Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 415

Eigentlich wollte mein Mädchen ja heute die Tour von Sonntag wiederholen und mit mir üben, dass ich nur traben soll, wenn sie nix von Galopp gesagt hat. Aber heute ist Sturm. Und also kein Ausritt. Sie meinte, wenn sie die Zeit und Energie hätte, würde sie bei dem Wetter mal eine schnelle 15km Tour mit ausgiebigem Trab machen wollen, aber heute hat sie weder die Zeit, noch die Energie. Also was hat sie sich überlegt? Dass sie mich mal wieder an die Longe nehmen könnte. Und da könnte ich mich so richtig austoben. Und wir könnten da ja auch das mit dem Trab und dem Galopp üben.

„Leider“ ist auf unserem Sommerreitplatz so viel Gras, dass man da im Moment zwar hervorragend essen könnte, aber mein Mädchen da nicht gut laufen kann. Also sind wir auf den normalen Reitplatz gegangen, auch wenn es da viel enger ist. Und dann ging es los. Trab und dann ist sie im Trab neben mir die lange Seite runter gesprintet. Weil sie weiß, dass ich dann ordentlich Gas gebe und oft auch mal angaloppiere. Sie wollte jetzt üben, dass ich das nicht tun soll. Ich hab einmal angefragt ob Galopp ok wäre, sie hat einmal nein gesagt und danach hab ich die ganze Zeit einfach alles immer perfekt gemacht. Hab mir Kekse geben lassen für richtiges Zulegen im Trab ohne Angaloppieren, für Durchparieren vom Galopp zum Trab und vom Trab zum Schritt und hab überhaupt insgesamt „rumgestrebert“ wie mein Mädchen sagt. Naja, im Galopp hab ich mal ein paar lustige Hüpfer hingelegt, aber das ist ja an der Longe erlaubt, so lange ich nicht an der Longe ziehe (was ich selbstverständlich nicht getan habe!).

Gegen Ende, als mein Mädchen noch einen letzten Galopp angesagt hatte, dachte ich, ich könnte das Ganze nochmal etwas aufpeppen und bin voll durchgestartet. Aber bevor irgendwas anderes passiert ist, hat es mir voll die Hinterbeine weg gezogen und ich bin platt auf der Seite gelandet! Mein Mädchen fand, das wäre eine sehr logische Konsequenz daraus, wenn man Quatsch macht. Also hab ich das gelassen, hab auch die letzten Minuten noch gestrebert und durfte dann noch etwas grasen.

Hier hat es mir die Hinterbeine weggezogen und ich fand mich auf der Seite wieder! Sowas kommt von sowas, sagt mein Mädchen.

Fürs Rumstehtraining (was mein Mädchen immer macht, während ich grase) hat sie mich heute nicht los gemacht wie sonst, sondern die Longe in der Hand behalten aus Gründen wie „Pubertät“, „Quatschkopf“ und „Energieüberschuss“. Naja, egal, ich durfte mich ja trotzdem bewegen wie ich wollte und habe mir noch ein paar Kräuter vom Wall gezupft bevor dann endgültig Feierabend war.

Komischerweise wollte sie heute die Longe lieber dran lassen. Na egal, hauptsache grasen.

Leider gestaltet sich dieser Feierabend so gar nicht nach unserer Vorstellung, denn man hat uns den Zugang zu den Eicheln versperrt! Was soll denn das? Da kommen doch heute all die leckeren Dinge von den Bäumen gepurzelt und dann dürfen wir da nicht hin? Angeblich sind wir „aufgespeckt“ und zu „mopsig“ und brauchen auf keinen Fall noch Mastfutter. Menno.

Jetzt muss ich mal sehen, wen ich den Tag über noch so ärgern kann, um meine stürmische Energie los zu werden.

Euer Streber Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 414

Sonntag! Los geht´s! Es war mal wieder Bergtour angesagt.

Und jetzt erkläre ich euch mal was.

  1. Ich habe meinen Wachstumsschub beendet
  2. In den letzten Tagen haben wir ordentlich Eicheln genascht und uns eine Menge Energie angefressen
  3. Das Wetter ist heute sehr viel angenehmer, nämlich kühler.
  4. Am Donnerstag haben wir LongSlowDistance-Training gemacht (so nennt sich das wenn man lange Strecken langsam reitet) und nach LongSlowDistance ist schnell und kurz angesagt! (Finde ich)
  5. Das Training vom Donnerstag hat mir schon wieder etwas mehr Kraft und Kondition beschert (das ist ja auch der Sinn der Sache!) und ich hatte einen Tag frei und gestern nur 10 min auf dem Reitplatz wo wir nur was für den Kopf geübt haben. Macht quasi zwei Tage frei nach einem guten Training.

Und all das zusammen genommen macht gute Laune! So. Es ging also los Richtung Berg, diesmal eine etwas andere Runde als letztes Mal. Den ganz steilen Berg hoch ist mein Mädchen freundlicherweise abgestiegen. Dann wieder rauf auf meinen Rücken, ein Stück halbwegs eben, dann kommt noch ein kurzes, steiles Stück. Diego hat da mal den Turbo angeschmissen und ist flott hoch getrabt. Hab ich doch genau gesehen! Und was, bitteschön, ist dann dagegen einzuwenden dass ich auch mal den Turbo anschmeiße? Was gibt es denn da schon wieder zu meckern, mein Mädchen?

Da soll ich rauf. Und warum wird dann gemault, wenn ich kurz den Turbo zünde?

Dann den kleinen, schmalen Pfad entlang. Immer im Turboschritt. Links um den Baum, rechts um den Baum, links um den Baum. Bisschen hoch, bisschen runter. An einer Stelle hat der Regen die Wurzeln so frei gewaschen dass es fast so ist wie eine Treppe runter steigen. Meinem Mädchen ist das Herz in die Hose gerutscht aber ich hab kurz gebremst, überlegt, meine Füße sortiert und schon waren wir wohlbehalten unten. Ich kann das, Mädchen, lass mich nur machen!

Hier kann man den Berg am besten erkennen.

Diesmal sind wir dann noch einmal rechts abgebogen und dadurch den steilen Berg wieder runter. Da ist mein Mädchen dann freundlicherweise auch wieder abgestiegen.

Den steilen Berg runter ist sie netterweise zu Fuß gegangen

Dann fing es an, ein bisschen zu regnen und mein Mädchen meinte, wir könnten den langen Weg runter traben, dann werden wir nicht so nass. Diego fand das gut und ist fröhlich losgetrabt in seinem schnellsten Trab. Nun ist Diegos schnellster Trab – ihr wisst das schon – sehr viel schneller als alles was ich im Trab schaffe. Aber ich kenne ja die Lösung: Galopp! Mädchen von oben: nein, wir galoppieren hier nicht bergab! Trab! Menno. Zu langsam! Galopp! Mädchen von oben: nein, Trab. Verflixt! Das wurde mir zu blöd. Ich hab dann einfach entschieden, dass jetzt Galopp-Zeit ist. Mädchen, schnall dich an und genieß die Aussicht! Ich mach das schon!

Ooooooh jetzt wurde sie aber böse! Hat mich rum gezogen und ausgebremst und dann musste ich ein gutes Stück den Berg wieder hoch, wieder wenden und artig im Trab zu Diego zurück, der derweil auf uns gewartet hat. Dann ging es weiter im Trab und mein Mädchen hat mich immer angetrieben, ich sollte schnell traben aber wehe, wenn ich galoppieren wollte! Da hat sie mich angefaucht, ich soll das bloß lassen!

Ach herrje, warum hab eigentlich ausgerechnet ich so eine Spaßbremse erwischt? Seit 4 Jahren sage ich ihr, dass schneller einfach mehr Spaß bringt, aber sie will immer nur langsam! Menno. Ich meine, ich mag sie sehr, aber das muss doch mal besser werden! Wer bremst, hat Angst! Ja, sagt mein Mädchen, und auf Freunde, die Angst haben, nimmt man gefälligst Rücksicht. Oooooh wenn du wüsstest wie viel Rücksicht ich schon immer nehme, mein Mädchen….

Sie hat dann wieder diese Sachen gesagt: „Pubertät“, „von Kraft geträumt“, „hält sich für den König der Welt“ und „ich hätte es wissen müssen, so fit wie der am Donnerstag noch war“. Ja, Mädchen das hättest du wissen müssen und deswegen hättest du auf dieser kurzen Runde (ja, knappe 9km sind jetzt eine kurze Runde, so verschieben sich die Maßstäbe!) einfach mehr Tempo einplanen müssen!

Naja, sie hat gesagt, am Dienstag haben sie und der Mann frei, dann wird die Runde wiederholt und dann üben wir das mit der Würde, dem Anstand und der Bremse nochmal. Oder aber, mein Mädchen, wir machen es einfach EINMAL so wie ich das will und geben ordentlich Gas!

Euer Turbo- Ritter Sir Duncan dhu of Nakel

Gut geraten

…. ist halb verloren.

Puzzleteile setzen sich in meinem Hirn zusammen: Draußen, wenn Duncan und ich alleine ausreiten üben, bleibt er viel stehen und geht auf Aufforderung nicht geradeaus los. Das hatte ich auf seine Sorgen geschoben (und tue das zum größten Teil immer noch). Aber plötzlich hatten wir ähnliche Probleme auf dem Reitplatz. Dort habe ich es aufs Wachstum geschoben und den Osteopathen zu Rate gezogen. Arnulf hat Duncan dann auch prompt wieder die Hüfte gerichtet. Es wurde danach besser mit dem losgehen, aber nicht so gut wie es mal war. Dann war eine Zufallssituation, in der Duncan am Hufschlag förstern wollte und ich kurz etwas deutlicher wurde. Duncan ging plötzlich flott voran und blieb dabei. Und dann dämmerte es mir: ich hatte mit Duncan viel das Schreiten geübt, immer schön langsam und möglichst erhaben. Und mein kleiner Verdoppler, der immer findet, wenn etwas gut geklappt hat, kann man mehr davon machen, hat verdoppelt….. So üben wir jetzt auf dem Reitplatz den Unterschied zwischen langsam und schnell, stehenbleiben, losgehen und rückwärts. Weil sich zeigte: Duncan hatte bisher viel geraten und oft einfach das wiederholt, was vorher gut geklappt hatte, ohne zu verstehen, dass er dazu auf meinen Hilfen hören soll. Und ich hab es nicht gemerkt.

Pferde raten sehr, sehr gut. Es gehört zu meinem täglichen Brot, Stellen aufzudecken, an denen ein Pferd bisher nicht verstanden, sondern nur sehr gut geraten hat. Aber manchmal hat man selbst eben einfach blinde Flecken….

Am Sonntag im wilden Moor haben wir dann das angaloppieren auf Kommando geübt – und Duncan hat das fein gemacht! Einen Sonntag später, als ich NICHT galoppieren will, ist er nicht zu bremsen. Ob er auch da noch nicht sicher ist, was was bedeutet?

Ich denke, er weiß und versteht auf jeden Fall noch nicht, dass ich wirklich unter allen Umständen die Gangart bestimmen möchte. Warum auch? Grundsätzlich macht das für ein Pferd keinen Sinn. Wenn wir doch jetzt vorwärts kommen wollen, dann eben vorwärts, egal wie, oder? Aus Pferdesicht macht Trab oder Galopp da keinen Unterschied und wenn Galopp nunmal schneller und bequemer ist, dann halt Galopp!

Leider kann ich das auf dem Platz noch nicht üben, weil wir dort noch nicht galoppieren können. Ich brauche also einen Plan, wie ich ihm das im Gelände mal so erklären kann, dass er wirklich versteht, dass mir das wichtig ist (WARUM mir das wichtig ist, wird er wohl nie verstehen). Aber schließlich finde ich einen Weg, es doch vorher noch auf dem Platz zu üben: an der Longe. Und es zeigt sich: ich habe mich anscheinend am Sonntag SEHR klar ausgedrückt, denn Duncan weiß jetzt: wenn ich ihn im Trab ordentlich vorwärts schicke (ausnahmsweise wirklich so, dass er deutlich über ein vernünftiges Trabtempo hinaus kommt), heißt das NICHT dass er angaloppieren soll.

Ich weiß nach wie vor nicht, ob es am Sonntag eine bessere Lösung gegeben hätte. Ihn in schlechtester Cowgirl-Manier herum zu ziehen war eine Notlösung die mir überhaupt nicht gefällt. Sehr unfein. Die bessere Lösung wäre VORHER gewesen, das Thema noch klarer zu üben, aber die Idee mit der Longe kam mir zu spät. Und hier liegt die Krux in der Ausbildung: es gibt Verhaltensweisen, die treten nur in bestimmten Situationen auf. Diese Situationen sind manchmal schwer zu simulieren und dadurch kann man nicht so gut eine Übungssituation erstellen. Und da zeigen sie sich dann, die Missverständnisse. Zweite Lösung, die mir im Nachhinein eingefallen ist: Ich hätte am Sonntag schon bei den ersten Galoppversuchen seinerseits direkt wenden können. Da wäre er wohl noch leicht zu wenden gewesen und hätte sofort verstanden, dass das so nicht zielführend ist. Das ist also mein Plan B wenn er sich wieder so verhält (schließlich kann das auch einfach die reine Lauffreude gewesen sein, vielleicht wusste er sehr wohl ganz genau dass ich das nicht witzig finden würde…)

Ich vermute, ein mutigerer Reiter als ich hätte Duncan einfach laufen lassen, etwas schlimmes wäre wohl nicht passiert. Ich hatte auch nicht die Angst, dass an diesem Tag etwas schlimmes passiert. Ich hatte aber sofort das Bild im Kopf, was Duncan lernt, wenn ich ihn dieses mal laufen lasse. Wenn er im vollen Galopp hinter Diego her rasen darf (denn das war sein Plan. Gesittet galoppieren hätte ich vielleicht gestattet, aber gesittet war das nicht mehr). Ich glaube, es hätte ihm wahnsinnig viel Spaß gemacht. Und er hätte sich überlegt, dass er das jetzt öfter machen möchte. Und das gibt weder mein Mut her, noch unser Ausreitgelände, in dem man immer damit rechnen muss, dass die nächste Straße, der nächste Spaziergänger mit Hund oder die nächste enge Kurve kommt. Sorry, mein Ritter, wildes Rennen nur auf Ansage auf ganz bestimmten Strecken. Der Tag, an dem ich das genehmige, liegt noch in weiter Zukunft, denn der kommt erst, wenn ich sicher bin, dass die Kommunikation steht.

Nun haben wir ein paar Stellen ausgebügelt, an denen er eben nicht verstanden, sondern nur geraten hatte. Die nächsten dieser Stellen kommen bestimmt. All diese Fragen zu klären nennt sich übrigens „Ausbildung“.

Im Zweifel für den Angeklagten schreibe ich sein Verhalten am Sonntag diesem Missverständnis von „vorwärts oder nicht“ zu. Aber natürlich wird auch noch etwas anderes passieren – und vielleicht ist es das am Sonntag auch bereits gewesen: er wird die Regeln absichtlich in Frage stellen. Er rennt nun mal gern und er war sehr, sehr gut drauf am Sonntag. Vielleicht hat er auch einfach Lust gehabt, zu rennen und es gar nicht eingesehen, warum ich ihm da jetzt reinfunken will. Er ist inzwischen so stark und ausbalanciert, dass es ihn nicht mehr behindert, dass ich auf seinem Rücken sitze. Er hat auch mit mir obendrauf seine volle Bewegungskapazität erreicht und möchte die sicherlich auch mal ausnutzen. Dass das gefährlich oder zumindest für mich beängstigend ist, weiß er ja nicht. Er weiß: ich kann rennen und ich habe viel Übung darin, dabei auf den Hufen zu bleiben. Straßen, Autos und Hunden stören ihn dabei nicht, er stellt sich wohl vor, dass er da schon so durch navigieren kann. Das ist der Punkt, an dem es wichtig ist, dass wir Menschen doch 51% Entscheidungsgewalt haben. Ganz ehrlich: wären wir in der Pferdewelt unterwegs, wo er die Gefahren besser kennt als ich, würde ich mich auf seine Entscheidung verlassen wollen. Wenn er dort Vollgas gibt, kann uns das das Leben retten. Aber wir leben in der Menschenwelt und hier kann es uns das Leben kosten. Darum möchte ich das letzte Wort haben und er wird das leider akzeptieren müssen.

Und ich kann jetzt nur versuchen, das möglichst oft in möglichst harmlosen Situationen auf möglichst nette Art und Weise klar zu stellen und hoffen, dass er das eines Tages so hinnimmt. Und wenn er das tut, dann kann ich ihm ein wildes Rennen schenken auf einer schönen, freien, möglichst sanft ansteigenden Strecke. Aber das dauert wohl noch, bis wir so weit sind. Bis dahin mache ich ihm ein Gegenangebot: Anstatt wild zu rennen, darf er sich im gleichmäßigen Trab und ruhigen Galopp austoben, bis er sich so richtig wohlig müde fühlt, wie er es so gern mag. Und so kann ich vielleicht auch hier ein Missverständnis ausräumen. Anstatt immer nur zu bremsen und ihn damit zu verärgern, kann ich ihn vorwärts reiten bis er selbst bremsen möchte. Nur nicht über die kurze Strecke im Renngalopp, sondern über die lange im ruhigeren Tempo. Und so hat er mir auch mal wieder was erklärt: Berge rauf und runter klettern ersetzt nicht das Strecke machen.

Übrigens: nach unserem Ausritt mit Streit am Sonntag kam er am Montag wieder ganz besonders frohgemut zu mir gelaufen als ich ihn gerufen haben. ER fand den Ausflug großartig! Und das beruhigt mich, zeigt es doch, dass er mir das Gezerre am Zügel und das Schimpfen nicht übel genommen hat. Vielleicht hat er eben doch nur mal wissen wollen, was ich eigentlich machen würde, wenn er alle meine Kommentare ausblendet und seinen eigenen Wunsch nach Geschwindigkeit auslebt…. Man muss ja auch mal nachfragen, ob Regeln noch bestehen, dafür ist so ein Pubertätsschub da…. Und das finde ich in dem Rahmen in dem er es macht auch total legitim. Nur raten müssen soll er nicht, er soll sich sicher sein, was ich meine. Sich dann bewusst zu entscheiden, dass meine Meinung jetzt egal ist, dass man den Rüffel in Kauf nimmt für den kurzen Moment in dem man soooooo viel Spaß hat – das gehört auch mal dazu.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 413

Heute habe ich Einzugs-Jahrestag! Vor vier Jahren bin ich hier her gekommen. Damals war ich noch viel kleiner, aber im Herzen schon immer ein ganz Großer. Und deswegen habe ich meinem Mädchen auch von Anfang an gesagt, wie ich mir unser Zusammensein vorstelle. Nämlich abenteuerlich! Mit Ausflügen und Ausflügen und mehr Ausflügen! Als ich dann von der Funktion der Wackelkiste erfahren habe, war ich glücklich: man kann einfach so in fremdes Gelände und neue Wege erkunden ohne immer erst die alten laufen zu müssen! Das ist toll! Und so wusste mein Mädchen auch genau, was zum Jahrestag für uns dran ist: ein schöner, ordentlicher Ausflug mit der Wackelkiste in fremdes Gelände! Da sie heute keine Zeit hat, haben wir den gestern gemacht. Diego und den Mann eingepackt und los ging es in uns einen völlig unbekannten Wald. Mein Mädchen hatte da so eine Karte geschenkt bekommen, da wurde eine Route beschrieben, die sie gern mal reiten wollte. Und sie sagte, jetzt wo ich schon 5 Jahre alt bin und sie so gut tragen kann, können wir auch mal das Risiko eingehen uns ein bisschen zu verirren, weil ich nicht gleich so müde werde und schon ganz gut klar komme mit solchen Herausforderungen. Und ich sage Euch: das WAR eine Herausforderung! Mein Mädchen hatte auf der Karte diese Beschreibung gelesen:

„Die Route ist unter der Bezeichung SE 12 durchgängig mit Hufeisenwegweisern gekennzeichnet. Denen brauchen Sie nur zu folgen.

Startpunkt ist der Parkplatz an der Kreisstraße 88 bei der Siedlung „Am Moordamm“. Von dort reiten Sie in nordwestliche Richtung zunächst auf einem Kiesweg am Waldrand entlang, bis rechts ein Hauptwirtschaftsweg in den Wald hineinführt. Sie biegen auf einen Reitpfad nach rechts und reiten dann von dem Weg fort durch einen wunderbaren Buchenhochwald. Hier müssen Sie nur der Beschilderung folgen. Die führt sie auf verschlungenen Pfaden bis hin zu einem unbefestigten Rückeweg, dem Sie in südliche Richtung folgen. Nach der Überquerung eines weiteren Hauptwirtschaftswegs geht es wieder auf einem Trampelpfad zum nächsten Rückeweg. Auf diesem Weg reiten Sie in südliche Richtung zwischen Lärchen und Fichten. Wieder sorgt ein Pfad in die westliche Richtung für die Verbindung zwischen zwei Rückewegen, bis sie zurück zu einem Hauptweg geführt werden. Neben dem Hauptweg ist ein Reitweg angelegt worden. Kurz vor dem Waldrand wenden Sie sich wieder nach rechts in den Wald hinein und galoppieren auf schnurgerader Strecke zurück zu dem Kiesweg, der Sie links zum Parkplatz zurückleitet.“

Klingt toll, oder? Und so einfach. Weil man ja immer nur den Schildern folgen muss! Voll entspannt! Da muss man gar nicht ständig aufs Handy schauen, da kann man die Natur genießen. Soweit die Theorie. In der Praxis stellte sich das eher so dar:

„Sie starten frohen Mutes vom Parkplatz, an dem schöne, große, gut sichtbare Schilder angebracht sind, die Sie auf die gewählte Route führen. Schon nach kurzer Zeit freuen Sie sich, denn es ist ein Reitwegschild zu Ihrer linken zu sehen, und so biegen Sie wohlgemut auf den wunderschönen Pfad ab, der Sie durch die Stille des Waldes führt. Damit jedoch die Tour nicht allzu langweilig wird, haben wir ein paar Schmankerl für Sie eingerichtet. Ein erster, kleiner Hinweis auf das, was Sie erwartet, ist das Reitwegeschild zu Ihrer rechten, an dem nicht zu erkennen ist, ob da nun die ersehnte SE12 entlanführt oder ob Sie weiter geradeaus reiten sollen. Ein Blick auf Ihr Handy hilft Ihnen hier aber weiter: es geht noch ein Stück geradeaus. Und so finden Sie an der nächsten Kreuzung auch wieder ein Schild, dass die SE12 ausweist. Damit wollen wir Sie zunächst in Sicherheit wiegen, bevor das Abenteuer beginnt! Denn ab der nächsten Kreuzung haben wir beschlossen, die Schilder einfach weg zu lassen. Entdecken Sie den Pfadfinder in sich und finden Sie Ihren eigenen Weg! Anfangs werden Sie feststellen, dass das ganz leicht ist, weil freundliche Reiter vor Ihnen einen Pfad ausgetreten und gelegentlich mit Äppelhaufen markiert haben. Später finden Sie dann sogar wieder ein Reitwegeschild (ohne Nummer versteht sich, sonst wäre es ja zu einfach!). Sie biegen also in den wunderschönen Reitweg ab und Ihr Pferd bekommt gutes Trittsicherheitstraining im Unterholz. Irgendwann kommt IHnen das spanisch vor und Sie schauen wieder auf Ihr Handy um sich grob zu orientieren, in welche Richtung es gehen soll. Aufgrund der dortigen Information biegen Sie links ab und sehen ein Reitwegeschild, das Ihnen aufzeigt, wo der Reitweg gewesen wäre, wenn Sie ihn denn gefunden hätten. Weiter geht es den Schildern hinterher. Oder auch nicht, denn an manchen Stellen ist zwar ein Schild, aber kein Weg zu sehen, so dass Sie lieber wieder auf den Hauptweg abbiegen. Wo Sie von dort links hätten abbiegen sollen, verraten wir Ihnen nicht. Suchen Sie sich einfach einen Weg aus, der IHnen gefällt und hoffen Sie, dass Sie gut durchkommen bis zum nächsten Hauptweg. Dort angekommen stellen Sie fest, dass es den Hauptweg, den die Handy-App verspricht, gar nicht gibt. Sie reiten grob nach Richtung, bis Sie schließlich – oh Wunder! – wieder auf ausgeschilderte Reitwege stoßen (ohne Nummer versteht sich, der Spannung wegen!).

Wenn Sie dann schon etwas ermattet und genervt sind, wendet sich das Blatt: ab der Hälfte der Tour sind die Wege schön ausgeschildert, so dass Sie sich nun dem entspannten Teil des Ausritts widmen können. Aber nicht einschlafen! Denn es geht rechts – links – rechts – links – rechts – links! Dies dient der Gymnastizierung des Pferdes. Sie können natürlich auch – wie in der Wegbeschreibung vorgeschlagen – einen frischen Galopp einlegen, in dem Sie dann vermutlich (je nach Tempo Ihres Pferdes) ungefähr an 3-5 Reitwegeschildern vorbeisausen (sooooo groß sind unsere Reitwegeschilder halt nun auch wieder nicht!) bevor Sie merken dass Sie umdrehen müssen.

Sollten Sie am Ende der Route etwas Erholung brauchen, haben wir für Sie einen Couch am Wegesrand aufgestellt.

Mitzunehmen ist das kleine Marschgepäck für Pfadfinder:

  • Taschenmesser mit Handkreissäge
  • Taschenlampe falls es länger dauert
  • Haferbeutel falls das Pferd eine Stärkung braucht
  • ein ausgebildetes Rückepferd ist immer am Mann zu tragen!
Die Couch am Ende für ermattete Reiter und Pferde.

Das hätte mein Mädchen als passenderer Beschreibung der Route empfunden. Ich hatte keine Zeit mich darum zu kümmern. So viel Verantwortung! Da waren Wege durchs Unterholz zu finden und selbst die gut ausgeschilderten und zugegebendermaßen sehr romantischen Wege waren für ein junges Pony wie mich eine gute Übungsstrecke! Da waren Wurzeln, Matschlöcher und Äste am laufenden Band zu überwinden. Deswegen sind wir auch fast nur Schritt geritten, bis auf ein paar kleine Abschnitte, wo der Weg bequemer war zum traben (ich hab auch einen kleinen Galopp hineingeschmuggelt).

Irgendwo hier soll der Reitweg sein…

Insgesamt waren wir fast 15 km unterwegs und haben am Anfang gefühlte 100 mal angehalten und 30 mal umgedreht. Zum Glück war der anstrengende Teil in der ersten Hälfte, so dass es nachher etwas einfacher für uns alle wurde.

Aber was soll ich euch sagen – ihr wisst es ja: mich mal so richtig ordentlich austoben ist genau mein Ding! Ich liebe das! Und also war ich bestens gelaunt. Und mein Mädchen und ich haben festgestellt, dass wir beide nachher nicht so müde waren, wie wir es gedacht hätten. Also: das ganze Fitnesstraining hilft! Ich frage mich ja, wie Diego das macht. Völlig ungerührt nimmt er das alles so wie es kommt. Er kann auch die ganze Strecke vorneweg marschieren und die Verantwortung tragen. Ab und zu sagt der Mann, ich soll jetzt mal vorne laufen. Aber Diego findet dann alsbald, mein Schritt sei einfach zu langsam. Menno, ich hab halt kürzere Beine als er! Gestern haben mein Mädchen und ich dann ein bisschen gemogelt: immer wenn Diego uns eingeholt hatte, sind wir ein Stück getrabt, so dass wir weit vor ihm waren und dann sind wir nur so lange Schritt gegangen, bis er uns wieder eingeholt hatte. Ein guter Trick!

Ab und zu geh ich auch vorneweg. Der Mann wollte filmen, hatte aber sein Handy nicht mit.
Damit es Diego nicht zu langsam wird und er wieder meint, überholen zu müssen, lege ich einen kleinen, gemütlichen Trab ein (das war ganz am Ende der Tour, da war ich schon nicht mehr so flott…..)

Jedenfalls fanden wir den Ausflug am Ende doch ganz toll, wenn er auch etwas anders ablief als gedacht. Und mein Mädchen fand mich ganz toll (tut sie ja eigentlich immer) weil ich soooooo groß und stark und erwachsen geworden bin. Und sie sagt, wir haben jetzt wieder alles trainiert, was ich fürs Leben brauche: Trittsicherheit, Kondition und Konzentrationsfähigkeit. Und voll artig war ich natürlich auch, was denn sonst!

Euer Pfadfinder Sir Duncan Dhu of Nakel

Hier bitte rückwärts reiten und dabei dem Pony wie ein Kosake unterm Bauch hängen! Das haben wir aber lieber nicht versucht.

4 Jahre mit Duncan

Diese Woche ist es 4 Jahre her, dass mein kleiner, damals noch viel kleinerer und viel dunklerer Ritter hier eingezogen ist.

Wie es immer so ist: am Anfang kam mir die Zeit, die bis zu unseren ersten Ausritten vergehen würde, unendlich lang vor. Und ja, sie war auch lang. Jetzt bin ich an dem Punkt an dem ich zurück schaue und denke: wow, schau, was wir geschafft haben. Gleichzeitig denke ich: wir wollten diesen Herbst unseren Gedenkritt machen und sind weit davon entfernt, die 23km zu schaffen. Unser bisheriger Rekord von 16km steht noch ganz allein und am Sonntag war Duncan nach 12,5km ziemlich müde. Keine Rede davon, mal eben die doppelte Strecke zu reiten. Das Leben kam dazwischen und hat unsere Trainingspläne geschreddert.

Trotzdem: fast 1500 gemeinsame Kilometer – viele davon nebeneinander her, aber inzwischen auch schon viele, die er mich getragen hat – haben wir schon „auf der Uhr“. Er ist stärker geworden, ich bin mutiger geworden und kann ihm besser vertrauen. Seit er kastriert ist, ist das größte Problem-Thema einfach verschwunden: Wir können fremden Pferden ohne große Aufregung begegnen und dadurch bin ich grundsätzlich viel entspannter.

In diesen 4 Jahren hat er – wie man im englischen sagen würde – nicht einen Huf falsch gesetzt (didn´t put a foot wrong). Das klingt übertrieben, klar hat er auch mal Blödsinn gemacht. Aber ich finde es trotzdem gar nicht übertrieben, denn in 4 Jahren kann so viel passieren und ein junges Pferd kann so fiese Pubertät haben und sich alles mögliche einfallen lassen – da zählen die paar Kleinigkeiten wirklich nicht.

Ich bin nicht so ein Erinnerungstyp, aber mein Blog hilft mir dabei. Was waren nun die Highlights? Die großen Erlebnisse wie gemeinsamer Urlaub oder der Kurs bei Elsa? Nein, die habe ich als stressig undd unentspannt in Erinnerung. Die schönsten Erlebnisse, waren die kleinen. Wie er mir erlaubt hat, mich auf ihm abzustützen. Wie er mich die ersten Meter getragen hat. Wie er immer wieder am Tor steht und grinst, wenn ich den Anhänger vorbereite. Wie oft er lächelnd neben mir durch den Wald gelaufen ist, wenn wir endlich mal wieder los gefahren waren um dort spazieren zu gehen. Neuerdings: wie er nach dem Reiten auf dem Platz, wenn er grast und ich Freedom Based Training mache, mir nicht nur gestattet, ihm nah zu sein, sondern mich mitnimmt, sich so bewegt, dass ich direkt neben ihm bleiben kann. Wie er klar kommuniziert, dass er mich gern um sich hat. Oder am Sonntag, als er mich fragend anschaute, warum ich in den Paddock komme und ich als Antwort sein Halfter hoch hielt: ein kleines Brummeln und er kam zu mir. Halfter ist gut! Lass uns was unternehmen! Diese kleinen Dinge, die kleinen Gesten sind für mich wertvoller als jedes große Abenteuer.

Ein junges Pferd auszubilden ist vor allem eins: viel Arbeit. Das ist der Hauptgrund, warum ich im Moment keinen Hund habe: weil ich mich erinnere, wie viel Arbeit ich in den ersten 1,5 Jahren in unseren Hund gesteckt habe. Nicht nur wenn ich mir ihr etwas geübt habe, sondern auch viele Stunden, in denen ich gelesen und Videos gesehen habe, mir Gedanken gemacht, Fragen gestellt und Ideen ausgeheckt habe.

Beim Pony ist das zwar einerseits nicht so schlimm, weil man es nicht 24 Stunden um sich hat, andererseits dauert es viel länger bis das Pony erwachsen ist. Die letzten 4 Jahre waren anstrengend – und das obwohl Duncan so ein einfaches Pony ist und wir keine echten Probleme hatten. Und mit Sicherheit liegt noch mindestens 1 Jahr vor uns, in dem ich mit Pubertätsschüben rechnen muss, mit Wachstumsproblemen und viel, viel Basisarbeit. Dann ist Duncan 6 Jahre alt, ich hoffe, dann aus dem Gröbsten raus zu sein mit ihm. Aber sicher sein kann ich mir da auch nicht, mancher wird er viel später wirklich erwachsen.

Sicherlich kann man auch weniger Aufwand betreiben und sich weniger Gedanken machen. Allerdings führt das nach meiner Beobachtung dazu, dass man auch ein deutlich schlechteres Ergebnis bekommt. Es gibt halt Leute für die es normal ist, dass ihr Pferd nicht still stehen kann. Oder dass es auf dem Reitplatz unmotiviert und faul ist. Oder dass man es einfangen muss bevor man etwas unternehmen kann. Ich möchte das nicht. Und ich bin überzeugt, dass es an mir liegt, die Dinge zu ändern, die ich anders haben will. Je länger ich in der Pferdewelt unterwegs bin, desto mehr staune ich über die unglaublichen Entwicklungen die es dort gibt. Und damit meine ich jetzt nicht die negativen, sondern die vielen, vielen positiven. Es gibt heutzutage nicht nur Elsa Sinclair und Warwick Schiller, sondern auch viele, viele andere Trainer, die sich damit auseinandersetzen, wie wir wirklich pferdegerecht ausbilden können und die den Rahmen dessen, was man erreichen kann, immer wieder sprengen. Die uns beibringen können, wie ein Pferd nicht nur „artig“ wird, sondern wie wir eine wirklich tiefe, gute Beziehung zu unserem Pferd eingehen können, die dann wiederum bewirkt, dass unser Pferd sein Nervensystem so gut regulieren kann, dass die Arbeit für beide – Pferd und Mensch – ein echter Genuss und eine Bereicherung ist.

Es sind diese Trainer, die mein Leben und damit auch Duncans Leben so unglaublich viel schöner machen und dafür bin ich dankbar. Neulich dachte ich: damals, vor fast 30 Jahren, als ich meinen Warmblüter gekauft habe, hat der mir deutlich gezeigt, wie es NICHT geht. Dann kam Merlin und ich habe gelernt WIE es geht. Dann kam Finlay, der mir wiederum gezeigt hat, dass das nicht der Weisheit letzter Schluss ist, und er manche Kritik an meiner Vorgehensweise hat. Und nun steht hier Duncan der mir an vielen Stellen wieder zeigt wie es noch besser geht. Vielleicht braucht man manchmal ein Pferd, das NEIN sagt, damit man einen neuen Weg sucht. Und dann ist es schön zu erleben wie ein anderes Pferd davon profitiert undd nicht nein sagen muss, weil man als Mensch sich weiterentwickelt hat und besser geworden ist.

Aber Finlay hat nicht nur NEIN gesagt zu Dingen, die ich für gut hielt, er hat mir auch ganz andere Möglichkeiten des gemeinsamen Tuns aufgezeigt, die für Merlin nie in Frage gekommen wären und die mir daher fremd waren: Kutsche fahren und auf Distanzritt gehen. Und so hatte Duncan es doppelt leicht mit mir, denn so unähnlich er Finlay auch ist, er ist eben doch auch ein Highlandpony. Er teilt Finlays Meinung, dass die echten Abenteuer jenseits der Grundstücksgrenze zu finden sind und am liebsten auf neuen Wegen, die man noch nicht gesehen hat.

Duncan ist für mich der lebende Beweis, dass man – gerade in der heutigen Zeit, wo es so leicht ist, an Informationen zu kommen – immer mehr Spaß mit den Pferden haben kann, je mehr man lernt und sich selbst weiterentwickelt. Vielleicht ist er wirklich ein sehr einfaches Pony. Oder aber ich bin besser geworden und habe vieles richtig gemacht. Wahrscheinlich beides. Jetzt sehen wir, wo uns die nächsten Jahre so hin bringen.

Als wir bei Elsa auf dem Kurs waren, sagte sie am Beginn des zweiten Tages „ich bin gespannt, was Duncan uns allen heute beibringt“. Und vielleicht ist es auch diese Einstellung, die meine Beziehung zu Duncan prägt. Denn von Anfang an war für mich klar: mein junges Pony hat eine Menge zu lernen, aber ich muss genauso viel lernen. Ich kann ihm die Menschenwelt zeigen, aber ich will auch weiterhin etwas über seine Welt lernen und mir zeigen lassen, was ihn interessiert und wie er die Dinge sieht.

So wie damals, bei unserem allerersten Spaziergang, als er mir die Wildschweinspur gezeigt hat, die ich ohne seinen Hinweis nicht wahrgenommen hätte. Vielleicht war das der Moment in dem mir klar wurde, wie viel ich noch zu entdecken habe. Vielleicht war das der Moment, in dem ihm klar wurde, dass ich bereit bin, mit ihm zu entdecken. Für mich war es jedenfalls ein erster, magischer Moment der Verbindung.

Einer unserer ersten magischen Momente: Duncan zeigt mir die Welt, wie er sie wahrnimmt….
…. und nimmt anschließend Kontakt mit mir auf.

Heute ist unsere Verbindung schon recht stabil und solide. 4 Jahre sind eben doch eine lange Zeit. Und es waren zwar anstrengende 4 Jahre, aber vor allem waren sie wundervoll.

Danke, mein Duncan. Auf zu neuen Abenteuern!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 412

Gestern fiel der Montagsausflug mit dem Ausreitkumpel leider aus. Aber da ich mich ja am Sonntag schon ordentlich verausgabt hatte, kam mir das ganz gelegen. Ich brauche ja schließlich auch Zeit um mich ums Wachsen zu kümmern!

Mein Mädchen meinte, das ist doch der richtige Tag um wieder alleine ausreiten zu üben. Das ist nämlich nur im Kopf anstrengend, für den Körper nicht, weil wir es ja bisher nur bis zum Nachbarn schaffen.

Nachdem ich letztes Mal alles gut durchdacht hatte, war ich dieses Mal viel schneller fertig mit denken. Kurz überlegt und dann war ich bereit, los zu gehen, obwohl mein Mädchen wieder nach rechts abbiegen wollte – ich will ja immer lieber links! Na gut, also rechts. Ich bin dann recht fröhlich marschiert bis zum Nachbarn. Der Nachbar zur rechten, der hat da auch Pferde stehen. Viele Pferde! Und da musste ich anhalten. Da kann ich nicht einfach so vorbei gehen. Ich wollte gucken und ich durfte gucken. Und eigentlich fand ich auch, dass ich das alles toll gemacht habe und wir umdrehen könnten. Mein Mädchen hat gesagt, zwei drei Schritte soll ich bitte noch gehen (sie will ja immer gern das letzte Wort haben). Hab ich gemacht, weil ich ja so ein Guter bin. Dann haben wir umgedreht und ich bin tiefenentspannt nach hause gegangen, was mein Mädchen sehr gefreut hat. Sie wollte dann gern noch an zu hause vorbei, ein Stück in die andere Richtung. Sogar mit einem kleinen Trab! Hab ich auch gemacht. Dann durfte ich grasen und wir sind wieder umgedreht und weil ich so entspannt war, hat sie sich getraut, das Handy raus zu ziehen und ein Video zu machen. Und mich dabei mit einer Hand zu lenken. Und auch das ging alles sehr fein und so durfte ich dann grasen, sie ist abgestiegen, nach hause gelaufen und hat mich gefeiert, weil ich so großartig bin. Ja, das finde ich allerdings auch! Jetzt sind wir beide gespannt, wie es weiter geht. Ich werde euch natürlich auf dem laufenden halten!

Ein zweites Mal an zu hause vorbei. Kann ich!

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 411

Sonntag! Endlich wieder mal ein Sonntagsausflug! So richtig mit Wackelkiste losfahren und dann auch noch neue Wege erkunden. Schöööööööön! Sonnenschein, nicht zu warmes Wetter und Diego und ich waren noch schnell unterm Entpelzer (so nennt mein Mädchen das, wenn sie uns etwas Winterfell abschert), damit es uns nicht zu heiß ist.

Wir sind ins schöne Moor gefahren, aber anstatt die vertrauten, ausgetretenen Pfade einzuschlagen, hatte mein Mädchen überlegt, mal ein bisschen in die andere Richtung zu schauen. Und sieh an: da gibt es ja noch super schöne Wege zu entdecken! Auf der kleinen Straße haben uns erst mal drölfzig Radfahrer überholt, aber alle sehr nett. Die einen haben extra geklingelt, damit wir uns nicht erschrecken, die anderen haben sich extra laut unterhalten, damit sie nicht klingeln müssen. Beides ganz hervorragende Ideen. Wobei ich ja inzwischen auch klar komme, wenn so ein Radfahrer unverhoffter Dinge angeflitzt kommt – ich zucke dann vielleicht kurz zusammen, aber das war es dann auch.

An einer Stelle war plötzlich ein Reitwegeschild und mein Mädchen sagt „oh prima dann können wir hier ja abbiegen!“ Der Mann war verwirrt, weil er in die Wegeplanung nicht so involviert war und nicht verstanden hatte, dass das die schönere Weg-Option ist, mein Mädchen sich aber nicht sicher war ob man da durch kommt und deswegen außen rum geplant hatte. Na jedenfalls hat er angehalten und gefragt, ob sie sich sicher sei und plötzlich war mein Mädchen verwirrt wegen dieser Frage und da war ich auch ganz verwirrt und hab den Rückwärtsgang eingelegt und alles war ganz durcheinander. Naja, für ein paar Sekunden. Dann hatte mein Mädchen sowohl mich als auch den Mann überzeugt, dass sie sich sicher ist und dass wir da jetzt lang wollen und ich bin mutig vorneweg getrabt.

Da taten sich doch wunderschöne Wiesenwege auf, wie wir sie sonst fast nirgendwo haben und jemand hatte sogar eine kleine Reihe Natursprünge aufgebaut! Diego hat die skeptisch angeschaut und sich wohl gefürchtet, dass er jetzt springen soll – das kann er nämlich gar nicht leiden! Aber wir sind einfach an den Sprüngen vorbei gelaufen. Ich hab aber genau gemerkt, wie mein Mädchen da hin geschaut und sich überlegt hat, ob das für uns mal eine Option wäre, so einen kleinen Hüpfer zusammen zu machen. Ein andermal.

Als wir dann wieder auf die ursprünglich geplante Route gestoßen waren, stand dort noch ein Reitwegeschild und jetzt juckt es mein Mädchen in den Fingern, weil da offensichtlich noch ein schöner Weg sein könnte. Den schauen wir uns nächstes Mal an, hat sie gesagt. Und sich gewundert, dass sie in all den Jahren mit meinem großen Bruder nie auf die Idee gekommen ist, mal in dieser Richtung nach Reitwegen zu schauen!

So schöne Wege!

Durchs hohe Gras unter den Büschen durch (kleine Ponys haben dabei große Vorteile, ihr erinnert euch?). Am Ende, als wir wieder an die Straße kamen, war dann Graspause angesagt.

Lecker Graspause

Mein Mädchen hatte meinen Strick los gelassen und war mit ihrem Handy zum Mann gegangen um ihm zu erklären, welche Optionen wir jetzt haben und ihn zu fragen ob er Lust hat, den einen extra Schlenker noch zu reiten. Wie die beiden so miteinander reden – VOGEL!

Oh man, der hat so laut geschrieen, direkt neben mir und ich hab mich vielleicht erschreckt! Bin los gesprungen und zu Diego gelaufen. Mein Mädchen schaut zu mir und sieht: da fliegt doch was…. und das war nicht der Vogel sondern ein Hufschuh! So einen Blitzstart muss kein Schuh aushalten, findet mein Mädchen, da darf schon mal einer ab fliegen. Und es war ein Glück dass sie ihn hat fliegen sehen, denn er landete in einem Dornengestrüpp erster Güte wo man ihn nicht sehen konnte.

Fast gleichzeitig mit diesem Desaster hatte mein Mädchen noch eine andere Fiesigkeit entdeckt: Hirschlausfliegen! Eine ganz große Schar davon war auf Diego gelandet! Ein paar waren auch bei mir. Wir haben still gehalten und mein Mädchen und der Mann haben alle abgesammelt und zerquetscht. Widerliche Viecher sind das! Dann ist mein Mädchen im Dornengestrüpp verschwunden und hat den Schuh gesucht. „Ich fühl mich wie Dornröschen“ schallte es aus dem Gestrüpp „hast du mal ein Schwert?“ und dann „oh, hier ist auch noch ein Frosch den ich küssen könnte. Ach nee, das war ja ein anderes Märchen“. Nach einer ganzen Weile hatte sie den Schuh dann schließlich gefunden. Wieder anziehen, nochmal nach Hirschlausfliegen gucken (und noch welche gefunden), außerhalb der fiesen Zone noch ein paar Happen Gras und dann aber weg.

Naaaa wer findet den Schuh?

Auf dem Rückweg haben wir dann noch einen Umweg gemacht (hm, da war ich erst nicht soooooo überzeugt, ich war doch schon etwas kopfmüde nach der Aufregung) und dann haben wir noch ein bisschen galoppieren geübt. Mein Mädchen dachte, wir machen es uns einfach und lassen Diego vorneweg laufen, aber der Mann meinte, ich soll vorneweg. Und weil ich es nicht gleich geschnallt habe mit dem Galopp und eine Weile gebraucht hab um rein zu kommen, meinte er dann, mein Mädchen könnte das ja mal mit mir üben. Also durchparieren, wieder angaloppieren. Nach einer Weile wieder durchparieren. Dann wieder angaloppieren. Derzeit klappen ja ein paar Sachen nicht wie gewohnt. Mein Mädchen sagt, das liegt am Wachsen. Nach drei oder vier Wiederholungen hatte ich das mit dem angaloppieren dann wieder raus und mein Mädchen hat mich doll gelobt. Wir sind noch ein ganzes Stück galoppiert und mein Mädchen war etwas nostalgisch, denn sie dachte an letztes Jahr, als sie sooooo stolz war, dass ich diesen welligen Weg jetzt so schön gleichmäßig traben kann. Tja, das war letztes Jahr! Jetzt kann ich den welligen Weg sogar schön gleichmäßig galoppieren und mein Mädchen sagt, wenn sie die Wellen nicht sehen würde, würde sie gar nicht wissen, dass sie da sind, weil ich alles so gut ausgleiche. Und ich denke: schau an, sie traut mir doch schon einiges mehr zu als letztes Jahr!

Dann war ich erst mal rechtschaffen müde und hatte einen kleinen Tiefpunkt. Mein Mädchen hat mich angespornt, im Schritt nochmal lange Füße zu machen und hat mir eine Erhöhung meiner Luzerneration versprochen. Das hat meine Lebensgeister wieder belebt und so habe ich auch die letzten 1,5km noch gut geschafft bis sie abgestiegen und die letzten Meter zu Fuß gegangen ist.

Zu hause sind wir dann – wegen der blöden Hirschlausfliegen – erst mal gründlich abgeduscht undd gebürstet worden. Tatsächlich waren da immer noch 3 Stück zu finden! Mistviecher! Aber mein Mädchen meint, die schönen neuen Wege, die wir gefunden haben, waren es durchaus wert. Jetzt sind wir ja gewarnt und passen noch besser auf.

Trotzdem war es ein fantastischer Ausflug! Wir waren gute 12,5 km unterwegs, weil mein Mädchen meint, es sei Zeit, dass wir unsere ewige Standard-10km-Streckenlänge mal knacken. Und sie sagt, bald würde ich 12km auch nur noch so anstrengend finden wie 10km und wenn der Wachstumsschub erst mal vorbei ist, ahnt sie schon, dass ich mich wieder fühlen werde wie der König der Welt.

Jetzt allerdings fühle ich mich erstmal wie ein sonntäglich ermatteter Ritter, der sich seine Freizeit für den Rest des Tages redlich verdient hat!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel (hoffentlich Hirschlausfliegenfrei!)

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 410

Gestern waren mein Mädchen und ich wieder allein ausreiten. Nun ist es so: ich bin ja immer ein bisschen unbedarft einfach so los marschiert. Unterwegs fiel mir dann auf, dass ich ganz schön viel Verantwortung trage! Da wurde mir doch manchmal etwas flau. Ich gestehe: ich bin das noch nicht gewohnt. Und dass erwachsen sein SO viel Verantwortung bedeutet, das war mir vorher nicht bewusst. Das will wohl überlegt sein!

Und also habe ich diesmal vorher überlegt. Direkt nach dem losgehen, schon bevor wir den Hof verlassen haben, habe ich angemerkt, dass ich mir das gern einmal gründlich durchdenken möchte, bevor ich los lege. Mein Mädchen hat gesagt, das ist ok, aber die Option, doch lieber wieder links abzubiegen statt rechts, besteht nicht. Also ihre Regel war: wir gehen rechts vom Hof runter und dann bleiben wir am rechten Straßenrand. Kein Geeier wie letztes Mal. Ich durfte dafür das Tempo bestimmen und da hab ich einfach mal bei Null angefangen. Habe mich hingestellt, die Ohren gespitzt, in die Welt hinaus geschaut und nachgedacht. Als ich eine Weile nachgedacht hatte, meinte mein Mädchen, ich könnte evt losgehen. Weil ich so ein guter bin, bin ich einen Schritt nach vorn gegangen. Dann ist mir aber aufgefallen, dass es noch eine Menge zu bedenken gibt und ich bin wieder stehen geblieben um nachzudenken. Nach einer Weile dann wieder die Frage von oben, ob ich noch einen Schritt vorgehen könnte. Ja ok. Aber dann musste ich nochmal denken. Und so ging das eine Weile, bis ich das Denken vorerst für beendet erklärt habe und los gegangen bin. Nachdem ich ein Stück gegangen war, hab ich einen Keks kassiert und bin dann auch noch ein Stück gegangen. Und noch ein Stück. Dann nochmal nachdenken. Schließlich waren wir weiter als je zuvor, nämlich schon fast am Haus des Nachbarn zur rechten vorbei. Da durfte ich dann etwas grasen (mein Mädchen ist nicht abgestiegen, sondern sitzen geblieben, das ist Teil ihres neuen Plans). Dann ging es nach hause und mein Mädchen war hoch erfreut, weil ich den Rückweg ganz entspannt gemeistert habe und dann auch noch zu hause vorbei gegangen bin. Ganz kurz hinter der Hofeinfahrt ist sie dann abgestiegen und ich durfte noch etwas grasen. Heimgeführt und fertig.

Mein Mädchen sagt, sie ist sehr gespannt, wie es jetzt weitergeht mit der Denkerei meinerseits. Sie meint, ich kann mir das ruhig alles in Ruhe anschauen und überlegen und dann würde ich mich irgendwann auch in der Lage fühlen, weiter alleine mit ihr raus zugehen. Wir schaffen das schon, sagt sie immer. Ich denke noch darüber nach.

Aber sie findet, dass ich das ganz toll mache mit dem Denken, weil ich dabei ganz ruhig bleibe und mich nicht aufrege. Außerdem findet sie es total toll, dass ich mir jetzt vorher überlege ob ich das wirklich schaffe, anstatt einfach loszulaufen und dann zu merken, dass ich mich doch etwas unwohl fühle. Lieber langsam und dafür durchdacht, sagt sie.

Euer denkender Sir Duncan Dhu of Nakel

Freizeit

Eine Woche haben wir bei meinen Eltern verbracht. Ohne Ponys. Ich weiß immer gar nicht, wie ich das überstehe, aber ich überstehe es.

Als wir gestern nach hause kamen, tauchte Duncan wenige Sekunden nach unserer Ankunft am Stalltor auf. Er ist ja kein Pony der großen Gefühlsausbrüche, da wird nicht wild gewiehert oder gebrummelt. Aber ich hatte das Gefühl, dass er mich gezielt begrüßt. Ich ging zu ihm und er streckte mir ganz sachte seine Nase entgegen – nicht auf der Suche nach einem Keks, sondern als Begrüßungsgeste, die ich mit einer zarten Berührung erwiederte. Einen Moment waren wir zusammen still bevor ich meine Hand wieder weg nahm, dann wiederholte Duncan die Geste und ich entsprechend auch. Ich bin dann weg gegangen, um den Moment so stehen zu lassen und es nicht zu überspannen.

In Filmen – und vielleicht auch auf social media – wird uns gezeigt, wie spektakulär Begrüßungen aussehen können. Wenn das Pferd im Galopp vom Gras zur Besitzerin läuft (etwas, was meinen Ponys niemals einfallen würde), dann sieht das aus wie die große Liebe. Und natürlich möchte ich nicht absprechen, dass es möglicherweise die große Liebe IST. Aber vielleicht ist diese Liebe eben nicht größer als die, die in Duncans stiller Begrüßung lag.

Duncan geht es hier gut, auch wenn ich nicht da bin. Er hat seine Herde, sein Futter, seinen Weidegang, seine kleine Freiheit des Paddocktrails. 23 Stunden seines Tages verlaufen genauso, ob ich da bin oder nicht. Nur, dass ihm jemand anders sein Essen serviert. Aber in letzter Zeit habe ich eine interessante Beobachtung gemacht:

Immer dann, wenn wir einen Ausflug unternommen haben, ganz besonders dann, wenn es Montags flott mit dem Ausreitkumpel los ging, begrüßt Duncan mich am nächsten Tag viel fröhlicher und enthusiastischer als sonst. Häufig brummelt er mich dann sogar an, was er sonst nie tut. Selbst wenn er – anhand des mitgebrachten Equipments und des Ablaufs – schon weiß, dass wir auf den Reitplatz gehen, kommt er hoch motiviert zu mir und wirkt enorm fröhlich. Ausflüge und Abenteuer sind sein Lebenselixier und wirken offenbar noch tagelang in ihm nach. Nun war ich eine Woche lang nicht da – keine Unternehmung, kein Ausritt, kein Erlebnis.

Je länger ich Duncan habe, desto mehr sporne ich auch meine Reitschülerinnen an, etwas mit ihren Pferden zu MACHEN. Ich sehe die Welt der Freizeitpferde zunehmend mit anderen Augen. Das fing an mit dem Training für den Distanzritt mit Finlay, als mir plötzlich klar wurde, dass unsere „große Runde“ mit 6km eine absolute Lächerlichkeit für ein gesundes Pferd ist. Und jetzt, mit Duncan, nimmt das noch ganz andere Dimensionen an. Ein Freizeitpferd – so scheint es mir – ist oft ein Pferd mit zu viel Freizeit. So schön so ein Stall auch sein mag, so groß Weide, Paddock und die Herde auch ist, für ein gesundes Pferd wird es eben doch schnell langweilig.

Mein alter Warmblüter hat das etwas anders gesehen, der wollte gern seine Ruhe haben. Aber heute bin ich überzeugt, dass das dem geschuldet war, dass Menschen ihm in seinem Leben so wenig Gutes getan hatten. Ich würde ihm gern heute noch einmal neu begegnen, mit all dem, was ich jetzt weiß und kann. Und dann schauen, worauf er eigentlich Lust hatte. In seinem tiefsten Inneren. Ich glaube, im Herzen war er Springpferd, es gibt ein paar Indizien dafür. Aber er war traumatisiert, unverstanden und nachher körperlich gehandicapt und ich war zu unerfahren und wusste zu wenig, um ihm helfen zu können. So war er nachher ganz zufrieden, hier mit seiner Herde im Paddock zu leben und alt zu werden. Heute denke ich: ich hätte sein Leben bereichern können, wenn ich nur gewusst hätte, wie!

Finlay und Merlin hatten jeweils ihre eigenen Wünsche, wie ich ihr Leben bereichern konnte. Und obwohl Merlins Bereicherung mittlerweile in 3-5 Eimern „Seniorenbrei“ täglich besteht, geht er auch mit Freude nochmal kurz auf die Wippe, wenn es sich ergibt. Und auch Diego freut sich, wenn wir ihn holen um etwas zu unternehmen. Er kommt nicht wiehernd angelaufen, oft braucht er einen Moment, bis er sich entscheidet, zu kommen. Aber wenn ein paar Tage lange niemand von uns Zeit hatte für ihn, drängelt er sich ein bisschen vor und möchte, wenn ich Duncan hole, lieber selbst dran sein. Wenn die Motivation einem Pferd nicht so deutlich ins Gesicht geschrieben steht, sind Menschen oft verunsichert. Aber wir Menschen haben auch nicht immer ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, wenn wir zum Sport gehen. Das ist oft nervig, anstrengend und man muss erst mal in Gang kommen. Trotzdem kann es nachher Spaß machen und es tut uns körperlich und seelisch gut – wenn es denn der für uns passende Sport ist. Und was das ist, ist für jeden individuell.

Beim Ausreiten selbst fühlt Duncan sich für mich genauso an, wie beim Reiten auf dem Platz. Aber danach, einen Tag später, bekomme ich eine klare Rückmeldung darüber, was seine Lieblingsbeschäftigung ist, wenn er mit leuchtenden Augen vor mir steht und mir vermittelt, wie toll doch unser Ausflug gestern war und wie zufrieden er damit ist.

Und jetzt, wo ich eine Woche nicht da war, lag in seiner Begrüßung auch eine Art Hoffnung: die Annahme, dass jetzt Schluss ist mit zu viel Freizeit (also Langeweile) und dass es wieder los geht mit der einen oder anderen Extra-Beschäftigung. Dass wir wieder Zeit zusammen verbringen können. Vorzugsweise natürlich draußen, im Galopp….

Sein Job

Wir galoppieren durch die zunehmende Dämmerung. Der Weg ist stellenweise hell, wo keine Bäume stehen, dann galoppieren wir ins Dunkel hinein, wo Bäume das letzte Tageslicht nehmen.

Wer hätte gedacht, dass ich so mutig sein kann? Duncan zögert. Ins Dunkle hinein im Galopp ist ein Risiko, das wissen wir beide. Wir kennen den Weg und wir können noch genug sehen um sicher zu sein, dass da keine Hindernisse sind. Ich spreche uns beiden Mut zu: wir können das! Duncan glaubt mir und galoppiert weiter. Links von uns knackt es plötzlich im Gebüsch. Wir zucken zusammen, Duncan beschleunigt für den Bruchteil einer Sekunde. Wird er jetzt losrennen? Nein, er pariert selbständig durch zum Trab.

Es sind diese Momente, die ich einfangen möchte. Momente, in denen mein junges Pony eine gute Entscheidung trifft – damit meine ich vor allem: eine Entscheidung die unser beider Sicherheit dient.

Deswegen lobe ich solche Entscheidungen grundsätzlich überschwänglich. Mein Pony muss wissen, welche Möglichkeit ich bevorzuge. Und das kann er nur wissen, wenn ich ihm das sage. Ich habe ihm NICHT gesagt, dass er durchparieren soll, aber ich kann ihm im Nachhinein sagen, dass ich diese Entscheidung besser fand, als losrennen.

Etwas später wiederholt sich die Szene, wieder beschleunigt Duncan nur für den Bruchteil einer Sekunde und fällt dann lieber in den Trab. Es sind diese Momente, die in mir das Vertrauen in mein Pony wachsen lassen. Je mehr gute Entscheidungen er trifft, desto mehr kann ich ihm vertrauen.

Ich denke an Elsa Sinclair: Zeig Deinem Pferd, dass du gute Entscheidungen triffst. Dadurch wird es mehr und mehr davon ausgehen, dass es sich lohnt, dir zu folgen. An diesem Abend, beim Ausritt im Dunkeln, dreht sich dieser Satz. Mein Pony zeigt mir, dass er gute Entscheidungen trifft. Ich folge ihm. Er kann im Dunkeln mehr sehen als ich, er kann besser hören als ich und er ist letztlich verantwortlich für unser Gleichgewicht. Wenn er sicher ist, dass er die Strecke im Galopp schafft, schafft er sie. Wenn er nicht sicher ist, werde ich ihn nicht überreden, zu galoppieren, weil ich die Verantwortung nicht übernehmen kann. Ich äußere Wünsche und mache Vorschläge, mehr nicht.

Ich denke an Ursula Bruns. Sie hat 1972 das wunderbare Buch „So macht man Pferde fit“ geschrieben, das mit der packenden Beschreibung eines Hundertmeilers (also ein Distanzritt über 160km) beginnt. Natürlich: wer 160km an einem Tag reiten will, reitet auch im Dunkeln. Und in den 1970er Jahren war keine Rede von LED-Beleuchtung. Die funzelige Taschenlampe mit den schweren Batterien taugte wohl nur eben um mal auf die Karte zu schauen, einen Weg ausleuchten konnte man damit sicher nicht (und wenn, dann nicht lang). Im Dunkeln reiten gehörte also selbstverständlich dazu und das Pferd ist derjenige, der die Verantwortung trägt, weil es besser orientiert ist im Dunkeln.

Die Karte, nach der damals geritten wurde, ist nicht viel mehr als etwas, was wir als Kinder als Schatzkarte gemalt haben. Ursula Bruns schreibt an einer Stelle den Dialog mit ihrem Mitreiter nieder, den sie fragt „weißt Du den Weg denn noch?“ und dieser antwortet „Ich nicht, aber mein Pferd war voriges Jahr schon hier“. Es gibt Dinge, die Pferde besser können als wir Menschen. Eine Höchstleistung wie einen Hundertmeiler können beide nur bewältigen, wenn jeder seinen Job kennt und machen kann.

Als wir durch die Dunkelheit reiten – jetzt nur noch im Trab, weil Duncan einmal gestolpert ist (erste Müdigkeit vom galoppieren), sind wir natürlich von einem Hundertmeiler genauso weit entfernt wie vom Mond, der sich heute nicht blicken lässt. Dennoch: Mein Pony hat Fähigkeiten, die ich nicht habe. Und er hat heute einmal mehr bewiesen, dass wir zusammenarbeiten können. Er ist kein reiner Befehlsempfänger, sondern trägt seinen Teil der Verantwortung mit und weiß, wie das geht. Auf dem Reitplatz möchte er von mir immer genau wissen, was er tun soll. Wenn er das dann getan hat, möchte er bitte den wohlverdienten Keks. So ist seine Vorstellung von unserer Arbeit auf dem Platz. Aber im Gelände liegen die Dinge anders. Hier ist sein Metier, hier kennt er sich aus. Er weiß, wie schnell er den Berg runter gehen kann ohne ins Straucheln zu kommen. Er sieht die Löcher im Weg und die Wurzeln und hebt seine Füße entsprechend.  Er findet sein Tempo im Trab und lässt sich da nicht groß reinreden. Auch im Galopp findet er jetzt – wo ich nicht mehr ängstlich auf der Bremse stehe – seinen Rhythmus. Ich hab da nicht mehr so viel zu melden, aber das finde ich völlig in Ordnung, denn letztlich ist es Duncans Job, seine Hufe zu sortieren und sich seine Kräfte so einzuteilen, dass sie möglichst weit reichen. Und das hat er verstanden. Strecke machen ist unser Ziel. Nicht unbedingt schnell, aber stetig, immer etwas weiter. Auch mal unter widrigen Bedingungen wie einsetzender Dunkelheit.

Und ich bin verdammt stolz auf meinen kleinen Ritter, der mit seinen 5 Jahren – trotz gelegentlichen pubertären Ideen – doch im Wesentlichen mit mir zusammenarbeitet anstatt entweder gegen mich zu sein oder einfach blind dem zu folgen was ich ihm sage. Er kennt seinen Job und er macht ihn für sein Alter schon verdammt gut.