Blau-gelb

Wenn ich eine neue Reitschülerin und ihr Pferd kennenlerne, frage ich ja immer auch, was die beiden so zusammen machen. Und bei einigen kommt dann unter anderem „Equikinetic“. Bisher wusste ich darüber nur wenig. Naja, von Dualaktivierung hatte ich natürlich schon mal gehört und ich wusste, dass es bei den blau-gelben Gassen um die zwei Farben geht, die Pferde am besten sehen und unterscheiden können. Ich wusste auch, dass Michael Geitner auf Facebook seine Methode bewirbt mit den Worten „mach diese eine Übung und hab ein fittes Pferd“. Was ich mich frage: wenn ich bei 100 Reiterinnen, die ich treffe, von einer gewissen Zahl erfahre, dass sie Equikinetic machen und wenn ich dann im Durchschnitt keinerlei Unterschied in der Bemuskelung der Pferde sehe, was ist da falsch gelaufen?  Kann natürlich sein, dass das System falsch angewendet wird. Daher entschloss ich mich, mir das Training mal live und in Farbe vom Original vorführen zu lassen – Fortbildung hat schließlich noch keinem geschadet. Also hab ich mir frei genommen und bin zum  „Equiday“ gefahren. Dort habe ich mir einen Tag von Michael Geitner persönlich erklären lassen, worum es geht und wie das alles funktioniert. Eine gut organisierte Veranstaltung, bei der Michael Geitner und Alexandra Schmid mit verschiedenen Pferden und ziemlich viel Theorie die verschiedenen Trainingsarten erklären, die sie anbieten. Beide zeigen einen exzellenten Umgang mit den Pferden. Michael Geitner spricht viel darüber, wie er sich in den letzten Jahren diesbezüglich weiterentwickelt hat, wie viel kulanter er geworden ist und wie wenig er heutzutage von „Dominanz“ hält. Wichtig ist ihm, dass man sich auf das Pferd konzentriert und Alexandra Schmid demonstriert das auch: wenn sie mit dem Pferd arbeitet, ist ihr Mikrofon ausgeschaltet. Sie lässt Michael Geitner sprechen und wenn der sie etwas fragt, nimmt sie sich auch die Zeit zu sagen „Moment“ und erst die Arbeit mit dem Pferd zu beenden. Das finde ich vorbildlich und sehr sympathisch.

In der Equikinetic läuft das Pferd eine vorgegebene Zeit auf einem vorgegebenen Kreis. Ist das eigentlich schon alles? Dabei soll es sich nach innen stellen und biegen. Wie man das nun wirklich praktisch erreicht bzw wie das Endbild im Geitner-System aussehen soll, wird für mich in den Demos leider nicht ganz klar, aber es ist ja auch nur ein Demo-Tag und kein Kurs. Also lausche ich genau auf die Gespräche um und mit Michael Geitner. Ich höre, wie er in der Pause zu einer Dame sagt „wenn man das lang genug macht, wird das Pferd sich stellen und biegen, egal wie viele Fehler der Mensch macht, weil die Kreislinie ja vorgegeben ist“. Und ich glaube, genau da liegt der Hase im berühmten Pfeffer.

Immer wieder wird betont, man solle mal 3 Monate nicht reiten und nur jeden zweiten Tag Equikinetic machen, das bringe erstaunliche Erfolge. Jede andere Aktivität, die man dazwischen einbaue, berge die Gefahr, diese Erfolge zunichte zu machen. Ich frage mich, ob der Erfolg der Trainingsmethode nicht so sehr an dem liegt, was getan wird, sondern an dem, was nicht getan wird. 3 Monate ohne Sattel und Reiter wird vielen Pferden ganz sicher helfen, ihren Rücken wieder aufzubauen – nämlich z.B. all jenen Pferden, die einen unpassenden Sattel haben (leider ein sehr weit verbreitetes Problem, auch bei denen, die den Sattler regelmäßig da haben… ).

In einem Teil des blau-gelben Trainingssystems werden dann Gummimatten vorgestellt, über die die Pferde laufen. Die Erklärung ist, dass auf unsicheren Untergründen von alleine eine Geraderichtung im Pferd stattfindet, weil die Hinterhand bemüht ist, der Vorhand genau zu folgen, um kein Risiko einzugehen. Diese Information war mir neu, leuchtet aber total ein. Die Hinterhand läuft in die selbe Spur wie die Vorhand, denn diese hat schon Informationen gesendet darüber, wie die Bodenverhältnisse sind. An dieser Stelle muss ich ein bisschen lachen, denn wenn es um unsichere Bodenverhältnisse geht, brauche ich keine Gummimatte zu kaufen. Wie wäre es mit etwas Matsch, einem kleinen Berg, rutschigem Gras oder einer Pfütze? Findet sich kostenlos im Gelände und macht Pferd und Mensch mehr Spaß. Wenn die gegebene Erklärung stimmt, ist mir jetzt auch klar, warum unebene und schwierige Böden die Gymnastizierung des Pferdes so gut fördern.

In der Pause sehe ich mir den Pferdeschädel samt Atlas und Axis an, den Alexandra Schmid zuvor gezeigt hatte. Ich frage mich, wie die drei Teile zusammengehören und bin etwas beschämt, dass ich mich daran nicht erinnere. Schade, dass ich am Infostand auch von den anwesenden Trainerinnen keine Antwort auf meine Frage bekomme, eine Grafik oder eine Beschriftung an den Knochen hätten mir geholfen. Extra nach Alexandra suchen möchte ich jetzt nicht, ich weiß ja, dass mein Mann es mir zu hause anhand seiner vielen  Anatomie-Bücher zeigen kann.

Ich treffe eine frühere Hufpflegekundin mit ihren Töchtern – wow, sind die groß geworden (oder ich so alt?)! Wir sprechen darüber, wie erstaunlich es ist, dass 8 Minuten Training so viel bringen soll und das Pferd danach angeblich so dringend einen Pausentag braucht. Eine der beiden jungen Frauen sagt „wahrscheinlich bringt jedes Konzept erstaunliche Erfolge, wenn man es 3 Monate lang jeden zweiten Tag macht. Mach doch mal 3 Monate lang jeden 2. Tag Verladetraining, da wirst du auch staunen.“ Was für ein wahrer Satz.

Vielleicht ist das das Erfolgsgeheimnis hinter der Equikinetic: wenn der Druck groß genug ist, weil das Pferd z.B. ein gesundheitliches Problem hat, und der  Mensch das wirklich durchzieht, dann hilft das auch. Wenn ein Mensch jeden zweiten Tag 8 Minuten Sport macht, wird das bei den untrainierten, den schiefen und den total steifen Menschen eine Menge bringen. Wer allerdings sowieso viermal in der Woche eine Stunde Sport macht, wird kaum davon profitieren (es sei denn es ist eine ganz andere Art von Sport als sonst).

In der abschließenden Fragerunde staune ich, dass Michael Geitner seinen Zuschauern immer noch erklären muss, warum ein Sperriemen eine blöde Idee ist. Auf dem Heimweg denke ich noch über Gespräche nach, die ich in der Pause gehört habe: für manche war es anscheinend eine neue Information, dass es einen Unterschied zwischen dem rechten und dem linken Auge des Pferdes gibt – ich dachte, das weiß inzwischen nun wirklich jeder. Die Leute, die zu mir kommen, sind zum Glück etwas weiter. Sie haben sich in der Regel schon sehr viele Gedanken gemacht, sie reiten sehr viel besser und vor allem pferdefreundlicher als der „Otto-Normal-Reiter“ und sie beobachten ihre Pferde mit Argusaugen. Sie haben ständig den Sattler, den Osteopathen oder die Physiotherapeutin da und geben sich eine Menge Mühe, ihrem Pferd ein abwechslungsreiches Training zu bieten. Sie lesen Bücher, besuchen Kurse und machen sich haufenweise Gedanken. Ich bin dankbar für jede einzelne meiner Schülerinnen, die mit so viel Herzblut dabei sind!

Aus dem Equiday nehme ich einige Ideen und Anregungen mit und ich bin froh, dass Michael Geitner Gutes tut für die Pferdewelt. Er ist ein hervorragender Vermittler seiner Methode und seiner Werkzeuge und weiß genau, was er tut.

Später, als ich für Diego den 8m-Kreis aufgebaue und diesen Zirkel in unser reguläres Doppellongen-Trainng integriere, verstehe ich einen weiteren Punkt: in der Equikinetic wird nach Zeit trainiert. Das bedeutet, der Mensch entscheidet nicht, wann es gut war und man die Übung beenden sollte – die Uhr entscheidet, wann Pause ist. Das war einer meiner größten Kritikpunkte an dem System, aber inzwischen halte ich es für schlau. Denn sehr viele Menschen erkennen gar nicht zuverlässig, wann ein Pferd gut läuft (oder besser läuft als zuvor). Sie können also kaum herausfinden, wann sie loben und Pause machen müssten. In der Equikinetic wird das Lernen dem Pferd überlassen. Man sagt ihm quasi „eine Minute Mühe geben, dann Pause machen, das ganze 8 mal“. Das ist überschaubar, das Pferd wird motiviert sein, und mitzumachen. Dadurch wird es automatisch besser, dadurch wiederum motivierter. Die blauen und gelben Gassen und Hütchen machen die Aufgabe deutlich sichtbar und das Pferd kann auch selbst einschätzen, wie gut es das geschafft hat.

Und ich gestehe, dass auch ich merke, wie unrund meine Zirkel sind. Ein genau abgemessener, vorgegebener Kreis kommt mir nicht rund vor – das kann ja nur bedeuten, dass ich vorher irgendwelche Ovale longiert habe, die ich für Kreise hielt. Ich nehme mir also fest vor, noch viel öfter Dinge aufzubauen und dabei auch genauer nachzumessen. Zum Glück ist die Auswahl ja groß.

Fürs Pferd hat man also jetzt alles sichtbar und selbsterklärend gemacht. Jetzt könnte man auch noch eine kleine Matte hinzufügen, auf der der Mensch steht, damit der sich nicht mehr ständig vom Pferd durch die Gegend schieben lässt. „Positionsarbeit“ nennt Michael Geitner das und es ist ihm enorm wichtig. Doch wo ist das Hilfsmaterial für die Menschen? Blau und gelb sind ja nun schon besetzt aber wenn es demnächst eine orange-grüne Matte zu kaufen gibt, auf der Menschen stehen sollen, damit sie ihre Position halten, dann wisst ihr wer sie erfunden hat……

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 510

Abenteueeeeer! Geht´s jetzt los? Wackelkiste steht da, Hufschuhe stehen bereit: es geht los! Mein Mädchen hat mir die Schuhe angezogen, dann hat sie mir mein Gebiss ins Maul gemacht. Hä? Falsche Reihenfolge? Das machen wir doch immer erst, nachdem ich irgendwo hin gewackelt wurde? Aber dann hat sie das Gebiss wieder raus genommen, mir die Schuhe wieder ausgezogen, hat gesagt „das passt“ und mich wieder in den Stall gebracht! So ja nicht, mein Mädchen, SO NICHT!

Als sie eine Weile später wieder nach mir gerufen hat, hab ich sie ignoriert. Ich hab die Faxen dicke von all dem Gefummel und Anprobieren, ich mach da nicht mehr mit. Aber sie hat gesagt, wir wären verabredet und es wäre jetzt wirklich gut, wenn ich mal mitkommen würde. Hm. Na dann mache ich das mal. Hufschuhe wieder an, einsteigen! Und los ging es. Ein bisschen wackeln und dann kamen wir an einer Stelle raus, die ich gut kenne. Aussteigen, anbinden, satteln. Nur sie und ich, ganz allein. Mein Mädchen war stolz, weil ich sooooo erwachsen bin. Dann, als wir gerade fertig waren, höre ich ein Pferd schnauben und gleichzeitig kommt eine Radfahrerin um die Ecke! Huch! Da hab ich mich doch verjagt. Und spätestens da wusste mein Mädchen, dass ich nicht ganz so entspannt bin, wie ich tue. Aber das war ihr ja eigentlich vorher schon klar – sie war ja auch nicht so entspannt wie sie getan hat….

Also nachdem ich kurz überlegt hatte, ob Fahrräder genauso schnauben können wie Pferde, löste sich das Rätsel: da kam ein Pony um die Ecke! Aber hallo, wer bist denn du? Das war ein Fjordpferd. Der sieht mir gar nicht mal so unähnlich, nur dass er falbfarben ist und sein Wallehaar ganz kurz geschnitten trägt, wie so ein Punk!

Stellt sich raus: das Fjordpferd ist heute mein Ausreitkumpel! Mein Mädchen ist auf die Aufsteigehilfe geklettert und war schon gleich ganz stolz auf mich, weil ich trotz der Anwesenheit des Fremden einfach so eingeparkt habe wie ein ganz großer! Und dann ging es auch schon los. Schön im Schritt, einer rechts am Wegesrand und einer links. Unser Schritt-Tempo hat gut gepasst und die Mädchen haben sich erstmal fröhlich unterhalten, während mein neuer Ausreitkumpel und ich uns gegenseitig abgecheckt haben. Ja, ich glaube mit dem ist gut auskommen, das klappt schon. Dann kam von vorne eine Radfahrerin und ich musste ein bisschen näher an meinen neuen Kumpel ran um Platz zu machen, aber auch das war kein Problem. Nur die Radlerin, die kam uns so bekannt vor – hatten wir die nicht eben schon gesehen? Naja, weiter ging die Reise und siehe da, kurze Zeit später kommt genau die selbe Radlerin schon wieder von vorne! Die lachte und sagte „letzte Runde“ und mein Mädchen konnte sich nicht verkneifen, ihr hinterher zu rufen „gib alles, du schaffst das!“. Ja, manchmal ist sie ein bisschen peinlich….

Wir wollten dann gern etwas traben, aber vor uns war ein anderes Pferd, das da zu Fuß mit seinen Menschen ging und etwas langsamer war als wir. Und ich wurde immer schneller, je näher wir diesem Pferd kamen – ich wollte doch mal gucken! Und wenn ich gucken sage, meine ich natürlich anfassen. War aber nicht erlaubt. Am Ende des Weges ist das Pferd rechts abgebogen wo wir links wollten und so konnten wir endlich traben. Ich finde ja, dass Schritt eine völlig überbewertete Gangart ist und hab mich gefreut, dass es los ging. Ich durfte vorneweg und mein neuer Ausreitkumpel hinterher. Das ging ganz fein und mein Mädchen war schon wieder sehr stolz auf mich. Nach einer Weile mussten wir aber durchparieren, weil uns ein Mann mit einem Dackel entgegen kam. Die wollen wir ja nicht erschrecken, indem wir an ihnen vorbeizischen. Der Dackel war an der Leine, also haben wir uns gar keine Gedanken gemacht. Der Mann hat freundlich gegrüßt und gescherzt „alle wollen bewegt werden“ und ich fühle derweil, wie der Dackel sich meinen Hinterbeinen nähert! Mann, da hab ich aber echt kurz überlegt! Mein Mädchen hat mir schnell gesagt, ich soll einfach einen Schritt nach vorn machen. Hab ich dann auch. Und der Mann hat den Dackel weg gezogen und ist schnell weitergegangen. Keks! Den hatte ich mir verdient, weil ich mich für vorwärts gehen entschieden hatte und nicht für austreten. Das Mädchen vom Ausreitkumpel meinte auch, das sei sehr nett von mir gewesen, sie hätte schon vor ihrem geistigen Auge gesehen wie das schlimm ausgeht für den Dackel…. gut, dass ich so ein anständiger Kerl bin. Und mein Mädchen hat mich gefeiert, dass ich das so weggeatmet hab. Ich kenne ja Hunde, aber fremde Hunde mag ich nicht! Und schon gar nicht an meinen Hinterbeinen!

Weiter ging es noch mit ein bisschen Trab, dann ein Stück die Straße entlang, an dem Hof vorbei wo manchmal die Hunde bellen (heute nicht) und noch mehr Trab. Kannst du noch, neuer Ausreitkumpel? Der war nämlich am Sonntag auf einem Kurs gewesen und hatte dort fleißig gearbeitet. Und bis er an der Wackelkiste war um uns abzuholen hatte er schon 20 min Schritt auf der Uhr. Aber er war noch munter und so sind wir noch ein gutes Stück getrabt, bis wir dann bei den Kühen waren. Erst dachten wir, wir können muuuuhtig da vorbei traben aber dann haben wir vor uns den Mann mit dem Dackel gesehen und das lieber gelassen. Zu dem halten wir besser etwas mehr Abstand! Die Kühe waren nicht allein, es waren einige kleine Kälber da und der größte Bulle der Welt stand auch mit auf der Weide. Und viele Kühe waren ganz nah am Zaun unterwegs. Das war schon etwas gruselig! Aber mein neuer Ausreitkumpel und ich sind tapfer daran vorbei gegangen. Dann kommen ja noch die Schweine, die regen mich nicht mehr so doll auf, weil ich da jetzt schon so oft war. Mein Ausreitkumpel hat ein bisschen große Augen gemacht aber er ist so ein tougher Typ, der sich nichts anmerken lässt, auch wenn ihm eine kleine Angstschweiß-Perle von der Stirn tropft. Schweine sind nämlich nicht so sein Ding! Und schon waren wir wieder an der Wackelkiste. Mein Mädchen hat noch versucht, ein paar Fotos zu machen, aber das war nicht so einfach. Dann haben die Mädchen noch verhandelt, wie es wohl am besten geht, und beschlossen, dass mein Ausreitkumpel sich einfach auf den Heimweg macht und mein Mädchen schaut, wie ich das finde. Wie ich was finde? Hm? Hier ist Heu, ich hab Hunger. War mir egal, dass er geht. Schön in Ruhe absatteln, einsteigen und essen, essen, essen. Zack! Mädchen stolz. Weil ich hungrig bin? Manchmal ist sie lustig.

Mein neuer Ausreitkumpel und ich hatten eine gute Zeit!

Als wir wieder nach hause kamen, hat mein Mädchen mich versonnen angeschaut und gemeint, ich sei nun doch schon ganz schön richtig toll erwachsen. Dass ich einfach so mit einem fremden Pferd ausreiten gehen kann, ohne mich groß aufzuregen, findet sie spitzenmäßig! Und sich selbst fand sie auch toll, weil sie so mutig war. Sie war ziemlich kaputt, weil sie das alles so aufregend fand. Ich war nur hungrig, sonst nix.

Demnächst wollen wir dem neuen Ausreitkumpel mal so unsere Lieblingswege zeigen. Der wird staunen, was für schöne Stellen wir so kennen! Da freuen wir uns drauf.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit einem neuen Ausreitkumpel (wie viele sind es jetzt eigentlich? Ich muss mal nachzählen….)

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 509

Also wirklich: der letzte richtig tolle, schnelle, lange Ausritt ist jetzt schon eine halbe Ewigkeit her. Der war am 15.4.! Seitdem hatte ich nur so Runden mit viel Schritt und die meisten davon auch viel zu kurz. Und so langsam nervt´s! Ich brauche meine regelmäßigen Austobe-Einheiten, sonst werde ich sauer! Jetzt war heute auch noch so fieses Wetter, dass es gar nix wurde mit dem Ausreiten – ganz viel Wind und Regen und dabei ziemlich kalt. Ich stand in der Scheune, die Menschen haben wieder an meinen Hufschuhen rumgebastelt, es hat geschüttet und meine Laune war im Eimer. Ich war so richtig grummelig.

Draußen schüttet es und ich bin schlecht gelaunt.

Mein Mädchen hat das gesehen und hat versprochen, dass ich noch laufen darf. Auf jeden Fall. Sobald es aufhört zu regnen. Ich war immer noch grummelig. So ein blöder Mist! Aber wenn sie etwas versprochen hat, dann hält sie das ja auch. Also kam sie sofort an, als es aufgehört hat zu regnen. Wir sind auf den Platz gegangen und haben Doppellonge gemacht. Mit Stangen und einem aufgebauten Kringel zum drin laufen. Erst schön warmmachen im Schritt. Dann endlich ab in den Trab. Können wir bitte auch bald mal galoppieren? Ja, konnten wir. Ich bin dann einfach ein paar Runden durchgaloppiert und dann plötzlich ging es wieder mit meiner Laune. Der Mann hat mir noch den Sprung aufgebaut und ich dann konnte ich noch hüpfen und hüpfen und galoppieren und traben und hüpfen und galoppieren…. und dann war meine Welt wieder in Ordnung. Besonders in Ordnung war sie dann, als mein Mädchen gesagt hat, dass wir morgen – so das Wetter uns gnädig ist – ein feines Abenteuer vorhaben. Oh toll, da bin ich ja mal gespannt! Also Daumen drücken, dass das Wetter morgen mitmacht!

Hüpfen hebt die Stimmung!

Diego durfte dann auch noch an die Doppellonge. Mein Mädchen hat das ja mit ihm geübt in den letzten Wochen und jetzt hat sie es dem Mann mal gezeigt. Diego kann jetzt auch ganz leise über die Stangen laufen, ohne klonk klonk (nicht immer, aber immer öfter). Darauf ist mein Mädchen ganz besonders stolz. Und darauf, dass er jetzt schon wieder ein bisschen galoppieren kann und schon wieder ganz gut durchhält. Am Anfang war er immer so schnell müde, weil er ja so schlimm krank war, aber davon merkt man jetzt schon gar nicht mehr so viel.

Diego war auch fleißig

Als wir dann beide schön Sport gemacht hatten, ging es noch ein bisschen auf die Weide – bald sind wir mit anweiden fertig, dann können wir wieder nachts raus, aber im Moment gehen wir noch morgens und abends jeweils eine Weile zum Gras essen. Danach war ich wieder in feinster Stimmung und habe das auch meinem Mädchen direkt erzählt und die hat sich sehr gefreut, dass ich wieder ganz ich selbst bin und nicht mehr grummelig und motzig.

Euer wieder gut gelaunter Sir Duncan Dhu of Nakel (in Erwartung eines feinen Abenteuers!)

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 508

Ausflug außer der Reihe, juhuuu! Ab und zu nehmen der Mann und mein Mädchen sich ja frei und wir gehen einfach so unter der Woche zusammen ausreiten. Und jetzt war es endlich mal wieder so weit! Die Touren sind noch nicht so lang, wegen Diegos Fitness, aber diesmal waren wir wieder auf wichtiger Mission. Es ist ja so, dass wir eigentlich eine Strecke für einen Distanzritt probereiten. Damit hätten wir längst fertig sein sollen, aber mein Ausreitkumpel laboriert ja nun schon eine halbe Ewigkeit mit seinem Humpelfuß herum und also ging an der Front nix voran. Deswegen sind wir heute mit Diego mal da hin gefahren und haben uns die gute Hälfte vom dritten Drittel des Distanzrittes angesehen.

Diego ist gleich mal wieder munter losmarschiert und ich musste erstmal meinen Dieselmotor vorglühen. „Was?“ sagt der Mann zum Mädchen „ein DIESEL? Ich reite ja einen Hü-Brid“ (Oder „Hü-Breed“) und damit ist das endlich mal klar, warum Diego sooooo schnell ist: der hat anscheinend zwei Motoren wo ich nur einen habe! Unverschämtheit! Er ist ja ein Friese-Tinker-Mix und wahrscheinlich hat er einen Friesen-Motor und einen Tinker-Motor, während ich armes, reinrassiges Highlandpony eben nur einen einzigen Motor habe. Aber als der mal warmgelaufen war, habe ich den schnellsten aller Schritte hingelegt, den ich so schaffe. (Leider deutlich langsamer als Diegos entspannter Normalschritt).

Ihr seht schon, die Menschen waren gut gelaunt und wir Ponys auch. Leider stellte sich heraus, dass die Wege gar nicht ganz so schön sind, wie erhofft, da war doch viel Asphalt zu treten. An jeder Kreuzung haben wir angehalten und die Menschen haben Fotos gemacht – seufz. Können wir nicht einfach weiterlaufen, bitte? Das Anhalten nervt immer so. Dann zwischendurch immer mal ein Stück Trab, aber Diego trabt einfach nicht ganz so lange durch wie mein Ausreitkumpel, so dass ich die Vorteile meines Dieselmotors gar nicht so recht ins Spiel bringen kann. Kaum habe ich mich warmgelaufen, schon wird wieder durchpariert. Trotzdem war es schön, zusammen unterwegs zu sein. Ich hab nachtraben geübt, weil ich ja sowieso nie bei Diegos Schritt mithalten kann. Nachtraben ist fies für mich, weil ich da ja erst antraben und dann gleich wieder durchparieren muss. Das finde ich anstrengend und meckere dann immer etwas rum, aber Diego hat gesagt, für ihn ist das ja auch anstrengend, wenn er immer auf mich warten muss. Irgendwas ist ja immer!

Diego ist dann zwischendurch immer ein paar Seitengänge gegangen, damit das Tempo besser passt. Aber nach jedem Seitengang wurde er dann gefühlt noch flotter! Aber wir sind ja beste Freunde und kriegen das alles hin. Mein Mädchen meint ja immer, es sei sehr gut für mich, wenn ich mich im Schritt richtig anstrengen muss. 

Diego hat das mit dem Distanzritt sehr ernst genommen und sich bemüht, die Strecke schon mal ordnungsgemäß zu markieren. An jeder Kreuzung ein Äppelhaufen! Mein Mädchen hat ihn dafür doll gelobt. Nur an einer Stelle hat er es verkackt (wenn ihr das Wortspiel gestattet). Da haben wir Graspause gemacht und mein Mädchen wollte kurz auskundschaften, welcher von den beiden möglichen Wegen wohl der schönere wäre. Und da hat Diego so mitten auf die Kreuzung geäppelt, aber zu weit rechts, wir wollten nämlich dann links abbiegen. Mein Mädchen meinte, das wäre ja wohl nix.

Die Markierung ist verkackt!

Der Mann hat dann schnell einen Stock genommen und etwas nachgebessert, damit jeder die Markierung verstehen kann. Ob Diego demnächst gleich Pfeile äppelt? Wir sind gespannt!

So ist es besser verständlich

Nach guten 9km waren wir dann auch schon wieder an der Wackelkiste. Man, hatte ich einen Hunger! Dieser flotte Schritt ist ganz schön anstrengend, sage ich euch. Schnell schon mal etwas Heu naschen, während mein Mädchen mich absattelt. Sie meinte dann aber, dass ich doch lieber von hinten durch die große Tür in die Wackelkiste einsteigen soll. Ok, Hauptsache ich komme ans Buffet!

Hunger!!

Das war ein schöner Sonntags-Ausflug am Donnerstag. Und das schönste ist: das machen wir jetzt wieder öfter. Diego ist diesmal nicht gestolpert und war auch nicht so müde, also es geht gut voran mit der Fitness. Nur eins hat uns nicht so gefallen: der viele Asphalt. Da müssen wir jetzt mal sehen, ob sich das für einen Distanzritt wirklich so gut eignet, aber das besprechen die Menschen untereinander, da haben wir Ponys nix mit zu tun. Wir gehen lieber auf die Weide und gewöhnen unsere Bäuche an Gras.

Euer Distanzrittstreckentester Sir Duncan Dhu of Nakel

Die Ausbildung des Reiters

Als ich noch ein Kind war hat mein Großonkel mir ein Buch geschenkt. Kein neu gekauftes, sondern eins aus seinen Beständen, aus seiner Zeit bei der Kavallerie. Müselers Reitlehre in der Ausgabe von 1938. Mit seinem zerschlissenen Einband und den abgerundeten Ecken ist es für mich doch immer ein ganz besonderes Buch – eine Art Zeitzeuge in meinem Bücherregal.

Das Buch beginnt mit dem Kapitel „Die Ausbildung des Reiters“. Und widmet sich dann den Fragen „Wie lernt der Reiter sitzen?“, „Wie lernt der Reiter fühlen?“ und „Wie lernt der Reiter einwirken?“

Schon die Reihenfolge dieser drei Fragen sagt einiges aus. Sitzen lernen, das haben wir zu meiner Zeit noch an der Longe getan in der denkbar ungünstigsten Art und Weise („Hände ruhig!“, „Schultern zurück!“, „Absatz tief!“). Heute gebe ich natürlich im Reitunterricht auch Hinweise, wie eine Reiterin besser sitzen kann, aber ich kann trotzdem nur jeder empfehlen, sich auch separat mit ihrem Sitz zu beschäftigen. Ich bin da keine Expertin, aber es gibt viele Ausbilder, die sich genau darauf spezialisiert haben und die auch neben dem Pferd gute Angebote wie Yoga, Pilates etc haben. Sitzen lernt man nicht einmal und ist dann fertig damit. Sitzen übt man ein Leben lang.

Wie lernt der Reiter fühlen? Tja, da sind wir heute oft im Nachteil. Denn Fühlen lernt man vor allem im Vergleich und dafür bräuchte man verschiedene Reitpferde. Die meisten Frauen, die ich unterrichte, reiten immer ein und dasselbe Pferd. Das Gefühl auf diesem Pferd hat ihr Körper als „normal“ abgespeichert. Da wird es schwierig, ein neues Bewegungsbild zu bekommen. Wann immer sich euch die Gelegenheit bietet, mal ein anderes Pferd zu reiten, nehmt sie wahr. Und sei es nur 10 Minuten im Schritt: für den Körper ist es eine wertvolle Erfahrung, ein wichtiger Vergleich, um dann besser wahrzunehmen, was das eigene Pferd wohl für Besonderheiten, Schiefen oder Steifigkeiten mitbringt.

Und wie lernt der Reiter einwirken? Auch hier sind wir wieder sehr im Nachteil. Zu Müselers Zeiten lernten die Reiter auf vernünftig ausgebildeten Schulpferden. Heute sind zumindest jene Frauen, mit denen ich zu tun habe, selbst Pferdebesitzerinnen. Reitschulen mit gut ausgebildeten Pferden sind sehr selten. Wenn aber das eigene Pferd noch nicht viel weiter ausgebildet ist, als die Reiterin oben drauf, dann wird der Weg um ein vielfaches schwieriger. Denn eine Reiterin, die das Zielbild nicht im Kopf und Körper hat, weil sie es noch nie geritten ist, sitzt jetzt auf einem Pferd, dem es ganz genauso geht. Beide kämpfen mit ihren körperlichen Schwierigkeiten: die Reiterin kommt meist aus einem bewegungsarmen Alltag im Büro, das Pferd hat das eine oder andere Zipperlein und lebt ebenfalls sehr bewegungsarm (Offenstall hin oder her).

Natürlich kommen Reiterin und Pferd trotzdem voran, wenn sie dranbleiben und üben, guten Unterricht bekommen und sich weiterbilden. Dennoch glaube ich, dass die Ausbildung von Reitern heute deutlich länger dauert als damals, zu Müselers Zeiten.

Denn selbst die, die jede Woche Unterricht nehmen und viel reiten, äußern immer dasselbe Problem – und selbst Müseler wusste das schon. Er schreibt: „Es liegt nun der Gedanke nahe, dass der Reiter zunächst die einzelnen „Einwirkungen“ für sich allein ausprobiert, um dann, wenn er mit ihnen vertraut ist, „Hilfen“ geben zu können. Zu Pferde ist das in dieser Form meist leider nicht möglich, weil das Pferd auf Einwirkungen nur dann vernünftig reagieren kann, wenn mehrere von ihnen in solcher Zusammenstellung gegeben werden, dass sie als „Hilfen“ für das Pferd verständlich sind. Wollte man z.B. die Wirkung des „Annehmens“ der Zügel für sich allein ausprobieren, ohne die zum Verständnis für das Pferd notwendigen Ergänzungen der Kreuz- und Schenkeleinwirkungen mit dem richtig abgemessenen Nachdruck gleichzeitig vorzunehmen, dann wüsste das Pferd nicht, was es machen sollte.“

Kurz und gut: man muss halt immer so viele Dinge gleichzeitig tun. Und im richtigen Moment aufhören, sie zu tun. Und dann soll man noch fühlen, was das Pferd tut. Und das Atmen nicht vergessen.

Deswegen starte ich in meine neue Mission: zu versuchen, die Dinge etwas mehr auseinanderzunehmen, damit Reiterinnen die Möglichkeit haben, einzelne Bausteine zu üben, um sie anschließend zusammenzusetzen.

Darum soll mein Duncan gelegentlich als Lehrpferd zur Verfügung stehen – er muss dafür auch gar nicht perfekt ausgebildet sein, sondern nur mal die Möglichkeit bieten, etwas zu erfühlen oder zu üben. Auch Diego wird hoffentlich bald wieder als Lehrpferd arbeiten können, sobald die nötige Fitness wieder hergestellt ist. Da ich beide von unten „fernsteuern“ kann, bleibt für die Reiterin mehr Zeit zum fühlen.

Außerdem habe ich mir vorgenommen, die Themen weiter herunterzubrechen. Ich möchte Workshops OHNE Pferd anbieten, der erste wird zum Thema „Timing und Rhythmus“ sein. Wer in meinem „Versuchskaninchendurchlauf“ dabei sein will, schreibt mich gerne an!

Heute haben wir viel bessere Lehrmethoden als Herr Müseler vor über 80 Jahren, denn wir wissen mehr über Pferdeverhalten und auch mehr darüber, wie der Mensch lernt. Nur das Reiten ist nicht einfacher geworden, das will – genau wie damals – gelernt und geübt werden und fertig ist man damit nie. Nicht umsonst heißt der kürzeste Reiterwitz „Ich kann´s“.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 507

Gestern war ja wieder Montagsausflug. Aber vorher war Wellness angesagt, gegen meinen schiefen Po. Der Mann hat mich ordentlich durchgeknetet. Beine dehnen und kreisen, Schweif kreisen, Muskeln massieren. Aaaaaaah so lässt es sich leben!

Schweif kreisen in den Rücken zu lockern
Beine dehnen
Herrlich, so eine Massage.

Und dann ging es in die Wackelkiste Richtung Ausreitkumpel.

Der ist jetzt wieder in der Aufbauphase angekommen, aber noch baut sich da irgendwie nix auf. Er jammert und meint, alles sei furchtbar anstrengend. Durch die Humpelei ist sein Po nämlich NOCH VIEL SCHIEFER als meiner und er bekommt zwar auch ständig Wellness, soll sich aber auch bewegen und das findet er ja so gar nicht witzig. Ich hatte ja nun am Sonntag meinen Turbo-Schritt mit Diego geübt (da bin ich ja immer hoffnungslos zu langsam, egal wie sehr ich mich bemühe) und am Montag hatte ich dann den Ausreitkumpel hinter mir, der immer meinte, ich sei viiiiiiiiel zu schnell. Wie man es macht, man macht´s verkehrt.

Wir sind wieder 5km Schritt gegangen während die Mädchen sich die neuesten Neuigkeiten erzählt haben. Weil mein Mädchen keine Lust auf drölfzig Autos hatte, hat sie kurzerhand den Ausreitkumpel zu mir in die Wackelkiste gepackt und wir sind ein kleines Stück gewackelt bis zu den schöneren Wegen, damit wir in Ruhe laufen können.

Alles ganz nett, aber unspekatulär ohne Ende. Ich hoffe ja doch sehr, dass mein Ausreitkumpel bald wieder ganz der Alte ist, damit wir endlich mal wieder ohne Ende traben können!

Bis dahin warte ich auf eine Lieferung neuer Hufschuhe und Kleber, damit ich was an die Hufe kriege was ich im Galopp nicht verliere (mein Mädchen möchte einen neuen Versuch starten) denn ich hoffe sehr, dass wir dann auch im Gelände mal wieder richtig schön galoppieren können.

Euer durchgekneteter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 506

Sonntagsausflug!

Aber bevor es losgehen konnte, brauchte ich erst noch kurz eine osteopathische Behandlung. Ich bin nämlich wieder ganz krumm und schief geworden! Wahrscheinlich eine ungünstige Kombi aus Wachstum, Anweiden (dann kommt der Bauch etwas durcheinander und gast mal ein bisschen auf, da kann man schnell mal krumm werden) und der Tatsache, dass mein Mädchen mit meinen Dehnübungen geschludert hat. Tssss tssss tsss…. Jedenfalls war mein schöner runder Po ganz schief. Also hat der Mann mich erstmal behandelt, bis es einigermaßen wieder gerade war.

Dann in die Wackelkiste und los ging es! Diesmal mit Zwischenstopp. Beim Ausreitkumpel war nämlich die Pferdewaage und Diego sollte da zur Kontrolle nochmal drauf. Mein Mädchen meinte, er hätte zugenommen. Der Mann meinte, er hätte sein Gewicht ziemlich genau gehalten. Und der Mann hat gewonnen, denn Diego hat 590kg, das sind nur 5kg mehr als vor 4 Wochen. Ein gutes Gewicht für ihn, jetzt müssen nur mehr Muskeln dran. Da kommt so ein schöner Ausritt gerade gelegen! Während Diego auf der Waage war, hab ich geübt, tapfer allein in der Wackelkiste stehen zu bleiben bis Diego wieder kommt. Kann ich!

Dann sind wir weitergewackelt worden bis in den Wald. Dort haben wir die gute alte Tour gemacht, die ist fast 10 km lang und ganz schön. Abgesehen natürlich von dem Schotter, den sie an einigen Stellen leider sehr aufgefrischt haben.

Weil ich ja so schief war und weil Diego noch nicht so viele Tragemuskeln hat, sind die Menschen heute ein gutes Stück zu Fuß gegangen. Dann aufgestiegen und los ging es im Trab. Diego war gut drauf und hat ein ordentliches Tempo vorgelegt. Ein frischer, kühler Wind wehte uns um die Nase, da läuft es sich gleich viel besser als wenn es so warm ist.

Mein Mädchen hatte vergessen, mir meine Hufglocken anzuziehen, also war angaloppieren strengstens verboten, denn dann trete ich mir ja immer in meine Schuhe und verdrehe mir die. Da musste ich mich im Trab ein bisschen beeilen, hab ich aber geschafft! Dann kurze Schrittpause, dann noch ein ausgiebiger Trab. Einmal bin ich dann doch kurz in den Galopp gefallen und mein Mädchen hat runter geschielt und gesagt, jetzt ist der Schuh verdreht. Es traf sich aber ganz gut, denn wir waren eh schon da, wo wir traditionell Graspause machen. Da konnte mein Mädchen schnell den Schuh wieder geraderücken.

Nach dem leckeren Schmaus noch ein Kilometer im Trab, aber Diego wurde schon etwas müde, der wurde immer langsamer und fing an zu stolpern. Wir waren aber sowieso auf dem Hauptweg angekommen, da wird der Boden wieder etwas schottrig und also sind die Menschen wieder abgestiegen und ein gutes Stück zu Fuß gegangen.

Zwischendurch zu Fuß, damit unsere Rücken sich erholen können.

Nur die letzten 10 min haben sie sich dann nochmal tragen lassen. Ab in die Wackelkiste und nach hause. Zu hause hat der Mann dann nochmal nach meinem schiefen Becken geschaut. Durch den Ausritt war meine Muskulatur ja jetzt gut durchgewärmt und also konnten wir noch ein paar Dehnübungen nachlegen. Noch bin ich nicht ganz gerade, aber das wird schon wieder, wenn wir jetzt dranbleiben. Ist ja nicht das erste mal, dass ich schief und krumm bin… Jetzt wird wieder viel gedehnt und ordentlich Gymnastik gemacht, sagt mein Mädchen, und wachsen sollte ich jetzt bitte wieder vorn, hinten ist es nämlich genug. Bei dem Thema redet sie mir also immer noch rein, manche Dinge ändern sich wohl nie.

Aber der Ausritt war toll und hat meine Laune deutlich gesteigert.

Euer bald wieder gerader Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 505

Entschuldigt bitte, liebe Menschen, mein Mädchen hat mit der Technik gekämpft. Glück für euch, weil ihr jetzt zwei Tagebucheinträge an einem Tag bekommt! Irgendwie ist es mit der Technik fast so wie mit der Doppellonge: eine Art Hassliebe. Mit der Technik hab ich ja zum Glück nix zu tun, da soll sie sich mal schön drum kümmern. Aber bei der Doppellonge bin ich natürlich beteiligt! Wenn alles gut läuft, dann finden wir das beide toll. Es ist dann fast wie ein Tanz, ich immer auf dem weiten Weg und mein Mädchen in der Mitte dirigiert mich – geradeaus, um die Kurve, auf den kleinen Kreis, auf den größeren Kreis, über die Stangen oder durch die Gassen. Ich kann nach Herzenslust traben und galoppieren, ohne dass sie sich über Gebühr verausgaben muss (ihr wisst ja: sie ist einfach nicht so fit wie ich!).

Aber wehe, wenn sie dann nachgreifen oder – Gott bewahre! – die Richtung wechseln möchte. Dann vertüddelt sich die Doppellonge und mein Mädchen mutiert sofort zum Rohrspatz und schimpft und flucht bis sie alles wieder sortiert hat. Mir ist es inzwischen ziemlich einerlei, ich weiß ungefähr was ich in der Zeit tun soll und wenn ich es mal nicht weiß, halte ich an und schaue sie an, dann sagt sie es mir. Sie weiß ja, dass ich nix dafür kann und entschuldigt sich dann immer bei mir. Macht nix, mein Mädchen, darf ich jetzt dafür noch ein bisschen galoppieren zum Trost? Und dann tanzen wir wieder. Das macht Spaß! Langsam wird sie besser und schimpft seltener. Neulich meinte sie dann, sie muss doch wirklich nochmal in Ruhe üben. Und was das bedeutet, zeigte sich kurze Zeit später als sie in Begleitung des Mannes auf dem Reitplatz auftauchte. Der arme Kerl! Er musste nun als Übungspferd herhalten und immer schön auf dem Reitplatz herum laufen (zum Glück für ihn fand die Übung nur im Schritt statt!). Er war sehr geduldig, aber am Ende, als mein Mädchen ihr braves „Pferdchen“ loben wollte, hat er noch kurz gezeigt, was er von der Aktion hielt….

Der arme Mann musste herhalten…

Ach naja, im Großen und Ganzen hat er mein Mädchen lieb und macht sowas ja gern um ihr zu helfen.

Ein paar Tage später war ich dann wieder dran. Und tatsächlich, mein Mädchen war besser geworden! Der Reitplatz war allerdings wieder etwas feuchter und so durfte ich dann gleich noch etwas „Aquatraining“ mitmachen. Später bin ich sogar zum ersten Mal durch die Pfütze galoppiert (davon gibt es leider kein Video)! Erst war ich nicht sicher, ob das so wirklich geht, aber tatsächlich: es geht.

Mein Mädchen war wieder total stolz auf mich. Dann wollte sie mal schauen, wie es um meine Galopp-Künste jetzt so bestellt ist. Galopp im Kreis finde ich ja immer noch anstrengend und sie hat gedacht, sie zählt mal runden. 6 Zirkelrunden habe ich gut geschafft und dann haben wir gleich noch 6 Runden in die andere Richtung gemacht. Ich könnte natürlich länger galoppieren, aber dann würde ich doch eher in „Motorrad-Schräglage“ um die Kurven sausen und das soll ich ja nicht, ich soll das ja vernünftig machen und da verlassen mich dann halt doch noch die Kräfte. Aber dafür üben wir das ja und bald kann ich das noch viiiiiel besser.

Euer bedoppellongter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 504

Neulich war wieder der Zahnarzt da. Der hat unsere Beißerchen durchgecheckt. Wir werden dann alle in die Halle geholt, damit wir parat stehen und dann macht er einfach ein Pony nach dem anderen. Ich bin seit meiner blöden Krankheit damals nach der Kastration ja nicht mehr so gut auf alles zu sprechen was entfernt nach Tierarzt aussieht. Habe mich also erstmal ein bisschen in der Ecke versteckt und gewartet ob ich damit durchkomme. Gatsby war zuerst dran. Dann Caruso. Caruso ist ja so klein, da muss der Zahnarzt immer ein extra kleines Maulgatter nehmen und sich selbst ganz viel bücken. Aber dann ist Caruso auf einmal gestiegen! Stand einen Moment ganz ruhig auf seinen Hinterbeinen, kam wieder runter und plötzlich hielt der Zahnarzt die Zange hoch – da war ein Zahn raus gekommen! Der war so lose, dass er den einfach so raus nehmen konnte. Er muss Caruso fürchterlich gestört haben, weil er ganz hoch stand und beim kauen immer herumgewackelt hat. Deswegen hatte er sich wohl in letzter Zeit auch ein paar mal so blöde verschluckt! Jetzt hat Caruso also einen Backenzahn weniger. Der Zahnarzt sagt, Caruso hat seinen Zahn gut abgenutzt. Wir wissen ja nicht, wie alt er ist, aber wohl so Ende 20.

Dann war ich dran. Ich mochte nicht kommen, als mein Mädchen mich gerufen hat, also musste sie mich abholen. Aber mit dem Zahnarzt hab ich mich trotzdem gut vertragen, der ist ja doch ein netter Kerl. Während er meine Zähne von scharfen Kanten befreit hat, hat mein Mädchen ihm was vorgeschwärmt, wie toll ich bin. Das höre ich immer gern und habe also stillgehalten. Sie hat ihm von meiner kleinen Freundin erzählt, der ich jetzt alles über Ponys beibringe, und er war sehr beeindruckt. Und dann war ich auch schon fertig und durfte gehen. Habe mich wieder in der Ecke versteckt – man weiß ja nie!

Merlin sollte eigentlich nur einmal angeschaut werden. Der hasst Zahnärzte, weil ihm im Maul schon so oft was wehgetan hat. Aber mein Mädchen wollte einmal nachschauen lassen, weil er in letzter Zeit wieder so sehr schlecht gekaut hat (er kann ja eh noch kaum was kauen und bekommt deswegen einen Brei-Eimer nach dem anderen, um in Form zu bleiben). Der Zahnarzt hat alles abgetastet und dann die Zange gezückt. Zack! War bei Merlin auch ein Backenzahn raus! Der war auch schon so lose, dass er einfach so raus kam. Jetzt hat Merlin NOCH weniger Zähne im Unterkiefer. Da ist nicht mehr viel übrig, sagt der Zahnarzt. Und das heißt natürlich, dass kauen immer noch schwieriger wird. Mehr Brei muss her! Mein Mädchen hat grimmig gelacht und gesagt, sonst wüsste sie ja auch eh nicht wohin mit dem vielen Geld.

Der größere Zahn ist von Caruso! Von Merlins Zähnen ist nicht mehr viel übrig….

Dann hat der Zahnarzt unsere Wippe gesehen und angefangen, mein Mädchen darüber auszufragen. Sie hat gesagt „wir zeigen dir, wie das geht“ und hat mich gerufen. Ich bin aber nicht gekommen – ich will nicht nochmal zum Zahnarzt! Auch wenn er nett ist: er ist Zahnarzt! Also musste sie mich wieder abholen. Aber als es dann auf die Wippe ging, war ich natürlich sofort voll am Start! Habe alles gezeigt, was ich kann. Und der Zahnarzt war extrem beeindruckt. Er meinte, nur vom Zuschauen würde er schon in Schweiß geraten, weil das so anstrengend aussieht und das wäre ja voll das gute Workout. Ständig hat er gesagt, es wäre ja erstaunlich, dass ich da immer wieder rauf will, obwohl es wackelt und anstrengend ist. Ich glaube, der Typ hat einfach noch nie so richtig gute Kekse gegessen! Dafür würde er sich auch so ins Zeug legen! Abgesehen davon macht das einfach soooo Spaß, auszuprobieren was noch alles geht. Rückwärts auf die Wippe rauf gehen ist ja mein neuester Trick. Klappt jetzt auch schon voll oft!

Jetzt bin ich mit dem Zahnarzt wieder versöhnt, weil er mich so schön bewundert hat. Trotzdem bin ich froh, wenn ich ihn erst in einem Jahr wieder sehe. Und zum Glück sitzen meine Backenzähne alle bombenfest wie es sich in meinem Alter ja auch gehört.

Euer zahngepflegter Sir Duncan Dhu of Nakel

Lehrpferde

Vor 30 Jahren bin ich meinem ersten Pferd „Wurzel“ begegnet. Ein Warmblüter, der vom Reitverein als Schulpferd gekauft wurde. Alsbald stellte sich jedoch heraus, dass Wurzel für diese Aufgabe nicht geeignet war, denn er entwickelte einige Marotten, die sich immer weiter verschlimmerten. Eine davon war die, die für mich rückblickend meinen persönlichen Startpunkt in eine neue Art des Umgangs mit Pferden darstellt:

Am Ende jeder Reitstunde stellten alle Reiter ihre Pferde auf der Mittellinie auf. Bei A war der Ausgang aus der Reithalle. Wurzel sorgte dafür, dass er immer direkt dort stand, egal, was man versuchte. Sobald man dann abgestiegen war und ihn durch die Tür in den angeschlossenen Stall führen wollte, rannte er los und sauste von der Reithalle in seine Box – ohne Rücksicht auf Verluste. Niemand, auch nicht unsere sehr resolute Reitlehrerin, konnte ihn davon abbringen.

Eines Tages hatte ich eine Idee: ich ließ Wurzel in seine Box flitzen, aber als er dort war, führte ich ihn ungerührt zurück in die Halle. Der Vorgang wiederholte sich ein paar mal, bis Wurzel schließlich verstand und gesittet neben mir her in seine Box ging, wo ich ihn dann absatteln konnte. Seitdem ging er mit mir immer anständig aus der Halle in die Box. Dieser Tag war für mich der, an dem ich verstand, stur zu sein, statt gewaltätig zu werden. Weder wildes Gezerre am Gebiss, noch Schläge mit der Gerte oder Geschrei hatten Wurzel dazu gebracht, sein Verhalten zu ändern. Aber stures Wiederholen hatte etwas geändert.

Wenn ich heute daran denke, was für ein schreckliches Leben die Pferde dort hatten, möchte ich Wurzel im Nachhinein zurufen: lauf! Lauf nicht in deine Box, sondern so weit weg, wie du nur kannst…

Einige Zeit später wurde Wurzel mein erstes eigenes Pferd und vielleicht mein größter Lehrmeister. Er war kein gutes Lehrpferd, er war der Typ Pferd, der so lange „nein“ sagt, bis man als Mensch notgedrungen andere Wege findet. Das ist eine sehr harte Schule für den Menschen und fürs Pferd ein schmerzhafter und steiniger Weg. Ich bin dankbar, dass Wurzel so sehr für sich selbst eingestanden hat und mir immer ganz klar die Grenzen aufgezeigt hat. Wer weiß, wo ich ohne ihn heute wäre?

Heute ist die Pferdewelt eine andere als vor 30 Jahren und das ist gut so. Und heute steht hier mein kleiner großer Duncan und lernt, ein Lehrpferd zu sein. Ein echtes Lehrpferd, nicht eins, was nur „nein“ sagt. Eins, das Menschen unterstützt, zu lernen. Und ich beobachte mit Faszination, wie Duncan von Woche zu Woche lernt, zu lehren.

Was macht ein gutes Lehrpferd aus? Ich finde, an erster Stelle steht immer die Sicherheit. Duncan lernt, dass langsamer werden immer – ausnahmslos – die bessere Option ist. Er beobachtet, während er mit seiner kleinen Freundin arbeitet, jede meiner Reaktionen und leitet sich daraus ab, welches Verhalten ich gut finde und welches nicht. Wenn er nicht weiter weiß, fragt er mich um Hilfe, indem er mich anschaut und sich dann von mir „fernsteuern“ lässt. Dazwischen versucht er, die noch sehr undeutlichen und wenig überzeugenden Anweisungen seiner kleinen Freundin zu entschlüsseln. Ein gutes Lehrpferd ist eines, das weiß, wann es genau das macht, was ihm vom Schüler gesagt wird und wann nicht. Als das Mädchen Duncan so ungeschickt geführt hat, dass er auf ihrem Fuß zu stehen kam, war das ein Zeichen für Duncans Unerfahrenheit. Er hatte genau getan, was sie gesagt hatte. Nun darf er lernen, in manchen Situationen selbständig anders zu entscheiden, damit so etwas nicht wieder passiert. Denn es wird nicht der letzte Fehler dieser Art gewesen sein – ein Lehrpferd ist ja genau dazu da, dass eine Schülerin Fehler machen kann, ohne in Gefahr zu geraten.

Was für eine schwierige Aufgabe für ein Pony! Ich habe Merlin vor Augen, der ein perfekter Lehrer war. Woher er das konnte, weiß ich nicht (beim Vorbesitzer hatte er das sicher nicht gelernt). Und ich wünsche mir, dass Duncan in ein paar Jahren auch so souverän ist. Dass er genau weiß, wann er die Verantwortung übernehmen soll und wann er – zu Ausbildungszwecken – genau das machen soll, was der Mensch ihm sagt. Ich weiß noch genau, wie Merlin immer geschaut hat, wenn er in aller Seelenruhe genau den Blödsinn gemacht hat, den die Reiterin auf seinem Rücken ihm gesagt hat. Sein Gesichtsausdruck war klar: „ich weiß, dass das nicht das ist, was du WILLST aber es ist das was du SAGST“. Niemals jedoch hätte er sich so verhalten, wenn dabei jemand zu Schaden gekommen wäre. Dann übernahm er die Führung und sein Gesicht sagte „nein, das machen wir nicht. Versuch es nochmal“. Und ich war immer aufs Neue fasziniert von dieser wunderbaren Fähigkeit, zu unterscheiden.

Gestern, als Duncans kleine Schülerin ihn zum ersten Mal selbst gelenkt hat und er der Wand in der Halle zu nah kam, hat er vorbildlich angehalten und auf weitere Anweisungen gewartet. So blieb ihr Bein unversehrt und ich konnte Duncan einen Tipp geben, was in so einer Situation zu tun ist. Und jede solcher Situationen gibt mir das Gefühl: er wird großartig werden in dem Job. Und was noch wichtiger ist: er hat eindeutig Spaß daran.