Symptome

Diego geht es gut. Seine Blutwerte sind alle wieder in der Norm bis auf einen Zinkmangel, den wir jetzt noch in den Griff kriegen müssen. In ein paar Wochen machen wir ein (hoffentlich) abschließendes Blutbild und ich hoffe sehr, dass wir dann endgültig einen Haken hinter die Sache machen können. Im Moment zeigt Diego sich wieder so, wie wir ihn kennen: mit gutem Appetit, aktiv, gut gelaunt und motiviert, etwas zu erleben und zu tun. Den Fellwechsel hat er – wie jedes Jahr – fix nebenbei erledigt und glänzt wieder wie eine Speckschwarte.

Ich denke zurück an seine Symptome und frage mich, ob ich früher hätte reagieren können. Natürlich mache ich mir im Nachhinein Vorwürfe, das tut man wahrscheinlich immer. Ich weiß inzwischen, dass ich das so oder so tue, egal, ob ich etwas hätte besser machen können oder nicht. Deswegen versuche ich, die dahinterstehende Emotion abzukoppeln von dem, was mein Verstand darüber denkt. Hätte ich es früher wissen können? Keine Ahnung. Ich hatte noch nie ein Pferd mit so einer Erkrankung (und wir wissen ja auch noch nicht mal, was es nun genau war. Die Vermutung ist, dass sich irgendwo im Körper ein Abszess gebildet hatte). Ich hätte auf jeden Fall früher Fieber messen und den Ruhepuls checken können. Aber wir waren komplett auf die Zähne fixiert, weil alles damit anfing, dass Diego schlechter Heu gefressen hat und seine Schneidezähne schief waren. Das ist vielleich etwas, was ich mir vorwerfen kann: dass ich zu lange noch an der Zahn-Idee festgehalten habe. Nachdem die Zähne gemacht worden und für unauffällig erklärt worden waren, hätte ich vielleicht direkt mal in eine andere Richtung schauen sollen. Der zweite Zahnbearbeiter, der da war, hatte uns ja gefragt, ob wir mal ein Blutbild gemacht haben. Und ich habe geantwortet, dass ich so viele Blutbilder habe machen lassen und nie was dabei raus kam, so dass ich jetzt eigentlich nicht mehr ins Blaue hinein ein Blutbild machen will. Hätte ich aber in diesem Fall mal machen sollen. So wird man eben schlauer. Wahrscheinlich werde ich in den nächsten Jahren wieder viele Blutbilder machen lassen und es wird nix bei rumkommen. Denn das nächste kranke Pferd wird wieder etwas ganz anderes haben, weil das Leben eben so ist.

Ich höre ja auch viele Geschichten von kranken Pferden und Diagnosen. Irgendwann denkt man vielleicht, man hat alles schon mal gehört. Ich kann mich aber an keine Geschichte erinnern, die sich so anhörte wie Diegos.

Ich glaube, das größte Problem war, dass die Symptome nicht konstant da waren. Diego hatte viele gute Tage, an denen er gut gefressen hat. Tage, an denen wir ganz normal ausreiten waren. Er hatte Lust, zu laufen, ist freiwillig in den Anhänger gestiegen und wirkte völlig normal. Und dann kamen wieder schlechte Tage. Das hat es schwierig gemacht, das Ganze zu überblicken. Und ich glaube, dadurch habe ich es auch nicht ernst genug genommen.

Jetzt kann ich zum ersten Mal beobachten, dass auch mein Mann ein „Helikopter-Gen“ hat. Dass auch er schnell mal Panik bekommt, ob es seinem geliebten Pferd gut geht. Er lächelt ja sonst gern mal über die übervorsichtigen „Pferde-Muttis“. Aber diesmal hat es sein Pferd getroffen und schon sieht die Welt anders aus. Und das ist etwas, was ich unbedingt (wieder) mitnehme aus dieser Erfahrung: das eigene Gefühl trügt, in die eine oder andere Richtung. Und es braucht den Blick von außen, objektiv messbare Daten (wie viel Heu hat Diego heute gefressen? Das war in letzter Zeit das Maß aller Dinge) und jemanden, der nicht persönlich betroffen ist. Und das sowohl in die eine Richtung bei der Frage „wie krank ist mein Pferd eigentlich?“ als auch in die andere Richtung „wie gesund ist mein Pferd jetzt wieder?“. Denn jetzt, wo Diego wieder fit ist und wir auch die offizielle, tierärztliche Genehmigung zum Antrainieren haben, finde ich es wichtig, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange zu hocken und ihn ewig weiter zu schonen. Mit seinen nunmehr 21 Jahren baut Diego ja auch nicht mehr so schnell Muskeln auf wie ein Jungspund. Er braucht jetzt viel Training, um wieder richtig fit zu werden und die beste Jahreszeit dafür ist genau jetzt. Also runter von der Bremse und rauf aufs Gas.

Aber ich sehe auch, wie viele kleine Verhaltensweisen wieder da sind, die sich vorher nach und nach verändert hatten. Er steht wieder öfter am Stalltor. Er drängelt wieder mehr (keine angenehme Verhaltensweise, aber eine, die er eben immer zeigt). Er wandert wieder mehr und flotter herum. Das sind die Dinge, die sich verändert hatten, ohne dass wir es so recht gemerkt haben. Erst jetzt, wo es wieder so ist wie vorher, fällt es uns auf. Ich dachte, mit 21 wird ein Pferd eben auch älter. Aber bei Diego ist es nicht das Alter gewesen. Und das ist etwas, was ich auch schon öfter im Kundenkreis erlebt habe – dass man zu schnell dabei ist, Symptome einfach aufs Alter zu schieben. Das schreibe ich mir (wieder mal) hinter die Ohren.

Und dann ist es Zeit, das alles hinter uns zu lassen und das Leben wieder zu genießen. Auch das finde ich total wichtig. Denn für Diego ist alles wieder in Ordnung und es macht ihm keine Freude, wenn wir nur auf ihm herumschauen und panisch nach neuen Problemen suchen. Eigentlich ist also alles wie immer, die Wahrheit liegt in der Mitte. Viel Spaß bei der ewigen, erfolglosen Suche danach.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 500

Gestern war ja ein Montag, der sich wie ein Sonntag angefühlt hat – manchmal ist es kompliziert mit den Wochentagen. Weil es sich angefühlt hat wie ein Sonntag haben wir das gemacht, was wir viel zu lange nicht gemacht haben: einen Sonntagsausflug! Mit Diego dem Großen und dem Mann. Diego ist wieder fit, fröhlich und fidel und anscheinend ganz gesund! Jedenfalls, sagt mein Mädchen, tun wir jetzt erstmal so und hoffen, dass es so bleibt. Also Sattel rauf und los! Wir haben die Zebra-Saison wieder eröffnet, damit die Fliegviecher uns in Ruhe lassen. Und dann die kleine Tour über den kleinen Berg, weil Diego ja erstmal wieder in Form kommen muss. Und was kann man auf kleinen Touren gut machen: Equipment checken. In meinem Fall: Hufschuhe.

Also ich hatte ja diese Klebepantoffeln drauf. Und dann wieder nicht drauf, weil es nicht gehalten hat. Und dann wieder drauf. Und dann hat es wieder nicht gehalten. Verarbeitungsfehler seitens der Menschen, sagt mein Mädchen. Wenn ich wie in junger Gott über alles hinweggeschwebt und fantastisch damit gelaufen wäre, sagt sie, hätte sie so lange probiert, bis es gehalten hätte. Aber ehrlich gesagt bin ich nicht gelaufen wie ein junger Gott. Immer wenn es im Trab auf etwas härteren Boden ging, haben die Dinger mich so krass gestoppt, das hat mich und auch mein Mädchen doch gestört. Also hat sie die Klebis wieder runtergenommen und wir sind letzten Montag die altbekannte Strecke beim Ausreitkumpel nochmal vergleichshalber mit den Schuhen geritten. Da wir eh nicht galoppieren im Moment (wegen Frühling/Pubertät/Läunchen meinerseits und weil das Mädchen vom Ausreitkumpel dann mit ihrer Gazelle gar nicht mehr hinterherkommen würde), ist das mit den Hufschuhen auch kein Problem, denn im Schritt und Trab sitzen sie ja einwandfrei. Und sowohl ich als auch mein Mädchen fanden, dass ich mit den Hufschuhen einfach schöner laufe.

So und jetzt? Ein anderes Modell wollten wir mal probieren. Und siehe da: jemand im Kundenkreis hat genau das Modell das wir testen wollen und die Größe scheint sogar zu passen! Naja, sagen wir: gerade so. Gaaaaaanz knapp. Mein Mädchen hat mich mit Hilfe des Mannes in die Schuhe gequetscht und sich dann gefragt, ob wohl noch Blut in meinen Hufen ankommt. Der Mann hat gesagt „Duncan sagt dir schon bescheid wenn das gar nicht geht“ und da hat er ja auch recht. Ich hatte die Schuhe erst im Stall 15min drauf bis mein Mädchen alles vorbereitet hatte und dann ging es los. Mir war das egal dass die so eng sind, ich bin losmarschiert.

Und dann ist es wieder passiert: wie wir so losziehen meint mein Mädchen „Duncan ist im Schritt so schnell geworden, der kann jetzt mit Diego mithalten!“ Hahahahahahahahahaha! Nein, mein Mädchen. Diego musste nur erst etwas in Schwung kommen . Nach den ersten 2 km war sein Dieselmotor warmgelaufen und er zog in seinem gewohnten Siebenmeilenschritt davon, einfach so. Und wir konnten nur dumm hinterherschauen, wie immer eigentlich.

Alles beim Alten: die sehen wir nur von hinten…..

Alles beim Alten! Noch selten hat mein Mädchen sich so darüber gefreut, weil es ja heißt, dass Diego Lust hat zu laufen. Er hatte sogar genug Lust um nicht zu maulen, als er gesehen hat, dass wir da abbiegen wo es zum Berg geht. Da meckert er sonst gern mal. Aber gestern nicht. Gestern hat er fröhlich den Berg erklommen. Ich hinterher und oben war dann die traditionelle Graspause. Leckerleckerlecker aber leider zu kurz (auch das hat Tradition). Dann den Berg wieder runter – Diego wurde NOCH schneller! Als wir dann die Straße überquert hatten, wollte Diego doch tatsächlich gern nochmal rechts abbiegen anstatt links nach hause! Wir sind trotzdem links gegangen, aber die Menschen haben sich doll gefreut, dass Diego so viel Spaß daran hat, unterwegs zu sein.

Am engsten Stück kamen uns dann tatsächlich zwei Motorräder entgegen. Aber die Fahrer waren ganz fürchterlich nett, haben sich an die Seite gestellt und sogar die Motoren ausgemacht und gaaaaaaanz lange gewartet, bevor sie sie wieder angemacht haben. Das fand mein Mädchen toll!

Und schon waren wir wieder zu hause. Knappe 6km mit Berg reichen nämlich für einen ersten Ausritt, finden die Menschen. Ich hoffe, dass Diego jetzt ganz schnell wieder richtig fit wird, damit wir wieder ausgiebig losziehen können!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel der endlich wieder mit Diego losziehen kann

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 499

Ich bin ein vielbeschäftigtes Pony. Am Montag war ich ja mit dem Mädchen vom Ausreitkumpel und der Gazelle unterwegs, am Dienstag vormittag habe ich mit meinem Mädchen Doppellonge geübt, am Dienstag nachmittag kam dann noch meine kleine Freundin vorbei, am Mittwoch war ich mit Willibald von Blamauer zu Stössing unterwegs. Am Donnerstag hatte ich dann frei, weil mein Mädchen sich erholen musste (ihr wisst ja, sie meint dann immer, dass ICH eine Pause bräuchte). Am Freitag haben wir reiten geübt auf dem Platz, das war sehr aufregend, weil alles voller Huchmampfs war – das ist im Frühling so, wenn alles wieder grün wird! Da kann ich ja auch nix für, mein Mädchen! Am Samstag hat mein Mädchen viel gearbeitet und hatte dann so viel Sonne abbekommen, dass wir lieber in der Halle geblieben sind im schönen Schatten und uns mit dem Steg und der Wippe beschäftigt haben. Diego und der Mann haben auch mitgemacht und ich bin meiner neuen Übung „Deichläufer“ ein großes Stück näher gekommen! Demnächst bekommt ihr mal ein Video.

Und gestern war dann Spezialausflug angesagt. Wir sind ziemlich lange in der Wackelkiste gewesen und dann auf einem Hof wieder ausgestiegen. Hier sollen wir Ende Juni an meinem ersten richtigen Reitkurs teilnehmen! Mit dem Reitlehrer von meinem Mädchen, den sie normalerweise nur im Ohr hat, weil er so weit weg wohnt. Jetzt kommt er mal hierher und diese Chance will mein Mädchen sich nicht entgehen lassen. Und weil sie weiß, dass sie dann aufgeregt sein wird und dass das für meinen Kopf alles sehr, sehr anstrengend wird, hat sie sich gedacht, sie zeigt mir schonmal den Hof dort. Da gibt es eine kleine Reithalle, die fand ich voll spannend. Spiegel sind da, da tauchen ständig schöne Ponys drin auf und verschwinden wieder! Außerdem musste ich alles abschnüffeln was es da zu sehen bzw zu riechen gab. Diego war natürlich wieder völlig ungerührt. Wie macht er das nur? Egal wo man hingeht, er kennt sich überall aus, weiß über alles Bescheid und verliert niemals die Fassung. Wie kann man nur so cool sein?

Mein Mädchen ist erst zu Fuß mit mir gegangen und dann ist sie noch ein bisschen geritten. Es ist was ganz anderes, ob man ausreiten ist und einfach an komischen Dingen irgendwie vorbei geht oder ob man sich dann noch voll konzentrieren soll und genau so laufen wie angesagt! Mein Mädchen war aber stolz auf mich, weil ich das ganz gut hingekriegt habe. Dann sind wir raus gegangen und haben uns noch den Reitplatz angeschaut. Der war umgeben von Paddocks – überall fremde Pferde! Und dann kommen die auch noch alle an den Zaun, weil die auch gucken wollen. Und jetzt soll ich mich da konzentrieren auf schöne Zirkellinien und Übergänge und so! Da hat mir der Kopf ein bisschen geraucht. Aber mein Mädchen fand, ich mache das alles gut. Der Mann hat gefragt, wofür wir das jetzt üben mussten, weil ich doch alles richtig gemacht habe. Mein Mädchen weiß aber genau, wofür wir das geübt haben. Nachher war ich nämlich ganz schön kopfmüde und das obwohl wir nur knapp zwei Stunden dort waren. Und der Kurs geht zwei Tage mit Übernachtung! Deswegen will sie meinen Kopf so gut wie möglich entlasten und jetzt wo ich alles schon mal gesehen habe, sind dann Denk-Kapazitäten für andere Dinge frei.

Da stehen die ganzen Pferde und gucken – und ich soll mich auf mein Mädchen konzentrieren
In der Halle guckt niemand. Außer manchmal Ponys aus dem Spiegel!

In ein paar Wochen geht es los! Ich bin schon sehr gespannt. Bis dahin müssen wir jetzt Diego wieder fit kriegen, der soll nämlich auch teilnehmen.

Euer viel beschäftigter Sir Duncan Dhu of Nakel

Buch: Vom Longensalat zur Doppellonge

Ich habe mal wieder was gelesen. Ich tue das selten, ich kann nicht gut aus Büchern lernen. Aber das Thema Doppellonge hat mich gepackt und ich habe schon lange nach einem Buch gesucht, was mich anspricht. Zum Glück kann man ja im Internet durch Bücher stöbern und oft ein paar Seiten einsehen und jedesmal sah ich dort Dinge, die mir nicht gefielen. Nein, ich will nicht 4 Umlenkrollen an mein Pony schnallen, will nicht die äußere Longe ums Hinterbein führen und habe auch sonst keinen weiteren Verschnürungsbedarf. Eigentlich will ich vor allem mal Griffe lernen, die wirklich funktionieren.

Dann hörte ich einen Podcast, in dem Sabrina Möller, die Autorin des heute vorgestellten Buches, über ihre Doppellongenarbeit spricht. Und als sie dann den Titel ihres Buches nannte, da hatte sie mich. Longensalat, das ist ja genau das, was ich immer habe. Und nur die Tatsache, dass mein Pony so artig und geduldig ist und so wunderbar auf Stimmkommandos hört, rettet mich ein ums andere mal. So habe ich also dieses Buch bestellt und ich wurde nicht enttäuscht.

Für jemanden wie mich, die eher instinktiv gegen all dieses Verschnallen und Verschnüren ist, ist es eine Wohltat, mal genau aufgeschlüsselt erklärt zu bekommen, welche Kräfte bei welcher Verschnallung wo wirken. Und warum die Verschnallung, die mir anfangs für Duncan empfohlen wurde, eben doch gar nicht unbedingt einfacher fürs Pferd ist, sondern in Wirklichkeit meistens nur einfacher für den Menschen. Und wie man es besser machen kann. Allerdings erschüttern mich die vielen Seiten der Erklärung, was die Autorin alles NICHT macht, denn all das steht anscheinend in vielen Lehrbüchern drin und wird (nicht nur) von der FN genau so propagiert. Und zwischen den Zeilen kann ich lesen, dass dort eben immer noch die Devise gilt „Hauptsache der Kopf ist unten“. Es macht mich traurig, dass jemand, der ein schönes Buch über pferdegerechte Arbeit schreibt, so viele Seiten darauf verschwenden muss, erstmal zu erklären, warum sie all diese Dinge nicht tut. 14 Seiten gehen drauf um alte Zöpfe abzuschneiden und das in dem Wissen, dass eben jene Methoden weiterhin überall gelehrt und gedruckt werden.

Aber zurück zum Buch: Nachdem also all die ungünstigen Verschnallungsvarianten erklärt wurden (Vorteil: es bleiben nur zwei Verschnallungen übrig, die sinnvoll sind, das ist leichter zu merken), widmet sich die Autorin der Körpersprache und den Signalen des Longenführers. Hier bin ich an einer Stelle für mich auf andere Erkenntnisse gestoßen, das würde ich aber unter „persönlicher Stil“ oder „Prioritäten“ verbuchen.

Weiter geht es mit Erklärungen, warum man am Kopf des Pferdes nicht herumziehen sollte (auch hier frage ich mich immer wieder, wie es bloß sein kann, dass man das IMMER WIEDER erklären muss, aber ich sehe jeden Tag, dass es nötig ist….). Auf den folgenden Seiten kommt kurz „Raketenwissenschaft“. Ich sage mal so: wer mit der Doppellonge anfängt, wird sich hier mit Sicherheit überfordert fühlen. Die Parade ganz korrekt im richtigen Moment der Stützbeinphase zu geben ist was für Fortgeschrittene. Aber das ist ja toll: auch die Fortgeschrittenen können in dem Buch noch Feinheiten finden, mit denen sie ihre Arbeit verbessern können. Ich schiebe das für mich noch ein bisschen nach hinten, denn noch ist zu oft Salat in meinen Händen, als dass ich schon so gezielt einwirken könnte. Bis dahin freue ich mich, dass mein Pony gut auf Körpersprache und Stimmkommandos reagiert, so dass ich für die Basisübungen, die wir machen, keine superkorrekte Longenführung brauche. Denn irgendwie muss man das ganze ja auch noch ein bisschen üben dürfen und währen die Autorin ganz richtig empfiehlt, die Dinge viel am Lehrgerät und mit menschlichen Partnern zu üben, ist es dann mit einem Pferd eben doch nochmal was anderes. Auch im Kapitel über das korrekte Timing von treibender Hilfe und Parade kann man die (berechtigte) Kritik der Autorin an den gängigen Methoden finden und bekommt ganz genau erklärt, warum man eben NICHT gleichzeitig hinten treiben und vorne annehmen sollte.

Dann geht es ans Eingemachte: die Griffe. Hier hat das Buch mich erstmal überrascht. Ich wusste, dass es an der Doppellonge einige verschiedene Möglichkeiten der Handhabung geht und ich hatte irgendwie gedacht (warum weiß ich nicht genau, ich glaube ich hatte das im Podcast falsch verstanden), dass hier verschiedene Möglichkeiten dargestellt werden mit Vor- und Nachteilen. Das ist nicht der Fall. Die Autorin führt die Doppellonge nach Achenbach und das ist auch das System, was sie im Buch erklärt. Ich bin erst etwas erschrocken, denn in diesem System bleibt die Longe immer in der linken Hand und die Peitsche in der rechten, auch wenn man rechtsherum longiert. Bisher hatte ich das für ein zumindest für mich ungeeignetes System gehalten, da ich dachte, es bringt die Körpersprache komplett durcheinander, wenn man überkreuz arbeitet. Allerdings war ich, als ich „Achenbach“ las, gleich Feuer und Flamme, denn nach Achenbach wird hierzulande auch Kutsche gefahren, das heißt, die Griffe sind im Grunde die Gleichen und man muss nicht noch eine neue Variante von Griffen lernen. Diese Griffe werden detailliert in Wort und Bild erklärt. Praktisch, weil zum Beispiel einer den Text vorlesen kann, der andere entsprechend greift und man dann anhand des Bildes kontrollieren kann, ob man es richtig verstanden hat. Das finde ich besser, als wenn es nur Bilder mit kurzen Hinweisen gibt.

Gut gefällt mir auch, dass nicht nur die „normale“ Doppellongenarbeit abgehandelt wird, sondern auch andere mögliche Positionen gezeigt werden, die mit der Doppellonge möglich sind (Handarbeit, Langzügel, Fahren vom Boden) und die Wechsel zwischen diesen Positionen, was die Arbeit mit der Doppellonge sehr viel interessanter und vielseitiger macht.

Schließlich erklärt die Autorin noch die Gewöhnung des Pferdes an die Doppellonge. Hier zeigt sich, dass doch dringend ein Helfer dabei sein sollte für die ersten Schritte, auch wenn man ein ruhiges Pferd hat, macht es das für alle so viel leichter und sicherer. Und selbst der Weg vom Putzplatz zum Reitplatz und das Auf- und Abwickeln der Doppellonge werden detailliert erklärt. Auf den letzten Seiten finden sich einige Übungen und dazu aufgelistet mögliche Probleme und ihre Ursachen.

Natürlich habe ich nicht erst das ganze Buch gelesen und dann angefangen, dafür bin ich zu ungeduldig und mein Pony kennt ja die Doppellonge auch schon und ist sehr sicher und entspannt. Ich hatte mir das Buch ja vor allem gekauft, um den Longensalat mit einem feinen Dressing zu verspeisen.

Hochmotiviert ging ich mit Arnulf auf dem Sofa die Griffe durch. Am nächsten Tag musste Duncan dann herhalten für einen ersten Versuch (ich lerne wieder eine Menge darüber, wie ich selbst am besten lerne). Und bei diesem ersten Versuch erwartete mich eine große Überraschung: das Arbeiten überkreuz finde ich sehr viel angenehmer, als das Hin und Her zwischen rechter und linker Hand. Abgesehen davon, dass ich am ersten Tag noch sehr gekämpft habe mit dem Nachgreifen und Verlängern der Longen (und diesen Kampf auch noch nicht gewonnen habe) merke ich schon jetzt, wie das klar durchdachte System des Herrn Achenbach auch solchen „Stricklisln“ wie mir auf die Sprünge hilft (auch wenn ich fürchte, der gute Mann dreht sich des öfteren im Grabe herum, wenn ich loslege, aber ein bisschen mogeln muss am Anfang halt auch mal erlaubt sein, finde ich).

Ich kann das Buch „Vom Longensalat zur Doppellonge“ uneingeschränkt empfehlen für alle, die Lust auf Doppellonge haben (und sich vielleicht noch nicht recht trauen). Sabrina Möller steht ab sofort auf meiner „Kurs-Wunschliste“, ich hoffe sehr, einmal Unterricht bei ihr nehmen zu können. Und ich bin jetzt noch etwas mehr verliebt in die Doppellonge – nicht aufgrund dessen, was im Buch steht (Papier ist ja sehr geduldig, wie man weiß), sondern aufgrund der Ergebnisse, die ich direkt an den Pferden sehe. Die Doppellonge – wenn sie so ruhig und präzise geführt wird – bringt ganz andere Ergebnisse als die einfache Longe. Die Pferde werden gerader und länger, die äußere Schulter findet ihren Weg viel besser und die Doppellonge übernimmt allein durch ihre Anwesenheit die Funktion eines Rahmens, an dem das Pferd sich orientieren kann und der an der einfachen Longe komplett fehlt.

In meinem Kopf arbeite ich jetzt daran, das ganze noch etwas herunterzubrechen, so dass man möglichst einfach starten kann und da habe ich auch schon einige Ideen. Also: Freiwillige vor, ich brauche Übungspferde und Übungsschüler 🙂

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 498

Nanu, Wackelkistentag? Am Mittwoch? Und mein Mädchen ganz aufgeregt. Ein Abenteuer! Das rieche ich doch schon! Mein Mädchen hat gesagt, wir beide haben heute einen Job: jeder bewahrt so gut er kann die Ruhe. Und dass ich das bestimmt besser kann als sie, hat sie gesagt, aber dass sie auch ihr bestes gibt. Also rein in die Wackelkiste und Heu mampfen. Wo es wohl hingeht?

Es ging an einen Ort, den ich schon ganz gut kenne, da waren wir schon öfter. Und wer war da auch? Ritter Willibald („Willibald vom Blamauer zu Stössing“)! Na sowas! Da waren wir zum ausreiten verabredet, nur er und ich (und natürlich unsere Mädchen).

Schnell satteln und schon ging es auch los – ich vorneweg. Erst wollte ich nicht so, war mir nicht sicher, ob der Willi auch wirklich mitkommt! Dann habe ich gemerkt, dass er mitkommt und bin munter los marschiert. Mein nervöses Mädchen hat sich ganz schnell entspannt und alsbald waren wir an dem schönen Grasweg und sind getrabt. Da war ein heimtückisches Matschloch, das war so tief, da wäre ich doch fast drin stecken geblieben! Aber ich kann sowas ja. Mit Schwung die Füße wieder hochziehen und – hopp! – schon bin ich wieder draußen. Der Weg war ganz schön zugewuchert (ist er im Sommer immer) und ich wollte gern förstern, was sich im Trab aber doch recht schwierig gestaltet und auf gar nicht soooo viel Gegenliebe bei meinem Mädchen stieß. Weiter ging es auf den Sandweg und Willi hat uns dann überholt. Alter Schwede, wenn der lostrabt, muss ich aber ganz schön Gas geben! Mädchen, wollen wir nicht… nein, Trab sollte es sein. Ich hab mich redlich bemüht, aber am Ende musste Willi doch kurz warten. Und dann ging es los mit der Wegesuche. Mein Mädchen hat ja so gar kein Wege-Gedächtnis irgendwie – man möchte meinen, sie kennt die Tour langsam mal! Ist ja nicht so, dass wir hier nicht schon öfter gewesen wären. Aber sie hat alle Nase lang auf ihr Handy geschaut, nur um sich dann doch zu vertun. Plötzlich standen wir mitten im Wald und mussten umdrehen. Von hinten kam ein Radfahrer, der meinte, der Weg ginge zwar weiter, aber wir würden da nicht durchkommen. Unsere Mädchen waren etwas verwundert, wie der Radfahrer da durchkommen will, wenn wir es nicht können? Aber egal, umdrehen, ein (kleines) Stück zurück reiten und den richtigen Abzweig nehmen. Dann noch ein schönes Stück Trab bis auf der rechten Seite eine Herde Rinder war, die das sehr interessant fanden, dass wir so schnell laufen. Mein Mädchen hat dann darum gebeten, Schritt zu gehen und Willibald ist stehengebliebn und hat sich die Rinder genau angeschaut. Dann hat er plötzlich laut gewiehert! Mann, ich hab mich vielleicht verjagt. Und dann diese Rinder, die auch so aufgeregt waren! Mein Mädchen wollte dann lieber weiter. Und dann kam noch von hinten unser Freund, der Radfahrer, dem sind wir dann davongetrabt. Aber als wir an die Straße kamen, hat er uns eingeholt und uns gefragt, wo wir denn hin wollen. Er hat uns dann den Weg erklärt, was ja gar nicht nötig war, weil mein Mädchen ja aufs Handy gucken konnte. Aber wenn er meint? Ein ganzes Stück ging es dann auf der Straße entlang, an der Genießerbank vorbei und mit ein paar Radfahrern, zwei Autos und einem gruseligen Trecker. Der Trecker stand ganz still am Straßenrand und irgendwie fanden Willi und ich den beide komisch. Aber ich war schließlich mutig und bin vorneweg daran vorbei marschiert! Keks!

An einer Stelle haben wir angehalten, weil alles zusammenkam: Rinder rechts auf der Weide, Auto von vorn, Fahrräder von hinten. Ich stehe also so am Wegesrand und warte, Willi hinter mir. Das Auto an uns vorbei und dann hatte Willi irgendwie nicht gemerkt, dass da Radler von hinten kamen. Hat sich kurz erschreckt und ist ein bisschen in mich rein gehopst (nur ganz sachte). Zack! – war mein Mädchen stolz, weil ich das ganz ungerührt hingenommen habe. Letzte Jahr hätte ich bei so einer Aktion noch ganz böse gemeckert! Aber jetzt bin ich ja viel erwachsener und gelassener und kann das mal aushalten.

Weiter ging die Reise durch die Felder – da war das so windig, dass unsere Reiterinnen sich kaum unterhalten konnten, weil es so laut war! Richtig stürmisch, aber dafür waren halt keine Fliegviecher unterwegs. Dann über die total schräg abgestürzte Spurbahn im Trab und über den schönen Grasweg zurück (mit kleiner Erschrecker-Galopp-Einlage meinerseits, aber mein Mädchen wird immer besser darin, das auszuhalten!), dann nochmal Willi vorneweg in seinem super schnellen Trab (ich hinterher gehechelt – Mädchen, wollen wir nicht….? Nein, wir bleiben im Trab. Willi hat dann wieder auf uns gewartet, was ich sehr nett fand). Und schon waren wir zurück an der Wackelkiste. Der Tacho zeigte gute 12km in ungefähr 2 Stunden an. Mein Mädchen war besorgt, ob mich das jetzt aufregt, wenn Willi in seine Wackelkiste steigt und ich in meine, aber ich war gut ausgetobt und ziemlich hungrig (wir haben unterwegs gar keine Graspause gemacht, ist das zu fassen?) und wollte einfach Heu essen. Ab nach hause, dort gleich schön auf die Wiese.

Und jetzt, mein Mädchen, will ich nix mehr hören von Pubertät und komischen Launen! Ich bin nämlich der beste Ritter in der glänzendsten Rüstung und habe alles – ich wiederhole ALLES – total richtig gemacht! Das findet mein Mädchen auch. Und jetzt ist sie wieder so stolz, auf mich, aber auch auf sich selbst, dass sie sich das getraut hat, mit mir so ganz allein.

Und Willibald wird offiziell in die Riege meiner Ausreitkumpel aufgenommen. Er ist ein richtig cooler Typ, kennt alles, weiß alles und ist Vollprofi im Ausreiten. Er hat sogar schon Gruppen durchs Gelände geführt! https://horsetrail.jimdofree.com/

Willi ist jetzt auch mein Ausreitkumpel!

Wenn ich groß bin (mein Mädchen sagt, ich werde niemals so groß sein wie Willi, und darüber ist sie auch sehr froh, denn kleine Ponys haben große Vorteile!) also wenn ich ganz erwachsen bin und wir noch mehr Erfahrung gesammelt haben, dann sind wir beide auch so coole Socken wie Willi und sein Mädchen. Gaaaaaaanz entspannt. So wie auch Diego und der Mann immer drauf sind. Bis dahin halten wir die Aufregung aber gut aus, sagt mein Mädchen.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel (Freund von „Willibald vom Blamauer zu Stössing“)

Schön war das. Danke, Willi!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 497

Ich bin ja so ein Guter. Immer bin ich artig, immer mache ich alles richtig. Sagt mein Mädchen ja selbst! Ich bin total bemüht und stets gut gelaunt. Arbeite als Lehrpony, reime mir da ganz fix und schlau zusammen, was wann zu tun und zu lassen ist, passe auf meine kleine Freundin auf, übe mit meinem Mädchen an der Doppellonge und wenn ich mich tatsächlich mal erschrecke, dann achte ich drauf, dass ich mein Mädchen noch mitnehme. Also kurz und gut: ich bin der perfekte Ritter in glänzender Rüstung.

Aber auch der perfekteste Ritter in der allerglänzensten Rüstung hat einfach mal einen schlechten Tag. Und prompt muss ich mir anhören, ich hätte Pubertät. Nur weil ich mal nachfrage, ob wir nicht endlich mal wieder einen anderen Weg reiten könnten und wann wir eigentlich mal wieder so RICHTIG ausreiten gehen. Und warum mein Mädchen immer alles bestimmen darf. Hmpf. Und so kam es, dass wir uns gestern tatsächlich kurz mal gestritten haben. Das ist sehr, sehr selten und ich hab dann auch alsbald gemerkt, dass es schlauer und angenehmer ist, einfach schön zu traben, das entspannt mich ja dann auch. Aber mein Mädchen war den ganzen Montags-Ausflug über misstrauisch mit mir. Voll blöd, weil ich danach doch wieder total artig war OBWOHL ich nicht so schnell und so lang laufen durfte, wie ich wollte. Menno.

Mein Ausreitkumpel ist IMMER NOCH nicht wieder fit – langsam werde ich ihm böse! Deswegen war sein Mädchen wieder mit dem Fahrrad mit. Sie hat jetzt ein neues Rad, das heißt „Gazelle“ und kann wohl schneller laufen als der alte Drahtesel. Leider hat sie aber auch immer die Hunde mit und denen war sooooooo warm, dass die nicht so schnell laufen wollten. Mir war die Wärme ja egal, ich war nach 8km gut im Fluss und hätte ganz gut die Runde nochmal laufen können, aber da wurde nix draus. Schade. Ich könnte wirklich, wirklich mal wieder so einen richtigen Auspower-Ausflug gebrauchen!

Mein Mädchen meint, ich hätte, Pubertät, Frühling, Energieüberschuss und Wachstum in einem. Sie hofft, dass ein paar dieser Dinge sich gut lösen lassen und ansonsten müssen wir das wohl aussitzen, sagt sie. Ich sage: sie ist verwöhnt und irrsinnig anspruchsvoll und soll sich mal nicht ganz so anstellen, nur weil ich mal ein Läunchen und ne Meinung habe.

Euer (angeblich pubertärer) Ritter in glänzender Rüstung Sir Duncan dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 496

Menschen haben zwei Beine und Ponys vier. Deswegen sind wir euch grundsätzlich überlegen, wenn es ums Laufen geht. Wehe, wenn euch von euren zwei Beinen eins wegrutscht, da liegt ihr fix auf der Nase! Wir haben dann noch drei am Boden, das klappt meistens. Und wenn von 4 Beinen mal eines weh tut, kann man das in die Luft halten und hat noch drei übrig zum laufen – ist nicht schön, funktioniert aber (mein Ausreitkumpel praktiziert das gerade). Ihr Menschen könnt hingegen ja nur noch hüpfen, wenn euch ein Bein wehtut. Mein Mädchen hat das damals mal demonstriert, das sah wirklich ganz und gar nicht gut aus!

So ging es auch dem Mädchen vom Schimmelfreund, nachdem sie böse umgeknickt war. Und als mein Mädchen gesehen hat, wie die so vor sich hin hoppelt, da fiel ihr ein, dass der Mann noch „Unterarmgehhilfen“ (der Volksmund sagt „Krücken“) auf dem Speicher herumstehen hat. Und wenn meinem Mädchen sowas einfällt, dann weckt das sofort ihren Spieltrieb. Ob sie mich auch noch führen könnte, wenn sie selbst einen bösen Humpelfuß hätte und an Krücken ginge? Das musste sie dann gleich mal ausprobieren. Sie sagt dann immer, sowas erweitert meinen Horizont und es ist eine gute Übung. Ich denke mir meinen Teil, bin aber ja Gentleman und mache alles mit was man mir aufträgt.

Das schöne Gras….  aber nein. Nix darf man.

So, mein Mädchen, und nachdem du nun meine Nerven getestet hast, teste ich deine. Wir sind dann heute einmal unsere kleine Hausrunde geritten, mit viel „Angebertrab“ und Seitengängen, damit Diego seine Fitness langsam wieder aufbauen kann. Ich war aber in Frühlingslaune und also etwas schreckhafter als sonst. Und wenn es so im Gebüsch raschelt, kann ich einfach manchmal nicht an mich halten! Mein Mädchen hat nachher gesagt, sie versucht, es positiv zu sehen. Sie kann nämlich zwei Punkte auf ihrer Liste abhaken. Was passiert, wenn ich mich auf dem Dornröschenweg erschrecke und was passiert, wenn ich mich beim bergab-gehen erschrecke. Antwort ist immer die gleiche: nix wildes. Ich sprinte kurz los, mache ein paar Galoppsprünge, merke dann, dass es eben doch kein Säbelzahntiger war und pariere wieder durch. Mein Mädchen weiß ja, dass sich das wieder legt, wenn der Sommer kommt, ich mehr Gras esse und alles wieder ruhiger wird in meinem Kopf. Sie wünscht sich nur, dass der Ausreitkumpel endlich wieder fit wäre, dann könnten wir mit ihm eine schöne, ausgiebige Trabrunde drehen, das hilft am besten gegen Schreckhaftigkeit. Aber weil ich schon so gut trainiert bin, braucht es flotte 12km oder lieber mehr, bis wirklich alle Hummeln aus meinem Hintern weg sind. Das kann Diego im Moment nicht und allein können wir es schon gar nicht. Mein Mädchen hat sich aber fest vorgenommen, dass alleine ausreiten weiter voranzutreiben, damit wir nächstes Jahr da bessere Möglichkeiten haben. Nur im Moment wird sie sich das nicht trauen, sagt sie, wenn ich so schreckhaft bin. Irgendwie ist das ein Teufelskreis, scheint mir!

So, jetzt sind alle Nerven getestet, ich verbummel den Tag im Paddock und mein Mädchen und der Mann backen Waffeln für Diegos Retterinnen, die ihn, als er Ostersamstag sooooo krank war, in die Klinik gefahren haben. Jetzt sieht es ja so aus, als ob er wieder ganz gesund ist, er soll jetzt wieder ins Training kommen und wir hoffen, dass alles wieder gut ist. So ganz sicher wissen wir das wohl erst in ein paar Wochen, wenn er nochmal Blut hergegeben hat und wenn er dann bis dahin stabil gesund ist. Vielleicht ist er der härtere Nerventester als ich?

Euer Nerventester Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 495

Gestern hatte ich schon wieder einen Spezialauftrag als Lehrpferd! Diesmal kam eine nette Schülerin von meinem Mädchen. Die hat selbst auch Ponys und kann echt gut reiten – nur nicht im Galopp. Im Gelände kann sie voll gut Galopp reiten, aber in der Bahn auf dem Kreis kriegt sie das nicht hin, sagt sie. Und ich kann das gut verstehen! Ich fand das am Anfang auch voll kompliziert. Ich meine: geradeaus galoppieren ist ganz leicht. Aber wenn da immer eine Kurve an der anderen kommt, das ist schon ein anderer Schnack! Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie schwierig ich das am Anfang fand. Erst zu Weihnachten letztes Jahr habe ich es zum ersten Mal geschafft, mit meinem Mädchen auf dem Rücken auf dem Reitplatz zu galoppieren. Also ich verstehe, das man das auch als Reiterin kompliziert finden kann. Und umso mehr war ich natürlich bereit, zu helfen.

Mein Mädchen hat mich an die Longe genommen, damit unsere gemeinsame Reitschülerin nicht auch noch lenken muss. Die hat sich erstmal nur aufs Sitzen konzentriert, während mein Mädchen mir gesagt hat, welche Gangart dran ist. Dann wurde es etwas komplizierter für mich, denn jetzt hatte mein Mädchen zwar noch die Longe in der Hand und im Zweifel auch das letzte Wort, aber meine Reiterin sollte versuchen, mir zu sagen, wann ich angaloppieren soll. Und zwar nicht mit der Stimme, sondern mit ihrem Sitz und ihren Beinen. Mein Mädchen hat derweil ruhig in der Mitte gestanden. Und ich hab das jetzt kapiert: wenn von ihr so gar nix kommt, muss ich mich nach dem anderen Menschen richten, der da ist. Hab ich gemacht. Habe geknobelt und gelauscht und nachgefragt und ausprobiert, bis ich kapiert hatte, was meine Reiterin will. Und was soll ich euch sagen: nach ein paar Versuchen hatten wir beide das schon ganz gut raus! Und jetzt kann meine Schülerin sich auch vorstellen, wie das gehen könnte, im Kreis zu galoppieren. Vielleicht kommt sie nochmal zum üben, mal sehen. Bis dahin ist mein Mädchen wieder verdammt stolz auf mich, weil ich das so toll hingekriegt habe und so schlau rausgefunden habe, wann ich auf wen hören soll. Ja, ich bin eben ein kluger Ritter! Und schon voll das gute Lehrpony, sagt mein Mädchen, vor allem in Anbetracht meiner noch jungen Jahre und spärlichen Erfahrung in dem Job.

Ich kann das!

Euer Galopp-Erklärer Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 494

Gestern war meine kleine Freundin wieder da. Wir sind jetzt schon ein richtig gut eingespieltes Team. Ich halte ihr meinen Kopf hin und schiebe meine Nase ins Halfter und dann warte ich, bis sie meine Ohren da durch gewurschtelt hat. Mein Mädchen hat mir diesmal kurz vorher ein paar Zöpfchen geflochten, weil mein prächtiges Wallehaar das aufhalftern sonst sehr erschwert. So ging das sehr gut.

Weil ich ja letztes mal plötzlich auf dem Fuß meiner kleinen Freundin gelandet war, hat mein Mädchen ihr gezeigt, wie sie mich von sich weg wenden kann, damit ich nicht auf ihrem Fuß lande. Dann wieder putzen, Pad drauf machen und los ging es zum Reitplatz. Auch dort hatte mein Mädchen schon Sachen aufgebaut, damit meine kleine Freundin lernt, mich besser zu dirigieren und mich nicht direkt auf ihren eigenen Fuß zu lenken. Erst ging es ins „Hütchen-Schloss“. Meine kleine Freundin hat sich vorgestellt, sie sei eine Prinzessin und sie muss ihr Schloss gegen Eindringlinge verteidigen. Ponys dürfen nämlich nicht ins Schloss, die wohnen im Stall! Ich sollte dann im Kreis herum gehen um ihr Schloss. Nach ein bisschen knobeln haben wir beide das gut hingekriegt und auch den Richtungswechsel gut geschafft. Als das geklappt hat, haben wir noch „Ecken laufen“ geübt. Mein Kopf war schon etwas angestrengt und dann werden meine Füße ja immer so schnell, weiß auch nicht warum das immer passiert. Aber wir haben auch das noch gut hingekriegt.

Die Prinzessin verteidigt ihr Hütchen-Schloss

Zum Schluss ist meine kleine Freundin noch aufgestiegen und wir haben die Übungen wiederholt, nur dass sie diesmal oben saß und mein Mädchen mich gelenkt hat. Und am Ende haben wir nochmal Absteigen geübt, da hatte meine kleine Freundin noch Übungsbedarf. Aber jetzt hat sie das voll raus! Und schon war wieder Feierabend und der beste Teil war dran: sie hatte einen Tupper voller Möhrenscheiben mit! Und die durfte ich eine nach der anderen verspeisen (bis auf ein paar, die Caruso abgestaubt hat. Aber Caruso ist mein Freund, das ist ok.)

Mein Mädchen war wieder sehr stolz auf mich, aber auch auf meine kleine Freundin, die sich wieder alles so gut gemerkt hat und alles so gut hinkriegt mit mir. Und heute habe ich wohl schon wieder einen Spezial-Auftrag, wie ich gehört habe, da bin ich ja mal gespannt!

Euer Lehrpony Sir Duncan Dhu of Nakel

Nein

Duncan steht am Zaun und starrt gebannt auf die Weide. Dort, oben auf dem Hügel, sieht er Arnulf. Der ist schon wieder auf die Jagd nach Jakobs-Kreuzkraut gegangen. Aber Arnulf ist auch derjenige, der die Ponys morgens für 30 min ins Gras lässt. Und dass er jetzt, einige Stunden danach, auf der Weider herumläuft, scheint in den Ponys Hoffnungen zu wecken. Ich möchte reiten und rufe Duncan. Der schaut mich kurz an und dreht sich dann wieder weg. Ich räume den Reitplatz auf, Stangen weg, Hütchen hin. Ab und zu rufe ich Duncan, aber mehr als einen Blick bekomme ich nicht. Also gut, dann hole ich ihn eben. Ich gehe auf den Paddock und rufe ihn wieder. Er geht einen zögerlichen Schritt auf mich zu. In diesem Moment beschließt Diego, doch mal nachzuschauen, was Arnulf da treibt und geht den Rundlauf entlang um den Hügel hochzukommen und bessere Sicht zu haben. Und Duncan beschließt, lieber Diego zu folgen als zu mir zu kommen. So deutlich hat er (soweit ich mich erinnere) noch nie NEIN zu mir gesagt.

Ich habe mir immer vorgenommen, ein deutliches Nein zu akzeptieren. Ich drehe mich also um und gehe – frustriert – in den Stall. Dort ist genug zu tun…. Duncan wandert mit seinen Freunden um den Rundlauf. 1,5 Stunden später versuche ich es erneut. Duncan steht an der selben Stelle im Paddock wie zuvor, aber Arnulf ist nicht mehr auf der Weide unterwegs. Ich rufe Duncan und der kommt – wie sonst ja auch üblich – prompt zu mir. Wir genießen eine fabelhafte Reiteinheit (wenn es jetzt auch noch etwas wärmer ist als zuvor, aber das macht Duncan zum Glück nichts aus).

Eigentlich hat Duncan ja immer Lust, etwas mit mir zu unternehmen. Wenn ich ihn doch mal etwas bitten muss, er mal nicht gleich angelaufen kommt, dann sage ich immer „der Spaß kommt bei der Arbeit“. Er kommt spätestens dann, wenn ich ein Stück auf ihn zu gehe. Wegdrehen, so wie diesmal, tut er sich niemals und ich muss auch nie den letzten Meter zu ihm hingehen. Aber diesmal hatte Duncan wirklich keine Zeit für mich. Er war auf einer wichtigen Mission, er darf auf keinen Fall auch nur einen Grashalm verpassen. Das ist zu dieser Jahreszeit so und ich weiß das ja auch. Deswegen darf er im Moment auch vor dem Reiten jeweils einige Minuten am Reitplatzrand grasen, nach dem Reiten darf er das ja sowieso fast immer. Ich versuche, seinen Grashunger so gut wie möglich zu berücksichtigen. Diesmal war also eine neue Variante davon im Spiel und ich weiß jetzt: wenn Arnulf sichtbar auf der Weide herumturnt, werde ich keine Arbeitseinheit planen. Oder aber ich plane dann mal die Zeit ein, übe das „Einfangen“ mit Duncan und gehe dann ausgiebig mit ihm grasen. Das wäre mal eine gute Option, ihm zu zeigen, dass ich doch ganz brauchbare Ideen habe und meine Vorschläge ihm nutzen.

Im Nachhinein bin ich ein bisschen stolz auf mich, denn vor ein paar Jahren hätte ich das anders gehandhabt. Ich hätte darauf bestanden, dass Duncan mit mir kommt und ich hätte dafür auch Druck ausgeübt wenn nötig. Und damit meinem Pony gezeigt, dass die Dinge, die ihm wichtig sind, für mich keine Rolle spielen. Dass ich nur meine eigenen Ideen wichtig finde und ihn nicht wahrnehme. Das wäre ja schade gewesen, aber man hat es mir mal so beigebracht. Jetzt bin ich klüger und darüber freue ich mich. Und ich freue mich auch, dass Duncans Kommunikation so klar verständlich ist, denn es ist mir wichtig, zu wissen, wann er NEIN sagt. Im Umkehrschluss weiß ich dann nämlich auch, dass er wirklich JA sagt, wenn er zu mir kommt. Und das fühlt sich sehr gut an.

Update von Diego (bestimmt wartet Ihr darauf): es sieht gut aus! Wir haben verfrüht um ein neues Blutbild gebeten (diese Warterei haben wir so satt!) und das sieht bisher sehr zur Zufriedenheit der Tierärztin aus, es sind aber noch nicht alle Werte da, genaueres erfahren wir am Montag. Wir haben das Ok, ihn wieder anzutrainieren, tun also jetzt einfach mal so, als wäre alles in Ordnung. In 6 Wochen soll es ein neues Blutbild geben. Hoffentlich können wir dann sagen: vollständig gesund. Ich weiß, Eure Daumen sind schon blau, aber vielleicht könnt ihr noch ein bisschen drücken, während wir noch ein paar Wochen zwischen warten, beobachten, hoffen, Sorgen machen und auftrainieren schwanken.