Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 562

Es gab wieder keinen Sonntagsausflug diese Woche – das wird hier langsam zur schlechten Gewohnheit! Mein Mädchen war etwas matt und wollte deswegen nur auf dem Platz reiten. Naaaaaa gut. Sie hat aber versprochen, so bald wie möglich einen kleinen Ausritt ins Programm einzubauen. Montag war das Wetter mies und die Zeit zu knapp, da haben wir Schritt-Stangen in der Halle gemacht. Dienstag war die Zeit auch knapp und außerdem niemand zu hause, also waren wir nochmal auf dem Platz reiten. Aber heute war es so weit! Wir sind mal wieder ganz allein losgezogen und haben unsere Hausrunde gedreht!

Aber bevor es los geht ist ja immer allerhand zu tun. Hufschuhe anziehen, weil es da doch ein Stück weit sehr steinig zugeht. Weil mein Mädchen nicht ganz zufrieden ist mit dem Sitz der Schuhe wollte sie die kleine Runde nutzen um was neues zu testen: Socken! So ein paar olle Tennissocken von ihr mussten herhalten. Die hat sie über meine Füße gezogen (das ging gerade so ganz knapp) und dann die Hufschuhe drüber. Sieht bisschen peinlich aus, aber wenn es funktioniert, kann ich ja vielleicht noch Ringelsocken bekommen, dann geht das wohl. Oder was in orange oder apfelgrün – na sehen wir mal. Beim Hufschuhe anziehen machen wir immer gleich noch eine kleine Dehnübung. Dann nimmt mein Mädchen mein Hinterbein und führt es vorsichtig nach hinten bis das Bein lang gestreckt ist. Aaaaaah das entspannt schön.

Socken und Dehnübung

Dann satteln und so. Mein Mädchen muss sich ja auch immer allerhand antüdeln, Helm, Schutzweste, Handschuhe, dann das Handy an die Leine legen und die App starten damit der Mann sehen kann wo wir uns herumtreiben. Dann noch das Leitseil vom Bosal in den Gürtel stopfen und das alles mit Winterklamotten, das dauert, sage ich euch. Ich lass mir dann immer zwischendurch ein Stück Apfel geben, das hilft beim geduldig sein. Dann endlich aufsteigen und los! Ich habe schon direkt klar und deutlich angesagt, dass ich LINKS vom Hof möchte. Mein Mädchen meinte, so wie ich abbiege, hängt sie am Baum und das will sie nicht. Bitte den Bogen etwas größer, ich darf ja nach links. Na gut. Ich bin gleich losmarschiert – naja, marschieren ist das noch nicht. Ich bin am Anfang immer seeeeeehr langsam weil mein Kopf so viel zu tun hat. Aber mein Mädchen findet, es ist schon besser geworden, flüssiger und mutiger. Und ich will auf jeden Fall los, auch wenn ich (genau wie mein Mädchen) meinen Mut zusammenkratzen muss! Auf dem Nachbaracker wurden Zuckerrüben geerntet. Mein Mädchen meint, in den 20 Jahren die sie hier wohnt, kann sie sich nicht erinnern, dass mal Zuckerrüben in unserer Nähe angepflanzt waren, deswegen kennt sie auch den Ablauf der Ernte nicht. Da war ein großer Trecker mit Anhänger unterwegs und so eine Art „Spezial-Trecker“ der die Zuckerrüben aus dem Boden geholt hat. Und wie das Schicksal es wollte, waren die gerade da am Feldrand unterwegs als wir da hin kamen. Ich fand das jetzt nicht soooo dramatisch, aber mein Mädchen ist dann doch lieber abgestiegen. Vorteil für mich, denn es gab Apfelstückchen! Obwohl ich mich ehrlich gesagt nicht wirklich gefürchtet habe. Das sind doch auch nur Trecker – laut und groß und immer für ein komisches Geräusch gut, aber harmlos.

Als das geschafft war, ist mein Mädchen an der großen Eiche wieder aufgestiegen. Hier beginnt unsere traditionelle Trabstrecke. Da der Grasweg immer etwas bergauf und bergab geht, muss man da bei diesem feuchten Wetter gut auf seine Füße aufpassen, aber ich hab das drauf. Schnell war ich nicht, aber mein Mädchen war zufrieden. Dann den Dornröschenweg, den können wir jetzt auch schon entspannter meistern. Meinem Mädchen ist aufgefallen, dass ich wohl mehr innere Ruhe habe, weil ich nicht mehr ständig nach dem Gras haschen muss (das ist so eine kleine Marotte von mir, wenn ich nervös bin, brauche ich unbedingt was zu futtern….). Als wir an den steilen Berg kamen, ist mein Mädchen abgestiegen, denn da kann es wirklich rutschig werden. Ich durfte dann noch schön was grasen und sie hat ein Foto an den Mann geschickt und sich gefreut, wie toll wir das alles können. Beim Grasen sollte ich wieder meine Umwelt im Blick behalten und mein Mädchen findet, dass ich darin auch schon viel besser geworden bin.

Dann wieder rauf – da war ein Fasan im Gebüsch, der hat erst rumgeraschelt und dann sein typisches Geschrei gemacht und ich bin NICHT zusammengezuckt! Da war mein Mädchen sehr stolz und hat sogar noch ein Apfelstückchen springen lassen. Diese kleinen Momente zeigen ihr, dass ich doch schon deutlich entspannter alleine unterwegs bin. Dann noch ein kleines bisschen Trab, im Schritt an all den Pferden vorbei, die bei Nachbars Nachbarn wohnen und auf den letzten Metern haben wir noch ein bisschen Schenkelweichen geübt, bevor wir dann gemeinsam die Mülltonne mit rein genommen haben.

Mädchen wieder stolz wie Oskar und ich bin auch sehr zufrieden mit diesem feinen kleinen Ausflug und fühle mich seeeeeeehr erwachsen.

Euer allein ausreitender Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 561

Hallo Mädchen, was steht denn heute auf dem Programm? Ich hatte diese Woche zwei Tage frei und noch gar keinen Ausritt, mir ist bisschen langweilig…. Mein Mädchen hat sich erstmal gefreut, dass ich so hochmotiviert angekommen bin. Ich durfte dann auch prompt meine Schüssel mit Schmatzofatz leeren (derzeit wieder besonders klebrig weil ich nach der ganzen Eichelsucherei wieder Flohsamen kriege, falls ich Sand mit gefuttert habe).

Dann Hufschuhe an und satteln. Oh, das sieht ja nach Ausritt aus, jetzt bin ich gespannt! Niemand sonst hier, gehen wir alleine raus? Plötzlich kommt da ein Pferd um die Ecke – auf unseren Hof rauf! Hm. Aber ich bin ja ein Guter, habe mich konzentriert und brav gewartet bis mein Mädchen aufgestiegen war und nachgegurtet hatte. Und dann sind wir mit dem fremden Pferd ausreiten gegangen! Jetzt war ich aber baff. Sowas ist mir ja noch nie untergekommen! Da war ich mir nun gar nicht so sicher, was ich davon halten soll. Mein Mädchen meinte, sie hätte doch eher damit gerechnet, dass ich aufgeregt und deswegen flott unterwegs bin, aber ich hatte Denkblockade. Ich war so mit dem fremden Pferd und der neuen Situation beschäftigt, dass keine Hirn-Kapazitäten mehr fürs Laufen frei waren. Mein Mädchen war maulig, weil sie meinte ich sei so klemmig, aber sie dachte sich schon, dass das ein Kopf-Problem ist. Es hat ein paar Kilometer gedauert, bis ich mich ein bisschen eingekriegt hatte, nachher ging es dann.

Der Fremde ist ein Araber und ein Vollprofi. Der ist neulich 110km Distanzritt gelaufen! Holla die Waldfee! Trotzdem voll die coole Socke. Eilig hatte der das nicht. Schien ihm auch nichts auszumachen, sich einfach an mein Tempo anzupassen. Apropos Tempo: Im Nachbardorf stand ein komisches Dings an der Straße, da hat mein Mädchen gemeint, wir dürfen nicht zu schnell daran vorbei! Aber „nicht zu schnell“ heißt in dem Fall wohl nur „nicht im vollen Renngalopp“. Und der war ja nun eh nicht angesagt. Stattdessen waren wir die meiste Zeit im Schritt unterwegs, mit kleinen Trabeinlagen zwischendurch, da wo mal schöne Wegabschnitte waren. Die sind leider eher rar gesät bei uns in der Umgebung. Aber Schritt reiten ist ja voll gut für die Grundkondition, sagt mein Mädchen. Nicht für ihre, aber für meine – ich bin eh der einzige von uns der fit ist.

Gut, dass wir gerade im Schritt unterwegs waren!

Mir war ziemlich warm, ich habe in den letzten Tagen noch ein bisschen mehr Pelz produziert, falls es doch noch einen schottischen Winter geben sollte. Mein Mädchen meint, ich übertreibe maßlos und sie überlegt, ob sie mich nicht lieber noch etwas entpelzen sollte. Aber wer weiß schon, was das Wetter bringt? Schwierige Frage. Der Vollprofi-Araber hingegen trug schon ein Nierendeckchen, damit er sich ja nicht sein zartes Popöchen verkühlt. Tssssss…. Mimose. In Schottland wäre der ganz schnell weg vom Fenster. Ok, dafür werde ich wohl nie 110km an einem Tag laufen, fairer Ausgleich.

16km in 2,5 Stunden haben wir gemacht. Also mein Mädchen und ich. Der Vollprofi ist vorher schon 5km bis zu uns gelaufen und nachher wieder nach hause. Aber er ist ja Vollprofi, dem machen die 10km extra nichts aus. An der letzten Kreuzung haben wir uns getrennt, er hat sich rechts auf den Heimweg gemacht, wir sind links abgebogen. Mein Mädchen war nicht sicher, wie ich das finde, aber wisst ihr was? Mir ist das einerlei. Wir waren ja eh nur noch 650m von zu hause weg, die hab ich einfach in Ruhe abgebummelt.

Mein Mädchen ist wieder mächtig stolz auf mich, weil ich das sooooo toll gemacht habe. Ja ok, ich hab ein bisschen geklemmt und nachher ein bisschen öfter geäppelt als normal, weil ich halt doch nicht soooooo tiefenentspannt war, aber mein Mädchen weiß es zu schätzen, dass ich mich nur innerlich aufrege und sich das nicht in Rennen, Buckeln oder ähnlich dummem Zeug äußert. Auch wenn sie es anstrengend findet, wenn ich so klemmig laufe, ist ihr das natürlich lieber als alles andere. Und sie meint, der Rest ist Übungssache.

Das Mädchen vom Vollprofi-Ausreitkumpel war hingerissen von mir (was sonst?) weil ich in meinen jungen Jahren so fein gelassen und artig bin. Sie meinte, ich würde bestimmt gut schlafen nach diesem feinen Abenteuer. Pah, da kennt sie mich aber schlecht! Als Diego abends noch wippen durfte, hätte ich gern auch nochmal mitgemacht. Aber leider muss mein Mädchen ja auch mal andere Sachen machen als mit uns Spaß zu haben – schade.

Euer Sir Duncan Dhu of Nakel mit dem neuen Ausreitkumpel

Leistung

Meine Workshop-Teilnehmer der 2. Generation (die den wesentlich besseren Workshop genießen konnten) haben sich ein neues Thema bestellt und das geistert durch meinen Kopf. Und ich glaube, ein großer Teil dieses Themas besteht in der Frage, was wir von unseren Pferden verlangen dürfen. Eine Schülerin hat das, was viele von uns insgeheim empfinden mal so schön auf den Punkt gebracht. Ihre Formulierung war ungefähr „er soll das machen was ich möchte, aber er soll es freiwillig und gern tun“. Da muss ich spontan an die Frauen denken, die sich wünschen, dass ihr Mann ihnen Blumen mitbringt, ihm das aber nie sagen, weil er es sonst ja nur tun würde, weil sie es ihm gesagt haben. Und dann ist es nicht freiwillig. Und überhaupt: wenn er mich wirklich lieben würde, wüsste er doch, dass ich Blumen möchte. Ja, so schwer kann man sich das Leben gegenseitig machen und ich höre das soll gar nicht so selten sein. Ich bin ja, wie man heutzutage so schön sagt, „socially awkward“ an der Stelle. Wenn ich gefragt werde, was ich will, sage ich, was ich will. Und oft genug sage ich das auch dann, wenn ich nicht gefragt werde. Gleichzeitig erwarte ich das selbe von meinem Gegenüber. Spuck´s halt aus und sag nicht lauter unwahres Zeug, von dem du denkst dass ich es hören will.

Vielleicht mag ich deswegen die Highlandponys so gern (und die meisten anderen Ponyrassen), weil die meist genauso geraderaus sind. Die haben keinen übermäßigen Respekt vor irgendwem, die möchten nicht um jeden Preis gefallen, die verbiegen sich nicht endlos für jemand anderen. Die kooperieren oder sie tun es eben nicht. Insofern ist ein gewisses Maß an „Freiwilligkeit“ bei diesen Rassen immer gegeben, denn wenn die etwas nicht wollen, dann sagen sie das. Man kann da nicht aus Versehen drüber hinweg gehen ohne es zu merken und zu wollen. Die teilen einem auch mit, wenn sie etwas blöd finden. Man kann trotzdem natürlich mit beliebig viel Druck über so ziemlich alles hinwegbügeln, was sich einem als Widerstand bietet, aber ich hoffe sehr, dass die Leserinnen meines Blogs nicht zu den Leuten gehören, die das tun.

Wirkliche Freiwilligkeit sehe ich bisher nur bei Elsa Sinclair. Sie hat gezeigt, dass die Pferde wirklich bereit sind, aus freien Stücken mit uns zu arbeiten, wenn wir genug Zeit und Wissen investieren. Warum arbeite ich trotzdem nicht ausschließlich nach ihrer Methode? Weil mein Pony – genetisch bedingt ein sehr guter Futterverwerter – sonst noch weniger essen dürfte, weil der Sport fehlen würde. Und weil ich mit ihm vereinbart habe, dass wir gemeinsam Abenteuer erleben wollen. Jedes einzelne Mal, wenn er von selbst in den Anhänger einsteigt, bestätigt er mich darin. Jedes einzelne Mal, wenn er drängelnd am Zaun steht und dringend etwas tun möchte, bestätigt er mich darin. Er kennt die Zusammenhänge, er weiß, was passiert, wenn er mit mir auf den Reitplatz geht oder den Hof verlässt. Und wenn er mir deutlich signalisiert, dass er Lust darauf hat, dann ist das zwar alles nicht ganz freiwillig (er trägt ein Zaumzeug, ich bestimme Gangart und Richtung), aber Spaß macht es ihm trotzdem. Deswegen glaube ich nicht, dass nur die reine Freiwilligkeit Pferde glücklich macht. Bei uns Menschen ist das übrigens nicht anders, wenn man es mal kritisch beleuchtet. Viele Dinge tun wir durchaus nicht ganz freiwillig – Spaß machen können sie trotzdem.

Als ich hier eine tolle Doku über den Tevis-Cup, das härteste Distanzrennen der Welt, gesehen habe, habe ich genau die beiden Seiten sehen können. An einer Stelle habe ich zu Arnulf gesagt: „ich möchte nicht, dass mein Pferd so müde aussieht“. Hier wäre für mich die Grenze, über die ich mein Pferd nicht hinweg treiben wollen würde. Andererseits: diese Pferde sind bereits viele Distanzritte gelaufen. Sie wissen, was sie erwartet. Einige sind auch schon mehrfach beim Tevis Cup gestartet, natürlich wissen sie, wo sie sind. Trotzdem starten sie hochmotiviert, sie haben Lust, sie geben Gas und müssen am Start vielfach noch ausgebremst werden. Ich denke, gute Distanzpferde haben – so wie menschliche Hochleistungssportler – auch Spaß daran, ihre eigenen Grenzen auszuloten. Ganz abgesehen vom menschlichem Ehrgeiz wissen wir hoffentlich alle, wie gut es sich anfühlen kann, etwas geschafft und geleistet zu haben. Da sind einfach Hormone im Spiel, die sicherlich auch die Tiere haben, auch wenn die kein Interesse an einem Pokal oder einer Preisverleihung haben.

Wie viel Leistung darf ich also verlangen von meinem Freizeit-Pony? Ich glaube, der Knackpunkt an dieser Frage ist, dass die Antwort sich jeden Tag ändert. Wie ist das Wetter, die Fitness, der Trainingszustand, die Laune? Je trainierter ein Pferd ist, desto mehr möchte es tun. Diese Lektion hat Duncan mir neulich ja auch mal wieder erteilt, als er dieses innere Kribbeln spürte.

Ich möchte alle Freizeitreiterinnen ermutigen, ihre Pferde mal ein bisschen mehr zu fordern. Viele bleiben weit unter ihren Möglichkeiten und ich persönlich glaube, dass das einen Beitrag zu den vielen körperlichen Problemen leistet, die unsere Pferde haben. 20 Minuten Galopp jede Woche, so sagt man, braucht eine Pferdelunge um gut belüftet zu werden. Und auf Kilometerzahlen von 10-30km am Tag kommt auch kaum ein Pferd. Leider kann keine Kopfarbeit der Welt ersetzen, dass unsere Pferde – seit vielen Generationen auf Bewegung spezialisiert – einfach laufen müssen um gesund zu bleiben und das auch auf der Weide und im allerschönsten Offenstall nicht genügen tun.

Die allerwenigsten Reiterinnen werden den Ehrgeiz haben, den Tevis Cup zu reiten (ich persönlich bin – ganz abgesehen vom Pferd – weit davon entfernt mir selbst so etwas antun zu wollen), aber ein bisschen mehr Sport wäre nicht nur für uns Menschen, sondern eben auch für unsere Pferde eine feine Sache. Und wenn wir es dann schaffen, das so zu gestalten, dass unsere Pferde Lust darauf haben und dass sie ein gewisses Mitspracherecht haben, dass sie auch mal „nein“ sagen dürfen oder einen Gegenvorschlag machen, dann können wir schon auch mal Leistung verlangen und am Ende sehen, wie stolz ein Pferd sein kann, wenn es etwas geschafft hat.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 560

Gestern waren wir wieder „ausreiten mit alleine ausreiten“. Diesmal in einer neuen Version: Alle zusammen rechts vom Hof, dann Richtung Nachbardorf. Wieder rechts, an den Rindern vorbei. Sobald wir die abgecheckt hatten, sind mein Mädchen und ich mal munter voran getrabt. Der Mann war mit Diego zu Fuß unterwegs, die sind also im Schritt geblieben (unsere Menschen könne ja nicht gut traben und galoppieren, obwohl ich gehört habe, dass es Menschen geben soll, die das können!).

Als wir einen schönen Vorsprung hatten (so nach 1km Trab) ist mein Mädchen abgestiegen und ich durfte grasen, bis die beiden uns eingeholt hatten. Weiter ging es gemeinsam ins Dorf, die Dorfstraße entlang. An einer Stelle sind wir rechts abgebogen und mein Mädchen meinte, wir könnten doch nochmal traben. Hmmmmm bist du sicher? Ja, sie meinte das klappt. Alsbald waren Diego und der Mann wieder außer Sichtweite. Ich bin zwar getrabt, aber so richtig sicher war ich mir nicht. Plötzlich, als wir auf einem sehr schönen Stück Weg waren höre ich plötzlich von oben „Aaaachtung… und hopp!“ Echt jetzt? Ich soll galoppieren? Hab das mal zaghaft angedeutet. Keks! Hm. Nochmal: „Aaaachtung… und hopp!“ Galopp. Aber nach drei Sprüngen hat mich der Mut verlassen. So ging es ein bisschen, bis ich schließlich gedacht hab „was soll´s, sie will galoppieren, ich kann das“. Bin gemütlich losgaloppiert, mein Mädchen hat sich gefreut. Kurze Zeit später mussten wir aber auch schon wieder durchparieren, weil wir abbiegen und an einer weiteren Rinderkoppel vorbei mussten. Und wie ich dann so im Schritt weitergehe, sehe ich von weitem Diego vor uns! Hä? „Ick bün all hier“ scheint er zu sagen. Ich konnte aber nicht weiter grübeln, weil ich sehr beschäftigt war mit all den Dingen um mich herum: links war ein Mann auf einem großen Silo-Haufen, der dort ein Netz ausgelegt und mit Reifen beschwert hat, rechts waren Kinder auf einem Spielplatz und ein Stück weiter kam dann links ein Hof mit Rindern und allerhand Zeug was da so rumliegt. Da habe ich Diego ins Visier genommen und gedacht „zur Not renne ich ein Stück bis zu ihm, der scheint sich ja sicher zu sein“. Aber ich musste nicht rennen, ich konnte ganz gesittet an all den gruseligen Dingen vorbei gehen.

Dann wieder zusammen – links auf die Dorfstraße und den Heimweg angetreten. Als mein Mädchen und ich uns von unserer Extra-Tour erholt hatten, sind wir nochmal munter vorweg getrabt und dann alleine im Schritt weiter. Bisschen Schenkelweichen üben, lauschen ob Diego schon hinterher kommt, ja kam er. Weiter im Schritt. Komisch, die holen uns ja gar nicht ein? Na dann kann ich ja hier nochmal schön was grasen, das passt mir doch ganz gut. Da kommen sie ja! Aber was ist das? Der Mann war sockfuß unterwegs! Den drückten die Schuhe irgendwie. Mein Mädchen hatte Mitleid mit ihm und meinte, Diego könnte ihn doch das Stück nach hause tragen, die Tierärztin hat ja eh gesagt, er soll wieder ins Training kommen. Also ist der Mann auf Diegos Rücken geklettert und hat sich nach hause tragen lassen.

Sockfuß nach hause

Als wir am Hof ankamen, stand da noch die Papiermülltonne, die war schon geleert und sollte jetzt wieder in die Scheune. Da dachte mein Mädchen sich, eh sie jetzt wieder absteigt und die Tonne neben mir her zieht wie sonst, kann sie sie ja auch mal von oben ziehen. War ein bisschen sportlich, weil sie sich ganz schön runterbeugen musste, dann noch die Tonne ziehen und stabil halten und mich lenken. Der Mann hat ihr dann mit einem Seil ausgeholfen, so ging es etwas leichter. Aber das Beste kommt noch: Der Mann war beeindruckt von mir! Und das ist wirklich richtig selten. Der ist nicht leicht zu beeindrucken. Aber die Nummer mit der Mülltonne fand er spektakulär.

Ich bin also wieder der beste, größte, schönste und erwachsenste Schotte unter der Sonne (und mein Mädchen fürchtet sich schon davor, dass mein Selbstbewusstsein leicht gestiegen sein könnte).

Euer großartiger Sir Duncan Dhu of Nakel

Spieglein Spieglein

Ich war mit meiner Schülerin ein zweites Mal im Dorf um Autos zu üben. Diesmal war ich besser gewappnet und nicht bereit, die Autos im 20cm Abstand am Pferd vorbei sausen zu lassen. Ich hatte also meine Warnweste an und habe meinen üblichen Trick angewandt: das Pferd geht auf dem Bürgersteig (jaja, verboten, ich weiß) und ich gehe auf der Straße – ja, auch verboten, ganz bestimmt. Aber das ist mir echt egal, wenn es für uns alle sicherer ist. Und das ist es, denn die Erfahrung zeigt, dass die Autos für einen Menschen sehr viel eher bremsen und Abstand halten als für ein Pferd (und auch für einen Menschen auf einem Pferd, weil der irgendwie kein Mensch mehr zu sein scheint). Ich sorge dann für viel Platz zwischen mir und dem Pferd, so dass ich nicht von einem kleinen Satz direkt vors Auto geschubst werde. Ok, trotzdem hält niemand 1,5m Abstand, aber immerhin fahren die Autos doch langsamer und die Fahrer*innen passen besser auf (Achtung böses Gendersternchen!). Das Bild in meinem Kopf ist: ich beschütze die anderen Verkehrsteilnehmer vor dem Pferd. Dieses Bild macht eine bessere Ausstrahlung als „halt gefälligst Abstand du (hier beliebiges Schimpfwort einfügen)“. Und ich mache Platz, wo immer sich eine Möglichkeit bietet, aber eben auch nur da.

Ich habe gut zu tun, denn das Pony das ich am Strick habe, möchte irgendwo hin glotzen, neben mir ist Autoverkehr und dann kommt noch eine Brücke, zwei Gullideckel, ein Trecker und zwei Aldi-LKW. Das Pony ist artig, aber eben nur, weil ich ihn manage, seine Aufmerksamkeit immer wieder umlenke, damit er ALLES wahrnimmt und nicht nur das, woran er sich festglotzt. Nebenbei plane ich noch unseren Weg voraus: hier können wir dem Trecker ausweichen, hier können wir einmal abbiegen und Pause machen, hier müssen wir Gullis und die Brücke üben, sobald mal kein Auto mehr kommt. Es läuft gut, die Besitzerin ist selig.

Tags darauf schickt sie mir eine Nachricht, dass es bei ihr wieder nicht geklappt hat, das Pony hatte beim Ausreiten einen kleinen Ausraster wegen EINES Autos (im Dorf ist sie alleine nicht unterwegs). Stellt sich raus: sie hatte den Eindruck gewonnen, ihr Pony hätte gar kein Problem, sondern nur sie selbst. Weil ich so gelassen und entspannt gewirkt habe, meinte sie nun, wenn sie selbst entspannt bleibt, ist ihr Pony völlig unproblematisch.

Äh…. nein.

Ich erzähle Arnulf davon und plötzlich fällt mir auf: Das ist ja eine prima Geschäfts-Masche. Wenn ich den Leuten also erzähle, es läge ja nur an ihnen, dann kann ich die Menschen coachen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag und ihnen immer die Schuld dafür geben, dass es nicht besser wird, anstatt Arbeit in die Ausbildung des Pferdes zu stecken. Wenn ich den Menschen nicht verrate, wie ich das hingekriegt habe, kann ich mich selbst als „Guru“ hinstellen und behaupten, es läge an meiner Atemtechnik und inneren Einstellung. Das hat dann einen schönen Hauch von geheimnisvoll und ist gut für mein Image.

Abends möchte ich mir ein Webinar anschauen. Und plötzlich kommt direkt am Anfang schon dieser Satz „die Pferde spiegeln euch“ (jein) „und wenn ihr selbst gelassen und entspannt seid, wird euer Pferd euch auch vertrauen und überall hin folgen“. Ich klappe den Laptop zu – nein danke. Unsere Herde hier zu hause hat mich diesbezüglich eines Besseren belehrt. Pferde sind Individuen mit einer eigenen Persönlichkeit und eigener Lebenserfahrung. Im Gegensatz zu einem handelsüblichen Spiegel haben sie außerdem das dringende Bedürfnis, zu überleben. Und sie legen ihr Leben nicht einfach in die Hände eines anderen Lebewesens und sagen „passt schon“. Ich meine: wer tut sowas? Selbst wir Menschen tun das unter den extrem kontrollierten Bedingungen einer modernen OP nur sehr ungern. Warum sollte ein Beutetier so etwas tun? Und genau das ist auch meine Beobachtung hier in unserer Herde. Egal, wie gelassen Diego reagiert, die anderen regen sich gelegentlich trotzdem auf. Ja, er gibt Halt und Sicherheit, aber er entscheidet nicht allein, ob etwas gefährlich ist. Gefahren werden von jedem einzelnen Individuum unterschiedlich eingeschätzt, so ist das nunmal. Und vielleicht können wir aufhören, unsere Pferde als seelenlose Spiegel unserer selbst zu sehen, das ist ein dermaßen egozentrisches Weltbild, da graut mir. Wenn ich nur perfekt reite, perfekt sitze, perfekt atme, dann ist mein Pferd auch gleich perfekt.

Ich bleibe dabei: ich bilde lieber die Pferde so gut und solide aus, dass der Mensch nicht perfekt sein muss, denn das wird er – genau wie das Pferd – nie sein. Und ich bilde den Menschen so aus, dass er sein Pferd lesen und verstehen kann, um es dann hilfreich unterstützen zu können. Im Idealfall gelingt es mir, den Menschen so auszubilden, dass der sein Pferd selbst ausbilden kann. Ich wünsche mir einen Menschen, der sein Pferd so sehen kann wie es gerade ist, anstatt jede Regung des Pferdes auf sich selbst zu beziehen. Klar: je gelassener und angstfreier dieser Mensch ist, desto besser wird alles gelingen. Und ein sehr ängstlicher Mensch kann natürlich keine Entscheidungen mehr treffen und keine Führung übernehmen. Also ja, lasst euch coachen, therapieren oder sonstwie unterstützen. Aber lasst euch nicht erzählen, dass das ein angemessener Ersatz für die Ausbildung eures Pferdes ist und dass alles gut sein wird sobald ihr perfekt seid (das wäre ja dann nie). Man kann auch in Situationen, die einem etwas (nicht zu viel) Angst einflößen, noch Verantwortung übernehmen und handlungsfähig bleiben. Auch unter Stress kann man noch den Weg planen, die Umwelt im Blick behalten, klare Signale geben und Prioritäten setzen. Ich bin selten wirklich so gelassen wie ich aussehe, und es hilft mir und meinem Pferd, wenn ich dann ein bisschen so tue als ob. Mein Pferd wird nach und nach die Erfahrung machen, dass es Sinn macht, mit mir in Kommunikation zu bleiben, selbst wenn wir beide Angst haben. Dass ich gute Ideen habe um das Problem zu lösen und nicht so tue als gäbe es kein Problem. Und Gelegentlich wird der Mensch sich vor etwas fürchten, was das Pferd völlig harmlos findet. Vielleicht denkt das Pferd dann „naja, so ein Mensch ist eben auch nur ein Pferd“.

Wenn ihr unbedingt einen Spiegel haben wollt, dann fragt ihn was intelligentes, zum Beispiel „Spieglein Spieglein an der Wand, wie geht es dem Pferd an meiner Hand?“ Mit der Antwort kann man dann wenigstens was sinnvolles anfangen.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 559

Juhuu, Ausfluuuuug! Huch, hier waren wir ja noch nie? Wo sind wir? Egal, lass mal losmarschieren, dann werden wir es schon heraus finden! Ach so erst noch checken, ob das Auto abgeschlossen ist. Ok jetzt aber, ja?

Auto abgeschlossen? Können wir endlich los?

Da war ein schöner Weg, der lag voller nasser, rutschiger Blätter und als es ein Stück steil bergab ging, wurde meinem Mädchen schon wieder ganz komisch zumute. Ob ich wohl rutschen könnte? Ob sie wohl besser absteigen sollte? Der Mann meinte, sie solle mal auf mich vertrauen, ich kann das. Und da hat er natürlich recht. Hab schließlich Allhuf-Antrieb! Und mit rutschigem Boden kenne ich mich von klein auf gut aus. Dann ging es wieder bergauf, nochmal bergab, nochmal bergauf. Nach 1,7km waren wir schon am Ziel: ein See! Der war richtig groß und ganz still.

Mein Mädchen wollte bisschen Wasser mit mir üben und auch üben, dass sie mich von oben durch Dinge steuern kann die ich gruselig finde. Diego und der Mann haben sich also im Hintergrund gehalten, während ich mich Schritt für Schritt ins Wasser gewagt habe. Das war nicht schwer und es gab Apfelstücke dafür. Bisschen geplanscht hab ich auch, aber ich mag das nicht so wenn es spritzt. Bisschen rein und raus geritten, dann ist der Mann kurz auf Diegos Rücken geklettert (weil er keine nassen Füße kriegen wollte) und ist auch nochmal rein geritten.

Und dann war es das auch schon und wir sind zur Wackelkiste zurück. Was denn, jetzt schon? Schade. Mein Mädchen sagt, wir sind nächste Woche zu einem besonderen Ausritt verabredet, bis dahin muss ich mich gedulden, aber sie versucht, mich bei Laune zu halten. Ja bitte! Ich hab nämlich schon wieder dezenten Energieüberschuss. Diego war indes sehr warm, der muss dringend wieder unter den Entpelzer. Bei mir war mein Mädchen ja schon dran, aber bei ihm ist alles entpelzte schon wieder nachgewachsen. Nur muss man ja trocken sein zum Entpelzen und das war die letzten Tage …. schwierig.

Kaum waren wir zu hause, klingelte das Telefon von meinem Mädchen. Da hat Diego aber dumm aus der Wäsche geguckt, er sollte nämlich sofort nochmal in die Wackelkiste rein, aus der er ja nun erst vor kurzem ausgestiegen war! Er sollte nämlich nochmal zum Tierarzt und Blut abgeben. Und eigentlich hätten die beiden Sachen – See und Tierarzt – zusammengehört. Wurde aber nix, wegen Terminverpeilung. Jetzt musste Diego also nochmal los, der war ganz grummelig, aber er ist ja so artig. Die Tierärztin hat auch nochmal sein Bein abgetastet und gesagt, Diego soll unbedingt wieder richtig anfangen zu trainieren. Keine Ausreden mehr! Und das Blutbild dient nur der Beruhigung strapazierter Menschen-Nerven.

Abends hat mein Mädchen mich dann nochmal geholt – wegen dem Energieüberschuss. Ich durfte in der Halle noch über hochgelegte Stangen gehen und schnellen Schritt üben. Sie hat mich so gefeiert, weil ich so ein toller Kerl bin und wieder alles richtig gemacht habe! Ich wäre danach gerne noch ne Runde wippen gegangen, aber mein Mädchen meinte, es reicht (ihr) jetzt.

Euer Seepferdchen Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 558

Sonntagsausflug ist mal wieder ausgefallen. Menno. Dafür war aber die Pferdewaage da. Mein Mädchen hat mich vorher extra nochmal etwas entpelzt, damit ich ein bisschen leichter bin, was für ein schlauer Trick! (Sie hat gesagt, sie macht das, damit mir nicht immer so warm ist. Na klar…. )

Jedes Gramm zählt…

Sie hat gedacht, ich würde 420kg wiegen, aber als dann vor mir schon Diego und Gatsby auf der Waage standen und beide sehr schlank waren, hat sie gedacht, es sind vielleicht doch nur 410kg. Naja, die Wahrheit lag dann ziemlich genau in der Mitte: 416kg wiege ich. Mein Mädchen sagt, das ist ok, vor allem wenn man bedenkt, dass ich den ganzen Sommer jede Nacht auf die Weide durfte. Ein paar Kg weniger würde sie besser finden, aber kein Grund, sich aufzuregen. Alle anderen hingegen – besonders Merlin und Diego – findet sie so schlank, dass die Rationen jetzt erhöht werden. Das sollte mir mal passieren….

Jedesmal wenn einer von uns auf die Waage marschiert ist (wie die Vollprofis können wir das ja), mussten die Menschen schätzen, was wir wiegen. Und bei Caruso, der als letzter dran war, war es dann so weit: mein Mädchen hat ihn aufs Kilo genau richtig geschätzt! Exakt 150kg wiegt er (genau wie beim letzten Termin). Und weil sie so gut geschätzt hat, musste sie für ihn dann tatsächlich auch nur die Hälfte bezahlen! Das war ja nett.

Exakt geschätzt!

Danach mussten die Menschen was arbeiten, deswegen war keine Zeit für einen Ausflug. Aber abends kam mein Mädchen noch zum wippen und war ganz begeistert, wie toll ich das kann! Demnächst wollen wir das ja mal filmen, weil sie sich noch einen Profi-Rat holen möchte ob das alles wohl so richtig ist, wie wir das machen.

Spätestens für morgen hat sie einen Ausflug versprochen, bin gespannt!

Euer frisch abgewogener Sir Duncan Dhu of Nakel

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 557

Jetzt ist die schönste Zeit zum ausreiten, findet mein Mädchen. Nur dass wir leider nicht ausreiten gehen. Erst hat sie keine Zeit, dann keinen Ausreitkumpel. Aber es gibt doch welche, die auch finden, dass eine schöne Zeit zum reiten ist: die Feen! Die knoten wieder fleißig meine Mähne, damit sie Halt darin finden und dann flitzen wir heimlich gemeinsam durch die Gegend wenn keiner guckt. Mein Mädchen weiß, dass man die Knoten nicht gleich raus machen soll, weil die Feen sonst sauer werden, aber als es immer doller wurde mit meiner Mähne, hat sie sie doch raus gemacht. Die Feen hat das nicht beeindruckt, die haben einfach gleich wieder geknotet. Mein Mädchen hat das wieder raus gemacht, die Feen wieder geknotet. Dann wurde es meinem Mädchen zu bunt und sie hat mir einen Zopf geflochten. Sie findet, da können die Feen sich doch auch guten Halt finden. Ich habe dann rausgefunden, wofür so ein Zopf noch gut ist: Isolation! Und zwar gegen den Stromzaun. Das habe ich dann in der Nacht auch gleich mal ausgenutzt. Wir dürfen ja immer noch nachts auf die Weide, aber uns wird immer nur ein kleines Stück neu zugesteckt. Das war mir jetzt echt zu wenig und ich habe mir überlegt, dass ich das mal etwas erweitern könnte. Habe den Zaun kurzerhand beiseite geräumt und meine Kumpel auf ein Festmal eingeladen. Als der Mann morgens im Dunkeln kam um uns rein zu holen, musste er uns erst mal suchen gehen…. Mein Mädchen hat sich natürlich gleich wieder Sorgen gemacht, dass ich jetzt Bauchweh kriegen könnte von so viel Futter. Klar, Gras bin ich ja den ganzen Sommer gewöhnt, aber sie meinte, es könnte einfach von der Menge her zu viel gewesen sein. Da sie arbeiten musste, hat sie den Mann beauftragt, mich stramm im Auge zu behalten und das hat der dann auch getan.

Der Mann bekommt immer eine To-Do-Liste an diesen Samstagen, weil er uns dann versorgen muss, während mein Mädchen Geld verdient. Ich habe ja auch immer meine eigene To-Do-Liste. Beim Mann steht dann „Ponys füttern“, bei mir entsprechend „zweites Frühstück einnehmen“.

2. Frühstück

Beim Mann stand „Eicheln harken“ bei mir stand „nach übersehenen Eicheln suchen“.

Auf zur Eichelsuche

Beim Mann stand „Äppel sammeln“ bei mir stand „Aufsicht über die Reinigungsarbeiten“. Und ich habe mir dann gleich noch ein paar Kekse geben lassen, damit ich ihn nicht wegen Schludrigkeit verpfeife (er macht das wirklich ordentlich, aber so eine schöne Möglichkeit kann ich mir doch nicht entgehen lassen!).

Keks! Sonst behaupte ich, du hättest geschludert!

Ich habe dann auch noch nach runtergefallenen Äpfeln gesucht und ein Nickerchen in der Sonne eingelegt. Ratzfatz ist so ein Tag dann auch schon wieder rum!

Abends hat mein Mädchen dann den Weidezaun inspiziert und festgestellt, dass es gar nicht an meinem Zopf lag, sondern am Zaun. Der ist nämlich ein einer Stelle schon ziemlich alt und leitet da einfach gar nicht mehr, so dass gar kein Strom drauf war. Leider konnte sie das Problem beheben, so dass jetzt wieder Schluss ist mit Weide selbst weiterstecken. Schade aber auch!

Euer Sir Duncan Dhu mit der vollen To-Do-Liste

Gedanken einer Reitlehrerin

Der Unterrichtstag beginnt mit einem Pferd, das eine kleine Schwellung am Bein hat und deswegen nur Schritt gehen soll. Wir üben also Handarbeit und gehen dort noch einmal zurück zur Basis: Gebisshilfen erklären. Gutes Timing ist gefragt und meine Schülerin hat schnell erste Erfolge. Dann fragt sie mich zu einem anderen Pferd um Rat und schon habe ich 5 Minuten Verspätung, weil wir noch kurz über das dortige Problem sprechen (auch hier liegt die Lösung in Basis-Arbeit).

Die zweite Schülerin wartet derweil schon auf dem Reitplatz. Ihr älterer Warmblutwallach ist etwas abgestumpft gegenüber treibenden Hilfen, alles ist sehr zäh. Wir arbeiten daran, dass er mit dem inneren Hinterbein auf eine einseitige Schenkelhilfe etwas übertritt, nach einer Weile klappt das dann auch ganz gut, aber es fühlt sich für mich etwas mühsam an. Wir arbeiten erst das dritte Mal zusammen und es gibt so viele Dinge, die ich für die beiden gern verbessern möchte! Dann neige ich dazu, zu viele Anweisungen zu geben, was leider immer wieder dazu führt, dass die Reiterinnen überfordert sind und bis zum nächsten Mal die Hälfte wieder vergessen (verstehe ich gut, geht mir ganz genauso!). Ich erinnere mich selbst also immer wieder daran: weniger ist mehr, arbeite nur an einem Thema zur Zeit. Schlechte Gewohnheiten abzulegen ist harte Arbeit und erfordet häufige Wiederholung, da sind Reiter eben auch nur Menschen.

Schülerin Nummer drei ist heute selbst nicht da, ich arbeite allein mit ihrem Pferd. Der Wallach hat leider ein paar körperliche Probleme, von denen noch nicht wirklich klar ist, wo sie eigentlich her kommen. In letzter Zeit war er sehr steif, daher entschließe ich mich, auch mit ihm vorsichtige, lösende Handarbeit zu machen und fange auch bei ihm an der Basis an: Gebisshilfen erklären. Der Wallach bemüht sich sichtlich, aber ich kann auch merken, wie schwer ihm zur Zeit alles fällt. Es macht mich traurig, den netten Kerl so zu sehen und ich wünschte, ich könnte ihm helfen. Seine Besitzerin wird das natürlich tun, sie ist schon auf der Suche nach dem richtigen Profi, aber ich fühle mich machtlos. Das ist sicher der Moment, in dem viele Reitlehrerinnen anfangen, Fortbildungen zu buchen und ihr Repertoire zu erweitern in Richtung Gesundheit. Ich denke kurz darüber nach, aber ich weiß: das Grundproblem wird bleiben. Denn mein Grundproblem ist, dass ich niemals alle Probleme werde lösen können, die die Pferde in meinem Kundenkreis haben. Selbst wenn ich Tierärztin, Sattlerin, Hufschmiedin, Physiotherapeutin, Fütterungsberaterin und Geistheilerin werden würde – abgesehen davon, dass ich dann nichts davon jemals richtig gut können würde, liegt es immer in den Händen der Besitzerin, welche Behandlung ein Pferd bekommt und selbst bei der besten Behandlung ist nicht jedes Problem vollständig lösbar. Oft sind die Probleme ja auch der Haltung geschuldet und den perfekten Stall gibt es eben auch nicht so wahnsinnig oft. Ich entscheide mich also, meinen Job so gut wie möglich zu machen, anstatt mich im Dschungel der Möglichkeiten zu verlaufen.

Die nächste Schülerin hat ein besonderes Problem: Ihr Wallach kommt mit einer neuen Stute in seiner Herde nicht klar. Die Pferde sind im Moment getrennt, sie möchte mit mir Möglichkeiten besprechen und Ideen aushecken. Wir wandern, jede ein Pferd am Strick, durch Paddock und Offenstall, damit die beiden Streithähne etwas friedliche Zeit miteinander verbringen. Dann, an der Heuraufe, schlage ich vor, ob die Heuraufe nicht von beiden Seiten genutzt werden könnte, so dass die Pferde zwar getrennt bleiben, aber gemeinsam fressen.

Als nächstes sehe ich wieder das Pferd, das heute nur Schritt gehen darf, diesmal mit seiner zweiten Reitbeteiligung. Mit ihr erarbeite ich beim Reiten, was ich mit der anderen vom Boden angefangen habe. Meine Schülerin zeigt mir, wie gut das Pferd mit dem Gebiss klar kommt, solange sie selbst mental total offen und entspannt ist. Das sensible Tier geht gegen die Hilfe, sobald die Reiterin nicht ganz in ihrer Mitte ruht. Ich finde das genauso faszinierend wie sie, merke aber an, dass sie eventuell auch mal nicht ganz zentriert sein wird, wenn gerade der Trecker von vorne kommt und ich es deswegen angemessen finde, dem Pferd beizubringen, dass auch eine etwas mechanische (trotzdem ja feine!) Hilfe akzeptabel ist. Sie stimmt mir zu und wir üben das gemeinsam. Im Anschluss darf ihre Tochter noch kurz aufs Pferd, sie übt 10 Minuten lenken, während ich viel Strecke rückwärts über die unebene Wiese vor dem Pferd her gehe (nein, das ist fast gar nicht anstrengend….)

Dann fahre ich weiter zu meiner letzten Schülerin für heute. Wir machen eine gute Unterrichtsstunde, in der sie ihre erste Galopp-Traversale schafft (nicht elegant, aber immerhin einen Ansatz, mit dem sie selbst gar nicht gerechnet hätte). Ich komme seit vielen Jahren hier her, das ursprüngliche Problem war, dass das Pferd im Galopp buckelte. Daran erinnere ich mich gern, wenn ich das Gefühl habe, nichts bewirken zu können, denn diese beiden sind inzwischen ganz schön weit gekommen. Es ist eben ein langsamer Prozess, aber wenn alle Beteiligten dran bleiben, dann können schon tolle Dinge entstehen, auch – wie in diesem Fall – auf der Wiese hinterm Haus! Im Anschluss machen wir eine zweite Einheit, in der wir mit ihren beiden Ponys ins Dorf wandern, um ein Auto-Problem zu lösen. Als wir mit den zwei Ponys an der Dorfstraße stehen, haben wir Glück: es kommen so ziemlich alle Fahrzeuge, denen man so begegnen kann. Der Linienbus fährt freundlich langsam, der Reisebus hingegen zischt an uns vorbei. Auch fast alle Autos fahren ungebremst und ohne Abstand an uns vorüber, selbst als ich schon mit meinen Füßen auf der Straße stehe, fährt man so dicht an mir vorbei, dass ich mit ausgestrecktem Arm den Außenspiegel wegklappen könnte. Sogar der Motorradfahrer, von dem man meinen möchte, dass er auch mal kurz an seine eigene Sicherheit denkt, kommt nicht auf die Idee, einen kleinen Schlenker zu fahren oder gar das Tempo zu drosseln. Ich bin – wie immer – fassungslos und traurig. Meine Schülerin sagt sehr treffend „die Leute sagen, wenn du mit dem Pferd an der Straße unterwegs sein willst, muss er halt straßensicher sein. Aber wie soll er denn straßensicher WERDEN?“ Recht hat sie, unter den heutigen Bedingungen ist das nicht so einfach. Und auch das straßensicherste Pferd kann sich vor etwas anderem erschrecken und einen Satz zur Seite machen, deswegen sollten Verkehrsteilnehmer ja eigentlich mindestens 1,5m Abstand halten und das Tempo deutlich drosseln…. aber das bleibt auch heute wieder reine Theorie. Selbst der Rettungswagen geht nicht vom Gas. Die gute Nachricht ist: ihr Pony hat gar keine Angst vor Fahrzeugen. Er hat ein anderes Problem, er glotzt sich an Sachen fest, steigert sich rein und erschreckt dann vor einer Kleinigkeit, die ihn normalerweise gar nicht gestört hätte. Wir besprechen ihre Übungsmöglichkeiten.

Ich steige ins Auto und fühle mich ausgepowert. Ich brauche dringend eine große Tasse Tee und etwas Ruhe. Obwohl der Tag nicht schlecht lief, fühle ich mich irgendwie immer noch so machtlos: ich kann die gesundheitlichen Probleme der Pferde nicht lösen, ich kann nicht bewirken, dass jedes Pferd eine stabile Herde mit guten Freunden hat, ich kann nicht ändern, dass die Welt außerhalb des Stalls so unglaublich pferdeunfreundlich ist und Menschen meinen, dass ihnen die Straße allein gehört.

Zu hause, in meinem kleinen Paradies, begrüßt mich mein Pony an der Stalltür und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Wir haben großes Glück, hier so wohnen zu dürfen, ich fühle mich extrem privilegiert. Ich trinke Tee und gehe dann mit Duncan auf die Wippe. Er macht das wunderbar, ist sehr mit mir in Kontakt und erinnert sich an alles, was wir die letzten Male geübt haben. Jetzt geht es mir besser. Als ich wieder rein komme, finde ich eine Nachricht auf meinem Handy: die Heuraufe ist jetzt abgezäunt, alle Pferde fressen gemeinsam friedlich daraus, jeder auf seiner Seite des Zauns. Die Schülerin bedankt sich für den guten Tipp, sie hat jetzt Hoffnung, dass das dazu führt, dass die Pferde sich anfreunden können. Ich freue mich und denke, dass ich doch vielleicht hier und da etwas bewirken kann. Am nächsten Tag schreibt mir die andere Schülerin: sie hat „Anti-Glotz-Training“ gemacht und fühlt sich jetzt schon sehr viel sicherer mit ihrem Pony, weil sie endlich einen Ansatzpunkt hat. Der Wallach mit den körperlichen Problemen hat demnächst einen Tierarzt-Termin, bei dem die Möglichkeiten besprochen werden, was zu untersuchen ist.

Die Arbeit müssen sie alle selbst tun, das kann ich niemandem abnehmen. Aber wenn ich immer mal einen kleinen Anstoß geben kann, bewirkt das eben doch etwas. Jetzt bin ich wieder versöhnlich gestimmt und stürze mich guten Mutes auf die nächsten Fragen und Probleme, die an mich heran getragen werden.

Aus dem Tagebuch des Sir Duncan Dhu 556

Gestern haben wir den letzten richtigen Montagsausflug für dieses Jahr gemacht. Weil ihr Menschen am Wochenende wieder die Uhr verstellt und es dann so früh dunkel wird, können wir nicht mehr mit der Wackelkiste wegfahren. Stattdessen werden wir manchmal Freitags mit dem Ausreitkumpel losziehen, aber dann nur von ihm zu hause aus.

Mein Mädchen hatte eine schöne Tour geplant, aber erstmal hat der Wettergott mit Regen gedroht. Warm war es aber trotzdem so dass die Mädchen gerätselt haben, was sie eigentlich anziehen sollen. Uns Ponys stellt sich diese Frage ja in der Regel nicht, wir haben halt unser Fell. Mein Winterfell ist allerdings schon wieder teilweise dem Entpelzer zum Opfer gefallen – und das ist gut so, denn so ein Wintermantel ist bei 17 Grad wirklich zu warm, vor allem beim Sport!

So nun hat mein Mädchen so eine Art magische Fähigkeit  – sie sagt, das hat sie von ihrer Mutter geerbt: wenn sie einen Ausflug macht, ist eigentlich nie schlechtes Wetter! Und so auch gestern  – obwohl viel Regen angesagt war, ist kein einziger Tropfen vom Himmel gefallen (zumindest nicht dort, wo wir unterwegs waren). Und so hatten die Mädchen ihre Jacken alsbald ausgezogen und wir konnten fröhlich loslegen.

Wir haben nochmal knapp 16km in 2 Stunden gemacht, vorbei an der Genießerbank (mein Ausreitkumpel war sich sicher, dass da „Geisterbank“ steht!) und vor allem an den gruseligsten Kühen der Welt! Relativ klein, sehr flauschig und ganz komisch gezeichnet. Eine schwarz und eine braun, beide mit so einem breiten weißen Streifen um den Bauch. Und dann haben die auch noch direkt am Zaun gestanden und so komisch geguckt! Das war uns gar nicht geheuer. Aber mein Ausreitkumpel hat schließlich wagemutig ein paar Schritte vorwärts gemacht, dann bin ich mitgekommen und wir haben das gemeinsam geschafft. Da waren die Mädchen sehr stolz auf uns!

Mein Ausreitkumpel hat ja diese Jahr hart trainiert und er ist ja auch zwei Jahre älter als ich – was der jetzt schön traben kann! Mein Mädchen war hin und weg als sie das gesehen hat. Ich hingegen konnte nicht so schön traben. Ich habe mir wohl am Freitag, als es so doll gekribbelt hat und wir ein bisschen Streit darüber hatten, wie man sich an der Doppellonge benimmt, ein paar Muskeln verzogen und war ganz schön schief. Mir ist das letztlich egal, aber ich kann dann nicht so schön von hinten schieben und komme deswegen nicht so gut voran. Nachdem mein Mädchen das verstanden hatte, hat sie versucht, nebenbei ein paar Lockerungsübungen zu machen und schließlich kam noch ein schönes Stück Strecke zum galoppieren, das macht ja auch so schön locker. Ein schnurgerader Weg und ich bin dann mal losgaloppiert. Und als ich mal in Schwung war, konnte ich ganz leise dieses Kribbeln wieder fühlen. Aber bevor ich dazu kam, dem Gefühl nachzugeben, stand mein Mädchen schon hart auf der Bremse. Menno. Durchparieren, neu angaloppieren. Da fühle ich es aber noch, es kribbelt! Nein nein, anständig sollte ich bleiben. Na gut, ausnahmsweise.

Alsbald danach waren wir dann auch schon wieder auf dem Rückweg und sind noch Richtung Wackelkiste getrabt. Bevor es ans Einsteigen ging, durften wir noch etwas grasen. Dann meinte das Mädchen vom Ausreitkumpel, er könne doch mal zuerst einsteigen. Oh das fand er aber gar nicht lustig! Er kann das prima, aber er fand, wenn ICH noch grasen darf, darf ER das auch und es kommt überhaupt nicht in Frage, dass er schon einsteigt und ich weiterschmause! Da gab es doch noch eine kleine Diskussion, aber schließlich hat er eingesehen, dass er wohl den kürzeren zieht, ist brav eingestiegen und ich dann natürlich auch. Ab nach hause!

Nach dem Ritt kurz was naschen bevor es in die Wackelkiste geht

Ich möchte festhalten: 16km sind für mich nicht mehr viel. Das schaffe ich jetzt – wie der Mann zu sagen pflegt – „auf einer Arschbacke“. Neue Ziele braucht das Pony! Und mein Mädchen hat meine Botschaft gehört: wenn es kribbelt, muss das raus, überleg dir was dafür – sonst überleg ich mir was!

Euer fitter Sir Duncan Dhu of Nakel