reine Magie (und gleichzeitig auch nur ein einfacher Lernprozess).

Am Montag bei unserem Ausritt, als ich ziemlich fertig war mit den Nerven und ziemlich tüddelig im Kopf, ist es zum ersten Mal passiert: er hat bei meiner Hektik nicht mitgemacht. Er ist cool geblieben. Und sobald ein Pferd das ausprobiert, kann das Lernen beginnen, denn jetzt kann mein Pony die Erfahrung machen, dass das Leben leichter wird, wenn man sich nicht anstecken lässt von der menschlichen Nervosität. So wie mein zauberhafter Merlin, der immer wusste, wie man mit ängstlichen, nervösen und aufgeregten Menschen umgeht. Merlin wurde immer langsamer, wenn jemand Angst hatte. Er war in der Lage, zur Not die Führung zu übernehmen und jedem Menschen die nötige Sicherheit zu geben. Woher er das konnte – keine Ahnung. Heute könnte er es wohl nicht mehr. Mit seinen 31 Jahren ist er selbst kein Ausbund an Ruhe und Gelassenheit mehr. Sobald die kleinste Unsicherheit auftaucht, merkt man ihm das deutlich an und ich führe das darauf zurück, dass er sich körperlich nicht mehr in der Lage sieht, schnell genug zu fliehen, wenn es doch ein Säbelzahntiger sein sollte. Außerdem sieht er wohl nicht mehr gut.

Aber zu seinen Hochzeiten, da hatte er diese Magie. Wenn ich furchtbar aufgeregt war, weil es auf Kurs ging und wir vor Zuschauern Unterricht bekommen haben, dann hat er mich angeschaut und mit zugeflüstert „atme, ich regel das“. Er war dann ganz besonders zuverlässig, ganz besonders engagiert und aufmerksam.

Und vielleicht kann mein kleiner großer Duncan das auch lernen. Ich wusste nicht, ob ein Pferd das lernen kann, aber wenn es einmal anfängt, diese neue Taktik zu erproben, dann denke ich, dass es schnell merken wird, dass der Mensch in einen angenehmeren Zustand kommt, wenn man als Pony die Nerven bewahrt, besonnen bleibt und besonders gut aufpasst.

Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein. Wer weiß? Aber damals, an jenem wunderbaren Tag, an dem ich das Gefühl hatte, dass Duncan mich zum reiten einlädt, hat jemand zu mir gesagt „lass Dir nicht einreden, dass Du Dir das nur eingebildet hast. Halte diesen wunderbaren Moment fest in Deinem Herzen und glaube daran“. Und das tue ich seitdem. Und ich tue es jetzt wieder. Wir alle wissen, wie stark Pferde auf unsere inneren Bilder reagieren, weil wir sie unbewusst über feinste Körpersprache aussenden. Und wenn ich glaube, dass mein Pony mir helfen kann, die Ruhe zu bewahren, was wird dann wohl passieren? Dann wird allein dieser Gedanke mir schon helfen und mich ruhiger machen. Wir können uns also gegenseitig helfen, die Ruhe zu bewahren – oder wir können uns gegenseitig nervös machen. Es ist unsere Wahl und ich weiß, welche ich treffen möchte.

Denn nie war es wichtiger als jetzt, die Ruhe so gut wie möglich zu bewahren, während wir weiter hoffen, dass unser Diego wieder ganz gesund wird.