Verfressen

Eine Winter-Szene letzte Woche: Mittlerweile liegen wohl knapp 10 cm Schnee auf unserer Weide. Die Ponys haben unterschiedliche Taktiken, um trotzdem an das Gras darunter zu kommen. Duncan schiebt einzelne Bereiche mit der Nase frei, Gatsby scharrt den Schnee mit den Hufen weg.

Nach dem Reinholen gibt es von mir immer hingeworfene Leckerlies, damit die Ponys das leckere Grün gerne verlassen. Natürlich versuche ich, die Leckerlies auf festen Schnee zu werfen, aber ein paar verschwinden doch im losen Weiß. Ein Pony hat das verstanden: Caruso wühlt noch lange mit den Hufen nach dem allerletzten Keks im Schnee, während die anderen Ponys längst ihrer Wege gegangen sind.

Ponys sind verfressen, das würde wohl fast jeder Ponybesitzer so unterschreiben. Und Verfressenheit wird eher als negative Eigenschaft wahrgenommen.

Dabei vergessen wir, dass unsere Ponys tausende von Jahren überhaupt nur überleben konnte, weil sie verfressen sind. Der Bauer, der noch vor 200 Jahren mit seinem Pony das Feld bestellt hat, war sicher froh, wenn das liebe Tierchen mit gutem Hunger alles verspeiste, was man ihm so anbot, denn der wird auch nicht immer das 1a Heu gehabt haben. Das eine oder andere Pony wird auch mal mehr von altem, wenig schönem Zeug gelebt haben. Und wenn die Ponys im Herbst schön fett waren, waren sie leichter über den Winter zu kriegen. In der Wildnis waren Ponys, die sich keine Reserve angelegt hatten, eben im Frühjahr nicht mehr da, um sich weiter zu vermehren. Gerade in den Breitengraden, wo es im Winter kalt, feucht und windig ist, wo die Ponys viele Kalorien verbrauchen nur um ihre Körpertemperatur zu halten, ist es lebenswichtig, verfressen zu sein.

Und auch in uns stecken ähnliche Gene. Wer von uns ist denn nicht verfressen? Deutschland wird doch auch immer dicker. Ich habe mal den schönen Spruch gehört „alles, was lebt, ist faul“ und ich möchte dazufügen, „und verfressen“. Das ist eine Überlebensstrategie die sich für alle Lebewesen über viele, viele Generationen bewährt hat und Ponys stehen da ganz oben auf der Liste.

Meine Schwester, eine äußerst disziplinierte und hochintelligente Frau, hat sich einmal bei mir bitter beklagt, dass sie sich nicht gut auf das Gespräch mit meinen Eltern konzentrieren kann, wenn da ein Plätzchenteller auf dem Tisch steht. „Ich bin dann so damit beschäftigt, NICHTS von diesem Teller zu essen, dass ich kaum an etwas anderes denken kann!“ sagte sie zu mir. Und an diesen Satz denke ich, wenn auch mein kleiner Ritter oft an nichts anderes denken kann, als ans Futter. So funktioniert unser Gehirn nun mal! Das Grün am Wegesrand ist dann einfach wichtiger als alles andere.

Zum Glück ist das Gehirn eine formbare Masse und kann lernen. Und es kann auch lernen, den Fokus immer wieder weg zu nehmen vom Essen. Trotzdem: die Chipstüte im Schrank ist leicher zu ignorieren als die auf dem Tisch vor einem. Das wissen wir wohl alle! (Verdammt, jetzt kriege ich Hunger, es darf nicht wahr sein…. )

Seit mir klar geworden ist, wie schwer es ist, etwas leckeres, essbares zu ignorieren und sich auf etwas anderes zu konzentrieren, versuche ich immer, das bewusst zu üben mit meinen Ponys. Und gleichzeitig komme ich ihnen entgegen: nach einer konzentrierten, guten Übung oder der Erklimmung eines steilen Berges gibt es Futter als Belohung. So kann ich den Urinstinkt „Verfressenheit“ beruhigen und trotzdem das bekommen, was ich möchte. Nach und nach kann ich dann die Zeiten ausweiten, in denen wir etwas anderes tun als zu fressen.

Grundsätzlich bekommt mein Pony nur dann Futter oder darf nur dann grasen, wenn es sich vorher auf eine Art und Weise verhalten hat, die für mich angenehm ist. Also wenn es mir Aufmerksamkeit gegeben hat, ohne mich zu bedrängen. Hier liegt die Krux, aber das ist einen ganz eigenen Artikel wert.

Jetzt geh ich erst mal was essen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 437

Endlich mal wieder ein richtiger Sonntagsausritt! Na das wurde aber auch Zeit. Mein Mädchen wollte soooooo gern in den Wald. Eigentlich wollte sie in ihren Lieblingswald, aber da können wir nur mit der Wackelkiste hin und der Mann hat gesagt bei den Eisresten auf den Wegen ist das zu riskant. Nun ist es ja nicht so, dass wir hier keinen Wald vor Ort hätten. Aber der Wald in die eine Richtung besteht aus Berg und auch da fanden die Menschen das zu riskant, auf Eisspuren den Berg runter zu rutschen. Glück für uns Ponys, wir finden dieses verdammte Bergtraining nämlich wirklich unverschämt anstrengend. Also in die andere Richtung reiten: rein ins Dorf und dann Richtung Nachbardorf.

Aber erst mussten wir vom Hof runter und am Nachbarn vorbei und irgendwie war ich so lange nicht richtig draußen und bei uns war morgens so eine Gruselstimmung gewesen, da wurde mir ganz anders. Obwohl Diego ja dabei war, aber der war am Anfang auch gar nicht so überzeugt. Es ging also mehr schlecht als recht und mein Mädchen meinte schon, wir sind alle ganz furchtbar aus der Übung mit dem Ausreiten und es wird dringend Zeit, dass wir wieder in Schwung kommen.

Als wir den Nachbarn geschafft hatten wurde es besser, aber an einigen Stellen lag was am Wegesrand, was für mich verdammt nach toten Reitmeistern aussah! Oh das war mir aber sehr gruselig! Bis mein Mädchen mich mal an so einen Haufen hat hingehen lassen und ich feststellen konnte: dieser Schnee war nie beseelt. Nur schnöder Schneerest, kein toter Reitmeister. Danach konnte ich das ignorieren.

Als Diego und ich schön warmgelaufen waren und unsere Diesel-Motoren das Porsche-Niveau erreicht hatten, ging es dann auch los mit etwas Trab. Diego ist anscheinend wieder ganz der Alte mit seinem Huf, denn er hat einen dermaßen fixen Trab vorgelegt, dass mein Mädchen ganz ohne Murren gestattet hat, dass ich galoppiere, weil sie wohl auch eingesehen hat, dass die beiden sonst schnell als Punkt am Horizont verschwinden und wir nur noch hinterherwinken können, wenn wir uns nicht ein bisschen ranhalten.

Der Wald ist leider nicht mehr so romantisch wie früher, man hat dort so eine Art „Autobahn“ gebaut, eine ganz breite Schneise, wo man wohl mit den ganz breiten Maschinen durchfahren kann. Wissen diese Leute nicht, dass unsere Kollegen, die Kaltblüter, Holz ganz schonend aus dem Wald holen können? Stattdessen schlagen sie breite Schneisen. Andererseits: eine Autobahn ist doch der Ort für Geschwindigkeit oder? Also sind wir nochmal schön getrabt und Diego wurde noch viel schneller und ich bin ganz lässig mit galoppiert und hab immer schön auf Stimmkommando durchpariert und bin dann ebenfalls auf Kommando wieder angaloppiert. Zack – Mädchen stolz!

Als wir nach hause kamen, hatten wir 10km auf der Uhr und auch ganz schön geschwitzt aber wir waren alle sehr zufrieden.

Mein Mädchen sagt, viele von euch werden unser Foto nicht schön finden, weil alles so grau aussieht (inklusive meiner Ohren!), aber wir mögen dieses neblige Wetter gern. Wir mochten auch den Schnee gern! Aber dann können wir nicht mit der Wackelkiste los. Jetzt hofft mein Mädchen auf nächstes Wochenende, vielleicht können wir dann in den Lieblingswald fahren. Bis dahin soll Diego noch ordentlich Sport machen, der braucht dringend mehr Muskeln nach der ganzen Humpelei. Ich soll auch ordentlich Sport machen, wegen der Wintervorräte, die ich mir angelegt habe. Aber ich kann auch Sport machen UND Wintervorräte haben, da bin ich voll flexibel.

Euer endlich mal wieder richtig ausgerittener Sir Duncan Dhu of Nakel

Reitkunst

Neulich habe ich einen Podcast gehört „Hotel Matze“ im Interview mit dem Regisseur Wim Wenders. Am Anfang war mir das zu „künstlerisch“. Ich bin kein Mensch der Arthouse-Filme sieht und Picasso-Bilder anschaut. Die meiste Kunst erschließt sich mir nicht. Die meisten Filme die ich schaue sind Kinderfilme oder Krimiserien. Und alles was Wim Wenders am Anfang sagte, war für mich befremdlich im Sinne von „zu künstlerisch“. Aber im Auto ist es so umständlich, dann was neues einzuschalten, also habe ich weiter gehört. Und nach und nach entfaltete sich die Faszination für das, was Wim Wenders zu sagen hatte.

Am Ende wurde ich plötzlich ganz gepackt von dieser Geschichte, denn auf einmal schien Wim Wenders über Reitunterricht zu sprechen, wie ich ihn gern gebe (zumindest geben möchte! Hoffentlich gelingt es mir).

Er erzählt, wie er „Der Himmel über Berlin“ gedreht hat. (Zitate habe ich kursiv geschrieben, sonst fliegen hier so viele Anführungszeichen herum). Wim Wenders dreht am liebsten ohne fertiges Drehbuch, er fängt einfach an, den Film zu drehen und vertraut darauf, dass es sich entwickeln wird. Schon hier konnte ich Parallelen zu meiner Arbeit mit Pferden und Menschen entdecken, denn ich habe selten einen festen Plan für eine Einheit.

Sie haben beide was gespielt wo sie beide nicht wussten „was ist denn das, wie spielt man das“. Meistens ist das genau die Situation in meinem Unterricht: weder Reiter noch Pferd wissen, wohin es mit dieser neuen Übung geht. Die meisten Reiterinnen, die ich unterrichte, sind noch nicht so erfahren, dass sie jetzt dem 3. Pferd etwas beibringen, sondern sie lernen gemeinsam mit ihrem Pferd, keiner von beiden ist viel weiter ausgebildet als der andere.

Die beiden Schauspieler waren Mitautoren der Geschichte. Letzten Endes habe ich es nur zusammenhalten müssen. Auch dieses Gefühl kommt mir sehr bekannt vor. Wenn ich es schaffe, dass Pferd und Reiterin verbunden sind im Hier und Jetzt, dann passiert der Rest von allein. Wohlwollen und eine gute Stimmung sind viel wichtiger als technische Anweisungen und häufig sind meine Schülerinnen nach genau den Reitstunden ganz beseelt, in denen ich nicht das Gefühl hatte, sie etwas gelehrt zu haben. .

Dann ist einem klar dass man ganz viel geschenkt bekommt, wenn man so einen offenen Raum möglich macht, in dem viele andere ihr Bestes tun können. Und das ist für mich das schönste am Filme machen, dass andere ihr Bestes tun können und dass ich es möglich machen kann und muss , dass die anderen alle das Beste tun. Und nicht dass ich ihnen sage was ihr Bestes ist, sondern dass ich geschehen lasse. (…) ich gebe auch nur sehr spärliche Anweisungen. Aber manchmal machen die Schauspieler bei mir was, was sie sich sonst nie trauen würden, wenn sie Anweisung bekommen würden . Diesen Freiraum zu schaffen ist das was ich machen möchte, dass andere Leute und ich einen ganz großen Spiel-Raum haben.

Spiel-Raum so wie Wim Wenders es ausgesprochen und betont hat, spätestens da hatte er mich gepackt. Spielen ist mein Lebenselixier. Nicht immer sieht das, was ich mache, von außen gesehen nach spielen aus, aber immer fühlt es sich so an. Und jede Schülerin, die nicht weiß, was sie auf dem Reitplatz machen und üben soll, hat noch nicht ihren Weg gefunden, zu spielen. Zu experimentieren und geschehen zu lassen. Ja, das was ich mache sieht äußerlich nach Lektionen und Hufschlagfiguren aus, aber mein Pony und ich, wir spielen. Und im Unterricht spiele ich genauso, ich probiere aus und versuche eben immer jenen Spiel-Raum zu erschaffen, der für DIESE Reiterin und DIESES Pferd gerade passend ist.

Man kommt nicht immer dahin, dass man so einen Freiraum hat, manchmal hat man ihn selbst in der Birne nicht. Auch ein Regisseur wie Wim Wenders schafft das nicht immer, das finde ich beruhigend. Manchmal starren wir zu sehr auf ein Problem oder ein Ziel und kommen nicht in den Spiel-Modus. Manchmal liegt das an mir, machmal an meiner Reitschülerin, selten (aber nicht nie!) am Pferd. Auch manche Pferde können nicht gut mit Spiel-Raum umgehen, weil sie es nicht gelernt haben. Duncan musste erst ein bisschen erwachsener werden, heute kommt er mit Spiel-Raum besser zurecht als vor 3 Jahren.

Und in diesem Spiel-Raum, da entsteht für mich das, was ich als „Reitkunst“ bezeichnen möchte. Kunst soll doch wohl kreativ sein und etwas ausdrücken. Kunst ist doch nichts starres, was man nachahmt, weil jemand es vormacht. Das ist doch eher Kunstfälschung, wenn ich versuche, etwas genau so zu machen, wie jemand anders.

Und so habe ich, dank eines Podcasts den ich eigentlich schon ausschalten wollte, von einem Regisseur, dessen Filme ich nicht kenne („Der Himmel über Berlin“ habe ich vor 20 Jahren mal gesehen aber nicht geliebt) meine Definition von Reitkunst erfahren und verstanden

Mein Anspruch an mich und das, was ich da tue, ist somit mal wieder gestiegen und das ist gut so.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 436

Erinnert ihr euch noch an Reitmeister Hugo? Der war letztes Jahr hier und hat uns Unterricht gegeben. Dieses Jahr hatte er leider keine Zeit, aber stattdessen kam seine Frau Eleonore und hat uns unterrichtet! Warm eingemummelt in ihren Schneemantel und ihren Schnee-Muff sitzt sie auf dem Stuhl in der Ecke am Reitplatz und schaut uns zu.

Eleonore hat den ganzen Reitplatz im Blick

Genau wie ihr Mann Hugo gibt sie hervorragenden, aber auch sehr anspruchsvollen Unterricht. Sie sagt vielleicht nicht viel, aber sie schaut genau hin und ihr freundliches Lächeln gibt uns den Mut, die Dinge nochmal zu probieren, die vielleicht noch nicht geklappt haben. Und weil sie so eine positive Stimmung verbreitet, klappt dann auch gleich alles viel besser! Vielleicht kann sie noch ein paar Tage bleiben, dann können wir unter ihren wachsamen Kohle-Augen noch unsere Reitkünste verbessern.

Danke für deine Unterstützung, Eleonore!

Euer gut unterrichteter Sir Duncan dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 435

Schnee, Schnee, Schnee! Und mein Mädchen liebt Schnee! Also war natürlich dringend ein kleiner Ausritt fällig. Diego ist zum Glück wieder ganz fit, aber da die Straßen doch sehr glatt sind, haben wir uns auf die kleine Hausrunde beschränkt. Vorher hab ich meinem Mädchen noch kurz demonstriert, wie ICH mir unseren Ausritt vorstelle – während sie aus dem Fenster geschaut hat, bin ich ganz geschmeidig eine Runde um unseren Rundlauf galoppiert. Ich konnte sie ja nicht hören, aber ich wette sie hat dauernd gesagt „sei bloß vorsichtig, es ist glatt!“. Pah! Sie hat aber auch nix gelernt. Langsam sollte sie es doch wissen: ich habe Allhufantrieb mit Einzelbeinaufhängung, eine hervorragende Traktion durch natürliches Profil und genug Erfahrung um das Tempo den Gegebenheiten anzupassen! Natürlich kann ich da einmal rum galoppieren, auch um die scharfen Kurven rum!

Naja, ihr kennt ja mein Mädchen: der Ausritt fand im Schritt statt. Aber ich bin ja Gentleman und nehme Rücksicht auf sie und ihre Ängste, also war ich anständig und habe auf den Galopp verzichtet. Bisschen Trab hab ich schon mal angeboten – wo Diego doch schon wieder so einen schnellen Schritt drauf hatte! – aber auch das was nicht gestattet. Wie gesagt: ich bin ja Gentleman.

Wir haben gemeinsam den schönen Schnee und die Stille genossen (bis auf die Spaziergänger, denen wir in unüblich großer Menge begegnet sind).

Mein Mädchen hat versprochen, wenn der Schnee weg ist, fahren wir endlich mal wieder mit der Wackelkiste los und machen einen vernünftigen Ausritt mit Trab und Galopp. Ich bitte doch sehr darum! Dieses ewige Platztraining ist schön und gut aber eben kein Ersatz fürs Rausgehen! Aber jetzt genießen wir noch das schöne weiß.

Euer Schneepony Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 434

Kalt ist das! Mein Mädchen findet es toll, weil so schöner Schnee liegt. Wir finden es auch toll, weil wir endlich nicht mehr zu warm angezogen sind und weil wir nachts, wenn es eisig unter -10° geht, Heuparty feiern dürfen!

Normalerweise machen wir ja dauernd Diät. Weil wir so genügsam sind und so schnell dick werden (angeblich. Mein Mädchen versteht einfach nix von Notfallreserven!). Aber wenn es so kalt ist, dann ist Schluss mit Diät! Weil mein Mädchen findet, niemand sollte Hunger haben, wenn es so eisig ist. Weil sie weiß, wie wir Ponys am besten warm bleiben, nämlich mit Heu. In unseren Bäuchen wohnen all die vielen Bakterien und wenn die ordentlich Futter haben, machen die es für uns mollig warm. Das ist doch ein guter Deal! Zumal Heu essen ja auch einfach so irre viel Spaß macht.

Und tagsüber dürfen wir tatsächlich trotzdem noch ein bisschen auf die Weide! Mein Mädchen sorgt dafür, dass wir vorher nochmal Heu essen, damit wir nicht so hungrig das kalte Gras in uns reinstopfen. Als ob das so einfach wäre! Weil wir das Gras ja erst aus dem Schnee wühlen müssen. Aber toll ist das trotzdem, so viel schlemmen!

Unterm Schnee finden wir eben doch noch Gras!

Wenn wir dann genug geschlemmt haben, machen wir in der wunderbaren Wintersonne ein Nickerchen. Danach kommt mein Mädchen und wir üben reiten im Schnee. Ich werde immer besser und mein Mädchen ist irre stolz auf mich! Ihr seht: es läuft bei mir.

Euer eingeschneiter Sir Duncan Dhu of Nakel

Unsicher

Duncan zeigt seine Unsicherheit auf interessante Art und Weise. Vielleicht ist es unter anderem das, was Highlandpony-Besitzer über ihre Ponys lernen und weswegen viele sagen, dass man Highlandponys kennen muss um mit ihnen umgehen zu können. Duncan zeigt nicht nur den typischen „Plant“ also das Wurzeln schlagen, wenn er sich nicht weiter traut. Er hat auch immer wieder diese Idee, wir müssten unbedingt abbiegen. Wenn er verunsichert ist, sucht er sein Heil in dieser sehr speziellen Art von Flucht und möchte dann auf einen Hof, in einen Weg, auf eine Wiese oder auch mal mitten in ein Dornengebüsch abbiegen. Hauptsache weg! Das passiert im ruhigen Schritt und hat mich daher etwas verwirrt, bis das mehrfache Auftreten dieses Verhaltens in bestimmten Situationen mir klar gemacht hat, dass es sich (wahrscheinlich meistens) um Unsicherheit handelt.

Auch ein weiteres Verhalten kann ich beobachten. Es ist völlig normal, dass ich Duncan irgendwo „parke“, dann sage ich „waaaaarte“ und er wartet mehr oder weniger geduldig, dass ich wieder komme und den Keks serviere. Ich gehe nur sehr selten außerhalb seiner Sichtweite aber auch das funktioniert in aller Regel einwandfrei. Nur nicht, wenn er verwirrt ist. Dann läuft er mir hinterher. Nicht sofort, er wartet erst einen Moment und läuft dann in Ruhe im Schritt in meine Richtung. Wenn ich ihm dann sage, dass das nicht gewollt ist, schaut er mich an, als hätten wir „warte“ noch nie geübt. (Dabei machen wir das seit ungefähr 4 Jahren und zwar bei jeder einzelnen gemeinsamen Unternehmung). Es wirkt, als sei die Bedeutung von „warte“ aus seinem Kopf gestrichen – er möchte dann vielleicht einfach nicht alleine da stehen, weil er sich nicht sicher fühlt. Alles nur Arbeitshypothesen aber mir scheint, sie bestätigen sich.

Andere Unsicherheitszeichen sind weniger ungewöhnlich. Z.B. wie sein Körper sich versteift, wenn er nicht sicher ist. Reiter, die solche Pferde haben, wissen vielleicht, wie unangenehm sich das unfühlt. Man kann fühlen, dass die nächste Reaktion ALLES sein kann von ausatmen und beruhigen bis kopflos losrennen, buckeln oder zur Seite springen. Und man fühlt, dass eine Einwirkung auf das Pferd in diesem Moment nicht möglich ist. Da Duncan ein sehr starkes Pony ist (was in allen anderen Fällen von Vorteil für uns beide ist), kann er sich sehr, sehr fest machen und ich weiß genau: keine Gesprächsbereitschaft. Daher habe ich daran gearbeitet in den kleinen Andeutungen dieser Steifheit noch zu ihm durchdringen zu können und tatsächlich bin ich der Meinung dass eben dieses Üben dazu führt, dass wir jetzt so viel entspannter ohne Begleitung ausreiten üben können. Denn wenn er im Gespräch bleibt, fühlt er sich wiederum nicht so allein und steigert sich dann nicht in seine Unsicherheit oder Angst rein, sondern kann weiterhin klar denken.

Unsicherheit ist ein sehr unangenehmes Gefühl. Und wir dürfen uns immer und immer wieder klar machen, dass Unsicherheit sich im Pferd wie auch im Menschen extrem unterschiedlich äußern kann. Mancher unsichere Mensch wird zum Angeber. Oder aggressiv. Andere verstecken sich und reden nur ganz leise, bei ihnen ahnt man am ehesten, was das Problem ist. Aber bei Angebern und aggressiven Menschen wird man nicht so schnell an Unsicherheit denken. Muss ja auch keine sein, kann aber halt. Und so ist es auch bei vielen Ponys: es MUSS nicht zwangsläufig immer Unsicherheit sein, wenn sie plötzlich stehen bleiben oder den Hals ganz gerade und fest machen. Aber es KANN Unsicherheit sein. Das sollten wir niemals vergessen. Deswegen im Zweifel für den Angeklagten: es so behandeln als wäre es Unsicherheit und dann sehen was passiert.

Wenn jemand unsicher ist, nützt es ihm aber auch nichts, wenn sein Gegenüber dann AUCH unsicher wird. Eins meiner größten Probleme beim alleine ausreiten ist genau das: wenn Duncan sich Sorgen um irgendetwas macht, produziert mein Kopf sofort Angstszenarien. Und dann sind wir zwei ganz allein und beide verunsichert – keine gute Kombi. Deswegen übe ich das so kleinschrittig, damit für uns beide immer die Möglichkeit besteht, irgendwie raus zu kommen aus solchen unguten Momenten. Je mehr wir das üben, desto besser werden wir. Mir persönlich hilft dabei ein bisschen schauspielern. Ich sage mir selbst: ich tu einfach so als wäre ich mir sicher. Das ist nicht sooooo überzeugend, aber immer noch besser als wenn ich mir die ganze Zeit vorbete, wie groß doch meine Angst ist. Und oft reicht ein bisschen gespielte Sicherheit um meinen Zustand so zu verbessern, dass auch Duncans Zustand sich verbessert.

Was mir aber auch hilft, ist zu erkennen, dass Duncans Unsicherheit sich doch meistens ziemlich ungefährlich äußert. Stehenbleiben oder Abbiegen im Schritt ist kein Problem. Und selbst der gelegentliche Sprung zur Seite oder nach vorn ist kein Thema. Ich kann also mehr und mehr Sicherheit gewinnen, dass das das schlimmste ist, was passiert und das diese Verhaltensweisen mir im Zweifel noch genug Zeit lassen, schnell abzusteigen und Duncan von unten zu unterstützen. Da ich Duncan von klein auf beigebracht habe, dass Stehenbleiben das Mittel der Wahl ist, darf ich mich jetzt nicht beschweren, wenn er etwas mehr stehen bleibt als mir lieb ist. Dann rufe ich mir ins Gedächtnis, dass das die sicherste Option ist, die er im Angebot hat. Schritt zwei ist, dass wir üben, einen gleichmäßigen Vorwärtsfluss zu erhalten. Aber das ist für uns eben Schritt ZWEI. Und die Möglichkeit, stehen zu bleiben, halte ich ihm nach Möglichkeit immer offen.

Das Gegenteil von Unsicherheit ist Sicherheit – und die gewinnen wir am besten durch Erfahrung und ein gesundes Selbstbewusstsein. Wenn Duncan noch ein paar Jahre älter ist, mehr von der Welt gesehen hat, mehr komische Situationen gemeistert hat, wird er noch sicherer sein in der Welt. Wenn ich noch ein paar komische Situationen mit ihm zusammen erlebt habe und die Erfahrung gemacht habe, dass er wirklich ungefährlich reagiert, werde ich mir noch sicherer sein mit ihm. Darauf freu ich mich!

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 433

Endlich mal wieder ein Sonntagsausflug! Das Wetter war schön, frostig aber mit ein bisschen Sonne, und Diego ist auch endlich wieder fit. Also ging es los! Wir waren fast ein bisschen aus der Übung, aber es war sooooo schön. Mein Mädchen hat gesagt, wir üben jetzt flotten Schritt. Diego ist ja eh immer so schnell unterwegs und ich muss zusehen, dass ich da hinterher komme. Und mein Mädchen hat mich ordentlich angefeuert, da musste ich mich schon ins Zeug legen! Geschafft habe ich es trotzdem nicht. Diego ist einfach ungeschlagener Schritt-König!

Endlich sind wir mal wieder draußen unterwegs!

Netterweise wartet er dann ja ab und zu auf mich. Oder wir traben schnell ein kleines Stück, mein Mädchen und ich, aber da war sie heute knauserig mit.

Mein Mädchen war ganz warm eingepackt und hatte trotzdem nach 6km schon kalte Füße. Uns Ponys hingegen war so warm, dass wir ordentlich geschwitzt haben, obwohl wir nur Schritt gegangen sind! Mein Mädchen sagt, da muss wohl doch nochmal die Schermaschine ran, wenn uns immer noch so warm ist, obwohl das Wetter doch jetzt so kalt ist.

Diego ist leider mit seinem Hufgeschwür ganz schön aus der Form gekommen. Er ist ja nun auch nicht mehr so ganz jung (20 Jahre ist er alt!) und er hat irgendwie ganz schnell ganz viele Muskeln verloren. Jetzt bekommt er immer eine große Portion Extra-Heu und außerdem noch Hafer dazu, weil er wieder aufbauen soll. Deswegen waren es heute auch nur 6 km, weil der Mann zum ersten Mal wieder geritten ist.

Ach so und natürlich weil es glatt war! Mein Mädchen hat mich ausgeschimpft, weil ich immer auf der glatten Straße laufen wollte anstatt auf den sicheren Randstreifen zu gehen. Aber am Rand gehen ist viel anstrengender! Da ist der Boden so uneben, da muss man die Hufe heben und dafür hab ich keine Zeit – ich muss mich in der Landschaft umschauen oder ein bisschen träumen. Sie hat sich Sorgen gemacht, weil ich ein paar mal gerutscht bin. Hat gesagt, sie will nicht mit mir auf der Nase landen. Ach was, mein Mädchen, ich bin das doch gewohnt! Wenn im Paddock alles matschig ist und ich in Porsche-Manier durch die Gegend pese, rutscht mir auch mal ein Huf weg. Dafür hab ich doch noch die drei anderen! Naja, jedenfalls musste ich ganz viel am Wegesrand gehen, denn letztlich sitzt sie ja doch immer am längeren Hebel.

Aber sie fand ich hab das alles super fein gemacht (natürlich! Was denn sonst?) und wir waren alle gut gelaunt dass wir endlich wieder ausreiten waren.

Jetzt sehen wir mal was das Wetter so für uns bereit hält die nächsten Tage mit Frost und Schnee.

Euer endlich wieder ausgerittener Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 434

Das Wetter macht auf Winter und also werden wir wohl mehr Zeit in der Halle verbringen als uns lieb ist. Aber es soll ja nicht langweilig werden und weil ich alleine jetzt schon so super gut wippen kann, hat mein Mädchen sich was neues überlegt. Plötzlich kam sie zu mir auf die Wippe! Ey, was soll das denn, das ist doch MEIN Spielzeug! Aber sie meinte, sie ist doch ganz schmal und das passt schon noch. Begeistert war ich nicht, aber ich bin ja Gentleman und also hab ich sie gewippt. Fand sie super! Dann kam sie auf die glorreiche Idee, sie könnte auch mal wild herumhopsen. Oh man Mädchen, mein sorgfältig aufgebautes Gleichgewicht! Ich war ehrlich gesagt ein bisschen motzig. Aber wenn die Keksrate stimmt…. ihr wisst schon.

Mein Mädchen war entzückt, dass ich alles so fein mitmache. Ich bin entzückt, wenn ich meine Wippe wieder für mich allein hab.

Na mal sehen was ihr noch so einfällt an Winter-Programm, damit mir nicht so langweilig ist.

Euer winterlicher Sir Duncan Dhu of Nakel

Seine größte Leistung

Als wir neulich auf dem Dachboden zwischen Dampfdiffusionsfolie, Kabeln und Dämmwolle herumgekrochen sind, kam durch eine verrückte Assoziationskette in meinem Kopf eine Erinnerung an Finlay hoch. Manchmal – ist das bei Euch auch so? – kommt so eine Erinnerung gestochen scharf, als wäre es gestern passiert.

Damals sollten wir helfen, dass ein junger Araber umziehen kann. Der kleine Mann hatte noch wenig Ahnung vom Leben und war nun nicht gerade ein begeisterter Anhänger-Fahrer. Um nicht zu sagen: die ganze Aktion war eine von denen, an denen alles falsch ist. Mit dem Pferd noch nicht mal genug führen geübt, geschweige denn verladen und fahren, die Besitzerin ein nervliches Wrack weil die Stimmung am Stall gruselig war und auch das Wetter war nicht gerade eitel Sonnenschein. Ich selbst war ebenfalls nur so halb fit. Arnulf und ich taten unser bestes, um den Araber zum Einsteigen zu bewegen, aber keine Chance. Plan B war eine Sedierungspaste, die die Besitzerin auf mein Anraten besorgt hatte. Ich habe mit genau EINER dieser Pasten gute Erfahrungen gemacht (Domosedan) mit anderen habe ich sehr, sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Leider hatte die Besitzerin nicht die richtige Paste bekommen und ich merkte zu spät, dass es eine von den blöden war. Das Desaster wurde also gar nicht weniger, sondern größer. Der Araber schwankte jetzt zwischen halb schlafen und Adrenalin-gepusht steigen hin und her. Super! Mittlerweile war viel zu viel Zeit vergangen und ich fällte eine Entscheidung. Entgegen meinem Vorsatz, keine fremdem Pferde mehr in meinem eigenen Anhänger zu transportieren (aus Versicherungsgründen), beschloss ich, nach hause zu fahren und Finlay zu holen.

Ich fuhr heim, hängte unseren Anhänger an und ließ Finlay einsteigen. Wir fuhren zu dem Araber. Arnulf nahm den Kleinen am Strick, der sah Finlay – dem er nie zuvor begegnet war – im Anhänger stehen, stieg sofort ein, ging bis fast ganz vorne durch. Finlay drehte ihm seinen Kopf zu. Ich hatte Sorge: wenn Finlay jetzt meckert, was das soll, dann klappt das Ganze nicht. Die Pferdenasen berührten sich, Finlay nahm den Kopf zur Seite, der Araber stieg ein und fuhr, in Finlays Gesellschaft, in aller Ruhe in den neuen Stall.

Bis heute weiß ich nicht, wie mein wunderbares Pony das gemacht hat. Er hat in Sekundenschnelle das geschafft war wir mit geballter Pferdeerfahrung plus (wenn auch schlechter) Sedierungspaste in Stunden nicht hingekriegt hatten.

Und heute, wenn ich so zurück schaue, glaube ich, dass das vielleicht seine größte Leistung war. Seine größte Stärke. Ich habe keine Worte um auszudrücken, wie stolz ich heute noch bin, dass er so wunderbar die Situation gerettet hat.

Kann man einem Pferd beibringen, so zu sein? Ich weiß es nicht. Vielleicht kann man es manchen Pferden beibringen. Sicherlich ist es kein aktives Beibringen, wie ich ein Seitwärts beibringen kann. Finlay hat sich sehr sicher gefühlt in der Welt. Er war auch überzeugt davon, dass alle Menschen ihm Gutes wollen. Und er ist gern Anhänger gefahren. Vielleicht war es diese Kombination, die er so sehr ausgestrahlt hat, dass der kleine Araber ihm das geglaubt hat. Trotzdem hätte Finlay ja in dem Moment auch sagen können: „mein Anhänger, mein Heu, verschwinde hier!“. Aber Finlay war auch immer zu allen Pferden freundlich. Er konnte gar nicht genug Freunde haben! Einmal als wir Ausreiten waren, sind wir einer Bekannten meiner Freundin zu Pferd begegnet und spontan zusammen geritten. Am Ende haben wir die beiden an ihrem Hof abgeliefert und sind zu zweit zurück geritten. Als wir einige Wochen später an eben jenem Hof vorbei ritten, wieherte Finlay dem anderen Pferd fröhlich zu: „hallo, wir sind da, willst du nicht mitkommen?“ und er war sichtlich betrübt, dass das andere Pferd nicht mitkommen wollte.

So etwas ist sicher nicht trainierbar, sondern eine Charakterfrage. Wahrscheinlich wird es aber durchaus ausgeprägter, wenn ein Pferd nur gute Erfahrungen mit anderen Pferden macht.

Mein Finlay war damals, als er uns mit dem kleinen Araber geholfen hat, schon etwas älter als mein Duncan jetzt. Ich glaube er war 7, wenn ich mich nicht verrechnet habe.

Duncan ist mit fremden Pferden immer noch recht aufgeregt. Wir haben aber auch noch nicht so viele Begegnungen gehabt, da es als Hengst so schwierig war und mir das noch in den Knochen sitzt. Ich hoffe, dass ich es jetzt bald schaffe, mal ein paar mehr Fremd-Pferde-Begegnungen zu arrangieren und Duncan zu zeigen, dass die alle nett sind, aber dass man mit allen auf höflichem Abstand bleibt. Ich bin gespannt, ob auch Duncan irgendwann so souverän und hilfreich sein kann, einem ihm völlig fremden Pferd in einer Notlage so auszuhelfen, wie mein Finlay es damals ganz selbstverständlich getan hat. Sollte er es nicht können, ist das völlig in Ordnung. Trotzdem bleibt es für mich eine Möglichkeit, die ich nicht aus den Augen verlieren will, denn zumindest ein Stück weit glaube ich, dass es eben doch auch an meinem Umgang mit Duncan liegt, ob er so werden kann oder nicht.

Denn das Sicher-fühlen in der Welt und das Gefühl dass alle um ihn herum freundlich und ihm wohlgesonnen sind, dass kann ich schon ein Stück weit beeinflussen. Und ich glaube, dieses Gefühl ist der Grundstock dafür, dass so ein Verhalten später möglich wird. Ich möchte versuchen, Finlays Freundlichkeit weiterzutragen zu Duncan wie ein kostbares Erbstück dass ich weiter gebe.