Schubladen

Neben uns fliegt ein Fasan hoch – mit dem typischen Schrei. Duncan zuckt zusammen, ich rechne mit einem Sprung zur Seite, aber der bleibt aus. Schon vor ein paar Minuten, als hinter dem Zaun ein unsichtbarer Hund bellte, lief die Szene genauso ab. Und ich sage zu Arnulf „der hat neue Schubladen“.

Normalerweise finden wir „Schubladendenken“ schlecht, tun es aber alle (oft ohne es zu merken). Weil Schubladen uns helfen. Wenn ich zu einer neuen Schülerin komme und die einen Norweger hat, kramt mein Gehirn alle Norweger hervor, die ich je gesehen habe und spuckt Informationen aus. Das sind zunächst „Vorurteile“, die ich dann überprüfen darf. Aber diese „Vorurteile“ können mir helfen, das Pferd schneller einzuschätzen. Sie dürfen nur nicht negativ behaftet sein, sonst geht das nach hinten los. Ich habe aber auch schon erlebt, dass es der Ponybesitzerin hilft, wenn ich sage „fast alle Norweger, die ich kenne, sind so.“ Das nimmt erst mal den Druck, dass der Mensch etwas falsch gemacht hat, dass man da ein riesiges, ungewöhnliches Problem (selbst erzeugt) hat. Erst mal akzeptieren, dass es so ist – auch wenn man vielleicht später etwas daran ändern möchte – kann ja entlasten. So kann Schubladendenken auch helfen.

Auch beim Einschätzen von Gefahren sind solche Schubladen sehr nützlich, besonders wenn man Beutetier ist. Denn wenn Pferde bei jedem knackenden Zweig, jedem Rascheln im Laub, jedem plötzlichen Geräusch die Flucht antreten würden, wären sie alsbald tot. Sie brauchen Zeit zum Essen, Zeit zum Ruhen, Zeit zum wandern. Und natürlich ist die Umgebung voller Geräusche und Gerüche die potentielle Gefahren darstellen. Also muss schnell und effektiv gefiltert werden: Flucht antreten oder nicht?

Bisher war Duncans Entscheidungszeit bei vielen Dingen noch recht lang: erst mal los springen, dann merken dass das nicht gefährlich ist und die Flucht abbrechen. Wenn er Energieüberschuss hat und grundsätzlich angespannter ist, reagiert er natürlich auch intensiver. Jetzt, auf dem Rückweg von unserem Ausritt, ist er entspannt. Und er erprobt seine Schubladen: da schreit ein Vogel, das ist ungefährlich. Da bellt ein unsichtbarer Hund hinterm Zaun: ungefährlich. Und ich beobachte, wie er das lernt. Noch etwas später wird er lernen, vorher zu wissen, dass der Vogel gleich schreit. Ich erschrecke mich nämlich meistens nicht, wenn der Fasan schreit, weil ich ihn unterbewusst vorher schon wahrgenommen habe. Ich wusste nicht, dass es ein Fasan ist, aber ich wusste, dass da was ist, und so kam der auffliegende Vogel nicht überraschend. Diego, der sich eigentlich nie erschreckt, macht es bestimmt genauso. Er zuckt nie zusammen, er kennt die Welt in der wir leben. Erschreckt hat er sich nur, als plötzlich tote Schweine an der Straße vor einem Bauernhof lagen: etwas, womit er nicht gerechnet hat. Da hat auch Diego mal einen ordentlichen Hüpfer zur Seite gemacht.

Duncan hat schon lange Schubladen für Fahrzeuge aller Art, da schreckt ihn gar nichts. Inzwischen hat er auch eine für Wasser unter Brücken: alle Varianten die es hierzulande davon gibt von ganz still und spiegelnd über leise fließend bis zu dumpfem Gurgeln und Glucksen hat er jetzt drauf. Im Moment scheint „auffliegende Vögel“- Saison zu sein, diese Schublade erweitert er jetzt vom Eichelhäher über Rebhuhn bis Fasan. Und Kinderwagen, die hat er anscheinend noch nicht oft genug gesehen, die werden skeptisch beäugt. Neulich, als uns eine Dame mit Kinderwagen entgegen kam, ist Duncan einfach stehen geblieben. Ich hab ihn gelassen. Er hat gewartet, bis das komische Gefährt an uns vorbei war, dann hat er sich einen Keks geben lassen. Erfolg der Aktion: der Kinderwagen 2 Wochen später war deutlich ungruseliger, an dem ist er mit leisem Unbehagen aber ohne weiteren Kommentar vorbei gegangen. Mal sehen was passiert, wenn eines Tages Geräusche aus so einem Wagen kommen…..

Für mich gilt es jetzt, Erfahrungen zu sammeln in wie weit die Schreckhaftigkeit von seiner Stimmung abhängt. Hat er wieder großen Energieüberschuss, dann ist er vielleicht schneller im Fluchtmodus – so wie sein Ausreitkumpel, der Bewegungsmangel mit Hüpferei quittiert. Auch die Fütterung kann den Stresspegel erhöhen – zu viel Zucker in Gras oder Heu, das werde ich nicht immer komplett verhindern können, führt vielleicht zu vermehrter Schreckhaftigkeit (könnte sein, weiß ich noch nicht). Wohingegen beim Ausreitkumpel die Fütterung kleiner Mengen Hafer zu weniger Schreckhaftigkeit führt, also könnte ggf auch das einen Versuch wert sein wenn es mir zu viel vorkommt.

Im Moment denke ich aber, es geht nach wie vor um Lebenserfahrung. Ich vermute auch, dass die Bewertung von Gefahren sich bei Duncan verändert, weil er erwachsener wird. Vielleicht – das ist meine Vermutung – erwartet eine Pferdeherde von einem 2jährigen nicht, dass er Gefahren einschätzt. Die Kleinen verlassen sich dabei ganz auf die Großen und wenn die sagen, das ist ok, dann ist das ok. Wenn die Großen sagen „lauf um dein Leben“ dann läuft man um sein Leben. Aber jetzt ist Duncan 4,5 Jahre alt und ich denke, seine Aufgaben in der Herde verändern sich nach und nach. Von ihm wird jetzt wohl auch erwartet, dass er dazu beiträgt, Situationen einzuschätzen und mit aufzupassen. Und dieser neue Job ist noch ungewohnt.

Als wir vor ein paar Jahren mal mit Finlay und Diego ausreiten waren, hatten wir unseren damals schon alten Hund dabei. Sali lief neben uns her, da kam uns eine Frau mit 4 Hunden entgegen. Ich wollte Sali aufgrund ihres Alters keine Fremdhunde mehr treffen lassen, also stieg ich ab und leinte sie an. Rechts das Pony, links den Hund beobachtete ich, wie die Dame ebenfalls ihre Hunde anleinte (dachte ich). Wenige Sekunden später wurde aber klar, dass nur 2 der 4 Hunde an der Leine waren. Die anderen 2 kamen mit großem Gebell in vollem Tempo auf uns zu gerast. Ich war in Schockstarre, wusste nicht, was ich tun soll. Da marschierte mein wunderbarer Finlay ein Stück an mir vorbei, stellte sich vor mir und Sali quer und schaute die fremden Hunde mit unmissverständlichem Blick an „kommt nur her“. Die Hunde stockten – und drehten ab.

Ich werde diesen Tag nie vergessen. Mein Pony (damals 5 oder 6 Jahre alt) hatte bewiesen, wie hervorragend er eine Situation einschätzen kann. Er wusste, dass ich keine Idee hatte und er war bereit, mich und Sali (die zu seiner Herde gehörte) zu beschützen. Er wusste, wie er es anstellt und er war komplett unaufgeregt dabei. Und das eben nur mit Lebenserfahrung möglich.

Für Hunde hat Duncan übrigens auch Schubladen, aber andere als Finlay. Finlay hat Hunde in „freundlich“ und „unfreundlich“ eingeteilt. Duncan teilt Hunde in „bekannt“ und „unbekannt“ ein. Interessant, das zu sehen – und wichtig zu wissen. Denn zu Duncan kann ich fremde Hunde nicht bedenkenlos hin laufen lassen, das könnte für den Hund durchaus böse enden. Bei Finlay war ich da recht entspannt, so lange der Hund sich nicht in Finlays Augen ungebührlich verhalten hat.

Auch in meinem Kopf entstehen neue Schubladen – für Duncan-Verhaltensweisen. Dieser Blick bedeutet „du nervst“, dieses kleine, schelmische Haschen ist kein Problem, jenes überdrehte Getüdel führt ins Verderben und erfordert Handlung. Langsam, ganz langsam, kenne ich mich besser aus. Jetzt, wo er anscheinend voll im nächsten Pubertätsschub steckt (seufz), kann ich einige dieser Schubladen „testen“ und vielleicht brauche ich noch ein paar neue, wir werden sehen.

Und so stelle ich mir vor, dass in Duncans wie auch in meinem Kopf eines Tages ein paar wunderschöne Kommoden mit vielen Schubladen stehen – jede Schublade in einer anderen Farbe und mit anderem Knopf, damit man sie gut unterscheiden kann. Und plötzlich finde ich Schubladendenken eigentlich echt hilfreich. (Natürlich nur, so lange niemand darunter leidet).

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1 Kommentar

  1. eine frauvorragende Vorlage zu meinen neuen Fragen!
    Wie sind Fjordis denn so? (Dochdoch, mach die Schublade weit auf und lass alles raus.)

    Und was ich eh noch fragen wollte — habe gehört, dass Füchse (also fuchsfarbige Pferde) „schwierig“ sind. Warum denn das? Du hast ja derzeit keinen Fuchs in der Herde, aber vielleicht auch dazu eine Schublade…?

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