Unser erster Distanzritt – Teil 1
Vor 7 Jahren stand mein Mädchen vor mir und hat mir was von Abenteuern erzählt. Ich war damals noch sehr klein und sehr dunkel, aber eins war mir klar: Abenteuer sind genau mein Ding! Und deswegen habe ich entschieden, dass dieser Mensch, der da vor mir steht, MEIN Mensch ist. Meine Züchterin hat meinem Mädchen erzählt, dass vor ihr schon zwei Menschen da waren, die mich haben wollten, aber die fand sie nicht gut genug für mich. Meine Züchterin will nämlich nur das beste für die Ponys, die bei ihr zur Welt kommen. Großes Glück für mich! Stellt euch nur mal vor, ich wäre bei so ein paar Langweilern gelandet. Mein Mädchen kann zwar auch eine rechte Spaßbremse sein, aber sie erkennt meinen Abenteuerdurst wenigstens und gibt sich große Mühe, ihm (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) gerecht zu werden.
Also mein Mädchen hat mir damals schon erzählt, dass wir – sobald ich groß genug bin – auf Distanzritt gehen wollen. Diesen Floh hat mein großer Bruder ihr damals ins Ohr gesetzt. So richtig weiß mein Mädchen nicht mehr, wie es los ging, aber plötzlich war da diese Idee. Mein großer Bruder war leider nur auf zwei Distanzritten, bevor er gestorben ist. Aber toll waren die, sagt mein Mädchen. Und seitdem träumt sie davon, das wieder zu tun.
Ich fand das sowieso von Anfang an eine tolle Idee. Mit der Wackelkiste in fremdes Gelände zu fahren habe ich ja vom ersten Tag an geliebt – wer würde es nicht genießen, mit einem großen Berg voll Heu ganz in Ruhe mampfend durch die Lande kutschiert zu werden und nach einer ausgiebigen Mahlzeit an einem schönen Ort wieder auszusteigen um einen schönen Ausflug zu machen?
Ich weiß noch genau, wie wir zum ersten Mal in den Wald gefahren sind, um dort spazieren zu gehen. Herrlich war das! Bin direkt vorneweg marschiert und habe mit meinem Mädchen die Gegend erkundet. Spätestens da wusste sie, dass ich mich bestimmt auch für Distanzritte begeistern kann. Danach hat sie jahrelang davon geredet. Und geträumt. Am Equiment gebastelt. Puls gemessen, alle unsere Ritte sorgfältig notiert. 2024 hätte es dann so weit sein sollen. Aber nein! Angeblich war ich noch nicht fit genug. Und wer ist schuld daran? Richtig: immer die Trainerin! Mädchen! Zu wenig Abenteuer, zu wenig Fitness! Außerdem hätte ich das schon geschafft. Aber sie wollte halt ganz sicher sein. Und so ist damals nur mein Ausreitkumpel gestartet und ich hab in die Röhre geguckt.
Letztes Jahr wollten wir dann zweimal los. Aber beim ersten Versuch hatte mein Mädchen einen kaputten Daumen und wir konnten nicht trainieren. Ja, ich gebe zu, diesmal war es meine Schuld, wegen unserem Missgeschick… und dann war da der zweite Startversuch im Herbst. Aber da kam uns die Anaplasmose in die Quere! Verflixt! Und das war es dann auch mit den Chancen, denn hier bei uns in Schleswig-Holstein finden ja nur diese zwei Ritte statt und weiter weg fahren wollte mein Mädchen nicht, weil wir dann hätten übernachten müssen. Und sie meinte, bevor wir das wagen, möchte sie sicher sein, dass ich das kann, im Paddock wohnen und für mich selbst verantwortlich sein ohne meinen Kumpels. Ihr wisst ja: alles wird geübt!

Dieses Jahr im Frühjahr wollte mein Mädchen nicht starten, weil sie selbst nicht so richtig fit war. Der Winter war ziemlich hart für sie und sie wollte sich richtig fit fühlen, wenn es los geht. Aber jetzt – JETZE ENDLICH! – war es so weit.
UNSER ERSTER DISTANZRITT!
Also hat sie ihre Nennung geschrieben und sich – ganz im Sinne meiner Abenteuerlust – gleich getraut, 41km zu nennen. Der eine Kilometer ist übrigens wichtig, denn der macht in diesem Fall den Unterschied zwischen einem Einführungsritt (25-40km) und einer Kurzdistanz (41-60km). 41km! So weit ist mein Mädchen noch nie an einem Stück geritten. Und mein persönlicher Rekord liegt bei 33 km diesen Juni. Was ich wohl zu 41km sagen würde, hat sie sich gefragt, aber sie war guter Dinge und ich bin das ja sowieso immer. Zumal der größte Teil der Strecke uns wohlbekannt ist, ein reines Heimspiel also.
Ich hatte schon am Freitag beobachtet, wie mein Mädchen und der Mann hin und her gelaufen sind und Dinge gepackt und organisiert haben. Ich konnte das Abenteuer schon fast riechen! Also hab ich mal vorsorglich die Nacht auf der Weide genutzt, um ordentlich Energie zu tanken. Ein sehr guter Plan, wie sich herausstellen sollte!
Früh morgens kam mein Mädchen, um mich zu holen. Fieber messen (zur Sicherheit) und dann ab in die Wackelkiste. Dort hab ich auf die nächtliche Grasmahlzeit lieber gleich noch etwas Heu obendrauf gepackt, damit ich auch ja gerüstet bin für alle Eventualitäten. Mein Mädchen fand das sehr schlau!
Nach kurzer Zeit waren wir auch schon angekommen auf einer sehr großen Wiese.
Das kleine Flitzepony, mit dem wir nun schon zweimal unterwegs waren, war schon da, und wir haben direkt gegenüber von ihr geparkt. Ich bin erstmal in der Wackelkiste stehen geblieben, während der Mann den Paddock aufgebaut hat und mein Mädchen zur Meldestelle gedackelt ist. Dort musste sie ihr Startgeld zahlen und es wurde ihr eingeschärft, dass im Ort nicht galoppiert wird. Schade, dabei war das doch genau unsere Absicht, im vollen Galopp durchs Dorf zu zischen! Naaaaaa gut, dann werden wir darauf eben freundlicherweise verzichten. Tsssss, als ob wir sowas machen würden. Aber anscheinend hat es im letzten Jahr jemand gemacht! Es gibt wohl immer jemanden, der sich danebenbenimmt.
Danach durfte ich erstmal aussteigen und mich umschauen. Oooooooh das war toll! Überall Wackelkisten und Pferde, Ponys und sogar ein Muli! Da war ein Treiben, es war herrlich. Langeweile kann man da nicht bekommen!

Alsbald ging es dann zur Tierärztin: Voruntersuchung! (7.33 Uhr). Erstmal Puls lauschen (44, bisschen aufgeregt war ich halt doch), dann vortraben (hopp, hopp, mein Mädchen, sonst glauben die, ich wäre zu langsam, nur weil du nicht in die Puschen kommst!), abtasten (darf die das?) und da bekomme ich doch zu hören, es wäre blaue Farbe in meinem Schweif! Ja sicher, das sind die Reste von meiner schönen Bemalung! Die Tierärztin meinte dann, wenn Kinder mich bemalen dürfen, dann darf sie mich auch abtasten und abhören. Mein Mädchen hat erklärt, dass die Bemalung meines Körpers nur gegen entsprechende Bezahlung in Keksen gestattet sei. Und was sagt die Tierärztin da? „das sieht man“ – WIE BITTE? HAT DIE MICH GERADE DICK GENANNT? Na das geht ja gut los hier! Aber ich bin ja ein elder Ritter und habe zu dieser Unverschämtheit großmütig geschwiegen.
Die Voruntersuchung habe ich natürlich mit lauter guten Noten abgeschlossen und so wurden in meiner Checkkarte die ersten A und 1 eingetragen.
Dann erstmal in den Paddock, wo ich noch etwas Heu gefuttert habe, ein bisschen Gras dazu und mir alles nochmal in Ruhe angeschaut hab. Mein Mädchen meinte, ich hätte dieses Grinsen im Gesicht. Sie sagt immer, sie hatte noch nie ein Pony, das so deutlich grinsen kann wie ich. Ich fand das alles so wunderbar! Der Geruch nach Abenteuer und die Stimmung dort – niemand war hektisch oder übermäßig aufgeregt, aber so eine Stimmung von Erwartung lag in der Luft.
Und da schau her, da ist ja auch mein Ausreitkumpel mit dem schnellsten Pony der Welt im Schlepptau! Hey, wollt ihr etwa ohne mich ausreiten gehen? Nehmt mich mit! Aber die sind einfach ohne mich losgezogen. Mein Mädchen hat mir erklärt, dass ihr das zu doll wäre, gemeinsam loszugehen, weil das schnellste Pony der Welt mich ja immer so in Wallung bringt und ich dann kein Halten mehr kenne. Sie möchte es lieber ruhiger angehen lassen, die vorhandene Aufregung reicht schon. Naja, ihr kennt sie ja….
Aber ich hatte nicht lang Zeit, darüber nachzudenken, denn da kam auch schon mein Fanclub! Hey, dich kenne ich doch! Du hast mir erklärt, dass ich Influencer bin und dann warst du auch noch meine allererste „Fremdreiterin“! Und du enttäuschst mich auch heute nicht: Möhren hatte sie mir mitgebracht! Und dann war da noch eine andere nette, die mich auch sooooo süß und toll und überhaupt hinreißend fand. Die hat dann schließlich auch noch die alles entscheidende Frage gestellt „darf ich ihm einen Keks geben?“ klar durfte sie! Her damit! Aber ich muss euch sagen: diese Szene merkt ihr euch besser besonders gut, denn die wird später noch wichtig werden!


Dann endlich, nach langem Warten, ging es los! Ich wurde gesattelt, das kleine Flitzepony wurde vor seinen rollenden Sessel gespannt, es wurde unsere Startzeit in die Check-Karte eingetragen: 8:51 Uhr

7 Jahre haben mein Mädchen und ich auf diesen Moment gewartet und hingearbeitet. Und deswegen müsst ihr jetzt leider auch ein, zwei Tage warten, bis ihr erfahrt, wie es weiterging!

…Fortsetzung folgt!