Wie Duncan Euch ja schon berichtet hat, haben wir neulich einen Höllentrip erlebt. Und zwar einen von der völlig unnötigen und selbstverschuldeten Sorte.
Es war so: ich wollte gern nochmal üben, über die Brücke zu gehen. Vor der Autobahnbrücke steht als Übung die Brücke über die Landesstraße, da sind es nur 2 Spuren und an der Stelle wo wir üben, kann man die Straße so weit in beide Richtungen einsehen, dass ich gut dosieren kann, wann ich rüber gehe. Perfekt. Danach geht es lange, lange neben der Landesstraße her, aber in sicherem Abstand. Auf dem Weg, den man dort geht, ist nie jemand, kein Radfahrer, kein Auto, kein Hund. Auf der einen Seite die Straße, auf der anderen Seite nur Feld. Perfekte Bedingungen zum Gewöhnen an jede Form von Fahrzeug. Haben wir mit Finlay damals mit großem Erfolg genutzt.
Als wir dann an besagtem Sonntag dort ankamen, waren unglaublich viele Autos auf der Landesstraße unterwegs. Eins nach dem anderen, fast ohne Pause. Rüber über die Brücke, das ging ganz gut. Dann kommt ein Abschnitt der noch recht schön ist, da ist man noch weit von der Straße weg. Arnulf sagt „bestimmt ist die Autobahn gesperrt und die fahren alle hier lang“. Ich überlege noch, ob ich google fragen soll, aber was solls. Die Tour ist geplant und wird jetzt gemacht. Wir kommen der Straße näher. Ich bin gestresst, Duncan ist gestresst. Ich denke „Lust hab ich dazu keine“ und dann „Lust hast du darauf nie. Du wolltest üben, bittesehr“. Mein Stresspegel steigt und steigt, ein Auto am anderen. Duncan ist aber sehr artig. Bis zu dieser vermaledeiten Sirene. Danach ist der Stresspegel irre hoch (Duncan ist trotzdem ziemlich artig. Diego ja sowieso immer, egal wie viel Stress er hat, der arme Kerl).
Wir biegen an der einzig möglichen Stelle von der Straße weg in eine Feldzufahrt und lassen die Ponys grasen.
Ach, hätte ich bloß noch einmal auf die Route geschaut. Aber nein, es war ja so geplant.
Im Nachhinein gab es so viele bessere Optionen. Schon als wir auf der Brücke gesehen haben, wie es da heute zugeht, hätten wir
- nur die Brücke üben und dann woanders hin fahren können
- nur die Brücke und ein Stück Straße üben und dann woanders hin/nach hause fahren können
- google fragen, dann hätten wir gesehen, dass die Autobahn dicht war.
Nichts dergleichen haben wir getan. Auch als wir dann nach der Sirene die Pause mit Gras gemacht haben hätten wir die Route nochmal checken können. Dann wäre uns aufgefallen, dass wir erst ein Drittel (!) der Straßenstrecke geschafft haben, wir hätten also besser umgedreht, das wäre deutlich weniger Straße gewesen.
Später, als wir über diese unglaubliche Panne gesprochen haben, wurde uns klar, worum es geht. Und ich denke bei diesem Text vor allem an all jene Pferdebesitzerinnen, die mir sagen „ich hätte das abbrechen sollen“ weil ein Trainer nicht gut mit ihrem Pferd umgegangen ist (ist mir auch schon passiert).
Woran liegt das? Ich glaube, da sind Reste von preußischer Erziehung in uns allen drin. Man hat das so geplant, jetzt macht man es zu Ende. Sonst ist man ein Versager. Und man kann ja auch den anderen nicht einfach quer schießen.
Arnulf und ich haben lange gebraucht um das bei einem viel einfacherern Thema zu lernen: Filme. Wohlgemerkt im Fernsehen (im Kino kann ich es immer noch nicht). Ein Film, der 10 Minuten nach Beginn immer noch blöd oder langweilig ist, wird nicht besser, das hat die Erfahrung uns gelehrt. Trotzdem haben wir viele Filme zu Ende geschaut. Heute sagt einer von uns dann „willst Du das weiter gucken?“ und fast immer sagt der andere „nein“ und dann wird umgeschaltet. Die absolut grauenhafte Verfilmung des wunderbaren Buches „Krabat“ habe ich mir im Kino leider trotzdem bis zu Ende angeschaut und verstehe nicht, warum. Naja, die Kinokarten haben schließlich Geld gekostet… (was für ein bescheuertes Argument).
Wann lernen wir, solche Vorhaben zwischendurch nochmal zu hinterfragen und gegebenenfalls abzubrechen? Ich glaube, ich muss das üben. Ganz gezielt immer wieder. „Will ich das weiter machen?“ So wie damals auch, als ich diesen total vermurksten Unterricht bekommen habe. Hätte ich doch einfach abbrechen können! Wäre ja gar nix passiert (außer dass ich Geld gespart hätte).
Einer meiner NLP-Ausbilder hat mal gesagt, er trainiert sein Gehirn bewusst darauf, Dinge fertig zu machen. Er liest das angefangene Buch bewusst zu Ende, auch wenn es ihm nicht gefällt. „Mach es fertig“ war das Ziel und sein Gehirn sollte diese Struktur verinnerlichen. Die ist sicher hilfreich, wenn es um die Steuererklärung geht. Aber am Pferd steht sie uns total im Weg. Wie oft habe ich meinen Schülerinnen schon gepredigt, dass das Pferd heute NICHT mit allen vieren auf den Anhänger gehen muss. Es NICHT fertig zu machen, NICHT zu Ende zu bringen ist in der Regel so viel erfolgreicher, wenn es um Pferdeausbildung geht. Ein Thema anzuschneiden, einen guten Moment zu suchen und dann aufzuhören führt viel schneller zum Ziel. Und wenn etwas nicht läuft und man ein ungutes Gefühl hat, sollte man abbrechen – das habe ich jetzt wieder einmal gelernt.
So werde ich jetzt nach Möglichkeiten suchen, meinem Gehirn eine neue Struktur beizubringen: die Pausen-Taste drücken und mal kurz Zeit nehmen, um zu erforschen ob das jetzt zu Ende gebracht werden sollte oder nicht. Also: Wenn mein Gehirn sagt, dass wir jetzt unbedingt sofort Facebook checken müssen und dafür das Schreiben dieses Artikels unterbrechen, dann drücke ich die Pausen-Taste und ergründe, worum es geht. Macht es mehr Sinn, den Artikel jetzt zu Ende zu schreiben oder kann eine Ablenkung tatsächlich das Ergebnis verbessern? Wenn ich mir vorgenommen habe, eine bestimmte Sache mit Duncan zu üben, heute aber die Huchmampfs wieder zahlreich am Reitplatzrand sitzen und seine Aufmerksamkeit fordern – die Pausentaste drücken und überlegen, ob ich dann heute lieber über Huchmampfs spreche oder ob ich meine Übung durchziehen möchte und dafür im Huchmampf-freien Bereich bleibe.
Entscheidend wird sein, das ganze ergebnis-offen zu tun. Nur weil ich die Pausen-Taste drücke und den Plan kurz überprüfe, heißt das nicht automatisch, dass ich ihn verwerfe. Es kann sich sehr wohl herausstellen dass es immer noch der beste Plan ist, dass mein Gehirn mir nur aus Bequemlichkeit oder Angst vorgegaukelt hat, dass das keine gute Idee ist. Aber es mal aussprechen und besprechen (auch mit sich selbst) kann Höllentrips wie den unseren verhindern.
Wenn andere in meinen Plänen involviert sind, versuche ich entweder so weit unterhalb meiner Grenze zu bleiben, dass ich sicher bin, dass ich es durchziehen kann oder ich bespreche von vornherein, dass ich evt auf Plan B zurück greifen möchte und was Plan B ist. Wenn Duncan und ich demnächst das Ausreiten in Fremdpferd-Begleitung üben wird das zum Beispiel so sein. Plan B wird vorher besprochen und ich erbitte mir die Freiheit, darauf umzuschwenken. Und ich nehme mir auch vor, anderen diese Möglichkeiten immer offen zu halten. Auch wenn ich mit jemandem verabredet bin, zu akzeptieren dass derjenige vielleicht die Unternehmung abbricht. Sollte jemand das wirklich immer wieder tun, kann man ja darüber reden und eine gute Lösung finden. Ständiges Abbrechen zeigt ja nur, dass die Pläne immer zu groß sind. Dann müssen kleinere Häppchen her.
Wir tanken jetzt jedenfalls erst mal Romantik, bevor wir uns der Desaster-Reparatur widmen und dann in kleineren Schritten die Brücke und die Straße wieder in Angriff nehmen. Damit unsere Ponys und auch wir wieder ein gutes Gefühl dabei haben können.
Hier muss ich mal eine Frage an Duncan stellen, leite sie bitte weiter:
Werden die Huchmampfs eigentlich größer oder kleiner, wenn man sich ihnen nähert?
(vielleicht lässt sich deine Erfahrung auf andere Bereiche meines Lebens übertragen)
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Es gibt solche und solche. Manche stellen sich bei näherer Betrachtung als harmlos heraus, aber es gibt eben auch welche die einen mit einem Happs verspeisen! Die müssen dann wohl größer werden sonst würde ja kein ganzes Pony darin verschwinden.
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