Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 432

Weil es ja mit dem Ausreiten so wenig war in den letzten Wochen und wir so viel auf dem Reitplatz geübt haben, meinte mein Mädchen, wir machen das so abwechslungsreich wie möglich. Also hat sie gestern die Garrocha mal wieder zur Hand genommen. Das haben wir lange nicht gemacht! Sie hatte mir im Sommer gezeigt, dass ich mich davor nicht fürchten muss und dass sie das laaaaaaaange Ding beim reiten in der Hand hält und hinter uns her zieht und so. Aber dann hat sie es beiseite gestellt, weil es ja mit der Lenkung noch so haperte und mit meinem Gleichgewicht. Wenn sie die Garrocha in der Hand hat, hat sie ja nur noch eine Hand für die Zügel und kann auch keine Gerte mitnehmen, mit der sie mir nochmal erklären könnte, was ihr Bein mir gerade sagen will. (Also wenn sie ihr Bein anlegt, kann das ja verschiedene Dinge bedeuten. Und wenn ich dann nicht kapiere, dass sie gerade über mein Hinterbein spricht, was ich mal etwas seitlich unter meine Körpermitte nehmen soll, dann kann sie mit der Gerte an mein Bein tippen, dann weiß ich, welches Bein was machen soll).

Also: Zügel in eine Hand und keine Gerte. Das heißt ich muss voll gut aufpassen auf ihren Sitz und ihre Beine. Sie hingegen ist ziemlich beschäftigt mit der Holzstange, die ist etwas widerspenstig (sagt mein Mädchen. Ich glaube, sie ist nur nicht in der Lage, richtig damit umzugehen!). Also hat mein Mädchen auch nicht die ganze Aufmerksamkeit bei mir. Ihr seht schon: erhöhter Schwierigkeitsgrad!

Und dann hat sie die Garrocha mit der Spitze am Boden abgestellt und verkündet, dass wir jetzt einen perfekt runden Kreis reiten. Die Garrocha ist unser Zirkel und wir sind die Bleistiftmine, die die Linie malt. Na klar! Kein Problem! Oder eben doch. Was sind wir da herum geeiert am Anfang! Das ist viel schwerer als es sich anhört! Aber nach und nach wurde es besser. Ich habe mich voll konzentriert und mir mächtig Mühe gegeben, alles, was sie sagt, richtig zu verstehen und umzusetzen. Das fand mein Mädchen toll und hat zwischendurch Kekse springen lassen – auch das ist mit der Garrocha komplizierter als sonst, aber wir können das.

Als wir auf beiden Seiten einen einigermaßen runden Zirkel hingekriegt hatten, haben wir noch ein paar Handwechsel versucht. Da hat mein Mädchen manchmal noch einen Knoten in den Armen, aber sie sagt, Übung macht die Meisterin und ich hätte alles perfekt gemacht. Dann war auch schon Feierabend (traben können wir noch nicht mit der Garrocha, das steht mal fest!). Mein Mädchen war sooooooo stolz auf mich, weil ich ganz toll erwachsen war und das ganze Chaos gut ausgehalten habe und mich so doll bemüht habe.

Eigentlich wollte sie das ganze für euch filmen, aber leider ist die Elektronik nicht wasserfest und es hat mal wieder etwas geregnet. Mein Mädchen sagt, da sieht man doch wieder, dass Ponys viel praktischer sind als der ganze neumodische Kram, wir Ponys sind nämlich wasserfest und machen uns nix aus Regen. Naja, so gibt es leider keinen Film aber beim nächsten Mal klappt es ja vielleicht!

Euer Garrocha-tauglicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 431

Heute waren mein Mädchen und ich wieder alleine ausreiten. Und ich habe euch ja versprochen, euch jedes Mal davon zu erzählen. Also ich bin los gegangen – etwas zögerlich, aber los. Ohne anhalten. Und dann immer etwas munterer, bis es schließlich ein langsamer, aber gleichmäßiger Schritt wurde. Als wir beim Nachbarn waren, kam uns ein Auto entgegen. Wir sind nach rechts gegangen, aber das Auto hat geblinkt und wollte vor uns abbiegen, also sind wir kurz stehengeblieben. Der Autofahrer hat sich nett bedankt, ist beim Nachbarn auf den Hof vor dessen Tür gefahren und hat dann erst mal 3 mal laut gehupt! Mein Mädchen war verdammt stolz auf mich, weil ich noch nicht mal mit einer Wimper gezuckt hab. Und ich hab direkt einen Keks kassiert. Weiter ging die Reise und ich bin tapfer weiter marschiert.

Erst dachte ich, wir grasen wieder nach der Kurve, aber mein Mädchen meinte, wir könnten doch mal ein kleines Stückchen traben, das haben wir dann auch gemacht. An meinem alten Freund, dem Mülleimer vorbei und weiter an des nächsten Nachbarn Koppel entlang. Als wir dort fast rum waren, habe ich angedeutet, dass Umdrehen eine Option sein könnte. Mein Mädchen hat gesagt, sie hat sich einen bestimmten Meilenstein gesetzt und den schaffen wir jetzt auch noch! Wir sind also noch ein Stück weiter geritten und am zweiten Mülleimer ist sie dann abgestiegen und hat mich ausgiebig grasen lassen. Als sie meinte es reicht, habe ich – einer guten Tradition folgend – noch schnell mein Geschäft erledigt (ich warte damit bis die Graspause zu Ende ist, weil ich beim Pieseln nichts essen darf und daher sonst wertvolle Fresszeit verschwenden würde!). Dann ist sie wieder aufgestiegen und wir sind ganz entspannt nach hause geschlendert. Ich hab mich gar nicht aufgeregt und mein Mädchen hat das schöne, stille Herbstwetter genossen. Zu hause sind wir dann noch kurz auf den Reitplatz gegangen. Nachdem wir schon 35min draußen unterwegs gewesen waren, fand ich das zwar übertrieben, aber ich weiß auch, wie ich unliebsame Arbeit am allerschnellsten beenden kann: bescheid sagen, dass ich keine Lust hab, aber dann nicht nölen, sondern mein allerbestes geben. Hab ich gemacht, hab meinen schönsten Trab gezeigt und mich ganz fein über den Sitz lenken lassen. Zack! Mädchen stolz und zufrieden und schon war Feierabend. Hab ich voll raus!

Mein Mädchen sagt, bei nächster Gelegenheit reiten wir dann mal links vom Hof und schauen wie weit wir da kommen und vielleicht reiten wir bald mal die ganze Hausrunde zusammen, so weit sind wir davon nicht mehr entfernt!

Ach das war toll. Wir waren beide nachher sooooo zufrieden mit uns. Mein Mädchen sagt, ich bin wahnsinnig erwachsen geworden und so ein feiner Kerl – das hör ich doch gern!

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 430

Richtig Herbst ist es jetzt geworden. Aber wir Ponys haben dieses Jahr viel Glück: wir haben noch so viel Gras auf der Weide, dass wir immer noch jeden Tag so zwei bis drei Stunden raus dürfen! Das Gras ist ganz alt und lang und das meisten treten wir platt. Das ist aber ganz gut, denn so geht die Grasnarbe nicht kaputt, obwohl es soooo viel regnet! Mein Mädchen sagt, es ist gut, dass es so viel regnet, der Boden braucht das Wasser nämlich, um sich mal wieder richtig voll zu saugen. Na dann will ich ihr das mal glauben. Uns macht der Regen ja eh nicht so viel aus. Im Gegenteil, wenn es so warm ist wie heute, sind wir ganz froh um den Regen, der kühlt uns etwas ab! Dann liegen wir gerne im nassen Laub zum schlafen – mein Mädchen schüttelt sich und fröstelt, aber wir finden das genau richtig. Nur Merlin hat seine Decke an, nicht weil er sonst frieren würde, aber damit seine alten Knochen schön warm bleiben.

Weil es so viel regnet und es schon so früh dunkel wird, war ich seit einer halben Ewigkeit nicht mehr mit dem Ausreitkumpel los und weil Diego ja so lange gelahmt hat, waren wir mit ihm auch nur ganz kleine Runden im Schritt draußen. Heute hätte es wieder losgehen können, aber erstens regnet es in einer Tour und zweiten hatten mein Mädchen und der Mann was im Haus zu tun und deswegen wird es wieder nichts mit einem zünftigen Ausritt. Langsam setze ich Schimmel an (bitte beachtet dieses gelungene Wortspiel)! Immer nur auf dem Platz reiten und ab und zu mal wippen oder mit viel Glück die kleine Hausrunde, wie soll denn so ein abenteuerlustiger Ritter wie ich das aushalten? Deswegen bin ich neulich mal kurz durch den Zaun geklettert. Wollte mir mal die Nachbarschaft anschauen! Aber man hat mich entdeckt und wieder eingesammelt. Zwei Mädchen vom Nachbarstall haben mich vom Acker gepflückt und nach hause geführt und dort mit mir am Strick auf dem Hof herum gestanden bis meine Menschen angeflitzt kamen. So war es dann nur ein sehr kurzer Ausflug, aber naja.

Während wir also die Zeit bis zum nächsten Ausritt mehr oder weniger gut rumbringen hat mein Mädchen einen neuen Spitznamen für mich gelernt: Pummel-Porsche! Sie findet, Pummel-Plüsch-Porsche würde es noch besser treffen und deswegen sagt sie das jetzt immer wenn sie mich sieht. Weil ich ja angeblich etwas aufgespeckt habe mangels echtem Sport. Dabei steht nur mein Fell so komisch ab wegen dem nassen Wetter und dem Matsch da drin! In Wirklichkeit bin ich rank und schlank ist doch klar. Aber ich finde, ein Porsche bin ich schon, also das ist ein guter Teil des Spitznamens.

Naja ich hoffe es wird bald mal wieder was mit einem schönen Ausritt, aber bis dahin bin ich froh um jede andere Beschäftigung, mal sehen was mein Mädchen sich heute wieder ausdenkt.

Euer Porsche-Pony Sir Duncan Dhu of Nakel

Was wir noch nicht können

Ich bin stolz auf mein Pony. Mit seinen 5 Jahren hat er schon eine Menge drauf, finde ich. Aber es gibt natürlich auch viele Dinge, die er noch nicht kann – oder besser: die wir noch nicht können. Denn vieles davon hängt mit meinem Nervenkostüm zusammen.

  • alleine ausreiten (würde schneller klappen wenn ich bessere Nerven hätte)
  • Kutsche fahren (hängt von vielen äußeren Faktoren ab, aber im Moment hätte ich ganz sicher nicht den Nerv dafür)
  • entspannt mit irgendwelchen fremden Pferden ausreiten (würde besser klappen wenn ich bessere Nerven hätte
  • Galopp auf dem Reitplatz

Und natürlich viele andere Lektionen etc, aber das sind jetzt mal die Dinge, die mir noch fehlen würden um zu sagen: er hat eine solide Grundausbildung, auf der wir jetzt weiter aufbauen können.

Normalerweise mag ich so eine Aufzählung von Defiziten nicht. Aber manchmal kann es helfen, vor allem dann, wenn es nicht um unüberwindbar scheinende Hindernisse handelt, sondern um Dinge, für die wir einfach noch nicht genug Übung haben. Also in die wir entweder noch nicht genug Zeit und Training investiert haben, oder für die Duncan noch etwas älter und erwachsener werden muss. In meiner Liste gilt an den meisten Punkten beides. Dass Duncan älter wird, passiert von allein. Dass er erwachsener wird, ist zum Teil aber auch mein Job. Denn das, was in der Natur passieren würde, wird hier in unserer Herde nicht passieren. In der Natur würden alsbald (wäre wahrscheinlich schon längst passiert) jüngere Pferde nachrücken und Duncan wäre nicht mehr das „Baby“ der Gruppe. Da in der Natur auch sehr viel mehr Verantwortung zu tragen ist, würde Duncan nach und nach in diese Aufgabe mit hineinwachsen. Bei uns ist aber (zum Glück!) alles sehr sicher für die Pferde und wenn dann doch mal was sein sollte, besteht Duncan nach wie vor darauf, dass Diego bitte die Verantwortung übernehmen soll. Ich muss mir also überlegen, wie ich es so hinkriege, dass Duncan einerseits MIR mehr zutraut, die Verantwortung zu übernehmen, andererseits aber auch selbst noch sehr viel sicherer wird in der Welt, so dass er SELBST auch mehr Verantwortung übernehmen kann und das auch tut.

Unsere „Ignoranz-Übung“ am Sonntag war da für mich sehr erhellend, denn ich glaube, in dieser Übung steckt von beidem ein bisschen. Nachdem ich Duncan bisher immer erlaubt habe, zu schauen, und ihn auch dazu ermuntert habe, finde ich jetzt, er kann unterscheiden zwischen den Dingen die er kennt und daher mit einem Blick abhaken kann und den Dingen die er nicht kennt.

In der Natur hätte vielleicht der erste Hungerwinter ihn das gelehrt (reine Phantasie meinerseits, keinerlei Wissenschaft!). Ich stelle mir vor, dass ein Pony am Rande des Existenzminimums zum einen keine Zeit hat, immer zu glotzen, weil es essen muss und zum zweiten auch keine Energie übrig hat um unnötig zu fliehen (auch wenn es nur ein paar Galoppsprünge sind). Vielleicht wird ein junges Pony in einem harten Winter eine gewisse Gleichgültigkeit erlangen, die bewirkt, dass es in Zukunft mehr unterscheidet zwischen echten Gefahren und Dingen, die in Wirklichkeit nicht gefährlich sind.

Vielleicht ändert sich diese Unterscheidung für einen jungen Hengst auch im Frühling, wenn die Stuten wichtiger sind als alles andere und man quasi nebenbei lernt, Dinge mal zu ignorieren anstatt alles anschauen zu müssen. Prioritäten setzen.

Soweit ich weiß, ist es wissenschaftlich erwiesen, dass für Pferde zunächst alle Außenreize gleich wichtig sind. Sie filtern nicht, wie wir, sondern nehmen alles wahr und schätzen alles in Hinblick auf seine Gefährlichkeit ein – ein überlebenswichtiges Konzept, wenn man bei so einigen Raubtieren auf dem Speiseplan steht! Dennoch können Pferde auch lernen, dem Menschen und seinen Signalen mehr Bedeutung zu geben als den anderen Informationen. Häufig geschieht dies leider auf recht unfeine Art und Weise, aber es geht durchaus auch nett und freundlich (wie immer dauert nett und freundlich anfangs länger, ist dann aber auch nachhaltiger und macht natürlich beide glücklicher).

Ich habe mir über diese Dinge bei Finlays Ausbildung nur wenig Gedanken gemacht. Finlay war so ein Stoiker, der hat sich für die meisten Dinge nicht interessiert. Was ihm Sorge gemacht hat – motorisierte Fahrzeuge – war mit Üben und Keksen zu erledigen. Ob er allein oder mit jemand anders unterwegs war, hat da nicht so einen großen Unterschied gemacht. Erst Duncans Art, die Welt zu sehen, haben mich darauf hingewiesen, wie viel es da noch zu entdecken gibt und Elsa Sinclair hat mich viel darüber gelehrt, worum es dabei geht.

Und fast alle Themen, die ich mit Duncan noch abzuhaken habe, bevor die Grundausbildung abgeschlossen ist, hängen mit diesem Thema zusammen. So sehe ich mich jetzt vor einer großen, neuen Aufgabe und die Liste an Dingen die er noch nicht kann lässt sich zusammefassen unter der Überschrift: was sein Mädchen jetzt ausprobiert und (neu) lernt.

Ich habe nicht erwartet, dass da noch so eine Mammutaufgabe lauert, aber ich bin froh, dass ich sie jetzt zumindest in Worte fassen kann, so dass ich nun genau weiß, worum es dabei geht.

Gleichzeitig lerne ich nochmal was über meine eigene Angst. Darüber, wie ich es am besten schaffen kann, meine Ängste in den Hintergrund rücken zu lassen. Ganz kleinschrittig und geduldig mit mir selbst zu arbeiten, meine Grenzen zu akzeptieren und immer mal einen kleinen Zeh rüber zu strecken, bis die Grenze sich etwas verschiebt. Niemand zwingt mich, allein ausreiten zu gehen. Aber ich merke: es ist mir wichtig genug, um es immer wieder zu versuchen. Und ich werde das auch schaffen. Irgendwann. Und noch etwas später werde ich es genießen können und Spaß daran finden – denn dafür mache ich das Ganze schließlich! Dabei denke ich an all jene Reitschülerinnen, die jetzt Dinge tun, die sie sich früher nicht getraut haben. Ich überlege, was diesen Frauen geholfen hat und versuche, es für mich genauso zu machen, wie ich es für sie gemacht habe.

Ein einziger Punkt auf obenstehender Liste hat nichts mit meinem Nervenkostüm zu tun: Galopp auf dem Reitplatz. Dass wir das noch nicht können hängt schlicht und ergreifend an Duncans Balance und Kraft. Ich habe ihn ein paar mal gefragt ob er es schafft, aber die Anwort war Renntrab (ich bin sicher dass er wusste, was ich wollte, er hat es nur nicht geschafft). Also warte ich nun wieder eine Weile, lasse ihn Kraft und Balance trainieren, bevor ich nochmal nachfrage. Gleichzeitig übe ich an der Longe das Angaloppieren aus dem Schritt, das dauert auch noch etwas, bis er das hinkriegt.

Ihr seht: es gibt viel zu tun. Langweilig wird uns nicht so schnell werden, die Herausforderungen warten überall. Und wenn wir die Punkte auf der Liste oben abgehakt haben, fallen uns neue Dinge ein, die wir noch lernen und üben können, aber darüber denke ich jetzt noch nicht groß nach. Nebenbei sind ja auch die anderen Dinge aktuell: Trainieren für den ersten kleinen Distanzritt (im Winter wird das schwierig, aber vielleicht können wir das Fitnessniveau wenigstens nicht allzu weit absinken lassen, damit es im Frühjahr flott wieder los geht), weiter auf dem Reitplatz an „schönem Reiten“ arbeiten, Trittsicherheit und Stärke trainieren (wahlweise am Berg, auf der Wippe oder über Stangen), den Kopf mit Umweltreizen füttern (in fremdem Gelände und vielleicht im Winter auch mal in einer fremden Reithalle bei einem Treffen mit anderen) und bei all diesen Dingen nie vergessen worum es wirklich geht: darum, die gemeinsame Zeit in vollen Zügen zu genießen, egal was wir schon können und was noch nicht.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 429

Du meine Güte, ich hab ja ganz vergessen, euch von unserem vor-vor-letzten Alleine-Ausreiten-Versuch zu erzählen! Das war an dem Tag an dem wir das mit den Kostümen gemacht haben und vor lauter Halloween bin ich total drüber weg gekommen, euch zu erzählen dass wir am selben Tag abends noch allein vom Hof geritten sind, mein Mädchen und ich! Diesmal mit Unterstützung vom Mann, der sollte sich das mal anschauen. Weil ich es ja soooo schwer finde, alleine los zu gehen. Und ich bin dann auch prompt auf dem Hof stehen geblieben. Der Mann hat meinem Mädchen dann gesagt, sie soll einfach mal Kreise auf dem Hof reiten. Das konnte ich! Dann haben wir die Kreise nach und nach verschoben und schließlich habe ich es geschafft, vom Hof zu gehen. Wir sind dann bis zum Nachbarn und von dort wieder zurück, aber nicht geradeaus, sondern mit lauter Kringeln und Schlangenlinien. Und dann nochmal Richtung Nachbar und mit Kringeln und Schlangenlinien zurück. Und das ging viel besser als geradeaus!

Seitdem waren wir nicht ganz alleine los, mein Mädchen und ich. Wir haben zwar alleine ausreiten geübt aber nur in der Version „allein ausreiten ohne allein auszureiten“ und das ist ja die Version, wo ich mit Diego vom Hof gehe und ihn dann unterwegs einfach überhole und allein nach mit meinem Mädchen nach hause trabe.

Aber heute war es so weit und mein Mädchen hat gesagt, wir versuchen jetzt mal wieder allein vom Hof zu kommen. Und wenn es nicht so gut klappt, können wir ja wieder Kreise und Schlangenlinien üben. War aber gar nicht nötig! Ich hab mich heute mutig getraut und bin fast ohne Zögern los marschiert, sogar am Nachbarn vorbei und um die Kurve rum! Mein Mädchen hat das geübt, was wir am Sonntag auch beim fahren ohne Kutsche geübt haben, nämlich einfach zu sagen, dass es los geht und daran zu glauben dass wir das schaffen und dass ich nicht alles so lange anschauen muss wie ich meine, sondern hinschauen, abhaken, wegschauen, weiterlaufen. Nach der Kurve war ich dann recht gut im Fluss und mein Mädchen meinte, das reicht. Kurz grasen, dann umdrehen. Mein Mädchen hat ja immer etwas Schiss, dass ich nach dem Umdrehen schnellstmöglich nach hause will, aber so eilig hatte ich es gar nicht, ich war ganz entspannt und so sind wir stolz wie Oskar nach hause gekommen und haben uns beide gefeiert, weil wir sooooooo mutig sind! Es geht voran!

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 428

Sonntagsausflug! Da Diego noch in der Genesungszeit ist (er hatte sooooo ein fieses Hufgeschwür! Aber jetzt ist er schon fast wieder fit) haben wir eine kleine Runde zu Fuß gedreht. Der Mann ist mit Diego spazieren gegangen und mein Mädchen hat mal wieder das Kutsche fahren ohne Kutsche geübt. Nachdem wir ja vor ein paar Wochen Unterricht bei der gestrengen Fahrlehrmeisterin hatten, wollte mein Mädchen das heute nochmal üben.

Auf ging es ins Dorf, ein Stück die Straße entlang. Da war heute wieder mal Rush-Hour! Unser Dorf ist ja normalerweise sehr beschaulich, aber manchmal halt auch nicht und keiner weiß so genau warum. Jedenfalls waren da wieder Heerscharen an Autos und so sind wir auf dem Bürgersteig geblieben. Ich finde das alles immer noch etwas komisch mit den Blendklappen, aber mein Mädchen hat gesagt, ich soll ruhig munter voran gehen, das würde schon passen. Diego war vor uns schon um die Kurve gebogen und ich wollte hinterher, da kam von hinten ein riesiger Camper und ich hab mich wirklich ein bisschen erschreckt. Aber ich kann das jetzt wie ein Großer: nur ganz bisschen zusammenzucken, anhalten, Keks kassieren. Läuft bei mir!

Ein schöner Anblick, finde mein Mädchen

Überhaupt war mein Mädchen bezüglich all der Dinge die es so zu sehen und zu hören gibt, anders drauf als sonst. Sie sagt, wir üben jetzt was neues und das nennt sich „Ignoranz“. Da bin ich nämlich nicht so gut drin, aber als Kutschpony und auch zum Ausreiten ist das eine wichtige Fähigkeit. Bisher war es meinem Mädchen ja wichtig, dass ich mir alles in Ruhe anschaue, aber jetzt, meint sie, sei es Zeit für das nächste Level. Weil ich die allermeisten Sachen schon oft gesehen hab. Und weil es unpraktisch ist, wenn ich dauernd zur Seite schaue – ganz besonders beim Kutsche fahren – und dann nicht mehr flott geradeaus marschiere. Ich soll mal ganz gleichmäßig weiter laufen und dabei nur dezent meine Umwelt wahrnehmen, meint mein Mädchen, und hat mir gesagt, dass ich das jetzt auch kann. Sie hat derweil geübt, die Leinen richtig zu handhaben. Es ist nämlich so, dass das Fahren doch anders ist als das Reiten und vor allem ist es nochmal anders weil das Gebiss in meinem Maul unsere einzige direkte Verbindung zueinander ist, deswegen dürfen die Leinen nicht so doll durchhängen, vor allem dann nicht, wenn ich unsicher bin! Dann muss ich fühlen können, dass mein Mädchen da ist und „Regie führt“. Mein Mädchen ist aber so ein „Loslasser“ und muss deswegen üben, mehr Kontakt mit mir zu halten und dann wenn sie nachgibt, nicht zu flott nachzugeben, sonst bin ich nämlich verwirrt, weil das Gefühl plötzlich weg ist. Das hat sie beim letzten Unterricht gelernt und heute hat sie das geübt, während ich Ignoranz geübt habe. Und wir beide haben das ganz prima gemacht und waren nachher sehr stolz auf uns! Auf dem Heimweg sind wir noch ein Stückchen getrabt, schön langsam, weil mein Mädchen ja hinterherlaufen musste. Auch das hab ich total fein gemacht und also sind wir ganz zufrieden mit unserem Ausflug. Hoffentlich geht es dann nächsten Sonntag endlich mal wieder länger raus, wenn Diego wieder so richtig gut zu Huf ist!

Euer Fahrpony in spe Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 427

Gestern war ein ganz besonderer Tag! Ich steh so im Paddock rum, da höre ich mein Mädchen rufen „Duncan Dhuuuuuuu“ und laufe mal los Richtung Stall. Ach, da freut sie sich immer so süß, wenn ich komme, obwohl ich sie nicht sehen konnte. Aber sie war nicht allein! Bei ihr war einer meiner Fans! Ach, dich kenne ich doch? Das bist doch du, die gesagt hat, ich sei ein Influencer! Das ist ne Weile her, dass wir uns gesehen haben. Und prompt sagt sie „man was bist du groß geworden!“ Ah… ich mag dich!

Mein Mädchen hat mir dann das Bosal angezogen und wir sind raus gegangen. Und dann sagt mein Mädchen „ich lass euch mal machen“ und stellt sich zwei Meter weiter weg. Mein Fan-Mädchen hat dann einen Apfel aus der Tasche gezaubert – einen GANZEN Apfel! – und den durfte ich gleich mal wegknuspern. Jetzt bist du meine allerbeste Freundin!

Naja, stellt sich raus, dass meine allerbeste Freundin eine „Wendy“ ist. Was soll das nun wieder sein? Na Norddeutsch würden wir hier eher „Tüddeltante“ sagen. Geputzt hat sie mich, von oben bis unten, weil sie ja kein dreckiges Pony reiten kann! Komisch, mein Mädchen kann das immer voll gut. Und ich sag mal so: bei einem ordentlichen Trab rieselt der Dreck doch ganz von allein aus dem Pelz. Die Putzerei hat mir etwas Geduld abverlangt, aber ich will ja nicht so sein, ein Apfel ist schließlich ein Apfel. Mein Mädchen hat meine neue Freundin gefragt, wie sie eigentlich meine Figur findet (mein Mädchen hat ja immer Angst, ich wäre vielleicht heimlich sehr dick geworden und sie hätte sich nur an den Anblick gewöhnt. Ich sag ja immer: alles nur Fell und Muskeln! Aber auf mich hört sie ja nicht). Das Fan-Mädchen grabbelte so an mir rum und sagte dann „na ich würde sagen er hat eine stabile Pony-Figur“. Hörst du, mein Mädchen? Ich bin einfach nur stabil. Und dass ich ein Pony bin kann ja nun auch keiner leugnen.

Als mein Fan-Mädchen endlich fertig war mit Putzen, hab ich das Reitpad auf den Rücken bekommen und meine neue Freundin und ich sind zum Reitplatz gegangen (mein Mädchen ist natürlich auch mit gegangen). Von da an hat mein Mädchen sich sehr im Hintergrund gehalten und mein Fan-Mädchen und ich haben miteinander erste etwas Handarbeit gemacht und dann ist sie mich geritten. Ich hab mich mega doll konzentriert um alles zu verstehen was sie sagt. Sie hat einen etwas anderen Dialekt in ihrer Körpersprache als mein Mädchen, aber ich hab sie trotzdem gut verstanden. Wenn ich sie nicht verstanden hab, bin ich einfach stehen geblieben. So hat mein Mädchen mir das schließlich beigebracht! Deswegen hat es mit dem Loslaufen manchmal etwas länger gedauert, aber die beiden Mädchen fanden das nicht schlimm. Wenn nichts ging, hat mein Mädchen von unten die passenden Stimmkommandos gegeben, da hatte ich eine bessere Orientierung was zu tun ist. Wir haben lenken geübt und wir sind sogar ein bisschen getrabt! Zwischendurch gab es natürlich auch Kekse, dafür hat mein Mädchen schon gesorgt. Und nachher fanden sie beide, dass ich das wirklich toll gemacht habe, für das erste Mal mit fremder Reiterin (nicht ganz das erste Mal, da war schon mal diese Dame für den Satteltest, aber die ist ja nur ein paar Mal außenrum geritten, um in dem Sattel zu sitzen.)

Zum Schluss hat mein Mädchen noch versucht, ein Foto zu machen, aber es war schon so dunkel und als sie mit Blitz fotografiert hat, kam ein echtes Halloween-Bild raus, auf dem meine Augen so fies glühen, das kann man euch ja nicht zumuten! Das heben wir uns auf für einen Tag an dem wir euch mal erschrecken wollen.

So, nun habe ich also meine erste Fremdreiter-Stunde absolviert! Und mein Mädchen meinte nachher, vielleicht werde ich mal so ein tolles Lehrpferd wie Merlin. Der hatte das Talent, jedem noch so ängstlichen Reiter die Angst zu nehmen, weil der auch bei jeder Unsicherheit einfach stehen geblieben ist. Wer weiß, wo meine Karriere mich noch so hin führt? Ich war jedenfalls sehr zufrieden mit mir und bin noch eine ganze Weile an der Stalltür stehen geblieben, während die Mädchen geschnackt haben. Ich hatte einfach Hoffnung, dass da noch ein Apfel irgendwo aus einer Tasche kommt! Aber das ist leider nicht passiert, so bin ich dann doch irgendwann gegangen und habe lieber Diego erzählt, was ich tolles gemacht habe.

Euer angehendes Lehrpferd Sir Duncan Dhu of Nakel

Der Geduldsfaden

Katja Hunold (Reiten ist orange) schrieb neulich auf Facebook über eines ihrer Berittpferde. Eine Bekannte der Besitzerin des Pferdes sagte – als sie vom derzeitigen Ausbildungsstand des Pferdes hörte:

„Soviel Geduld hätte ich ja nicht!“ Katja Hunold schreibt dann weiter:

Das höre ich oft, und frage mich dann immer, wo hier denn Geduld erforderlich ist….

Geduld klingt nach mühseliger Arbeit oder frustrierendem Warten auf ein bestimmtes Ereignis oder Ziel, das dann Spaß oder Befriedigung vermittelt. Aber was könnte das für ein Ziel sein?

Die erste L-Dressur gewinnen? Das erste Mal einen Parcours springen? Oder was? Ab wann macht denn die Arbeit mit dem Pferd Spaß?

Smokey, seine Besitzerin und ich haben überhaupt keine Geduld. Wir fangen einfach sofort an, Spaß zu haben, und das bleibt hoffentlich das Pferdeleben lang so!

Unter dem Post gab es dann ein paar Kommentare, einer davon kam von Christian Stahn, den ich auf Elsa-Kursen getroffen habe:

„Soviel Geduld hätte ich ja nicht!“ – wie oft ich das von anderen über mich gehört habe

Dabei gilt für mich, wenn ich das Training in z.B. 12 Teilschritte pro Minute zerlege, so muss ich nur 5 Sekunden Geduld aufbringen. Und das 12 Mal in Folge.

Wenn ich hingegen nur 1 Trainingsschritt festgelegt hätte, so hätte ich 60 Sekunden lang Geduld aufbringen müssen. Mach ich aber nicht

Ich glaube, es ist diese Art von Denke, die diese beiden Ausbilder an den Tag legen, die den großen Unterschied macht. Nur: wie lernt man das? Ich jedenfalls habe das garantiert nicht in der Schule gelernt. In der Schule – wo man ja angeblich hingeht um das Lernen zu lernen – wurde uns niemals erklärt, welche Lernmethoden es gibt. Ein einziger Lehrer hat ein einziges mal erklärt, welche Methode er zum Vokablen lernen empfiehlt (EINE Methode). Ansonsten wurde erwartet, dass wir es irgendwie hinkriegen, den Stoff zu lernen und ich erinnere mich gut an einige Mitschüler, die daran verzweifelt sind. Heute denke ich: Hilfe wäre möglich gewesen! Jahre später habe ich die Show von Michael Bully Herbig gesehen, der Schauspieler für seinen „Wickie“-Film ausgewählt hat. Dort kam unter anderem eine Szene vor, in der die (angehenden) Schauspieler beim Textlernen unterstützt wurden. Es wurde geraten, während des Lernens durch den Raum zu gehen und zwar auch seitwärts, rückwärts oder sonstwie kurios in Bewegung. In der Schule und auch beim Hausaufgaben machen wurde aber immer stillsitzen verlangt! So kann ich heute sagen: in der (durchschnittlichen) Schule lernt man so einiges, aber bestimmt nicht das lernen.

Was hat das jetzt mit dem Geduldsfaden zu tun, fragt Ihr Euch? Das kann ich Euch sagen: da wir in der Schule nicht gelernt haben zu lernen, haben wir von Anfang an eingetrichtert bekommen, dass nur das Ergebnis zählt. Glücklich sein kann man erst, wenn man die gute Note im Zeugnis sieht. Vorher ist alles harte Arbeit und manchmal ist es kaum zu schaffen. Es ist schwierig, mühsam, kompliziert und bringt einen zur Verzweiflung. Manchen fällt es leicht und manchen fällt es schwer, da kann man (angeblich) nix machen. Aber für alle gilt: der Weg ist sch…. nur das Ziel ist erstrebenswert.

Und wenn man einem jungen Menschen das oft genug sagt, wird er das glauben. Das Gehirn wird glauben, dass Lernen bedeutet, Dinge stumpf zu wiederholen, bis man sie sich mit Glück einigermaßen merken kann (wenn auch maximal bis zur nächsten Klassenarbeit, danach muss Platz gemacht werden für neue Informationen). Das Gehirn wird glauben, dass der Spaß erst nach der Arbeit kommt (ich glaube in meiner Generation gab es kein Kind das nicht erst die Hausaufgaben machen sollte, bevor es spielen geht. Ich zweifle auch hier die Sinnhaftigkeit stark an….).

Und weil unser Gehirn all diese Dinge glaubt, tun wir uns so schwer damit, den Prozess des Lernens an sich schön zu finden.

Aber hier kommt die gute Nachricht: so ein Gehirn kann ein Leben lang lernen. Und das heißt, wir können auch nach der Schulzeit noch lernen, dass es anders besser geht. Und hier hilft uns das Zusammensein mit Pferden und einem guten Ausbilder, denn ein guter Pferdeausbilder wird uns darauf hinweisen, was schon alles klappt, uns helfen, Lernschritte zu zerlegen und kleiner zu machen bis wir Erfolge sehen, uns ermuntern, unser Pferd zu loben (was auch in uns ein Belohungsgefühl auslöst), er wird uns selbst loben und er wird uns auffordern, aufzuhören wenn es am schönsten ist, anstatt sinnlos zu wiederholen. Ein guter Ausbilder wird kreative Wege finden, um Dinge zu üben, am besten in vielen Varianten, denn dann bleibt es spannend und interessant.

Und wenn wir uns mit all diesen Dingen lang genug beschäftigen, wird unser Hirn lernen, dass Lernen Spaß machen kann, wenn man es richtig anstellt. Und das dann, wenn Lernen keinen Spaß macht, entweder das Thema für uns so gar nicht interessant ist oder der Lernstoff nicht gut präsentiert wurde (gut für unser individuelles Gehirn).

Und wenn unser Gehirn das gelernt hat, wird unser Geduldsfaden immer länger und länger, weil wir die Freude im Prozess finden und nicht am Ende. Und ich würde mir so sehr wünschen, dass solche Dinge endlich in der Schule gelehrt werden, denn es würde unser aller Leben so viel leichter machen….

Aber noch ein anderer Gedanke kommt mir dazu. Seit ich selbst Menschen und Pferde unterrichte, bemerke ich Veränderungen bei mir. Früher war mein Ziel, Mensch und Pferd etwas beizubringen. Und ganz ehrlich: das bedeutet, dass ich mir gewünscht habe, dass die beiden sich so verhalten, wie ich es mir vorstelle. Wenn dieser Effekt eingetreten ist, habe ich mich gut gefühlt. Heute ist das anders geworden. Heute bedeutet Unterrichten für mich viel mehr, dass ich Raum zum Wachsen schaffe. Ob Reiter und Pferd aber ihre Chance nutzen und wachsen, das kann ich nicht „machen“. Ich kann unterstützen, kann Tipps geben, kann eine gute Umgebung dafür schaffen. Wie bei einer Pflanze, bei der es auch gar nichts nützt, daran zu ziehen, damit sie wächst. Man kann sie düngen, an den richtigen Standort pflanzen und gießen, Schädlinge von ihr fern halten und so weiter. Aber wachsen muss sie schon selbst und das kann ich von außen nicht steuern. Und ich denke: vielleicht ist es das, was Leute mit Geduld meinen. Die Geduld, auszuhalten, dass ich den Prozess nicht beschleunigen kann. Egal wie gut ich als Ausbilderin bin: ein Pferd und ein Mensch brauchen eine gewisse Zeit um zu lernen und sich zu entwickeln und das kann ich nicht ändern. Selbst auf der rein körperlichen Ebene ist das so: ich kann einen Muskel trainieren, aber wachsen wird er erst in der Ruhephase. Und wenn ich ungeduldig bin und zu viel trainiere, wird der Muskel nicht wachsen.

Wenn ich beim Reitunterricht in der Mitte stehe und schweigend beobachte, wie Pferd und Reiterin ihre Bahnen ziehen, weil ich beiden Zeit geben will, zu fühlen, dann fühle ich manchmal schon meinen Geduldsfaden ein bisschen ziehen. Aber ich weiß auch ganz sicher: Es lohnt sich, diesen Faden immer weiter zu knüpfen. Denn je länger er ist, desto mehr Spaß können alle Beteiligten haben UND desto besser werden dann die Ergebnisse.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 426

Mein Mädchen kämpft noch mit der Technik, aber ich kann euch ja trotzdem was erzählen. Und ihr bemüht einfach eure rege Phantasie für die Bilder.

Weil ich euch doch versprochen hatte, von jedem alleine-Ausreiten zu erzählen!

Wir waren nämlich am Freitag wieder los. Der Mann wieder zu Fuß mit Diego, mein Mädchen diesmal mit Sattel, ich mit Hufschuhen vorne. Ich war ein bisschen vollgefressen von der Weide, das war ungünstig und mein Mädchen hat gesagt, das machen wir nicht mehr, so direkt nach der Weide losgehen. Aber nun war es mal so und wir haben es eben ausprobiert.

Im Schritt sind wir zusammen los, am zweiten Nachbarn vorbei und dann sind mein Mädchen und ich erst mal munter los getrabt und haben die anderen beiden hinter uns gelassen. Nach einer Weile kommt eine Kurve und da war rechts auf dem Feld ein Trecker und das Feld geradeaus sah ganz merkwürdig aus. Da wurden meine Ohren sehr spitz – Diego war ja längst außer Sichtweite also eigentlich waren wir allein! Mein Mädchen hat überlegt, ob sie absteigt, dann aber beschlossen, dass das geht. Sie hat mich so gelenkt, dass ich mir das Feld aus verschiedenen Winkeln anschauen konnte und schließlich wurde klar, dass da nur so komische Linien drin sind und nicht etwa – wie wir anfangs dachten – Pfosten oder Tiere auf dem Acker stehen. Derweil hat mein Mädchen nach dem Trecker gelauscht und fest gestellt, dass der uns entgegen kommt, wenn wir jetzt um die Kurve reiten. Entgegenkommen ist ok, wäre er von hinten gekommen, hätte sie sich mehr Sorgen gemacht. Aber mich hat der Trecker nicht gestört. Was mir sehr wohl gestört hat waren die Rinder! Es ist so: auf unserer „Hausrunde“ gibt es ja so einen kleinen, schmalen Weg, den mein Mädchen den „Dornröschenweg“ nennt, weil man sich da manchmal so halb durch die Dornenbüsche schlagen muss. Der Weg reicht genau für ein Pony zum durch gehen. Rechts ist der Stacheldrahtzaun, hinter dem neuerdings die Kühe wohnen, links ist etwas Gebüsch und dahinter ein tiefer Graben, in den man keinesfalls reinfallen sollte. Es ist also so: wenn ich mich auf dem (zum Glück recht kurzen) Weg erschrecken sollte, ist es nicht ratsam, einen Satz zur Seite zu machen. Und das ist immer die Angst, die mein Mädchen hat. Und die Rinder, die waren sehr nah am Zaun, eines lag sogar ganz direkt neben dem Zaun! Da haben mir die Nerven doch etwas geflattert und ich bin stehen geblieben. Mein Mädchen hatte auch das Nervenflattern und also durfte ich einfach grasen bis schließlich Diego und der Mann gekommen sind. Diego ist dann (wie immer völlig unbeeindruckt) vorneweg gegangen und mein Mädchen und ich hinterher.

Danach kommt der schöne Grasweg. Nachdem mein Mädchen es geschafft hatte, wieder auf meinen Rücken zu klettern, sind wir den Weg wieder solide durchgetrabt, genau wie letztes Mal. An der großen Eiche links, noch ein bisschen Trab, dann Schritt weil der Weg steinig ist und bergab geht. Am Baum wollte ich grasen, aber mein Mädchen meinte, ich sei ja nun schon auf der Weide gewesen und hätte unterwegs noch 2 Graspausen gehabt, jetzt sei es mal gut und wir reiten jetzt nach hause. Noch ein kleines bisschen Trab und schwups, waren wir daheim. Diego und der Mann kamen erst 10 min später, da war ich schon komplett abgesattelt und ausgezogen! Mein Mädchen war sehr stolz auf uns und sagt, es dauert nicht mehr so lang, bis wir das auch allein schaffen. Nur wie wir es mit dem Dornröschenweg machen, das weiß sie noch nicht genau.

Euer (fast) allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Der will nicht

Da war er wieder, der Satz der Sätze zum Thema Verladetraining „der hat keine Angst, der will nur nicht“. Immer, ausnahmslos, in einem Tonfall, der ganz klar macht, dass man das als Unverschämtheit empfindet. Der will nicht. Wie kommt das freche Pferd dazu, eine eigene Meinung und womöglich noch einen Willen zu haben? Wie kommt das Mistvieh dazu, etwas nicht zu wollen, was es gefälligst zu wollen hat, weil ich es doch will?

Natürlich formuliert niemand das so drastisch. Aber in meinen Ohren hört es sich oft so an. Ich denke dann manchmal an meine Kindheit. Ich hatte oft Kopfschmerzen und die Ursache blieb unklar. Mehrere Ärzte hatten keine Idee und keine Lösung. Mindestens einer davon, an den ich mich erinnere, formulierte dann den Satz „das Kind bleibt nur zu hause wenn es Fieber hat“. Und mir war völlig klar, was damit gemeint war: Er hielt die Kopfschmerzen für eine Ausrede, weil ich nicht in die Schule gehen wollte.

Vielleicht bin ich deswegen so vorsichtig mit der Aussage „der will nur nicht“. Weil ich weiß, dass es Zustände gibt, die schlimm sind, aber unsichtbar. Kopfschmerzen zum Beispiel. Keiner kann das von außen sehen oder gar bewerten. Und ich will nicht ausschließen, dass Kopfschmerzen oft als Ausrede für alles mögliche genommen werden – aus genau dem Grund. Ich hatte sie aber nunmal wirklich und an manchen Tagen haben sie mir das Leben zur Hölle gemacht. Und wenn wir ehrlich sind, war es eher eine Bankrotterklärung der Ärzte, die nicht wussten, was die Ursache ist und mir nicht helfen konnten.

Und die Sache mit der Angst…. „der hat keine Angst“. Hm, woher genau weißt Du das? „weil er ja dann doch irgendwann reingeht“. Nein, das ist kein Beweis dafür, dass er keine Angst hat. Ein echter Beweis dafür, dass er keine Angst hat, wäre wohl eine Kombination aus Pulsmessung und Speicheltest. Mindestens letzteres ist uns im Alltag nicht möglich, eine Pulsuhr in Zukunft öfter einzusetzen ist mein fester Plan, wobei sich ohne Referenzwerte des individuellen Pferdes die Aussagekraft wohl auch eher in Grenzen halten wird. Wie oft tun wir selbst Dinge, vor denen wir Angst haben? Zum Zahnarzt gehen, in ein Flugzeug steigen oder eine Prüfung ablegen zum Beispiel. Dass man etwas tut – und vielleicht sogar gut macht – heißt nicht, dass man keine Angst hat. Und selbst wenn man keine Angst hat, vielleicht hat man Kopfschmerzen.

Und jetzt gehen wir mal davon aus, dass unser Pferd weder Angst noch Kopfschmerzen hat. Dass es einfach nicht will. Was passiert dann mit uns? Häufig finden wir das ganz schrecklich. Weil….. warum eigentlich?

In meinem Fall kann ich das recht klar nachvollziehen: mir wurde als Kind und Jugendliche im Reitverein beigebracht und vorgelebt, dass der Mensch sich in jedem Fall gegenüber dem Pferd durchsetzen muss. Das Pferd war dazu da, zu tun, was wir wollten. Was das Pferd wollte, danach wurde nicht gefragt. Und wenn man gefragt hätte, wäre als Antwort von den Menschen wohl auch nur „Fressen“ gekommen, obwohl ich sicher bin, dass die Pferde viel ausgiebiger geantwortet hätten.

Im Zusammensein mit Pferden haben wir Menschen die uneingeschränkte Macht – sogar über Leben und Tod, aber auch über alles dazwischen. Und die meisten Menschen können mit Macht nicht so gut umgehen, zumal uns meistens nicht beigebracht wird, wie man sie sinnvoll einsetzen könnte. Häufig wird uns vorgelebt, dass Macht einfach bedeutet, dass er der eine tun muss, was der andere will. Das fängt in der Kindheit an und selten erleben wir es anders – obwohl es anders geht. Viele Pferdebesitzer setzen ihre Macht heutzutage auch durchaus für viel Gutes ein und möchten ihrem Pferd ein schönes Leben bereiten. Aber oft erwarten wir dafür – bewusst oder unbewusst – dass das Pferd will, was wir wollen. Ich nehme mich da keineswegs aus!

Es hat mich ein paar Jahre gekostet, um meine eigenen Muster an der Stelle zu erkennen. Na klar wollen wir Einfluss haben auf die Welt, das ist ganz normal. Wir versuchen, alles um uns herum unter unsere Kontrolle zu bekommen – jeden Menschen, jedes Tier, jeden Umstand so zu beeinflussen, dass es uns gefällt. Ein sehr menschliches Bedürfnis und nicht nur: Pferde tun ebenfalls vieles, um uns so zu beeinflussen, dass wir uns in ihrem Sinne verhalten. Und wie ein Pferd vielleicht anfangen wird, zu beißen, damit wir endlich den Keks rausrücken, so werden wir Menschen oft grob, wenn das Pferd nicht tut, was wir wollen. Der will ja nur nicht! Der hat aber gefälligst zu wollen!

Es kann ein langer Weg sein – und ich bin ihn noch längst nicht zu Ende gegangen! – das eigene Verhalten zu durchschauen und zu verändern. Wenn mein Pferd etwas nicht will, sehe ich heute zwei Möglichkeiten: ich kann das so akzeptieren (was allerdings im Falle von Einsteigen in den Anhänger nicht akzeptabel ist, denn das kann meinem Pferd einmal das Leben retten). Oder ich kann machen, dass mein Pferd das will. Wie ich das mache, bleibt mir überlassen, denn ich habe die Macht. Mit dieser Macht verantwortungsvoll umzugehen, einen freundlichen, pferdegerechten Weg zu finden, das ist die Kunst. Den Willen des Pferdes nicht zu brechen, sondern lediglich ein bisschen zu vergrößern, so dass es mehr will als vorher und mehr Dinge gut findet als vorher. Ihm nichts zu nehmen, sondern etwas zu geben, das ist mein Ziel.