Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 547

Gestern haben wir wieder ein bisschen alleine ausreiten ohne alleine auszureiten geübt. Diego soll ja ganz viel Schritt gehen und im Moment soll er auch den Mann noch nicht tragen (sehr zum Leidwesen des Mannes, der zwischendurch gesagt hat, er könne mein Mädchen jetzt verstehen, dass sie das zu Fuß gehen so satt hatte…. ).

Es lief also so: mein Mädchen und ich sind zu Fuß vom Hof gegangen bis zu der Stelle wo uns neulich dieses kleine Missgeschick passiert ist und ich ohne sie nach hause geflitzt bin. Ich habe das ehrlich gesagt längst vergessen – ich habe mich nur daran erinnert, dass ich dort grasen durfte! Und das durfte ich diesmal auch wieder, bis Diego und der Mann uns eingeholt haben. Leider sind die ja so unglaublich flott, dass die Graszeit viel zu kurz war. Dann ist mein Mädchen aufgestiegen und wir sind weiter marschiert – der Mann vorneweg in seinem flottesten Schritt, Diego hinterher und dann wir. Ich bin wirklich gelaufen so schnell ich konnte, aber ich war trotzdem zu langsam. Mein Mädchen hat mich aber doll gelobt wie schön fleißig ich Schritt gehen kann. Ab und zu durfte ich dann nachtraben. Mein Mädchen hatte einen nervösen Tag und hat sich über die viele Motorräder aufgeregt, obwohl sie ja weiß, dass mir die egal sind. Aber mein großer Bruder, der hatte da Angst vor und also ist sie irgendwie immer noch gestresst mit den Dingern. Also fing sie wieder ihr ABC-Spiel an. Diesmal mit Pferderassen. Aegidienberger, Belgisches Kalblut, Criollo, Dänisches Warmblut, Esel (oha! Da hat sich wohl einer eingeschlichen!), Friese…… Manchmal fiel ihr nichts ein aber dann hat sie von vorn angefangen und nach und nach füllte sich das Alphabet. Wenn sie gar keine Idee hatte, hat sie den Mann gefragt. Bei R waren beide etwas ratlos, obwohl ihnen ja wenigstens das Rheinisch Deutsche Kaltblut hätte einfallen können, aber ist es halt nicht. Und bei Z waren sie nicht sicher, ob „Zelter“ eigentlich eine echte Rasse ist oder nur eine Bezeichnung für Gangpferde war.

Während sie also so grübelten, sind wir die Landstraße entlang marschiert und dann hinterm Dorf rum. Der Mann hatte sich ein neues Spiel überlegt: ich sollte neben ihm gehen, genauso schnell wie er (sein Schritt war mittlerweile einen Tacken langsamer geworden) und wenn ich das geschafft habe, gab es ab und zu einen Keks aus seiner Tasche. Toll! Mein Mädchen war nicht ganz so entzückt, weil ich ihre Ansagen mehr oder weniger geschmeidig ignoriert habe und nur noch Augen für die Tasche des Mannes hatte. Naja und in all der Ablenkung sind die beiden dann doch tatsächlich falsch abgebogen! So dass wir dann plötzlich schon an der Dorfstraße standen, obwohl es noch weiter hinten rum hätte gehen sollen.

Aber anstatt dann einfach nach hause zu gehen, was sich angeboten hätte, hat mein stures Mädchen darauf bestanden, dass wir auf unsere Kilometerzahl kommen wollen (waren eh nur gute 5km), also ging es jetzt eben die Dorfstraße entlang. Und zwar den Teil der Dorfstraße, den wir sonst nie gehen (weil es ja hintenrum viel schöner ist). Ui, das fand ich aber spannend! Noch dazu war Glitzertag – es war so hell und alles hat geglitzert und gefunkelt, das finde ich ja immer ein bisschen spannend. Ich musste dann auch prompt zwei mal äppeln, aber da der Mann ja eh zu Fuß war, hat er das schnell weggemacht. Und Autos waren da, soooo viele Autos und Motorräder! Mir egal, aber meinem Mädchen ja nicht.

Dann waren wir am Landgasthof und von da aus geht es wieder ins Grüne, da kennen wir uns aus. Als wir dann an der letzten Ecke vor zu hause angekommen waren, ist mein Mädchen abgestiegen und ich durfte grasen, während Diego und der Mann nach hause gegangen sind. Mein Mädchen hat sich die Uhr auf 10 Minuten eingestellt, damit die auch wirklich ganz weg sind. Ich habe zünftig geschmaust und als die 10 Minuten um waren haben wir uns allein auf den Heimweg gemacht. Wir haben noch ein bisschen traben geübt und als wir zu hause ankamen, saß der Mann am Wegesrand und hat auf uns gewartet, während Diego schon im Stall stand.

Mein Mädchen hat gesagt ich habe alles richtig gemacht und dass wir noch gaaaaaanz viel Dorf üben, bis uns das alles ganz normal vorkommt.

Euer Dorf-Erkunder Sir Duncan Dhu of Nakel

Nächstes Jahr

Der Herbst kommt angeweht. Es wird schon wieder viel früher dunkel und wenn Ende Oktober die Zeit umgestellt wird, werden nicht mehr viele Ausritte mit dem Ausreitkumpel möglich sein. Diego wird jetzt erst wieder vorsichtig antrainiert, da gehen wir jetzt lieber kein Risiko ein mit seinem Bein. Viele Spaziergänge auf glattem Asphalt, später mit Reitabschnitten werden wir machen bevor es wieder richtig losgeht – bis dahin ist November und wer weiß was das Wetter dann tut.

Alleine rausgehen zu üben steht zwar weiterhin auf dem Programm aber ich habe Zweifel daran, dass wir bei Sturm und Regen viele Fortschritte machen werden.

Kurz und gut: dieses Jahr wird im Gelände vermutlich nichts aufregendes mehr passieren. Ich freue mich auf gemütlichere Ausritte und habe schon ein paar Dinge für den Winter auf meiner Wunschliste. Mal bei einer Stangenstunde mitreiten auf einem Hof in der Nähe. Mal eine Trainerin holen die uns was über Intrinzen erzählt. Mal Online-Unterricht zum Thema Wippen machen. Und die Augen offen halten, was sich noch so anbietet an Winter-Beschäftigung.

Ein bisschen frustriert bin ich schon: Wieder ist eine Saison vergangen und ich gehe immer noch nicht allein ausreiten. Wieder ist eine Saison vergangen, in der wir nicht auf dem Trainingsgelände des Pferdefreizeitparks Eidertal waren. Wieder ist eine Saison ohne Distanzritt vergangen. Aber ich weiß auch: jetzt noch unbedingt etwas übers Knie brechen zu wollen ist einer der schlimmsten Fehler die man in der Pferdeausbildung machen kann. Und deswegen denke ich an das was Elsa Sinclair so schön formuliert wenn sie sagt „ich trainiere nicht für heute, sondern für nächste Woche, nächsten Monat oder nächstes Jahr“.

Das bedeutet für mich auch: ich höre jetzt nicht einfach auf, an diese Dinge zu denken. Ich lege sie nicht beiseite und fange im Frühjahr neu an. Sondern ich trainiere alles, was ich trainieren kann – für die nächste Saison. Stangen und kleine Sprünge so lange der Reitplatzboden es möglich macht. Kondition durch lange Schritttouren wann immer das Wetter mitspielt. Und auch alleine rausgehen im Rahmen der Möglichkeiten. Und wenn das bedeutet, dass ich im Winter beim Nachbarn stehe und mein Pony grasen lasse, dann weiß ich: ich tue was für die nächste Saison.

Und im Winter will ich mich vermehrt um alles kümmern, was im Sommer zu kurz gekommen ist. Mehr Freedom Based Training, Bodenarbeit, Clickern, Intrinzen (wenn ich es denn verstehe). Mich vielleicht endlich mal mehr mit enrichment beschäftigen (habe eine schöne Gruppe auf Facebook dazu gefunden wo Ideen geteilt werden). Langweilig wird mir im Winter also nicht werden, so viel steht fest. Nur die Energie muss reichen, wenn die Tage kurz werden und das Wetter ekelhaft. Aber auch da kann mich der Gedanke tragen wofür ich das tue: manchmal eben nicht, weil es mir heute viel Spaß macht, sondern als Training für die nächste Saison. Das wird mein Ansporn, wenn ich denke, dass mein Sofa und eine Tasse Tee viel attraktiver sind als der kalte Offenstall.

Seit angekündigt wurde, dass der nächste Distanzritt im Aukrug schon Anfang April stattfinden wird, ist allerdings etwas mehr Druck hinter diesem Winterplan. Denn ich möchte natürlich gern mit reiten, aber wie schaffe ich es, Duncan im Winter entsprechend fit zu kriegen?

Ich werde versuchen, alles zu verbinden und das beste hoffen für unsere Fitness und dann entscheiden ob wir uns das zutrauen oder nicht. Im Wesentlichen wird das vom Wetter den Winter über abhängen – werden die Straßen frei bleiben so dass ich mit dem Anhänger los kann? Werde ich genug raus kommen um die Kondition zu erhalten? Wird der Reitplatz frostfrei sein so dass ich an der Doppellonge ordentlich viel Galopp-Arbeit und Stangentraining machen kann? Von all diesen Faktoren wird unser Trainings-Erfolg abhängen. Lassen wir uns überraschen…. nächstes Jahr.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 546

Gestern war Einzugs-Jahrestag! Vor 5 Jahren bin ich bei meinem Mädchen eingezogen. Sie hat mir versprochen, dass wir viele Abenteuer zusammen erleben und also habe ich eingewilligt, im Gegenzug den schwierigen Job des Herzensreparateurs zu übernehmen, denn ihr Herz war schlimm gebrochen nach dem mein „großer Bruder“ über die Regenbogenbrücke gegangen war.

Gestern wäre also der beste Tag gewesen um meine Arbeit mit einem zünftigen Abenteuer zu belohnen und wie es der Zufall wollte, fand genau gestern ein Distanzritt statt! Aber was soll ich euch sagen… ich durfte nicht mit!! Angeblich hätte ich die 27km noch nicht so gut geschafft, weil ich ja nach 15km schon so müde bin. Aber das ist doch nicht meine Schuld wenn das Training dauernd ausfällt weil irgendwer keine Zeit hat! Ich finde das unverschämt. Und wer durfte stattdessen auf Distanzritt gehen? Mein Ausreitkumpel und das schnellste Pony der Welt. Mit MEINER Wackelkiste sind die da hin gewackelt worden (mein Ausreitkumpel hat ganz blöd geguckt als ich da nicht drin stand). Alles eine riesige Unverschämtheit.

Das Mädchen vom Ausreitkumpel und das Mädchen vom schnellsten Pony der Welt haben also an dem Ritt teilgenommen, der Mann hat sie getrosst (war also Mädchen für alles) und mein Mädchen hat derweil den Organisatoren des Ritts geholfen. Sie war den ganzen Tag bei der Tierärztin und hat geschrieben, sagt sie. Das geht so: bevor man als Pony auf die Strecke darf, muss man zur Voruntersuchung. Die Tierärztin misst Puls, schaut sich an ob man anständig traben kann ohne zu humpeln, schaut ob man genug gegessen und getrunken hat (dafür schaut sie einem ins Auge, drückt einem den Finger ans Zahnfleisch, kneift einen in den Hals und lauscht nach dem Grummeln im Bauch), dann wird noch die Muskulatur sowie die Sattel- und Gurtlage abgetastet und wenn man das alles hinter sich gebracht hat, bekommt man dafür Noten. A für Alles tiptopp oder B für könnte Besser sein oder C – dann darf man nicht mehr teilnehmen weil man nicht fit genug ist. Manchmal ist es aber auch nicht A, B und C, sondern 1,2 oder 3, das hängt davon ab was untersucht wurde. Und so hat mein Mädchen abends erzählt, sie hätte den ganzen Tag

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in Checkkarten eingetragen. Und Pulswerte. Oft 40 oder 44, bei den etwas entspannteren Kandidaten 36 und ein Haflinger war da, der tiefenentspannt mit 28 angetreten ist.

Dann durften die Pferde alle auf die Strecke – manche sind 27km gelaufen (wie mein Ausreitkumpel und das schnellste Pony der Welt), manche sogar 43km. Alle hatten ihre Strecken aufgeteilt in zwei Runden zu bewältigen, zwischen denen sie zurück ins Camp kamen, nochmal durchgecheckt wurden und eine kurze Pause gemacht haben. Aber ach! Weil mein Mädchen ja nicht mit war, musste das Mädchen vom Ausreitkumpel den Weg selbst finden. Mein Mädchen hatte ihr extra die Karte aufs Handy geschickt aber es war so früh und sie war so müde und da hat sie den zu reitenden Kreis falsch herum aufgezeichnet. Und das Mädchen vom Ausreitkumpel war auch müde und hat nicht kapiert, dass die Wegmarkierung rechts von ihr sein sollte anstatt links. Und so sind sie erst munter ein paar km in die falsche Richtung geritten, bevor ihnen jemand erzählt hat, dass sie andersherum reiten müssen. Es war also fast so, wie wenn wir neue Wege erkunden. Umdrehen! Und so wurde die erste Runde etwas länger für die 4…..

Derweil kamen am Camp schon die ersten Pferde in die Pause und wurden wieder durchgecheckt.

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Eigentlich sah es bei allen so aus. Gelegentlich hatte die Tierärztin eine kleine Anmerkung, dann gab es mal einen Pfeil nach unten oder ein AB. Oft hat sie gesagt „dein Pferd möchte erstmal was essen und trinken“. Die Frau ist mir sympathisch, die versteht wirklich was von Ponys!

Dann hatten die Pferde 40min Pause bis es auf den zweiten „Loop“ ging. Auch mein Ausreitkumpel und das schnellste Pony der Welt waren schließlich in der Pause und haben gute Checkkarten bekommen. Mein Ausreitkumpel hat sich am Start/Ziel-Tisch ein paar Möhren geben lassen, die ein Kind da verfüttert hat.

Und dann kamen die ersten schon ins Ziel (da wurde nur Puls gemessen), hatten zwei Stunden Ruhe und wurden danach nochmal durchgecheckt. Einige Pferde waren wohl schon etwas genervt von dem ganzen ans Zahnfleisch drücken, in den Hals kneifen, ins Auge gucken, Stethoskop überall hinhalten. Andere haben gepennt und das Gegrabbel ignoriert. Mein Mädchen hat sinniert, wie sie das alles mit mir üben kann. Auch das vortraben, denn einige hatten gar nicht mehr so viel Lust auf das Hin- und Hergetrabe. Aber in den Regeln steht, man soll sich als Pony fröhlich am hängenden Strick und ohne das jemand treibt vortraben lassen. Sollte man also können! (Kann ich doch. Aber ihr kennt mein Mädchen, alles will sie üben).

A1A1AAAA mein Mädchen sagt, sie kann jetzt nur noch A und 1 schreiben, alles andere wurde aus ihrem Kopf gelöscht. Als das schnellste Pony der Welt zum Check kam, hatte er eine kleine Beule in der Gurtlage und bekam ein B, da hat mein Mädchen erstmal nachdenken müssen wie man so ein B wohl schreibt, so matschig war ihr Kopf von all dem A1A1AAAA schreiben.

Und schließlich wurden alle für Wackelkistentauglich erklärt und durften nach hause. Aber halt! Vorher war ja noch Siegerehrung! Und vor der Siegerehrung das große Bedanken bei den Helfern. So und jetzt kommts, das dickste aller dicken Enden, ich sage es euch! Denn als die Veranstalterin sich bei meinem Mädchen bedankt hat, hat sie gesagt „für Duncan hatte ich eigentlich einen Sack Möhren“ – was heißt „hatte“ und „eigentlich“? Ich meine, ich habe im Schweiße meines Angesichts Strecken getestet und Strecken getestet und noch mehr Strecken getestet und wo sind jetzt die Möhren? Ha! Die hatte das Kind verfüttert! AN MEINEN AUSREITKUMPEL!!!!! Ich glaube es ja nicht! DER hat das Abenteuer, meine Wackelkiste, mein Mädchen UND meine Möhren! Und ich steh hier zu hause und schiebe Langeweile und Hunger!

Wenn ich den erwische…..

Euer erboster Sir Duncan Dhu of Nakel

P.S. mir wurde eine Nachlieferung der Möhren versprochen. Ich denke darüber nach, sie vor den Augen meines Ausreitkumpels genüsslich zu verspeisen während er nichts abbekommt. Verdient hätte er es.

Entscheidungshilfe

31 Jahre ist mein Merlin jetzt alt. Und es geht im gut – noch. Die alten Knochen machen ihm nicht allzu viel Ärger, auch wenn ein Galopp auf die Weide selten geworden ist und abenteuerlich aussieht. Seine Zähne werden stetig weniger, im Unterkiefer sind kaum noch Backenzähne und der, den er Zahnarzt beim letzten Besuch rausgenommen hat (einfach so mit der Zange in ein paar Sekunden, weil der Zahn eh schon lose war), hatte kaum noch Wurzel. Merlin hat seine Zähne einfach aufgebraucht.

Mein Zauberer

Eines Tages – in absehbarer Zeit – werden wir eine schwere Entscheidung treffen müssen. Die Entscheidung, ihm nur noch ein letztes Mal zu helfen, nämlich beim Sterben. Nur: wann ist der richtige Zeitpunkt? Jetzt noch nicht – zum Glück. Aber wenn es so weit ist, will ich nicht zu lange zögern, das wäre nicht im Sinne meines Pferdes. Und ich will nicht anfangen zu diskutieren, sondern schnell und entschlossen handeln.

Schon seit ein paar Jahren hängt in unserer Waschküche ein „Notfallplan“. Dort steht, was wir nicht mehr tun wollen: er soll nicht mehr in die Klinik gefahren werden. Sollte er festliegen, soll er auf keinen Fall „hochgespritzt“ werden. Und ich möchte ihm auch nicht ständig mechanisch hoch helfen, wenn es mit dem Aufstehen nicht mehr klappt. Sollte eine Verletzung Boxenruhe erfordern, werden wir ihn nicht einsperren – entweder wir versuchen es dann ohne einsperren, oder wir lassen ihn gehen. Wiederholt auftretende Koliken wären in seinem Fall ein Anzeichen dafür, dass der Organismus nicht mehr funktioniert (Merlin hatte in den 23 Jahren bei mir nur eine einzige Kolik, deswegen sehe ich das bei ihm so). Diese kleinen Eckdaten stehen also schon lange fest. Und erst neulich fiel mir auf, dass das eine reine „negativ-Liste“ ist: Dinge die wir nicht mehr tun wollen. Jetzt arbeite ich an einer „positiv-Liste“: Dinge, die meiner Meinung nach noch gehen müssen, damit sich für Merlin das Leben noch lohnt. Schmerzfrei im Schritt laufen und auch nochmal ein Stück traben, meinetwegen mit leichten, gut verträglichen Schmerzmitteln. Gut um die zwei Kurven am Eingang seines Separees kommen. Aktiv am Herdenleben teilnehmen, also mal Fellkraulen machen und mit den anderen zusammen dösen. Sich hinlegen zum schlafen. Das sind Dinge, die ich persönlich für unabdingbar erachte. Es reicht mir nicht dass ein Pferd „noch frisst“. Die fressen auch noch wenn sie unter größten Schmerzen leiden.

Wie ist es gelungen, dass mein Pony so alt geworden und dabei einigermaßen fit geblieben ist? Lag es an meiner tollen Hufpflege, meiner „gesunderhaltenden“ Reiterei? Sicher nicht, denn ich habe in beiden Bereichen viele Fehler gemacht. Hätte ich beides besser hinbekommen, wäre er vielleicht noch fitter – aber verbrauchte Zähne hätte er halt trotzdem. Die Tatsache, dass mein Pony noch so gut dasteht ist im wesentlichen wohl zwei Faktoren zu verdanken: unserer Offenstallhaltung mit viel Bewegung und der Futtermittelindustrie. Denn die Möglichkeit, dem fast zahnlosen Greis 5 Eimer „Matsche“ am Tag zu füttern, ist das, was ihn noch am Leben hält. Heu fressen geht nicht mehr und selbst Gras wird nur noch unzureichend verwertet. In der Natur wäre seine Zeit also längst abgelaufen und ohne Heucobs würde es nicht mehr gehen.

Dass Merlin noch so gut dasteht liegt also auch daran, dass wir die Pferde am Haus haben und problemlos 5 mal am Tag füttern können. Und natürlich daran, dass wir es uns leisten (können) jeden Monat viel Geld für Heucobs auszugeben. Nach allem, was mein wunderbares Pony für mich getan hat, ist das das mindeste was ich tun kann. Ansonsten passiert mit uns beiden nicht mehr viel – ab und zu bestellt er sich nachdrücklich eine Bauch-kraul-Einheit und das war es dann auch. Sicher könnte ich auch mein altes Pony noch mit etwas Gymnastik fit halten, aber mir fehlt die Zeit bzw Energie, noch ein Pony zu bespaßen und ich glaube der Nutzen würde sich in Grenzen halten. Er scheint auch ganz zufrieden zu sein und fragt nicht nach mehr. Die Vorfreude auf den nächsten Eimer bestimmt seinen Tagesablauf und das ist doch völlig in Ordnung.

Ich weiß jetzt schon – aus Erfahrung – dass ich manches bereuen werde, wenn es ans Abschied nehmen geht. Aber ich weiß auch – ebenfalls aus Erfahrung – dass es mir persönlich hilft, schon vorab ein bisschen Abschied zu nehmen. Vorher schon zu überlegen, wie es sein wird, wenn der weiße Zauberer nicht mehr da ist. Wie werden die anderen Ponys reagieren? Es wird merkwürdig sein, wenn ich keine riesigen Eimer mehr anrühren muss und es wird mich schmerzen, dass da kein drängelnder Opa mehr ist, der jetzt gleich unbedingt zu seinem Futter muss und mich hungrig anwiehert. Kein Pony wird dann mehr in der Lage sein, das Stalltor aufzumachen. Aber ich weiß auch, dass mein wunderbares Pony – genau wie unser Hund – mir einen Topf voll Gold hinterlassen wird in Form von schönen Erinnerungen. Ich weiß auch, dass es mir ein Trost sein wird, dass er so alt geworden ist und sein Leben voll gelebt hat. Und dass ich überzeugt bin dass es – trotz aller Fehler, die ich gemacht habe – insgesamt ein gutes Leben war. Merlin hinterlässt neben dem Topf voll Gold auch einen Topf voll Wissen. Duncan hat jetzt ein besseres Leben, weil ich von Merlin so viel gelernt habe. Und viele, viele meiner Kundenpferde profitieren von all dem, was Merlin mich gelehrt hat.

Noch ist er hier, mein Zauberer. Wie lange noch – das weiß niemand. Und deswegen sind wir vorbereitet, damit es dann, wenn es so weit ist, so reibungslos wie möglich geht.

Damals, als mein alter Warmblüter mit schwerer Kolik da stand, war ich enorm dankbar, dass wir so eine Notfall-Liste hatte. Er war fast 30 Jahre alt und der Tierarzt sagte „ich könnte noch eine Nasenschlundsonde legen oder ihr könntet in die Klinik fahren, aber ich weiß, das wollt ihr beides nicht.“ Genau. Und der Tierarzt wusste das deswegen, weil nicht nur in unserer Waschküche unser Notfallzettel liegt, sondern auch schon lange beim Tierarzt, dem wir die Liste geschickt haben. Es hat uns an jenem schwarzen Tag viel Abwägen, Diskutieren und Überlegen erspart und das war gut so. Mein alter Wurzel war tags zuvor noch über die Koppel galoppiert, aber es war nicht seine erste Kolik und diese war zu schwer um ihm das noch anzutun. Wofür? Wenn altersbedingt danach keine guten Jahre mehr kommen können, sondern allenfalls ein paar Wochen, dann mache ich da nicht mehr mit. Und ich entscheide so, wie ich ein Leben lang über mein Pferd entschieden habe – nach bestem Wissen und Gewissen. Ich möchte mich nicht im letzten Moment drücken und mein Pferd plötzlich sich selbst überlassen. Egal wie schwer es für mich ist: es ist der letzte Liebesdienst, den ich meinem alten Tier erweisen kann.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 545

Montagsausflug! Mein Ausreitkumpel soll ja am Sonntag auf Distanzritt (zusammen mit dem schnellsten Pony der Welt – der wird den Ritt sicherlich gewinnen!). Dafür hat er viel trainiert und ist jetzt verdammt fit! Ich hingegen war in den letzten Wochen viel zu wenig unterwegs – Diego ist ja nicht startklar (er kann jetzt aber wohl langsam wieder anfangen, sagt mein Mädchen. Mit Schritt…..), letzte Woche war kein Montagsausflug und unter der Woche hatte ich einfach nicht so viel Zeit für mein Mädchen. Wir haben zwar immer geübt, den Hof rechts zu verlassen, aber für viel mehr „Arbeit“ war ich nicht zu haben, denn im Moment bin ich auf einer wichtigen Mission: Winterspeck! Jaja, ich weiß schon, ich bekomme hier angeblich auch im Winter genug zu essen. Aber sicher ist sicher! Die Gene meiner Vorfahren über viele Generationen sagen mir, dass so ein Winter verdammt kalt und hart werden kann und dass man besser vorsorgt, wenn man im Frühling noch da sein will. Und diese Gene sind stärker als alles andere. Also läuft es so: Nachts dürfen wir ja immer auf die Weide. Derweil fallen auf dem Rundlauf tüchtig Eicheln von den Bäumen. Morgens möchte ich die Eicheln dann verputzen, aber muss feststellen, dass mein Mädchen den Zaun zu gemacht hat und ich da nicht ran komme. Sie räumt dann erstmal den Löwenanteil an Eicheln ab, bevor sie den Zaun wieder aufmacht. Meine Kumpels und ich wandern dann den ganzen Tag im Kreis um den Rundlauf, da die Eichen ja kontinuierlich kleine Leckereien fallen lassen. Immer von einer Eichel zur nächsten – mein Mädchen sagt, wir sind die reinsten Staubsauger. Wir nehmen eben was wir kriegen können! Und wenn sie mich dann ruft, weil sie was mit mir machen will….. naja wie gesagt, eigentlich habe ich dafür keine Zeit! Und deswegen, weil sie das versteht, haben wir in den letzten Wochen dann nicht so viel gemacht, sondern sind halt viel rechts vom Hof gegangen, da durfte ich ja dann auch essen.

Mädchen! Daraus hätte ich doch 1a Winterspeck machen können! Menno.

So, aber Montagsausflug ist natürlich trotzdem! Also haben wir jetzt einen extrem fitten Ausreitkumpel, der inzwischen fast so schnell traben kann wie ich galoppiere und mich, der nicht viel Zeit und Gelegenheit für Training hatte. Naja, aber ich lasse mich ja auch nicht lumpen. Habe am Anfang mal ordentlich Gas gegeben. 2km Trab und fast 4km Galopp (mit kleinen Trab- Unterbrechungen) später war die erste Luft dann raus. Mein Ausreitkumpel ist dann vorneweg gelaufen, das fand ich ganz gut. Problem: sein Trab. Der ist einfach so schnell geworden! Ich bin auch schneller geworden, stimmt schon, aber ich kann das hohe Tempo noch nicht so lange durchhalten.

Nach einer Weile war ich schon etwas müde, muss ich zugeben. Mein Mädchen hat gesagt, wir machen eine kleine Graspause und sie geht ein Stück zu Fuß aber dann müssen wir wieder los – das zieht sich sonst so und es wird schon wieder dunkel! Die Pause hat mich erfrischt, danach ging es wieder. Es war dann auch nicht mehr so weit, das hab ich schon noch geschafft. Als die Wackelkiste in Sichtweite war, sind die Mädchen abgestiegen und den Rest zu Fuß gegangen. Als wir angekommen waren, war mein Puls auf 60 runter, also alles gut. Mein Mädchen hatte gehofft, dass wir mal auf die Idee kommen uns zu wälzen, aber wir wollten lieber essen, während mein Mädchen die Wackelkiste wendet und dann ging es auch schon wieder nach hause. 14,5km haben wir gemacht mit 9,6km/h im Schnitt.

Nächsten Montag fällt der Montagsausflug dann schon wieder aus, weil mein Ausreitkumpel ja am Sonntag auf Distanzritt geht. Und mein Sonntagsausflug findet auch nicht statt, weil mein Mädchen und der Mann den ganzen Tag auf dem Distanzritt sind um zu helfen. Wie soll man da auch fit bleiben? Egal, Hauptsache genug Winterspeck.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel auf wichtiger Winterspeck-Mission

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 544

Allein ausreiten! Große Träume spornen mein Mädchen ja immer am meisten an. Und also überlegt sie sich so allerhand und wir gehen bei jeder Gelegenheit ein paar Meter vor die Tür. Zum üben, grasen und Kekse naschen. Mit der Doppellonge oder geführt, mal vor der Arbeit auf dem Reitplatz, mal danach. Und gestern ist sie dann geritten. Aber nicht normal, sondern immer hin und her: zum Reitplatz, auf den Hof, auf die Straße, umdrehen, wieder auf den Reitplatz. Im Schritt und im Trab. Ich sag mal so: mein Favorit wäre gewesen, LINKS vom Hof zu gehen, aber das war nicht im Angebot. Ok, dann rechts vom Hof. Auf den Reitplatz mochte ich gar nicht so gern, das macht einfach nicht so viel Spaß. Aber rechts vom Hof haben wir es jetzt ganz lässig 160m geschafft – bis zur Grundstücksgrenze. Ich wäre auch weiter gegangen aber das wollte mein Mädchen noch nicht. Na gut! Keks, umdrehen, wieder zum Reitplatz. Eine Runde rum, Keks, wieder zur Straße. Ach, eigentlich ganz lustig, das Spiel! Mal sehen wo uns das hinführt.

Nur mein Mädchen ist natürlich nicht zufrieden – weil ich keine Lust auf Reitplatz hatte. Sie ist aber auch kompliziert! Anstatt dass sie sich freut, weil ich gerne raus gehe. Was ist denn falsch mit ihr? Naja, ich arbeite noch an ihrer Ausbildung….

Euer lustige Muster laufender Sir Duncan Dhu of Nakel

Werkzeugkoffer

Duncan und ich üben alleine rausgehen (immer noch oder mal wieder?). Wir turnen, am Strick, an der Doppellonge und demnächst auch geritten, die Straße rauf und runter, meterweise. Ich denke mir allen möglichen Schabernack aus, den wir dort gut machen können – einfache Führübungen wir Schritt, Trab und Halt, ein bisschen Seitwärts, ein paar Kreise um mich herum. Aber auch eine „Anti-Weglauf-Übung“: ich schicke ihn vor mich, gehe mit dem Strick in der Hand weit hinten und bleibe dann kommentarlos stehen, so dass Zug auf den Strick kommt. Er soll lernen, dann den Kopf und Hals zu wenden, anstatt geradeaus stehen zu bleiben. So haben wir das nie wirklich geübt, aber es kann Weglaufen besser verhindern als reines Anhalten, weil er das Wenden mit in die Übung einbezieht. Nach dem Wenden soll er dann flott auf mich zukommen und bekommt bei mir seinen Keks.

Wir beziehen auch grasen und das was ich im Freedom Based Training übe mit ein: behalte Deine Umwelt im Blick. Nicht den Kopf ins Gras stecken und alles um dich herum ausblenden. Aber auch ich selbst übe mich darin, die Umwelt auch in diesen friedlichen Momenten nicht zu vergessen.

Ich versuche, mich dem Problem von möglichst vielen verschiedenen Seiten zu nähern, denn das verspricht den größten und schnellsten Erfolg. Ich muss gar nicht ganz genau wissen, welche Übung jetzt die beste ist, ich kann sie ja alle machen. Natürlich alle pferdefreundlich und nett, mit einem Lächeln und ohne großen Druck. Alle darauf ausgelegt, Duncans Vertrauen in meine und in seine eigenen Fähigkeiten zu steigern.

Vor mir steht also ein gut gefüllter Werkzeugkoffer und je länger ich über das Problem nachdenke, desto mehr Werkzeuge entdecke ich. Ich kann mir auch noch welche dazuholen von anderen Pferdemenschen.

Währenddessen fällt mir beim reiten auf dem Platz das Gegenteil auf und endlich wird mir klar, was mein bisheriges Problem war. Das klingt für einige von Euch jetzt vielleicht komisch, aber ich hab mir immer die Werkzeuge aus meinem Koffer nehmen lassen. Weil es immer – egal was man macht – da draußen einen Trainer oder eine Ausbilderin gibt, der oder die sagt, dass man das nicht machen soll. Und alle können das logisch begründen. Und so passiert das, was ich schon so lange beklage: ich traue mich kaum noch etwas. Kruppeherein reiten ist schlecht weil …, lieber nur Schulterherein und Traversale. Galoppieren so lange es im Schritt und Trab noch nicht klappt ist schlecht weil….. Den Hals des Pferdes biegen ist schlecht weil…. Rückwärtsrichten ist schlecht weil…. zu viel Vorwärts ist schlecht weil… zu wenig Vorwärts ist schlecht weil…

Meine Erfahrung ist: es findet sich immer jemand, der das Gegenteil behauptet. Egal was ich gerade gelernt habe, egal womit ich gute Erfahrungen gemacht habe, da draußen ist jemand, der mir das Gegenteil davon schlüssig und scheinbar logisch erklären kann. Und ich Dummerchen habe mich davon so verunsichern lassen, dass ich mir die Werkzeuge aus dem Koffer genommen habe. Und dann steht man da, hat nur noch einen Schraubenschlüssel und kann nix mehr erreichen. Also habe ich in den letzten Wochen all meine Werkzeuge wieder zusammengesucht und in den Koffer getan. Es mag einige geben, die ich selten benutze, aber viele sind sehr hilfreich und oft in Gebrauch.

Es kommt mir merkwürdig vor, dass in einer Welt voller Vielfalt und Möglichkeiten genau das dazu geführt hat, dass ich mich selbst so eingeschränkt habe. Da werde ich wohl als erstes Mal mein Werkzeug nehmen und das Brett vor meinem Kopf abmontieren, damit ich wieder klarer sehen kann.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 543

Also kein Montagsausflug. Weil der Ausreitkumpel sich Muskeln wachsen lassen soll. Ich hab übrigens gehört, dass er diese langen Touren ganz schön anstrengend findet. Man munkelt, er habe leichten Protest angemeldet, als er gemerkt hat, dass er wieder so eine lange Tour machen soll. Pah! Das könnte mir nicht passieren! (Ich laufe erstmal munter los und stelle unterwegs irgendwann fest, dass ich müde werde, aber das ist ja wohl normal, oder?).

Mein Mädchen und ich mussten uns also hier zu hause vergnügen. Aber mein Mädchen träumt ja nach wie vor davon, dass wir endlich richtige Ausritte alleine schaffen. Ich würde ja losziehen, aber ich möchte halt links runter vom Hof! Rechts ist mir nicht wohl. Nun kennt ihr ja mein Mädchen: so lange mir rechtsrum nicht wohl ist, findet sie es falsch, allein loszugehen. Also was macht sie: was sie immer macht. Üben! Sie hat sich jetzt vorgenommen so oft wie möglich unser Aufwärmprogramm auf der Straße zu machen. Also gestern Doppellonge bzw Fahren vom Boden. Kringel über den Hof, rechtsrum, linksrum, kurz auf die Straße, wieder auf den Hof. So lange und so oft, bis ich auch rechtsrum munter geradeaus ein paar Meter losmarschiert bin. Dann sind wir zum Reitplatz „gefahren“ und haben dort Doppellonge gemacht. Sie hat wieder mal einen ganz akkuraten Kreis aufgebaut und den soll ich dann laufen. Das ist nicht so einfach wie es klingt, weil sie nur so ganz kleine Hütchen aufgestellt hat, da müssen wir beide genau hinschauen wo es langgeht. Es gibt dann einen inneren und einen äußeren Kreis und dann versuchen wir, das gaaaaaaanz genau zu machen. Aber sie war schwer begeistert, wie schön energisch ich jetzt wieder laufen kann mit meinem durchgeyogaten Rücken. Nach einer Weile waren wir dann fertig und dann hat sie noch ihr Dehnübungsprogramm durchgezogen. Ich finde das immer ein bisschen blöde, weil ich nämlich darauf warte, dass ich grasen darf. Das darf ich ja meistens nach der Arbeit und deswegen bin ich beim Dehnen etwas ungeduldig. Dann durfte ich grasen und mein Mädchen hat Freedom Based Training gemacht. Ich soll nämlich lernen, nicht mit dem Kopf im Gras zu verschwinden und an nix anderes mehr zu denken, sondern meine Umwelt mit im Blick zu haben. Das üben wir jetzt und mein Mädchen findet, das ist alles schon viel besser geworden – ich kann es besser und sie hat besser verstanden, wie sie mir helfen kann.

So viele Übungen an einem Tag – Hof verlassen, Doppellonge, Dehnübungen und „aufmerksames Grasen“!

Aber ganz unter uns: ein zünftiger Ausritt mit dem Ausreitkumpel wäre mir lieber gewesen…..

Euer beschäftigter Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 542

Heute Nacht war bei uns „Weidedisco“. Nicht, dass wir da Lust drauf gehabt hätten, aber im Nachbardorf war TreckerTreck und die haben bis tief in die Nacht mit ihren riesigen Maschinen irgendwelche Wettbewerbe gemacht und danach noch länger ausgiebig gefeiert. War also nicht so toll mit der Nachtruhe, weshalb wir uns dann morgens erst nochmal ein Nickerchen gegönnt haben. Aber dann war ja bestes Wetter und ich hatte Hoffnung auf einen feinen Ausflug!

Diegos Bein ist wieder dünn und hoffentlich wieder heile. Da niemand genau weiß, was da überhaupt los war, ist das aber nicht ganz gewiss. Deswegen soll er jetzt so wieder antrainiert werden, wie Igel sich lieben, sagt mein Mädchen: gaaaaaaaaaanz vorsichtig.

Die gute Nachricht: das heißt, wir haben einen Sonntagsausflug gemacht. Die schlechte: zum Austoben hat es nicht gereicht. Naja. Also es ging los und der Mann hat ganz getreu dem guten alten Motto gehandelt: wer sein Pony liebt, der schiebt läuft nebenher. 7km haben wir gemacht, natürlich alles im Schritt, wegen antrainieren und Vorsicht und so. Damit wir trotzdem was für unsere Muskeln tun, ging es über den Berg. Und damit ich auch was tue, hat mein Mädchen mich aufgefordert, den schnellsten Schritt zu gehen, den ich so gehen kann. Ach, da war sie aber hoch erfreut, dass durch die ganze Gymnastik und Pony-Yoga und so mein Schritt doch tatsächlich nochmal einen Tick flotter geworden ist. Sie ist übrigens nicht gelaufen, sie hat sich natürlich tragen lassen. Ich bin ja Gentleman….

Am steilen Berg ist sie aber netterweise abgestiegen, sowohl als es steil hoch ging, als auch steil runter. Und an der Landstraße ist sie auch zu Fuß gegangen, weil sie irgendwie ein bisschen nervös war – unsere Panne von neulich sitzt ihr noch in den Knochen.

So von oben fotografiert sind die beiden ganz schön klein!

Also ich sage mal so: es war schön, wieder mal raus zu kommen, aber so ein kleiner Schrittausritt reicht gerade um warm zu werden. Was tut mein Ausreitkumpel derweil? Er trainiert! Schnell und weit. Er ist nämlich – zusammen mit dem schnellsten Pony der Welt – für seinen ersten Distanzritt angemeldet! In zwei Wochen ist es so weit. Und deswegen machen die beiden heute einen zünftigen Trainingsritt und morgen steht er deswegen nicht für einen Ausritt zur Verfügung, weil er seine Muskeln wachsen lassen muss. Schade für mich, schön für ihn. Ich bemühe mich, es ihm zu gönnen, aber ein bisschen neidisch bin ich doch. Mein Mädchen meint, wir werden uns stattdessen mal wieder der Doppellonge widmen, damit ich etwas Energie loswerden kann. Schwacher Trost, aber nützt halt nix.

Euer nicht ausgetobter Sir Duncan Dhu of Nakel

Neue Fragen

Duncan ist fertig mit Trinken. Er steht vor der Pfütze, ich sitze auf seinem Rücken. Sein Ausreitkumpel ist schon wieder losmarschiert. Duncan hingegen bleibt stehen. Als ich ihn treibe, entlastet er ein Hinterbein und bewegt sich keinen Schritt. Ich bekomme Panik: was ist mit ihm?

Ich steige ab und rufe nach meiner Freundin, die umkehrt und zurück kommt. Ich gebe ihr Duncans Zügel und messe erstmal Puls. 76, das ist völlig in Ordnung, dafür dass wir gerade 13 km in flottem Tempo unterwegs waren. Ich kenne diese Werte und heute profitiere ich zum ersten Mal davon. Dann führe ich Duncan ein Stück: lahmt er? Nein. Ich trabe ihn an der Hand, da kommt er auch ganz ok mit. Er läuft wie ein Uhrwerk, weder meine Freundin noch ich können ein Problem erkennen. Aber sein Gesicht sieht müde aus. Also führe ich ein Stück. Wenn es nach ihm ginge, würden wir stehen bleiben, aber es fängt schon an, dunkel zu werden und wir sind zwar nicht an der Straße, aber völlig unbeleuchtet unterwegs. Ich führe ihn 500 Meter, er wirkt ok. Dann kommt der letzte Plattenweg für heute. Vor uns liegen noch knappe 2km und wenn ich eins auf meinem zweiten (und letzten) Distanzritt mit Finlay gelernt habe, dann das: wenn das Pony müde ist, ist Schritt gehen keine gute Option. Also steige ich wieder auf. Aber Duncan drängelt Richtung Gebüsch – eigentlich ein Zeichen dafür dass er Pieschen muss. Aber er lässt sich bitten. Es dauert, ich pfeife (unser Piesch-Signal), ich lasse ihn immer wieder einen Schritt vorgehen. Schließlich macht er tatsächlich eine kleine Pfütze, aber ob er wirklich musste, weiß ich nicht, denn es ist recht wenig, was da kommt. Danach ist er bereit, wieder loszugehen. Er trabt noch einmal wie ein kleines Uhrwerk, gibt sogar nochmal Gas, die Beine können noch laufen.

Mir bleibt nachher nur, mir das alles zu merken und mir Strategien zu überlegen, die ich probieren könnte. Vielleicht wäre es klüger gewesen, ihm 5 Minuten Graspause zu gönnen, das probiere ich beim nächsten mal. Die Frage ist nur, ob er dabei geistig so einschläft, dass er dann gar nicht mehr in Gang kommt. Gleichzeitig erkenne ich mal wieder, was ein Pferd so alles können muss, bevor es auf Distanz- oder Wanderritt gehen kann. Vor gut 2 Jahren war mein Plan, Duncan zu zeigen, dass man sich seine Kräfte einteilen muss. Dass man nie weiß, wie lang der Weg noch wird. Dass es nicht so viel Sinn macht, das ganze Pulver am Anfang zu verschießen. Und mein Plan ging auf: er war besser regulierbar am Anfang unserer Ausritte, weil er wusste: da kommt noch genug zum austoben. Diesen Montag war er aufs Galoppieren aus. Er weiß doch, wie es läuft, wenn wir mit dem Ausreitkumpel unterwegs sind. Und er will laufen, er liebt galoppieren. 13km hat er gut „gezogen“, und dann – plötzlich – war Schluss. Sobald wir Schritt gingen und an der Pfütze angehalten haben, war Ende mit dem Vorwärtsdrang. Oder war es die Tatsache, dass wir schon an zwei Abbiegungen vorbeigeritten waren, die uns auf kürzerem Wege zum Anhänger gebracht hätten? Normalerweise scheint Duncan das ja immer egal zu sein bzw oft habe ich das Gefühl er weiß es nicht. Aber diesmal bin ich nicht sicher – hatte er das auf dem Schirm und meinte, es sei Zeit, zurückzukehren zum Heu? War er verwirrt, weil wir nicht den selben Weg zurück geritten sind, den wir gekommen waren? Oder war es ein taktischer Fehler meinerseits, dass wir bei den schnellen Ritten jetzt so oft ohne Graspause durchgezogen haben – will er deswegen schnell zurück, weil er Hunger hat? Es gibt für mich viele offene Fragen, aber es gibt auch für Duncan etwas zu lernen: manchmal gibt es die Option einer Pause einfach nicht. Manchmal, wenn es dunkel wird, wenn Menschen noch einen Termin haben, wenn man irgendwo im Nirgendwo steht und ein Gewitter aufzieht…. dann gibt es diese Möglichkeit nicht. Dann muss man die Zähne zusammenbeißen und es durchziehen. Kräfte mobilisieren – in diesem Fall eher geistige als körperliche – und weitermachen. Auch das will geübt werden, das habe ich jetzt verstanden. Und ich als Mensch muss entscheiden, wie viel Druck ich machen darf und will. Wie deutlich sage ich meinem Pony, dass wir weiter gehen müssen? Wann akzeptiere ich ein „nein“, auch wenn es dann vielleicht nachher dunkel/spät/kalt/nass wird?

Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Das erfahre ich wohl frühestens beim nächsten Ausritt. Ich habe nur Beobachtungen gesammelt: Als wir dann wieder am Anhänger waren und gekühlt hatten, war Duncans Puls bei 60, er kann also körperlich nicht massiv überfordert gewesen sein. Im Anhänger hat er kaum Heu gefressen, sondern die meiste Zeit gedöst – also muss er SEHR kopfmüde gewesen sein. Als wir nach hause kamen, war er sehr anhänglich. Es war schon dunkel und ich habe ihn direkt zur Weide gebracht. Die anderen Ponys waren noch irgendwo im Paddock unterwegs, ich habe den Weidezaun aufgemacht, aber Duncan ist die ganze Zeit bei mir geblieben und nicht zum Gras gelaufen, ich habe ihn dann hin begleitet. Da wir ihm noch eine Abschwitzdecke übergelegt hatten, kamen wir eine Stunde später nochmal (ich hatte Arnulf gebeten, mit aufs Pony zu gucken), da kam Duncan uns unaufgefordert entgegen. Seine Muskeln waren weich, er freute ich über Äpfel und wirkte gesund und munter. Auch als ich eine weitere knappe Stunde später wiederkam um die Decke abzunehmen, war er ganz er selbst und bestens gelaunt. Was auch immer das alles bedeutet: in irgendeiner Form krank oder köperlich „kaputt“ war mein Pony wohl nicht. Im Gegenteil: tags drauf war er bestens gelaunt und bereit für weitere gemeinsame Aktivitäten.

Es ist nicht der erste Ausritt, bei dem ich fürchtete, ihn überfordert zu haben. Auch dieses mal zeigt sich wieder: nach diesen Ausritten ist Duncan mir besonders zugewandt. Auch am Tag danach sucht er den Kontakt zu mir mehr und deutlicher als sonst. Woraus ich folgere, dass er es toll fand. Richtig auspowern, an Grenzen stoßen, über sich hinauswachsen. Das scheint Duncan zu lieben! So ein Pony hatte ich noch nie. Wie ich am besten damit umgehe, muss ich jetzt wohl lernen, durch vorsichtiges Ausprobieren und beobachten, Rücksprache halten mit dem Pony, meiner Freundin, meinem Mann und dem einen oder anderen erfahrenen Pferdemenschen.

Die gute Nachricht: Pubertät scheint vorerst wieder vorbei zu sein, Duncan war wieder ganz er selbst, aufmerksam, artig und gut im Gleichgewicht. Juhuuu!