Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 478

Und gleich noch ein Ausflug! Mein Mädchen war etwas besorgt, ob mir das wohl zu viel wird. Ich war ja gestern echt müde und die Frage ist dann immer: kopfmüde oder körpermüde? Müde wegen der Kilometerzahl oder müde wegen der Zeit, die wir draußen unterwegs waren? Diese Fragen hat mein Mädchen heute mitgenommen auf die Tour. Und ich kann sagen: wir haben die Antwort ziemlich klar gefunden!

Tatsächlich war ich ein bisschen tüddelig beim Einsteigen (mein Mädchen hatte große Sorge, dass es heißen könnte, dass ich keine Lust habe), dann war ich tüddelig beim Aussteigen (s.o.). Aber dann habe ich gesehen, dass wir mit dem Ausreitkumpel losziehen und da wusste ich, dass ich nicht so viel denken muss. Laufen kann ich nämlich noch! Und das hab ich dann gemacht. Fleißig und fröhlich wie immer. Da war mein Mädchen auch gleich ganz fröhlich und hat sich keine Sorgen mehr gemacht!

Wir haben wieder Galopp-Trab-Übergänge geübt. Und heute habe ich was neues raus gefunden: es geht viiiiiiiel leichter mit dem galoppieren, wenn ich schön im Rhythmus atme! Bei uns Ponys ist es ja so: Wenn wir die Vorderbeine hoch heben, rutscht alles im Bauch nach hinten unten und zieht die Lunge auf, dann geht Luft rein. In der nächsten Phase des Galoppsprungs rutscht im Bauch alles wieder nach vorn und drückt die Luft aus der Lunge raus. Wir müssen also eigentlich gar nix dazu tun um zu atmen, aber bisher war mir das irgendwie nicht so klar! Jetzt wo ich das verstanden habe, sagt mein Mädchen, höre ich mich wirklich an wie eine kleine Dampflok. Schnauf, schnauf, schnauf im selben Rhytmus wie hopp, hopp, hopp und so wurde alles ganz fein gleichmäig und die Balance hat auch gestimmt und mein Mädchen hat sich sicher gefühlt und es war einfach toll! Das Mädchen vom Ausreitkumpel hat gesagt, das sei ein schöner Reisegalopp und dieses Wort gefällt meinem Mädchen total gut. Das sagt sie jetzt immer zu mir, ich soll bitte den „Reisegalopp“ einlegen und ich verstehe, dass das bedeutet, dass wir kein wildes Gerenne machen, sondern ein Tempo wählen, dass wir später laaaaange durchhalten können. Mir macht das das Bild in den Kopf, dass wir kilometerweise so weiter laufen und das mag ich. Meinem Mädchen macht es das Bild in den Kopf, dass alles ganz gemütlich läuft, eben so, dass man es bequem eine lange Zeit durchhält. Tolles Wort, danke, Mädchen vom Ausreitkumpel! Wenn wir dich nicht hätten!

Zack, war die Strecke auch schon wieder zu Ende und es ging nach hause. Ausgiebige Graspause (nur halt nie ausgiebig genug, es war ja noch Gras übrig!) Weitere 8,5km zeigt mein Tacho jetzt an. Morgen ist dann Pausentag, sagt mein Mädchen. Es kann höchstens sein, dass wir eine Kleinigkeit vom Boden üben, weil sie etwas vorbereiten will für den nächsten Besuch meiner neuen, kleinen Freundin. Aber sonst passiert morgen nix, ich soll meine Muskeln wachsen lassen und mein Gehirn soll all die Eindrücke in Ruhe verarbeiten.

Eure kleine Dampflok Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 477

Freitag Ausflug mit dem Ausreitkumpel, gestern brauchte mein Mädchen dann einen Tag Erholung (sie meint dann immer, ICH könnte einen Tag Pause gebrauchen….) und heute mit Diego los. In die Wackelkiste zu einem Parkplatz von dem aus wir letztes Jahr zum ersten Mal mit meinem neuen Sattel unterwegs waren. Aber heute ging es nicht in den Wald, sondern in die ganz andere Richtung los. Mein Mädchen plant nämlich, mal eine ganz große Tour zu machen und die will sie jetzt stückweise zusammensetzen. Dafür müssen wir Wege „probereiten“ und schauen, wo die schönsten Strecken sind. Früher hat sie sowas immer im Vorhinein genau angeschaut, aber jetzt findet sie, ich bin schon so groß und erwachsen, dass man mit mir auch einfach mal in unbekannte Gefilde losstiefeln kann, ohne so recht zu wissen, was einen erwartet. Diego war allerbest gelaunt und ist gleich mit Siebenmeilenstiefeln losgezogen. Ich habe mich wieder redlich bemüht, hinterher zu kommen. Die Sonne schien wie verrückt und also war der erste Glitzertag des Jahres, da finde ich manchmal Dinge ein bisschen gruselig, die sonst nicht gruselig sind. Aber weil ich so groß und erwachsen bin und mein Mädchen weiß, dass ich nur gucke und maximal zusammenzucke, und weil ich weiß, dass die Dinge auf den zweiten Blick doch immer ungefährlich sind, hat uns das beide nicht so gestört.

Alsbald kamen wir an einem Haus vorbei, wo eine nette Frau gegärtnert hat. Sie hatte einen sehr hübschen Hund und mein Mädchen sagte „der ist ja süß!“ und sie antwortete „der aber auch“ und meinte mich damit. Da dachte ich, der netten Gärtnerin lasse ich doch gleich etwas frischen, warmen Dünger da! Darüber hat sie sich gefreut und gesagt, den tut sie gleich an ihre Rosen.

Weiter ging es, Diego immer in seinem schnellen Schritt (der sein normaler Schritt ist, aber viel schneller als mein schneller Schritt) und ich so schnell ich konnte hinterher mit gelegentlicher Trabeinlage. Diego hat, weil wir das Gelände nicht kannten, immer mal ein paar Äppel ausgelegt. Das macht er immer gern, damit wir zur Not zurück finden! Wie bei Hänsel und Gretel. Mein Mädchen hat gelacht und gesagt, Diego würde wohl der App nicht trauen, die uns den Weg zeigt. Und der Mann hat dann gesagt, Diego würde eben lieber äppeln als appen und da wäre mein Mädchen vor Lachen doch fast von meinem Rücken geplumpst! Sie hat dann gesungen:

Diego und Duncan verirren sich nicht im Wald
denn zum Verirren ist Diego viel zu alt
er ist ein schlaues Pony und legt sich eine Spur
Und auf dem Heimweg folgt er dann dieser nur!

Naja, mein Mädchen, das ist ja sehr…. kreativ.
Ein Stück weiter haben wir eine schöne Graspause eingelegt, wir Ponys durften das wunderbare Frühlingsgras verkosten, während die Menschen sich entpelzt haben, weil es doch wärmer war als gedacht. Als sie fertig waren, ging es weiter, schön im Trab bzw in meinem Fall im Galopp mit Übergängen. Trab, Galopp, Trab, Galopp, Trab, Galopp, wie am Freitag. Aber leider waren die schönen Wegstücke immer nur recht kurz, so dass wir alsbald wieder Schritt gehen mussten. Das ist so auf die Dauer ganz schön anstrengend sage ich euch! Immer lange Füße machen und trotzdem nicht hinterher kommen, dann ein kleines Stück Trab, wieder durchparieren…. uff.

Bei schönstem Sonnenschein unterwegs

Nachdem wir so 9km unterwegs gewesen waren, wurde ich ehrlich gesagt doch müde. Ich meine: so viel Schritt, dazu warmes Wetter und fremdes Gelände, das finde ich dann schon anstrengend. Zwischendurch keine Pfütze um was zu trinken und der Blutzucker war mir auch schon wieder abgerutscht. Wir haben dann noch eine kleine Graspause gemacht aber die war zu kurz für meinen Hunger. Zum Schluss hat mein Mädchen mich immer noch ein bisschen traben lassen, damit es sich nicht so zieht, weil ich im Schritt doch schon sehr gemütlich unterwegs war. Einziger Trost: Diego war auch etwas ermattet. Bei ihm merkt man das aber immer nur daran, dass er öfter mal stolpert. Im Tempo lässt er irgendwie nie nach!

Zurück am Anhänger gab es erst mal Wasser für uns, das hatte sie uns mitgenommen. Die Menschen waren hoch zufrieden und mein Mädchen meinte mit Blick in mein Gesicht nur „den haben wir geschafft!“. Ja, 12,5km fast nur Schritt ist unglaublich viel anstrengender, als die Kilometer so im Trab oder Galopp wegzuputzen. 2,5 Stunden waren wir unterwegs! Das ist das LSD des Trainings und damit sind leider keine Drogen gemeint, sondern „Long slow distance“. Wobei mein Mädchen findet, soooooo long wären 12,5km ja nun auch nicht. Aber zu hause hat sie festgestellt dass sie selbst doch auch einigermaßen müde ist von so viel Sonne und frischer Luft. Und das obwohl ich sie fast die ganze Strecke getragen habe! Also erzähl du mir nix von Fitness, mein Mädchen.

Euer ausgepowerter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 476

Saisonstaaaaaaart!

Endlich ist es wieder länger hell und das Wetter ist gut, also wieder Zeit für Ausritte mit dem einzig wahren Ausreitkumpel! Ich meine: Ausritte mit Diego sind toll, aber wenn es mit dem Ausreitkumpel und seinem Mädchen losgeht, dann kommt mal so richtig Schwung in die Bude! „9km sind für den Start ok, oder?“ hat das Mädchen vom Ausreitkumpel gefragt. Und mein Mädchen hat genickt und mir zugeraunt „also mit 11 km müssen wir rechnen“. Weil das Mädchen vom Ausreitkumpel ja immer ein bisschen…. anders… plant. Die Erfahrung haben wir schon ein paar mal gemacht!

Los ging es also. Im Trab den schmalen Waldweg, Ausreitkumpel vorneweg. Ich mit Schwung hinterher. Nach einer Weile, als der Weg breiter wurde, bin ich dann vorneweg. Aber mir war das noch etwas komisch, ich war da so lange nicht und muss doch gucken! Mein Mädchen hat mich angefeuert, dass ich das schaffe. Dann links. Und da dachte ich: oh, den Weg kenne ich! Den sind wir doch schonmal gegangen und damals sind wir soooo schön galoppiert! Mädchen, es geht los! Halt dich fest und genieß die Aussicht! Aber ach, mein Mädchen, die alte Bangbüx, fand schon wieder, ich würde mich nicht so anfühlen, als könnte sie mich zur Not noch bremsen. Durchparieren! Ich war frustriert, aber sie auch. Und also hat sie das Mädchen vom Ausreitkumpel gefragt. Und die sagte: „lass uns doch Übergänge üben!“ Und so haben wir es dann gemacht. Galopp! Trab! Galopp! Trab! Galopp! Trab! Ich immer vorneweg und mein Ausreitkumpel musste sich anpassen. Und nach dem 4. Übergang hatten wir es raus. Galopp! Trab! Galopp! Trab!

Dann kamen wir an eine Strecke, wo jemand ein paar große Äste und kleine Baumstämme ausgelegt hat wie einen Springparcour. An den meisten Stellen gab es einen Weg außen rum, den haben mein Mädchen und ich genommen, während der Ausreitkumpel hinter uns fröhlich gesprungen ist. Aber um ein paar Dinger konnte man nicht außen rum. Nun waren die auch nicht höher als unsere Stangen zu hause, einfach drüber traben. Huch! Da war noch ein zweiter Stamm hinter dem ersten! Ich konnte noch so eben meine Hufe in der Luft sortieren. Mein Mädchen war total stolz wie gut ich das hingekriegt habe. Und noch während sie stolz war, kam der nächste kleine Baumstamm und da ich gerade so im Schwung war, habe ich einfach einen kleinen Sprung darüber gemacht. Zack! Mädchen stolz. Das war unser erster gemeinsamer Hüpfer!

Dann wieder auf den breiten Weg und weiter ging es. Trab, Galopp, Trab, Galopp, Trab, Galopp, langsam wurde mir etwas matt. Der Blutzucker sinkt ja so schnell bei den ganzen Übergängen. Also Graspause!

Endlich wieder zusammen unterwegs!

Mein Mädchen musste derweil meinen Hufschuh richten, der total verdreht war. Na immerhin haben wir ihn nicht verloren! Sie hat ihn etwas enger geschnallt und gesagt, wenn ich jetzt anfange zu lahmen, muss sie daran denken, dass mir wahrscheinlich nur der Schuh zu eng ist.

Nach einer Runde Gras essen war ich wieder frisch und es konnte weiter gehen. Vorbei an den lustigen Schweinen und mein Mädchen meinte, wir könnten noch ein bisschen üben. Trab, Galopp, Trab, Galopp, Trab, Galopp. Was klappert denn da eigentlich so, sind das meine Hufschuhe oder die vom Ausreitkumpel? Na auch egal, weiter gehts. Ich war allerbest gelaunt. Aber dann tat mein Fuß doch weh und ich hab ein klitzekleines bisschen gehumpelt. Ok, Mädchen runter und hat beschlossen, die Schuhe auszuziehen. Da hat sie das Desaster gesehen: Ein Hinterhufschuh war komplett rumgedreht und ich bin immer mit dem Huf auf der einen Kante rumgelaufen! Sie war total überrascht, dass ich nicht gleich „aua aua“ gerufen habe, aber ich war ja so im Fluss, es hat mich nicht gleich gestört….

Sie hat jetzt endgültig entschieden, dass ich zumindest im Galopp (noch) kein Hufschuh-taugliches Pony bin und eine andere Lösung her muss. Ich mache im Galopp meine Hinterbeine zu eng zusammen, das überleben die Schuhe nicht. Aber mein Mädchen sagt, wenn ich noch etwas in die Breite wachse und noch mehr Übung haben, kann es gut sein, dass sich das bessert und es dann geht. Vorerst heißt die Lösung, dass wir barhuf reiten. Alle Schuhe ab, zum Glück haben wir ja die großen Satteltaschen mit. Mein Mädchen hat geschimpft „musst Du immer alles kaputtmachen oder verlieren?“. Also ich möchte doch sehr bitten, mein Mädchen! Das sind nur Hufschuhe und du musst zugeben, dass ich die wirklich wichtigen Dinge nie kaputt mache oder verliere: Dich zum Beispiel! Und da hat sie gesagt, das stimmt und ich bin das allerbeste Pony diesseits der Regenbogenbrücke. Gut, können wir dann jetzt weiter? Ich bin nämlich noch sehr munter und könnte noch…. aber jetzt war mein Mädchen aufgebraucht. Ihre Nerven waren alle und also sind wir nur noch getrabt. War auch gar nicht mehr weit bis zur Grasstelle wo die Mädchen dann traditionell absteigen und den Rest zu Fuß gehen.

Wie wir so durchs Dorf gehen sagt mein Mädchen zum Mädchen vom Ausreitkumpel „schau mal, er lächelt“, weil ich wieder dieses breite, zufriedene Grinsen im Gesicht hatte. Mein Mädchen hat auch zufrieden gegrinst und meinte, ich wäre ja nach den ersten Kilometern wieder absolut hochanständig gewesen. Und ich sage mal so: mir hat man erzählt, dass man bei echten Distanzpferden eh die ersten 5-10km nur auf der Bremse steht. Ich bin noch Anfänger, aber ich übe das schon mal und also muss sie bisher nur die ersten 3km auf der Bremse stehen. Warte nur ab, mein Mädchen…

Die angeblichen 9km stellten sich als 10,7km heraus. Müde war ich aber nicht, nur sehr, sehr glücklich und ordentlich schwitzig (man, mein Kopf juckt dann immer so!).

Abends als mein Mädchen zum füttern kam, habe ich ihr noch einen zarten Kuss ins Gesicht gehaucht, das ist meine Art, mich bei ihr zu bedanken, wenn wir ein tolles Abenteuer erlebt haben. Wir wollen jetzt wieder jede Woche mit dem Ausreitkumpel los, da freue ich mich soooooo doll drauf!

Euer galoppierender Sir Duncan Dhu of Nakel

Verunsichert

Duncan schaut zu mir – seine neue, kleinste Freundin hat noch keine klare Körpersprache und er ist sich nicht sicher, was zu tun ist. Ich stehe in der Mitte, Arnulf ist bei dem Mädchen. Duncan bekommt drei verschiedene Infos von drei verschiedenen Menschen.

Genauso geht es uns Pferdebesitzern und Reitern irgendwie auch ständig. Der eine sagt so, der andere so. Ich habe mich hier schon einmal darüber ausgelassen. Dann bekomme ich Fragen gestellt oder Theorien werden mir aufgetischt darüber, wie der Pferdekörper funktionieren soll und welches Körperteil wo hin bewegt werden muss damit das Pferd korrekt läuft. Und ich denke dann immer zurück in meine Vergangenheit: vor 25 Jahren (oje, ich werde alt) hat mir eine Tierärztin für viel Geld erklärt, wie der Huf des Pferdes funktioniert und wie ich ihn bearbeiten muss, damit das Pferd gesund bleibt. Dieses Wissen war die Wahrheit (natürlich). Erst 7 Jahre später dämmerte mir, dass diese „Wahrheit“ der Wirklichkeit nicht standhält. Die versprochenen Ergebnisse blieben aus und ich nahm mir fest vor, jede Theorie nur noch danach zu beurteilen, welche Ergebnisse sie liefert. Dann kam das Interent und social media und jetzt kann jeder, mit jeder beliebig absurden Theorie, angebliche Beweise posten dafür, wie toll die eigene Methode funktioniert. Und gerade kürzlich habe ich erst wieder erlebt, wie sehr da – sagen wir es freundlich – gemauschelt wird.

Wenn ich aber rausgehe in die Wirklichkeit – damit meine ich meine persönliche Lebenswirklichkeit – dann sehe ich dort nicht die versprochenen Ergebnisse. Und das liegt in aller Regel nicht daran, dass die Pferdemenschen, die mir begegnen, sich nicht bemühen würden. Es liegt viel mehr daran, dass die angebotenen Theorien entweder Humbug sind oder zumindest fragwürdig. Und daran, dass all diese Theorien mit einer Liste an Verboten daher kommen was man auf keinen Fall tun soll (was zur Folge hat, dass insgesamt viel zu wenig getan wird und das Pferd gar keine Chance hat, Muskeln aufzubauen oder gesund und fit zu werden). Und wenn die Methode tatsächlich gut ist und funktioniert, dann tut sie das oft nur, wenn sie absolut korrekt durchgeführt wird. Dazu braucht es dann nicht nur das passende Equipment, sondern auch die passende Umgebung (z.b. eine Reithalle mit gutem Boden in der man sich beliebig lang im Schritt an der Band aufhalten kann…..). Und natürlich vor allem eine Pferdebesitzerin, die diese Methode im Handumdrehen erlernt, um sie dann bei ihrem Pferd anwenden zu können.

Wie dankbar ich doch bin, dass ich meine Freundin kennengelernt habe. Die hat gar keinen Reitplatz. Die geht mit ihren Ponys viel und zügig ins Gelände, wahlweise geritten oder gefahren, manchmal geht man auch spazieren, aber das eher selten. Wenn geritten oder gefahren wird, dient der Schritt lediglich dem Aufwärmen, ansonsten ist der Trab die Gangart der Wahl. Als wir damals unseren ersten kleinen Distanzritt geritten sind (28km) ist ihr winziges Pony mit meiner Freundin obendrauf kilometerweise im leichten Galopp neben meinem trabenden Finlay her bzw vor ihm her gezogen und das einzige was nachher an diesem Pony müde war, war der Kopf. Vielleicht war es damals, dass mir klar wurde, wie idiotisch meine Bemühungen waren, mein Pony fit zu kriegen, in dem ich Schulterherein reite.

Ja, ich mag Schulterherein, es ist eine tolle Übung (die man auch super im Gelände reiten kann). Aber ein korrektes Schulterherein zu führen oder zu reiten ist gar nicht so einfach wie es immer erzählt wird (ganz abgesehen davon, dass die Definitionen von „korrekt“ massiv voneinander abweichen). Und die Klientel mit der ich zu tun habe, sind in der Regel Frauen in meinem Alter, die neben Arbeit, Hund und Kind eben auch noch ein Pferd haben, zu dem sie 4-5 mal in der Woche fahren und dann eine Stunde Zeit haben. Davon wird man nunmal keine Top-Reiterin. Und das ist doch auch gar nicht schlimm, schließlich geht es um ein Hobby.

Eine Reiterin, die ich schon lange kenne, hat sich vor ein paar Jahren von mir verabschiedet, weil sie eine jener tollen Methoden lernen wollte. Etwas später kehrte sie zu mir zurück. Sie hatte ein Erlebnis gehabt, dass ihr klar werden ließ, was sie eigentlich will: sie möchte die Zeit mit ihrem Pferd genießen. Denn diese Zeit – das musste ich ja selbst schmerzlich erfahren – kann schneller vorbei sein als gedacht.

Und hier kommt die gute Nachricht: wir können die Zeit mit unserem Pferd genießen, ohne es dabei kaputt zu machen. Mit freundlicher, kompetenter Hilfe, die keine Raketenwissenschaft aus ein bisschen Freizeitreiten macht, geht es den allermeisten Pferden und ihren Reiterinnen prima.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 475

Heute vormittag haben wir wieder Doppellonge geübt, mein Mädchen und ich. Diesmal mit Handwechseln und sogar etwas seitwärts gehen. Mein Mädchen hat geflucht, weil sie mit den langen Leinen und der Peitsche überfordert war (wie immer), aber sie findet, ich habe das gut hingekriegt. Jetzt überlegt sie, ob sie nochmal einen Kurs macht oder Unterricht nimmt, damit sie das besser in den Griff kriegt. Wir haben auch wieder galoppieren geübt, mit vielen, vielen Übergängen, weil mein Mädchen meint, das macht mich kräftiger. Manchmal, wenn es gut klappt, kann ich schon voll schön aus dem Schritt in den Galopp springen, dann flippt sie komplett aus, weil das soooooo toll aussieht. Aber manchmal kriege ich auch noch Beinchaos, dann klappt es nicht so ganz, aber ich mauschel es schnell hin.

Dann waren wir fertig und ich dachte das war es für heute. Aber nein! Am Nachmittag höre ich mein Mädchen nochmal rufen! Bin schnell hingelaufen und da war sie gar nicht allein: bei ihr waren der Mann und ein kleineres Mädchen. Und die war nun plötzlich für mich zuständig! Das war ganz schön aufregend! Das kleinere Mädchen hat noch nicht so viel Erfahrung und konnte mir deswegen nicht so ganz genau sagen, was wir jetzt machen und wo wir hingehen. Ich hab immer versucht, von meinem Mädchen auch noch Infos dazu zu erhaschen und sie hat mir auch immer Hinweise gegeben aber mein Kopf fing alsbald das rauchen an bei so vielen verschiedenen Ansagen. Nachdem das kleinere Mädchen mich geputzt hatte, sind wir auf den Reitplatz gegangen und haben ein paar Führübungen gemacht. Ich war aufgeregt und wenn ich aufgeregt bin, habe ich es immer sehr eilig. Es hat etwas gedauert, bis wir das alles klar gekriegt haben, aber dann ging es ganz gut. Schließlich zum krönenden Abschluss durfte das kleinere Mädchen noch aufsteigen und mein Mädchen hat mich geführt. Das kleinere Mädchen hat von oben Stimmkommandos gegeben: „hoooooo“ für anhalten und „voran!“ fürs losgehen. Ich habe immer ganz genau gelauscht und versucht, das alles richtig zu machen. Wenn ich nicht bescheid wusste, konnte ich ja noch schnell schauen, was mein Mädchen mit ihrer Körpersprache sagt. Insgesamt habe ich natürlich wie immer alles richtig gemacht, aber ich sage euch, nachher war ich ganz schön müde im Kopf! Musste erst mal nachdenken und eine Runde gähnen. Mein Mädchen sagt, Übung macht den Meister und so üben wir beide – das kleinere Mädchen übt, mir genauer zu sagen was ich machen soll und ich übe, besser zurecht zu kommen, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll. Ich erinnere mich dunkel, dass Merlin und Diego mir da mal was erklärt haben, vor langer Zeit, als wir zum allerersten Mal Unterricht hatten. Und jetzt ist es glaube ich so ähnlich…

Jedenfalls sind wir für nächste Woche wieder verabredet, das kleinere Mädchen und ich, und dann werden wir gemeinsam weiter üben!

Meine (gar nicht so) kleine Reiterin und ich werden sicher bald beste Freunde sein!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel (hiermit offiziell „Lehrpferd“!)

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 474

Sonntag! Ihr wisst schon: Ausflugstag!

Vormittags haben wir Ponys erst mal in der Sonne ein kleines Schläfchen gemacht, während die Menschen allerhand zu tun hatten. Nach dem Mittagsheu sind wir dann aber gemeinsam los gezogen! Diego hat sich beim Satteln erst mal beschwert, hat immer den linken Vorderhuf gehoben. Nach einer Weile war das so auffällig, dass mein Mädchen seinen Hufschuh gecheckt hat. Der war hinten ein bisschen verdreht und das hat Diego gedrückt! Mein Mädchen war stolz auf ihn, weil er das so fein angezeigt hat und so hartnäckig, bis sie es verstanden hatte.

Als wir komplett angezogen waren, ging es endlich los. Ich wollte ja links runter vom Hof, das will ich immer. Und ich seh gar nicht ein, warum mein Mädchen manchmal rechtsrum starten will! Was soll das? Also haben wir das kurz ausdiskutiert. Und dabei zieh ich ja irgendwie immer den Kürzeren. Aber naja, ich bin ja froh, wenn wir ausreiten gehen, also meinetwegen rechts herum.

Alsbald wurde uns Ponys klar, was läuft: Bergtour! Diesmal aber über den anderen Berg. Erst geht es da ganz leise den Berg hoch und da hat mein Mädchen schon mal einen kleinen Galopp vorgeschlagen. Ok! Aber als Diego zurück geblieben ist, wurde mir komisch. Irgendwie war mir alles gruselig heute. Mein Mädchen meinte, das läge wohl an dem kalten Wind! Als wir oben auf dem Berg waren, habe ich durchpariert und erst mal einen ordentlichen Satz gemacht, weil ein Weidetor komisch geklappert hat. Mein Mädchen meinte, ich würde wirklich ein bisschen übertreiben, aber kaum hatte ich einmal geatmet, kam von rechts aus dem Wald so ein Mountainbiker und der hat gebremst und dabei ein voll fieses Geräusch gemacht! Für einen Augenblick habe ich überlegt, ob ich umdrehe und das Weite suche. Aber dann hab ich die Situation durchschaut und der Mountainbiker ist voll nett stehen geblieben. Mein Mädchen meinte, dass ich jetzt aber WIRKLICH übertreibe und hat sich gefragt, warum ich eigentlich so spannig bin. Und dann fiel es ihr wieder ein: ich hatte 2 Tage frei! Und das sind nunmal 2 Tage zuviel. Naja, Samstags habe ich meistens frei, aber diesmal hatte ich halt auch schon Freitags frei (warum, erfahrt ihr auch irgendwann noch, aber wahrscheinlich erst in ein paar Wochen). Und so hatte sich ein bisschen Energie angestaut und die möchte irgendwo hin! Mein Mädchen hat dann gesagt, es wird mir gleich besser gehen. Weil wir nämlich den Berg hoch und runter stiefeln. Und dann geht es da ja nicht nur rauf und runter, sondern über den schmalen Weg auch noch rechts und links, zwischen Bäumen durch (mein Mädchen immer: „denk an mein Knie“, ja natürlich tu ich das, bin schließlich Gentleman) und über jede Menge Wurzeln. Also richtiges Ganzkörper- und Aufmerksamkeitstraining. Am ganz steilen Berg sind die Menschen abgestiegen, damit wir da alle heile runter kommen.

Soooooo hohe Berge haben wir erklommen!

Danach ging es wieder Richtung Heimat. Der Mann wollte gern noch „Angebertrab“ üben. Das ist so ein langsamer Trab, den er gut aussitzen kann. Mein Mädchen fand, das ist ein gute Idee und wir können auch mal schön Angebetrab üben. Dabei hat sie sich überlegt, dass so ein bisschen Seitwärts im Trab gar nicht übel wäre. Und ich habe das sooooooo toll hingekriegt! Schulterherein rechts, bisschen Schenkelweichen quer über die Straße, Schulterherein links. Mädchen begeistert und Mann auch! Das haben wir noch ausgiebig geübt und ich wurde immer besser und geschmeidiger. Zwischendurch gab es sogar Kekse dafür!

Ruckzuck waren wir auch schon wieder zu hause. Diego und ich hatten trotz kaltem Wind und Teilentpelzung ganz gut geschwitzt und wir waren alle sehr zufrieden mit unserem Ausflug. Mein Mädchen hat – wie immer – gesagt, wir sollten doch öfter diese Bergtouren machen, weil sie so gutes Training sind. Vielleicht wird es ja mal wahr, wer weiß? Jetzt können wir uns wieder ein paar neue Muskeln wachsen lassen, Diego und ich.

Euer Bergsteiger Sir Duncan Dhu of Nakel

2. Ausritt allein

Fast noch etwas spannender als der erste Ausritt alleine, bei dem ich ja noch gar nicht wusste ob wir überhaupt die ganze Runde gehen, war für mich jetzt der zweite.

Wie wird Duncan reagieren, wenn ich vorschlage, das Abenteuer zu wiederholen? War er zufrieden letztes Mal? Oder bekommt er doch wieder Angst, möchte stehen bleiben oder umdrehen? Und wie wird es mir gehen?

Die erste Erkenntnis: Duncan hat Lust. Er stiefelt munter los und ich muss ihn erst mal daran hindern, die Kurve so zu schneiden, dass ich am Straßenschild hängen bleibe. Seine erste Irritation setzt allerdings ein, als ich ihn bitte, am rechten Straßenrand zu gehen statt am linken. Naja, er ist eben Brite…. er lässt sich aber überreden und scheint sich dann auch rechts wohl zu fühlen.

Seine Reaktion auf die Papiertüte, die still mitten auf dem Weg liegt, zeigt mir, dass er doch sehr viel aufmerksamer ist als wenn Pferde-Begleitung dabei ist. Aber wir sind lang genug zusammen, ich kann gut einschätzen, wie groß bzw klein die Besorgnis ist und sobald er das unbekannte Objekt als Tüte identifiziert hat, ist es ja auch ok.

Wie fast immer möchte er am Baum links abbiegen. Generell biegt er lieber links ab als rechts, das fällt mir auf. Auch sonst wenn wir im Gelände unterwegs sind, schlägt er oft vor, links abzubiegen. Und er schlägt oft vor, Wege zu nehmen, die er noch nicht kennt. Dass er das jetzt auch alleine tut, macht mir Mut: er scheint sich sicher genug zu fühlen.

Wir traben ein bisschen, er läuft munter voran und ich überlege, ob ich nicht nächstes Mal den Sattel nehme, damit er noch munterer laufen kann. Dann passiert das, worauf ich eigentlich schon länger gewartet habe: ein Erschrecker. Der Vogel im Gebüsch, Duncans Erzfeind. Es ist immer das selbe Geräusch dass ihn auf die selbe Art erschreckt. Ein Satz, Vorderbeine breit in den Boden, hinschauen. Ich frage mich im Nachhinein ob das Geräusch das selbe ist, das eine Schlange machen würde. Und ich freue mich über den Erschrecker! Denn nun weiß ich, dass der auch allein nicht anders ausfällt als in Gesellschaft. Bisher hatte ich Sorge, er könnte, wenn wir allein sind, losrennen, weil er keine Orientierung an ein anderes Pferd hat. Aber von losrennen ist keine Rede, im Gegenteil, für einen Moment ist er erstarrt. Ein Keks, weil ich Erstarrung so viel besser finde als rennen, dann treibe ich ihn voran, weil ich gelernt habe, dass er besser und leichter aus der Erstarrung kommt, wenn wir einfach weiter traben. Schnell beruhigen wir uns wieder. Mir fällt auf, dass Duncan sich angewöhnt hat, in angespannten Momenten abzuschnauben. Ich habe das abschnauben immer mal belohnt und ich glaube fast, er hat gelernt, dass es ihm hilft, sich zu beruhigen. Wie ein Kind, das singt, wenn es die Kellertreppe runter geht oder ein Erwachsener, der bewusst ruhig und tief atmet, um der Angst Herr zu werden.

Mein persönlicher Stress geht wieder am Dornröschenweg hoch, aber ich bin schon deutlich entspannter als letzes Mal. Danach genießen wir unsere Graspause. Auf dem Rest des Weges stelle ich fest: im Trab geht alles besser. Wenn wir längere Zeit Schritt gehen, wandert Duncans Aufmerksamkeit immer weiter und weiter in die Ferne, die Ohren werden immer spitzer und er beobachtet entfernte, noch nicht gut zu erkennende Objekte mit Argwohn. Im Trab passiert das nicht, da tingelt er einfach durch die Landschaft, ist sehr viel mehr bei mir und bei ihm selbst als im außen. Das merke ich mir!

Ich selbst beobachte meine eigenen Aufmerksamkeit. Mein Kopf spielt mir Streiche: gleich könnte etwas passieren! Ich übe, mir ganz klar vor Augen zu führen, dass gleich alles passieren kann aber JETZT in diesem Moment, mein Pony unter mir gleichmäßig läuft. Ich denke an Elsas Worte „Rhythm equals Confidence“ (Grob übersetzt: Der Rhythmus spiegelt die Selbstsicherheit wieder). Je rhythmischer mein Pony sich bewegt, desto sicherer fühlt er sich, desto geringer die Chance, dass er blöde Entscheidungen trifft. Also konzentriere ich mich auf den Rhythmus, meinen und seinen um uns darin zu unterstützen. Das hilft. Ich rufe mich immer wieder in den Moment zurück und fange Gedanken ein, die in eine angsteinflößende Zukunft reisen wollen.

Ganz am Ende des Ritts, als Duncan beim Nachbarn nochmal ein bisschen angespannt ist, steige ich ab. Ich finde, wir beide haben das toll gemacht und können diese letzte kleine Herausforderung einfach entschärfen, von unten ist es kein Problem. Duncan bringt mich noch einmal zum lachen, indem er mir die Futterschüsseln zeigt, die hinterm Weidezaun stehen, und seiner Betrübnis darüber Ausdruck verleiht, dass es nicht SEINE Schüsseln sind, dann gehen wir gemeinsam nach hause. Wir haben beide enorm gute Laune und ich bin sicher, dass mein Pony genauso viel Spaß hatte wie ich.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 473

Nach unserem ausgiebigen Ausritt am Sonntag haben Diego und ich am Montag einen Tag frei gehabt. Nicht, dass ich da Lust drauf hätte, aber mein Mädchen hatte einfach keine Zeit und findet, das ist dann eine gute Kombi, wenn wir am Tag davor ordentlich was getan haben. Wir sollen dann unsere Muskeln wachsen lassen. Laaaaaaaangweilig! Hab ich ihr auch gesagt, aber sie war eh nur ganz kurz im Stall. Naja.

Gestern war sie dann morgens ganz wuselig unterwegs. Ich ahnte bereits großes, wo ich doch jetzt weiß: wenn sie aufgeregt ist, passiert was spannendes! Naja, es ging dann so mit der Spannung. Wir haben nämlich Reitunterricht bekommen, aber das ist für mich leider so gar kein Hochgenuss. Da der Reitlehrer nämlich gaaaaaanz weit weg gezogen ist, kommt er nicht zu uns, sondern schaut uns übers Internet beim reiten zu und redet meinem Mädchen ins Ohr. Ich kriege davon nix mit, ich merke nur, dass sie furchtbar abgelenkt ist und sich ganz wenig wirklich auf mich konzentriert. Aber ich bin ja Gentleman und gebe mein Bestes. Mein Mädchen sagt, wenn wir das jetzt vielleicht etwas regelmäßiger machen, kann sie das auch üben, dann klappt das auch besser. Na gut.

Heute war dann aber ausgleichende Gerechtigkeit, denn weil endlich mal wieder alles gestimmt hat, sind wir zum zweiten Mal ganz alleine richtig ausreiten gegangen!

Mein Mädchen war ganz gespannt, ob ich wohl wieder so fein entspannt und motiviert bin. Na klar, Mädchen, wo ich doch jetzt raus gefunden habe, wie viel Spaß das macht! Los geht´s!

Ziemlich am Anfang der Tour lag ein gruseliges Dings auf dem Weg. Ich hab meinem Mädchen das gezeigt (von weitem) und sie hat gesagt, es sei eine Tüte. Ach so, Tüten kenne ich. Sie meinte dann, wir gehen da hin und gucken uns das an und dann bekomme ich einen Keks. Ok! Haben wir so gemacht. Tüten sind nicht gruselig, als ich sicher war, dass es nur eine Tüte ist, war auch alles fein. Dann an dem Baum vorbei, da will ich ja immer gern links abbiegen, weil da so ein schöner Weg ist. Mein Mädchen sagt aber, diesen Weg werde ich niemals betreten, denn auf diesem Weg hat mein großer Bruder sich tödlich verletzt. Hm. Nachdem sie diesen Gedanken kurz weg geatmet hatte, sind wir ein bisschen getrabt. Wir hatten uns gerade so schön eingegroovt als plötzlich

VOGEL!!!!

Man, diese Dinosaurier! Wenn sie so herumpiepsen und flattern stören sie mich ja nicht. Aber dieses Geraschel im Gebüsch von seitlich unten, das kann ich im ersten Moment immer nicht einschätzen. Was ist da wohl? Eine Schlange? Ein Tiger? Ein Huchmampf? Weiß ich doch nicht! Also lieber fix einen Satz zur Seite, dann die Bremse rein hauen und gucken. Mein Mädchen hat mir einen Keks gegeben und gesagt, dass sie es toll findet, dass ich die Bremse rein haue und gucke. Und dass wir jetzt weiter traben, weil man da das Adrenalin am besten und schnellsten los wird. Ok! Also ging es weiter. An der Eiche um die Kurve und dann den schönen Grasweg lang. Heute war der trocken genug und wir konnten durchgängig traben – langsam bergab und etwas flotter bergauf. Mein Mädchen hatte ein kleines Tränchen in den Augen – nicht vom Fahrtwind, sondern weil sie das alles sooooo toll findet und sich so freut, dass sie mich hat und ich sie so fein durch die Landschaft trage. Gerne, mein Mädchen!

Den Dornröschenweg im Schritt, danach die traditionelle Graspause, in der mein Mädchen eine Nachricht an ihre „Notfallkontakte“ geschickt hat mit einem Foto von mir beim grasen und ein paar Herzchen dazu, damit sie wissen, dass es uns gut geht.

Dann ist sie wieder aufgestiegen und es ging den blöden Teil des Weges entlang, über die großen Steine bergab. Danach noch ein kleiner Trab und an den Pferdeweiden in den Schritt, damit wir keine Pferde provozieren, ein Wettrennen zu starten. Wie wir so auf den Nachbarn (zweiten Grades, also der Nachbar vom Nachbarn) zu kommen, sehe ich da doch etwas merkwürdiges. So ein Schatten! Was ist das mein Mädchen? Sie hat mir gesagt, es sei eine Mülltonne. Ja? Ok wir gehen gucken. Hab ich mir angeschaut. Stimmt, es war nur eine Mülltonne. Na dann! Keks und Abgang. Im Schritt weiter und beim direkten Nachbarn ist sie dann abgestiegen und ist zu Fuß mit mir nach hause gegangen. Ach, was war sie wieder stolz und glücklich! Und das mag ich ja am liebsten. Wir haben noch einen kleinen Schnack an der Stalltür gehalten und mein Mädchen hat sich bei mir bedankt für den schönen Ausritt. Jetzt sind wir beide sehr zufrieden mit uns und der Welt!

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 472

Juhuuuuu! Sonntaaaaaag!

Es fing etwas merkwürdig an, weil die Menschen meine Hufschuhe aufgepimpt haben und ich dafür ungefähr 100 mal die Schuhe an – und wieder ausziehen musste. Langsam wurde mir ganz kribbelig: gehen wir irgendwann auch mal ausreiten? Ja, gehen wir. Als die Schuhe fertig waren und dann noch mit bunter Farbe besprüht, damit man sie besser sieht, haben die Menschen endlich die Sachen gepackt und wir durften in die Wackelkiste klettern.

Hufschuhe gepimpt!

Wir sind in ein Gebiet gefahren, wo wir lange nicht waren. Dort gibt es viele schöne Wege und die Frage ist ja immer, wie man die dann sinnvoll kombiniert. Diesmal hatte mein Mädchen einen sehr guten Plan ausgeheckt und wir sind alle sehr zufrieden damit – diese Tour wollen wir jetzt öfter reiten.

Ein kleines Stück durchs Dorf, wo die Leute alle Frühlingsgefühle hatten: überall waren sie am putzen, gärtnern und aufräumen. Dann direkt raus in die Felder. Mädchen, hier ist es überall so schön grün und es riecht so gut nach Frühling! Da, siehst du diesen leckeren Grashalm? Und diesen? Und den da drüben? Mein Mädchen meinte, dass wir jetzt erstmal ein Stück laufen, und nachher eine Graspause machen. Na gut….

Dann ein flotter Trab – wie gut dass Diego jetzt teilentpelzt ist! Das war sooooo warm! Zwischendurch immer der Blick aufs Handy: wo müssen wir jetzt lang? Das nervt uns alle etwas und deswegen möchte mein Mädchen jetzt Runden, die uns gefallen, so oft reiten, bis wir sie solide auswendig kennen. Neue Wege erkunden können wir ja in neuen Gebieten. Ich finde ja, man könnte einfach mal irgendwo abbiegen wo es nett aussieht, aber mein Mädchen möchte das nicht.

Wo geht’s lang? Mein Mädchen ist für die Route verantwortlich, weil sie meinen Entscheidungen nicht traut….

Also weiter nach ihrem schönen Plan! Ein kleiner Galopp, ich vorneweg, dann kam Diego von der Seite und wir Ponys wollten ein kleines Wettrennen machen! Aber die Menschen wollten das nicht. Spielverderber!

Ich bin dann vorneweg galoppiert und der Mann ist mit Diego hinten geblieben. Es lief gerade so schön, da fühlte sich an meinen Hinterhufen was komisch an. Der Mann hat gepfiffen, wir haben gebremst. Hufschuh-Alarm! Also die vorderen Schuhe haben gehalten – Fortschritt! Diesmal war beim hinteren eine Schraube abgerissen. Das ist schon mal passiert, auch hinten bin ich einfach ein Schmalspurpony und trete mir selbst auf die Schuhe, vor allem im Galopp. Mein Mädchen hat kurz gemeckert, aber dann beschlossen, sich später darum zu kümmern. Hinten Schuhe aus und weiter ging es. Nachher meinte sie, ich brauche hinten eh nicht immer Schuhe anhaben, wir haben jetzt gute Wege gefunden, da geht das auch gut ohne. Sie will ja immer, dass ich die Schuhe anhabe, damit mir die Hufe nicht weh tun wenn die Wege mal blöd geschottert sind. Aber auf diesen Strecken sind keine blöden Schotterwege und dann geht das ja auch so, vor allem an den Hinterhufen.

Nach Galopp und Hufschuhverlust kam endlich die Graspause. Leckerleckerleckerlecker! Währenddessen haben die Menschen den verschwitzten Diego angeschaut (ja, ich war auch schon ordentlich nass, aber Diego hat ja immer die große innere Hitze, dem tropfte schon wieder das Fell!) und haben beraten, noch ein bisschen mehr zu entpelzen.

Dann weiter. Erst eine Diskussion zwischen dem Mann und Diego, weil der die große Ungeduld hatte. Er wollte immer gleich los, sobald der Hintern des Mannes den Sattel berührt. Aber der Mann findet, als artiges Pony bleibt man stehen bis der Mensch sagt, dass es los geht. Also ist er wieder abgestiegen und hat das mit dem Aufsteigen nochmal geübt. Und dann nochmal. Diego wurde immer ungeduldiger. Der wollte los! Als es dann schließlich los ging, hat er so einen Zahn drauf gehabt, dass mein Mädchen und ich nur noch dumm hinterher gucken konnten. Aber mein Mädchen ist froh, weil Diego so deutlich zeigt, dass es ihm gut geht, auch wenn er immer noch Probleme hat, Heu zu kauen (er bekommt im Moment jetzt auch massenweise Eimer, so wie Merlin und Caruso – und wir Schotten schauen dumm aus der Wäsche!).

Etwas weiter sind wir zwei Spaziergängern begegnet und die Frau meinte, wir wären so schöne Pferde – ach, das hören wir ja gern! Mein Mädchen hat im Gegenzug gefragt ob den beiden das Haus da hinten gehört? Ja tut es und schon fand ein längeres Gespräch über die Solaranlage statt, die dort nicht auf dem Dach sondern im Garten steht. Mir war ein bisschen langweilig bei dem Geschnacke, habe ein bisschen geflirtet und mich ein bisschen gekratzt aber dann war ich froh als es wieder los ging. Und Diego erst! Der hatte wirklich die große Ungeduld.

Noch etwas Schritt, dann durchs Moor über die schrägen Plattenwege. Da ich etwas müde wurde, hat mein Mädchen noch einen Trab gezündet. Sie hat inzwischen ja verstanden, dass es nichts nützt, im Schritt daher zu schleichen, wenn ich meinen müden Punkt habe. Wenn wir Traben, finde ich den Reservetank schneller und den hab ich dann aufgemacht.

Schon waren wir wieder auf dem schönen Weg vom Anfang, den sind wir noch durchgetrabt, dann kam nur noch Schritt (abgesehen davon, dass ich ab und zu ein Stück traben musste, wenn Diego wieder soooo weit vorne war). Am Eingang vom Dorf war mir kurz ein bisschen gruselig, da stehen so Häuser mit hohen, dichten Hecken und ich weiß, hinter hohen, dichten Hecken sind manchmal Erschrecker-Hunde. Mein Mädchen hat gesagt, sie findet die Häuser auch ein bisschen gruselig, aber aus einem anderen Grund. Damit es nicht so gruselig ist, hat sie angefangen, ein Lied zu pfeifen und zwar dieses hier. Weil sie allzu ordentliche und saubere Häuser immer etwas erschreckend findet, noch dazu wenn komische Deko involviert ist. Und weil sie es so lustig fand, das Lied lautstark zu pfeifen und überlegt hat, ob jemand die Melodie erkennt, musste sie innerlich kichern und schon war uns nicht mehr gruselig.

Dann sind die Menschen die letzten Meter zu Fuß gegangen und an der Wackelkiste durften wir nochmal grasen, bevor es dann nach hause ging. Ach, das war wieder so toll! Wetter gut, Laune gut, Wege gut, alles gut!

Für die, die Zahlen so gern mögen wie mein Mädchen:

Gute 2 Stunden waren wir unterwegs, 12 km, davon 5 im Trab und zu wenig im Galopp (hier war aber auch wieder die App so zickig. Die mag meinen Galopp wohl nicht so gern?). Mein Mädchen sagt, wenn wir Ende September unseren ersten kleinen Distanzritt gehen wollen, sind das gut doppelt so viele km und das Tempo müssen wir noch etwas steigern, aber bis dahin sollte das gar kein Problem sein. Ich würde sagen: die Aussichten für die Saison sind gut!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel

Zusammenarbeit

Letzten Samstag hatte ich die Ehre, anderen Highland-Pony-Fans etwas über die Ausbildung junger Ponys zu erzählen. (Duncan hatte hier kurz berichtet).

Ok, ich habe also 1-1,5 Stunden Zeit, da muss ich mich entscheiden! Man kann ja unmöglich alles, was so zu sagen wäre, in einer Stunde sagen. Ich habe also überlegt, was ich wohl zu sagen haben – vor allem, was ICH zu sagen habe, was nicht schon 100 andere in Büchern verzapft haben. Fohlen-ABC, Führübungen, was weiß ich. Dazu gibt es genug Input. Worüber hört man nicht so oft? Was prägt meine Vorstellung vom Zusammensein mit den Ponys? Was ist der Unterschied zwischen dem, was ich mit Duncan gemacht habe und dem, was ich mit Finlay gemacht habe? Auf diesen Fragen habe ich meine Auswahl aufgebaut. Habe entsprechend viel vor allem darüber gesprochen, wie man beobachten kann, was für ein Pony man da eigentlich vor sich hat. Welche Fragen man sich stellen kann: wie werden Dinge erkundet, wie zeigt sich Angespanntheit, was interessiert mein Pony, welches Tauschgeschäft kann ich vielleicht anbieten?

All die alten Bilder und Videos von Duncan zu sehen, hat mir gezeigt, wie viel Zeit vergangen ist. Wir haben jetzt über 4 gemeinsame Jahre hinter uns und schon eine ganze Menge erreicht. Jetzt, wo die Basis stimmt, stellt sich wieder die Frage: was sind eigentlich meine Ausbildungsziele?

Sonntag: Duncan und ich stehen allein im Wald. Arnulf und Diego sind irgendwie woanders abgebogen und wir haben uns missverstanden, so dass Arnulf glaubt, er würde hinter mir her reiten, während ich ganz woanders stehe und auf ihn warte. Duncan wartet artig mit mir, aber Arnulf und Diego tauchen nicht auf. Ich entscheide: wir reiten zurück und versuchen herauszufinden, wo die beiden hingegangen sind. Duncan ist bei mir, er trägt es mit Fassung, dass Diego nicht mehr zu sehen und zu hören ist. Ich bin froh, dass wir so oft das „alleine ausreiten ohne alleine auszureiten“ geübt haben. Ich denke: um zwei Ecken rum, dann sehen wir sie bestimmt. Ein Matschloch vor uns veranlasst Duncan zu der kurzen Frage, ob Tempo die Sache verbessern würde. Vielleicht hat er recht? Aber ich weiß nicht, was nach dem Matschloch kommt und vielleicht ist der Bremsweg dann recht lang, also bitte ich Duncan, es im Schritt zu machen und er kommt dieser Bitte nach. Ich bin wahnsinnig stolz auf mein Pony. Nach der Kurve sehen wir Diego bestimmt schon. Aber das einzige was wir sehen ist das nächste Matschloch und das übernächste. Mein Telefon hat kein Netz. Sind wir hier überhaupt richtig? Kann Duncan im Matsch stecken bleiben? Ich werde nervös. Und zum ersten Mal kann ich spüren, wie meine Nervosität sich überträgt – Duncan wird nervös. Nein, das ist nicht gut! Ich setze mich aufrecht. Ich bin eine erwachsene Frau, erfahrene Reiterin. Duncan kann das. Es ist nur Matsch, kein Moor, er bleibt nicht stecken. Wir kriegen das hin, wir sind schon groß. Ich atme durch, Duncan atmet durch. Mein Telefon klingelt, Arnulf ist dran. Ok, wir müssen ein Stück weiter, dort warten die beiden auf uns. Vor uns liegt eine kleine Brücke, dahinter ein paar Wildhütten aus Blech, die Duncan gruselig findet, aber ich bin wieder voll da und spreche ihm Mut zu.

Vielleicht habe ich an diesem Tag wieder ein bisschen was von dem geschafft, was ich meinem Pony gern beibringen möchte: auch wenn ich selbst nervös bin, ist das keine Katastrophen-Vorhersage. Bleibe bei mir, bewege dich langsam, hör mir gut zu. Wir schaffen das, auch wenn es mal gruselig für uns beide ist. Du kannst mich unterstützen, indem du deine Aufmerksamkeit bei mir hältst. Ich unterstütze dich so gut ich kann und versuche, so wie du, die Ruhe zu bewahren.

Man kann Pferden so viele tolle Sachen beibringen. Aber in meinen Augen werden diese Momente immer die wertvollsten sein. Die Momente, in denen wir zusammenarbeiten, um ein Problem zu lösen. Die Momente, in denen ich als Mensch nicht perfekt sein muss, weil mein Pony meine Schwäche aushält und ein Stück weit ausgleichen kann, bis ich es wieder hinkriege. Und da war ein erster Schritt dazu. Duncan ist noch jung und unerfahren, natürlich kann er nicht alles alleine regeln, während ich panisch auf seinem Rücken hänge. Diego könnte das wahrscheinlich. Aber wenn ich mein Bestes gebe und versuche, meine Angst im Griff zu haben so weit es mir möglich ist, dann tut Duncan das selbe. Und das reicht, der Rest ist Lebenserfahrung, die nicht nur ihm fehlt, sondern auch mir. Unsere Ausritte sind immer gut geplant, auf sehr zivilen Wegen. Ich bin weit entfernt davon, so etwas wie eine englische Fuchsjagd zu reiten (ich sehe gelegentlich Videos davon und staune dann immer, wie wenig ich meinem Pony doch zutraue).

An Tagen wie diesen, wo wir uns durch den Matsch gekämpft haben, wird mir klar, dass ich mehr Herausforderungen suchen will. Je öfter wir solche Dinge meistern, desto sicherer werden wir und wie wir gesehen haben, kann auch die beste Planung Überraschungen nicht immer verhindern.

Früher hatte ich mal ganz andere Ambitionen, aber heute überlasse ich das Streben nach Perfektion den anderen. Lieber möchte ich mein Pony so ausbilden, dass es genau solche Situationen mit mir zusammen durchsteht. Ich möchte mein Pony so ausbilden, dass wir vor dem Matschloch gemeinsam abwägen können, was der beste Weg ist. Noch liegt die Haupt-Verantwortung bei mir, aber je erfahrener Duncan wird, desto mehr Verantwortung soll er auch übernehmen. Er tut das gern, das weiß ich. Und letztlich sind es seine Hufe, die am Boden sind, seine Beine, die er sortieren muss. Er ist der mit dem Allhufantrieb und von Natur aus viel geländegängiger als ich. Er muss nur die Gelegenheiten bekommen sich auszuprobieren und mir scheint, jetzt, mit 5,5 Jahren und einer soliden Basis, wird es Zeit, dass ich ihm diesbezüglich mehr biete, damit er seinen Teil der Aufgabe gut üben kann. Das wird auch mir wieder Mut abverlangen und ich werde mich langsam rantasten müssen, aber je mehr Herausforderungen wir bewältigen, desto sicherer werden wir.

Ich möchte mein Pony so ausbilden, dass er nachher auch dann klar kommt, wenn ich nicht mehr klar komme. Dass er mal die Führung übernehmen kann, wenn es drauf ankommt. Dass er mir sagen kann „atme, ich hab das im Griff“.

Es ist ein schmaler Grat zwischen herausfordern und überfordern, zwischen machen lassen und helfen, zwischen reinquatschen und unterstützen. Wie finde ich die Mitte? Wohl nur indem ich das Pendel nach rechts und links ausschlagen lasse. Wobei ich zugegebenermaßen fast immer auf der Seite bin, auf der ich meinem Pony zu wenig zutraue, zu viel reinquatsche und zu sehr kontrolliere. Ich versuche, mich zu bessern….