Muskelaufbau

Ein häufig gewünschtes Thema in meinem Unterricht ist der Muskelaufbau. Das Pferd soll bitte schön bemuskelt sein. Und ich nehme mir fest vor, das nächste mal nachzufragen, warum. Ich mag solche Fragen, die mir erstmal komische Blicke bescheren, sie machen das Leben interessanter.

Unser Diego (wir warten noch auf Blutwerte…) hat in den letzten Wochen zum Glück etwas zugenommen und fühlt sich offensichtlich wieder wohler in seinem Körper. Neulich schaute ich ihn an und sagte zu Arnulf „der sieht aus als hätte er Muskeln aufgebaut“. Was ja nun mangels Training eigentlich gar nicht sein kann. Er hat sich auch nicht mehr bewegt, sondern eher weniger, während er vor seinen Heuhaufen steht und sich nach und nach wieder der normalsten Sache der Welt widmet. Training hatte also lediglich seine Kaumuskulatur. Aber er hat eben eine rundere Form bekommen und er hält sich wieder aufrechter, lässt sich nicht mehr so hängen. Und schon sieht er aus, wie all die vielen vielen Pferde, von denen Vorher-nachher-Fotos auf social media zu sehen sind und die für die eine oder andere Trainingsmethode Werbemodell stehen (manchmal auch für Pülverchen aller Art und Sorte). Häufig betrachte ich diese Bilder mit Skepsis: da werden Pferde im Winterfell und im Sommerfell verglichen, Pferde mit Weide-Luxusbäuchlein und ohne, Pferde stehen unterschiedlich da, halten den Kopf anders oder das Licht kommt von der anderen Seite. Unser running gag an der Stelle ist eine Hufpflegerin auf einer Fortbildung, die uns vorher-nachher-Huffotos zeigte und dazu sagte „das ist jetzt nicht der selbe Huf aber das selbe Pferd“. Klar, das ist natürlich total vergleichbar. So wie meine rechte Hand ja auch genauso aussieht wie die linke. Nicht. Huffotos haben mich geheilt was die Vergleichbarkeit angeht. Man kann sich wahnsinnig täuschen. Und so sehe ich es auch mit Muskelfotos von Pferden. Ich mache sie trotzdem, aber man muss sich daran nicht festgucken. Und dann ist da ja noch die Unterscheidung zwischen Muskeln und Fett, die viele Pferdebesitzer so gar nicht beherrschen und die auf Fotos so gut wie unmöglich sein dürfte. Figuren von Pferden werden stets und ständig falsch eingeschätzt („das sind Muskeln“ ist mein Lieblingsspruch wenn ich anmerke, dass ein Pferd übergewichtig ist. Wo ein Pferd da so angeblich überall Muskeln haben kann, ist schon wirklich interessant.)

Und selbst wenn ein Pferd toll bemuskelt ist, ist es dann stark? Ich erinnere mich an einen der muskulösesten Männer die ich kennengelernt habe. Der hat mich – als er schweißgebadet nach zwei Hufen die Raspel abgegeben hat – gefragt, wie ich das mache mit der Hufpflege. Seine Frau, ihres Zeichens Hundephysiotherapeutin, kicherte nur. Seine Muskeln, so sagte sie mir, „taugen nix“, die sehen nur toll aus. Und ich denke an den schlacksigen jungen Mann, der so unglaublich viel Kraft hatte. Oder auch das eine oder andere „Dickerchen“, die etwas fülligeren Frauen, die wahnsinnig unsportlich aussehen und mich dann ganz geschmeidig bei jedem Ausdauertraining abhängen, während mir schnell nachgesagt wird, ich sei ja so sportlich, weil ich von Natur aus einfach eine Figur habe, die etwas athletischer wirkt. Wie ein Körper aussieht, sagt nicht so ganz direkt etwas darüber aus, wie stark oder funktionell er ist.

Das Pony von meiner Freundin, der in meinem Dunstkreis wohl die meisten Kilometer in der Woche reißt, sieht weiß Gott nicht aus wie ein durchtrainierter Sportler. Dagegen sieht mancher Koppelgänger durchaus gut bemuskelt aus und das eine oder andere Quarter Horse bekommt einfach vom Füttern schon Muskelmasse, wo der Araber daneben sich einfach nur eine Weidewampe zulegt und viele, viele, sehr viele Kilometer machen muss, um die wieder loszuwerden.

Irgendwie ist Reiten zur Raketenwissenschaft geworden. Reiter versuchen, all die Muskeln zu kennen, die ihr Pferd (angeblich) braucht und jeden einzeln ansteuern zu können. Sie versuchen, dem Pferd eine bestimmte Körper- oder schlimmstenfalls Kopfhaltung beizubringen in der Annahme, so sei es „richtig“ und das Pferd würde „korrekt“ laufen. Ich hätte nichts dagegen, wenn man sich denn einig wäre, wie „richtig“ und „korrekt“ aussehen. Ist man aber nicht. So viele schöne Theorien, eine widerspricht der anderen und in der Praxis sind sie entweder für den Laien gar nicht umsetzbar oder selbst beim Profi nicht erfolgreich. Da wir getrickst, gefummelt, schöngeredet und hinfotografiert und die, die sich wirklich große Gedanken machen, die wirklich alles richtig machen wollen zum Wohle ihres Pferdes, die sind dann komplett verunsichert, trauen sich gar nix mehr und schmeißen irgendeinem Guru haufenweise Euros in den Rachen.

Und dabei sehe ich ganz klar an Diego: wenn unsere Pferde sich wohlfühlen, sehen sie eh gleich viel schöner aus. Wenn wir ihnen vielfältige Aufgaben stellen, dann kriegen die ihren Körper in den Griff. Wenn wir den unpassenden Sattel weglassen, haben die auch wieder einen Rücken. Und dann sehen die vielleicht nicht instagramm-tauglich aus, aber sie sind gesund und munter – im Winter mit zotteligem Fell und im Sommer vielleicht mit einem (kleinen!) Wohlstandsbäuchlein. Fertig. Ich schätze all jene Reiterinnen, die so sehr alles richtig machen wollen. Ich selbst möchte das auch. Aber mehr als einmal habe ich nun schon gelernt: dieser Wunsch kann uns total blockieren. Kann uns verpassen lassen, wie einfach alles sein kann und uns total den Spaß an unseren Pferden vermiesen. Und das ist doch schade. Die Zeit mit unseren Pferden ist so wertvoll. Sie soll voller Freude sein für alle Beteiligten. Und unsere Pferde haben auch oft keine Lust, ständig kritisiert zu werden, weil sie „nicht korrekt“ laufen und nicht gut genug bemuskelt sind.

(Das alles gilt für die einigermaßen gesunden Pferde. Für die Spezialfälle braucht es vielleicht spezielle Super-Methoden, das mag angehen. Oder auch nicht, wer weiß?)

Ihr bekommt ein Diego-Update sobald ich eins habe, versprochen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 487

Jetzt ist auch noch der Montags-Ausflug ausgefallen! Mein Ausreitkumpel hat einen Humpelfuß. Mein Mädchen sagt, wir müssen dringend üben, allein ausreiten zu gehen, aber dafür muss sie erst ihre strapazierten Nerven wieder reparieren. Und das hängt im Wesentlichen davon ab, wie Diegos Blutergebnisse ausfallen ….. bis dahin ist weiterhin Reitplatz-Spaß angesagt. Und damit keine Langeweile aufkommt, haben wir heute wieder mit der Doppellonge geübt. Und Stangen und ein Sprung waren auch im Spiel! Wir Highlandponys sind ja „the versatile breed“, also die vielseitige Rasse. Wir können einfach alles! Reiten, Kühe hüten, Kutsche ziehen, auf Fuchsjagd gehen oder eben auch springen. Und alles was euch sonst noch einfällt. Aber natürlich können wir das nicht einfach so, wir müssen schon ein paar mal üben dürfen. Und das mit dem Springen, da war ich bisher noch nicht so sicher wie das gehen soll. Man muss ja immer den richtigen Punkt zum abheben finden und das ist nicht so einfach wie es sich anhört! Aber jetzt hat es klick gemacht, heute bin ich ganz oft richtig abgesprungen und mein Mädchen war schon wieder soooooo stolz auf mich! Bald macht sie euch bestimmt ein Video davon. Bis dahin müsst ihr mal wieder eure Fantasie bemühen, das schafft ihr schon. Hier ein Bild vom Sprung:

Ok, er ist nicht hoch. Aber ziemlich schwierig, weil die Stange sofort runterfällt, wenn man sie auch nur mit einem Huf berührt. Also: angaloppieren, Maß nehmen, Gas geben und Hopp!

Jetzt bin ich also auch noch Springpony! Und wieder um einige (viele) Kekse reicher geworden. Lohnt sich!

Euer springender Sir Duncan Dhu of Nakel (der trotzdem auf einen schönen Ausritt hofft!)

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 486

Weiterhin keine Sonntagsausflüge, Diego bekommt weiterhin Medikamente und hält den Krankenschein hoch. Also müssen wir uns bei Laune halten, sagt mein Mädchen, und Abwechslung in die Platzreiterei bringen. Und deswegen hat sie gestern nach langer Zeit mal wieder ihre Garrocha ausgepackt, die sie letztes Jahr zum Geburtstag bekommen hat. Mit der haben wir seit November nicht geübt, also mussten wir quasi von vorn anfangen. So einen richtig, richtig, perfekt runden Kreis zu gehen ist gar nicht so einfach wie es sich anhört! Dann noch mit meinem Mädchen oben drauf, die voll beschäftigt ist, nur eine Hand für die Zügel hat und sich regelmäßig die Arme verknotet. Diesmal hat es geklappt, das ganze zu filmen und damit ihr auch mal was zu lachen habt, haben wir euch den allerschönsten Ausschnitt ausgesucht. Mein Mädchen hat wirklich Glück, dass ich so ein Gentleman bin und sooooo geduldig warte, bis sie alles sortiert und geübt und probiert und sich wieder entknotet hat! Da war sie mir wieder sehr dankbar (das schlägt sich erfreulicherweise in der Keksrate nieder).

Na, wird es gehen?

Später, als sie dann meinte, ich hätte jetzt genug Chaos erduldet, hatte ich Feierabend und durfte am Reitplatzrand noch etwas Gras schmausen. Mein Mädchen hat sich derweil die Garrocha geschnappt und zu Fuß noch etwas geübt. „Das muss doch zu schaffen sein“ hat sie immer gemurmelt. Ich fand´s lustig! Heute hat sie Muskelkater im rechten Arm. Weil man da irgendwie ganz andere Muskeln benutzt als sie sonst so braucht (sagt sie). Oder weil sie generell sehr unfit und nicht gut trainiert ist (sage ich).

Diego hat derweil Heu gefressen. Und jetzt wird es kurios, denn plötzlich feiert mein Mädchen das ganz groß, dass er Heu frisst. Normalerweise sagt sie immer, wir fressen ihr die Haare vom Kopf und zu dick findet sie uns auch meistens. Aber wenn Diego jetzt mal ein paar Kilo Heu verdrückt, dann freut sie sich wie Bolle und legt ihm sofort was nach. Da soll so ein kleines Pony wie ich nun schlau draus werden. Mein Mädchen sagt, dass Diego Heu frisst, erhöht ihre Hoffnung, dass er wieder ganz gesund wird und wir bald wieder Sonntagsausflüge machen können. Ok, wenn das so ist, dann esse ich jetzt auch nochmal extra Heu, denn die Ausflüge fehlen mir schon sehr. Mein Mädchen sagt, am Mittwoch muss Diego nochmal eine Blutprobe hergeben und dann wissen wir hoffentlich am Freitag mehr. Drückt uns weiterhin die Daumen!

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit dem verknoteten Mädchen

Fortschritte

Ich weiß, viele von Euch warten auf Neuigkeiten von Diego. Im Moment liegt er in der Sonne und hält ein Nickerchen, zusammen mit seinen Freunden. Es geht ihm so weit gut. Er frisst weiterhin so gut wie kein Heu, aber viele Heucobs und auch alles andere was wir ihm servieren. Die Blutwerte, die letzte Woche gecheckt wurden, sehen besser aus, die Richtung scheint zu stimmen. Richtig spannend wird es aber erst, wenn Mitte nächster Woche neue Werte bestimmt werden und wir dann erfahren, ob sich wirklich alle Werte normalisieren, denn einige brauchen dafür länger und wurden deswegen nicht mitbestimmt beim letzten Blutbild. Unsere Zuversicht steigt mit jedem Tag, an dem es ihm gut geht, aber von Normalität sind wir noch weit entfernt.

Duncan hat hingegen große Fortschritte gemacht. Am Montag, bei unserem zügigsten, langen Ausritt überhaupt, fiel mir auf, was er und ich alles gelernt haben. Ich kann ihn jetzt so viel besser lesen, weiß, wann ich ihn anfeuern kann, wann ich durchparieren muss, um ihm helfen zu können, kann viel besser einschätzen, wie viel Energie da noch im Pony ist. Diese Dinge kann man nicht aus Büchern lernen und nur sehr begrenzt unterrichten, denn es sind die ganz individuellen kleinen Dinge, letztendlich immer nur „so ein Gefühl“ das man selten an harten Fakten festmachen kann. Erfahrungswerte.

Duncan lässt sich jetzt von mir mehr im Tempo regulieren – in beide Richtungen, also schneller oder langsamer. Das ist sehr gut, denn so kommen wir dem gleichmäßigen Tempo näher. Ein gleichmäßiges Tempo ist energiesparender als dauerndes beschleunigen und bremsen und also wichtig für längere Ritte. Sowohl sein Trab, als auch sein Galopp sind flotter geworden. Sein Kopf hält länger durch und er findet zuverlässig den Reservetank. Ob es noch einen Reserve-Reserve-Tank gibt? Das weiß ich noch nicht. Ich finde ihn noch zu jung, um das zu testen. Jetzt bin ich erstmal gespannt, wie seine Fitness sich weiter aufbaut. Ich habe nicht viel Erfahrung darin, ein Pferd für längere Strecken in höherem Tempo (echte Distanzreiter dürfen hier gepflegt kichern) fit zu machen. Mit Finlay war es viel Arbeit, auf die geforderten 28km im passenden Tempo zu kommen, Duncan wird das sicher leichter fallen. Was ich hingegen bemerke ist, dass auch mein Kopf das Training braucht. Gerade zu dieser Zeit, wo in meinem Schädel so viel herumgeht, strengt es mich nach einer Weile ganz schön an, die Konzentration zu halten. Den Weg finden, die Umwelt im Blick haben, den Boden abchecken, das Tempo anpassen, auf meinen Sitz achten. Deswegen ist Ausreiten auf diese Art für mich mental so „entspannend“, weil ich keine große Gelegenheit habe, über anderes nachzudenken. Ich sehe es als meine Pflicht an, meinem Pony den ihm übertragenen Job so leicht zu machen wie möglich. Meinen Teil der Verantwortung gewissenhaft zu tragen, mir immer wieder sein Vertrauen zu erwerben, indem ich ihm helfe, die beste Entscheidung zu treffen bezüglich der Frage, welchen Weg wir durch das nächste Matschloch wählen und wo es sich gut laufen lässt. Langsam werden wir ein richtiges Team, er und ich, und das fühlt sich verdammt gut an. Und wie er immer grinst am Tag nach diesen Ausritten! Er könnte das sicher jeden Tag machen. Zeit, dass wir mehr alleine los kommen, damit wir einfach öfter mal vom Hof runter kommen, aber dafür müssen sich erst meine Nerven wieder stabilisieren.

Am Tag nach einem schönen Ausflug ist Duncan immer besonders gut gelaunt und fröhlich

So lange bleiben wir auch viel auf dem Reitplatz und hier profitieren wir von den Trainingsritten durch Wald und Feld. Duncan ist sehr viel kräftiger geworden, kann mich viel besser tragen. Die beiden „Sportarten“ ergänzen sich wunderbar. Auf dem Platz üben wir angaloppieren aus dem Trab und aus dem Schritt, das stärkt seine Hinterhand so, dass er im Gelände auch im Galopp nicht mehr so stark nach vorne fällt mit dem Schwerpunkt. Wir üben Biegung rechts und links, so dass er auch im Gelände durchlässiger wird, meine Hilfen besser annehmen kann und sich nicht mehr so oft versteift. Aber die Kraft und Fitness, die holen wir uns draußen, während wir fröhlich vor uns hin traben und galoppieren. Und wir träumen davon, das vielleicht eines Tages auch wieder gemeinsam mit Diego zu tun…. .

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 485

Da Diego immer noch krank ist und Medikamente nehmen muss (und unverschämte Massen an unverschämt leckerem Futter bekommt), fallen die Sonntagsausflüge weiterhin flach. Mein Mädchen und ich haben uns die Woche über auf dem Reitplatz vergnügt, gewippt und sind im Roundpen herumgeflitzt (ich bin herumgeflitzt, während sie in der Mitte den Hampelmann gemacht hat). Aber es geht einfach nichts über einen ordentlichen Ausflug! Und zum Glück haben wir ja dafür den Ausreitkumpel und das feste Montags-Date.

Weiterhin sind wir ja auf einer wichtigen Mission: Wege abchecken für einen Distanzritt. Diesmal sind wir andersherum geritten, haben an der Stelle, an der wir letztes Mal vom geplanten Weg abgewichen sind, den richtigen Weg genommen und dann festgestellt dass der richtige Weg fast der selbe ist wie der falsche, weil wir vom falschen einfach falsch abgebogen waren, weil die Beschilderung fehlt. Sehr verwirrend. Es war etwas abenteuerlich weil die Reiter die Forstarbeitsmaschinen wieder die ganzen Wege kaputt gemacht hatten und dann noch Pferdeäppel Unterholz hatten liegen lassen. An dieser Stelle wird mein Mädchen dann immer kurz muksch, weil sie das alles so unlogisch findet mit dem Waldgesetz und den Reitverboten. Aber der Ausritt war zu schön um muksch zu sein und alsbald waren wir wieder auf den Wegen vom letzten Mal und sind wieder ganz fein galoppiert. Rechtsgalopp, nach 500 Metern durchparieren und direkt in den Linkgalopp. Ach, das macht Spaß!

Den schmalen Weg lang wo letztes Mal Rehe waren, da hat es doch schon wieder so geraschelt im Wald! Aber ich war mutig und bin weiter getrabt, weil mein Mädchen fest versprochen hat, dass sie mit Ausschau hält. Letzte Woche hatte ich ihr die Rehe zeigen müssen, weil sie nix mitgekriegt hat! Aber jetzt wusste sie ja bescheid. Manchmal ist sie doch lernfähig…..

Graspause haben wir natürlich auch gemacht.

Dann parallel zur Straße, da kam von hinten ein scheppernder Trecker in Höchstgeschwindigkeit angerauscht. Wir waren da zwar nicht direkt an der Straße, sondern eine Baumreihe weiter links, aber wir haben trotzdem kurz durchpariert, um das Geschepper zu überleben. Keks! Und weiter. Ich immer vorneweg. Durch ein paar tiefe Schlammlöcher, hier war mein Mädchen heilfroh, dass ich derzeit barhuf unterwegs bin und also untenrum nix verlieren kann. Und schließlich auf einen schnurgeraden Plattenweg, wo es links am Rand einen schönen Streifen gab. Kleiner Galopp noch? Ja gern. Und wie ich so den geraden Weg vor mir sehe, denke ich: wir könnten kurz noch antesten, wie lange wir bis zum Ende dieses Weges brauchen, oder, mein Mädchen? Nein, wollte sie nicht. Ach komm schon… nein. Na gut, dann nicht. Soooo fit war ich dann auch nicht mehr, dass ich noch hätte diskutieren wollen. Ich lief schon auf Reservetank (gut, dass wir Schotten den serienmäßig eingebaut haben!)

Einmal noch rechts abbiegen und dann ging es noch eine halbe Ewigkeit (fast 4km!) geradeaus. Allerdings war dieser Weg eine ganz schöne Herausforderung, tiefe Matschstellen (mein Mädchen hat mich ordentlich angefeuert und ich hab das im Trab geschafft!), dann viele Wellen im Boden. Und ich war schon etwas ermattet. Aber ich hab mich zusammengenommen, nochmal gut konzentriert und es durchgezogen. Als wir dann an eine große Pfütze kamen, habe ich mir erstmal einen ordentlich Schluck Wasser genommen (eher ein paar mehr Schlucke). Und kurz danach sind wir dann auch Schritt gegangen und die Mädchen sind abgestiegen. Da hab ich erst gemerkt, dass ich doch ein bisschen müde war. Kein Wunder, denn wir haben einen neuen Rekord aufgestellt: fast 15km mit 8,1km/h! 9,3km im Trab, etwas über 1km im Galopp. Ich ahne es schon: nächste Woche wird mein Mädchen sich wieder wundern, wie fit ich plötzlich bin! Jaaaaaa, nach so einem schönen Trainingsritt ist das eigentlich kein Wunder aber sie versteht das ja irgendwie nicht!

Jedenfalls war ich zwar müde, aber durchaus sehr gut gelaunt. Und mein Ausreitkumpel auch. Mein Mädchen meint, ich war wieder der allerbeste, bin die ganze Strecke vorneweg gelaufen (habe also die Verantwortung getragen!), hab alles richtig gemacht (der Brite sagt „didn´t put a foot wrong“) und ich war sehr erwachsen, bin ganz gleichmäßig gelaufen und überhaupt bin ich natürlich großartig, wunderbar und (fast) perfekt.

Nächsten Montag wollen wir dann noch den dritten Wegabschnitt testen, das wird nochmal interessant. Dann dürfte die Route für den Distanzritt feststehen!

In ein paar Wochen könnte es aber gut sein, dass wir nochmal auf eine Spezialmission entsendet werden für einen Distanzritt woanders. Bis dahin, sagt mein Mädchen, müssen wir noch fitter werden, denn das ist ziemlich weit weg und damit es sich lohnt, da hin zu fahren, müssen wir dann auch Strecke schaffen. Ok, ich bin dabei!

Und bei all dem schönen reiten hat mein Mädchen wieder für 2 Stunden ihre Sorgen vergessen können. Das, sagt sie, ist übrigens die absolute Hauptsache. Denn noch müssen wir über eine Woche warten, bis wir erfahren, ob Diego wieder gesund ist, dann gibt es neue Blutwerte, sagt mein Mädchen. Und in dieser Zeit muss ich sie gut ablenken, damit die Zeit schneller rumgeht. Ich kann stolz sagen: gestern ist mir das gelungen.

Euer aufmunternder und ablenkender Sir Duncan Dhu of Nakel

Ruhe bewahren

Ich würde Euch ja gern Neuigkeiten über Diego schreiben, weil ich weiß, dass viele von Euch darauf warten. Aber warten ist genau das, was wir im Moment auch tun. Heute wurde wieder Blut abgenommen, jetzt warten wir auf neue Werte. Es geht ihm deutlich besser, er frisst sehr viel besser, nimmt aktiv am Herdenleben teil und ist sauer auf mich, weil ich zu einer dieser „erst isst Du Dein Gemüse auf, dann bekommst Du Nachtisch“- Mütter geworden bin. Während er letzte Woche teilweise das leckerste Müsli verweigert hat, bekommt er jetzt von uns immer erst Heucobs und Heu (nicht unser normales, das frisst er nicht, aber sauteures, abgepacktes Zeug aus der Tüte von dem ich mich immer gefragt habe, wer zum Henker so was kauft…..). Erst schaut er uns dann an und plinkert auf die ihm eigene Art mit den Augen und wenn das nicht funktioniert, wirft er uns fassungslose Blicke nach, während wir einfach weggehen. Er frisst die Heucobs dann auf und er nascht auch etwas Heu, aber so hatte er sich das nicht vorgestellt – in seiner Zukunftsplanung gab es nur noch Müsli, Möhren und Frühlingsgras. Nun habe ich ihm versuchshalber auch das Gras noch gestrichen. Es ist nicht so, dass ich es ihm nicht gönnen würde, aber normalerweise weide ich überhaupt kein Pony um diese Jahreszeit an, das ist mir viel zu gefährlich (Hufrehe durch hohen Fruktangehalt) und es ist für uns viel Arbeit, die anderen dann immer wegzusperren, ihn raus zu lassen und kurze Zeit später wieder rein zu holen. Er soll wieder ans Heu fressen kommen, dafür braucht es vielleicht auch einen kleinen Anreiz und er ist gut genug drauf, dass ich das riskieren kann.

Das alles klingt sehr positiv und viele werden jetzt hoffen, er sei schon über den Berg. Fakt ist aber: er hatte immer gute Phasen und es kann sein, dass auch das nur eine gute Phase ist. Es kann sein, dass das Antibiotikum nicht dazu beiträgt, denn die Besserung setzte schon vor der Gabe des Medikaments ein. Wir sind also nicht gefeit davor, dass alles plötzlich wieder schlechter wird. Wir haben nach wie vor keine Diagnose, also können wir auch nicht wissen, ob das milde Antibiotikum, das er zur Zeit bekommt, hilft. Und das Blutbild bietet Interpretationspielraum, leider auch in eine sehr unschöne Richtung – es könnte sich um Krebs handeln. Diesen Gedanken schieben wir ganz weit weg, denn tun können wir dann sowieso nichts. Erst in 2-3 Wochen werden wieder alle Blutwerte kontrolliert, und wenn sich dann auch die wieder im Normbereich eingependelt haben, die dafür lange brauchen, und wenn es ihm bis dahin gut geht, dann können wir aufatmen.

Was ich in diesen Tag sehr stark spüre, ist, wie erwachsen mein Duncan geworden ist. Und ich frage mich, ob ein besonderer Lernprozess bei ihm eingesetzt hat.

Normalerweise wird ein Pferd von Natur aus erst mal nervös und hektisch werden, wenn sein Mensch nervös und hektisch ist. Und in der ersten Unterrichtsstunde mit seiner neuen kleinen Freundin hat Duncan gezeigt, wie unsicher er wird, wenn der Mensch neben ihm unsicher ist. Aber jetzt, ganz langsam, habe ich das Gefühl, dass er lernt, anders damit umzugehen. Und das ist die reine Magie (und gleichzeitig auch nur ein einfacher Lernprozess).

Am Montag bei unserem Ausritt, als ich ziemlich fertig war mit den Nerven und ziemlich tüddelig im Kopf, ist es zum ersten Mal passiert: er hat bei meiner Hektik nicht mitgemacht. Er ist cool geblieben. Und sobald ein Pferd das ausprobiert, kann das Lernen beginnen, denn jetzt kann mein Pony die Erfahrung machen, dass das Leben leichter wird, wenn man sich nicht anstecken lässt von der menschlichen Nervosität. So wie mein zauberhafter Merlin, der immer wusste, wie man mit ängstlichen, nervösen und aufgeregten Menschen umgeht. Merlin wurde immer langsamer, wenn jemand Angst hatte. Er war in der Lage, zur Not die Führung zu übernehmen und jedem Menschen die nötige Sicherheit zu geben. Woher er das konnte – keine Ahnung. Heute könnte er es wohl nicht mehr. Mit seinen 31 Jahren ist er selbst kein Ausbund an Ruhe und Gelassenheit mehr. Sobald die kleinste Unsicherheit auftaucht, merkt man ihm das deutlich an und ich führe das darauf zurück, dass er sich körperlich nicht mehr in der Lage sieht, schnell genug zu fliehen, wenn es doch ein Säbelzahntiger sein sollte. Außerdem sieht er wohl nicht mehr gut.

Aber zu seinen Hochzeiten, da hatte er diese Magie. Wenn ich furchtbar aufgeregt war, weil es auf Kurs ging und wir vor Zuschauern Unterricht bekommen haben, dann hat er mich angeschaut und mit zugeflüstert „atme, ich regel das“. Er war dann ganz besonders zuverlässig, ganz besonders engagiert und aufmerksam.

Und vielleicht kann mein kleiner großer Duncan das auch lernen. Ich wusste nicht, ob ein Pferd das lernen kann, aber wenn es einmal anfängt, diese neue Taktik zu erproben, dann denke ich, dass es schnell merken wird, dass der Mensch in einen angenehmeren Zustand kommt, wenn man als Pony die Nerven bewahrt, besonnen bleibt und besonders gut aufpasst.

Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein. Wer weiß? Aber damals, an jenem wunderbaren Tag, an dem ich das Gefühl hatte, dass Duncan mich zum reiten einlädt, hat jemand zu mir gesagt „lass Dir nicht einreden, dass Du Dir das nur eingebildet hast. Halte diesen wunderbaren Moment fest in Deinem Herzen und glaube daran“. Und das tue ich seitdem. Und ich tue es jetzt wieder. Wir alle wissen, wie stark Pferde auf unsere inneren Bilder reagieren, weil wir sie unbewusst über feinste Körpersprache aussenden. Und wenn ich glaube, dass mein Pony mir helfen kann, die Ruhe zu bewahren, was wird dann wohl passieren? Dann wird allein dieser Gedanke mir schon helfen und mich ruhiger machen. Wir können uns also gegenseitig helfen, die Ruhe zu bewahren – oder wir können uns gegenseitig nervös machen. Es ist unsere Wahl und ich weiß, welche ich treffen möchte.

Denn nie war es wichtiger als jetzt, die Ruhe so gut wie möglich zu bewahren, während wir weiter hoffen, dass unser Diego wieder ganz gesund wird.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 484

Heute hat mein großer Bruder auf der anderen Seite des Regenbogens Geburtstag. 13 Jahre wäre er heute alt geworden! Aber ich bin ja nun auch schon fast 6 (naja, 5einhalb). Und ich bin der Aufmunterer vom Dienst! Nach unserem mega schönen Ausflug am Montag hatte ich am Dienstag frei. Diesmal hat mein Mädchen aber nicht – wie sonst immer – behauptet, dass ICH eine Pause bräuchte, sondern sie hat eingestanden, dass sie selbst dringend eine Pause braucht und ein bisschen auf dem Sofa sitzen muss nach all dem Trubel um Diego. Das habe ich ihr natürlich gegönnt. Aber zwei Tage frei geht nicht, das weiß sie und also sind wir heute auf dem Platz gewesen und haben reiten geübt. Ich hatte wieder Pony-Power im Hintern. Bin schließlich der Plüsch-Porsche vom Dienst und habe ordentlich PS unter der Pelzhaube! Mein Mädchen war sehr angetan, wie viel Kraft ich jetzt schon habe. Diese ganzen Kurven, die man auf so einem Reitplatz laufen muss, sind ja schon deutlich anstrengender, als einfach nur geradeaus durchs Gelände zu flitzen. Da muss ich in jeder Kurve sehen, wie ich nicht nur meinen eigenen Körper geschmeidig herumbekomme, sondern auch mein Mädchen gut mitnehme. Aber so langsam habe ich den Bogen raus (im wahrsten Sinne des Wortes). Sogar im Rechtsgalopp komme ich jetzt schon besser rum um die Kurve. Heute haben wir wieder Übergänge geübt und mein Mädchen hat versucht, noch viel weniger zu machen und mir wirklich nur Kommandos über den Sitz zu geben. Manchmal klappt das schon echt gut. Wenn nicht, hat sie ja noch Beine, Zügel und Stimme die helfen, dann kriegen wir das alles hin.

Kurzum: sie war wieder sehr, sehr stolz auf mich und ich war auch sehr zufrieden.

Diego hat dann auch noch zur Aufmunterung beigetragen, indem er beschlossen hat, mal wieder ein paar maulvoll Heu zu fressen (er lebt ja seit Ostersamstag von Gras, Müsli und Keksen). Zwar heißt das leider noch nicht, dass er über den Berg ist und wir wissen auch immer noch nicht, was er hat, aber jedenfalls ist heute ein guter Tag und es geht in die richtige Richtung. Und über morgen, sagt mein Mädchen, können wir dann ja morgen nachdenken. So ist das im Moment nunmal.

Euer Aufmunterer vom Dienst Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 483

Während Diego Medikamente und unverschämte Massen an unverschämt leckerem Futter bekommt und wir alle hoffen und warten und beten, dass er wieder ganz gesund wird, komme ich meinem wichtigsten Job nach und muntere mein Mädchen auf.

Heute mittels des traditionellen Montags-Ausritts mit dem einzige wahren Ausreitkumpel. Aber bevor es losging mussten wir feststellen: es ist plötzlich nicht nur Frühling geworden, sondern fast schon Sommer! Und jetzt steh ich da mit meinem Winterpelz. Klar, am Hals und am Po hat mein Mädchen mich ja schon etwas entpelzt, aber der Rest ist noch warm verpackt. So warm, dass ich schon vom Rumstehen ein bisschen feucht geschwitzt war. Und das geht gar nicht, findet mein Mädchen, denn wir wollen ja flott reiten. Also schnell in den letzten 5 Minuten bevor wir los mussten noch den Entpelzer gezückt und ganz fix was abgeschoren. Da mein Fell nicht ganz trocken war, das Schneidemesser nicht mehr ganz scharf ist und wir wirklich wenig Zeit hatten muss ich leider sagen: ich bin jetzt endgültig verunstaltet. Aber es hat sich gelohnt: so war mir beim reiten nicht allzu heiß.

Los ging es mit der Wackelkiste zum Ausreitkumpel. Der durfte dann zusteigen und wir sind einen schönen Wald gefahren. Heute waren wir nicht nur einfach so ausreiten, wir waren auf einer wichtigen Mission! Es soll nämlich vielleicht einen Distanzritt hier in unserer Gegend geben. Und was braucht man für einen Distanzritt? Richtig: gute Wege. Weil die Dame, die den Ritt veranstaltet, diese Gegend nicht so gut kennt und ihr Pferd im Moment noch nicht so fit ist, haben wir uns bereiterklärt, mal durchzutesten. Natürlich nicht die ganze Strecke auf einmal, so fit sind wir ja noch nicht. Aber mal den einen „Loop“, das waren 11,2 km. Mein Mädchen fand, dass die Strecke auf der Karte gar nicht mal so attraktiv aussieht, aber wir wurden überrascht, da haben wir doch super schöne Wege entdeckt! An einer Stelle sind wir sogar unerlaubt von der geplanten Route abgewichen, weil ein Reitwegeschild an einem Weg stand, der zu schön war, um daran vorbei zu reiten.

Ich bin fröhlich getrabt und getrabt und getrabt und als wir an einem besonders guten Weg waren, sind wir ein schönes Stück galoppiert. Was soll ich sagen? Ich hab das jetzt voll raus. Mein Mädchen war hingerissen! Bin ganz gleichmäßig durchgaloppiert, ohne Balanceverlust, ohne Rennen, einfach so im Reisegalopp. Der hat so gute 13 km/h, das ist nicht schnell, aber für mein Mädchen so gemütlich, dass sie sogar aussitzen kann – was mir wiederum hilft, dass der Schwerpunkt nicht so nach vorne kommt. Sie war ganz entzückt!

Weil die Mädchen so im Distanzreit-Fieber und das Wetter so warm war, haben sie Wasserflaschen mitgenommen, die sie uns dann während dem Reiten über dem Hals ausgeleert haben. Weil man das auch mal üben muss und weil es ein bisschen kühlt. Mein Ausreitkumpel fand, das sei ein Anlass, sich mal herzhaft zu schütteln, so richtig von vorne bis hinten, so dass sein Mädchen auch gut zurechtgerüttelt wurde und einen kleinen Lachanfall bekam. Was mich angeht, haben die Mädchen bemerkt, dass aufgrund meines linksseitig im Überfluss vorhandenen Wallehaars nur die rechte Seite gekühlt werden kann, was wohl wieder darauf hinausläuft, dass ich einen Zopf geflochten bekomme zum Reiten, damit mir nicht ganz so heiß wird unter meine Prachtmähne und die linke Halsseite auch gekühlt werden kann.

Insgesamt haben wir es – wenn man die Graspause rausrechnet – endlich mal auf ein passendes Tempo für einen „Anfänger-Distanzritt“ (genannt Einführungsritt) geschafft und unsere 11,2km mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ungefähr 8km/h bestritten. Ihr seht, wir sind voll auf Kurs!

Ein toller Ausflug war das wieder!

Am Ende waren wir alle sehr zufrieden mit uns und der Welt. Die Mädchen hatten noch einen Eimer Wasser mit, aus dem wir erst getrunken haben und dann noch etwas Wasser mit dem Schwamm auf uns verteilt wurde (diesen Teil hätte man auch überspringen können, finden wir). Ab ging es nach hause und mein Mädchen hat mir dann noch ganz oft gesagt, wie toll ich doch bin, wie fein ich das alles gemacht habe und dass sie mir so dankbar ist, dass sie einfach für eine kleine Weile all ihre schlimmen Sorgen vergessen konnte. Na klar, mein Mädchen, genau dafür hast du mich doch! Da würde ich mal sagen: Aufgabe mit Bravour gemeistert, Mädchen erfolgreich aufgemuntert.

Euer aufmunternder Sir Duncan Dhu of Nakel

Kampf gegen das Unbekannte

Heute gibt es einen Artikel außer der Reihe, für alle die Anteil nehmen, und wissen wollen, was mit Diego los ist. Weil ich selbst es nicht leiden kann, wenn ich nur höre, dass ein Pferd etwas hat und dann keine weitere Info kriege, was war und was ist. Wir sind immer noch mittendrin und bis es in die eine oder andere Richtung zu Ende gegangen ist, werden noch Wochen vergehen, also bekommt Ihr einen Zwischenstand.

Schon seit Herbst ist Diego nicht ganz fit. Erst hatte er das fiese Hufgeschwür, wodurch er stark abgenommen und Muskulatur verloren hat. Dann haben wir ihn wieder aufgepäppelt, aber es zeigte sich, dass er nicht mehr so enthusiastisch Heu fressen mochte wie früher. Er hat schon gut gefressen, aber er war schneller satt und das fand ich ein bisschen komisch. So haben wir dann überlegt, wo wohl das Problem ist und haben gesehen, dass seine Schneidezähne schief geworden sind. Also war für uns klar: ein Zahnproblem. Im Januar ging es also zum Spezialisten, der die Zähne bearbeitet hat. Der fand allerdings, dass der Zustand der Zähne altersgemäß eigentlich ganz ok war und kein Anlass sein sollte, schlechter zu fressen. Das Gebiss wurde korrigiert und zunächst schien es Diego besser zu gehen. Dann mochte er wieder nicht genug Heu fressen und nahm ab. Ich fing an, ihm Heucobs einzuweichen, die er mit dem größten Vergnügen verspeiste. Somit stand für uns fest: immer noch ein Zahnproblem. Wir entschieden uns, einen anderen Zahnspezialisten zu fragen. Zwei Wochen vor dem Termin ließ Diego plötzlich die Heucobs manchmal stehen. Aber nach einer Woche fraß er wieder ganz normal. Der zweite Zahnspezialist arbeitete die Zähne nach und vergrößerte die Zahnzwischenräume, in denen sich Futter sammelte. Unsere Theorie war, dass vielleicht manchmal Futter dort hängen bleibt und Diego weh tut.

Diegos Zustand wurde wieder besser, er nahm zu, fraß Brei und auch Heu. Wir wagten es, über Ostern wegzufahren. Aber kaum waren wir im Urlaub, kam auch schon der Anruf: Diego frisst nicht. Ostersamstag. Zum ersten Mal kam ich auf die Idee, Fieber zu messen (in diesem Fall messen zu lassen), und siehe da: die Temperatur stieg flott. Einmal maß meine Freundin 38,4°, kurze Zeit später schon 39,2°. Es war also klar: ein Notfall. Unsere beiden wunderbaren Freundinnen packten Diego ein und fuhren in die Klinik, damit wir ihn über Nacht versorgt und unter medizinischer Aufsicht wussten, während wir selbst die Heimreise antraten. Übt Verladen mit Euren Pferden, es kann Leben retten! Unsere Freundinnen hatten keinerlei Probleme Diego trotz seines Zustandes zum Einsteigen zu bewegen.

In der Klinik bekommt er Fiebersenker und man nimmt ihm Blut ab. Weil alles nicht so schlimm aussieht, nehmen wir ihn am Sonntag wieder mit nach hause und vereinbaren einen Termin zur Untersuchung der Maulhöhle am Dienstag.

Weiterhin frisst Diego keinerlei Heu und auch keine eingeweichten Heucobs. Ich werfe also alle meine Fütterungsprinzipien über Bord, wir geben ihm Müsli, Hafer-Leinsamen-Schleim und lassen ihn immer wieder kurze Zeit auf die Weide. Er frisst ein paar von unseren „Keksen“, also Heucobs die man trocken füttert.

Die Untersuchung der Maulhöhle und Röntgenbilder des Kiefers sind ohne Befund, aber im Blutbild zeigen sich Entzündungswerte. Diegos Temperatur schwankt immer wieder rauf und runter, oft ist sie im Normbereich zwischen 37° und 38°, aber sie geht auch immer wieder für ein paar Stunden über 38°, jedoch – zum Glück – nicht über 39°. Er wirkt einigermaßen munter, etwas matt, aber nicht apathisch. Wir vereinbaren einen Termin für eine Magenspiegelung am Donnerstag. Inzwischen erhöhen wir die Weidezeit nach und nach. Es zeigt sich, dass wir ihn überreden können, mehr von den Keks-Heucobs zu essen, wenn wir sie einzeln aus der Hand füttern. Eine langwierige, aber wirksame Methode um wenigstens etwas Raufaser ins Pony zu bekommen.

Die Magenspiegelung zeigt keinerlei Befund, auch die Luftröhre ist unauffällig. Ich werde nervös, das Wochenende naht, die Entzündungswerte sind drastisch gestiegen, wir haben keine Ahnung, was er hat. Also machen wir noch einen Bauchultraschall für eine Übersicht. Herzmuskel, Lunge, Bauchfell, Leber, Niere, Milz, Dickdarm, Dünndarm. Alles sieht so weit ok aus. Auch eine Kotprobe bleibt ohne Befund. Der behandelnde Tierarzt möchte auf weitere Blutbilder warten, bevor er sich traut, ein Antibiotikum zu geben, aber wir sind da anderer Meinung. Wir ziehen eine zweite Tierärztin zu Rate, die netterweise am Samstag vormittag vorbei kommt. Sie ist unserer Meinung: in diesem Fall ist es angebracht, mit Antibiose zu beginnen, obwohl keine eindeutige Diagnose fest steht. So wie ich sie verstehe kann es auch durchaus sein, dass wir nie eine Diagnose bekommen, weil es einfach schwierig ist, festzustellen, WO die Entzündung im Körper ist.

Der Stand der Dinge ist also, dass Diego ein gut verträgliches Antibiotikum bekommt, dessen Wirkung wir frühestens nach 3 Tagen (also ab Dienstag) sehen. Derweil ist sein Gesamtzustand aber wieder deutlich besser geworden, er hat irgendwie aus dem bisschen Futter eine Menge Masse erzeugt, ist bei guter Figur mit glänzendem Fell und wirkt ganz zufrieden. Sein Ruhepuls scheint allerdings erhöht zu sein, da müssen wir noch ein paar Vergleichsmessungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten machen. Er hat auch mal Phasen wo es ihm sichtlich schlecht geht, aber nie lange, nur mal so ein, zwei Stunden. Er frisst mehr und mehr von den Keks-Heucobs, auch mal ein gutes Kilo aus dem Eimer. Möhren sind sein Favorit, einige Müslis mag er auch gern essen, aber wir müssen immer etwas abwechseln, um ihn bei Fresslaune zu halten.

Wir tun derweil das, was wir die ganze Woche getan haben: warten (ich nenne es „hektisches warten“). Erst war es warten auf Untersuchungstermine, jetzt warten wir auf Blutwerte und darauf, ob das Antibiotikum eine Wirkung zeigt. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, wie nervenzerfetzend das ist. Natürlich forschen wir selbst weiter, was das sein könnte und haben für den nächsten Tierarzt-Termin schon wieder 5 neue Fragen notiert.

Derweil lernen wir Dinge über Diego. Vor einigen Wochen meinte jemand, ob wir uns sicher sind, dass er wirklich Lust hat auf Ausreiten, wenn er nicht so gut Heu frisst. Und ich habe mich gefragt, ob diese Person recht hat: ist Diego einfach nur so artig, dass er alles mitmacht? Ich kann jetzt sagen: nein. Auch Diego, der immer alles richtig macht, alles kann und sehr artig wirkt, hat durchaus eine Menge eigene Meinung und weiß diese auch zu äußern. Klar, er steigt, tritt und beißt nicht. Aber er verweigert das Halfter, geht deutlich weg, wenn die Tierärztin auch nur mit dem Stethoskop kommt und möchte nicht mehr klaglos in den Anhänger einsteigen (ok, in seinem Fall bedeutet das, dass es 20 Sekunden dauert anstatt 10 aber der Unterschied ist klar ersichtlich). Ich hoffe sehr, dass ich ihm vermitteln kann, dass ich SEHE dass er das nicht möchte, aber dass ich im Moment leider keine Rücksicht darauf nehmen kann.

Auf der anderen Seite steht, wie viel mehr Keks-Heucobs er frisst, wenn wir sie ihm aus der Hand anbieten. Wie er sich von mir aus einer seiner schlechten Phasen holen lässt, indem ich mit ihm zur Wippe gehe und ganz sachte Vorschläge mache, was er tun könnte. Er kommt dann wieder aus sich heraus und freut sich über das angebotene Futter. All das ehrt uns sehr, denn es zeigt uns, dass er wirklich, wirklich gern mit uns zusammen ist und unsere Anwesenheit ihm ein gutes Gefühl vermittelt.

Außerdem lernen wir, wie viele wunderbare Menschen wir kennen. Menschen, die sofort Hilfe anbieten, die uns Futterproben geben, Futter schenken, Futter für uns einkaufen und vorbeibringen, mit Tierärzten Kontakt herstellen und diese zermartern sich dann auch noch das Gehirn, schicken endlos WhatsApp hin und her in ihrer Freizeit. Ihr alle seid so großartig, danke dafür!

Das hier wird kein Sprint, das ist längst zum Marathon geworden. Wie er ausgeht, weiß noch keiner, aber wir halten die Moral hoch und das tut Diego eindeutig auch. Und so lange er kämpfen will, kämpfen wir mit ihm gegen einen (noch?) unbekannten Feind.

Kampf

Diese Woche schreibe ich nichts für Euch. Es ist nicht die Zeit für philosophische Gedanken. Jetzt ist die Zeit, in der wir gemeinsam mit Diego um sein Leben kämpfen und nur hoffen können, dass wir diesen Kampf gewinnen.

Drückt uns die Daumen, bitte.